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Lady Death: Stalins Scharfschützin - Autobiografie

Lady Death: Stalins Scharfschützin - Autobiografie

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Lady Death: Stalins Scharfschützin - Autobiografie

Länge:
509 Seiten
7 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 2, 2018
ISBN:
9783933708939
Format:
Buch

Beschreibung

Ljudmila Pawlitschenko war eine der erfolgreichsten Scharfschützinnen aller Zeiten. Als Hitler im Juni 1941 in Russland einmarschierte, brach sie ihr Studium ab, um in die Rote Armee einzutreten und ihr Land zu verteidigen. Innerhalb eines Jahres konnte Pawlitschenko 309 bestätigte Abschüsse vorweisen und erwarb sich damit ihren düsteren Spitznamen "Lady Death". Nach ihrem Frontdienst nahm sie an einer diplomatischen Mission in den Westen teil und freundete sich sogar mit Eleanor Roosevelt an, der Frau des amerikanischen Präsidenten.
In ihrer spannenden, persönlichen und mitreißenden Autobiografie kommt die ungewöhnliche Frau selbst zu Wort und berichtet vom Alltag an der Front und den Auswirkungen, die der zweite Weltkrieg auf ihr Leben und die ganze Welt hatte.
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 2, 2018
ISBN:
9783933708939
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Lady Death - Ljudmila Pawlitschenko

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2018

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel Я – снайпер bei Veche, Moskau, und 2018 in der englischen Übersetzung bei Greenhill Books, Barnsley.

© des russischen Textes: Alla Igorevna Begunova, 2015

© der englischen Übersetzung: Greenhill Books, Barnsley

© des Vorwortes: Martin Pegler, 2018.

© 2018 Edition Förg GmbH, Rosenheim

www.rosenheimer.com

Übersetzung aus dem Englischen: Edition Förg GmbH, Rosenheim

Titelfoto: © Histoire & Collection

Lektorat und Satz: Dr. Helmut Neuberger, Ostermünchen

eISBN 978-3-933708-93-9 (epub)

Worum geht es im Buch?

Ljudmila Pawlitschenko

Lady Death

Ljudmila Pawlitschenko war eine der erfolgreichsten Scharfschützinnen aller Zeiten. Als Hitler im Juni 1941 in Russland einmarschierte, brach sie ihr Studium ab, um in die Rote Armee einzutreten und ihr Land zu verteidigen. Innerhalb eines Jahres konnte Pawlitschenko 309 bestätigte Abschüsse vorweisen und erwarb sich damit ihren düsteren Spitznamen »Lady Death«. Nach ihrem Frontdienst nahm sie an einer diplomatischen Mission in den Westen teil und freundete sich sogar mit Eleanor Roosevelt an, der Frau des amerikanischen Präsidenten.

In ihrer spannenden, persönlichen und mitreißenden Autobiografie kommt die ungewöhnliche Frau selbst zu Wort und berichtet vom Alltag an der Front und den Auswirkungen, die der zweite Weltkrieg auf ihr Leben und die ganze Welt hatte.

Inhalt

Vorwort von Martin Pegler

Vorwort zur russischen Ausgabe

Zwischen Fabrikwänden

Wenn es Krieg gibt

Vom Pruth zum Dnister

Fronten aus Feuer

Die Schlacht von Tatarka

Über das Meer

Legendäres Sewastopol

Waldwege

Der zweite Angriff

Duell

Auf der Anhöhe ohne Namen

Der Frühling 1942

Ein Wort vom Armeekommandeur

Sterne über Moskau

Mission nach Washington

Meine Liebe

Insel im Ozean

»Genosse Stalin hat uns befohlen …«

Ich bin im Abseits!

Vorwort von Martin Pegler

Auf dem Gebiet der Literatur über den Zweiten Weltkrieg ist dieser Bericht einzigartig, denn es ist der erste, der jemals von einer Frau geschrieben wurde, die selbst als Scharfschützin an der Front eingesetzt war. Ljudmila Michailowna Pawlitschenko war aber nicht nur irgendeine Scharfschützin, denn sie gilt mit 309 bestätigten »Abschüssen« als die erfolgreichste Frau am Scharfschützengewehr. Es sei erwähnt, dass Abschüsse nur dann als solche anerkannt waren, wenn sie noch von einem Zweiten beobachtet wurden.

Wie bei den meisten Scharfschützen fanden viele von Pawlitschenkos Abschüssen im Verlauf von feindlichen Angriffen statt. Es wäre also weder klug noch machbar gewesen, während des Gefechts innezuhalten und aufzuschreiben, wie viele feindliche Soldaten ausgeschaltet worden sind. Die genaue Zahl ihrer Treffer bleibt deshalb unbekannt, aber um die 500 sind durchaus möglich.

Auf einer anderen Ebene enthalten diese Memoiren einige Klarstellungen und entkräften Unterstellungen, die im Nachhinein gegen Ljudmila Pawlitschenko gerichtet waren. Dabei ging es speziell um die Behauptung, sie sei gar keine Scharfschützin gewesen, sondern nur ein Instrument des Propagandaapparates der Roten Armee. Um der Öffentlichkeit ihre Helden möglichst wirksam zu präsentieren, schufen Sowjets in der Tat zahlreiche Mythen, aber die Geschichten über sie und auch über den Scharfschützen Wasili Grigorjewitsch Saizew entsprechen der Wahrheit.

Pawlitschenkos Schicksal entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Es gibt wenig Zweifel, dass von ihr und ihren Kameraden nicht mehr als ein Name auf einem Kriegerdenkmal geblieben wäre, hätte man sie nicht wegen ihres ungewollten Ruhmes rechtzeitig von der Front abgezogen. Die Lebenserwartung eines Scharfschützen der Roten Armee war normalerweise gering: In Stalingrad überlebten Neulinge im Schnitt gerade zwei Wochen. Doch je mehr Einsätze sie überstanden, desto besser wurden sie und desto höher waren auch ihre Überlebenschancen – wenn auch nur zu einem gewissen Punkt. Denn mit der Häufigkeit der Einsätze steigt die Gefahr, dass Zermürbung, körperliche Erschöpfung und nachlassende Willenskraft ihren Tribut fordern. Das Leben eines Scharfschützen glich in dieser Hinsicht dem eines Kampfpiloten, denn es konnte durch eine einzige Unachtsamkeit beendet werden. Nur wenige bekamen eine zweite Chance.

Nicht, dass Pawlitschenko geahnt hätte, dass sie sich den Namen »Lady Death« verdienen und die höchsten Auszeichnungen der Sowjetunion erhalten würde. Darüber hinaus traf sie Stalin und reiste nach Amerika, Kanada und Europa. Wie für Zehntausende andere junge Russen auch, schien ihr eine Karriere im System der kommunistischen Partei vorherbestimmt. Sie war eine intelligente Frau, also wäre sie vielleicht eine Beamte in einer subalternen Position geworden und hätte sich auf der Karriereleiter der Partei hochgearbeitet. Aber ihre zufällige Einweisung in ein TOZ-8 Gewehr des Kalibers 22 sollte ihr Leben verändern. Außerhalb Russlands größtenteils unbekannt, wurden diese kleinen Einzellader im Land zu Zehntausenden gefertigt und in Schützenvereinen und zur Jagd auf Kleinwild genutzt. Sie waren billig, solide gefertigt, präzise, und sie waren die Waffen, mit denen die meisten Leute in Russland das Schießen lernten. Ljudmila war ein Naturtalent. Sie verfügte über jene Kombination aus Auge-Hand-Koordination, Muskelstabilität, gutem Auge und Geduld, die exzellente Schützen auszeichnet.

Aber es gibt noch eine schwer definierbare Eigenschaft, die nicht jeder gute Schütze besitzt und die einen Scharfschützen von anderen Soldaten abhebt. Es wird oft darüber diskutiert, manche bezeichnen es als angeborenen Jagdinstinkt, wie ihn nicht alle Männer haben und noch weniger Frauen. Andere definieren es als Entschlossenheit, eine fanatische Willenskraft, die weit über die akzeptierte Norm hinausgeht. Ljudmila wurde in ihrem Glauben an ihr Land, seine Politik und die Gerechtigkeit seines Sowjetregimes niemals schwankend, und daraus schöpfte sie ihre Tatkraft, auch unter extremen Bedingungen. Genauso wie den meisten Soldaten der Roten Armee sah sie im Tod für ihr Vaterland ein ehrenvolles Opfer, und vielleicht war das für sie der Grund, trotz zahlreicher Verwundungen weiterzumachen. Schließlich mag sie auch der Wunsch, ihren gefallenen Ehemann zu rächen, angetrieben haben.

Dennoch war Pawlitschenko in vieler Hinsicht nicht die Heldin, nach der die Propagandisten gesucht hatten. Die junge Russin war zwar sicherlich nicht unattraktiv, aber sie hatte den typischen Charakter eines Scharfschützen. Ljudmila war introvertiert und öffentlichkeitsscheu. Sie wollte einfach ihre »Arbeit« tun, und das bedeutete für sie »Faschisten töten«, wie sie lakonisch formulierte.

Es muss auch Scharfschützen gegeben haben, die weniger in sich gekehrt waren, aber sie waren selten und sie überlebten in ihrer Disziplin möglicherweise nicht lange. Als das Interesse an ihrer Person wuchs, stellte Pawlitschenko klar: »Ein Scharfschütze darf keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Verborgen zu bleiben, ist die entscheidende Voraussetzung, um erfolgreich zu operieren.«

Das galt nicht nur für das Schlachtfeld, sondern erklärte auch ihre Abneigung gegen das öffentliche Interesse. Scharfschützen brauchten die Geduld einer Katze, angeborene Gerissenheit und eine Einstellung zu ihrem Beruf, die objektiv betrachtet als Obsession gelten könnte. Um ein Beispiel zu nennen, betrachte man die Anstrengungen, die sie unternahm, um den deutschen Scharfschützen aufzuspüren und zu töten, der sich auf einer Brücke verschanzt hatte. Sie verbrachte Stunden mit vorsichtiger Beobachtung, in denen sie sich in den Gegner hineindachte, wieder und wieder von vorne beginnend und bereit, weiterzumachen, ohne Aussicht auf ein baldiges Ergebnis. Dafür hätte kein durchschnittlicher Soldat das Durchhaltevermögen gehabt.

Vielleicht steht diese Charakterisierung im scheinbaren Widerspruch zu der prominenten Frau, die eine Weltreise unternommen und Präsidenten und Politiker getroffen hat. Aber sie musste das Beste aus der Situation machen, in die sie geraten war. Außerdem darf nicht vergessen werden, dass sie vier Mal verwundet wurde, und jede dieser Verletzungen hatte sicherlich einen nachteiligen Einfluss auf ihren geistigen und körperlichen Zustand.

Das Schlimmste war allerdings, dass sie ihren Ehemann, Leutnant Alexei Arkadjewitsch Kitsenko, den sie erst Wochen zuvor geheiratet hatte, in Sewastopol begraben musste – nur wenige Monate, bevor sie von der Front abgezogen wurde.

Während heute zahlreiche Studien zu Spätfolgen von Kampfeinsätzen bei männlichen Soldaten vorliegen, gibt es nahezu nichts dergleichen zu Frauen, weil so wenige jemals im scharfen Einsatz gedient haben. Deswegen ist es unmöglich einzuschätzen, in welcher psychischen Verfassung sich Ljudmila Pawlitschenko befand, als sie Russland verließ. Es wurde von ihr erwartet, die Rote Armee gegenüber den Westalliierten im bestmöglichen Licht erscheinen zu lassen. Dabei hatte sie Erfahrung weder in der öffentlichen Rede noch im Umgang mit Presse- und Rundfunkreportern. Sie war nie über die Grenzen des abgeschotteten kommunistischen Russlands hinausgekommen, und selbst in Moskau fühlte sie sich wie in einem fremden Land: Als sie nach Europa und Amerika geschickt wurde, muss sie daher unter immensem Druck gestanden haben. Sie musste auch noch jedes Wort auf die Goldwaage legen, denn die Parteifunktionäre registrierten alles, was sie sagte.

Hinzu kam, dass sie die Medien, die sich für sie interessierten, im Grunde verachtete. Besonders erboste sie das fehlende Verständnis für die Realität des Krieges, etwa wenn sie in Amerika von Journalisten nach Details ihrer Uniform gefragt wurde und welches Make-up sie an der Front getragen habe. Manchmal geriet sie in Wut, und einmal warf sie den Zuhörerinnen vor, sich zu lange hinter den Rücken der kämpfenden Männer zu verstecken.

Sie war auch nicht glücklich darüber, wenn man sie bat, ihre Schießkünste unter Beweis zu stellen – sie mochte das schon in Russland nicht und auf ihrer Welttournee noch weniger. Solche Ansinnen wies sie stets zurück, und das provozierte Gerüchte, nach denen sie überhaupt nicht schießen könne. Sie lehnte es ab, wie eine Artistin im Zirkus aufzutreten, schon gar nicht mit Gewehren und Zielfernrohren, die ihr nicht vertraut waren.

An dieser Stelle sollen die Waffen vorgestellt werden, die Pawlitschenko im ihren Erinnerungen immer wieder erwähnt: das Mosin Nagant Modell 1891/30 mit einem Zielfernrohr PE (später ergänzt durch eine modifizierte PEM Variante) und das SWT-40 Halbautomatikgewehr. Das Mosin war ein altes Infanteriegewehr, das bereits 1891 konstruiert worden war. Es hatte eine Lauflänge von 73 cm, ein Kastenmagazin mit fünf Schuss, und es wog 4 kg. Es verschoss 7,63 x 54 mm Randpatronen – an sich ein altes Design, denn die meisten Länder waren bis zum Zweiten Weltkrieg zu randloser Munition übergegangen. Die Mosin Sniper-Variante hatte ein Zielfernrohr vom Typ PE mit vierfacher Vergrößerung, das praktisch eine Kopie des deutschen Zeiss-Modells war. Es war bei gutem Wetter und in der Hand eines sehr guten Schützen auf über 1000 Meter treffsicher. Pawlitschenko bevorzugte diese Waffe, da sie sehr robust war, leicht im Feld repariert werden konnte und gute optische Eigenschaften aufwies. Sie wurden bis in die frühen 1940er-Jahre produziert, bis ein neues Modell mit einem Zielfernrohr PU vorgestellt wurde, eine kleinere, leichtere Variante mit 3,5-facher Vergrößerung.

Im Vergleich dazu war das Tokarew SWT-40 ein modernes halbautomatisches Gewehr. Es verschoss ebenfalls 7,62 x 54 mm Randmunition, aber als Gasdrucklader wies es eine Schnellfeuerfunktion auf, die im Nahkampf sehr nützlich war. Es war ebenfalls mit dem neuen PU-Zielfernrohr ausgestattet, das aber nicht die optische Leistung des PE-Zielfernrohrs aufwies. Aber aufgrund seiner komplizierten Technik wies das SWT nicht die Reichweite oder Präzision des Mosin auf, und 600 Meter wurden als durchschnittliches Maximum für effizientes Scharfschießen angesehen. Es gab auch Probleme mit der Verlässlichkeit und Genauigkeit. Pawlitschenkos Waffe war natürlich besonders präzise gefertigt, aber sie hätte das Modell wahrscheinlich nicht selbst gewählt, auch wenn sie mehrere Situationen erwähnt, in denen sich seine Feuerkraft während Großangriffen als extrem nützlich erwiesen hat. Im Allgemeinen erfüllte das SWT als Scharfschützenwaffe nicht die Erwartungen, und 1942 kam wieder das Mosin als Scharfschützengewehr zum Einsatz.

Auch wenn Pawlitschenko in ihren Memoiren vor allem die denkwürdigeren Scharfschützenmissionen schildert, gelang ihr der Großteil ihrer Abschüsse während den Belagerungen von Odessa und Sewastopol auf relativ kurze Distanz. Das lag zum Teil daran, dass die Wahrscheinlichkeit, einen tödlichen Treffer zu landen, mit der Gefechtsentfernung abnahm. Sie berichtet auch von einer neuen und grausamen Taktik, deutsche Soldaten in den Bauch zu schießen, vor allem aus psychologischen Gründen. Denn diese Art von Verwundung hatte meist einen besonders qualvollen Tod zur Folge.

Daran kann man ermessen, wie brutal die Kämpfe an der Ostfront waren, und es ist durchaus glaubhaft, wenn Pawlitschenko erwähnt, sie würde die letzte Kugel in ihrer Pistole für sich selbst aufheben. Mit einem Scharfschützen, der in Gefangenschaft geriet, wurde für gewöhnlich kurzer Prozess gemacht.

In Pawlitschenkos Autobiografie ist es interessant zu beobachten, wie das Ansehen der Scharfschützen in der russischen Armee im Verlauf des Krieges stieg. Sie wurden von Eliteschützen, die bei einem Angriff gemeinsam mit der Infanterie vorzurücken hatten, zu den meistgeschätzten Spezialisten. Sie konnten daraus sogar Privilegien ableiten. So bekamen sie jede Woche einen freien Tag, ein unerhörtes Zugeständnis, und allein daran lässt sich ermessen, wie wichtig sie in den Augen der Armee waren. Hauptgrund dafür war schlicht ihre Effektivität.

Genau festzustellen, wie viele Deutsche während des Krieges durch russische Scharfschützen getötet wurden, ist unmöglich. Aber die Tatsache, dass die 2000 Scharfschützinnen, die die russische Scharfschützenschule abschlossen, insgesamt 12 000 bestätigte Abschüsse vorzuweisen hatten, wobei die besten zehn für über 4300 verantwortlich waren, vermittelt eine Ahnung von den unfassbaren Zahlen.

Auf die ganze Rote Armee aufgerechnet, gehen die Abschüsse wohl in die Hunderttausende. Im Vergleich zu den Dimensionen, die wir von den Kämpfen in Westeuropa nach 1944 gewohnt sind, in denen der beste englische Scharfschütze 119 bestätigte Abschüsse vorzuweisen hatte, sind solche Zahlen kaum zu fassen. Also ist es nicht verwunderlich, dass der russische Propagandaapparat anfing, sich sehr auf diese neuen Helden zu fokussieren, besonders auf die Frauen. Immerhin war die Rote Armee die einzige, die im Zweiten Weltkrieg weibliche Frontkämpfer einsetzte, und so wurden sie von der Propaganda vor allem in der Zeit der verheerenden Niederlagen als Symbole sowjetischer Kampfkraft bejubelt, während auf deutscher Seite die Nazi-Propaganda über die barbarischen »Flintenweiber« schäumte.

Pawlitschenko wurde eine der meistausgezeichneten Frauen, die in der Roten Armee dienten. Sie erhielt zweimal den Leninorden und den Ehrentitel einer »Heldin der Sowjetunion«. Nach dem Krieg blieb sie in der Armee und wurde Historikerin im Forschungsinstitut der sowjetischen Marine, die sie 1953 im Rang eines Majors verließ. Auch ihr Prominentenstatus blieb erhalten, denn in der Nachkriegszeit wuchs das Interesse am Scharfschießen.

Aber wie viele Veteranen zahlte Pawlitschenko einen hohen Preis in Gestalt körperlicher Spätfolgen und seelischer Traumatisierung. Nach dem Krieg kämpfte sie ihr Leben lang mit Alkoholproblemen und verlor infolge der Kopfverletzungen das Gehör. Pawlitschenko heiratete nicht noch einmal. Sie starb im Oktober 1974 im Alter von 58 Jahren und wurde mit militärischen Ehren auf dem Nowodewitschi-Friedhof in Moskau beerdigt – 1500 km und ein Leben entfernt von ihrem geliebten Alexei.

Vorwort zur russischen Ausgabe

Die »Heldin der Sowjetunion«, Ljudmila Michailowna Pawlitschenko, hat allein 309 feindliche Soldaten und Offiziere erschossen und ist damit die erfolgreichste Scharfschützin überhaupt. Sie hat unter den Kämpfern des Zweiten Weltkrieges Rang und Namen und ist nicht nur in Russland, sondern auf der ganzen Welt bekannt. Zwischen 1942 und 1945 wurden über 100 000 Flugblätter mit ihrem Portrait – sie war eine gut aussehende Frau – und der Aufforderung gedruckt: »Erschieß den Feind und verfehle ihn nicht!« Nach ihrem Tod 1974 wurde ein staatlicher Fischtrawler Ljudmila Pawlitschenko getauft, außerdem trägt die Schule Nr. 3 in Belaja Zerkow bei Kiew ihren Namen. Diese besuchte sie von der ersten bis zur siebten Klasse. Auch eine Straße im Zentrum von Sewastopol wurde nach ihr benannt.

Diese vollständige und authentische Autobiografie liest sich wie ein packender Roman. Sie enthält tragische Seiten, denn nachdem sie am 26. Juni 1941 in die Rote Armee eingetreten war und im 54. Schützenregiment diente, machte sie den verlustreichen Rückzug von der westlichen Grenze bis Odessa mit. Doch im Zuge der Verteidigung dieser Stadt tötete sie in zwei Monaten 187 Deutsche. Die Belagerung von Sewastopol brachte der besten Scharfschützin der 25. Tschapajew-Gardeschützendivision weiteren Ruhm ein, als die Zahl ihrer erfolgreichen Abschüsse auf 309 stieg. Aber die Autobiografie enthält auch private Seiten, denn im Krieg traf Ljudmila die Liebe ihres Lebens. Ein Leutnant ihres eigenen Regiments, Alexei Arkadjewitsch Kitsenko, wurde ihr Ehemann.

Auf Stalins Befehl hin flog eine Delegation des Komsomol, bestehend aus Nikolai Krassawtschenko, Wladimir Pechelinzew und Ljudmila Pawlitschenko, im August 1942 in die USA, um an einem internationalen Studentenkongress teilzunehmen. Sie hatten den Auftrag, für die schnelle Eröffnung einer zweiten Front in Westeuropa zu werben.

Obwohl es verboten war, führte Pawlitschenko ein Kriegstagebuch. Sie machte aber nur hin und wieder sehr kurze Notizen. Ein Scharfschütze konnte nicht einfach jeden Tag den Stift zur Hand nehmen. Die Kämpfe bei Sewastopol waren besonders hart und unablässig.

Nachdem sie 1953 im Rang eines Majors der sowjetischen Küstenwache in den Ruhestand ging, erinnerte sich Ljudmila an ihre Aufzeichnungen von der Front. Als ausgebildete Historikerin erarbeitete sie ihre Memoiren sehr fachgerecht und forschte in Bibliotheken und Archiven, bevor sie ihre Autobiografie veröffentlichte. 1958 bekam sie von einem staatlichen Propagandaverlag den Auftrag, eine 72-seitige Studie mit Tatsachenberichten zu schreiben, die den Titel »Die heroische Vergangenheit: die Verteidigung von Sewastopol« trug. Sie verfasste auch einige Artikel für unterschiedliche Anthologien und Zeitschriften. Diese waren jedoch keine Erinnerungen an ihre Dienstzeit als Scharfschützin, sondern eher allgemeine Erzählungen von den Ereignissen, die sich sowohl an als auch hinter der Front von Sewastopol zwischen Oktober 1941 und Juli 1942 abgespielt hatten.

Infolge dieser Veröffentlichungen wurde Pawlitschenko 1964 als Mitglied der Vereinigung der Journalisten in der UDSSR angenommen und Sekretärin der Militärgeschichtlichen Abteilung in der Moskauer Division. Sie pflegte enge Kontakte mit schreibenden Kollegen und hatte unter anderem die Aufgabe, die nächste Generation im Sinne einer patriotischen militärischen Pflichterfüllung zu erziehen. Ein Buch aus der Feder eines erfahrenen Unteroffiziers, der eine Einheit von »Super-Scharfschützen« kommandierte und authentische Berichte vom Infanteriedienst beitragen konnte, mochte hierfür nützlich sein. Ende der 1960er-Jahre wurde auch in der UdSSR der Zweite Weltkrieg literarisch aufgearbeitet. Dabei wurden nicht nur die Aufzeichnungen bedeutender Kommandeure über die erfolgreichen Einsätze der Roten Armee veröffentlicht, sondern auch Erinnerungen von normalen Soldaten und Offizieren des »Großen vaterländischen Krieges«. Zu diesen gehören auch die Memoiren von Ljudmila Pawlitschenko. Sie wollte sich in ihrem Bericht auf die Rolle der Scharfschützen an der Front konzentrieren und detailliert beschreiben, was mit dieser militärischen Funktion verbunden war: Trainingsmethoden, Gefechtstaktiken und im Besonderen das Waffenarsenal, über das sie mehr wusste als jeder andere. Während der 1940er- und 1950er-Jahre war es nicht erlaubt, solche Informationen zu veröffentlichen, aber die Geschichte der Scharfschützen wäre ohne eine Würdigung ihrer Waffen einfach unvollständig.

Pawlitschenko erkannte, dass die zwanzig Jahre, die seit dem Zweiten Weltkrieg vergangen waren, die Recherche der Fakten erschwerten. Viele Ereignisse waren schwer im Nachhinein nachzuvollziehen, und es stellte sich heraus, dass zahlreiche Originalberichte verloren gegangen waren. Abgesehen davon hatte sie viele ihrer eigenen Dokumente und Fotos sowie persönliche Gegenstände an Museen gegeben, so an das »Zentralmuseum der russischen Streitkräfte« in Moskau und das »Staatsmuseum der heldenhaften Verteidigung und Befreiung von Sewastopol«.

Ljudmila Michailowna konnte die Arbeit an diesem Buch wegen ernster chronischer Leiden nicht vollenden, und sie hat seine Veröffentlichung nicht mehr erlebt. Teile dieses Manuskriptes konnten dank der Bemühungen von Lubow Dawjidowna Kraschennikowa Pawlitschenko, der Witwe von Ljudmilas Sohn, Rostislaw Alexejewitsch Pawlitschenko, erhalten werden.

Zwischen Fabrikwänden

Der Sommer des Jahres 1932 brachte große Veränderungen für das Leben meiner Familie. Wir zogen von der Kleinstadt Boguslaw im Süden der Region Kiew in die Hauptstadt der Ukraine. Dort ließen wir uns in einer Dienstwohnung nieder, die meinem Vater, Michail Iwanowitsch Below, zugeteilt worden war. Als Mitarbeiter des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten erhielt er in Anerkennung seiner gewissenhaften Pflichterfüllung eine Stelle im Zentralbüro dieser Abteilung.

Er war ein standhafter, strenger Mann, der ganz in seinem Dienst aufging. In seinen jungen Jahren hatte er sein Arbeitsleben als Monteur in einer großen Fabrik begonnen, war während des Ersten Weltkrieges einige Zeit an der Front gewesen und hatte sich dann der kommunistischen Partei angeschlossen, die damals russische sozialistische demokratische Arbeiterpartei hieß. Die Mitglieder dieser Partei bezeichnete man auch als Bolschewiken. Mein Vater war bei den revolutionären Ereignissen in Petrograd dabei und diente dann als Regimentskommissar in der 24. Samara-Simbirsk Division, die auch »Die Eiserne« genannt wurde. Dort kämpfte er gegen die Weiße Armee des Generals Koltschak in der mittleren Wolgaregion und im südlichen Ural. Mein Vater wurde 1923 im Alter von 28 Jahren aus der Roten Armee entlassen. Dabei behielt er seine Vorliebe für die Militäruniform bis zum Ende seiner Tage, und wir sahen ihn normalerweise in den gleichen Kleidern: Er trug eine khakifarbene Uniformjacke mit einem umgeschlagenen Kragen und dem Rotbannerorden auf seiner Brust und dazu dunkelblaue Hosen, die an den Schenkeln wie Reithosen geweitet waren. Die Uniform wurde von seinen kalbsledernen Offiziersstiefeln vervollständigt.

Trotz seiner revolutionären Gesinnung legte mein Vater Wert auf konservative Familienstrukturen, und bei Familienstreitigkeiten – wenn es je dazu kam – hatte er das letzte Wort. Doch meine wunderbare Mutter, Jelena Trofimowna Belowa, eine Absolventin der Grammatikschule für Mädchen in der Stadt Wladimir, wusste, wie man das strenge Wesen meines Vaters besänftigen konnte. Sie war eine gut aussehende Frau mit einer gertenschlanken, schönen Figur. Außerdem hatte sie volles dunkelbraunes Haar und strahlende braune Augen. Sie arbeitete als Lehrerin für Fremdsprachen, und die Schüler liebten sie. Durch ihren spielerisch gestalteten Unterricht stellte sie sicher, dass die Kinder sich alle europäischen Wörter, die für Russen seltsam klangen, ausgezeichnet merken konnten. Dadurch beherrschten die Schüler die fremden Sprachen nicht nur theoretisch, sondern konnten sie auch sprechen.

Meine Mutter kümmerte sich ebenso sehr um meine ältere Schwester Valentina und mich. Sie hat uns sehr früh in die klassische russische Literatur eingeführt, denn die Werke von Puschkin, Lermontow, Gogol, Leo Tolstoi, Tschechow, Maxim Gorki und Kuprin waren alle in unserer Hausbibliothek vertreten. Ihrem sanften, verträumten Charakter entsprechend war meine Schwester zugänglicher für Literatur und Fiktion. Ich hingegen interessierte mich mehr für Geschichte, oder, genauer gesagt, für die Militärgeschichte unseres Landes.

Bevor wir nach Boguslav zogen, hatten wir mehrere Jahre lang in der Stadt Belaja Zerkow nahe Kiew gewohnt. Dort ging ich in die Schule Nr. 3 und verbrachte eine unbeschwerte Kindheit und Jugend. Im Wohnblock der Stadionstraße bildete sich ein enger Freundeskreis. Wir spielten »Räuber und Gendarm«, planschten im Sommer in flachen Booten auf dem nahen Fluss Ros, streiften durch den alten und wunderschönen Alexandria Park und räuberten im Herbst in den Obstgärten der Nachbarschaft. Ich war die Anführerin einer Gruppe von Jungen im Teenageralter, weil ich am besten mit der Schleuder schießen konnte, schneller rannte als die anderen, sonst gut schwimmen konnte und keinem Streit aus dem Weg ging. Ich war immer die Erste, die einen Gegner mit der Faust ins Gesicht schlug.

Diese Hinterhofkämpfe waren zu Ende, als ich gerade fünfzehn Jahre alt war. Die Veränderung kam plötzlich, von einem Tag auf den anderen. Rückblickend erscheint es mir wie das Ende einer Welt. Ich wurde mir plötzlich meiner Weiblichkeit bewusst und stürzte mich Hals über Kopf in meine erste Schulmädchenliebe. Die Erinnerung daran wird mich den Rest meines Lebens in Form des Nachnamens meines Freundes begleiten – Pawlitschenko.

Glücklicherweise hat mein Sohn Rostislav nur wenig Ähnlichkeit mit seinem Vater. Er hat einen freundlichen und ausgeglichenen Charakter, und sein Aussehen ist typisch für unsere Familie: braune Augen, volles, dunkles Haar, hochgewachsen und kräftig gebaut. Er setzt die Traditionen der Familie Below fort und arbeitet im Staatsdienst. Slawa, so wurde er von seinen Freunden genannt, bestand sein Studium an der juristischen Fakultät der Universität in Moskau und an der Hochschule des KGB mit Auszeichnung. Er ist Offizier der Sowjetunion, und ich bin wirklich stolz auf ihn.

In unserem neuen Zuhause in Kiew richteten wir uns rasch ein und gewöhnten uns langsam an die große, laute Hauptstadt. Wir sahen unseren Vater nicht oft, er blieb meist lange im Büro. Deswegen fanden die wichtigen Gespräche mit ihm für gewöhnlich nach dem Abendessen in der Küche statt. Meine Mutter stellte den Samowar, eine russische Teemaschine, auf den Tisch, und bei einer Tasse Tee konnten wir alles, was uns wichtig war, mit unseren Eltern besprechen und Fragen stellen. Die Hauptfrage kam schon bald auf.

»Was wollt ihr jetzt tun, meine Lieben?«, erkundigte sich mein Vater, während er am heißen Tee nippte.

»Das wissen wir noch nicht«, antwortete Valentina. Sie durfte als Erstes sprechen, weil sie die Ältere war.

»Ihr solltet über eine Arbeitsstelle nachdenken«, meinte Vater.

»Was meinst du damit?«, entgegnete meine Schwester überrascht.

»Eine gute Arbeit an einem guten Arbeitsplatz mit guter Bezahlung.«

»Aber Vater«, warf ich ein. »Ich bin erst sieben Jahre zur Schule gegangen, ich möchte noch mehr lernen.«

»Es ist nie zu spät zum Lernen, Ljudmila«, sagte mein Vater mit Überzeugung. »Aber jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um dein Arbeitsleben zu beginnen, und du hast gute Voraussetzungen für eine Bewerbung. Außerdem habe ich schon Vorbereitungen getroffen und euch eine Stelle besorgt.«

»Und wo?«, fragte meine Schwester schmollend und widerspenstig.

»Im Arsenalwerk.«

Vom Askold-Park aus erstreckte sich die breite, glatte Wasserfläche des Dnjepr zur Linken und die relativ kurze Arsenalstraße, die 1942 in Moskaustraße umbenannt wurde, zur Rechten. Am Anfang der Straße stand ein sehr beeindruckendes Gebäude. Es waren die Produktionshallen des Arsenalwerkes, die unter Zar Nikolaus I. gebaut worden waren. Man sagt, der Zar selbst hätte den Grundstein gelegt. Die Wände waren zwei Meter dick, zwei Stockwerke hoch, und die Ziegel waren hellgelb, weswegen die Anwohner das Gebäude als »Fliesenhaus« bezeichneten.

Allerdings hatten weder die Werkstätten noch die Fabrik, zu der sie gehörten, etwas mit feiner Keramik zu tun. Sie wurden auf Befehl von Zarin Katharina der Großen gegründet, und der Bau dauerte mehrere Jahre, von 1784 bis 1803. Hier wurden Geschütze, Lafetten, Gewehre, Bajonette, Säbel und verschiedene andere Waffen und militärische Ausrüstungsgegenstände angefertigt.

In der Zeit der Sowjets verlegte sich die Fabrik auch auf die Herstellung ziviler Produkte, die für die Wirtschaft notwendig waren: Pflüge, Schlösser, Pferdewagen und Ausrüstung für Mühlen und Zuckerraffinerien. Die Angestellten im Arsenalwerk arbeiteten engagiert und erfolgreich und gewannen im Jahr 1923 eine Auszeichnung der ukrainischen Regierung – den Orden des Roten Banners der Arbeit.

Das Fabrikgebäude gefiel mir auf den ersten Blick. Es hatte große Ähnlichkeit mit einer Festung. Der Grundriss war rechteckig, 168 x 135 Meter, die Fabrik hatte einen großen Innenhof, einen Turm, abgerundete Außenwände und Holzböden, in die Ornamente eingelassen waren. Dieses Gebäude sah aus, als stamme es aus einem alten Schlachtengemälde. Das Einzige, was fehlte, war ein Burggraben um die Mauern, eine Zugbrücke darüber und Tore, die von Kriegern in schimmernden Rüstungen bewacht wurden.

Nachdem einige Formalitäten geklärt waren – vor allem musste ich eine Verschwiegenheitsverpflichtung unterschreiben – wurden meine Schwester und ich in die »Garnison« dieser »Festung« aufgenommen – Valentina in der Produktionsaufsicht, weil sie schon 18 Jahre alt war und einen Schulabschluss hatte. Ich war erst 16 Jahre alt und hatte keine besondere Ausbildung vorzuweisen, deshalb wurde ich eine einfache Arbeiterin. Es dauerte ein halbes Jahr, bis ich mich dem Rhythmus der Fabrikarbeit angepasst und neue Freunde unter meinen Kollegen gewonnen hatte. Auch im Komsomol, der kommunistischen Jugendorganisation, wurde ich gut aufgenommen. Im Mai 1934 versetzte man mich in die Werkstatt eines Drehers, wo ich einen Monat lang ausgebildet wurde und schließlich das Recht erhielt, selbstständig zu arbeiten. Bald schon erhielt ich die Qualifikation einer Dreherin sechsten Grades.

Es war eine interessante Zeit, denn das Arsenalwerk veränderte sich vor unseren Augen. Neue Drehmaschinen wurden vorgestellt, höhere Produktionskapazitäten erreicht und alte Vorschriften abgeschafft. Die Mitarbeiter sahen den Aufwand, den die Regierung betrieb, um die Industrie zu verbessern, und strengten sich noch mehr an. Zusätzlich stiegen die Preise für unsere Waren beträchtlich, und die Arbeiter an den Drehbänken in unseren Werkstätten schufteten im Akkord.

Ich hatte keinen Grund, mich zu beschweren. Mein Arbeitsgerät war eine Drehmaschine, die sich schraubenförmig drehen konnte, mit einem DIP300 Getriebe, das 1933 von der Roten Proletarierfabrik in Moskau hergestellt worden war. DIP stand für die Initialen der russischen Wörter »Dogonim i Peregonim«, was so viel bedeutet wie »Wir werden aufholen und überholen«. Diese Maschine war zur Herstellung von zylindrischen, konischen und komplexen Oberflächen sowohl auf der Innen- als auch auf der Außenseite gedacht.

Ich erinnere mich an vieles, als sei es gestern gewesen – Stapel von Riemen für jede Übersetzung. Mit einem Zug des Schneidewerkzeugs trug ich zwischen 0,5 und 3,0 mm Metall ab, manchmal sogar mehr. Die Laufgeschwindigkeit der Leitspindel und den Vorschub passte ich an die Härte des Metalls und die Standfestigkeit der Schneidewerkzeuge an. Diese waren für gewöhnlich aus hochwertigem Karbonstahl, aber es gab auch andere Modelle aus sehr harten Wolfram- und Titanlegierungen. Den Anblick von dunkelblau-violetten Metallspänen, die von der Klinge abgeschabt werden, empfinde ich immer noch als wunderschön. Wie hart das Metall auch ist, es beugt sich dem Willen eines Menschen. Das Werkzeug muss nur gut genug sein.

Unsere Fabrik bot ihren Mitarbeitern auch die Möglichkeit, ihre Freizeit vernünftig zu gestalten. Natürlich war der Betriebsclub nicht für seine üppige Ausstattung bekannt. Er war klein, ja sogar beengt. Trotzdem war der Platz ausreichend für die verschiedensten Aktivitäten. Es gab eine Theatergruppe für Arbeiter und ein Kunststudio, in dem Kurse für Zeichnen, Schneidern und Nähen angeboten wurden, was sehr nützlich für die Frauen war. Außerdem gab es Segelflieger- und Schützenclubs. In der Versammlungshalle wurden regelmäßig festliche Abende unter dem Motto »Drei Generationen gemeinsam« abgehalten. Dabei wurden Veteranen der Revolution und des Bürgerkrieges zusammen mit jungen Arbeitern, die ihr Soll um mehr als 50 Prozent übertroffen hatten, geehrt.

Zuerst meldete ich mich für den Segelfliegerclub an, gemeinsam mit meiner Freundin, die mich dazu überredet hatte. In den Zeitungen stand viel über Luftfahrttechnik und die Flugkünste der Piloten, und so besuchten wir begeistert die Theoriekurse. Ein charmanter Leutnant der Luftwaffe hielt Vorträge über die Auftriebskraft einer Tragfläche, und wir machten uns fleißig Notizen. Aber mein erster Flug mit einem Begleiter ließ meine Begeisterung abflauen. Als die Wiese des Flugplatzes unter uns hinwegrauschte und dann plötzlich nach unten verschwand, begann sich alles in meinem Kopf zu drehen und Übelkeit schnürte mir die Kehle zu.

»Die Luft ist nicht mein Element«, sagte ich mir. »Ich bin ein sehr erdverbundenes Wesen und brauche festen Boden unter den Füßen.«

In unserer Werkstatt arbeitete auch der Ausbilder des Schützenvereins, Fjodor Kuschtschenko, und forderte ständig junge Leute auf, den Schießstand zu besuchen. Er selbst hatte noch kurz zuvor Dienst in der Roten Armee geleistet, und das hatte ihn sehr für das Schießen begeistert. Er schwärmte uns vor, es sei etwas Faszinierendes im Flug einer Kugel bis zu ihrem Aufschlag im Ziel.

Fjodor war ein liebenswerter und charmanter junger Mann und versuchte, auch mich zum Beitritt zu bewegen. Ich jedoch erinnerte mich an meinen Flug im Segelflugzeug, der das Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten gründlich erschüttert hatte, auch wenn man diese in der Jugend oft überschätzt. Davon abgesehen hielt ich Kuschtschenko für einen Schürzenjäger. Meine kurze, aber harte Lebenserfahrung brachte mich dazu, im Umgang mit dem anderen Geschlecht immer Vorsicht walten zu lassen.

Eines Tages, während eines Treffens des Komsomols, hatte ich genug von Kuschtschenkos Geschichten. Ich antwortete Fjodor mit einem sarkastischen Kommentar. Unsere Freunde fanden meinen Witz lustig und lachten laut. Der Organisator unserer Gruppe verlas gerade einen ziemlich langweiligen Bericht über die Arbeit der ukrainischen Mitglieder, die sich bemühten, den Quartalsplan des Werkes zeitig zu erfüllen. Er dachte, das Gelächter gelte ihm, und wurde aus irgendeinem Grund sehr wütend. Es kam zum Streit zwischen ihm und einigen Mitgliedern. Dabei fielen einige Schimpfwörter und wenig schmeichelhafte Vergleiche, und zum Schluss warf der Organisator mich und Kuschtschenko hinaus, weil wir den Tumult verursacht hatten. Von dieser Verbannung überrascht, gingen wir zum Ausgang. Der Arbeitstag war vorbei, und unsere Schritte hallten durch den leeren Korridor.

Plötzlich sagte Kuschtschenko: »Wir müssen uns wirklich beruhigen.«

»Das stimmt«, gab ich ihm recht.

»Also, lass uns zum Schießstand gehen und ein paar Schüsse versuchen.«

»Glaubst du, das wird helfen?«

»Natürlich. Schießen ist ein Sport für ruhige Leute, auch wenn es genauso angeborene Fähigkeiten erfordert.«

»Und was für Fähigkeiten?«, fragte ich misstrauisch.

»Es braucht bodenständige Talente. So etwas wie ein gutes Auge und ein feines Gespür für die Waffe«, antwortete er, während er mit einem Schlüsselbund spielte, den er aus der Tasche seiner Lederjacke gezogen hatte.

Der Schießstand lag in einem Nebengebäude der Fabrik, das mit dem Haupthaus verbunden war. Es hatte wohl früher als Lager gedient, denn der Bau war flach und lang mit vergitterten Fenstern, die fast bis ans Dach ragten. Auch aus meiner heutigen Sicht kann ich sagen, dass der Schießstand des Arsenalwerkes in den 1930er-Jahren alle notwendigen Voraussetzungen für ein gutes Schießtraining erfüllte. Es gab einen Raum mit Tischen, Stühlen und einer Tafel an der Wand für Theoriekurse, einen kleinen Waffenraum mit verschließbaren Schränken für Gewehre und Pistolen, einen Safe für Munition und eine Schussbahn, die es erlaubte, kniend, stehend, auf einer Matte liegend oder mithilfe einer Stütze zu schießen. 25 Meter davon entfernt standen dicke Holzschilde, auf denen Ziele angebracht waren.

Fjodor öffnete einen der Waffenschränke und nahm ein neues Gewehr heraus, das nicht sehr lang war, vielleicht etwas über einen Meter, 111 cm, um genau zu sein, aber es hatte einen massiven Kolben aus Birkenholz und einen stabilen Lauf. Dieses Gerät aus der Waffenfabrik in Tula war in der UdSSR unter der Bezeichnung TOZ-8 wohlbekannt. Gebaut wurde es zwischen 1932 und 1946, gemeinsam mit dem modifizierten Modell TOZ-8M vermutlich eine Million Mal. Es war ein zuverlässiges, einfaches Einzelschussgewehr mit dünner Mündung und einem Schubriegel, der sich in Schussrichtung bewegte. Die Waffe verschoss 5,6 x 16 mm Randfeuerpatronen. Sie leistete nicht nur Sportschützen gute Dienste, sondern auch Jägern. Ich schreibe so liebevoll über diese Waffe, denn es war das TOZ-8, das meine Begeisterung für das Schießen weckte und damit meine Ausbildung zur Scharfschützin erst möglich machte.

Es gibt detaillierte Anweisungen über den Umgang mit Feuerwaffen. Natürlich hätte Kuschtschenko erst darüber reden können, aber stattdessen tat er etwas anderes. Er drückte mir das Gewehr einfach in die Hand und sagte: »Mach dich vertraut damit!«

Um ehrlich zu sein, hatte ich erwartet, Waffen wären schwer und kompliziert zu handhaben. Aber dieses Gewehr wog weniger als 3,5 Kilogramm. Da ich in meiner Arbeit oft recht unhandliche Werkstücke zur Bearbeitung auf die Drehbank heben musste, konnte ich das Gewehr mühelos halten. Ich fand auch das kühle Metall des Laufes angenehm. Die Entwickler der Waffe hatten offenbar darauf geachtet, dass diese leicht zu handhaben war.

Zuerst schlug Fjodor vor, den Sitz des Gewehres zu testen, um festzustellen, ob es für mich geeignet war. In dieser Hinsicht war alles bestens. Die Rückseite des Kolbens lag fest in meiner Achsel an, ich konnte mit meiner rechten Hand bequem den Griff am Kolben umfassen und meinen Zeigefinger – ich habe sehr lange Finger – zwischen dem vorderen und dem mittleren Glied auf den Abzug legen. Jetzt musste ich

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