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Fallstudien: Die dunklen Fälle des Harry Dresden: Anthologie

Fallstudien: Die dunklen Fälle des Harry Dresden: Anthologie

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Fallstudien: Die dunklen Fälle des Harry Dresden: Anthologie

Länge:
448 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 19, 2018
ISBN:
9783867623346
Format:
Buch

Beschreibung

Harry Dresden, Chicagos einziger professioneller Magier, bewohnt eine Welt voller Intrigen und übernatürlicher Kreaturen aller Art. Machen Sie in dieser neuen Anthologie Bekanntschaft mit diesen seltsamen Wesen, während Harry die dunkle Seite der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des American Way of Life erforscht.

Vom Wilden Westen bis hin zum Baseballstadion Wrigley Field – überall lauern in dieser Kurzgeschichtensammlung Menschen, Zombies, Dämonen und sogar Mitglieder der Feenhöfe, die eine Unterscheidung zwischen Freund und Feind schwierig machen.

In der hier erstmals veröffentlichten Novelle "Ein Tag im Zoo" betritt Harry als Vater Neuland, während liebgewonnene Charaktere wie Molly Carpenter und Anastasia Luccio, seine einstige Schülerin und nun Wächterin des Weißen Rates, klassischere Abenteuer erleben.

Diese Sammlung enthält neun erstmals ins Deutsche übersetzte Geschichten aus dem Harry-Dresden-Universum, die sowohl Fans der ersten Stunde als auch neuen Leserinnen und Lesern spannende Unterhaltung und neue Einblicke in Harrys düsteres und gleichzeitig einmalig komisches Universum bieten.

Hinweis: Geschichten, die bereits in Im Auftrag des Yeti publiziert wurden, sind in dieser Sammlung nicht enthalten.
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 19, 2018
ISBN:
9783867623346
Format:
Buch

Über den Autor


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Zoo

Hexenmeister-Quartett

Manche Geschichten entstehen, weil ein Autor plötzlich eine durchgeknallte Idee hat, die er unbedingt zu Papier bringen will. Manche Geschichten sind sorgsame Kompositionen, Teil eines größeren Ganzen.

Manche wiederum schreibt man, weil ein befreundeter Kollege die Bitte äußert, man möge etwas zu einer Anthologie beitragen, und das wie eine wirklich witzige Idee klingt. Aus einer solchen Anfrage entstand die nächste Geschichte – ich brauchte eine völlig abgedrehte Wildwestgeschichte als Beitrag zu »Straight Outta Tombstone«.

Der Vorteil am Schreiben dieser Geschichte war, dass das Ende des neunzehnten Jahrhunderts im Dresdenversum praktisch ein unbeschriebenes Blatt war, ich also tun konnte, was ich wollte, ohne dass mich die bis dahin existierenden 1,5 Millionen Wörter über Harry in irgendeiner Weise einschränkten. Der Nachteil war, dass das Ende des neunzehnten Jahrhunderts im Dresdenversum praktisch ein unbeschriebenes Blatt war, ich mir also Gedanken darüber machen musste, wie ich diesen Handlungsfaden mit dem Metanarrativ verweben konnte.

Wenn ich Geschichten in der Vergangenheit einer bestehenden Welt ansiedele, konzentriere ich mich gern auf die leidenschaftlichen jungen Heißsporne des jeweiligen Settings – sie liefern mir gemeinhin die interessantesten Optionen und Geschichten. In diesem Fall entschied ich mich für Anastasia Luccio, einen Charakter, den ich immer schon geliebt habe und den ich gerne mehr ins Scheinwerferlicht rücken wollte. Ich arbeitete also ihre Vorgeschichte als junge Wächterin aus und beschloss, dass sie entscheidend am jahrzehntelangen Krieg des Weißen Rates mit dem größten Nekromanten des letzten Jahrtausends und letztlich auch dem Sieg über ihn beteiligt war.

Dies ist der Anfang einer vier- bis fünfbändigen, eigenständigen Geschichte, die inzwischen um diese Prämisse herum in meinem Kopf entstanden ist. Ich weiß nicht, ob ich diese Story über übernatürlichen Horror in einem finsteren alten Western, deren magiebegabte (Revolver-)Heldin Anastasia an der Seite von Charakteren wie Wyatt Earp und Doc Holliday von den Venatori Umbrorum ist, jemals schreiben werde, aber in meinem Kopf sehe ich sie schon als Film, und der ist ein echter Blockbuster.

Stellen Sie sich den nächsten Text also vielleicht als Prolog für einen Western vor …

Der Westen der USA war nicht die schlimmste Gegend, die ich je bereist hatte, aber doch ziemlich nah dran. Vor allem die Landschaft zermürbte mich – endlose, leere Prärie, die allerdings nicht weiträumig wirkte, sondern eher in unterschiedlichen Graden der Hoffnungslosigkeit vor sich hin gammelte. Kein einziger anständiger Baum lockerte die Ödnis auf. Die Spätsommersonne erhitzte den Boden auf Temperaturen wie in einem Backofen.

»Langsam geht mir Kansas auf die Nerven«, sagte mein Nichtpferd. »Die Flüsse hier führen kaum genug Wasser, um mich vor dem Verdursten zu retten.«

»Ruhe, Karl«, antwortete ich dem Nöck. »Es ist nicht mehr weit bis zur Stadt und zu diesem Hexenmeister. Mir wäre es lieber, wenn wir uns unauffällig annähern würden.«

Der Nöck seufzte mit einer ausladenden, übertriebenen Bewegung, die den Sattel knarzen ließ, und stampfte mit einem Huf auf. Mit seinem reinweißen Fell und dem schlanken, ein Meter siebzig hohen, muskulösen Körper gab er ein hervorragendes Reittier ab – so schnell wie das schnellste Pferd der Menschen und weit unermüdlicher. »Wie du wünschst, Anastasia.«

»Wächterin Luccio«, erinnerte ich ihn scharf. »Je schneller wir diese Kreaturen und ihren Herrn zu fassen kriegen, desto schneller ist deine Bewährungsfrist vorbei, und du darfst in deine Heimat zurückkehren.«

Der Nöck legte bei dieser Erinnerung an seine Dienstpflicht die Ohren an.

»Reg dich bloß nicht auf«, befahl ich. »Du hast beschlossen, mir als treues Reittier zu dienen, wenn ich mich eine Stunde in deinem Sattel halten kann. Es ist ja wohl kaum meine Schuld, dass du davon ausgegangen bist, ich könne nicht so lange unter Wasser bleiben.«

»Hmpf«, sagte der Nöck und funkelte mich böse an. »Magier.« Aber er gehorchte. Die Nöck waren mörderische Monster, hielten aber stets ihr Wort.

Dann erreichten wir den Scheitelpunkt von etwas, das man mit einigem Mut als Anhöhe hätte bezeichnen können, und ich starrte hinab in ein langgezogenes, nicht sehr tiefes Tal, in dem es von Leben nur so wimmelte. Pudriger Staub bedeckte als gewaltige Wolke das gesamte Gebiet, in dem eine Ansammlung geteerter Holzgebäude stand, die aussahen, als hätten betrunkene Fuhrleute sie im Laufe eines einzigen Abends zusammengenagelt. Außerdem gab es hier blitzblanke Schienen, die so häufig benutzt wurden, dass sie sogar durch den Staub schimmerten. Nördlich der Schienen stand ein weiß getünchtes Spiegelbild der Gebäudeansammlung, hübsche Straßen mit Reihen stabiler Wohnhäuser und Läden. In Viehpferchen, in die ganze Gebirge hineingepasst hätten, drängte sich ein kleiner Ozean von Rindern, gehütet und getrieben von Männern, die man unter der gemeinsamen Staubschicht kaum noch von ihren Pferden unterscheiden konnte. Auf der einen Seite der Stadt erhob sich ein einsames Hügelchen, gekrönt von einer kleinen Ansammlung von Grabsteinen.

Des Weiteren sah ich Menschen. Allein die Anzahl der Leute, die in dieser Gebäudeansammlung mitten im Nirgendwo unterwegs waren, überstieg jede Vorstellungskraft. Einen Augenblick lang saß ich nur da, wie betäubt von der gewaltigen Energie, die von diesem Ort ausging, der wirkte, als sei er der Schauplatz irgendeines obskuren Textstücks von Dante, vielleicht ein Kreis der Hölle, der dem Endlektorat zum Opfer gefallen war.

Der Hexenmeister, den ich jagte, hatte jede Menge Vorteile von einer solchen Menschenmenge, was meine Aufgabe wesentlich komplizierter gestaltete, als sie noch vor wenigen Augenblicken gewesen war.

»Das also«, sagte der Nöck säuerlich, »ist Dodge City.«

***

Der Hexenmeister hatte sicher Zuflucht im raueren Teil der Stadt gesucht – seinesgleichen schlüpfte selten bei den phlegmatischen, nüchternen Stadtbewohnern unter. Das ungute Gefühl, das Hexenmeister auslösten, und die häufig bizarren Phänomene in ihrem Umfeld, die aufgrund ihrer Talente entstanden, ließen sie auffallen wie Misthaufen auf einer Blumenwiese. Aber in den Schatten nutzten ihnen genau die Talente, die sie in den Reihen der normalen menschlichen Gesellschaft zu Parias machten.

Ich ritt auf die Südseite der Gleise und hielt mein Reittier vor dem ersten größeren Gebäude an.

»Lass dich nicht klauen«, befahl ich Karl und stieg ab.

Der Nöck legte die Ohren an und schnaubte.

Ich lächelte ihn an, tätschelte seinen Hals und warf seine Zügel über einen Pfosten, den man zu genau diesem Zweck in den Boden gerammt hatte. Das erste Gebäude sah im Gegensatz zu den anderen aus, als seien seine menschlichen Bewohner in besserem Zustand als das Ungeziefer, das darin hauste. Dann zog ich den leichten Staubmantel aus, der sich alle Mühe gegeben hatte, mein Kleid gegen die Elemente zu schützen, legte ihn ordentlich über den Sattel und schob Schwert und Revolver in meinen Gürtel.

Ich betrat das Gebäude und stellte fest, dass es ein Badehaus mit angeschlossenem Bordell war.

Ein kurzes Gespräch mit der Puffmutter führte zu einem Stellenangebot, das ich höflich ablehnte, einem Bad, das ich nicht so gründlich genießen konnte, dass es Zufriedenheit bei mir ausgelöst hätte, und einer Wegbeschreibung zu den schlimmsten Schenken der Stadt.

In den ersten beiden traf ich den Hexenmeister nicht an, aber als ich kurz vor Sonnenuntergang den Long Branch Dance Hall & Saloon erreichte, war ich ziemlich sicher, meine Beute gefunden zu haben.

Ich betrat das Etablissement zum Geräusch mehr oder weniger rhythmischen Stampfens, das von einem Dutzend Frauen herrührte, die zu den Klängen mehrerer Geiger, die flinkfingrig Volkslieder fiedelten, auf einer hölzernen Bühne einen Tanz aufführten. Die Bar füllte sich langsam mit lärmenden Männern. Einige von ihnen waren frisch gebadet, andere trugen mehr Staub als Stoff am Leib und hatten Geldbörsen voller frisch verdienter Münzen.

Wichtiger war allerdings die Atmosphäre, die in dem Etablissement herrschte. Sie war so angespannt, dass man sie fast mit den Fingern greifen konnte. Zuerst war es mir kaum aufgefallen, doch als ich eintrat, huschten Blicke zu schnell zu den Türen, und mindestens die Hälfte der Männer in der Bar standen viel zu steif und misstrauisch herum, als dass ich ihnen abgenommen hätte, dass sie sich volllaufen ließen, um das Leben und den Zahltag zu feiern.

»Verzeihung, Ma’am«, sagt eine Stimme zu meiner Rechten, als ich das Etablissement betrat.

Ich drehte mich um und stand einem sehr großen, schlanken Burschen gegenüber, dessen Handgelenke weit aus seinen Rockärmeln hervorragten. Er hatte einen dicken, herabhängenden Schnurrbart, trug einen flachen Hut, einen Hilfssheriffstern am Revers und hatte seinen Revolver so lässig am Gürtel hängen, als wäre er angeboren.

Er war ruhig, seine Stimme klang freundlich und höflich – doch er hatte die Augen eines Raubtiers, scharf, klar und allzeit bereit, ohne großen Vorlauf gewalttätig zu werden.

»Ja?«, fragte ich.

»Es gibt eine städtische Verordnung gegen das Tragen von Handfeuerwaffen, Ma’am«, sagte er. Seine Stimme war tief und hallte melodiös in seiner schmalen Brust wider. Sie gefiel mir sofort. »Wenn Sie keine Gesetzeshüterin sind, müssen Sie Ihre Waffe abgeben, solange Sie in der Stadt sind.«

»Ich empfinde diese Verordnung als problematisch«, sagte ich.

Seine Mundwinkel kräuselten sich, und seine Wangen spannten sich leicht an. Der Schnurrbart verbarg seinen Mund. »Wenn ich an einem Ort wie diesem eine so gut aussehende Frau wie Sie wäre, würde ich sie auch als verdammt problematisch empfinden«, gab er zu, »aber Gesetz ist Gesetz.«

»Was sagt die Verordnung denn über Schwerter?«, fragte ich.

»Nichts, soweit ich weiß«, sagte der Hilfssheriff.

Ich öffnete meinen Gürtel nahm die Waffe samt Holster ab. Dann reichte ich sie ihm. »Ich vermute, ich kann sie bei Ihnen abgeben, Hilfssheriff?«

Er tippte sich an die Hutkrempe und nahm die Waffe. »Danke, Ma’am. Dürfte ich Ihren Namen wissen, damit Sie Ihre Waffe auch auf jeden Fall zurückbekommen?«

Ich lächelte ihn an. »Anastasia Luccio.«

»Ist mir eine Freude, Anastasia«, sagte der Hilfssheriff. Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er meine Handfeuerwaffe und kommentierte: »Webley. Mordswaffe.«

Er war nicht viel größer als ich. Mit hochgezogener Augenbraue lächelte ich ihn an. »Ich bin auch eine Mordsfrau. Seien Sie versichert, Hilfssheriff, ich bin durchaus in der Lage, damit umzugehen.«

Seine Augen blitzten entspannt und amüsiert. »Naja. Die Leute behaupten so allerhand, Ma’am.«

»Vielleicht sollten wir uns, wenn ich meine Geschäfte hier erledigt habe, mal außerhalb der Stadtgrenzen treffen und zwanzig Dollar darauf wetten, wer von uns der bessere Schütze ist.«

Er warf den Kopf in den Nacken und lachte bellend auf. »Ma’am, es wäre mir ein großes Vergnügen, diese Wette zu verlieren.«

Ich sah mich wieder im Saloon um. »Hier scheint mir im Augenblick eine ziemlich angespannte Stimmung zu herrschen«, sagte ich. »Darf ich fragen, warum?«

Der Gesetzeshüter schürzte nachdenklich die Lippen und antwortete dann: »Nun, Ma’am, die Kurzzusammenfassung lautet: Einige Burschen von der einen Seite der Gleise sind sauer auf ein paar von der anderen.« Er lächelte bei diesen Worten, als habe er sich selbst einen Witz erzählt. »Das sollte für Sie aber kein großes Problem darstellen, Ma’am. Hier geht es rau zu, aber wir haben es nicht so gern, wenn jemand die Hand gegen eine Frau erhebt.« Zwei Cowboys betraten laut lachend und eindeutig bereits betrunken den Saloon. Mit ruhigem Blick sah er ihnen nach. Dann schob er meine noch immer im Holster steckende Waffe unter seinen Barhocker und tippte erneut an seine Hutkrempe. »Viel Spaß.«

»Danke, Hilfssheriff«, sagte ich. Dann trat ich genau in die Mitte des Raumes.

Als Wächterin des Weißen Rates der Magie war ich ganz schön herumgekommen und hatte mich schon mit vielen gefährlichen Männern herumgeschlagen. Ich fühlte mich an Orten wie diesem und an noch schlimmeren wohl, obgleich ich bemerkt hatte, dass ich dort nur selten willkommen war. Die einzigen Frauen, die ich außer mir sah, waren die, die hinter der Bar, in der Küche und auf der Bühne arbeiteten. Ich fiel also ziemlich auf. Es hatte wenig Sinn, es mit Subtilität zu versuchen, also setzte ich meine flaschengrüne Brille auf und sah mich langsam im gesamten Etablissement um.

Die als Magie bekannte Energie hat, ganz ähnlich wie Licht, ein breites Spektrum. Genau wie Licht sich mit dem entsprechenden Prisma in seine verschiedenen Farben brechen lässt, kann man magische Energien mit den entsprechenden Werkzeugen besser unterscheiden. Die Brille ermöglichte mir, mir die Energie genauer anzuschauen, die den vollgepackten Raum erfüllte. Sie war stark geprägt von menschlichen Emotionen, und verschiedene Farben konzentrierten sich um verschiedene Personen, und zwar deren aktueller Gefühlslage entsprechend.

Viele Auren waren rot vor Wut, die der friedlich Betrunkenen schimmerten eher rosig. Arbeiter, auch die Tänzerinnen und die Croupiers an den Tischen, strahlten das satte Grün derer aus, die auf eine Aufgabe konzentriert waren, während der Hilfssheriff und ein Mann mit einer Schrotflinte, der am Ende des Tresens auf einem hohen Barhocker saß, von der azurblauen, pulsierenden Aura von Beschützern umgeben waren.

Der Hexenmeister saß in einer kleinen Empore, von der aus man einen guten Blick auf die Bühne hatte, und spielte an einem Tisch mit drei weiteren Männern Karten. Durch die Brille sah ich, dass sich so tiefe Schatten um den Spieltisch gesammelt hatten, dass es fast aussah, als hätten sie die Laternen gelöscht und spielten im Dunkeln.

Ich holte tief Luft. Ein Hexenmeister stellte normalerweise keine Bedrohung für eine gut ausgebildete und entsprechend ausgerüstete Wächterin dar, wenn sie vorsichtig vorging. Zwei konnten eine echte Herausforderung sein. Der gegenwärtige Hauptmann der Wächter, ein Mann namens McCoy, der sehr viel mächtiger und erfahrener war als ich, hatte es einmal mit dreien aufgenommen.

Aber als ich den Hexenmeister durch meine Brille betrachtete, wurde mir klar, dass er nicht einfach nur geflohen war. Er hatte sich zu drei Spießgesellen geflüchtet.

Sie waren zu viert.

Ich nahm die Brille ab, begab mich an die Bar, wo sie mich hoffentlich noch ein Weilchen nicht bemerken würden, und dachte fieberhaft nach.

Meine Handlungsmöglichkeiten waren plötzlich deutlich eingeschränkter. Eine direkte Konfrontation mit so vielen Gegnern konnte ich kaum gewinnen. Das sollte nicht heißen, dass ich sie nicht angreifen konnte. Sie waren mit ihrem Kartenspiel beschäftigt, und mir waren keine magischen Abwehrmaßnahmen aufgefallen. Vielleicht konnte ich sie mit einem massiven Schlag alle auf einmal ausschalten.

Natürlich wäre dazu Feuermagie erforderlich gewesen – und damit hätte ich das voll besetzte Gebäude abgefackelt. Geteertes Holz, das einem übernatürlichen Feuerstoß ausgesetzt war, würde sich innerhalb weniger Sekunden in ein flammendes Inferno verwandeln. Mehr noch, eine solche Vorgehensweise würde gegen eine der unausgesprochenen Regeln des Rates verstoßen: Magier mussten den Einsatz ihrer Fähigkeiten in Gegenwart Sterblicher, die von Magie keine Ahnung hatten, so gering wie möglich halten. Es war noch gar nicht so lange her, dass verängstigte Mobs unseresgleichen auf dem Scheiterhaufen verbrannt hatten.

Ich konnte sie also nicht einfach angreifen, aber ich konnte auch nicht einfach die Hände in den Schoß legen. Ein Hexenmeister hatte wahrscheinlich deutlich weniger Vorbehalte dagegen, seine Fähigkeiten öffentlich zur Schau zu stellen. Das Beste wäre gewesen, dem Hauptmann Meldung zu machen, auf Verstärkung zu warten, mich zu tarnen und ihnen auf den Fersen zu bleiben.

Ich war allerdings noch nie besonders vorsichtig gewesen. Selbst die Langlebigkeit einer Magierin reichte manchmal nicht aus, und die Welt hielt viel zu viele Freuden und viel zu viel Lust bereit, um sein Leben damit zu verschwenden, sich irgendwo in Sicherheit zu bringen.

Dumm war ich aber auch nicht.

Ich wandte mich ab, ging entschlossen auf die Tür zu und kollidierte praktisch frontal mit einem gut aussehenden Mann Mitte vierzig mit sauber gestutztem Bart in einem makellosen Anzug. Seine Augen waren grün und kalt, seine Zähne viel zu weiß für sein Alter.

Er presste mir einen winzigen Derringer unmittelbar unter der linken Brust gegen den Oberkörper.

»Sie sind früh dran«, eröffnete er das Gespräch mit ausgeprägtem deutschem Akzent. »Wir wussten, dass eine Wächterin eintreffen würde, aber wir haben frühestens in einer Woche mit Ihnen gerechnet.«

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden«, sagte ich.

»Ach bitte«, antwortete er, und ein hässlicher Ausdruck trat in seinen Blick. »Wenn Sie versuchen, Widerstand zu leisten, werde ich Sie auf der Stelle töten.« Er glitt an meine Seite und hakte sich bei mir unter, wobei er die winzige Waffe mit der linken Hand auf meinem Arm abstützte und sie so geschickt verborgen hielt, obgleich sie direkt auf mein Herz gerichtet war. Dann nickte er zur Empore hinauf, und die vier Männer droben legten sofort die Karten weg, kamen herunter und verließen den Saloon, ohne ein einziges Mal zurückzublicken.

»Sie machen einen Fehler«, sagte ich angespannt zu ihm. »Meines Wissens sucht der Rat Sie und Ihre Spießgesellen nicht. Ich bin nicht Ihretwegen hier. Mir geht es nur um Alexander Page.«

»Ach ja?«, fragte er.

»Er ist ein Mörder. Indem Sie ihm Unterschlupf geboten haben, haben Sie sich zum Komplizen seiner Verbrechen gemacht«, sagte ich. »Wenn Sie mich töten, werden Sie nur den uneingeschränkten Zorn der Wächter auf sich herabbeschwören. Aber wenn Sie mich sofort gehen lassen und sich von Page distanzieren, werde ich keinen Haftbefehl gegen Sie beantragen.«

»Das ist überaus großzügig, Wächterin«, sagte der Deutsche. »Aber ich fürchte, ich habe andere Pläne. Sie werden mich jetzt unauffällig nach draußen begleiten.«

»Was, wenn nicht?«

»Dann bin ich ein wenig enttäuscht, und Sie sind tot.«

»Sie werden umso enttäuschter sein, wenn mein Todesfluch Sie trifft«, sagte ich.

»Vielleicht, wenn Sie lange genug leben, um mich zu verfluchen«, räumte er ein. »Aber ich bin bereit, dieses Risiko einzugehen.«

Ich ließ den Blick auf der Suche nach einem Ausweg durch den Raum schweifen, aber Auswege schienen rar gesät. Der Bursche auf dem hohen Barhocker beobachtete einen Mann, der an einem Tisch ganz in seiner Nähe Karten austeilte. Die Cowboys interessierten sich viel mehr fürs Trinken und für ihren Spaß als für das, was für sie wie ein Beziehungsstreit zwischen einer Frau und ihrem Gatten, den aus diesem Sündenpfuhl nach Hause zu zerren sie gekommen war, aussehen musste. Selbst der Hilfssheriff an der Tür war verschwunden, sein Stuhl war leer.

Ah.

Ich wandte mich an den Deutschen und sagte: »Na schön. Reden wir anderswo weiter.«

»Ich glaube, Sie verkennen den Ernst der Lage, Wächterin«, entgegnete der Deutsche, als wir uns in Bewegung setzten. »Ich habe nicht auf Ihre Zustimmung gewartet. Ich habe Sie lediglich über die Ihnen offenstehenden Optionen informiert.«

Bei diesen Worten zuckte ich leicht zusammen und sah ihn ängstlich an. »Was haben Sie mit mir vor?«, fragte ich.

»Nichts Gutes«, sagte er, und in seinen Augen glitzerten Wahnsinn und so etwas wie Hunger. Dann runzelte er die Stirn, als er bemerkte, dass seine letzten Worte in einer tiefen Stille erklungen waren, weil die Musik und das Stampfen aufgehört hatten.

In diese Stille hinein ertönte ein mechanisches Klicken, das mir in diesem Augenblick ungeheuer bedeutungsschwer vorkam.

»Mister«, sagte der schlaksige Hilfssheriff. »Sie geben mir jetzt sofort diese Taschenwaffe, sonst ist Ihr nächster Hut ein paar Nummern kleiner.«

Der Hilfssheriff war lautlos hinter ihn getreten und hatte seinen Revolver in weniger als dreißig Zentimetern Abstand auf den Hinterkopf des Deutschen gerichtet.

Ich ließ die Angst aus meiner Miene weichen und lächelte süßlich zu meinem Häscher empor.

Der Deutsche erstarrte, plötzlich loderte Zorn in seinem Blick, als ihm klar wurde, dass ich ihn abgelenkt hatte, genau wie seine Spießgesellen mich. Der Derringer drückte härter gegen meine Rippen, als er den Kopf leicht in Richtung des Hilfssheriffs drehte. »Haben Sie irgendeine Ahnung, wer ich bin?«

»Hmm«, machte der Hilfssheriff gelassen. »Sie sind der Typ, der jetzt ganz ruhig mit mir kommen oder Blei im Kopf haben wird.«

Der Deutsche verengte die Augen zu Schlitzen und knirschte mit den Zähnen.

»Er fragt Sie nicht nach Ihrer Zustimmung«, sagte ich. »Er legt Ihnen lediglich Ihre Optionen dar.«

Der Deutsche fluchte in seiner Muttersprache. Dann nahm er den kleinen Revolver von meiner Seite weg und hob ihn langsam über seinen Kopf.

Der Hilfssheriff nahm die Waffe an sich, und seine eigene bewegte sich dabei keinen Millimeter.

»Das wird Ihnen noch leidtun«, sagte der Deutsche. »Für wen halten Sie sich eigentlich?«

»Mein Name ist Wyatt Earp«, antwortete der Hilfssheriff, »und ich schätze, ich bin das Gesetz.«

***

Earp brachte den Deutschen ins Sheriffbüro der Stadt, das südlich der Gleise lag und in dem es zwei Gefängniszellen mit eisernen Gitterstäben gab. Ich führte Karl neben den beiden her, und der Nöck benahm sich ausnahmsweise und spielte seine Pferderolle perfekt, als ich ihn vor dem Büro an einem Pfosten festband.

»Hilfssheriff«, sagte ich, als wir das Gebäude betraten. »Ich glaube, Sie erkennen die Gefahr nicht.«

Earp reichte mir seine Laterne und nickte in Richtung eines Hakens an der Wand. Ich hängte sie auf, während er den Deutschen in eine der Zellen brachte, ohne ein einziges Mal die Waffe zu senken. Er ließ ihn sich mit beiden Händen an der Wand abstützen, durchsuchte ihn nach Waffen, nahm ihm ein kleines Messer ab und konfiszierte ruhig ein Amulett, das er an einem Lederband um den Hals trug.

»Inwiefern?«, fragte er ruhig. »Weil er ein Hexer ist? Meinen Sie das?«

Ich ertappte mich dabei, wie ich beide Augenbrauen hob. Üblicherweise hatten Autoritätspersonen sehr wenig Ahnung von der übernatürlichen Welt, ein Problem, das eigentlich stetig zu- statt abnahm.

»Ja«, sagte ich. »Genau das meine ich.«

Earp kam zu mir herüber und hielt mir das Halsband mit dem schlichten, runden Kupferamulett hin. Es trug als Gravur ein vertrautes Symbol: einen verzerrten, schrecklich elongierten Schädel, auf dessen Stirn ein schiefes, asymmetrisches Kreuz prangte.

»Thule-Gesellschaft«, murmelte ich.

»Mhm«, sagte er, als bestätige mein Wiedererkennen des Symbols seine Annahmen eher, als dass es ihn überraschte. »Ich schätze, das bedeutet dann wohl, dass Sie vom Weißen Rat kommen.«

Ich legte den Kopf schief und sah ihn an. »Ich bin Wächterin. Meine Güte, Sie sind gut informiert. Ich muss Sie fragen, woher Sie vom Rat wissen, Sir?«

»Venator«, sagte er schlicht. »Ich habe mein Amulett beim Kartenspiel verloren. Es obliegt Ihnen, mir zu glauben oder eben nicht.«

Die Venatori Umbrorum waren eine eigene Geheimgesellschaft, die sich mit Okkultismus befasste und unauffällig übernatürlichen Kräften entgegenarbeitete, die die Menschheit bedrohten. Zu ihr gehörten nur einige mittelmäßig begabte Magieanwender, aber sie war sehr mitgliederstark, was bedeutete, dass sie sehr viele Augen und Ohren hatten. Der Weiße Rat war schon lange mehr oder weniger eng mit der Gesellschaft verbündet – genau wie wir der Thule-Gesellschaft schon lange mehr oder weniger feindlich gesinnt waren, weil sie ihre Ressourcen dazu nutzte, übernatürliche Kräfte zum eigenen Vorteil einzusetzen.

Ich sah Earp nachdenklich an. Möglicherweise war er mit dem Deutschen im Bunde und spielte irgendein hinterhältiges Spiel. Aber das erschien mir unwahrscheinlich. Hätten er und der Deutsche meinen Tod gewollt, hätte Earp ihn einfach mit mir zusammen hinausgehen lassen können, ohne sich einzumischen.

»Ich glaube Ihnen«, erklärte ich schlicht.

»Diese Zelle verfügt über Schutzzeichen«, sagte Earp. »Von da aus kann er nicht viel unternehmen.« Kalt lächelnd sah er den Deutschen an. »Aber wenn Sie irgendwas probieren, macht das einen Haufen Lärm. Ich schätze, ich kann Sie fünf- bis sechsmal treffen, ehe Sie genügend Magie zur Verfügung haben, um jemandem wehzutun.«

Der Deutsche starrte Earp mit zusammengekniffenen Augen an, dann lächelte er plötzlich und schien sich zu entspannen. Er öffnet seinen Kragen, nahm die Krawatte ab und setzte sich auf die durchgelegene Pritsche der Zelle.

»Nnnngh«, sagte Earp leicht angewidert. Mit zusammengekniffenen Augen warf er einen Blick auf die Fenster des Gebäudes. Dann schaute er wieder mich an und sagte: »Wächterin, ja? Sie sind eine Gesetzesh…« Er schürzte die Lippen. »Sie tragen einen Stern.«

»Sowas in der Art«, antwortete ich.

»Was ich damit sagen will: Sie können kämpfen?«, sagte Earp.

»Ja«, bestätigte ich.

Er lehnte seinen schlaksigen Körper an die Wand neben dem Schreibtisch und wies mit dem Kinn auf den Deutschen. »Was meinen Sie?«

»Ich glaube, er hat vier Freunde«, sagte ich. »Alle magiebegabt. Haben Ihre Fenster Klappläden?«

»Ja.«

»Dann sollten wir sie schließen«, sagte ich. »Sie werden versuchen, ihn zu befreien.«

»Verdammt«, sagte er gedehnt. »Damit rechne ich auch. Vor Sonnenaufgang?«

Die dunklen Stunden waren für Amateure am besten geeignet, schwarze Magie anzuwenden, und zwar aus praktischen wie auch aus rein psychologischen Gründen. »Da bin ich mir fast sicher.«

»Was halten Sie davon?«

Ich kniff die Augen zusammen und antwortete: »Ich habe etwas dagegen.«

Earp nickte und sagte: »Wenn mich jemand mit Magie angreift, habe ich dem nicht besonders viel entgegenzusetzen. Können Sie etwas dagegen tun?«

»Ja.«

Earp musterte mich einen Augenblick, seine dunklen Augen schätzten mich ab. Dann schien er eine Entscheidung getroffen zu haben. »Wie wär’s, wenn ich die Läden zumache?«, schlug er vor. »Es sei denn, es wäre Ihnen lieber, wenn ich den Kaffee mache, wovon ich abrate.«

Ich erschauerte beim Gedanken an amerikanischen Kaffee. »Das übernehme ich«, sagte ich.

»Gut«, antwortete er. »Dann haben wir einen Plan.«

***

»Oh Mann«, meinte Earp ein paar Stunden später. »Diese ganze Warterei geht mir auf die Nerven. Aber das ist verdammt guter Kaffee, Miss Anastasia.«

Ich hatte ihn natürlich magisch verbessert. Die Bohnen waren nicht richtig geröstet und das Mahlwerk war zu grob gewesen. Einige der anderen Wächter betrachteten meine Kaffeekochzauber angesichts all der Dunkelheit in der Welt als alberne Zeitverschwendung, aber was wäre Magie schon wert, wenn man sie nicht einsetzen dürfte, um eine herrliche Tasse eines guten Getränks herzustellen?

»Seien Sie nur froh, dass Sie mich nicht gebeten haben, zu kochen«, sagte ich. »Das gehört nicht zu meinen Talenten.«

Earp stieß den Atem durch die Nase aus. »Sie sind nicht gerade besonders feminin, Ma’am, wenn ich das sagen darf.«

Ich lächelte ihn zuckersüß an. »Ich arbeite ja auch gerade.«

Er grunzte. »Dieser Typ, den Sie erwähnt haben, dieser Page?«

Ich nickte.

»Weswegen wird er gesucht?«

»Wegen dreifachen Mordes in Liverpool«, sagte ich. »Ein Mädchen, auf das er stand, und dessen Eltern.«

»Schätze, sie hat seine Zuneigung nicht erwidert«, kommentierte Earp. »Hat er sie erschossen?«

Ich schüttelte den Kopf und unterdrückte beim Gedanken an den Tatort einen Schauer. »Er hat ihnen die Augen und Zungen ausgerissen«, sagte ich. »Dann hat er noch ein paar andere Dinge getan, während sie blind und blutend dalagen.«

Earps Blick flackerte. »Ich kenne solche Typen.« Er sah den Deutschen an.

Der Deutsche saß noch immer an derselben Stelle wie Stunden zuvor. Der Mann hatte die Augen geschlossen – aber er lächelte leise, als sei er sich bewusst, dass Earps Blick auf ihm ruhte.

Earp wandte sich mir wieder zu. »Was wird aus Mr Page, wenn Sie ihn haben?«

»Wir werden ihn vor Gericht stellen und dann, so vermute ich, für seine Verbrechen enthaupten.«

Earp betrachtete die Fingernägel seiner rechten Hand. »Ein richtiger fairer Prozess?«

»Die Beweislage ist ziemlich eindeutig«, sagte ich. »Aber trotzdem: ein ziemlich fairer Prozess.« Earp senkte die Hand wieder. In einer ganz natürlichen Bewegung legte sie sich auf den Griff seiner Waffe. »Ich hoffe, dass mir nie ein fairer Prozess droht«, kommentierte er.

Ich wusste, was er meinte. Manchmal war es mir egal, was ich hatte tun müssen, um mit diversen menschlichen und weniger menschlichen Monstern fertig zu werden. Earp hatte vermutlich auch seinen Teil an Schrecklichem gesehen und die Drecksarbeit machen müssen, die erforderlich war, um manche Bedrohungen aus der Welt zu schaffen.

»Ich glaube, wenn wir hier fertig sind, würde ich Sie gerne mal zu einem netten Essen einladen. In Ihrer Freizeit.«

Ich ertappe mich bei einem Lächeln.

Ich war eine attraktive Frau, das ist die schlichte Wahrheit, keine Prahlerei. Ich kleidete mich gut, achtete auf mich und war es gewohnt, dass mir Menschen beiderlei Geschlechts, die meine Gesellschaft genossen, ihre Aufmerksamkeit schenkten. Das hatte ich früher sehr genossen und mich daran erfreut, doch neuerdings empfand ich es eher als lästig.

Aber Earp war interessant, und sein schlanker Körper, seine ruhige Art zu sprechen und sein Selbstvertrauen machten ihn sehr anziehend.

»Vielleicht«, sagte ich. »Wenn ich es beruflich einrichten kann.« Earp schien damit zufrieden und schlürfte seinen Kaffee.

***

Die Stadt lag schwarz und schweigend da, selbst die Saloons, als die Nacht in die stillen, kühlen Stunden der Finsternis und der tiefen Ruhe unmittelbar vor dem ersten Morgengrauen überging.

Die Geisterstunde.

Wir beide hörten die Schritte, die sich der Vordertür des Sheriffbüros näherten. Earp hatte sich einen zweiten Revolver umgeschnallt, einen dritten in Reichweite auf dem Schreibtisch liegen und erhob sich von seinem Stuhl, um eine abgesägte Schrotflinte zu ergreifen, deren Läufe nicht einmal mehr dreißig Zentimeter lang waren.

Meine eigenen Waffen waren genauso einsatzbereit, wenn auch weniger auffällig als Earps. Ich hatte rasch einen Kreidekreis auf den Boden gezeichnet, den ich jederzeit als Bollwerk gegen feindliche Magie mit Energie erfüllen konnte. Das Schwert an meiner Seite vibrierte vor Kraft, die ich im Laufe des Abends hineingespeist hatte, und war bereit, jegliche Fäden zu durchtrennen, die feindliche Zauber zusammenhielten. Außerdem hatte ich einen Schildzauber vorbereitet, der Angriffe auf meine Gedanken und Gefühle verhindern sollte.

Natürlich hatte ich auch meinen Revolver zur Hand. Magie war ja gut und schön, aber Kugeln waren oft schneller.

Direkt vor der Tür verklangen die Schritte. Dann klopfte jemand höflich an.

Earp verzog angewidert das Gesicht. Er ging zur Tür und öffnete ein kleines Fensterchen darin, ohne sich der Person draußen zu zeigen. Außerdem richtete er die Schrotflinte auf die Tür, etwa in Bauchhöhe desjenigen, der da draußen stand.

»Abend«, sagte Earp.

»Guten Abend«, antwortete eine Männerstimme von draußen. Er hatte einen britischen Akzent, klang nach Oberschicht, und der Mann hatte ein angenehmes Tenortimbre. »Kann ich bitte mit Mr Wyatt Earp sprechen?«

»Tun Sie bereits«, sagte Earp gedehnt.

»Mr Earp«, sagte der Brite, »ich bin gekommen, um Ihnen einen Vorschlag zu machen, der uns beiden Unannehmlichkeiten in naher Zukunft ersparen wird. Sind Sie bereit, mir zuzuhören?«

Earp sah mich an.

Ich zuckte die Achseln. Einerseits lohnte es sich immer, sich Möglichkeiten anzuhören, wie man Kämpfe vermeiden konnte. Andererseits bezweifelte ich, dass ein Mitglied der Thule-Gesellschaft ein ehrlicher Verhandlungspartner war. Tatsächlich wich ich ein paar Schritte zur Rückwand des Gebäudes zurück, um zu lauschen, ob es sich um ein Ablenkungsmanöver handelte.

Earp nickte zustimmend.

»Ich sage Ihnen was«, wandte er sich an den Briten. »Ich stelle mich hier hin und zähle leise bis zwanzig, dann fange ich an zu schießen. Wenn Sie bis dahin etwas Interessantes gesagt haben, können wir vielleicht ein Powwow machen.«

Es folgte eine Sekunde verblüffter Stille, dann fragte der Brite: »Wie schnell zählen Sie?«

»Ich habe schon angefangen«, sagte Earp. »Sie tun sich gerade keinen Gefallen.«

Der Brite zögerte einen Augenblick, dann sagte er ruhig, wenn auch etwas gehetzt: »Bei allem Respekt, diesen Kampf können Sie nicht gewinnen, Mr Earp. Ohne die Anwesenheit der Wächterin würde dieses Gespräch gar nicht stattfinden. Ihr Hiersein bedeutet, dass wir uns möglicherweise mit Ihnen anlegen müssen, um zu bekommen, was wir wollen, statt es uns einfach zu nehmen – doch das würde sicher viel Aufmerksamkeit von der Sorte erregen, die Ihresgleichen gerne vermeidet, und zahllose Unschuldige in Gefahr bringen."

Earp hörte dem Mann aufmerksam zu und korrigierte die Zielrichtung seiner Schrotflinte ein wenig.

»Um das zu vermeiden, werden Sie unseren Gefährten unversehrt freilassen. Wir werden Dodge City sofort verlassen. Sie und die Wächterin werden bis zum Morgenrot im Sheriffbüro bleiben. Als zusätzlichen Anreiz würden wir dafür sorgen, dass die neuen Auflagen für das Etablissement Ihres Freundes Mr Shorts aus den Stadtverordnungen gestrichen werden.«

Bei diesen Worten grunzte Earp.

Ich sah ihn mit hochgezogener Braue an. Er hob eine Hand und schüttelte leicht den Kopf, um mir zu bedeuten, dass er mir das später erklären würde.

»Nun, Mr Earp?«, fragte der Brite. »Können wir, wie Sie es so prägnant ausgedrückt haben, ein Powwow machen?«

Etwas Hartes schlich sich in Earps Blick. Er sah mich an. Ich zog meinen Revolver.

Daraufhin grinste er so breit, dass ich trotz des Schnurrbarts einige seiner Zähne sah. Er hob den Kopf und zählte: »Achtzehn. Neunzehn …«

Der Brite sagte mit harter Stimme, die bedrohlich klingen sollte, was allerdings durch die Eile, mit der sich von der Tür zurückzog, etwas untergraben wurde: »Entscheiden Sie sich im Laufe der nächsten halben Stunde. Sie kriegen keine zweite Chance.«

Ich wartete einen Augenblick, dann sah ich Earp erneut mit hochgezogener Braue an. »Ich vermute, Sie fanden seine Bedingungen attraktiv?«

Earp senkte die Schrotflinte, entspannte sie und kniff nachdenklich

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