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Janus: Phantastischer Roman aus der Eifel
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eBook329 Seiten4 Stunden

Janus: Phantastischer Roman aus der Eifel

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Über dieses E-Book

Bei einer Haushaltsauflösung findet der Trödler Anton Wierich eine Statuette der römischen Gottheit Janus. Während sein Sohn von der Gestalt mit den zwei Gesichtern sichtlich begeistert ist, findet seine Frau sie abstoßend. Wierich kann die Abneigung seiner Frau gar nicht verstehen, denn er selbst ist regelrecht verliebt in seinen Fund.
Schon bald kommt es zu Spannungen in seiner Familie, und seltsam bedrohliche Dinge ereignen sich, in deren Mittelpunkt immer wieder die Janusfigur steht. Was verbirgt sich wirklich hinter dieser römischen Antiquität?
Anton Wierich beginnt, Nachforschungen über ihre Herkunft anzustellen und stößt auf eine Spur, die über Trier und Köln nach London führt und ein uraltes, entsetzliches Geheimnis offenbart. Und da ist noch jemand, der auf der Jagd nach diesem Wissen ist - jemand, der geradewegs aus dem tiefsten Schlund der Hölle zu kommen scheint ...
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum31. Juli 2019
ISBN9783954415076
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    Buchvorschau

    Janus - Michael Siefener

    Epilog

    1. Kapitel

    Die Dunkelheit ging ihm voraus. Sie folgte ihm, sie hüllte ihn ein. Er fühlte sich, als sei er selbst diese Dunkelheit. Sie umlagerte ihn seit … seit damals, und es gab nur einen einzigen Weg, ihr zu entkommen.

    Er war müde, und seine Maske war verrutscht, aber er machte sich nicht die Mühe, sie wieder zurechtzurücken. Der Portier sah ihm in die Augen und erkannte die Finsternis, die in ihnen lag. Er zitterte, als er dem neuen Gast den Zimmerschlüssel aushändigte, und wandte rasch den Blick von ihm ab.

    Sofort ging er nach oben, über eine dunkle Treppe, durch einen dunklen Korridor, und doch erkannte er alles überaus deutlich. In wie vielen solcher Hotels war er auf seiner langen Suche bereits gewesen, wie vielen Spuren war er bereits gefolgt, wie viele Enttäuschungen hatte er schon erlebt?

    Das Zimmer war wie alle anderen: ein Tisch, ein Bett, ein Sessel, und sogar der Ausblick aus dem Fenster schien überall der gleiche zu sein. Eine Ansammlung von Dächern, der Wald in der Ferne, ein Himmel, durch den die Wolken wie Schlieren einer zähen Flüssigkeit zogen. Er legte seinen bescheidenen Koffer auf das Bett, packte nur das Nötigste aus und stellte ihn dann in den Kleiderschrank.

    Ein Düsenjäger donnerte über die kleine Stadt hinweg. Er erinnerte sich daran, dass Spangdahlem nicht weit entfernt lag – der Luftwaffenstützpunkt der Amerikaner. Der Lärm hatte etwas Gewalttätiges an sich – todbringender Lärm.

    Er wartete, bis die Dämmerung einsetzte, dann ging er nach draußen. Nun fühlte er sich nicht mehr so einsam und fremd. Nun war seine Dunkelheit ein Teil der Dunkelheit in dieser Stadt.

    Ein Hund bellte ihn an. Als er einen Schritt auf das Tier zuging, wich es so heftig zurück, dass es sein Herrchen an der Leine mit sich zog. Das Herrchen warf ihm einen entsetzten Blick zu, kniff die Augen zusammen, als könne es ihn nicht richtig erkennen. Er musste lächeln. Ging weiter.

    Bei jedem Schritt spürte er die Nadeln, die Stacheln. Es bedurfte besonderer Ablenkungen, um sie vergessen zu machen. Kurz schloss er die Augen und atmete tief ein. Er hatte die Spur aufgenommen, das spürte er durch die Nadeln und Stacheln hindurch.

    Die Buchhandlung hatte noch geöffnet. Er betrat sie, schaute sich um. Liebesromane, historische Romane, unheimliche Romane. Kranke Welten.

    »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte eine sanfte Stimme hinter ihm, die weder männlich noch weiblich zu sein schien.

    »Vielleicht«, sagte er und drehte sich um.

    Hinter ihm stand ein junger Mann mit blondlockigen Haaren und unglaublich langen Wimpern und grinste. Einen Augenblick lang hatte er den Eindruck, dieses Grinsen zu kennen. Nur zu gut zu kennen!

    Am liebsten hätte er dem jungen, weibischen Mann das Grinsen aus dem Gesicht geprügelt, doch er sagte mit liebenswürdiger, sanfter Stimme: »Ich suche kein Buch, sondern eine Information. Ich habe erfahren, dass Ihre Buchhandlung einem gewissen Jakob Thaddeus gehört, und ich würde gern einmal mit diesem Herrn sprechen.«

    Der junge Mann sah ihn verwundert an, kniff dann die Augen zusammen wie vorhin das Herrchen. Und genau wie der Hund wich er ein paar Schritte vor dem seltsamen Kunden zurück. »Herr Thaddeus kommt nur noch selten in die Buchhandlung. Er arbeitet meistens von zu Hause aus.«

    »Er ist ein Sammler römischer Altertümer, nicht wahr?«

    Der junge Mann keuchte auf, als würde ihm etwas die Brust zuschnüren. »Ja …«

    Der Mann grinste. »Bitte geben Sie mir seine Adresse.«

    »Ich weiß nicht …«

    »Bitte!«

    Eine Viertelstunde später stand er vor dem Haus des Buchhändlers. Als der alte Mann ihm öffnete, hielt sich der Fremde nicht mit langen Vorreden auf. Er drängte Thaddeus in die Diele seines Hauses zurück, verriegelte die Tür und fragte den alten Mann nach einem bestimmten Artefakt aus seiner Sammlung. Als dieser keine Antwort gab, fesselte er ihn an einen Stuhl, nahm den Schürhaken von dem schmiedeeisernen Ständer neben dem offenen Kamin, in dem ein Feuer loderte, brachte das Werkzeug zum Erglühen und verhalf damit seiner Frage zu einigem Nachdruck.

    »Gestohlen!«, schrie der alte Mann unter Schmerzen.

    »Das glaube ich nicht.«

    »Aber es ist die Wahrheit!«

    Auch die weitere Folter bewirkte keine andere Antwort. Als er mit dem alten Mann fertig war, war dieser kaum mehr als eine stinkende, an vielen Stellen verkohlte, blutende Masse schlaffen Fleisches.

    Stunden später stand er wieder draußen auf der dunklen Straße. Er hatte nicht gefunden, wonach er gesucht hatte.

    Doch er würde nicht aufgeben.

    Er konnte es nicht. Die Nadeln und Stacheln wüteten in seinem Blut.

    Wenigstens fühlte er sich jetzt besser. Er stürzte sich in die Finsternis der endlosen Nacht.

    »Es war wirklich furchtbar«, sagte der hagere der beiden ungleichen Brüder und strich sich eine lange, graue Haarsträhne aus dem faltigen Gesicht.

    »Ja, ganz furchtbar«, bestätigte der andere und schüttelte den Kopf so heftig, dass sein mächtiges Doppelkinn bebte. Im Gegensatz zu seinem Bruder war er kahlköpfig, und das Fett an Hals und Wangen bildete Wülste, die den Eindruck erweckten, als sei er mit Bratwürsten behangen. Vermutlich hatte er seinem Bruder schon an der Mutterbrust die Nahrung weggenommen, dachte Anton Wierich belustigt und drehte sich um, damit er beim Anblick der beiden älteren Männer nicht doch noch in Lachen ausbrach.

    Er stand in einem großen Raum mit schäbiger, verblichener Blumentapete, die sich in den Ecken gelöst hatte und wie verwelkte Blüten in den Raum hineinhing. Große, helle Stellen an den Wänden deuteten an, wo Möbel gestanden und Bilder gehangen hatten. Zwischen den beiden Sprossenfenstern befand sich auf etwa halber Höhe ein dunkler Fleck an der Wand, von dem aus ein paar Schlieren nach unten und über den abgetretenen Teppichboden liefen, bis sie wie mit dem Beil abgehackt aufhörten.

    Der Dicke bemerkte, dass Anton auf den Fleck und die Schlieren starrte, und meinte: »Wir haben ihn in den Teppich eingerollt und dann im Wald verbuddelt. Armer Kerl. Ganz furchtbar.«

    »Wirklich furchtbar«, bekräftigte der Hagere.

    Anton sah die beiden wieder an. Nun fand er sie keineswegs mehr lustig. Er wünschte sich, er wäre nicht hergekommen. Außerdem schien er mal wieder zu spät zu sein.

    Als hätte der Dicke seine Gedanken gelesen, sagte er: »Leider war der Andrang ziemlich groß, aber es ist trotzdem noch ein wenig da. Das Haus ist schon verkauft, und bis zum Ende des Monats muss es leer sein. Kommen Sie bitte mit.«

    Er führte Anton Wierich durch eine offen stehende Tür in den angrenzenden Raum, in dem sich noch ein überdimensionierter Kleiderschrank aus der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende befand; das dazugehörige Bett war bereits abtransportiert.

    Der Hagere, der wie ein Schatten hinter Anton hergehuscht war, lief nun an ihm vorbei und öffnete die rechte Schranktür. Gestärkte weiße Laken lagen auf dünnen, leicht durchgebogenen Holzböden, die mit Papier ausgelegt waren, das der Tapete im vorigen Zimmer glich. »Vielleicht können Sie ja etwas damit anfangen«, meinte der hoch aufgeschossene, faltige Mann und zuckte entschuldigend die Achseln.

    »Nur Bettwäsche?«, fragte Anton ungläubig. »Was ist denn mit der Mitteltür passiert?« In ihr klaffte ein großes, unregelmäßig gezacktes Loch.

    Der Hagere stellte sich davor und lächelte Anton entschuldigend an. »Das ist der Grund, warum der schöne Schrank keinen Liebhaber gefunden hat. Und auch nicht die Sachen in ihm.« Er seufzte und fuhr mit seinen spinnenartigen Fingern über das gemaserte Walnussholz. »Ich kann Ihnen aber versichern, dass die Bettwäsche rechts und links von ausgezeichneter Qualität ist. Garantiert mindestens achtzig Jahre alt und nicht verschlissen. Wo bekommt man heute denn noch so etwas?«

    Der Dicke drückte seinen Bruder beiseite, sodass das Loch wieder deutlich sichtbar wurde. »Schrot«, sagte er. »Den Kater hatte er im Wohnzimmer noch mit dem Gewehrkolben erschlagen, nachdem er das Tier zwischen die Fenster gebunden hatte. Den Fleck haben Sie ja vorhin gesehen. Aber seine Frau …«

    Anton schluckte. Es war wirklich keine gute Idee gewesen, zu dieser Wohnungsauflösung zu gehen. Er hatte gehört, dass es hier zu einer schrecklichen Tragödie gekommen war, aber ihr genaues Ausmaß war ihm unbekannt gewesen. Er hatte sich bloß erhofft, für sein Geschäft ein paar preiswerte, gute Stücke zu ergattern, die er auf den vielen Trödelmärkten in der Umgebung mit großem Gewinn verkaufen konnte. Aber er war wieder einmal zu spät gekommen. Seine gierigen Kollegen hatten ihm die besten Sachen – alle Sachen mit Ausnahme der dämlichen Bettwäsche – vor der Nase weggeschnappt. Was wohl Karla sagen würde, wenn sie von diesem Desaster erfuhr?

    »… hat sie in den Schrank gesperrt«, hörte er die Stimme des Dicken wie durch Watte. Seine Enttäuschung hatte ihn eingehüllt, eingesponnen in sein Versagen, das ihm Karla gegenüber äußerst peinlich war. Schließlich war sie es gewesen, die ihm die Annonce unter die Nase gehalten hatte. Er hatte abgewinkt, weil er keine Lust gehabt hatte, von Bettenfeld bis nach Dasburg in der Südeifel zu fahren, nur um möglicherweise dort herauszufinden, dass das Angebot bei dieser Haushaltsauflösung aus unvollständigen Kaffeeservices, angeschlagenen Vasen und fettigen Häkeldeckchen bestand – und aus Bettwäsche. Dem geplünderten Zustand des Hauses nach zu urteilen, hatte er sich jedoch mächtig geirrt.

    »Halt den Mund!«

    Anton zuckte zusammen.

    Der Hagere sah seinen Bruder erbost an.

    »Schämst du dich etwa für Onkel Darius?«, fragte dieser. »Glaubst du, er hat auch deine ach so weiße Seele befleckt?«

    »Dir ist nichts heilig!«

    »Soll mir etwa ein Mann heilig sein, der zuerst seine Katze zu Brei schlägt, dann seine Frau in den Kleiderschrank sperrt und mit einer Schrotflinte auf sie ballert, bis von ihr nur noch Fetzen übrig sind? Und der dann das Gewehr nachlädt, sich auf sein Bett hockt, den Gewehrlauf in seinen Mund schiebt und es mit einer grotesken Verrenkung fertig bringt, abzudrücken? Ist das etwa heilig?«

    Anton drehte es den Magen um. Verstohlen lugte er hinüber zu dem unregelmäßig gezackten Loch in der mittleren Schranktür. Die Vorstellung, dass dahinter eine Frau gehockt hatte und … er schloss die Augen. Fast glaubte er die Schüsse zu hören.

    Und die Schreie der Frau.

    Wie kalt es in diesem Zimmer war. Vorhin hatte er das gar nicht empfunden. Der Herbst kroch durch die Ritzen der Fenster und Türen, wehte vom Dachstuhl herunter, umschmiegte das Haus.

    »Sei endlich still! Wer hat denn Onkel Darius immer so vergöttert?«, höhnte der Hagere. »Wer war denn sein Lieblingsneffe? Ich habe den Eindruck, du bewunderst ihn immer noch – sogar für diese Tat! Du hast ja nie etwas für Tante Mathilde übrig gehabt!«

    »Gibt es denn im ganzen Haus nichts anderes mehr, das Sie mir zeigen könnten?«, versuchte Anton sie abzulenken. Er wollte bloß aus diesem Zimmer verschwinden. Nun, da er wusste, was sich hier abgespielt hatte, war ihm, als wisperten ihm die Schatten in den Ecken ungeheure Dinge zu, als läge noch ein Laken aus schwarzem Entsetzen schwer über den Anwesenden in diesem Raum, als dringe aus dem Mauerwerk, aus dem Boden und dem Schrank etwas Ungreifbares, Körperloses, das ihm die Haare zu Berge stehen ließ.

    »Ihre Kollegen haben schon fast alles andere geholt. Aber ich glaube, auf dem Speicher sind noch ein paar Sachen. Die meisten haben sich nicht hinaufgetraut; sie waren schon mit dem zufrieden, was sie hier unten gefunden haben.«

    Anton stellte sich vor, wie diese Hyänen von Trödlern silberne Kandelaber, Renaissancestühle, gotische Truhen, Inkunabeln und Elfenbeinminiaturen zu lächerlichen Preisen aus dem Haus geschleppt hatten. Obwohl er genau wusste, dass es wohl kaum so gewesen sein konnte, ärgerte er sich doch über seine Nachlässigkeit. »Ich würde mich gern auf dem Speicher umsehen«, sagte er.

    »Bitte hier entlang«, sagte der Hagere und schenkte seinem unförmig fetten Bruder einen vernichtenden Blick. Er führte Anton in eine kleine Diele vor dem Schlafzimmer, das im ersten Stock lag. Mit einem langen Stab, der auf dem Treppenabsatz gestanden hatte, zog der Mann eine Klappe in der Decke auf, aus der rasselnd eine Fallleiter herabrutschte. »Ich gehe vor. Martin wird wohl hier unten auf uns warten müssen, denn sonst bricht die Leiter zusammen.« Der Hagere grinste seinen Bruder böse an.

    »Warum bist du so gemein zu mir?«, grunzte der Dicke und fuhr sich mit der Hand über den schweißnassen Nacken.

    Seltsam, dachte Anton, ihm scheint sehr heiß zu sein, und ich friere, als stünde ich nackt im Winterwald.

    Der Hagere war bereits fast lautlos die Leiter hochgehuscht, bückte sich über die Öffnung und winkte Anton herauf. Dabei grinste er den Trödler an.

    Anton drängte sich die unangenehme Vorstellung auf, dass dieser Mann, der nun wie ein Kobold wirkte, ihn in den düsteren Verschlag locken wollte, um dort schreckliche Dinge mit ihm anzustellen. Ganz kurz packte ihn das Verlangen, umzukehren und aus dem Haus zu laufen, doch die Hoffnung darauf, dort oben vielleicht doch noch etwas zu finden, was seine weite Reise rechtfertigte, trieb ihn schließlich dazu, über die wacklige Leiter hoch auf den Dachboden zu steigen.

    Er hielt sich an den beidseitigen dünnen Rohrstangen fest, die gleichzeitig mit der Leiter aus dem Dach gefallen waren, und schritt vorsichtig die schwankenden Stufen empor. Er tauchte ein in einen See aus Zwielicht; es war wie das Ertrinken in einem unter dem Himmel hängenden Meer aus Schatten. Anton schnappte nach Luft. Es war stickig hier, dunstig, und es roch feucht. Irgendwo vor ihm rasselte etwas. Er fuhr zusammen. Ein Lichtbalken wurde in die Düsterkeit gestoßen. Offenbar hatte der Hagere eine Dachluke geöffnet.

    »Sehen Sie sich nur um.« Es klang beinahe wie eine Drohung.

    Nach einiger Zeit gewöhnten sich Antons Augen an das ungewisse Licht. Er erkannte Formen und Umrisse, die er jedoch noch nicht identifizieren konnte. Langsam machte er den letzten Schritt auf den Boden und zog den Kopf ein. Hier vermochte er kaum aufrecht zu stehen, und das steil zu beiden Seiten abfallende Dach erlaubte es ihm nicht, bis in die Ecken zu kriechen und diese zu untersuchen. Außerdem reichte dazu das Licht noch immer nicht aus.

    Von unten drang ein seltsames Geräusch herauf. Es war ein Schnaufen, ein Grunzen, vermischt mit Stöhnen und Jammern. Dann hörte Anton, wie die schwere Haustür heftig aufgerissen und kurz darauf zugeschlagen wurde. Nun war unten alles wieder still.

    Der Hagere stand in gebückter Haltung an die Stirnwand des Dachbodens geschmiegt. Es sah aus, als verharre er in Anbetung. Er hatte sogar die Hände gehoben. Doch er sagte nur: »Das ist alles.«

    Anton schaute sich um, so gut es eben ging. Dabei entdeckte er nichts, was es wert gewesen wäre, mitgenommen zu werden: Holzbohlen, ein zersplitterter Spiegel, die Rückwand eines Schranks, eine Truhe ohne Deckel, die überdies vollkommen leer war, ein Fahrrad, bei dem Sattel und Hinterrad fehlten, und dergleichen mehr. Anton seufzte. Es war doch umsonst gewesen. »Ich glaube, das ist nichts für mich«, sagte er traurig, drehte sich um und betrat wieder die Leiter.

    Der Hagere stand noch immer in gebeugter, erstarrter Haltung da. »Wie Sie meinen. Es tut mir leid.«

    Anton kletterte die wackelige Leiter hinunter und war froh, als er wieder in der Diele des ersten Stocks stand. Flink folgte ihm der Hagere.

    »Dürfte ich mir den Inhalt des Kleiderschranks einmal genauer ansehen? Vielleicht kann ich ja mit der Wäsche doch etwas anfangen«, meinte Anton. Es war seine letzte Chance – zugegeben keine sehr große.

    Der Mann verneigte sich vor ihm, ging die Treppe hinunter und warf zunächst einen Blick in die übrigen Räume, bevor er Anton wieder ins Schlafzimmer führte. »Mein Bruder scheint es nicht ausgehalten zu haben. Er war schon immer schwach.«

    »Manchmal haben die Schwachen mehr vom Leben, weil sie ihren Ängsten und Süchten nachgeben, anstatt sie zu bekämpfen«, sagte Anton und wunderte sich sogleich, warum er solch seltsame Widerworte gab.

    »Wollen Sie diesen Taugenichts etwa verteidigen?«, fragte der Hagere. »Sie kennen ihn doch gar nicht. Und Sie kennen mich nicht. Kennen Sie sich selbst?« Sein Grinsen war wie eine Maske des Hohns. Er riss die rechte und die linke Tür des Kleiderschranks auf, und als er auch die mittlere öffnen wollte, hielt Anton ihn zurück.

    »Nein«, sagte er, »dahinter … kann doch nichts mehr …«

    »Dahinter ist mehr, als Sie für möglich halten.« Er zog bereits an dem Messingknauf.

    »Bitte nicht!« Fast hatte Anton geglaubt, hinter dem ausgefransten Loch eine Bewegung gesehen zu haben.

    Der Hagere zuckte die Achseln und riss nur die beiden Seitentüren auf. »Bestes Leinen. Nehmen Sie es mit, ich schenke es Ihnen«, sagte er. »Weil ich Sie mag.« Seine Miene drückte das Gegenteil aus.

    Rasch machte sich Anton daran, den Schrank leerzuräumen. Karla würde ihn auslachen, wenn er mit diesen Laken, Tischdecken und Kopfkissenbezügen ankam, doch man konnte sie vielleicht noch als Putzlappen gebrauchen. Wenn sie nur nicht so makellos weiß gewesen wären.

    Der Mann schaute Anton eine Weile zu, ohne dem Trödler seine Hilfe anzubieten, und sagte schließlich: »Machen Sie ruhig weiter. Ich bin gleich wieder da.« Mit diesen Worten verließ er das Zimmer.

    Anton hörte, wie abermals die Haustür geöffnet wurde. Nun war er allein – allein mit den Geistern in diesem schwarzen Haus. Er ertappte sich dabei, dass er immer wieder hinüber zu dem schrecklichen Loch im Schrank lugte. Nein, dort bewegte sich nichts. Wirklich nicht.

    Als er die Laken auf dem obersten Bord an der rechten Schrankseite herausziehen wollte, berührten seine Fingerspitzen etwas, das eindeutig kein Stoff war. Er tastete danach. Der Gegenstand fühlte sich rau und körnig an, fast wie erstarrter Sand. Anton runzelte die Stirn, schob die Laken ein wenig zur Seite und zog seine Entdeckung langsam hervor. Als er sich auf die Zehenspitzen stellte, konnte er sie deutlicher sehen.

    Ihm stockte der Atem.

    Es war eine Tonfigur. Eine Statuette, etwa zehn Zentimeter groß und mit einem Durchmesser von ungefähr vier oder fünf Zentimetern. Römisch. Falls es kein Replikat war.

    Anton schaute sich um. Weder der Hagere noch der Dicke waren irgendwo zu sehen. Also würde er warten, bis einer der Brüder wiederkam. Diese Statuette musste er unbedingt haben. Ganz vorsichtig holte er sie aus dem Schrank und drehte sie langsam in seinen Händen hin und her. Nein, das war keine Nachahmung. Das war ein Original! Es war aus hellbraunem Ton und recht verwittert und stellte eine männliche Gottheit dar. Eine Gottheit mit zwei Gesichtern. Das eine Gesicht, das vordere, schaute finster drein; die angedeuteten Brauen bildeten ein V und stießen über der Nasenwurzel zusammen. Das hintere Gesicht war eine grinsende Fratze. Die Gestalt trug eine Toga, hielt einen Stab in der einen Hand und einen Schlüssel in der anderen und hatte keine Beine. Sie waren nicht während der Jahrhunderte verloren gegangen, sondern einfach nie da gewesen. Die Falten der Toga endeten in einem annähend kubischen Sockel.

    Anton hielt sich die Statuette dicht vor die Augen. Die beiden Gesichter ließen nur den Schluss zu, dass es sich hier um ein Abbild des römischen Gottes Janus handelte. Janus … der Gott des Torbogens, des Türdurchgangs, des Durchschreitens, des Eingehens in etwas Neues, der Gott des Anfangs, dem die ersten Stunden des Tages, die ersten Tage des Monats und der erste Monat des Jahres geweiht waren. Darstellungen dieser Gottheit waren sehr selten und tauchten kaum im Antiquitätshandel auf – und schon gar nicht bei Trödlern. Wenn er dafür einen zahlungskräftigen Käufer fand, konnte Anton ein kleines Vermögen machen. Doch zunächst musste er den ungleichen Brüdern die Statuette abkaufen, die seine oberflächlichen Kollegen allesamt übersehen hatten. Er konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen.

    Wo blieben die beiden bloß?

    Sicherlich hatten sie keine Ahnung von der Existenz dieses Schatzes. Was aber war, wenn sie zu viel Geld von Anton dafür haben wollten? Sein Bankkonto war fast geplündert; er hatte schon lange keine guten Geschäfte mehr gemacht. Nun war er der Erfüllung jenes Traums so nah, den er immer wieder geträumt hatte: einmal einen wunderbaren Fund zu machen, von dem er lange Zeit leben konnte. Zwischen Traum und Wirklichkeit standen nur die beiden Brüder.

    Und wenn er einfach …?

    So etwas durfte er nicht einmal denken. Er war ein ehrlicher Mensch – eigentlich zu ehrlich für seinen Beruf. Noch nie hatte er jemanden übers Ohr gehauen. Da waren viele seiner Kollegen aus anderem Holz geschnitzt. Wie oft schwatzten sie ahnungslosen Besitzern die größten Kostbarkeiten für einen Apfel und ein Ei ab, und wie oft verkauften sie Tand als angebliche Raritäten. Er dagegen …

    Anton schaute sich wieder um. Nein, das kam nicht infrage! Aber es wäre so einfach. Die beiden Brüder wussten sicherlich nichts von der Statuette, denn sonst hätten sie das wertvolle Stück schon längst verkauft. Außerdem waren sie Anton zuwider. Sie hatten nichts anderes verdient.

    Nein …

    Bevor er noch begriff, was er da tat, hatte er die römische Gottheit bereits zwischen den Stapel mit Laken gestopft, den er auf dem Boden aufgebaut hatte. Gerade als er sich wieder aufrichtete, quietschte die Haustür, und der Hagere und der Dicke kamen zurück.

    »Sind Sie fertig?«, fragte der Hagere und fuhr sich mit einer Geste der Ungeduld durch die grauen Haare.

    »Nehmen Sie Ihr Geschenk und gehen Sie, Sie Nachzügler«, sagte der Dicke und grinste schmierig.

    Nun gab es für Anton kein Zurück mehr. Er packte den Stapel und hoffte, dass die Statuette darin nicht ins Rutschen geriet. Kurz nickte er den beiden Männern zu und verließ ohne ein weiteres Wort das Haus. Sie hielten ihm sogar die Tür auf. Er legte den Stapel vorsichtig in seinem klapprigen VW Bully neben das Reserverad und sicherte ihn mit einem elastischen Seil. Dann warf er die Tür zu, schwang sich hinter das Lenkrad und fuhr langsam los.

    Schon kurz hinter Dasburg hielt er an, sprang aus dem Wagen, öffnete die Ladefläche und zog die Statuette zwischen den Laken hervor. Nicht auszudenken, wenn sie in einer Kurve herausrutschen und auf dem Blech des Wagenbodens zerschellen würde.

    Anton fuhr sanft mit den Fingern über die raue Oberfläche der Götterfigur. »Du bist mein Glück«, flüsterte er ihr zu. »Du bist meine Zukunft.« Beinahe zärtlich legte er sie auf den Beifahrersitz, holte von hinten die Laken und wickelte seinen Janus darin ein. Nun konnte ihm nichts mehr geschehen.

    Sein größter Traum war nun doch noch Wirklichkeit geworden.

    Glaubte er.

    2. Kapitel

    Anton freute sich auf Karla. Vor allem freute er sich auf die Verblüffung, die sie zeigen würde, wenn er ihr die Statuette des Janus unter die Nase hielt. Damit hatte er sicherlich einen besseren Fang als all seine Konkurrenten gemacht. Er hatte ja nicht einmal etwas für dieses einzigartige Relikt bezahlt! Doch er wollte noch ein wenig warten mit seiner Enthüllung; er musste erst eine Weile für sich sein, bevor er seinen Triumph mit Karla genoss.

    Anton bremste den alten VW kurz vor Bettenfeld ab und bog in die schmale Straße ein, die zum Parkplatz unterhalb des Windsbornkraters führte. Dort stieg er aus und atmete tief durch. Die kalte Oktoberluft drang ihm geradewegs in den Kopf und verschaffte ihm ein Gefühl der Leichtigkeit. Er schaute den Hang hoch, hinter dem der Kratersee lag, der einzige nördlich der Alpen. Auch hier hatte einst eine römische Villa gestanden. Wo das Götzenbild des Janus wohl gefunden worden sein mochte? Egal, völlig egal. Wichtig war nur sein Wert.

    Antons Blick glitt über die Flammenfarben der Bäume, über die schillernde Verwesung an den Ästen und Zweigen, die sich im Wind bogen – Gesten der Verneinung. Als würden die Bäume ihre Kronenköpfe schütteln angesichts des kleinen, unwürdigen Menschen, der da zu ihnen aufschaute.

    Anton schloss den Transporter ab und lief den steilen Pfad hinauf und in den Wald. Der Weg führte um den Mosenberg und den Windsborn herum, einen vulkanischen Doppelkegel mit bizarren Lava-Formationen, zwischen denen sich ein regelrechter Urwald aus Buchen, Fichten und Eichen eingenistet hatte. Überall brannte der Herbst, überall loderte

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