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Vom Gehen in griechischen Städten
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eBook190 Seiten2 Stunden

Vom Gehen in griechischen Städten

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Über dieses E-Book

Heinrich ("Tiny") Stricker beschäftigt sich nicht mit gängigen Griechenland-Themen, stattdessen mit streunenden Hunden, Politikerinnen, Migranten, Neubausiedlungen an der Küste, Amüsierlokalen und abgelegenen antiken Stätten. Dennoch (oder gerade deshalb) ist ein schönes, anderes, ausdrucksstarkes Griechenland-Buch entstanden. Dass darin auch Streifzüge in angrenzende Länder wie Albanien, Makedonien und die Türkei vorkommen, darf nicht verwundern. Überhaupt zeigt das Buch die durchlässige Grenze zwischen Okzident und Orient, ist ein beständiges und faszinierendes Spazieren zwischen Ost und West.
Tiny Stricker lebte und arbeitete von 2002 bis 2007 in Thessaloniki. Seine Aufzeichnungen aus dieser Zeit sind zum ersten Mal in diesem Band versammelt.
Vielen Lesern ist Tiny Stricker durch seine Werke "Trip Generation" und "Soultime", beides auf ihre Art längst Kultbücher, bekannt.
SpracheDeutsch
Herausgeberp.machinery
Erscheinungsdatum14. Sept. 2017
ISBN9783957659484
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    Buchvorschau

    Vom Gehen in griechischen Städten - Tiny Stricker

    6

    Die amerikanische Familie

    Die Tochter der amerikanischen Familie unter uns übt Klavier. Es ist eine Art Kulthandlung, die zu jeder Tageszeit durchgeführt werden darf und der sich nichts entgegenzusetzen hat. Mich ärgert der hartnäckige sportliche Ehrgeiz, mit dem sie übt, wie sie erst mit der linken Hand den Bass und dann mit der rechten Hand die Melodie förmlich trainiert, alles mechanisch zusammensetzt, die Geschwindigkeit hechelnd steigert und schließlich auf altkluge Weise das Stück herunterrasselt, auf ihre Art gebieterisch, arrangierte, selbstgefällige Klassik oder, noch schlimmer, amerikanische Weisen, die sie besonders laut, strahlend und triumphierend vorträgt.

    Vielleicht ist es die archaische amerikanische Familie, die ganze Woche erfüllt sich in einem Ritual, das seinen Höhepunkt am Samstag in einem ungeheuren, lärmenden Einkauf erreicht. Die Kinder springen aus dem Auto, der Vater erhebt sich träge und zufrieden vom Steuer, und ein allgemeines Glück breitet sich aus.

    Ihre Handlungen sind klar und linear, und doch scheint es dunkle Geheimnisse zu geben. »We miss our winters in Salt Lake City«, sagt die Tochter mit angelernter Melancholie (und dieses »unsere Winter« scheint wieder ein Zeichen ihrer grenzenlosen Inbesitznahme aller Dinge zu sein). Spätnachts im strömenden Regen stoße ich auf die Amerikanerin, die völlig abwesend und wie aus einem anderen Bereich daherkommt. »Oh, you frightened me!«, schreit sie auf, und ihr Schrei ist wie eine Mischung aus tiefem Vorwurf und lang gezogener Hysterie.

    Die Reporterin

    Die Fernsehreporterin, die zum Laternenfest kommt, spricht Englisch mit den viel zu offenen Vokalen des Südens, die allem etwas Überschwängliches, ja Überkippendes geben. Es ist, als locke sie mit einem wilderen, heftigeren Lebensgefühl, hauche es mit knallrotem Mund dem nördlichen Idiom ein. Wenn sie spricht, das heißt, wenn man das Glück hat, längere Sätze mit ihr auszutauschen, gibt es undeutliche, ineinander verwobene Lautkombinationen, die ihrer Rede einen trügerischen und faszinierenden Untergrund verleihen, der Aussage den sicheren Boden entziehen.

    Sie entsteigt dem Amphitheater der Menge und wendet sich, als hätte sie etwas durch und durch Magisches entdeckt, einem Kind mit Laterne zu oder vielmehr beugt sich leicht zu ihm hinab, wobei sie gleichzeitig die ganze Gewagtheit ihres unglaublich kurzen Mini-Woll-Kleids zeigt, das die kalte Jahreszeit einfach negiert … Sie hält ihm ein Mikrofon hin, das wie ein Szepter ist, Mittelpunkt der Fernsehwelt, denn sofort drängen wie übereifrige Vasallen die Kameraleute nach, und das Kind ergreift es scheu, aber auch begierig. Es erzählt von der Bedeutung des Fests in einem fernen Land, Deutschland, und später im Film schwenkt an dieser Stelle die Kamera hinüber zu den im Gras abgestellten Laternen, die jetzt wie bunte Zauberhütten wirken …

    Tatsächlich entführt sie in eine andere, märchenhafte Welt, sie und der Produzent, der eigentlich immer gleichzeitig telefoniert, mit einer Vielzahl von wichtigen Persönlichkeiten in dauerndem Kontakt, erzeugen eine rauschhafte, alles möglich machende Atmosphäre. Sie verspricht, mich kurz vor der Sendung anzurufen, mit ihrer verführerischen, das Publikum betörenden Stimme. Aber es ist ein flüchtiger Glanz, natürlich ruft sie nicht an, ja schon Minuten später, als sie hoch erhobenen Hauptes durch die Menge geht, erkennt sie mich kaum mehr.

    Die blonde Politikerin

    Als wir in der Stadt ankamen, herrschte Wahlkampf, und die blonde Politikerin lächelte von vielen Plakaten. Je näher der Wahltag rückte, umso mehr häuften sich die Plakate, auf Lampen, Telegrafenmasten, an Haltestellen und Hausecken, den ganzen Berg hinauf, es war ein einziger Jubelschrei. Die Sonne brannte auf die Plakate und veränderte sie, noch heller erstrahlte das Blond, das Papier krümmte sich, man meinte, sie neige sich einem mit besonderem Mienenspiel zu.

    Ihr Bild verschmilzt mit dem anderer künstlicher Blondinen, die typisch für den Stadtteil P… zu sein scheinen. Vornehmlich in Autos, die ebenso Symbol des erreichten Wohlstands sind, mit Sonnenbrille und Schmuck auf dem Beifahrersitz oder mit Kindern im Jeep, immer perfekt, in tadelloser Haltung, aber etwas unduldsam. Durch ihre Gepflegtheit und Makellosigkeit scheinen sie ihren Lebensstil noch zu überhöhen, zum allein gültigen Gesetz zu erheben. Der einzige Unterschied zu der blonden Politikerin ist, dass sie völlig privat sind, noch privater als andere Personen, während sie sich überraschend an die Öffentlichkeit wendet, sich selbst zur Botschaft macht.

    Ihre Wahlkampfbroschüre, die immer wieder im Briefkasten steckte, wegen der unerwarteten Regenfälle in Plastikfolie wie ein teures Geschenk, aber es gab in diesen Tagen gar keine materiellen Grenzen, enthielt neben einem Text, den ich nicht lesen konnte, der aber nicht so wichtig schien, hauptsächlich Farbfotos von Partys, auf denen viele junge, gut aussehende Leute in einem Zustand feierlicher Erwartung verharrten. Manchmal trat sie wie eine gefeierte Künstlerin ans Mikrofon, das noch fern wirkte. Auf den Mittelseiten der Broschüre sah man, in Computersimulation bereits realisiert, ihr Lieblingsprojekt, ein großes Freilufttheater am Hang, purer Luxus, reines, überhaupt nicht notwendiges Accessoire und als solches schon wieder Botschaft. Erst auf der Rückseite Bilder der echten Wirklichkeit, Neubau-Slums mit Müll und Graffiti, aber mehr wie Spuren von Wilden, die hier nichts zu suchen hätten.

    Die Lehrerin

    Nora, unsere Lehrerin in der neuen Sprache, empfängt uns mit einem wütend bellenden Hund. Er bellt laut und anhaltend, bis wir uns in demütige Studenten verwandelt haben und als solche Nora in ihr Studierzimmer folgen. Dort nimmt sie in ihrem Schaukelstuhl Platz, und der Hund, der auf den vornehmen englischen Namen »Earman« hört und offenbar Englisch spricht, bezieht neben ihr Posten und setzt eine zufriedene und glückliche Miene auf. Er schließt sogar die Augen voll Befriedigung über die nunmehr geregelte Situation, und nur manchmal, wenn Nora eine besonders scharfe Frage ausstößt, zuckt er unruhig mit den Ohren.

    Nora überzieht uns mit Fragen, verwickelt uns in eine Art kokette Plauderei, die für unser Niveau viel zu hoch ist. Bisweilen meint sie, indem sie ein Wort eigenartig ausspricht und uns dabei fixiert, uns schon die Bedeutung zu vermitteln.

    Auch bewegt sich das Spiel innerhalb enger Grenzen, ist oft nur der formelhafte Abtausch von Wendungen, und man weiß nicht, ob dies ein Zeichen der Landeskultur ist oder die Dominanz der Sprachlehrerin, die nur den mustergültigen Ausdruck duldet.

    Ihre eine Liebe gehört der Plauderei, ihre andere eindeutig dem Diktat. Es erscheint gewissermaßen als die absolute Form des Lehrens. »Ich möchte, dass ihr möglichst frühzeitig Schrift und Sprache miteinander verbindet«, sagt sie hochtrabend, aber in Wirklichkeit zwingt sie uns zu äußerster Aufmerksamkeit. Wir lauschen ihrer Stimme, hören auf jede Endung, auf jeden Laut. Es ist der Zeitvertreib angeregter Potentaten, der Hund schnurrt wohlgefällig dabei.

    Natürlich ärgert uns ihre altertümlich lehrerhafte Art, auch die Diktate, die sie frei erfindet und in denen wir als sehr konventionelle Wesen wieder auftauchen, und doch: Ihre ganze bürgerliche Wohnung mit den säuberlich aufgereihten, mitunter zitternden Gläsern und Teeservicen, den Bildern und Zierstücken erscheint manchmal als sorgsam gestalteter und gehüteter Gegensatz zum brodelnden Chaos draußen und das Diktat fast als eine Form von Meditation, die die Hektik der Stadt besiegt und alles minutenlang in der Schwebe hält.

    Das Mädchen aus Xanthi

    »Du kommst also aus Xanthi«, sagt Frau S. bei der Prüfung mit der ihr eigenen süßen Liebenswürdigkeit und gleich darauf, »Aus Xanthi kommst du also«, wie in einem sich selbst überlassenen Singsang, als wäre Xanthi nur ein wohlklingender Name, um den sich leicht die Sätze flechten lassen, aber man spürt doch, dass etwas Besonderes an diesem Xanthi ist, auch weil das Mädchen dabei deutlich errötet.

    Denn Xanthi ist der Hauptsitz der Minderheit, und tatsächlich sieht das Mädchen ganz anders aus als die übrigen Anwesenden im Saal: Der braune Teint, die dicken, dunklen Locken, die großen, leuchtenden Augen, der ganze Zauber des Orients geht von ihr aus … Sie ist erst dreizehn, gerade erst zur Prüfung zugelassen, und vielleicht fühlt sie sich ohnmächtig in diesem Augenblick und weiß nicht, was dieses »Du kommst also aus Xanthi« bedeuten soll. Aber gleichzeitig ist sie jetzt ein großes Mädchen, sie befindet sich auf einer weiten Reise (in der Erinnerung stelle ich sie mir wirklich mit einem Reisehut vor), dazu steigt ihr die Prüfungshitze in die Wangen. Eine gewisse Kühnheit erfasst sie, und sie wählt entschlossen das Thema »Tiere«.

    Ich weiß nicht, ob sie Tiere besonders gern hat, und es ist auch etwas schwierig, dem Inhalt zu folgen, ihr unglaublich singender Tonfall löst die deutsche Sprache auf, und einzelne Wörter öffnen sich wie wundersame Blüten. Aber man spürt den Mut und das Engagement, und manchmal denke ich, dass alles, was sie zum Schutz der Tiere vorbringt, auch eine Verteidigung ihrer selbst ist, ihrer Minderheit, eine kindlich-beherzte Rede zum Schutz der Schwachen und Unterdrückten.

    Die Straße

    Jeden Morgen ergreifen mich die Wirbel der Straße, der Verkehrsstrom trägt mich hinab in die Stadt, und nur an den Ampeln finde ich kurze Rast.

    Das Innehalten am Berg ist angenehm, man ist wie herausgehoben aus der Flut, empfindet einen Moment der erhabenen Ruhe, und auch das Loslassen und Wiedereintauchen hat eine befreiende Wirkung. Aber innerhalb des Stroms regiert die Hektik, das ungestüme Drängeln, ein harter, körperlicher Fahrstil ist angesagt, und die Ampeln, die von Rot sofort auf Grün schalten, sozusagen kompromisslos, unterstützen dies.

    Die Fahrer, die sich, ohne im Geringsten zu warten, aus den Seitensträßchen einfach hineinschieben, grüßen und danken nicht. Das reine Vorwärtskommen erscheint noch als urtümliches Recht, und man wartet vergebens auf vermittelnde Blicke und Gesten. Die Autos kommen einem eher wie fahrbare Hütten vor, abgeschirmt von der Außenwelt, die Sonnenbrillen bestätigen es, und die Bewohner nicht teilnehmend oder nicht interessiert an dem, was man Öffentlichkeit nennt.

    Natürlich gibt es die Hupe und mit ihr ein reiches Inventar an Zurufen von spitzen, höhnischen Bemerkungen bis hin zu erbostem Gebrüll, aber es ist ein losgelöstes Instrument, und wenn man sich umdreht, erblickt man einen Fahrer, der starr aus dem Fenster sieht.

    Man durchquert die Vorstädte … Leute gehen, ohne sich umzusehen, mit einer Art von schroffem Stolz plötzlich vor einem über die Fahrbahn, Verhaltensweisen aus verschiedenen Zeiten und Räumen überlagern sich, genau wie am Rand niedrige, einfache Behausungen mit riesigen Reklametafeln und Betonblocks abwechseln, alte Leute laufen die Straße entlang wie auf der Suche nach verlorenen Wegen, an einer Bushaltestelle aus schäbigem Metall sitzt eine alte Frau in der Sonne, als wäre es der Dorfplatz.

    Und dann ist man unten, und um einen her ist eindeutig Stadt, die Integrationskraft der angestammten Metropole entfaltet sich, die großen Straßen empfangen einen: die Botsari, die Egnatia, die Vassilisis Olgas, wie Grand Old Ladies, etwas verlebt, aber immer noch vital, im Schmuck ihrer Boutiquen und überquellenden Obstläden, Arenen und Theaterschauplätze des Lebens: Beifahrerinnen lassen sich mit unnachahmlicher Grazie vom Rücksitz gleiten, moderne Varianten von Kellnerjünglingen balancieren, Moped fahrend, ihr Tablett mit Wasserglas und Kaffee, ein Fahrer verlässt genau für eine Ampellänge sein Auto und findet genug Zeit, etwas an einer Tür abzustellen, dem Kioskbesitzer ein Scherzwort zuzurufen, ein paar Züge an der Zigarette zu nehmen und einer schönen Frau einen längeren Blick nachzuwerfen.

    Das Wäldchen

    Einmal lief ich schon nach Anbruch der Dunkelheit den Weg im Wäldchen empor, und eine weiße Wolke

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