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TOD IM MOOR: Der Krimi-Klassiker!

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TOD IM MOOR: Der Krimi-Klassiker!

Länge:
292 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 29, 2019
ISBN:
9783748722229
Format:
Buch

Beschreibung

Das Hochmoor von Bodmin in der Grafschaft Cornwall ist eine sehr einsame Gegend. Ausgerechnet dort findet die bildhübsche Krankenschwester Stella einen Toten. Er wurde ermordet. Am Tatort erscheinen Chefinspektor Bill Cromwell und sein Assistent Johnny Lister.
Old Iron nimmt die Sache in die Hand...

Der Roman Tod im Moor von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; † 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1960; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte im gleichen Jahr.
Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 29, 2019
ISBN:
9783748722229
Format:
Buch

Über den Autor


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TOD IM MOOR - Victor Gunn

Kapitel

Das Buch

Das Hochmoor von Bodmin in der Grafschaft Cornwall ist eine sehr einsame Gegend. Ausgerechnet dort findet die bildhübsche Krankenschwester Stella einen Toten. Er wurde ermordet. Am Tatort erscheinen Chefinspektor Bill Cromwell und sein Assistent Johnny Lister.

Old Iron nimmt die Sache in die Hand...

Der Roman Tod im Moor von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; † 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1960; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte im gleichen Jahr.

Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

TOD IM MOOR

Erstes Kapitel

Der Schrei, der aus dem nebligen Dunkel des Moors herübertönte, jagte Stella Pemberton einen solchen Schauer über den Rücken, dass die Taschenlampe zur Erde fiel, mit der sie den einsamen Wegweiser hatte anleuchten wollen.

»Du meine Güte!«, stieß sie hervor. »Was war denn das?«

Sie blickte sich furchtsam um, konnte aber auf der Straße nur Nebelschwaden sehen, die im Licht der Scheinwerfer ihres kleinen Austin gespenstisch herumwirbelten. Nach allen Seiten hin erstreckte sich das dunkle, melancholische Hochmoor von Bodmin.

Der Schrei wiederholte sich nicht. Er war von der Seite gekommen, die dem Wegweiser gegenüberlag, der, wie sie zu ihrem Ärger feststellte, nach Tolgesset wies. Es war also nicht der Weg, den sie suchte. Sie horchte in das Dunkel hinein; stammte der Schrei von einem Menschen oder von einem Tier?

Mit der aufgehobenen Taschenlampe in der Hand, ihren warmen Reisemantel eng um ihren schlanken Körper geschlungen, überquerte sie die Straße und rief laut ins Dunkel hinein. In der Weite des Raums klang ihre Stimme nur dünn und schwach. Der Widerhall des furchtbaren Aufschreis tönte noch immer in ihren Ohren; dabei hatte sie den Eindruck, dass er, wie plötzlich erstickt, unvermittelt abgebrochen worden war.

Das Mädchen ging nun über den unebenen Grund aufs Moor hinaus, wobei sie mit ihrer Taschenlampe den Boden ableuchtete. Sie war ganz sicher, dass der furchtbare Laut nicht von sehr weit her aus dieser Richtung kam. Es war zwar noch nicht völlig dunkel, aber der wolkenverhangene Oktoberhimmel ließ die Dämmerung vorzeitig hereinbrechen. Der Nebel, der mit unheimlicher Schnelligkeit über das Moor zog, hatte die Sicht noch verschlechtert. So war es sehr gut, dass Stella eine Taschenlampe bei sich hatte; sie stellte fest, dass sich der Boden vor ihr senkte, und blieb stehen.

»Ist dort jemand?«, rief sie.

Keine Antwort. Überhaupt kein Laut. Das leise Brummen eines Flugzeugs, das hoch am Himmel vorüberzog, schien das Schweigen und die Ruhe des Moors nur noch zu vertiefen. Nun wurde Stella unsicher und spähte in den wirbelnden Nebel hinaus, der hier, abseits der Straße auf dem Feld, noch dichter zu sein schien.

Vielleicht hatte sie sich geirrt. Vielleicht stammte der Aufschrei nur von einem Nachtvogel oder einem anderen Tier. In jedem Falle war es töricht von ihr gewesen, von der Straße abzugehen. Ohne wirklichen Grund wurde ihr plötzlich ängstlich zumute. Sie schauderte, blickte unschlüssig zurück und ließ den Lichtkegel ihrer Taschenlampe im Kreis herumwandern.

Schließlich entschloss sie sich, zur Straße zurückzukehren. Sie stieg den Abhang wieder hinauf, wobei ihre Füße im weichen Moos des Moorbodens einsanken. Jetzt war sie ganz sicher, dass sie diesen merkwürdigen Schrei verkannt hatte. Hier auf dem Moor war niemand; jedenfalls kein Mensch.

Nun kamen ihr andere Bedenken: Wie, wenn sie die Straße nicht wiederfände? Im Nebel war sie ja leicht zu verfehlen. Bilder von Morlandponys, die elend in Sumpflöchern umgekommen waren, fielen ihr ein. Vielleicht hatte ein solches Tier vorhin den Schrei ausgestoßen. Sie stapfte weiter und blieb plötzlich mit wild klopfendem Herzen stehen; der Boden vor ihr senkte sich von neuem - sie ging wieder bergab -, und dabei hätte sie schwören können, dass sie bergauf gehen musste, um zur Straße zu gelangen. Sie war also, ohne es zu merken, im Halbkreis gegangen. In diesem Augenblick griff der Strahl ihrer Taschenlampe ein Stückchen weiter und traf auf etwas Weißes. Zögernd ging sie auf dieses Etwas zu, und es wurde ihr kaum bewusst, dass der Boden unter ihren Füßen wieder weicher wurde. Er war in der Tat schon so schwammig wie am Rande eines Tümpels.

»Oh!«, stieß sie überrascht hervor.

Sie blieb ganz still stehen und starrte auf den weißen Gegenstand. Beim Schein ihrer Lampe, die in ihrer zitternden Hand schwankte, konnte sie jetzt erkennen, dass es ein weißseidener Schal war, der aus dem halboffenen Mantel eines Mannes hervorschaute. Der Mann lag regungslos auf dem Rücken im Gras. Ganz in der Nähe tag ein weicher Hut.

Sofort veränderte sich Stellas Benehmen. Der Strahl der Taschenlampe schwankte nicht mehr, da ihre Hand nicht mehr zitterte. Ihre Furcht war vorbei. Sie war Krankenschwester, und für sie war ein Verletzter ein Mensch, der ihre Hilfe brauchte. So rannte sie denn zu dieser Gestalt hin, kniete neben ihr nieder - und wieder ging ein Schauer durch ihren schlanken Körper. Dieser Mann hier brauchte keine Hilfe mehr, denn sein Schädel war zerschmettert, und der Tod musste auf der Stelle eingetreten sein. Sein Gesicht war völlig eingeschlagen und bot einen Anblick, der die stärksten Nerven erschüttern musste.

»Armer Kerl...«, flüsterte Stella heiser.

Es konnte sich hier unmöglich um einen Unglücksfall handeln. Solche Verletzungen zog sich niemand bei einem Sturz zu. Es gab auch an dieser Stelle keinen hervorstehenden Stein, über den der Mann hätte stolpern können, denn der grasige Boden war weich und von Wasser durchtränkt. Nein, dieser Mann war durch einen Schlag mit einem Mordwerkzeug zu Boden gestreckt worden. Wohl mit mehr als einem Schlag, mit vielen Schlägen! Ein einziger Schlag hätte ihm keine so furchtbaren Verletzungen zufügen können.

Noch etwas fiel ihr auf. Hier war kein Gegenstand zu sehen, mit dem der, Schlag hätte geführt werden können. Stellas Taschenlampe, die den Boden in der Nähe der Leiche ableuchtete, zeigte nur Gras. Diese Tatsache erschreckte sie noch mehr; denn dieser Mann war nicht umgekommen - er war ermordet worden, und sein Mörder konnte noch nicht weit fort, musste noch ganz in der Nähe sein. Diese Überlegung veranlasste Stella Pemberton zu sofortiger Flucht.

Sie rannte den Abhang hinauf - nur fort von der grausigen Gestalt auf dem Boden. Sie war einer Panik nahe, als sie sich klarwurde, dass sie in ihrer Angst blindlings in immer dichter werdendem Nebel herumrannte.

Zweifellos hatte sie sich auf dem Moor verirrt. Sie hatte keine Ahnung mehr, in welcher Richtung die Straße lag. Mit Gewalt zwang sie sich, stehenzubleiben und zur Ruhe zu kommen. Ihr Benehmen war doch lächerlich. Weit fort konnte die Straße ja nicht sein! Höchstens zwei- oder dreihundert Meter! Wenn sie systematisch suchte, musste sie sie also finden können. Sie konnte sich noch genau erinnern, dass sich der Boden gesenkt hatte, dass sie abwärts gegangen war. Also musste sie jetzt aufwärts gehen. Wenn sie in gerader Richtung bergauf ging, musste sie auch die Straße finden.

Sie machte sich auf den Weg-aber bald verließ sie die Ruhe wieder, zu der sie sich gezwungen hatte. Hier, wo sie entlangkam, konnte sie nämlich gar nicht bergauf gehen, denn der Boden war völlig eben. Große Felsblöcke lagen überall verstreut, immer wieder tauchten neue aus dem Nebel auf und zwangen sie, ihre Richtung zu ändern. Sie begann zu fürchten, dass sie sich vielleicht vom Wege fortbewegte; dabei verfolgte sie der Gedanke, dass der Mörder ganz in der Nähe sein müsste.

Wie erstarrt blieb sie plötzlich stehen - ein Laut war zu ihr gedrungen, der erste Laut, den sie in dieser grauen, schweigenden Wildnis vernommen hatte. Er schien von einem schweren Stiefel, der gegen einen Felsbrocken gestoßen war, herzurühren; jemand musste wohl gestolpert sein. Der Strahl ihrer Taschenlampe fuhr kreuz und quer durch den Nebel, und sie hörte das leise Geräusch von Schritten, die näher kamen.

Mit Gewalt unterdrückte sie ein Aufkreischen, als nun eine Gestalt aus dem Nebel auftauchte - ein großer, breitschultriger Mann, der in dem unsicheren Licht riesig und grotesk verzerrt aussah. Eine Sekunde später sah sie, dass der Mann mit einem rauen Dufflecoat bekleidet war, dessen Kapuze er über den Kopf gezogen hatte. Mit dem schweren Stock, den er in der Hand trug, wirkte er ausgesprochen drohend und furchterweckend.

Jetzt kreischte Stella wirklich auf. Dann wandte sie sich, von panischer Angst ergriffen, um und rannte blindlings fort.

»Hallo! Warten Sie doch!«

Die tiefe Stimme klang befehlend, aber Stella befolgte die Aufforderung nicht. Dieser Mann war doch ganz sicher der Mörder! Sie rannte weiter, und ihre Angst wurde zur Panik, als sie hinter sich schwere Schritte hörte. Plötzlich stolperte sie über einen Stein, den sie in ihrer Angst nicht gesehen hatte, und stürzte schwer zu Boden. Bevor sie noch aufstehen konnte, stand der fremde Mann über ihr und ließ den Schein seiner eigenen Taschenlampe auf ihr Gesicht fallen.

»Großer Gott! Ein Mädchen! Ich wollte Ihnen keine Angst einjagen, Miss«, fuhr er fort, und seine Stimme klang überrascht. »Es tut mir sehr leid. Aber es war falsch von Ihnen, so blindlings wegzurennen. Haben Sie sich etwa verletzt?«

Starke Finger schoben sich unter ihren Arm, und sie wurde hochgezogen. Sie war noch immer wie benommen, noch immer voll Furcht, aber die kräftige, freundliche Stimme klang recht beruhigend. In dem unsicheren Licht sah sie ein junges, wettergebräuntes Gesicht, das sie besorgt ansah. Die Kapuze war zurückgefallen.

»Nein, ich habe mich nicht verletzt«, antwortete sie leise.

»Nun, dann ist es ja gut! Aber was, zum Teufel, suchen Sie hier im Moor - so weit von der Straße entfernt?«, fragte der Mann. »Waren Sie es, die vor zehn Minuten einen furchtbaren Schrei ausstieß?«

»Vor zehn Minuten?«, unterbrach sie ihn.

Sie konnte es gar nicht glauben. Sie hatte das Gefühl, dass mindestens eine Stunde vergangen war, seit sie auf der Straße gestanden und versucht hatte, die Worte auf dem Wegweiser zu entziffern.

»Sie haben den Schrei also auch gehört?«, fuhr sie fort. »Warum sind Sie dann nicht sofort dort hingeeilt?«

»Verdammt - ich kam, so schnell ich konnte. Ich stand ja auf der anderen Seite des Blackmire-Sumpfes«, wandte er ein. »Ich war auch nicht sicher... Hören Sie, ich bin Andrew Trehearne vom Deepdale-Hof. Ich suchte auf dem Moor ein paar Schafe, die sich verlaufen hatten. Das letzte, was ich hier zu finden erwartete, war ein hübsches Mädchen. Das heißt - ich meine - aber Sie brauchen mich doch deswegen nicht so ängstlich anzusehen!«

Nun klang seine Stimme verlegen. Er hielt seine Taschenlampe noch immer auf ihr Gesicht gerichtet, und die Schönheit ihrer Züge beeindruckte ihn; das kastanienbraune Haar, das in Locken unter ihrem kleinen Hut hervorquoll; ihre sanften, braunen, intelligenten Augen; die weiche Kurve ihres Kinns und der reizende Schwung ihres rotlippigen Mundes, hinter dem weiße Zähne schimmerten.

»Sie haben also den Aufschrei auch gehört«, wiederholte sie und rückte von ihm ab. »Ich stand gerade auf der Autostraße und versuchte den Wegweiser zu entziffern. Wo liegt denn die Straße eigentlich? Ich ließ meinen Wagen am Wegweiser stehen und stieg aus... Ich möchte das High-Tor-Krankenhaus finden, aber auf dem Wegweiser stand nur Nach Tolgesset

»Das Krankenhaus liegt ein Stück weiter - Sie haben auf den falschen Wegweiser gesehen«, erklärte er ihr. »Noch eine Meile weiter die Straße entlang, und Sie hätten den Wegweiser gefunden, den Sie suchten... Aber warten Sie - der Schrei kann also nicht von Ihnen gekommen sein.«

»Könnten Sie nicht den Strahl Ihrer Lampe anderswohin richten?«

»Wie? Entschuldigen Sie bitte.« Er senkte die Taschenlampe zu Boden. »Aber Sie sehen ja ganz verstört aus!«

Er fügte nicht hinzu, dass sie trotzdem oder gerade deshalb bildhübsch aussah. Vielleicht war es ihre Erregung, die das Blut in ihre Wangen steigen ließ und damit den Reiz ihres Gesichts erhöhte. Ihre Augen blitzten.

Inzwischen hatte sich Stella etwas beruhigt. Seine freundliche Haltung enthielt ja wirklich nichts Drohendes. Ihr gefiel auch sein Gesicht. Aber die Worte kamen aus ihrem Mund, bevor sie sie zurückhalten konnte.

»Ich hatte Angst!«

»Vor mir?«

»Ja - zuerst. Ich hielt Sie für... Aber jetzt habe ich keine Angst mehr. Hören Sie, dort drüben liegt ein Toter im Moor...«

»Aber...«

»Ich hörte den Aufschrei, als ich gerade auf den Wegweiser sah. Der Schrei klang so verzweifelt, dass ich auf das Moor hinausging und mich überall umsah«, fuhr sie rasch fort. »Dann - in einer kleinen Senke - fand ich ihn endlich. Er ist tot. Sein Gesicht ist völlig zerschmettert. Ich versuchte, wieder auf die Straße zurückzufinden, als ich Sie kommen hörte, und da dachte ich...« Sie hielt inne. »Ich meine, als Sie aus dem Nebel auftauchten, sahen Sie doch so furchterweckend und riesig aus...«

»Wollen Sie damit etwa andeuten, dass Sie glaubten, ich hätte jemanden umgebracht?«, unterbrach er sie verwundert. »Ich konnte gar nicht verstehen, warum Sie vor mir wegrannten, und so rief ich Ihnen zu, doch stehenzubleiben. Aber - was sagten Sie da von einem Toten? Sind Sie Ihrer Sache sicher?« Sein Tonfall hatte sich geändert und klang jetzt ungläubig. »Wie sollte ein Toter aufs Moor kommen? Haben Sie sich da nicht etwa von einem eigenartig geformten Granitblock täuschen lassen?«

»Nein, nein - gewiss nicht! Wie hätte ich mich irren können! Sein zerschmettertes Gesicht, das Blut - es rann noch über seinen weißen Schal... Es war grauenhaft! Ich bin gewiss daran gewöhnt, Blut und Wunden zu sehen, aber so etwas Entsetzliches ist mir noch niemals vor Augen gekommen...«

»Nun, regen Sie sich jetzt nicht wieder auf«, fiel er ein, als er ihr Grauen sah. »Er lag in einer kleinen Senke, sagten Sie? Das muss irgendwo in der Nähe des Blackmire-Sumpfes sein. Da werde ich wohl besser nachsehen gehen.« Er wunderte sich zwar, warum sie mit Wunden und Blut vertraut sein wollte, stellte aber keine Frage. »Je eher wir den armen Kerl finden, umso besser. Vielleicht ist er auch noch gar nicht tot.«

»Doch, er ist tot«, sagte Stella ruhig.

Er nahm ihren Arm, und nun gingen sie beide zusammen auf die Suche. Er war höchst begierig zu erfahren, wer dieses schöne Mädchen war, das allein im Moorland herumlief. Aber Stella war, obwohl jetzt nicht mehr so erregt, doch noch keineswegs beruhigt. Ein Mörder sieht schließlich nicht immer wie ein Mörder aus, und zudem trug dieser Mann einen schweren Stock in der Hand - einen Stock, mit dem er dem Toten seine furchtbaren Wunden ohne weiteres hätte zugefügt haben können. Eigentlich wollte sie nur fort - zurück zur Straße - zu ihrem Auto, aber er hielt ihren Arm fest und ging mit ihr durch den Nebel. Offenbar war ihm die Gegend so vertraut, dass er hier jeden Schritt und Tritt kannte.

Stella war zum ersten Mal im Moorland von Bodmin. Noch vor einer Stunde hatte ihr die Gegend, trotz ihrer Düsternis, im klaren Licht des Abends ein Gefühl von Freiheit gegeben, wie das bei weitem, offenem Land oft der Fall ist. Dann war plötzlich, wie aus dem Nichts heraus, der Nebel über die Straße geflutet und hatte sie gezwungen, die Fahrtgeschwindigkeit zu mäßigen. Gleichzeitig hatten sich am Himmel schwere Wolken zusammengezogen und vorzeitig die Nacht hereinbrechen lassen.

Sie fühlte, wie er fest ihren Arm hielt, und fragte sich, was dieser Mann auf dem Moor gesucht haben mochte. Hatte er sich wirklich nach verlorenen Schafen umgesehen? Das klang doch nicht sehr glaubhaft! Sie konnte auch nicht vergessen, dass er das einzige menschliche Wesen war, das sie zu Gesicht bekommen hatte, seit der Schrei aus dem Nebel an ihr Ohr gedrungen war.

»In einer kleinen Senke, sagten Sie?«, fragte Andrew in ihr Nachdenken hinein.

»Ich - ich glaube es wenigstens. Ich konnte ja nicht viel erkennen. Ich hatte nur den Eindruck, dass sich der Boden dort senkte. Es war nicht sehr weit von der Straße weg - in gerader Linie meine ich.«

»Sie werden schon Recht haben. Ein paar hundert Meter von der Straße ab beginnt ja schon der Sumpf«, meinte er, aber seine Stimme klang verwundert. »Sie können noch von Glück sagen, dass Sie nicht in den Sumpf hineingerieten, denn es hat in den letzten Tagen viel geregnet, und dann ist der Sumpf immer gefährlich.«

Sie wusste genau, dass er ihren Worten nicht so recht glauben wollte. Aber gerade diese Erkenntnis trug dazu bei, sie zu beruhigen, denn in diesem Falle konnte er ja unmöglich der Mörder sein. Aber vielleicht verstellte er sich - wieder begann ihr Herz schneller zu schlagen. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sich der Boden, auf dem sie gingen, senkte.

»Wenn Sie recht haben, so müsste der Tote hier irgendwo in der Nähe liegen«, meinte Andrew, verlangsamte seinen Schritt und ließ den Strahl seiner Lampe nach rechts und links gleiten. »Kurz vor uns liegt der Sumpf; wir sind jetzt beinahe an seinem Rand angelangt. Fühlen Sie denn nicht, wie weich hier das Gras ist?«

»Sie glauben mir wohl nicht?«, fragte sie bitter. »Aber vielleicht sind wir hier nicht am richtigen Platz - ich meine, die Leiche könnte ziemlich weit links von uns oder auch rechts von uns liegen. Ich habe die Orientierung völlig verloren. Es kommt mir vor, als ob wir furchtbar weit gegangen wären.«

»Nur, weil auch ich für eine Weile die Richtung verloren hatte«, gab er zu. »Ich kenne zwar das Moor recht gut, ab r bei diesem Nebel kann man sehr leicht die Richtung verlieren - einen Augenblick!«, fügte er schnell hinzu. »Was ist denn das dort drüben? Dort liegt doch etwas Weißes!«

Er lief rasch zu der Stelle hin, auf die er gedeutet hatte, wobei er ihren Arm losließ. Der Anblick, der sich ihm dort bot, war so grauenhaft, dass seine Stimme stockend klang, als er wieder zu sprechen anfing.

»Mein Gott - Sie hatten recht!«

Stella trat neben ihn.

»Kennen Sie ihn?«

»Aber nein! Wie könnte ihn überhaupt jemand erkennen? Sein Schädel ist ja völlig eingeschlagen, und sein Gesicht...« Andrew brach ab und wandte den Strahl seiner Lampe von der Leiche fort. »Aber ich glaube nicht, dass er aus der Gegend stammt. Die Art seiner Kleidung - diesen Mantel kann er in Polryn oder Bodmin gar nicht gekauft haben!« Er wandte sich zu Stella und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Entschuldigen Sie, dass ich Ihre Worte anzweifelte. Bei einem solchen Anblick ist es ja kein Wunder, dass Sie Angst bekamen!«

»Was sollen wir jetzt tun?«

»Die Polizei benachrichtigen - und so schnell wie möglich«, erwiderte er prompt. »Der arme Kerl ist ja zweifellos tot. Rühren Sie ihn nicht an und fassen Sie ihm nicht in die Tasche! Das alles müssen wir der Polizei überlassen. Kehren wir lieber zur Straße zurück.«

Wieder nahm er ihren Arm und führte sie fort. Sie stiegen den Hügel hinauf, und zu ihrer Überraschung fand Stella, dass die Straße ganz in der Nähe vorbeiführte. Ihr Gefährte fand sie ohne Schwierigkeit. Ihr getreuer kleiner Austin stand noch dort, wo sie ihn verlassen hatte; seine Rücklichter schimmerten durch den Nebel.

»Oh, wie froh bin ich!«, rief Stella atemlos. »Es ist ja, wie wenn man wieder in das normale Leben zurückkehrt! Ich sah diesen Wegweiser und hielt an, um die Aufschrift zu lesen.«

»Tolgesset ist kein Dorf«, sagte er. »Der Weg führt nur zum Tolgesset-Hof, der Martin Penney gehört. Mein eigener Hof, Deepdale, liegt ein paar Meilen weiter nach Süden auf der anderen Seite der Straße. Sprachen Sie nicht davon, dass Sie das Krankenhaus finden wollten?«

»Ja.«

»Es liegt eine Meile weiter und dann einen Seitenweg entlang«, erklärte er. »Wollen Sie einen Besuch dort machen?«

»Nein, ich werde dort arbeiten.«

»Arbeiten? Sie meinen doch nicht...«

»Ich bin Krankenschwester.«

»Na so was! Das hätte ich nie gedacht!«

Andrew war höchst überrascht. Jetzt verstand er auch, was sie gemeint hatte, als sie sagte, sie sei an Blut und Wunden gewöhnt.

»Sie sehen gar nicht wie eine Krankenschwester aus«, fuhr er offen fort. »Dazu sind Sie viel zu elegant - zu hübsch...« Er hielt inne. »Verdammt - so meinte ich es eigentlich gar nicht. Es muss ja wohl viele hübsche Krankenschwestern geben. Glücklicherweise hatte ich bis jetzt mit Schwestern nicht viel zu tun. Übrigens haben Sie mir Ihren Namen noch nicht gesagt.«

»Ich heiße Stella Pemberton. Ich fuhr heute von London ab und habe mich schrecklich verspätet. Wie spät ist es denn eigentlich?«, fragte sie ängstlich. »Man erwartet mich im Krankenhaus gegen fünf...«

»Dann haben Sie sich aber wirklich verspätet«, unterbrach er sie nach einem Blick auf seine Armbanduhr. »Es ist jetzt fast drei Viertel acht. Sie werden also im High-Tor-Krankenhaus als Schwester arbeiten? Da haben die Patienten des alten Mayhew aber wirklich Glück!«

Sie wurde rot.

»Vielen Dank, dass Sie mich wieder zur Straße gebracht haben«, sagte sie eilig. »Ich glaube, ich

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