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eBook285 Seiten4 Stunden

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Über dieses E-Book

Erste deutsche Übersetzung der katalanischen Erfolgsautorin.

Der Roman setzt sich am Beispiel einer 30-jährigen Journalistin mit den Befindlichkeiten dieser Generation auseinander, die sich in Zeiten von wirtschaftlicher und beruflicher Unsicherheit mit Zukunftsängsten und Themen wie Herkunft, Heimat und Perspektiven beschäftigen. Nach der Rückkehr zu den Eltern nach Mallorca muss die Protagonistin sich mit der Depression des Vaters, der Aufarbeitung alter Liebesbeziehungen und einem gut gehüteten Familiengeheimnis auseinandersetzen. Darüberhinaus thematisiert Verortungen das Versagen der Presse als vierter Macht im Staat. Es ist der außergewöhnliche Roman einer engagierten und politischen Journalistin und Autorin.

Was also zunächst als Familiengeschichte beginnt, mit einer Tochter, deren Beruf das Schreiben ist, die von der Vergangenheit und ihrer aktuellen Situation berichtet, entwickelt sich zu einem sehr vielfältigen Roman. Da er nicht chronologisch erzählt wird, sondern in Schleifen auf bestimmte Punkte zurückkommt und den Geschehnissen immer wieder eine weitere Variante hinzufügt, ist er auch spannend zu lesen. Er lässt dem Leser Zeit, sich einzufinden und der Autorin an all die Plätze zu folgen, an denen sie ihre Erinnerungen verortet.

Der Roman wird auf Mallorca als Schlüsselroman gelesen. Das autofiktionale Schreiben von Llucia Ramis ist ein hervorragendes Beispiel für die neue Erzählpoetik ihrer Generation und dies ganz besonders in Katalonien.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum16. Dez. 2019
ISBN9783944666662
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    Buchvorschau

    Verortungen - LLucia Ramis

    nach.

    Erster Teil

    1

    Feuchte, salpetergetränkte Luft weht durch die Fluggastbrücke. Ich hänge mir die Tasche über die Schulter. Es ist ein Notfall und ich habe nur das Allernötigste bei mir, aber auch das Allernötigste wiegt. In der Ankunftshalle heißen riesige Plakate mit von photoshopblauem Meer umspülten Buchten die Besucher der Insel auf Spanisch, Katalanisch, Deutsch, Englisch und Französisch willkommen.

    Während sie nach den Anzeigetafeln Ausschau halten, ziehen die Touristen zwischen Geschäften mit ensaïmades, Andenkenläden, Cafés und einem Burger King, der ölige Gerüche verströmt, ihre Koffer ungeschickt hinter sich her. Wir anderen folgen einer Strecke, die wir wie im Schlaf kennen, und steuern, ohne uns aufhalten zu lassen, gleich auf den Ausgang zu. Seit dreizehn Jahren lebe ich in Barcelona und fliege mindestens vier Mal im Jahr nach Mallorca. Ich fliege nicht gerne. Flughäfen sind nervtötend, das Schlangestehen, das Warten, das fahle Licht der Neonröhren, das auf die Menschen fällt, die sich an diesem Nicht-Ort befinden. Einige auf dem Weg in die Ferien, andere zur Arbeit. Und ich, kurz davor in Erfahrung zu bringen, was mit meinem Vater los ist.

    Ich schalte das Handy ein und sehe zwei entgangene Anrufe von Ivan und eine Nachricht von ihm: „Kopf hoch und Küsse. Wir reden heute Abend. Ich habe keine Zeit gehabt, mich von ihm zu verabschieden. Ich finde, in der letzten Zeit kommunizieren wir nur noch über entgangene Anrufe und Nachrichten. Niemand käme auf den Gedanken, dass wir in derselben Redaktion arbeiten und obendrein zusammenleben. Zu viele offene Fronten. Wir sind erschöpft. In ein Flugzeug zu steigen war das Letzte, was ich gerade jetzt brauchen konnte, aber die Stimme meiner Tante hatte besorgt geklungen. Wirklich beunruhigend war allerdings die Tatsache an sich: dass mich meine Tante überhaupt anrief. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie das schon jemals getan hätte. Und trotzdem fiel es mir schwer, ihr Glauben zu schenken. Wenn mein Vater so schlecht beieinander war, wie sie behauptete – „er wird noch jemandem was antun oder aber sich selbst, wiederholte sie, fast so wie in einer dieser Seifenopern, mit melodramatischem Unterton –, wenn mein Vater wirklich Hilfe brauchte, hätte meine Mutter, die schließlich Psychologin ist wie er, das sicher bemerkt und mir sofort Bescheid gesagt. Andererseits ist meine Mutter sehr verschwiegen und wollte mich vielleicht nicht beunruhigen. Sie ist davon überzeugt, mit allem alleine zurechtzukommen, nie würde sie um etwas bitten. Wie heißt es doch gleich: Der Schuster trägt die schlechtesten Schuhe und so weiter.

    „Auf dich hört er, er hört immer auf dich, meine Tante ließ nicht locker, „dein Vater muss zu einem Spezialisten. Und das Wort „Spezialist klang bedrohlich. Ich war unschlüssig gestern Nachmittag auf der Glasveranda, die Wäsche halb aufgehängt, das Handy am Ohr. Doch dann kam mir das Panorama der Innenhöfe mit den alten Frauen und den Blumentöpfen, mit den Käfigen, in denen morgens Kanarienvögel zwitscherten, mit einem Mal fremd vor. Mir war gerade eben die Verantwortung zugefallen, mich um meinen Vater zu kümmern, und bliebe ich das Wochenende über zu Hause, würde das meine Unruhe und meine Gewissensbisse nur noch steigern. Außerdem ließ der Satz „auf dich hört er mich unentbehrlich fühlen.

    Es stimmt, mein Vater ist seit einigen Monaten seltsam. Oder besser gesagt, er verhält sich seltsam. Aber er ist eben temperamentvoll und er liebt es, bis aufs Äußerste zu provozieren. Ich führte es darauf zurück, dass ihm alles zusammen, die gerade ziemlich unsichere politische Situation, ein Nachbarschaftsstreit, der immer weiter eskalierte, und sein Ruhestand gewaltig gegen den Strich gingen. Von mehreren Freunden (und von Ivan) weiß ich, dass viele Väter den Kopf verlieren, wenn sie in Rente gehen. Bei einem Abendessen, bei einem Glas Wein sprechen wir oft darüber, wie verdammt hart es sein muss, sich auf einmal überflüssig zu fühlen. Schlimmer noch: sich als Museum des eigenen Lebens vorzukommen.

    Später einmal wird es heißen, dass jetzt, im Jahr 2007, für die Welt, so wie wir sie gekannt haben, der Anfang vom Ende begonnen hat. Aber im Augenblick fehlt uns die Perspektive, um dies zu erkennen. Die Krisendrohungen klingen in unseren Ohren nach den typischen Endzeittiraden der Wirtschaftsgurus. Natürlich haben sie recht, aber sie erreichen damit genauso viel, um nicht zu sagen, genauso wenig wie Umweltschützer, die vor den Auswirkungen des Ozonlochs warnen, vor dem Klimawandel oder dem Plastikmüll in unseren Ozeanen. „Bis hierher lief’s noch ganz gut", versucht sich ein Typ zu beruhigen, während er von einem Hochhaus in die Tiefe fällt. Diese Pointe aus dem Film Hass beschreibt die oberflächliche Freude, mit der wir jeglichen Gedanken an die Zukunft vermeiden, auf die wir unweigerlich zusteuern. Ich habe nur einen Zeitvertrag, aber der ist fair. Wie Ivan zu so viel Geld kommt, diese Frage stelle ich mir nicht. Mit gerade dreißig stehen wir beruflich ganz gut da, es scheint so, als ob man uns endlich zu schätzen weiß.

    Unsere Väter befinden sich auf einer anderen Ebene, fast könnte man meinen, in einem anderen Universum. Manchmal sagen wir im Scherz, sie hätten sich in unsere Kinder verwandelt. Vor allem der Vater von Ivan, seit seine Mutter ihn um die Scheidung gebeten hat.

    „Es ist zum Verrücktwerden. Mein Vater kommt alleine einfach nicht klar. Er kann sich noch nicht mal ein Spiegelei braten", sagte Ivan. Er saß am Steuer und wir waren auf dem Heimweg von der Arbeit, spät, wie immer, nachdem wir zuvor noch an der Imbissbude, die zwei Straßen von der Redaktion entfernt liegt, eine Bratwurst gegessen hatten.

    „Und deine Mutter kommt sicher nicht damit klar, vierundzwanzig Stunden am Tag mit ihm zu verbringen. Als er gearbeitet hat, da ging’s vielleicht noch. Aber jetzt … Stell dir vor, du hast den ganzen Tag zu Hause auf dem Sofa einen Kerl hocken, der nicht in der Lage ist, sich ein Spiegelei zu braten."

    Mein Vater ist eher der hyperaktive Typ. Er hatte sich auf den Ruhestand gefreut, um endlich all das tun zu können, wonach ihm war und was er bislang nicht machen konnte, weil er keine Zeit dazu hatte, und das bedeutete vor allem, die mallorquinische Fauna und Flora zu retten und sich seinem Blog zu widmen. Ein sehr politischer Blog, in dem er den Partido Popular kritisiert und den nordamerikanischen Kapitalismus. Bis vor kurzem klickten Tausende seine Seite an, die Leute hinterließen einen Kommentar, renommierte Journalisten der Insel beglückwünschten ihn sogar. Er hatte eine Stimme. Er war jemand.

    Der Eintrag, der vielleicht alles ins Rollen gebracht hat, trägt den Titel „Die Mauer". Andererseits ist es irgendwie absurd, einen einfachen Text dafür verantwortlich zu machen, dass ich jetzt hier bin und an den Kofferbändern vorbeihaste, auf denen sich immer mehr Gepäckstücke ansammeln, bereit zum Abholen.

    Die Ursache dafür muss tiefer liegen und nur, indem ich in der Erde scharre und mir die Hände schmutzig mache, kann ich ihr auf den Grund gehen.

    Mein Vater, papaíto, wenn ich in unseren Diskussionen sarkastisch und respektlos werde, mumpare, wenn ich ihn auf Mallorquinisch anspreche, Juan Mateo in seinen Ausweispapieren und Mateu für alle übrigen, ist für mich: Papa. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes der Mann meines Lebens, denn ohne ihn wäre ich nicht hier. Jetzt bin ich seinetwegen hier und ich weiß, er wird mich abholen, so wie immer, eifrig bemüht, wenn es um jemanden aus der Familie geht, für meine Begriffe ein wenig zu sehr. Er bringt mich zur Verzweiflung, ohne dass es einen konkreten Grund dafür gäbe. Seine grenzenlose Güte und dieses fast flehende Verlangen nach Liebe in seinen Augen, wenn er mich anschaut, machen mich einfach wahnsinnig. Als ob er tief im Inneren befürchtet, ich würde seine Gefühle nicht erwidern oder jedenfalls nicht in dem Maße, wie er es gerne hätte, denn er will immer mehr und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Natürlich wird er mir meine Tasche abnehmen wollen, ich werde ihm sagen, dass er das nicht braucht, er wird darauf bestehen, ich werde wieder Nein sagen und er wird mich ein drittes Mal fragen, „willst du bestimmt nicht, dass ich deine Tasche nehme?"

    Er sagt zu nichts Nein und du musst alles drei Mal wiederholen, bis er es akzeptiert. Willst du sicher nicht den Nachtisch probieren, den er sich im Restaurant bestellt hat? Soll er dich nicht doch mit dem Auto hinfahren? Willst du wirklich nicht, dass er nach Barcelona kommt und dir dabei hilft, den Computer zu konfigurieren? Nein, nein und nochmals nein. Danke, aber nein. Seine Beharrlichkeit bringt mich gegen ihn auf und das mit einer Vehemenz, die er als Konfrontation empfindet. Vielleicht ist es das ja auch. Schroff, weil ungeduldig. Wäre es denn nicht viel einfacher, er würde akzeptieren, was ich will oder eben nicht mehr will, ohne darauf zu bestehen, was ich seiner Vorstellung nach zu wollen habe? Ich wüsste gar nicht, was mir entgeht, ich sei im Unrecht, sollte mir helfen lassen und einen Rat annehmen und ihm nicht ständig widersprechen, denkt er. Ich nehme an, zum gegenwärtigen Zeitpunkt macht es wenig Sinn zu hoffen, sein Bild von mir könne sich ändern. Andererseits werde ich es jetzt auch nicht mehr lernen, ihn einfach gewähren oder mich treiben, mich einfach von ihm lieben zu lassen, was ich allerdings sehr wohl jedes Mal zulasse, wenn er mich am Flughafen abholen kommt. Unsere kleinen Waffenstillstände konzentrieren sich auf das Wiedersehen.

    Da ist er. Wie immer wartet er auf mich vor Ausgang D, obwohl er eigentlich wissen müsste, dass ich nie Gepäck aufgebe und darum immer gleich den kleinen Seitenausgang nehme. Er ist hochgewachsen und schon völlig weiß. Er sieht ziemlich zerzaust aus. Je näher ich komme – noch hat er mich nicht gesehen, denn er versucht, mich auf der anderen Seite der Glasscheibe ausfindig zu machen und ich bin ja schon draußen –, desto mehr haftet mein Blick auf dem geblümten Hemd, das er fast bis zum Bauchnabel offen trägt. Seit Tagen hat er sich nicht rasiert. Er erinnert mich an einen pensionierten Surfer oder einen dieser Männer, die in Miami leben und Statistenrollen in Fernsehserien übernehmen. Oder, wer weiß, vielleicht hat er sich ja Jeff Bridges in König der Fischer zum Vorbild genommen, obwohl er ja eher wie Jeff Bridges in The Big Lebowski aussieht.

    Er entdeckt mich aus den Augenwinkeln, dreht sich zu mir und öffnet mit einer theatralischen Geste seine Arme. Dann, als hätten sie nur auf dieses Signal gewartet, kommt ein schwarzes Paar auf mich zugestürmt: Er richtet eine Videokamera auf mich, sie hält mir ein Aufnahmegerät vor den Mund. Die beiden sind fast so groß wie mein Vater, dürften um die zwanzig sein und ihre seidig glatten Arme schimmern wie poliertes Ebenholz.

    Ich schaue meinen Vater entgeistert an. Was zum Teufel soll das denn? Er spricht meinen vollständigen Namen aus, beide Familiennamen, und er fragt mich, ob ich eine gute Reise gehabt hätte und imitiert dabei einen Reporter der Regenbogenpresse. Die Afrikaner zielen mit ihren elektronischen Apparaten auf mich und warten, dass ich etwas sage, aber ich bin verstummt. Schließlich gelingt es mir, ein nervöses Gestammel von mir zu geben:

    Papaíto, tust du mir den Gefallen und …"

    Er lässt mich den Satz nicht zu Ende bringen und ruft aus, ich sei eine berühmte Schriftstellerin. Einige Reisende schauen uns im Vorübergehen an. Mein Vater fragt, ob ich schon an einem zweiten Buch schreibe, was ich für Pläne hätte. Ich muss hier raus. Die Afrikaner heften sich an meine Fersen, so als könnten sie mir irgendeine interessante Erklärung entlocken. Dieses Mal fragt mein Vater nicht, ob er meine Tasche tragen soll, er hat es vergessen. Aber klar, dieses Mal ist mein Vater auch nicht mein Vater. Jemand anderes steckt in seinem Körper und hat sich ein Aufnahmegerät um den Hals gehängt, das er keinen Moment lang ausschaltet, weil er, wie er mir im Auto verkündet, Beweise braucht.

    „Beweise wofür?", traue ich mich zu fragen.

    „Für alles!", ruft er.

    Für die Drohungen, für seine eigene Existenz. Für das Leben im Allgemeinen.

    Als wir das Haus erbten, schien sich eine Art poetische Gerechtigkeit zu erfüllen. Meine belgischen Großeltern hatten gerade Can Meixura verkauft, den Ort, an dem meine Erinnerungen beginnen, jenes verlorene Paradies, in das ich nicht mehr zurückkehren kann. Son Cors liegt etwa zwanzig Kilometer davon entfernt, es gehört ebenfalls zur Gemeinde Fenassar, und an jedem ersten August haben wir uns dort getroffen, um den Geburtstag meines mallorquinischen Großvaters zu feiern. Seitdem es seinen Geburtstag nicht mehr zu feiern gibt, sind wir nicht mehr dort gewesen.

    Als er Son Cors erbte, dachte mein Vater, er könne das Haus herrichten und so, irgendwie, die Erinnerungen, den Sommer und die Wochenenden zurückholen, die wir durch den Verkauf von Can Meixura verloren hatten: Johannisbrotbäume, Feigenkakteen und das schönste Licht der Welt. Nicht umsonst heißt Son schließlich „das von". Es ist ein Besitztum, eine possessió, wie auf den Balearen ein Landgut genannt wird.

    Cors kommt von „korsisch", vielleicht hat sich das Landgut vor langer Zeit ja einmal in der Hand von Korsen befunden. Cors ist aber auch der Plural von cor, von Herz.

    Als ich meiner Mutter sagte, der Verlust von Can Meixura würde so wehtun, als habe man mir einen Arm ausgerissen oder als sei jemand gestorben, der mir sehr viel bedeutet – eigentlich sind wir damals alle ein bisschen gestorben, denn es war, als hätten wir mit dem Verkauf des Hauses unsere Vergangenheit verschleudert –, konnte sie das nicht wirklich nachempfinden. So etwas wie ein Zugehörigkeitsgefühl kennt meine Mutter nicht. Sie ist in Belgien geboren und hat in Asturien gelebt, in Madrid und Paris, bevor sie geheiratet hat und nach Mallorca gezogen ist. Würdest du sie fragen, wo ihre Wurzeln sind, hätte sie sicherlich keine Antwort darauf. Aber das macht aus ihr keine Entwurzelte. Obwohl, also, bei „entwurzelt muss ich an „entgleist denken, was aber nicht dasselbe ist. Oder vielleicht doch.

    Was soll‘s. Son Cors war nicht Can Meixura. Von Son Cors aus konnte man nicht auf den Puig de Sant Bartomeu sehen, und meine Kindheit hatte dort keine Spuren hinterlassen: Wie ich durch die Felder streifte, mir beim Auf-die-Bäume-Klettern die Knie aufschürfte, lernte, ein Rotkehlchen und einen Wiedehopf zu bestimmen, den Gesang der Nachtigall von dem der Amsel zu unterscheiden, mich im Dickicht versteckte, dort, wo wir Dalma beerdigt haben, unsere alte pyrenäische Schäferhündin. Es gibt auch keine vergilbten Fotos aus der Zeit, als der Strom nach Son Cors kam, so wie es sie von Can Meixura gibt, als dort die Elektrizität Einzug hielt. Und ich, drei oder vier Jahre alt, zeige mit weit aufgerissenen Augen auf eine brennende Lampe, bin hin und weg. Nach Son Cors ist auch nie ein Wünschelrutengänger gekommen, der, den Eindruck hatte ich zumindest, auf Can Meixura die Astgabel absichtlich in der Nähe der am dichtesten belaubten Johannisbrotbäume schwingen ließ, waren sie doch der beste Beweis dafür, dass es dort Wasser geben müsste. Und es fuhr später auch kein Lastwagen nach Son Cors, so wie zuvor nach Can Meixura, auf einem schmalen Weg, der sich bis zum Haus schlängelte und auf dem mein Vater und mein belgischer Großvater Steine und Unkraut wegschafften, und sie fragten mich, ob ich ihnen nicht dabei helfen wollte, ganz früh am Morgen, noch bevor die Sonne glühend heiß auf unsere Strohhüte brennen würde.

    Die mit dem Lastwagen bohrten Löcher in den Boden. Jedes Rohr, das sie ins Erdreich versenkten, dürfte drei Meter lang gewesen sein und kostete eine Stange Geld. Sie könnten auf Felsgestein stoßen und in diesem Fall wäre das Ganze eine verlorene Investition. Meine belgischen Großeltern wollten auf Can Meixura ihren Lebensabend verbringen. Gäbe es dort kein Wasser, müssten sie sich etwas anderes überlegen, wahrscheinlich in Madrid bleiben, wo sie damals lebten. Dann könnten sie, so wie bisher, nur im Sommer nach Can Meixura kommen und manchmal im Frühling. Für kurze Aufenthalte reichte ihnen der Wasservorrat in der Zisterne.

    Aber der Bohrer stieß nicht auf Stein. Mit orgastischer Kraft schoss das Wasser hervor, und ich fing an zu tanzen und zu hüpfen, so wie ein Indianer im Regen nach der großen Dürre. Oder zumindest so, wie die Indianer in meinen Bilderbüchern.

    Meine Mutter hat für das Landleben nichts übrig. Nach Can Meixura ging sie, weil sie sich dazu verpflichtet fühlte, zuerst wegen mir – ein Kind darf man an den Wochenenden nicht in der Stadt einsperren –, und dann, nachdem sie sich dort niedergelassen hatten, um ihre Eltern zu besuchen. Als diese im letzten Jahr schließlich das Haus verkauften, fühlte sie sich befreit. Jetzt müsste sie nicht mehr dorthin. Als mein Vater ein paar Monate später Son Cors erbte, dachte sie, das Schicksal spiele ihr einen üblen Streich.

    Son Cors bewahrte nicht unsere Familiengeschichte, wohl aber ein Datum über der Tür: 1719. Seine Zeit als Frischpensionierter verbrachte mein Vater damit, Unkraut auszurupfen und Palmen zu pflanzen. Sein Ziel war es, einen Ort instandzusetzen, auf den meine Mutter keine Lust hatte und an dem ich, weil ich in Barcelona lebe, nur selten sein würde. Zwei- bis dreimal die Woche legte mein Vater die sechzig Kilometer zurück, die Palma von Son Cors trennen, und er verbrachte dort Stunden um Stunden, die Harke in der Hand und das Hemd offen, die Lungen vollgepumpt mit frischer Luft, um mit seiner Hände Arbeit das in Ordnung zu bringen, was von Wind und Wetter unter Unkraut und Gestrüpp beharrlich abgetragen worden war.

    So hätte es immer weitergehen können. Sonntagabends am Telefon mit halbem Ohr zuhören, wenn er von seinen Fortschritten erzählte – „heute habe ich eine kleine Mauer gezogen, um den Rosenstock zu schützen, den ich an der Vorderfront des Stalls gepflanzt habe, „heute musste ich den Rosenstrauch mit Draht hochbinden, denn der Wind hat ihn umgeweht –, ihn in dem Glauben lassen, dass wir eines Tages die Ferien dort verbringen werden, er als glücklicher Großvater von zwei Kindern, die ich mit Ivan oder wem auch sonst haben würde, Kinder, die genauso glücklich sein würden wie ich, als ich auf Bäume geklettert und von meinen Abenteuern mit Erde an den Turnschuhen und zerkratzten Beinen zurückgekehrt war, und denen er, mein Vater, Geschichten erzählen würde so wie mir damals mein Großvater auf Can Meixura, und dann würden wir alle zusammen wieder dem Sternschnuppenregen zuschauen, den Tränen des heiligen Laurentius.

    Dieser Traum meines Vaters schloss die Notwendigkeit von Dauer ein: Er bekam das Haus zurück, das erst seinem Großvater, dann seiner Mutter gehört hatte und in dem die ganze Familie so viele Male zusammengekommen war, um umgeben von Fliegen und Schafen den Geburtstag seines Vaters zu feiern. Und er wollte es weiter mit Erinnerungen füllen, so wie er, ohne auch nur das Geringste von Gartenbau zu verstehen, in dem kleinen Gemüsegarten, den er angelegt hatte, Tomaten aussäte, in der Hoffnung, etwas von all dem würde bleiben, wenn es ihn nicht mehr gäbe. So wie mit diesem Haus für immer der erste August verbunden sein würde und sein über der Tür eingemeißeltes Entstehungsdatum.

    Nicht für einen Augenblick kam ihm der Gedanke, ich würde vielleicht gar keine Kinder haben wollen, und nicht im Traum hätte er sich vorstellen können, was sich schließlich zutragen sollte.

    Ein gedämpfter Pfeifton ist zu hören, gleichzeitig blinken die Scheinwerfer auf und die automatische Türverriegelung schaltet sich aus. Ich wusste, dass er sich ein neues Auto gekauft hatte, aber auf so eins wäre ich nie gekommen. „Ein richtig vornehmer Schlitten, hatte er am Telefon gemeint. Die Afrikaner machen es sich auf dem Rücksitz bequem, während das Verdeck des goldfarbenen Audi mit einem Summen Richtung Kofferraum gleitet. Wie kommt es, dass meine Mutter mir nichts davon gesagt hat? Ich erinnere mich an die Worte meiner Tante: „Dein Vater wirft das Geld zum Fenster raus, kauft unablässig unnütze Dinge, schenkt allen möglichen Leuten irgendwelche Apparate, Aufnahmegeräte, Digitalkameras, DVD-Player, sogar zwei Senegalesen hat er eingestellt!

    Mein Vater hat sich die Ray-Ban-Pilotenbrille aufgesetzt, die er trug, als er noch nicht verheiratet war. Zögernd steige ich ein und setze mich neben ihn. Ich schnalle mich an und eine Sekunde lang denke ich, er wird jetzt den Motor aufheulen lassen, so als ob wir in einem Porsche oder Ferrari säßen. Aber der Wagen verlässt lautlos das Parkhaus und ordnet sich unter dem blauen Himmel auf der Autobahn ein. Dann beschleunigt mein Vater. Er zählt mir die Raffinessen des Audi auf und dreht sich bisweilen nach hinten, um den Afrikanern Anweisungen zu geben, was sie filmen sollen, mal ein Flugzeug im Landeanflug, mal eine Mühle ohne Flügel. Währenddessen jagt er, ohne etwas darauf zu geben, mit Vollgas über die Straße und drückt auf die Hupe, damit ihm die Autos auf dem linken Fahrstreifen Platz machen.

    Das ist nicht mein Vater, geht es mir unaufhörlich durch den Kopf. Ich bin außerstande ihn wiederzuerkennen, so euphorisch und gehetzt zugleich, mit dieser abgrundtiefen Leere in seinen Augen, ohne jeglichen Respekt vor dem Tod und auch nicht vor denjenigen, die wir ihm, er selbst inbegriffen, in diesem Augenblick ausgeliefert sind.

    Er hat das Handtuch geworfen. Der brennende Idealist, der Mann, der davon überzeugt war, eine bessere Welt sei möglich, der auf die Menschen gebaut und sein Leben lang für

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