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Dunkle Schwestern: Phantastischer Roman aus der Eifel
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eBook340 Seiten4 Stunden

Dunkle Schwestern: Phantastischer Roman aus der Eifel

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Über dieses E-Book

Noch immer leiden die Geschwister Theresa, Boris und Natascha unter dem Verlust der Mutter, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Da verschwindet ihr Vater plötzlich spurlos. So sehr sie ihre verzweifelte Suche auch vorantreiben, was immer sie auch unternehmen, um ihn zu finden, er bleibt wie vom Erdboden verschluckt. Überraschende Hilfe finden sie bei einer Nachbarin. Irgendeine tief verwurzelte, alte Beziehung scheint zwischen ihr und der verstorbenen Mutter zu bestehen. Nach und nach offenbart sich den Kindern ein Familiengeheimnis, das für sie faszinierend und erschreckend zugleich ist. Es beginnt vor langer Zeit im Ermland und findet seinen gleichermaßen erschreckenden Abschluss im Ahrtal in der Eifel. Oder ist diese Familiengeschichte noch gar nicht zu Ende?
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum31. Juli 2019
ISBN9783954415007
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    Buchvorschau

    Dunkle Schwestern - Erika Kroell

    Oktober

    Sonntag, 30. Juni

    All my bags are packed, I’m ready to go …

    Die klare, melancholische Stimme versetzte Frederik um fünfzehn Jahre in die Vergangenheit zurück. Damals hatte er dieses Lied auf der Gitarre gespielt, und Carla war beim Refrain mit ihrer dunklen Altstimme eingefallen. Er drehte das Autoradio etwas lauter.

    Tess zog die Augenbrauen hoch und blickte ihren Vater überrascht an. Gewöhnlich meckerte er, wenn die Kinder die Musik zu laut machten. Sie lächelte, lehnte entspannt den Kopf gegen die Nackenstütze und lauschte. Bobby, der sich auf dem Rücksitz hinter ihr lümmelte, rollte die Augen und warf sich resigniert über die Sitzbank, schlug mit dem Kopf gegen den Kindersitz aus Hartplastik auf der anderen Seite des Fonds und stöhnte theatralisch.

    Fest in ihrem Kindersitz arretiert, beobachtete Natascha durch die Seitenscheibe den Verkehr auf der Überholspur. Rote Autos, schwarze Autos, silberne Autos. Nur ein gelbes bisher. Warum wollten die Leute nur kein gelbes Auto?

    So kiss me and smile for me, tell me, that you’ll wait for me …

    Frederiks Finger trommelten den Rhythmus auf das Lenkrad. Ein sanftes Lächeln glitt über sein Gesicht. Herrliches Wetter, Super-Musik, die Kinder stritten nicht – was wollte man mehr?

    Vor der Ausfahrt setzte er den Blinker. Tess sah ihn an.

    »Ich muss noch rasch Geld holen.« Frederik steuerte den Wagen auf die Ausfahrt zum Rastplatz Brohltal-West.

    Die Tankstelle des Rastplatzes ließ Frederik rechts liegen und steuerte direkt den weiter hinten gelegenen Rasthof an, lenkte den Wagen in eine freie Parkbucht und zog den Zündschlüssel ab.

    »Lass die Schlüssel hier, Papa, dann können wir weiter Musik hören«, bat Bobby.

    Frederik steckte den Schlüssel wieder ins Schloss und drehte ihn so weit, dass das Radio ansprang. Dann überprüfte er mit einem Blick in seine Brieftasche, ob die EC-Karte an ihrem Platz war, und stieg aus.

    »Bin gleich wieder da. Und spielt nicht mit dem Zündschlüssel ’rum, okay?«

    Die Kinder nickten gelangweilt.

    Kaum war die Fahrertür ins Schloss gefallen und Frederik auf dem Weg zum Geldautomaten, schoss Bobby durch die Lücke zwischen den Vordersitzen nach vorn und drückte auf den Sendersuchknopf des Radios. Bald löste Anastacias röhrende Rockstimme den seichten Denver-Blues ab, und Bobby fiel erleichtert ins Polster zurück.

    »Wo ist Papa hin?«, fragte Natascha, die aus einer Traumwelt zu erwachen schien und sich suchend umsah.

    »Geld holen.«

    »Kommt er bald wieder?«

    »Klar, in ein paar Minuten.«

    Beruhigt richtete Natascha den Blick wieder durch das Seitenfenster auf die Außenwelt. Viele Autos standen da auf dem Parkplatz. Aber kein gelbes. Sie schüttelte den Kopf. Warum wollte niemand ein gelbes? Sie versank wieder in eine tiefere Dimension ihrer kindlichen Gedankenwelt und versuchte, das Mysterium der Beziehung zwischen Menschen und gelben Autos zu ergründen.

    Jeder Mensch auf dem Parkplatz war ihrer Aufmerksamkeit wert. Sie beobachtete Leute, die aus den Autos stiegen und sich streckten, müde und angespannt vom langen Sitzen. Ein kleiner Junge mit blonden Haaren und fürchterlich vielen Sommersprossen rannte mit einem bunten Ball auf die Straße zwischen den Parkplätzen. Sein Vater schrie hinter ihm her und hob die Hand, um einen Wagen zu stoppen. Der Junge kümmerte sich nicht darum und lief zu einem Kinderspielplatz, der neben dem Rasthof lag.

    Aus einem großen, schwarzen Auto, das direkt neben ihrem geparkt hatte, stiegen zwei uralte Leute aus. Die Frau hatte hellblaue Haare, die in schönen Wellen um ihren kleinen Kopf lagen, der Mann gar keine. Natascha fragte sich, ob sie wohl auch zum Kinderspielplatz gingen, aber die alten Leute steuerten langsam den Rasthof an, Arm in Arm, als müssten sie einander stützen.

    Mitten über die heiße, graue Straße zwischen den Parkplätzen schritt eine schwarzgekleidete Frau. Natascha hatte nicht gesehen, aus welchem Auto sie gestiegen war. Aber ganz bestimmt hatte sie kein gelbes, soviel war sicher. Die Haare der Frau waren ebenso schwarz wie ihr Kleid. Im Vorübergehen traf ihr Blick auf den Nataschas. Sie runzelte die Stirn und blieb abrupt stehen. Natascha starrte sie an. Ihre Augen verschwammen und schienen in denen der Frau zu versinken. Sie fühlte, wie etwas an ihr zog, zerrte. Langsam hob sie die rechte Hand und deutete mit dem Zeigefinger auf die Frau. Die zuckte wie unter einem plötzlichen Kopfschmerz zusammen und löste ihren Blick von Natascha. Erleichtert schloss Natascha die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war die schwarze Frau verschwunden.

    Anastacias Paid my dues ging langsam dem Ende entgegen. Bobby trommelte wie wild den Rhythmus des Liedes auf seinen Knien mit und warf dabei den Kopf hin und her, als wolle er sich imaginären Staub aus den Haaren schütteln. Tess döste.

    »Wann kommt Papa wieder?«

    »Gleich, Süße«, antwortete Tess matt. Allmählich wurde es heiß im Wagen. Draußen waren es mindestens sechsundzwanzig Grad, und bei ausgeschaltetem Motor lief die Klimaanlage nicht. Eine Fliege summte dicht neben Tess’ rechtem Ohr. Sie schüttelte den Kopf, und das Summen wurde leiser. Ein Schweißfilm bildete sich auf ihrer Stirn und zwischen ihren Brüsten. Sie rieb mit den Fingerknöcheln über ihr Brustbein und wusste im gleichen Moment, dass sie jetzt einen feuchten Streifen auf ihrem T-Shirt verursacht hatte. Das Surren der Fliege näherte sich wieder, diesmal von links. Tess öffnete genervt die Augen, setzte sich auf und blickte nach hinten. Die Süße starrte wie gebannt durch die Frontscheibe hinaus. Ihre Bäckchen leuchteten rund und rot. Bobby trommelte auf seinen Knien herum.

    Ein Schweißtropfen rann von Tess’ Haaransatz über die Schläfe in Richtung Ohr. Mit einer ungeduldigen Bewegung wischte sie ihn weg und drückte den elektrischen Fensterheber hinunter. Die erhoffte Brise blieb allerdings aus. Sie lehnte sich über den Fahrersitz und ließ auch dieses Fenster hinab. Jetzt zog ein leichter Wind durch den Wagen, der ihre feuchte Stirn angenehm kühlte.

    Die Digitaluhr im Armaturenbrett zeigte 9:51 Uhr.

    »Wie lange ist Papa schon weg?«, fragte sie, ohne sich umzusehen.

    »Keine Ahnung«, antwortete Bobby.

    Natascha runzelte die Stirn und dachte nach. »Sehr lange«, erklärte sie schließlich ernst.

    Tess blickte sich erstaunt zu ihr um und überschlug im Kopf die Zeit. Um neun weggefahren, zwanzig Minuten bis zur Raststätte, neun Uhr zwanzig. Demnach war Frederik seit über einer halben Stunde weg. Was machte er bloß so lange?

    »Ich hab’ Durst«, sagte Natascha. Tess wandte sich um und strich ihr eine feuchte Locke aus der Stirn.

    »Bestimmt kauft Papa noch was zu trinken und braucht deshalb so lange.«

    Natascha nickte müde.

    Im Radio begann jetzt ein neuer, rockiger Song, und Bobby warf sich nach vorne und drehte lauter.

    »Stell das leiser«, schimpfte Tess und drehte selbst am Lautstärkeregler. Allmählich ging ihr die laute Musik auf die Nerven. Wenn Papa nicht bald kam, würden sie im Auto vertrocknen.

    Bobby lehnte sich schmollend in den Sitz zurück.

    Die Fliege war vor dem Durchzug im vorderen Bereich des Wagens geflohen und kreiste nun um Nataschas Kopf. Lustlos wedelte sie mit ihren kleinen Händen hin und her, bis die Fliege schließlich auf die sonnenbeschienene Fensterscheibe flüchtete.

    Die alten Leute, die zu dem schwarzen Wagen nebenan gehörten, kehrten zurück und stiegen mühsam wieder ein. Die Frau legte eine Wasserflasche auf einen Ablageplatz des Armaturenbrettes, während der alte Mann das Auto startete und es mit Hilfe der beiden Außenspiegel, ständig nach rechts und links sichernd, aus der Parklücke manövrierte. Natascha sandte der Wasserflasche einen sehnsüchtigen Blick hinterher.

    »Ich hab’ Du-hurst!«, quengelte sie.

    Tess versuchte gerade, mit geschlossenen Augen der Schwüle des Wagens in eine erfrischendere Traumwelt zu entfliehen. Darin spielten das Schwimmbad ihrer Schule und ihr Englischlehrer, Mr. Jacobs, zwei Hauptrollen. Natürlich hieß Mr. Jacobs in Wirklichkeit Herr Jakobs, und das Schwimmbad war ein langweiliger, rechteckiger Pool, aber für einen erfrischenden Traum bei Außentemperaturen von sechsundzwanzig Grad reichte es allemal. Mit Trauer im Herzen verabschiedete sie sich von Mr. Jacobs und identifizierte die Worte, die aus Nataschas Mund in ihr Bewusstsein gedrungen waren.

    »Ich weiß, Süße. Papa kommt bestimmt gleich.«

    Bobby streckte einen Arm aus und hielt ihn direkt vor Nataschas Mund.

    »Trink mein Blut.«

    »Hör auf, Bobby«, schalt Tess.

    »Du Blödmann«, sagte Natascha.

    Die Fliege war von ihrem Zufluchtsort zurückgekehrt und krabbelte Nataschas Arm hinauf. Sie verscheuchte sie, doch schon nach wenigen Sekunden kehrte sie surrend zurück und landete diesmal auf ihrem Knie. Natascha beobachtete, wie das schwarze Ungetüm langsam an ihrem nackten Oberschenkel empor kroch, und stellte sich vor, wie sie jeden Moment unter dem Rand ihrer Shorts verschwinden und in ihre Unterhose hineinkrabbeln würde. Dieser Gedanke erschreckte sie so, dass sie kreischte und auf ihr Bein einschlug.

    »Was ist los?«

    »Die Süße kämpft mit einem Drachen«, grinste Bobby.

    »Eine Fliege …« Natascha war dem Weinen nahe. »Ich hab’ Durst, und Pipi muss ich auch.«

    »Na, dann kannst du ja …«, setzte Bobby an, doch Tess fuhr dazwischen.

    »Hör schon auf, Bobby. Es reicht jetzt.«

    Sie stieg aus und genoss den kurzzeitig kühlenden Lufthauch auf ihrem feuchten Körper. Dann schritt sie um den Wagen herum und öffnete die hintere Tür. Natascha streckte ihr die runden Ärmchen entgegen. Tess küsste sie auf die weiche Wange, löste den Haltegurt und hob sie aus dem Wagen.

    »Komm, wir gehen mal rüber zum Spielplatz.« Zu Bobby gewandt fügte sie hinzu: »Du bleibst hier, okay?«

    Nach ein paar Schritten kehrte sie wieder um, beugte sich über den Fahrersitz und zog den Zündschlüssel ab.

    »Damit du keine Dummheiten machst«, sagte sie und ging, Natascha an der Hand, über die Straße.

    »Verdammt.« Bobby schlug sich mit der Faust in die Hand, riss die Tür auf und stieg ebenfalls aus. Tess und die Süße ließen ihre Beine bereits auf beiden Seiten einer langen, hölzernen Wippe baumeln, und Tess versuchte, das gegenübersitzende Leichtgewicht auf und ab zu bewegen. Bobby lief hinüber und quetschte sich hinter Natascha auf den kleinen Sitz. Jetzt bildeten er und seine kleine Schwester das Übergewicht, und Tess auf der anderen Seite schoss in die Höhe.

    Natascha schien ihren Durst vergessen zu haben, ließ sich vergnügt in die Lüfte heben und sauste mit fliegenden Haaren wieder herab. Tess behielt unablässig den Wagen und die Strecke bis zur Eingangstür des Rasthofes im Auge. Von Frederik war nichts zu sehen.

    Der Luftzug durch das Auf und Ab der Wippe kühlte sie angenehm ab, und allmählich gelang es Tess, die Lethargie des heißen Sommertages abzuschütteln. Sie trug keine Armbanduhr, schätzte aber, dass seit ihrem Blick auf die Uhr im Armaturenbrett noch einmal zwanzig Minuten vergangen waren. So lange brauchte kein Mensch, um Geld an einem Automaten zu ziehen und etwas zu trinken zu kaufen.

    Natascha hatte sich erholt und lachte und jauchzte jedesmal, wenn sie den höchsten Punkt der Wippe erreicht hatte. Wieder unten angekommen, versuchte sie, mit ihren kurzen Beinchen den Boden zu erreichen, um sich noch kräftiger abzustoßen, aber gegen Bobbys wesentlich längere Beine hatte sie keine Chance.

    Tess sah, dass Bobbys Augen suchend über den Parkplatz streiften. Endlich traf sein Blick auf ihren, und er zog fragend die Augenbrauen in die Höhe. Tess zuckte leicht mit den Schultern.

    »Ich gehe mal mit der Süßen Pipi machen«, sagte sie schließlich und stieg vorsichtig von der Wippe, als Bobby sie herabgelassen hatte, hielt den runden Stamm fest und ließ ihn nur ganz langsam wieder nach oben gleiten. Bobby hob Natascha hoch und stellte sie auf die Wiese.

    »Ich will aber noch schaukeln«, verkündete Natascha, und Tess nickte. »Wenn wir zurückkommen.«

    Sie nahm Nataschas Hand in ihre und wandte sich in Richtung Rasthof.

    »Du bleibst hier, okay?«

    Bobby nickte stumm und blieb auf der Wippe sitzen.

    Hinter den automatischen Eingangstüren umfing die beiden Mädchen eine fast schockierende Kühle. Tess atmete tief durch und blickte sich um. Dem Eingang direkt gegenüber lag ein kleiner Kiosk mit Süßwaren und Zeitschriften. Ein dicker Mann mit buntem Hawaiihemd und Shorts bezahlte gerade eine Flasche Cola und zwei Eis am Stiel.

    Rechts vom Kiosk stand in einer Nische ein verwaister Geldautomat. Ihm gegenüber führte eine doppelflügelige Glastür in das Restaurant. Tess trat näher und musterte durch das Glas die Menschen, die an den Tischen saßen oder an der Theke mit Salaten, Sandwiches und Getränken entlanggingen. Von Frederik keine Spur. Mit der freien Hand schob sie die eine Hälfte der Tür auf und zog Natascha hinter sich in den Gastraum. Langsam schritten die beiden Mädchen durch die Tischreihen.

    »Kaufen wir was zu trinken?«, flüsterte Natascha. Tess nickte und steuerte die rechtsgelegene Theke an, während ihre Augen Tisch für Tisch nach dem Gesicht ihres Vaters absuchten. Hin und wieder begegnete sie den Blicken der Gäste, deren Aufmerksamkeit sie auf sich zogen, halb neugierig, halb mitleidig. Sie fasste Nataschas Hand fester. Ein feister Kerl, der allein an einem Tisch hockte, starrte sie unverhohlen an. Tess überlief augenblicklich eine Gänsehaut. Die Lippen des Fetten glänzten feucht und öffneten sich ein wenig. Hastig wandte Tess den Blick ab.

    Die rundliche Frau an der Kasse blickte sie erwartungsvoll an. »Ein … zwei Wasser, bitte«, stammelte Tess.

    »Da hinten«, sagte die Frau und wies mit dem Kinn nach links. Tess entdeckte einen Kühlschrank mit Glastür, die den Blick auf Reihen voller Getränkedosen freigab. Sie nahm drei herrlich kühle Dosen mit Mineralwasser heraus und trug sie zur Kasse. Während sie Münzen aus der Hosentasche fischte und bezahlte, überflog sie den Raum hinter der Kassiererin. Auch dort kein Frederik.

    Tess musterte die Kassiererin. Sie war etwa vierzig und hatte ein gewöhnliches, aber angenehmes Gesicht mit braunen Augen und runden Wangen. Tess stellte sich vor, dass sie mehrere Kinder hatte, die zu Hause ungeduldig auf sie warteten.

    »Wir suchen unseren Vater«, sagte sie leise. Die Frau schaute neugierig auf.

    »Er war vorhin hier im Rasthof und wollte Geld holen. Seitdem ist fast eine Stunde vergangen, und er taucht nicht wieder auf.«

    Die Frau nickte, starrte Tess aber völlig verständnislos an.

    »Haben Sie ihn vielleicht gesehen? Er ist groß und schlank und trägt Shorts…«

    Der gerunzelten Stirn und dem ins Leere gerichteten Blick entnahm Tess, dass die Frau ernsthaft nachdachte. Nach einer Weile schüttelte sie aber den Kopf.

    »Nein, tut mir Leid. Ich kann mich an niemanden erinnern, der mir besonders aufgefallen wäre.«

    Tess wandte sich ab und strebte dem Ausgang zu.

    »Vielleicht ist er ein bisschen spazieren gegangen«, rief die Kassiererin hinter ihnen her.

    Tess wandte sich um, nickte und lächelte. Völlig ausgeschlossen, dachte sie.

    Im Vorraum öffnete sie eine der Dosen und gab sie Natascha, die sie sofort an die Lippen setzte. Dann trank Tess ebenfalls ein paar köstliche, eiskalte Schlucke. Ihr Blick fiel auf ein Schild mit der Aufschrift Toiletten. Sie folgten ihm eine Treppe hinunter in den Keller. Damen rechts, Herren links. Tess schob Natascha durch die offene Tür in die Damentoilette.

    »Geh schon mal, ich komme gleich nach.«

    Natascha verschwand in einer der Kabinen.

    »Und schließ nicht ab«, rief Tess. Im gleichen Moment hörte sie das Schloss einrasten.

    Zwei Männer in hellen Anzügen kamen die Treppe herab und betraten die Herrentoilette. Tess versuchte, durch die offene Tür einen Blick auf etwaige Benutzer zu erhaschen, aber es war niemand zu sehen.

    »Ich bin fertig«, rief Natascha aus ihrer Kabine.

    »Dann komm raus.«

    »Geht nicht. Ich krieg’ die Tür nicht auf.«

    Tess stöhnte. Auch das noch.

    »Herrgott, ich hab’ extra gesagt, du sollst nicht abschließen«, schimpfte sie und rüttelte an der Türklinke. Das Besetztzeichen leuchtete rot unter einem absolut glatten Knauf, den sie von außen auf keinen Fall würde drehen können.

    Mit einem raschen Blick taxierte sie die Kabinentür. Glattes, graues Plastik, etwa zwei Meter hoch. Darüber eine Lücke von vielleicht vierzig Zentimetern. Sie musste versuchen, auf die Klinke zu steigen und durch die Lücke in die Kabine zu klettern.

    »Warte, ich klettere über die Tür«, rief sie und versuchte, einen Fuß auf die Klinke zu schwingen. Ihr Turnschuh rutschte sofort wieder ab, und sie stolperte ein paar Schritte rückwärts.

    »Verdammt«, zischte sie und nahm einen neuen Anlauf. Diesmal landete der Fuß auf dem Griff der Klinke, drückte ihn herunter und glitt sofort wieder zu Boden. Tess wischte sich den Schweiß von der Stirn und starrte wütend auf die Tür. In diesem Moment hörte sie ein leises Klicken, und die Toilettentür öffnete sich einen Spalt. Nataschas große, blaue Augen tauchten auf, und ein zartes Stimmchen verkündete: »War nur ’n Joke!«

    »Sehr witzig, wirklich«, knurrte Tess wütend, aber auch erleichtert und zog Natascha aus der Kabine und auf den Flur hinaus.

    Dort blieb sie unschlüssig stehen. Die beiden Männer müssten längst fertig sein. Vielleicht sollte sie mal einen Blick riskieren …

    Vorsichtig öffnete sie die Tür zur Herrentoilette und steckte den Kopf durch den Spalt.

    »Papa?«

    Keine Antwort. Sie versuchte es noch einmal etwas lauter.

    »Papa?!«

    Nichts.

    Resigniert und nun auch ein wenig ängstlich wandte sie sich wieder um. Natascha musste ihre Besorgnis wohl gespürt haben, denn sie schien den Tränen nahe zu sein.

    »Wo ist Papa denn?«

    »Keine Ahnung, Schatz«, antwortete Tess, hob Natascha hoch und trug sie die Treppe hinauf. Vor dem Geldautomaten zappelte Natascha und ließ sich auf den Boden stellen.

    »Papa war hier«, sagte sie leise. Tess nickte. »Ja, ich weiß.«

    »Und die Frau auch.«

    »Welche Frau?«

    »Die schwarze Frau vom Parkplatz.« Nataschas Blick starrte ins Leere, als sähe sie in eine andere Welt hinein.

    Tess schüttelte müde den Kopf. Sie konnte sich an keine schwarze Frau erinnern, aber letztlich spielte das auch keine Rolle. Sie zerrte Natascha nach draußen.

    Bobby saß ganz oben auf dem bunten Klettergerüst und winkte ihnen zu. Natascha hob wie zum Gruß die beiden verbliebenen Wasserdosen, und Bobby sprang mit einem Satz auf den Boden und lief ihnen entgegen.

    »Gott sei Dank, ich verdurste fast.« Er riss eine Dose auf und trank sie in einem Zug fast zur Hälfte leer. Dann goss er sich ein wenig Wasser in die Hand und warf es sich ins Gesicht.

    »Ich auch«, kreischte Natascha und bildete mit beiden Händen eine kleine Kuhle. Bobby füllte sie mit Wasser, und Natascha kühlte ihre heißen Wangen.

    »Und?« Bobby sah Tess fragend an. Sie schüttelte den Kopf. »Ich hab’ ihn nirgends gefunden.«

    Bobby ließ sich auf die Wiese fallen und streckte sich aus. »Vielleicht hat er einen Bekannten getroffen und labert jetzt irgendwo herum«, mutmaßte er.

    Tess setzte sich neben ihn ins Gras. »Dann hätte er uns wenigstens Bescheid sagen können«, murrte sie. »Wie spät ist es?«

    Bobby hob den Arm und hielt ihn gegen die mittlerweile recht hoch stehende Sonne.

    »Halb elf.«

    »Dann ist er schon eine Stunde weg«, stellte Tess fest, und in ihrer Stimme schwangen Erstaunen und Angst mit.

    »Was soll’s?« Bobby verschränkte die Arme unter dem Kopf und schloss die Augen. »Ohne uns kann er nicht wegfahren. Du hast ja den Schlüssel.«

    Rasch tastete Tess ihre Hosentasche ab und fühlte erleichtert die scharfen Kanten der verschiedenen Schlüsselbärte.

    Natascha hatte der Unterhaltung stumm zugehört und beschloss jetzt, das Ganze ebenso locker wie Bobby zu sehen.

    »Ich geh schaukeln«, verkündete sie und stapfte langsam davon. Auf unebenem Boden wie dieser Wiese fiel ihr das Laufen noch schwerer als sonst. Mühsam zog sie das rechte Bein nach und geriet mehrmals ins Straucheln, wenn der Fuß an einem Grasbüschel hängen blieb. Endlich erreichte sie die Schaukel, kletterte hinauf und begann das linke Bein heftig vor- und zurückzuschwingen, bis sie allmählich zu schaukeln begann.

    Die Sonne brannte gnadenlos. In der Ferne ballten sich Wolken zu einer dunklen, fast kompakt scheinenden Masse zusammen. Da kam ein Gewitter auf sie zu. Das würde wenigstens für etwas Abkühlung sorgen.

    Tess tastete nach der Wasserdose, bekam sie zu fassen und stellte fest, dass sie leer war. Müde richtete sie sich auf. Bobby lag immer noch mit geschlossenen Augen neben ihr. Natascha hatte sich zwischen ihren Geschwistern ausgestreckt und schlief fest. Ihre der Sonne zugewandte Wange leuchtete rot und heiß. Tess rutschte ein Stück vor, um mit ihrem Körper einen Schatten auf Natascha zu werfen.

    Mit zusammengekniffenen Augen überblickte sie den Parkplatz. In der Mittagshitze schienen die Geräusche seltsam gedämpft, fast wie ein gleichmäßiges Summen, und ihre von der Sonnenglut getrübten Augen erfassten nur mühsam die Details ihrer Umgebung. Ihr Auto stand nach wie vor am gleichen Platz. Tess tastete wieder nach dem Autoschlüssel.

    Von Frederik keine Spur. Hinter dem Zaun, der den Spielplatz umgab, stand im Schatten der Bäume ein Mann. Tess zwinkerte ein paarmal und versuchte, die Schatten zu durchdringen. Frederik war es nicht. Dieser Mann war wesentlich dicker als Papa. Langsam verzogen sich die Schleier vor ihren Augen, und Tess erkannte den Fetten aus dem Restaurant. Er beobachtete sie. Wer weiß wie lange schon. Tess spürte ein flaues Angstgefühl im Magen. Ohne den Fetten aus den Augen zu lassen, rüttelte sie an Bobbys Schulter. Er reagierte mit einem Grunzen und rollte sich auf die Seite. Der Fette drehte sich um und verschwand zwischen den Bäumen. Tess atmete erleichtert auf.

    Mit beiden Händen wischte sie über ihr Gesicht und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Was sollten sie bloß tun? Wo war Papa nur abgeblieben? Ihr fiel nicht der Hauch einer Antwort auf diese Frage ein, so sehr sie auch grübelte. Wenn er einen Bekannten getroffen hätte, so würde er die Kinder doch nicht stundenlang im Auto sitzen lassen. Zumindest hätte er ihnen Bescheid gesagt oder sie ins Restaurant gebracht. Vielleicht war ihm schlecht geworden oder er hatte einen Herzinfarkt. Aber nein, auch das schied aus. Einen Krankenwagen hätte Tess auf keinen Fall überhört.

    Sie verschränkte die Arme um die Knie und legte den Kopf darauf. Da sie den Autoschlüssel hatte und das Auto ja nachweislich noch dort stand, wo er es abgestellt hatte, musste er sich noch auf dem Rastplatz befinden. Es sei denn, er hätte ein Taxi genommen.

    So ein Quatsch, dachte Tess. Warum sollte er wohl ein Taxi nehmen?

    Vielleicht hat er uns verlassen. Sie riss den Kopf hoch. Nein – sie entspannte sich wieder –, das war ausgeschlossen. Dazu würde er sie wohl nicht erst ins Auto packen, zwanzig Kilometer bis zum nächsten Rastplatz fahren und dann mit einem Taxi verschwinden. Das hätte er an jedem beliebigen Wochentag einfacher haben können als ausgerechnet an diesem Sonntag, den sie für einen Ausflug in den Tierpark nutzen wollten.

    Außerdem liebte ihr Vater sie, und zwar alle drei. Tess verscheuchte den letzten schrecklichen Zweifel aus ihren Gedanken. Nein, es musste ihm irgendetwas zugestoßen sein. Mit dieser Überzeugung konnte sie nicht länger einfach hier herumsitzen und abwarten.

    Wieder stieß sie Bobby an. Er regte sich, wälzte sich auf den Rücken und schlug träge die Augen auf. Tess legte einen Finger auf die Lippen.

    »Die Süße schläft«, flüsterte sie. Bobby hob den Kopf und entdeckte Natascha an seiner Seite. Vorsichtig zog er seinen schlaksigen Körper ein Stück zurück und setzte sich auf.

    Tess tippte mit dem Zeigefinger auf ihr Handgelenk. Bobby blickte auf seine Armbanduhr.

    »Viertel vor zwölf«, flüsterte er und starrte Tess an. Sie schüttelte den Kopf.

    Mit einem Schwung stand er auf und klopfte seinen Hosenboden ab. »Ich gehe noch einmal suchen.«

    Tess nickte. Während Bobby mit großen Schritten dem Rasthof zustrebte, korrigierte sie ihre Sitzposition, um Natascha den schützenden Schatten zu erhalten.

    Ihre Gedanken kreisten unablässig um Frederik. Wo war Papa bloß geblieben? Irgendetwas Schreckliches musste ihm zugestoßen sein. Auf keinen Fall würde er sie einfach so verlassen, freiwillig! Nein, ausgeschlossen.

    Womöglich lag er irgendwo hinter einem Busch, war beim Pinkeln ohnmächtig geworden. Oder irgendein Wahnsinniger hatte ihn zusammengeschlagen, seine Brieftasche geklaut und

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