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Weihnachten auf Huntington Castle: Erzählungen am Yule-Feuer

Weihnachten auf Huntington Castle: Erzählungen am Yule-Feuer

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Weihnachten auf Huntington Castle: Erzählungen am Yule-Feuer

Länge:
298 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Dec 1, 2019
ISBN:
9783937013589
Format:
Buch

Beschreibung

Traditionell brennt in englischen Kaminen in der Weihnachtszeit der Yule-Stamm, so auch auf Huntington Castle. Der alte Lord Jean Pierre und Lady Jane of Huntington laden wie jedes Jahr auf ihr Schloss ein, um das Weihnachtsfest gebührend zu feiern.
Während sich das Jungvolk bei Musik und Tanz verausgabt und ganz unbemerkt Liebesbande knüpft, sitzen die alten Herrschaften am brennenden Yule-Stamm und erzählen sich Geschichten: romantisch, bewegend, geisterhaft, und immer mit einem schönen Ende, wie es sich für die Weihnachtszeit gehört.
Geschlemmt wird nach Herzenslust und man kann sogar mitschlemmen, denn von vielen süßen Köstlichkeiten finden sich die Rezepte im Buch.
Ein liebevoll gestalteter Band, mit dem man es sich bei Tee und Plätzchen gemütlich machen kann.
Freigegeben:
Dec 1, 2019
ISBN:
9783937013589
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Weihnachten auf Huntington Castle - Imelda Arran

21. Dezember 1820

Jean Pierre, der alte Earl of Huntington, schaute in die verschneite Landschaft, die sich um sein Schloss herum ausbreitete. Auf dem vereisten See glitzerte das Sonnenlicht; der Wald, der sich um den Park schmiegte, hüllte sich in ein duftiges Kleid aus Morgennebel, und eine leichte Brise wirbelte Jean Pierres Atem davon. Am Waldrand standen Rehe, witterten vorsichtig, dann staksten sie durch den Schnee zu der Futterraufe, die der Wildhüter Paul Ferguson mit Heu gefüllt hatte.

»Guten Morgen, Mylord!«, rief dieser fröhlich. Paul Ferguson war ein Bursche von nicht einmal dreißig Jahren, groß, kräftig und mit einem bärtigen Lächeln, das sogar die Haushälterin Mrs. Crumble besänftigte, wenn er wieder heimlich Apfelkuchen aus der Vorratskammer stibitzt hatte. Mit seinen riesigen Stiefeln kam er durch den Schnee auf seinen Herrn zugestapft. Er trug nicht nur einen wollenen Mantel, sondern auch ein dunkles Schaffell um seine Schultern, was seiner ohnehin eindrucksvolle Erscheinung etwas Verwegenes gab.

»Ihnen auch einen guten Morgen, Mr. Ferguson«, erwiderte Jean Pierre ebenso fröhlich.

»Dann wollen wir mal, nicht wahr? Wie jedes Jahr.« Die beiden gingen schweigend zu den Stallungen, wo Paul bereits ein Pferd vor den Leiterwagen gespannt hatte, den er auch für die Waldarbeit nutzte. Wenn Jean Pierre sich in seinem abgetragenen Mantel auf den Kutschbock setzte, um im Wald den Yule-Stamm zu holen, glaubte Paul den Gerüchten, die besagten, dass der alte Earl in seiner Jugend eine ziemlich abenteuerliche Reise überstanden hatte. Eine Reise, auf der er nicht nur als einfacher Mann zu Fuß unterwegs gewesen war, sondern auch um sein Leben gefürchtet hatte. Paul durfte sich neben ihn setzen und gemeinsam fuhren sie hinaus in die gleißende Schneefläche, die unberührt vor ihnen lag. Der Weg zum Wald war nicht zu erkennen, aber Jean Pierre steuerte den Wagen zielstrebig auf die Futterkrippe zu, die am Eingang des Waldes stand. Die Rehe zögerten nicht, sondern zeigten den beiden ihre weißen Hinterteile und verschwanden im Dickicht. »Heute Vormittag ist es noch ruhig«, stellte Paul fest. »Bei mir zumindest. Meine Schwester kommt erst heut Nachmittag, dann wird’s lebhaft in meiner sonst so stillen Hütte.«

Jean Pierre lachte leise in sich hinein. »Sie glauben gar nicht, wie unruhig es bei uns schon seit Tagen ist. Es werden Vorbereitungen getroffen, als komme die Königsfamilie mit ihrer gesamten Entourage zu Besuch.«

»Wie jedes Jahr«, antwortete Paul mit einem Grinsen und schnalzte beruhigend mit der Zunge, denn dem Pferd war der Schnee nicht geheuer. Geschickt lenkte Jean Pierre das Pferd durch die Verwehungen.

Der Wald empfing sie wie ein Märchen; der Wind trieb die letzten Nebelschwaden vor sich her wie Feenkleider, die sich zwischen den weißen Ästen verfingen. Sonnenlicht ließ die weißen Wipfel aufleuchten. Ein Eichelhäher flog mit durchdringenden Rufen von einem Ast auf und hinterließ einen Schleier aus Elfenstaub.

Auf einer Lichtung hielt Jean Pierre den Schlitten an. Nichts war mehr zu hören; kein Hufgetrappel, keine Räder, die durch den Schnee knirschten.

›Ein vollkommener Augenblick‹, dachte er bei sich. Er schaute Paul an, auf dessen Gesicht derselbe Gedanke lag. Für einen weiteren tiefen Atemzug genossen sie gemeinsam die Stille, dann zwinkerte er Paul zu und sie sprangen vom Wagen.

Schweigend gingen sie zu dem großen Holzstoß, auf dem Paul schon den Yule-Stamm zurechtgelegt hatte. Mit Leichtigkeit schulterte er den mächtigen Holzklotz und wuchtete ihn auf die Ladefläche.

Als sie beide wieder Platz genommen und Jean Pierre die Zügel in der Hand hatte, wandte er sich mit einem Zwinkern zu Paul um: »Und Paul - wie jedes Jahr!«

»Natürlich, Mylord! Wie jedes Jahr. Ist doch Ehrensache. - Wenn Sie wollen, kann ich sogar erzählen, dass Sie den Stamm ganz alleine auf den Wagen geworfen haben - aus zwanzig Fuß Entfernung.«

Jean Pierre feixte. Er liebte dieses Spiel und ließ es sich nicht nehmen, ordentlich damit anzugeben, dass er noch immer den Yule-Stamm heben könne. Allerdings gehörte zu diesem Spiel auch, dass alle so taten, als würden sie ihm glauben, denn natürlich war es Paul alleine, der den mächtigen Holzklotz zum Kamin in der Bibliothek brachte, ihn dort ablegte und alles so vorbereitete, dass das Feuer nur noch angezündet werden musste.

Nach getaner Arbeit schlenderte Paul über den Stallhof zum Garten, wo er von weitem Lynette, das neue Küchenmädchen sah. Mit einem Lächeln bemerkte er, dass sie den Vögeln Futter hinstreute und Gemüseabfälle über den Gartenzaun warf, damit die Feldhasen sich gütlich tun konnten. An Tiere hatte in der Küche bisher niemand gedacht, außer in totem, rohen Zustand.

»Guten Morgen, Miss Lynette!«, rief er und nahm seinen Hut ab.

»Guten Morgen, Mr. Ferguson!«, erwiderte sie und wollte gerade den Korb mit dem frisch geernteten Wintergemüse hochnehmen. Doch Paul war schneller; mit ein paar eiligen Schritten war er bei ihr und nahm ihr den Korb ab.

»Vielen Dank, Mr. Ferguson!« Dann verfiel sie in Schweigen und schaute angestrengt auf den Gartenweg vor ihren Füßen.

»Was gibt es denn heute Gutes? Lauch, Kohl und Steckrüben. Mag ich alles gerne. Werden Sie das Essen kochen?«

»Ich werde Lady Jane gleich helfen, die Girlanden für die Eingangstür und die Kamine zu wickeln.«

»Donnerwetter! Da hat sicher Mrs. Crumble ein gutes Wort für Sie eingelegt und Sie der Lady empfohlen, nicht wahr?«

Er schaute ganz anerkennend auf sie hinab. Ihre Wangen waren wohl nicht nur von der Kälte gerötet. Paul mochte ihre Sommersprossen, ihr helles Haar und die blauen Augen, die immer ein wenig melancholisch in die Welt schauten.

»Ich glaube schon. Als ich noch nicht lange hier war, habe ich kleine Sträuße für unseren Tisch gewickelt. Erinnern Sie sich?«

»Ja, natürlich, diese hübschen Sträuße waren von Ihnen?«

Lynette nickte lächelnd. Sie hätte nicht erwartet, dass so kleine Dinge einem Mann überhaupt auffallen würden. Wieder trat Stille zwischen sie, in der man nur das Knirschen des Schnees unter ihren Füßen, den Wind in den Zweigen hörte. Nach einer Weile sagte Paul: »Wir werden uns die Feiertage schön machen, nicht wahr? Wir werden vielleicht nicht ganz so fein essen wie die Herrschaften, aber schmecken wird es uns sicher auch. Und tanzen werden wir. Sie tanzen doch, Miss Lynette?«

Sie blieb stehen und schaute zu ihm auf mit einer Mischung aus ungläubigem Staunen, Schrecken und Freude. »Ich weiß nicht, Mr. Ferguson. Auf dem Bauernhof meiner Eltern hatte ich bisher keine Gelegenheit, es zu lernen.«

»Dann bring ich es Ihnen bei. Wie wäre das?«

»Das wäre sehr nett von Ihnen, Mr. Ferguson.«

»Paul, mein Name ist Paul. Also, dann werden wir heute tanzen. Ich freu mich drauf.«

Mit diesen Worten waren sie an der Küchentür angelangt. Als Paul die Tür öffnete, kam ihnen der geschäftige Lärm entgegen. Die Küchenmädchen kneteten Teig in großen Backschüsseln, schnippelten Äpfel, während Mr. und Mrs. Crumble den Braten mit Speckstreifen und Rosmarinzweigen spickten. »Da kommt ja endlich das Gemüse, Paul! Hast du das in der neuen Welt geholt oder warum hat das so lange gedauert?« Mrs. Crumbles Haube saß schon jetzt auf Sturm. Wie sollte das erst noch werden, wenn die Gäste alle da waren?

»Nein, Mrs. Crumble, wir waren nur bis Ipswich«, erwiderte Paul. Heute konnte sein Lächeln die alte Frau nicht milde stimmen; sie warf ihm einen ärgerlichen Blick zu und schickte Lynette hinüber in den Wirtschaftsraum. »Das Grünzeug für die Girlanden ist schon fertig. Du wirst mit den Kammermädchen Lady Jane helfen, die Girlanden zu winden.«

Paul zwinkerte Lynette zu. Lady Jane helfen zu dürfen, war wirklich eine Auszeichnung, und Lynette machte sich mit roten Wangen auf den Weg. Daisy schickte sich an, ihr hinterherzulaufen, wurde aber von Mrs. Crumble zurückgepfiffen. Sie sollte Gemüse putzen, während sich die Neue mit Lady Jane vergnügen durfte! Sie schaute Lynette neidisch nach.

»Und? Was meinst du, Jean Pierre? Wird Mr. Wakefield die Einladung annehmen?«, fragte Jane, während der Butler Hudson ihr Tee einschenkte.

Jean Pierre rührte nachdenklich in seiner Tasse und schaute hinüber nach Lowland Park. »Ich weiß es nicht, ich kann es nur hoffen - für ihn vor allem. Er ist ein so freundlicher junger Mann, aber offensichtlich bedrückt ihn etwas.«

»Es heißt, er habe eine sehr unglückliche Liebschaft gehabt.«

Jane sprach im Flüsterton, obwohl Hudson den Raum wieder verlassen hatte. »Er mag vielleicht knapp vierzig Jahre alt sein. Ich würde mich so sehr freuen, wenn er eine neue Liebe fände, die ihn von seinem alten Kummer losreißt.«

Jane biss in ihren Pfundkuchen, den sie dick mit Pflaumenmus bestrichen hatte, und blickte kauend ebenfalls hinüber nach Lowland Park, wo Mr. Wakefield vermutlich genau wie sie selbst beim Frühstück saß.

»Du siehst so nachdenklich aus. Ich wette, du gehst in Gedanken die Gästeliste durch, ob wir jemanden für ihn haben«, vermutete Jean Pierre, worauf Jane ihren ergrauten Kopf schüttelte. »Das hab ich schon vor Tagen getan. Weil ich aber zu keinem Ergebnis kam, bin ich im Geiste die halbe Stadt durchgegangen, doch auch da fiel mir niemand ein.«

»Bist du sicher, dass er das möchte? Wir sollten ihn nicht bedrängen, denn wenn er unsere Absichten erkennt, wird er nie wieder einen Fuß über unsere Schwelle setzen. Wer weiß, wie tief sein Schmerz ist! Und wir könnten - ohne es zu wissen - alte Wunden aufreißen. Wir sollten froh sein, wenn ein so junger Mann überhaupt mit uns alten Leuten feiern will und ihn in Frieden lassen.«

»Du hast recht, mein Liebster. Er wird sich wohl fühlen bei uns, da bin ich mir ganz sicher. Wir haben junge Leute eingeladen. Unsere Kinder kommen…«

»… von denen einige schon älter sind als er«, ergänzte Jean Pierre.

»Aber wir haben auch Enkelkinder. Außerdem kommen die Worselys, die Kents und die Merrytons. Die Worselys sind sogar ein wenig jünger als er. Er wird also viele interessante Gesprächspartner treffen und sicher auch tanzen. Mmh, das Pflaumenmus ist dieses Jahr ganz besonders köstlich. - Sag mal, wie spät ist es eigentlich?«

Jean Pierre zückte seine Taschenuhr: »Es ist viertel vor elf.« Bei diesen Worten kam Leben in die alte Dame. »Du liebe Güte! Die Mädchen haben sicher schon angefangen und ich sitze noch beim Frühstück!« Sie war aufgesprungen, drückte ihrem Mann einen Kuss auf die Wange und bemerkte nicht, dass sie dort einen Tupfer Pflaumenmus hinterließ. Jean Pierre blickte ihr mit einem liebevollen Lächeln nach und wischte sich mit der Serviette das Mus aus dem weißen Bart.

Gegen Abend waren sämtliche Kamine des Schlosses und die Eingangstür mit Girlanden aus Tannen, Stechpalmenzweigen, Buchs und Efeu geschmückt. Rote Bänder umschlangen die Kunstwerke, an denen Jane mit Lynette und den Kammermädchen den ganzen Tag gearbeitet hatte. Zufrieden standen sie gemeinsam vor dem großen Eingangsportal und beglückwünschten sich zu dem gelungenen Weihnachtsschmuck. Die Nacht hüllte das Land in ihren Frieden. Die meisten Fenster waren dunkel, nur hier und dort brannte eine einzelne Lampe und kündete von dem ruhigen Leben in diesem Haus, während sich über dem Schloss und den glücklichen Frauen der Sternenhimmel wölbte wie eine schützende Kuppel.

»Prächtig, wie jedes Jahr!«, rief Jane und klatschte in die Hände.

»Ja, wie jedes Jahr!«, antworteten die Mädchen lächelnd.

»Und jetzt gibt es Punsch und Kuchen in der Küche für alle!«, verkündete Jane. Das ließen sich die Mädchen nicht zweimal sagen. Vor allem Lynette freute sich schon darauf, mit Paul zu tanzen. Ihr Herz machte Sprünge vor lauter Vorfreude und sie konnte kaum abwarten, ihn endlich zu sehen.

Im Flur hängten sie ihre Mäntel und Schals auf, dann liefen sie dem fröhlichen Lärm entgegen, der aus der Küche drang. Die dreißigköpfige Dienerschaft war dort bereits versammelt und sprach Mrs. Crumbles Punsch und Mandelkuchen zu. Alle hatten lange Arbeitstage hinter sich und waren erschöpft, doch fiel die Müdigkeit bald von ihnen ab, denn niemand kann müde sein, wenn der Feuerschein über die Weihnachtsgirlanden flackert, wenn auf dem Herd der Punsch vor sich hin dampft und der Mandelkuchen einen Vorgeschmack gibt auf die Köstlichkeiten, die noch kommen werden.

»Ihr trinkt Punsch! Ohne mich?«, rief der plötzlich aufgetauchte Jean Pierre mit strenger Miene und brach sofort in Lachen aus, worauf sich die erschrockene Dienerschaft entspannte.

»Hier, Mylord, ist ein großes Glas für Sie.« Mrs. Crumble rauschte ihm mit der ganzen Fülle ihrer Erscheinung entgegen.

»Auf die Weihnachtszeit!«, sagte Jean Pierre feierlich, als er sein Glas hob. Alle erwiderten seine Worte und für einen Moment war nur wohliges Schlucken zu hören. Jean Pierre setzte sich zu Jane. »Auch das ist eine schöne Tradition, die ich nicht missen möchte: Punsch und Mandelkuchen in der Küche. Die Ruhe vor dem Sturm, bevor wir morgen von unseren Kindern und Kindeskindern überfallen werden.« Er prostete Paul zu. »Auf den Yule-Stamm, und darauf, dass es ein Weihnachtsfest werde, wie jedes Jahr!«

»Wie jedes Jahr!«, erwiderten alle mit erhobenen Gläsern.

Lynette, die sich nach dem langen Arbeitstag noch schnell frisch gewaschen und frisiert hatte, kam gerade in diesem Moment. Jemand drückte ihr ein Glas in die Hand, während ihre Augen nur Paul suchten. Aber ihr glückliches Aufstrahlen bei seinem Anblick erlosch sofort wieder, denn als er sein Punschglas hob, sah Lynette, dass er seinen Arm um eine hübsche junge Frau gelegt hatte, die gleich darauf mit ihm anstieß. Diese Frau musste angekommen sein, während sie Girlanden gewickelt hatte. Es war mehr als deutlich, dass er diese Frau schon lange kannte und mit ihr sehr vertraut war. Dabei hatte er ihr noch vor wenigen Stunden versprochen, mit ihr zu tanzen! Lynette fühlte einen Schmerz in sich aufsteigen, der ihr so alt schien wie sie selbst. Wie konnte sie sich nur so sehr in ihm getäuscht haben? Sie stellte ihr Punschglas ab und stahl sich davon.

Daisy hatte sehr wohl bemerkt, dass Lynette den Wildhüter gerne sah und sich von Anfang an einen Spaß daraus gemacht, sie damit zu necken. Daisy war eine Frau, die ihre Mitmenschen gerne und genau beobachtete, um ihre Schwächen zu studieren. Erfahrungsgemäß konnte sie daraus immer wieder einen Vorteil ziehen - und wenn es nur ein hämisches Lachen war. Dass sich die stille, scheue Lynette traurig davongemacht hatte, freute sie diebisch. Nun war sie in einem schrecklichen Zwiespalt: Sollte sie sich weiter hier unten in der Küche bei der Feier amüsieren? (Mr. Crumble hatte seine Ziehharmonika hervorgeholt und spielte zum Tanz auf.) Oder sollte sie nach oben in die Kammer zu Lynette gehen, um das kleine Dummchen weiter aufzuziehen?

Sie entschied sich, noch eine Weile zu bleiben, um zu sehen, was sich hier an Möglichkeiten bot. Als Pauls Augen suchend durch die Küche wanderten, ging sie auf ihn zu.

»Mr. Ferguson, suchen Sie etwas?« Sie musste sehr laut sprechen, um sich in dem Lärm, der Musik, dem Lachen und Reden überhaupt verständlich zu machen.

»Ja, ich suche Lynette. Ich wollte mit ihr tanzen und ihr meine Schwester vorstellen.«

»Das tut mir sehr leid, für Sie. Lynette geht es nicht gut. - Soll ich ihr etwas ausrichten?«, bot sie teilnahmsvoll an.

»Ja, das wäre sehr nett von Ihnen, Miss. Sagen Sie ihr bitte, dass ich ihr gute Besserung wünsche.«

»Aber gerne doch«, flötete sie. Und nach einem kurzen Zögern fügte sie hinzu: »Wenn Sie vielleicht mit mir vorlieb nehmen möchten?«

Paul neigte sich ein wenig vor und hielt ihr seinen Arm hin, den sie mit einem zufriedenen Lächeln ergriff.

Daisy ließ keinen Tanz aus und ging zwei Stunden später nach oben in ihre Kammer, wo Lynette längst eingeschlafen war. Natürlich hatte sie eine Kerze mitgenommen, ließ es sich aber nicht nehmen, das blecherne Waschgeschirr umzuwerfen. Kichernd sah sie, wie Lynette zu Tode erschrak.

»Oh, habe ich dich etwa geweckt?«

Lynette fiel mit einem angestrengten Seufzer zurück auf ihr Kopfkissen.

»Ist Paul nicht ein großartiger Kerl?«, seufzte Daisy. Lynette war noch nie so unglücklich gewesen, ausgerechnet mit Daisy eine Kammer zu teilen. Glücklicherweise musste sie mit ihr nicht auch noch das Bett teilen, wie es in vielen anderen Häusern üblich war.

»Hach, wie gerne würde ich ihn heiraten, diesen Paul, aber er hat nunmal sein Herz an diese Brünette verloren. Ich glaube, die beiden sind schon ewig miteinander verlobt. Ich fürchte, es ist Kates Vater, der die Hochzeit nicht gestattet, weil Paul nur ein einfacher Wildhüter ist und seine Verlobte die Tochter eines Kaufmanns. Ist das nicht überaus sentimental von ihm, an einer Verlobung festzuhalten, die niemals in eine Ehe münden wird?«

»Ich finde es sehr ehrenvoll und achtenswert, wenn zwei Menschen, die sich einmal die Treue geschworen haben, unverbrüchlich aneinander festhalten«, sagte Lynette, aber Daisy hatte schon ihren nächsten Pfeil aus dem Köcher gezogen: »Den ganzen Abend haben sie beieinander gesessen und Punsch getrunken. Und wenn sie nicht getrunken haben, haben sie miteinander getanzt. Einmal hat er sie sogar geküsst! Vor allen Leuten! Kannst du dir das vorstellen?« Lynette legte keinen Wert darauf, sich das vorzustellen und schwieg. Aber Daisy war noch nicht am Ende: »Und ich habe gesehen, dass die beiden miteinander hinübergegangen sind in seine Hütte! Wie unmoralisch! Das sollte unsere Herrschaft wirklich verbieten!« Sie stemmte ihr Hände in die Hüften und war die Empörung in Person. »Bei uns behauptet er seit Jahren, sie sei seine Schwester. Pah! Dass ich nicht lache! Diesen Bären hat er Mr. und Mrs. Crumble aufgebunden, aber diesen Unsinn kaufe ich ihm nicht ab. Die beiden sehen sich kein bisschen ähnlich! Sie ist sein Liebchen, was denn sonst? Kann mir doch keiner erzählen, dass Paul ihr sein Bett überlässt und selbst auf der Küchenbank schläft! Und falls er es tut, wird sie wohl nicht lange in seinem Bett bleiben, sondern ihm in der Küche einen Besuch abstatten.« Sie hatte sich entkleidet und ihr Nachthemd aus ihrem Bett gezogen. Dabei hatte sie Lynette immer wieder aus den Augenwinkeln beobachtet und bemerkt, dass Lynette unter ihrem Beschuss immer wieder zusammenzuckte.

»Bist du sicher, dass du von Kate sprichst und nicht von dir selbst?« Es war sonst nicht Lynettes Art, Pfeilspitzen gegen andere Menschen abzufeuern, aber bei Daisy kamen sie ohnehin nicht an. Sie stand noch immer nackt in der Mitte des kalten Raumes und hielt ihr Nachthemd vor ihre Brust gepresst, als sei es Paul höchst selbst. Dann drehte sie sich wie im Tanz, bevor sie endlich ihr Hemd anzog und schwungvoll ins Bett sprang.

»Hach, Paul!«, seufzte sie noch einmal. Plötzlich wurde sie ganz mitfühlend: »Bist du sehr traurig, dass er schon verlobt ist?«

»Ich bin müde, Daisy. Lass uns schlafen. Wir haben noch ein paar anstrengende Tage vor uns«, erwiderte Lynette nur und drehte sich zur Wand.

»Wie du meinst«, erwiderte Daisy. Mit gespitzten Lippen blies sie die Kerze aus. »Vielleicht ist es das Beste, wenn du dich eine Weile von ihm fernhältst. Dann wirst du es am ehesten überwinden.«

Daisy lauschte noch eine Weile auf Lynettes tränenschweren Atem. Es war diesem Mädchen tatsächlich so ernst mit diesem Paul, dass sie in der Dunkelheit still vor sich hin heulte! Daisy unterdrückte ihr Kichern und freute sich schon auf unterhaltsame Tage.

Lynette rollte sich zusammen und wartete auf den Schlaf. So müde war sie von all der Arbeit, dem Punsch, ihrer Trauer. So sehr hatte sie gehofft, im Schlaf Erholung zu finden, aber sie lag noch immer wach, als sie längst Daisys gleichmäßigen Atem hörte. Erst vor wenigen Monaten hatte sie hier auf Huntington Castle ihre Stelle als Küchenmädchen angetreten. So unendlich froh war sie gewesen, der Enge ihres Elternhauses entkommen zu sein. Noch nie zuvor war sie in einem so großartigen Haus gewesen, und sie hatte sich selbst ermahnen müssen, in den herrschaftlichen Räumen ihrer Arbeit nachzugehen, anstatt mit offenem Mund die schönen Möbel, Vorhänge und Bilder anzustarren. Ihr Vater war strikt dagegen gewesen, dass sie den Bauernhof verließ. Erstens wurde dort jede Hand gebraucht, zweitens fürchtete ihr Vater, sie könne sich dort herrschaftliche Manieren angewöhnen und ihre eigenen Eltern verachten, drittens hörte man oft, dass Dienstmädchen der Willkür ihrer Herren ausgeliefert waren. Aber ihre Mutter hatte ihr zugeredet und gesagt: ›Geh, mein Kind. Ich will in meinem Leben einmal etwas haben, auf das ich stolz sein kann. Schreib uns. Ich will den Nachbarinnen deine Briefe zeigen und sagen können, dass meine Lynette auf Huntington Castle arbeitet und von ihrer Herrschaft für ihren Fleiß und ihre Sauberkeit sehr gelobt wird.‹ Das hatte ihre Mutter gesagt und sie lange und innig umarmt. Ihr Vater hatte sie nur ungern ziehen lassen. Dass sie ihnen bald von der Güte und Großzügigkeit ihrer Herrschaften geschrieben und Geld mitgeschickt hatte, hatte ihren Vater versöhnt und ihre Mutter mehr als glücklich

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