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Baba Rada: Das Leben ist vergänglich wie die Kopfhaare
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eBook133 Seiten1 Stunde

Baba Rada: Das Leben ist vergänglich wie die Kopfhaare

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Über dieses E-Book

Das geheime US-amerikanische Gefängnis in der rumänischen Hafenstadt Tulcea wurde überflutet. In einem abgelegenen Dorf im Donaudelta legt ein Motorboot an, darin ein Terrorist und sein überforderter Wächter, der die Unterbringung des geheimen Gefangenen gegen Bezahlung der Familie Baba Radas überlässt.

Baba Rada, die Erzählerin, ist eine ruchlose Großmutter, die ihren Mann auf dem Gewissen hat. Als der Terrorist seinen betrunkenen Wächter erwürgt, beschließt Baba Rada, erneut die Spuren eines Mordes zu verwischen, um das Motorboot zu behalten und - auf den Geschmack gekommen - den Terroristen mit ihrer Tochter zu vermählen. Damit beginnt das Unheil von Neuem. Diesmal so schrecklich wie nie.
SpracheDeutsch
HerausgeberDörlemann eBook
Erscheinungsdatum15. Okt. 2015
ISBN9783038209249
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    Buchvorschau

    Baba Rada - Dana Grigorcea

    Autorin

    Kapitel 1

    in dem es damit anfängt, dass wir den Terroristen aufnehmen und ich mich auf das gute Geschäft freue

    Am Abend, als der Terrorist hergebracht wurde, saß ich am Ufer der überfrorenen Donau und versuchte, den Himmel von der Erde zu unterscheiden. Im gleichmäßigen Grau markierten schwarze Punkte ein verlassenes Vogelnest oder den Ort, an dem eine Seerose ertrunken war, und an diesen Punkten war die ganze Welt festgenagelt. Das starre Jenseits des Flusses war mit Raureif bedeckt, und daran rieb sich das einzige sich bewegende Wesen, meine phosphoreszierende Albinatochter Ileana, die verbissen das Fischernetz immer wieder aufhob und fallen ließ.

    »Ich geh jetzt«, rief ich ihr zu, an den feuchten Stamm des Zwergnussbaums gelehnt. Neben mir, im reglosen Schilf, hockte schon seit unendlicher Zeit meine Enkelin Miruna und versuchte vergeblich zu pissen. »Ich habe gesagt, ich geh jetzt«, sagte ich, blieb aber sitzen, beim Zwergnussbaum, die Nägel in seinen Stamm gebohrt, der von tiefen Messerstichen übersät war, und schaute mitleidig auf meine Tochter, die einsam über das kalte Wasser flatterte; hinter ihr hatte die Welt beim Einfrieren alle Tiefe verloren und die Ferne, aus der ihr noch ein Gottesgeschöpf eine gute Botschaft hätte überbringen können, war versperrt.

    Hier muss ich zugeben, dass Ileana, in ihrem kleinen, miesen Dasein, eine gute Botschaft dringend nötig gehabt hätte, denn trotz ihres ungewöhnlichen Aussehens war sie doch eher gewöhnlich, und wäre ich nicht ihre Mutter, hätte ich sagen können, dass sie der Erde unnötig Schatten machte; doch so begleitete sie mein mitleidiger Blick überall hin, auch wenn er nicht unbedingt unablässig an ihr haftete.

    Und auch jetzt war es mein sorgenvoller Mutterblick, der das Grau hinter Ileana so beharrlich prüfte, dass es einen blauen Flecken bekam. »Schau dort!«, riefen wir einander zu und starrten auf die schadhafte Stelle, bis sie durchlässig wurde. Durch sie rutschte der sehnlichst erwartete Nelu mit seinem kleinen Boot.

    Endlich hatte sich die Wirklichkeit mit den Aussagen meiner Karten gedeckt, denn seit fast einem Jahr, seitdem Nelus Sohn, mein Enkel Emil, geboren worden war, bemühte ich mich, die Karten mit derselben Aussage zu legen, die mich, die kleine Miruna und meinen Sohn Ilie von den hysterischen Anfällen dieser armen Frau befreien würden. Ileana hatte die Fischernetze wieder fallen lassen und strich sich mit den nassen Händen mehrmals durch die weißblonden Haare. Und je fester sie an ihren Haaren zog, desto schneller schien der kleine Nelu ins Bild zu wachsen – sein Motorboot tuckerte bald an die Eisscholle heran und besprengte das Grau mit warmem Motorenöl. Ich hob die Hand zum Gruß, besann mich aber und schlug stattdessen ein großes Kreuz in seine Richtung.

    Als Ileana die Hand nach dem Boot ausstreckte, ging ich schnell zu Miruna ins Schilf. Ich wollte Ileana allein lassen und dennoch alles Erfreuliche miterleben, und in dieser grauen Kälte schien alles gleich weit entfernt, egal, wie viel Schilf dazwischen lag.

    Wie erwartet war meine Tochter überschwänglich und roh, wollte küssen und beißen, wusste nicht weiter und schnaufte, schloss Nelus steife Arme um sich und schrie von Zeit zu Zeit mit heiserer Stimme: »Sonst gibt es nichts mehr, nichts.« Nelus Bewegungen wurden fahrig, er ähnelte einer im Wind zitternden Vogelscheuche; und als er endlich den Mund auftat, schrie Ileana hysterisch: »Lenk nicht ab!«, worauf er matt wieder in ihre Arme zurücksank.

    Neben mir im Schilf hatte Miruna endlich gepisst – um unsere Plastikstiefel herum begann sich das Wasser leise zu kräuseln und aus dem unergründlichen Grau kamen ein paar Fische hervor, um sich die Eingeweide zu wärmen. »Fang sie«, rief ich Miruna heiter zu und griff gleich selbst ins Wasser. Miruna verfiel in das stumme Lachen, das uns seit je verband. Auf der anderen Seite des Schilfs hauchte sich Nelus Wimmern einen Weg durch die eisigen Luftwände, und so erfuhren wir alle zum ersten Mal vom Terroristen.

    »Ich wollte euch nicht belasten«, klagte Nelu, »aber wo soll ich hin, nur du kamst mir in den Sinn.« Ileana strich ihm durch die Haare. »Nur ich, nur ich«, beschwor sie ihn und beschmatzte selig sein Gesicht. Nelu versuchte, ihre Küsse abzuwehren, und zeigte auf die Fischernetze im Boot.

    Und da wären wir: Unter den Fischernetzen erkannte ich die zusammengekauerte Gestalt eines Menschen und verließ das Schilf, um ihn näher zu betrachten. Der kleine Mann lag reglos da, wie erdrückt von der schweren Wolke, die wohl von Mirabellenschnaps herrührte.

    »Das Gas ist hin, die Wasserleitung geplatzt«, klagte Nelu, und ich muss sagen, dass ich einem Mann niemals eine solche Winselstimme zugetraut hätte; schon gar nicht einem, der von sich behauptete, der einzige Wächter einer streng geheimen Lieferung der Amerikaner zu sein.

    Meine Tochter schaute endlich auf das Boot, sie schaute mit ihrem befremdenden Blick, der allen auf den Geist ging. Nur ich wusste in meiner mütterlichen Rührung, dass Ileana kurzsichtig war.

    »Was soll ich denn sonst mit ihm machen?«, wiederholte sie mechanisch Nelus Worte. »Du bist also nur deshalb hergekommen«, stellte sie endlich fest. Ich erinnere mich, aus gepeinigter Mutterliebe stark gezuckt zu haben, denn das Bild der Welt schüttelte sich ruckartig, und ein paar gefrorene Vögel wurden durch die graue Blechdose geschleudert. Wieder einmal musste ich erkennen, dass meine Tochter mit den Männern kein Glück hatte.

    Am meisten hatte sie wahrscheinlich an Boiko, jenem Bulgaren, gehangen, der nur deswegen länger bei ihr blieb, weil er nicht wusste, wohin. Irgendwann floh er ins Unbekannte, wurde aber vom Meer zurückgespült, mit einem Heiligenschein aus Schaum, der nach Tannenharz duftete. Den Mut für die Reise hatte er sich mit unseren alkoholhaltigen russischen Shampoos eingeflößt. »Boiko war plemplem«, flüsterte Miruna und zog sich noch im Hocken die vielen Hosen hoch.

    Mit Nelu war eigentlich ein Wunder geschehen, und ich glaubte erst daran, als ich Ileanas kräftig wachsenden Bauch bemerkte. Zu der Zeit aber war Nelu schon längst weggerudert.

    Miruna schritt aus dem Schilf heraus, zu ihrer Mutter, und begann, die kalten Fische aus dem Netz zu pulen. Meine Enkelin war zwar noch ein Kind, aber in den Momenten, die sie als peinlich einschätzte, wollte sie entschieden zu ihrer Mutter halten und scheute dabei keine Arbeit. Mit kaltroten Händen holte sie die Fische aus dem Netz und steckte sie in eine durchsichtige Tüte. Meine einfältige Tochter begann, ihr das dankbar nachzumachen.

    Nelu stand unbeholfen da, sodass ich mich nicht zurückhalten konnte und ihm vergnügt zurief: »Na, Hübscher, einen schlechten Tag erwischt?« Nelu schaute mich verwirrt an, vielleicht weil er nicht gleich wusste, wer ich war und er sich wohl schwer vorstellen konnte, dass eine Frau mit solch dunkler Haut wie ich die Mutter einer Albina war – vielleicht aber auch, weil er nur eines im Sinn hatte und den Rest wie im Schlaf wahrnahm.

    Er stammelte noch vor sich hin: »Ja, nur für ein paar Tage, Ileana, dein Bruder kann auf ihn aufpassen, er braucht nicht viel.« Meine Tochter wandte sich ab. Merkwürdig, dass sie nicht einmal in ihrer Wut Farbe im Gesicht bekam. »Warum? Warum?«, röchelte sie.

    Nelu versprach ihr das ganze Geld, das er für den Gefangenen bekommen hatte, aber meine Tochter puffte abschätzig. »Wie viel?«, fragte ich an ihrer Stelle, und Nelus verzweifeltes Lächeln galt endlich mir. Ich stellte mich als die Großmutter seines Sohnes vor, womit ich ihn verblüffen wollte, um den Preis in die Höhe zu treiben. Ich lag nicht falsch.

    Nach der kurzen Verhandlung nahm ich das Angebot an, und Nelu warf sich den eher schmächtigen Terroristen über die Schulter.

    In unserer warmen Hütte empfing uns mein braver Sohn Ilie mit aufgekochtem Mirabellenschnaps, der uns zum Verhängnis werden sollte – und der, wenn ich es mir genau überlege, Liebster, die freudigen Ereignisse erst richtig in Gang brachte.

    Kapitel 2

    worin ich nach dem grausigen Mord an der Donau herumirre und auf unseren Dorfpopen treffe, der eine ungewöhnliche Leidenschaft hat

    Regentropfen klaubten das Fenster, das leuchtend aufzuckte, ich strich erneut mit dem knochigen Finger über meinen Arm, vom Handgelenk zum Ellbogen hin, und fühlte wieder nichts. Dann merkte ich, dass das nicht mein Arm war, sondern der eines leicht behaarten Mannes, also stand ich auf und ging wankend hinaus; ehrlich gesagt, war es mir immer schon unheimlich, mich allein im Haus von leicht behaarten Männern aufzuhalten.

    Barfuß schritt ich im verregneten Strand einher, links neben mir ging ein Lichtpunkt mit, wahrscheinlich ein Toter, der verstohlen rauchte. Mir war nach Weinen zumute; klebrige Spucke bildete sich in meinem Mund, ich drängte sie mit der Zunge von einer Seite auf die andere, schäumte sie auf, stieß sie durch die vorderen Zahnlücken. Ich schluckte die Spucke wie sonst das alkoholhaltige Shampoo.

    Vor mir lag jetzt das Sternenmeer, jeder Stern mit langem Stiel aufs Wasser genagelt. Ich

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