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Grenzenlos: Ausgewählte Erzählungen über einen deutsch-französischen Lebensweg
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eBook296 Seiten3 Stunden

Grenzenlos: Ausgewählte Erzählungen über einen deutsch-französischen Lebensweg

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Über dieses E-Book

In 65 kleinen Erzählungen blicken Günther F. Klümper und Madeleine Klümper-Lefebvre auf ihren gemeinsamen deutsch-französischen Lebensweg zurück. Neben ihren Reisen nach Afrika fassen sie das Wachsen und Werden ihrer Liebe in Worte und schildern Erlebnisse aus dem Zweiten Weltkrieg und während der Besatzungszeit: mal anekdotisch, mal ernst, mal zärtlich, mal unerwartet - aber immer mit einer neugierigen und liebevollen Offenheit für das andere und den anderen.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum20. Feb. 2013
ISBN9783954570270
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    Buchvorschau

    Grenzenlos - Günther F. Klümper

    Grenzenlos

    AQUENSIS

    MENSCHEN

    Madeleine Klümper-Lefebvre

    Günther F. Klümper

    Grenzenlos

    Ausgewählte Erzählungen über einen

    deutsch-französischen Lebensweg

    AQUENSIS

    MENSCHEN

    Impressum

    Madeleine Klümper-Lefebvre, Günther F. Klümper: Grenzenlos. Ausgewählte Erzählungen über einen deutsch-französischen Lebensweg.

    Alle Rechte vorbehalten. Jede Verbreitung, auch durch Film, Funk, Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe jeder Art, elektronische Daten, im Internet, auszugsweiser Nachdruck oder Einspeicherung und Rückgewinnung in Datenverarbeitungsunterlagen aller Art ist verboten.

    Umschlaggestaltung, Originalgrafik und Satz:

    Karin Lange, www.seeQgrafix.de

    1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013

    ISBN 9783954570270

    www.aquensis-verlag.de

    www.baden-baden-shop.de

    Inhaltsverzeichnis

    Cover

    Titel

    Impressum

    Inhaltsverzeichnis

    Vorwort

    Aus der weiten Welt

    Abdallahi

    Das Balafon

    Bintou Sibet

    Brandrodung

    El Djem

    Es werde Licht!

    Hundeverbot!

    La muchacha

    Maman Nini

    Matam

    Mogador

    Schwarze Weihnacht

    Quina Quina

    Triaga

    Das Wadi kommt

    Wüstenspringmäuse

    Der wunderbare Fischfang

    Verhaltensmuster

    Annäherungsversuch

    Frauchen auf Urlaub

    Großvaters Schloss

    Internationales Ferienhotel

    Die Initialen

    Die kunstvolle Verpackung

    Literatur

    Schalterstunde

    Überlistet

    Der Zweite Weltkrieg

    August

    Deutsches Beefsteak

    Dikanka

    Das Dokument

    Er wird wiederkommen

    Die 5. Kolonne

    Haut ab in eure Bochie

    Lindenblüte

    Major C.

    Renée

    Das Schloss der Jüdin

    Stellungswechsel

    Tauwetter

    Das Trottoir

    Panoptikum

    Am Fenster

    The complete angler

    Der Doppelknoten

    Das Frikassee

    Gestern Abend ...

    Haute Couture

    Hoffentlich sehen wir uns wieder

    Ich skype, du skypest, wir skypen ...

    Isabelle

    Der kleine Kurgast

    Das kleine Regal

    Die kleine Schwester

    Kodak Nr.1

    Der Kontoauszug

    Ein Liter Glycerin

    Man musste sich zu helfen wissen!

    Morgenstund – hat nicht immer Gold im Mund

    Nagelpflege

    Pinocchio

    Der Rohrjockel

    Das Salz, bitte!

    Seltsam, wirklich seltsam

    Das Stövken

    Eine Truhe erzählt

    Von Kartoffeln und Reis

    Zwei Pfannen auf Ibiza

    Vorwort

    „Das Leben schreibt die besten Geschichten" lautet eine alte Volksweisheit. Auch in unserem Leben hat sich vieles ereignet, was wir für wert halten aufzuschreiben, und von dem wir glauben, dass es auch andere interessieren könnte.

    Was uns in vielen Jahrzehnten hier und weltweit an Erinnerungswürdigem widerfahren ist – das „Rohmaterial" Erinnerung also – haben wir versucht, erzählerisch zu gestalten.

    Und, wie sagt doch der Dichter: „Ob es sich so genau hat zugetragen? So ähnlich wird es wohl gewesen sein." Jeder von uns weiß übrigens aus eigener Erfahrung, dass die Erinnerung ein Chamäleon ist, dem man nicht ganz trauen darf.

    Wir, die Verfasser, haben über staatliche und kulturelle Grenzen hinweg zueinander gefunden. Dafür sind wir dem Schicksal dankbar. Warum hätten wir also unserer Phantasie Grenzen setzen sollen, als wir uns daran gemacht haben, aufzuschreiben, was wir selbst erlebt, was uns andere erzählt und was wir uns „erdichtet" haben?!

    Baden-Baden, im November 2012

    Madeleine Klümper-Lefebvre und Günther F. Klümper

    Aus der weiten Welt

    Abdallahi

    Die Armut und die Lüge

    werden meine Pässe sein.

    (René Caillé)

    Als wir das Flugzeug nach Mali, jenem zentralafrikanischen Land, in dem sich mehrere Zivilisationen begegnen, bestiegen, hatten wir im Gegensatz zu René Caillé ein ganz anderes Programm. Wir hatten uns vorgenommen, die bekanntesten Städte und Sehenswürdigkeiten des Landes zu besuchen wie natürlich Bamako, die Hauptstadt, und besonders auch Mopti, Djenné und das geheimnisvolle Timbuktu, den ‚Leuchtturm des Islam‘, die Stadt, die schon viele Reisende aus aller Welt begeistert hat, ein Traumziel, das auch heute trotz Geländewagen immer noch schwer zu erreichen ist. In ihr liegen 333 Grabstätten heiliger Männer und drei Moscheen, die mit ihren pyramidenartigen Minaretten alles überragen.

    Unser Hotel, ein luxuriöses Vier-Sterne-Hotel, war wie alle Gebäude der Stadt aus getrocknetem Lehm, dem sogenannten ‚Banco‘ errichtet worden und sah demnach recht authentisch aus, was die vermögenden Touristen schön und interessant fanden. Trotzdem genügte es allen modernen Ansprüchen.

    Der Banco, das traditionelle Baumaterial in der Sahelzone, wo es doch keine Steine gibt und wo es äußerst selten regnet, wenn überhaupt, wird aus gestampftem Lehm, der mit Stroh, Sand und Wasser versetzt wird, hergestellt und trocknet unter der afrikanischen Sonne so aus, dass er die Funktion gebrannter Ziegel übernehmen kann.

    Während der Stadtbesichtigung hatten wir zuschauen können, wie die Lehmziegel angefertigt werden, wie sie zu Hunderten zum Trocknen im Schatten liegen.

    „Das Salz kommt von Norden, das Gold von Süden und das Geld aus dem Land der Weißen; die Weisheit und die hübschen Märchen findet man nur in Timbuktu", heißt es in einem geflügelten sudanesischen Wort aus dem 16. Jahrhundert.

    Das 16. Jahrhundert war in der Tat das goldene Zeitalter der Stadt, die eine Hochburg des Islam war. Maurische Dichter und Gelehrte, die aus Spanien in den Zeiten der ‚Reconquista‘ vertrieben worden waren, hatten hier Zuflucht gefunden. Sie hatten in ihrem geistigen Gepäck die Schätze Granadas und Cordobas und gründeten in Timbuktu eine berühmte Universität.

    Timbuktu war damals also eine bemerkenswerte Stadt und konnte sich als ein geistiger Mittelpunkt mit Alexandria und Córdoba messen. Es war auch ein Handels- und Finanzplatz, wo auf Fez, Kairouan, Venedig oder Genua ausgestellte Wechsel eingelöst werden konnten. Es hatte mehr als 100.000 Einwohner, und als großes afrikanisches Handelszentrum zahlreiche Geschäfte und Werkstätten, 180 Koranschulen mit 25.000 Schülern aufzuweisen.

    Der Name ‚Timbuktu‘ kommt aus der Sprache der Berber und bedeutet so viel wie ‚Ort‘ oder ‚Brunnen‘(buktu) der Tim; der Sage nach hatte dort eine alte Frau namens Tim ihr Zeltlager aufgeschlagen und verwahrte das sperrige Gepäck der Tuareg, wenn diese nach Norden auf der Suche nach Weideland waren. Der Platz war ideal, weil sich dort ein Nebenarm des Niger befindet, der Pirogen als Ankerplatz willkommen war. So war die Situation im 11. Jahrhundert.

    Daraus wurde schnell ein kleiner Marktflecken, wo man Vieh und Korn gegen Salz aus Teghasa tauschte. Allmählich entwickelte sich ein blühender Nordsüdhandel zwischen den weißen Händlern des Nordens und den schwarzen des Südens. Am meisten wurde am Sklavenhandel verdient.

    Dennoch war der Niedergang der Stadt vorprogrammiert. Er begann im 17. Jahrhundert, als der Sklavenhandel sich zur Küste hin verlagerte und Timbuktu nur noch wenig Anteil daran hatte. 1894 wurde dann Timbuktu von den Franzosen besetzt. Als Mali 1960 seine Unabhängigkeit feierte, war auch Timbuktu mit von der Partie.

    Noch Anfang des 19. Jahrhunderts war der Okzident von Timbuktu als einer reichen und prosperierenden Stadt fasziniert, zumal nur Moslems der Zutritt gestattet war! Die vielen Legenden, die sich um die Stadt rankten, taten ihr Übriges. 1826 wurde ein schottischer Reisender, Alexander Laing, auf dem Weg nach Timbuktu ermordet.

    Zwei Jahre später wagte der Franzose René Caillé (1799-1838) das gleiche Abenteuer – und das ohne jede offizielle Unterstützung. Er kam lebend zurück. Er war allein aufgebrochen in der festen Absicht, sich als Moslem auszugeben, was ihm auch gelang. Er wurde von einem maurischen Stamm in die Gemeinschaft aufgenommen und ließ sich nun „Abdallahi – „Diener Gottes – nennen. Er behauptete, dass er ägyptischer Herkunft sei.

    Am Ziel angekommen, wird sein Glück sofort durch die Realität getrübt. Er findet zwischen dem Niger und der Wüste eine verschlafene Stadt vor. Nichts mehr vom einstigen Glanz, keine Spur mehr von den erhofften Reichtümern, kein Dach aus Gold, kein geistiges oder religiöses Leben mehr!

    Die Stadt, die einmal dafür berühmt gewesen war, Zentrum des Geistes und der Schrift gewesen zu sein, bewunderter Mittelpunkt islamischer Gelehrsamkeit, wohin die Araber mehr als 25.000 Handschriften verbrachten, Handschriften, die nicht nur religiöse Themen zum Gegenstand hatten, sondern auch Geschichte, Astronomie, Mathematik, Medizin und Dichtung, die einmal ein Studien- und Bildungszentrum gewesen war, die Stadt, der Gold und Salz einen großen Wohlstand gesichert hatten – sie war inzwischen fast verfallen. Wanderdünen hatten aus ihr ein verschlafenes Dorf mitten im Nirgendwo gemacht.

    Caillé sollte sich bald darauf wieder mit einer Sklavenkarawane nach Norden, nach Marokko, aufmachen. Unerkannt trug er in seinem Koran eine Menge Notizen bei sich, die er in Frankreich, in seinem ‚Tagebuch einer Reise nach Timbuktu‘ veröffentlichte. Es wurde ein Bestseller.

    Nach einer guten Abendmahlzeit im luxuriösen Speisesaal, zogen wir uns in unser angenehm kühles Schlafzimmer zurück. Eine lauwarme, ausgiebige Dusche war Balsam für unsere von der Sonne und dem Staub der Pisten arg strapazierte Haut. Umweltbewusst wie wir sind, hatten wir wohl ein schlechtes Gewissen, als wir an den Grundwasserspiegel dachten, der, wie wir wussten, gefährlich im Sinken begriffen war, an die fossilen Wasserreserven, wovon schließlich das Überleben der ganzen Region abhing. Aber stand es denn in unserer Macht, gegenzusteuern? Was würde es nützen, wenn wir auf das Wasser, das uns so freigebig geboten wurde, verzichten würden?

    Kaum lagen wir eingewickelt in unsere blendend weißen Betttücher, als uns ein Lärm in unserem Badezimmer aufschreckte. Ein riesiger Lehmhaufen lag in der Duschwanne! Ein Rohrbruch auf der Etage über uns hatte die Decke aufgeweicht!

    Seit Jahrhunderten hat der Himmel die schönen Lehmbauten mit Feuchtigkeit verschont. Aber der Tourismus, eigentlich die einzige Einnahmequelle der Stadt, führte dazu, dass man sich an die internationalen Hygienestandards anpassen musste, und das Wasser, das im Freien als spärlicher und kaum fallender Regen die Häuser so gut wie nicht beschädigt, kann jetzt Schäden in den Innenräumen anrichten.

    Das Balafon

    Ich hatte ihn, als er in den Saal kam, sofort bemerkt: Er war eine stattliche Erscheinung und war in seinem blendend weißen mit Goldfäden reich bestickten Boubou aus Damast in der großen Menge der Besucher, die meistens in Shorts oder ausgefransten und ausgewaschenen Jeans herumliefen, nicht zu übersehen.

    Es war im August, unserem Ferienmonat, und wir hatten uns vorgenommen, das Königliche Museum für Zentralafrikanische Kunst in Tervuren (Belgien) zu besuchen, um wieder einmal in unseren afrikanischen Erinnerungen zu schwelgen.

    Wir hatten in der Tat ein paar schöne Jahre in Senegal verbracht, um dort Höheren Schülern und Schülerinnen die Sprache Goethes zu lehren. Für diese war Deutschland eine aufstrebende Wirtschaftsmacht, die an gute Schüler Stipendien vergab. Und diese jungen Leute meinten außerdem, wie ihr Präsident Senghor, Ähnlichkeiten zwischen der ‚Négritude’ und der ‚Germanitude’ zu erkennen. Verfassten sie nicht bei jedem Anlass, beispielsweise für einen Schulkameraden im Krankenhaus, Gelegenheitsgedichte, die sie auf den Fluren ihrer Schule ans schwarze Brett hefteten? Und war die deutsche Lyrik, die sie nachahmen wollten, nicht die schönste überhaupt? Wir hüteten uns, dem zu widersprechen, denn diese Überzeugung ermunterte sie, sich in dem Fach, das wir unterrichten sollten, anzustrengen.

    Nein, man konnte ihn nicht übersehen, diesen schönen Afrikaner, der trotz seiner Babouches und einem hölzernen Zahnstocher, an dem er dauernd herumkaute, von einer unvergleichlichen Eleganz war. Und wie fasziniert habe ich ihn eine Weile nicht aus den Augen lassen können.

    Schließlich bemerkte er mich und kam auf mich zu, wobei er auf ein großes ‚Gri-gri’(Amulett) deutete, das seinen mächtigen Brustkorb zierte. Dann begrüßte er mich und sagte mit einem breiten Lächeln: „Madame, ich kenne Sie, ich erinnere mich gut an Sie. Sie haben in Dakar gewohnt ... Sie sind Lehrerin. Ich habe Ihnen Masken verkauft ... Sie interessierten sich auch für afrikanische Musikinstrumente ... Erinnern Sie sich an mich?"

    Da er mich so geradeheraus gefragt hatte, antwortete ich ihm, um ihn nicht zu verletzen, dass ich mich sehr wohl an ihn erinnere ... und ich beeilte mich, meine Gedanken zu ordnen, damit meine Behauptung den Tatsachen auch entspräche. Aber ich muss gestehen, dass ich mich, wie die meisten Europäer, oft schwer damit tue, Afrikaner voneinander zu unterscheiden, es sei denn, ich bin dauernd mit ihnen in Kontakt gewesen. Und schließlich waren wir schon seit zehn Jahren wieder in Europa!

    Er fuhr fort: „Erinnern Sie sich noch, wie Sie stehen geblieben sind, als Sie unsere Musikantengruppe auf einer Piste in der Casamance getroffen haben? Sie sagten uns, dass Sie Musikinstrumente sammelten, und die drei Balafone, die wir bei uns hatten, interessierten Sie besonders. Sie haben uns einen damals vernünftigen Preis vorgeschlagen ... obwohl ... na ja gut, wir haben ihn akzeptiert. Schwamm drüber. CFA waren uns immer willkommen, und übrigens würden wir den gleichen Balafon wieder herstellen können. Sie haben ein kleines Trinkgeld für jeden von uns drauf gelegt und uns sogar Ihre Adresse in Dakar gegeben! Erinnern Sie sich?"

    Ja, jetzt erinnerte ich mich genau, obwohl es nicht das einzige Mal war, dass ich mich während unserer Ausflüge in den ‚Busch’ durch das eine oder andere afrikanische Stück hatte versuchen lassen: mal waren es Masken, mal Hocker, mal Kalebassen, Kürbisse, die im frischen Zustand als Gemüse verzehrt wurden und die, leer und getrocknet, als Behälter für Wasser, Milch, Korn und vieles mehr dienten. Sie waren dann oft mit Brandmalereien verziert worden. Frauen verrichteten, vor ihren Hütten hockend, diese kunstvolle Arbeit. Sie ließen Eisenkeile in der Glut rot werden, um dann die Kalebassen zu verzieren. Ich fand das so toll, dass ich einmal nicht widerstehen konnte, einer Frau ihr Werkzeug abzuhandeln! Ich hatte nun mal die Manie, alles besitzen zu wollen, was mir gefiel und was ich typisch fand.

    So hatte ich in meinem Wohnzimmer schon eine prachtvolle Kora, dieses Saiteninstrument der Manding, das aus einer getrockneten Kalebassenhälfte, über die eine zu Pergament verarbeitete Rinderhaut gespannt war, hergestellt wurde. Das Instrument hatte um die zwanzig Saiten. Diese werden heute nicht mehr aus dem Haar einer Pferdemähne, sondern aus Nylon-Angelschnüren hergestellt.

    Ich hatte sie von einem Griot bekommen, der noch eine schönere mit 32 Saiten besaß und der dringend Geld brauchte, um sich eine zweite Frau leisten zu können. Dieser Bewahrer des Wortes, des Gesangs und der Musik, dieser Chronist, Erzähler und Historiker in einer Person, hatte mit seiner ersten Frau kein Glück gehabt, weil sie ihm keine Kinder gebären konnte. Er wollte sie wohl nicht verstoßen, sie würde sich weiter im Hause nützlich machen können, aber er brauche jetzt eine jüngere. Er wollte sein Jahrhunderte altes Wissen weitergeben, ein Wissen, das einer Gruppe von Männern oder Frauen, die durch heilige Blutsbande miteinander verbunden sind, vorbehalten ist.

    Die Kora, dieses Instrument, das der Griot zwischen den Beinen hält und auf dem Boden sitzend spielt, das seine Stimme so harmonisch begleitet, kommt - wie auch das Balafon - in dem von Léopold Sedar Senghor gedichteten Text der senegalesischen Nationalhymne vor: „Zupft alle eure Koras, schlagt die Balafone..."

    Ich hatte auch bei einer zufälligen Begegnung ein „tam-tam", wie wir es nannten, erworben. Aber keins von der Sorte der für Touristen fabrizierten. Dieses Schlaginstrument, diese aufrecht stehende Trommel, war ein originales ‚Djembe’ vom Volksstamm der Manding und 75 Zentimeter hoch. Es erinnerte an einen Mörser, in dem man Hirse zerstampft, und war mit Ziegenhaut bespannt; mein ‚tam-tam’ war schon von einem ‚Djembegola’ bei gesellschaftlichen Anlässen wie bei Taufen und Hochzeiten gespielt worden !

    Nein, es war nicht das einzige Mal gewesen, als ich dieses Balafon erworben hatte, dass ich mich von afrikanischen Stücken hatte verführen lassen. Und jetzt, wo meine Erinnerungen durch diese Begegnung wiederbelebt worden waren, sah ich dieses Schlaginstrument, diese Lamellen aus hartem Holz mit unterschiedlicher Länge, seine darunter hängenden Kalebassen, die man mit zahlreichen Löchern versehen hatte, über die Membranen gespannt waren, die früher aus Fledermausflügel und jetzt aus Zigarettenpapier hergestellt waren. Als das begehrte Objekt endlich in meinem Besitz war, habe ich es mit zwei Schlegeln zu spielen versucht - ich muss gestehen, ohne großen Erfolg.

    Ich sah dieses Instrument, ein wahres Museumsstück, das ich aus Platzmangel beim letzten Umzug Musikern aus meinem Bekanntenkreis hatte vermachen müssen, wieder vor mir.

    Ich sah auch wieder diesen großen Burschen vor mir, der eines Tages auf den Stufen vor unserer Wohnung sitzend auf mich gewartet hatte und den unser Boy grob davongejagt hatte. Als ich aus dem Lyzeum nach Hause kam, erzählte mir Mamadou, dass dieser fliegende Händler auf seiner Flucht alle Masken und Amberketten aus der Sahara, die er bei den Europäern absetzen wollte, fallen gelassen hatte ... und Mamadou lachte dabei aus vollem Halse. Er hatte gut lachen, er gehörte zu einer gehobenen Klasse, ‚Küchenboy bei Weißen’ und kein ‚barfüßiger bana-bana’.

    Wenn Mamadou wüsste, dass dieser kleine ‚bana-bana’ sich jetzt Flugreisen nach Europa leisten konnte!

    Anmerkung: Das Balafon ist ein bei den Mandingevölkern Westafrikas benutztes Instrument, das 17-20 Klangstäbe hat, die jeder etwa 5 cm breit und ½ cm dick sind. Unter den Lamellen sind Kürbisresonatoren lose aufgehängt. Das Instrument wird trotz seiner großen Ausmaße oft auch im Gehen gespielt. Bei Konzerten hockt der Spieler vor dem Xylophonartigen Instrument und schlägt mit einem Schlegel auf die Hartholzlamellen.

    Bintou Sibet

    Ich heiße Elisabeth Bintou Sibet N’Diaye. Ich wurde adoptiert von dem Arzt Dr. Mamadou N’Diaye, als ich noch kein Jahr alt war. Er besaß die senegalesische und die französische Staatsangehörigkeit.

    Mein Adoptivvater ist vor Kurzem gestorben. Er hat sich gewünscht, in der Casamance, wo er geboren wurde, begraben zu werden. Ich kenne diese Gegend, die zu Senegal gehört, von ein paar Reisen, die wir dorthin zusammen gemacht haben, als er seine Großfamilie besuchte, was er regelmäßig tat. In meinen Augen ist es das Afrika, wie man es sich allgemein vorstellt, das Afrika mit seiner üppigen Schönheit, die jeden berauscht, besonders wenn man davor durch den wüstenartigen Sahel gereist ist, wie es öfters der Fall für uns war, da mein Vater im Norden des Landes geschäftlich immer zu tun hatte.

    Mein Pap, so nannte ich ihn, hatte sich noch freuen können über mein bestandenes Abitur; er starb aber, als wir beide sehr unschlüssig waren über den Weg, den ich nun einschlagen würde. Er war immer mein guter Ratgeber gewesen, doch ohne mich beeinflussen zu wollen. Ich sollte, sagte er, mich erst umsehen, bevor ich eine Richtung einschlage; etwas von der Welt sehen und mich für andere Kulturen interessieren, die vielen Möglichkeiten erkunden, die uns das Leben schenkt, unser Dasein beruflich zu gestalten.

    Nun bin ich in der Casamance und habe die zahlreichen Mitglieder seiner Familie bei der Bestattung getroffen.

    Mein Pap war ein Diola und gehörte zu der Gemeinschaft der Floup. Die Diola bilden ein kleines Königreich mit der ganz im Wald versteckten Hauptstadt Oussouye. Sein Vater besaß mehrere Reisfelder und hatte das Kind sehr früh in die nahe Missionsschule geschickt, denn die Familie war schon vor zwei Generationen zum Christentum bekehrt worden, was sie aber nicht daran hinderte, animistisch geblieben zu sein und die alten Riten offen zu vollziehen. Warum auch hätte man diese enge Verbindung zwischen der Natur und dem Menschen aufgegeben, warum sollte man den Dingen nicht auch eine Seele zugestehen? Hat denn nicht jedes Ding sein eigenes Leben?

    Dieser traditionelle Glaube bereite den ‚Weißen Brüdern‘ ja auch kein Problem, sie waren nicht dagegen, taten lediglich so, als wüssten sie nichts davon. Ihre großzügige Haltung haben sie nie zu bereuen gehabt.

    Ich denke oft an die Verse des senegalesischen Dichters Birago Diop, die mir mein Pap so oft vorgetragen hat, als wir am Ufer eines Flusses abends spazieren gingen.

    „Höre mehr auf die Stimme der Dinge, als auf die der Menschen,

    Dann hörst Du den Wind, der zu dir spricht,

    Das Wasser will auch zu Dir sprechen

    Höre, was es sagt … "

    Der berühmte französische Biologe Jacques Monot, hat in ‚Le hasard et la nécessité‘ geschrieben: „ … animistische Vorstellungen wurzeln noch sehr tief in der Seele des modernen Menschen." Und der französische

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