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Das Vigilante-Gesetz (Vigilante 3)

Das Vigilante-Gesetz (Vigilante 3)

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Das Vigilante-Gesetz (Vigilante 3)

Länge:
339 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
31. Jan. 2020
ISBN:
9783864027147
Format:
Buch

Beschreibung

Sein Name ist Mark Jedediah Vigilante. Er war Agent beim United States Secret Service, bis er nach einem Komplott gegen die amerikanische Regierung als Sündenbock auf die Straße gesetzt wurde.
Jetzt verdient er sein Geld als Troubleshooter, privater Ermittler und Schlichter. Wenn diplomatische Lösungen versagen, Krisen unausweichlich sind und militärische Konflikte die einzigen Alternativen zu sein scheinen, ruft man Vigilante.
In seiner dritten Mission macht er sich auf die Suche nach einem Regierungsprojekt namens Sentinel – einer mutmaßlichen Such- und Steuerungssoftware, die in jedes vernetzte System dringen kann. Kaum jemand in den Behörden, die mit Sentinel arbeiten, weiß, dass sich dahinter eine lebende Person verbirgt. Die geniale Hackerin Karma Prakash wird seit Jahren von der NSA in künstlichem Koma gehalten, während ihr Bewusstsein digitalisiert durch globale Netzwerke eilt, um Aufträge der amerikanischen Regierung und von Nachrichtendiensten zu erledigen.
Sentinel ist die ultimative Waffe im Cyberkrieg gegen Terrorismus, militärische Konflikte mit anderen Nationen und Rettungsoperationen, doch sie kann auch dazu verwendet werden, Kriege zu beginnen – und zu gewinnen.
Bei seinen Recherchen zu Sentinels Aufenthaltsort wird Vigilante einmal mehr mit Aletha Neely konfrontiert, die ihn zwingt, zum Mörder zu werden und seine entführten Freunde als Druckmittel benutzt. Neely verrät Vigilante, wer in den höchsten Regierungskreisen an einer Verschwörung um das Projekt Sentinel beteiligt ist – einer Verschwörung, die eine ganze Nation stürzen kann…
Bereits erschienen und weiterhin als Hardcover, Paperback und eBook erhältlich sind die Bände 1 und bis 2:
1: "Das Vigilante-Prinzip"
2: "Der Vigilante-Effekt"
Herausgeber:
Freigegeben:
31. Jan. 2020
ISBN:
9783864027147
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Das Vigilante-Gesetz (Vigilante 3)

Buchvorschau

Das Vigilante-Gesetz (Vigilante 3) - Martin Kay

Soldier)

Prolog

Auftragsmord

Der Mörder hatte Skrupel. Das wurde auch bei Opfer Nummer drei nicht einfacher. Einen Menschen in Notwehr oder im Gefecht zu töten, war eine Sache. Eine ganz andere war es jedoch, jemanden umzubringen, weil man dazu beauftragt wurde. Die Frage, ob er schuldig war und es verdient hatte zu sterben, drängte sich auch bei der dritten Zielperson in den Vordergrund.

Der Attentäter atmete tief durch und blickte auf das Namensschild an seiner Brust. T. Hanson stand dort. Vermutlich stand das T für Thomas. Er wusste es nicht, denn der graue Overall mit dem Logo einer lokalen Sanitärfirma auf dem Rückenteil war nur geliehen. Es war nicht einfach, ohne Anmeldung in den Apartmentkomplex zu gelangen. Eine defekte Dusche kam gerade recht, um einen Reparaturdienst loszuschicken. Der Mann, der heute Abend T. Hanson hieß, wusste nicht, wie seine Auftraggeber die Armaturen im Bad seines Zielobjekts manipuliert hatten. Ganz sicher waren sie nicht in seinem Zimmer gewesen. Im Grunde genommen, war es auch egal. Richard B. Connor rief wie erwartet den Sicherheitsdienst im Foyer des Komplexes und dieser wandte sich an den nächstbesten Reparaturservice. Für den Attentäter war es nur eine Frage des Timings gewesen, den echten T. Hanson unterwegs abzufangen, ihn vorübergehend ins Reich der Träume zu schicken und seinen Platz einzunehmen.

Bis der Auftrag erledigt war.

Und der war nicht die defekte Dusche.

Das Pling, mit dem der Aufzug zum Stillstand kam, war das Zeichen für T. Hanson, die Gedanken ruhen zu lassen und sich ganz auf die Mission zu konzentrieren. Die Türen des Lifts schoben sich in die Fugen zurück und gaben den Blick auf den Gang im siebten Stockwerk des Apartmenthauses frei. Ab hier gab es kein Zurück mehr.

Der Flur war leer. Hanson machte einen Schritt aus der Kabine und warf einen Blick in beide Richtungen, um sich zu orientieren. Er registrierte die Überwachungskameras an beiden Enden. Es war zu spät, sich das Basecap tiefer ins Gesicht zu ziehen. Die optischen Spione hatten ihn bereits erfasst. Jeder Versuch, jetzt noch das Gesicht zu bedecken, würde ihn verdächtig erscheinen lassen. Hanson war nur ein Monteur auf dem Weg zu einem Auftrag. Wenn nach erfolgter Reparatur der Dusche der Bewohner von Apartment 706 einem Unfall erlag, war das nicht Hansons Problem.

Der Attentäter zählte die Zimmernummern ab und setzte sich in Bewegung. Bei der 706 hielt er an. Es gab keine Klingel. Der Sicherheitsdienst im Foyer hatte Connor bereits informiert, dass ein Monteur unterwegs war.

Hanson klopfte an die Tür. Er widerstand der Versuchung, sich noch einmal im Flur umzusehen. Bei einer möglichen Auswertung der Kameraaufzeichnungen wäre diese Geste genauso verdächtig erschienen und hätte ihn ins Kreuzfeuer von Ermittlungen gezogen.

Ohne Nachfragen wurde die Tür geöffnet. Connor war ein untersetzter Mann mit Bierbauch, schütterem Haar und einer Nickelbrille auf der Nase. Er trug einen weißen Bademantel und Plüschpantoffeln.

»Das wird auch Zeit. Kommen Sie!«

Hanson trat über die Schwelle. Der Grundriss von Connors Apartment war ihm vertraut. Er hatte eine entsprechende Zeichnung bekommen. Hinter dem Eingang befand sich ein schmaler Flur mit angrenzender Nische, in der ein Arbeitsplatz mit Schreibtisch, Bürostuhl und kleinem Bücherregal untergebracht war. Links vor der Nische zweigte ein Durchgang zu einem geräumigen Zimmer ab, das durch verschiedene Raumteiler so geschickt eingerichtet war, dass man im ersten Moment den Eindruck bekam, es handele sich um drei verschiedene Räumlichkeiten. Zunächst landete Hanson im Wohnbereich, die von Couch, Sessel, kniehohem Tisch und einem 70-Zoll-Flachbildfernseher geziert wurde. Eine Durchreiche mit Tresen ließ in die Küche blicken, die jedoch nur durch eine türlose, dünne Wand vom Wohnraum abgetrennt war. Gegenüber dem Durchgang zur Küche befand sich eine Nische mit großem Fenster, in der ein Esstisch mit vier Stühlen stand. In der Nische war eine Tür eingelassen, die zum Balkon führte. Die einzige weitere Tür in dem großen Zimmer führte seitlich am Küchendurchgang vorbei. Sie stand offen und Hanson sah das angrenzende Schlafzimmer mit einem Ausschnitt des Bettes.

»Dort entlang. Das Bad ist nur über das Schlafzimmer zu erreichen«, sagte Connor.

Hanson nickte. Er wusste es von der Grundrisszeichnung der Wohnung, dennoch zögerte er etwas, um sich den dreidimensionalen Raum mit all seinen Möbeln einzuprägen.

Im Schlafzimmer gab es ein unerwartetes Problem: Connor hatte sich eine Nutte von einem Escort-Service bestellt. Sie sah gut aus, nicht zu stark geschminkt und wirkte nicht wie ein billiges Flittchen von der Straße. Die Frau rekelte sich in Spitzenwäsche und halterlosen Seidenstrümpfen auf dem Bett und machte keine Anstalten, die Decke über ihre Reize zu ziehen, als Hanson den Raum betrat. Sie musterte ihn kurz von oben bis unten und zog eine Braue hoch. Offenbar traf er eher denn Connor ihren Geschmack als temporärer zahlender Bettgefährte.

Die Zielperson deutete auf die rechte Tür der Schlafzimmerwand neben dem Bett. Hanson wusste, dass sich hinter der linken ein begehbarer Kleiderschrank befand. Er nickte kurz und betrat das Bad. Die Toilette befand sich geradeaus an der Rückwand. Daneben ein Waschbecken mit zwei Mulden. Daran schloss ein Schrank an. Gegenüber gab es eine Nische für Waschmaschine und Trockner, rechts daneben eine Badewanne mit Duschvorhang.

»Da haben wir den Übeltäter,« sagte Hanson, obwohl ihm jetzt nicht nach Small Talk zumute war. Der Plan, Connors Tod wie einen Unfall im Bad aussehen zu lassen, konnte er vergessen. Er musste sich rasch was anderes überlegen. Rat von außen konnte er sich nicht holen. Improvisieren war also angesagt.

»Dauert es lange?«, fragte Connor.

Hanson schürzte die Lippen. »Kommt drauf an. Haben Sie noch was vor?«

»Nun, ich würde gerne duschen, bevor ich ins Büro fahre. Und Cheryl will sich auch noch frisch machen.«

Sicher wollte Cheryl das. Hanson unterdrückte ein Augenverdrehen und widmete sich der Dusche. Er hatte keinen Plan, was daran defekt war und wie er es reparieren konnte. Die Ausrüstung in der Handwerkertasche, die er bei sich trug, diente nur der Tarnung. Das für ihn wichtige Werkzeug darin war eine Garrotte, die er für seine ursprüngliche Vorgehensweise benutzt hätte, um den Tod eines Verhedderns im Duschvorhang vorzutäuschen.

Und eine Pistole mit Schalldämpfer.

Das Werkzeug, das er wohl nun benutzen musste, um zwei Menschen zu ermorden. Er bückte sich zur Tasche und ließ die Druckknopfschnalle aufschnappen.

»Okay, was genau ist mit der Dusche?«

»Wenn Sie ein Vollbad nehmen wollen, kann ich sie gerne aufdrehen«, sagte Connor.

»Verstehe. Wahrscheinlich eine Dichtung.« Hansons Nackenhaare stellten sich auf. Seine Gedanken überschlugen sich. Er konnte es schnell hinter sich bringen. Kompromisslos und kaltblütig. Connor in den Kopf schießen, ins Schlafzimmer gehen und die Nutte töten.

Scheiß Gewissen, was?

Er atmete tief durch und wühlte zum Schein in der Tasche. Profikiller durften kein Gewissen haben. Es war ihr Job, Menschen zu töten. Nicht in Notwehr, nicht im Krieg, sondern weil sie dafür bezahlt wurden. Ganz einfach.

»Werden Sie fürs Wühlen in Ihrer Tasche bezahlt?«

Hanson griff statt nach der Rohrzange etwas tiefer und bekam den Schaft der Glock 17 zu fassen. Der Schalldämpfer war bereits auf die Mündung geschraubt, die Pistole entsichert und durchgeladen. Er brauchte nur abzudrücken.

Doch so einfach war das nicht.

Hanson war kein Berufsmörder.

Weder der echte Hanson, der irgendwo in einem Abstellraum vor sich hin schlummerte, noch der Mann, der in seine Haut geschlüpft war.

Der Attentäter richtete sich auf und hielt dabei die Waffe so, dass Connor nicht sofort sah, was er aus der Tasche gezogen hatte. Sein Blick fiel in den Spiegel über den beiden Waschbecken. Er erkannte sich fast selbst nicht wieder. War das das Gesicht des Mannes, der den Präsidenten gerettet hatte und der nun beabsichtigte, einen weiteren Mord zu begehen?

Das dritte Opfer machte es nicht leichter. Im Gegenteil.

T. Hanson blickte im Spiegel in das Gesicht von Mark Jedediah Vigilante.

Eine Sekunde lang, dann gab er sich einen Ruck, drehte sich in Connors Richtung und hob den Arm mit der Waffe. Er sah noch, wie sich die Augen des Opfers weiteten und die Lippen sich zum Schrei teilten, doch das schallgedämpfte Projektil war schneller. Es bohrte sich direkt ins Herz des Opfers. Der Mann griff sich an die Brust und wankte mit offenem Mund und panischem Blick.

Vigilante zielte höher und beendete Richard B. Connors Leben mit einem Schuss in die Stirn, der auf die kurze Distanz verheerende Auswirkungen hatte. Das Projektil drang explosionsartig aus der hinteren Schädeldecke aus und verteilte Splitter und Hirnmasse auf den Kacheln der Badezimmerwand. Connor schlug klatschend auf dem gefliesten Boden auf. Spätestens jetzt wurde die Nutte im Nebenzimmer aufmerksam.

»Ist bei euch alles in Ordnung?«

»Alles bestens.« Vigilante keuchte gespielt. »Etwas rutschig hier drin.«

Er biss auf die Zähne. Was fing er jetzt mit der Hostess an? Connor stand auf seiner Liste. Ob schuldig oder nicht, sein Tod war unabwendbar gewesen. Aber Cheryl war nur zur falschen Zeit am falschen Ort.

Vigilante hielt die Glock hinter seinem Rücken versteckt und stieg über die Leiche seines Opfers. Gerade als er den Entschluss gefasst hatte, die Nutte am Leben zu lassen und sich etwas zu überlegen, wie er gefahrlos aus der Nummer herauskam, sah er sich ihr schon gegenüber. Sie stand neben dem Bett in ihrer Reizwäsche, in der Hand eine Beretta Nano, deren Mündung genau in dem Moment aufblitzte, als Vigilante ins Straucheln kam, weil er über die mit Connors Blut getränkten Fliesen rutschte. Die Kugel verfehlte ihn nur knapp. Er spürte einen heißen Luftstrom an seiner Wange. Der Knall der Beretta erfüllte die Wohnung und war vermutlich im ganzen Haus zu hören. Instinktiv ging Vigilante in die Hocke und schoss aus der Hüfte.

Dreimal. Das erste Projektil verfehlte Cheryl. Das zweite bohrte sich seitlich ihres Bauchnabels in den Körper. Das dritte durchstieß ihre Brust unterhalb des Spitzen-BHs. Sie schrie, taumelte, ließ ihre Pistole fallen und kippte hintenüber. Es rumste auf dem Laminatboden und noch einmal, als der Kopf der Frau das Fenstersims streifte. Auf dem Boden liegend, zuckte sie zweimal. Dann erstarben ihre Bewegungen. Vigilante registrierte beiläufig, dass sich ihr Slip verfärbte, als sie sich im Augenblick des Todes einnässte.

Er fluchte leise und kam aus der Hocke hoch auf die Beine. Den Auftrag hatte er gründlich vermasselt. Die Dinge liefen aus dem Ruder.

Er ging zu der reglosen Nutte, beugte sich über sie und fühlte ihren Puls an der Halsschlagader: tot.

»Verfickte Scheiße! Wer warst du denn?« Er schüttelte den Kopf, kehrte ins Bad zurück, verstaute die Glock 17 in der Handwerkertasche und schloss diese. Dann wusch er sich die Hände und spülte, so gut es ging, das Blut Connors von den Schuhsohlen. Als er anschließend im Wohnzimmer stand, zog er ein Smartphone aus dem Overall. Er schickte eine altmodische SMS, die jedoch schwieriger zurückzuverfolgen war als moderne Kommunikationsprogramme, an eine ihm vorgegebene Nummer, bei der er sich melden sollte, wenn der Auftrag erledigt war.

Er tippte:

Spielstand 3:1

Rasen matschig. Cleaner wird benötigt.

Er brauchte nicht länger als eine Minute zu warten, ehe die Antwort eintraf.

Verstanden. Machen sauber.

Vigilante schluckte. Er war versucht, noch einmal nach den Toten zu sehen, ließ es aber bleiben und dachte daran, dass die Sache noch nicht vorbei war. Drei Opfer und eine vermeintlich unbeteiligte Person. Zwei Ziele musste er noch ausschalten, wollte er im Rennen bleiben.

Kapitel 1

Die Wächterin

Sieben Tage vorher

Der Morgen hätte nicht besser beginnen können: angenehme Temperaturen, strahlender Sonnenschein. Vigilante hatte es sich abgewöhnt, sich für irgendetwas den Wecker zu stellen. Er wurde wach, sobald sein Körper sich regeneriert hatte. Machte es ein Umstand erforderlich, zu einem bestimmten Zeitpunkt aufzuwachen, genügte es, sich vor dem Einschlafen den inneren Wecker zu stellen, und er wurde für gewöhnlich ein paar Minuten vor der beabsichtigten Zeit wach. Nicht durch einen Wecker aus der Tiefschlafphase gerissen, fühlte er sich in der Regel ausgeruht und topfit. Von Schlaftrunkenheit keine Spur. Nach dem Aufstehen gönnte er sich ein großes Glas Wasser, um den Flüssigkeitsverlust in der Nacht auszugleichen und seinen Kreislauf anzuregen. Anschließend joggte er eine halbe Stunde und absolvierte ein paar Übungen Krafttraining in seinem Apartment. Danach duschte er. Früher hatte er sich dann einen Kaffee aufgesetzt. Seit einigen Monaten zog er es vor, frisch angezogen das Haus zu verlassen und auf der anderen Straßenseite in Leopold’s Kafe einen Becher dampfenden Muntermachers zu kaufen, dazu mit Schinken und Käse belegte Bagels. Er aß nicht vor Ort, sondern kehrte in seine Wohnung zurück. Die Nachrichten studierte er aktuell auf den Seiten der Washington Post und der New York Times auf einem iPad. Aktueller ging es nicht, da die Morgenausgaben beider Zeitungen zu der Zeit bereits wieder ein paar Stunden alt waren.

Nach dem Frühstück und dem Stillen seines Informationshungers setzte sich Vigilante in seinen Ford Fusion, das amerikanische Pendant einer Mondeo-Limousine. Der Wagen war erst wenige Wochen alt und fabrikneu. Vigilante machte sich normalerweise nicht viel aus Autos und er wäre von allein nicht auf die Idee gekommen, sich ein neues zuzulegen. Dieses hier war ein Geschenk von Madame Dunoire. Er sollte es als Vorschuss für seinen nächsten Auftrag betrachten, den die Bordellchefin aus eigener Tasche finanzierte. Dabei wäre er durchaus imstande gewesen, den 45 000-Dollar-Wagen aus eigener Tasche zu finanzieren. Sein letzter Job für den Milliardär Lennox Buckingham hatte ihm ein hübsches Sümmchen eingebracht, von dem sich gut ein Weilchen leben ließ.

Der magnetic-farbene Fusion schnurrte wie ein Kätzchen, als Vigilante den Motor startete und das virtuelle Cockpit hinter dem Lenkrad aufwachte. Sein Weg führte ihn knapp drei Meilen nach Nordwest zur 3101 Chain Bridge Road NW zu einem an den Batterly Kemble Park angrenzenden Anwesen. Dunoire hatte ihn gestern gebeten vorbeizuschauen.

Als sich Vigilante der Adresse näherte, sah er bereits von Weitem das dreistöckige Gebäude, das die beiden flankierenden Häuser auf den Nachbargrundstücken überragte. Wenn die Bauwerke mit den Hausnummern 3099 und 3103 exklusive Villen waren, musste man Dunoires Wohnsitz als Palast bezeichnen. Auf 1300 Quadratmetern Wohnfläche fand sich genug Platz für über zehn geräumige Familienapartments. Dunoires Residenz verfügte über acht Räume zum Wohnen, für Wellness, zum Speisen, für Besprechungen, zum Arbeiten und darüber hinaus über sieben große Schlafzimmer. Küche, Abstellräume, begehbare Kleiderschränke, Keller und etliche Einzel-WCs und Badezimmer nicht mitgerechnet. Mehr als ein Statussymbol ihres Wohlstandes, eher ein Ausdruck der Macht, die sie in den Kreisen, in denen sie verkehrte, ausübte.

Vigilante fuhr auf den Gehweg der gegenüberliegenden Straßenseite und parkte dort. Vor dem Anwesen gab es keinen Bürgersteig und das schmiedeeiserne Zufahrtstor, das den Weg zu Garagen und Freiluftparkmöglichkeiten ebnete, war verschlossen. Die Mühe, erst anzuklingeln und wieder in den Wagen zu steigen, machte er sich nicht.

Er stieg aus und ließ einen vorbeifahrenden Wagen passieren, ehe er die Straße überquerte und sich dem kleineren Tor für Fußgänger zuwandte. Daran waren ein Hausnummernschild angebracht und eine Gegensprechanlage. Vigilante drückte die Klingeltaste.

»Ja, bitte?«

»Jed Vigilante, ich habe einen Termin.«

Etwa sieben Meter hinter dem Tor öffnete sich zwischen vier Säulen einer Balustrade die schwere Holztür. Zwei Männer in dunkelgrauem Anzug kamen zum Vorschein und bauten sich wachsam zu beiden Seiten des Eingangs auf, während sie den Weg für eine dritte Person frei machten, die Vigilante kannte.

Marian Watts, Sicherheitschefin von CSC – Check, Safe and Confirmed Inc. –, einem privaten Dienst, den Dunoire neben ihrem Bordellgeschäft unterhielt.

Nach dem Attentat auf sie war Madame umsichtiger geworden, was ihre eigene Sicherheit anbelangte. Watts nickte einem der beiden Wachleute zu, der daraufhin über eine Fernbedienung das Torschloss öffnete.

Vigilante betrat das Anwesen und reichte am Eingang der attraktiven Schwarzhaarigen die Hand. Sie lächelte, mehr mit den Augen als mit dem Mund, als sie die ergriff.

»Vigilante, schön, Sie zu sehen.«

»Freut mich auch. Sie sehen gut aus, Watts.«

Sie legte den Kopf schief. Ihre graugrünen Augen schienen dabei kurz aufzublitzen. »Ich werde nicht fürs Gutaussehen bezahlt.«

Nicht mehr, lag Vigilante auf der Zunge, er sprach es jedoch nicht aus. Er wusste, dass Watts früher eine Hostess in Dunoires Belegschaft gewesen war, ehe sie sich zur Sicherheitsexpertin ausbilden ließ. Statt sie damit aufzuziehen, wahrte er den Anstand und sagte: »Hat Ihnen nie jemand ein Kompliment gemacht?«

Offenbar hatte er dennoch einen wunden Punkt getroffen, denn Watts’ Miene verfinsterte sich. »Gehen wir lieber rein, ehe ich etwas sage, das ich später bereue.«

Er runzelte die Stirn und folgte ihr ins Foyer der Residenz. Statt ihn wie beim letzten Mal in eines der Wohnzimmer zu führen, nahmen sie einen schmalen Gang, der das gesamte Gebäude durchmaß und nach einer Abzweigung vor einer weißen Schiebetür endete. Dahinter befand sich eine voluminöse Küche mit Arbeitsblock in der Mitte, der auch gleich als Essgelegenheit mit vier Barhockern diente. Auf einem der Stühle saß Madame Dunoire, in der einen Hand eine Tasse dampfenden Tees, in der anderen ein iPad, in dem sie las.

»Ma’am, Vigilante ist hier.«

Sie blickte auf. Vigilante meinte, dass sie müder als sonst wirkte und mehr von ihrem wahren Alter enthüllte, als ihr vermutlich lieb war. Wie immer ließ sich auch jetzt unmöglich sagen, ob Madame Dunoire nur die vierzig oder die fünfzig oder sogar die sechzig überschritten hatte. Sie wirkte reif und gleichzeitig zeitlos. Ein paar Fältchen, feine Krähenfüße, aber ungeheuer attraktiv mit wenig Make-up. Ihr dunkelbraunes Haar trug sie kurz, jedoch länger als Watts. Es fiel ihr in leichten Fransen bis in den Nacken, während das ihrer Sicherheitschefin in Kinnhöhe endete. Entgegen ihren Gewohnheiten trug Dunoire heute enge Jeans statt Leder. Ihr schwarzes Top war schulterfrei, umschmiegte den Hals jedoch mit einem Rollkragen.

»Jed!« Sie stellte die Tasse ab, legte das iPad beiseite und rutschte vom Hocker. Schneller, als er ihr die Hand entgegenstrecken konnte, war sie bereits bei ihm, drückte ihn und küsste ihn auf die Wange. »Danke, dass Sie so schnell vorbeigekommen sind.«

»Ich war in der Gegend.«

Er spürte einen Stoß in den Rücken. Watts.

»Sie wohnen drei Meilen von hier entfernt«, sagte sie.

»Na gut, ich bin immer in der Gegend. Ich könnte jetzt den Charmeur heraushängen lassen und sagen, dass ich eine schöne Frau wie Sie niemals warten lassen würde, aber das ist nicht mein Stil. Der Ford Fusion draußen war aber Motivation genug.«

Dunoire lachte und Vigilante spürte förmlich, wie Watts hinter seinem Rücken die Augen verdrehte.

»Sie sind zuweilen süß, Jed, auch wenn Sie es nicht merken. Wenn ich nicht verheiratet wäre, würde ich Sie vielleicht mehr umgarnen.«

Vigilante stutzte. »Sie sind … verheiratet?«

»Oh!« Dunoire kehrte zum Küchenblock zurück und nahm wieder ihre Position auf dem Hocker ein. »Hab ich jetzt zu viel über mich verraten?«

»Vielleicht sollten wir unser Gespräch auf ein anderes Thema konzentrieren. Sentinel?«

Dunoire nickte und machte eine einladende Geste zu den freien Plätzen am Tisch. Während Vigilante sich auf einen der beiden Hocker ihr gegenüber setzte, holte Watts zwei Tassen und die Teekanne, schenkte zuerst ihm, dann sich Tee ein und hockte sich dann auf den Platz direkt neben ihn.

»Zucker? Milch?«

Er verneinte.

»Sentinel«, sagte Dunoire und zog unter dem iPad einen Umschlag hervor, den sie zu Vigilante über den Tisch schob.

Er öffnete ihn und entnahm ihm zwei Fotos. Eines zeigte einen bärtigen Mann mit krausem Haar, das vor einem weißen Hintergrund aufgenommen worden war. Das zweite zeigte den gleichen Mann mit geschlossenen Augen, Beweismittelkennzeichen, Polizeiabsperrband und einer langen roten Narbe, die quer über seinen Hals verlief.

»Das war Leonard Butler, Mitarbeiter des Justizministeriums. Über seine Kontakte konnte er mir die Aufnahmen des Krankenzimmers von Sentinel zuspielen, die ich Ihnen vor ein paar Tagen gezeigt habe.«

Das Krankenzimmer, das Vigilante noch immer nicht gefunden hatte. Seine Recherchen waren bisher im Sande verlaufen. Ganz gleich, bei welcher Behörde er sich in Cybercrime-Aktivitäten nach dem Decknamen Sentinel erkundigte, stieß er auf taube Ohren. Die meisten seiner Ansprechpartner versicherten ihm glaubhaft, dass es sich bei Sentinel um eine Software handelte, nicht um eine Person. Vigilante wusste es besser. Er hatte mit Sentinel telefoniert. Sie hatte ihm ihr Foto geschickt und er hatte sie auf dem Videofeed, den Dunoire ihm vom Krankenbett gezeigt hatte, wiedererkannt.

Karma Prakash, eine exzellente Computerspezialistin und Hackerin arbeitete für die National Security Agency in der Cybercrime-Abwehr und Spionageüberwachung, ehe ein Autounfall sie ins Koma beförderte. Wer auch immer dafür verantwortlich war, Karmas Verstand mit Hochleistungsservern zu vernetzen, sodass sie sich ihrer Umwelt mitteilen konnte, hatte sie nicht nur gut versteckt, sondern Bahnbrechendes vollbracht. Das menschliche Bewusstsein an die digitale Welt anzubinden, war bisher niemandem gelungen – die Sache mit einem Komapatienten durchzuführen, war noch das i-Tüpfelchen der wissenschaftlichen Revolution.

Karma existierte unter dem Decknamen Sentinel bereits seit einer Weile in einem Servernetzwerk der NSA, auf das die amerikanischen Behörden Zugriff hatten. Kein Wunder, dass viele glaubten, sie wäre eine Software, die zur Informationsbeschaffung für die Bekämpfung von Terrorismus und Verbrechen programmiert worden war.

Dunoire hatte Vigilante nach seinem letzten Auftrag gebeten, Sentinels Aufenthaltsort ausfindig zu machen, um die Hackerin zu befreien. Zumindest ihren Körper. Ob es ihnen gelang, Karma aus dem Koma zu wecken, blieb dahingestellt. Die NSA schien mit ihrem jetzigen Zustand jedoch glücklicher zu sein als zuvor. Auch wenn sich Sentinels Geist frei im Netz bewegen und überall hineinhacken konnte, war sie doch eine Gefangene und Sklavin des Staates. Sie musste tun, was behördliche Anfragen von ihr verlangten, und konnte sich selbst gegen unmoralische oder Tötungsbefehle nicht verwehren. Vigilante hatte allerdings miterlebt, dass sie innerlich rebellierte und zuweilen darum bemüht war, Schaden abzuwenden oder abzuschwächen. So hatte sie seine letzte Mission bei der Befreiung von Lennox Buckinghams Tochter genauso sabotiert, wie sie ihm aus der Patsche geholfen hatte.

»Jemand hat also herausgefunden, dass Butler an den Videofeed kam«, sagte Vigilante und schob die Fotos Watts zu, die sie jedoch sofort wieder Dunoire zurückgab. Offenbar kannte sie sie bereits.

Dunoire nickte.

»Wurden Sie bedroht?«

Sie schüttelte den Kopf. »Bisher nicht.«

»Wer hat Ihnen die Fotos geschickt?«

»Ein … anderer Vertrauter, der bei der Metropolitan Police arbeitet. Er weiß nicht, dass Butler ein Informant für mich war, aber er weiß, dass diese Frau für mich gearbeitet hat.«

Sie zeigte ihm ein Foto auf ihrem iPad. Es zeigte eine

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