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Frau Hölle: Ragnarök' Deine Mudda!

Frau Hölle: Ragnarök' Deine Mudda!

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Frau Hölle: Ragnarök' Deine Mudda!

Bewertungen:
4/5 (1 Bewertung)
Länge:
394 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 1, 2013
ISBN:
9783939239826
Format:
Buch

Beschreibung

Der Eingang in die Welt der Toten liegt nicht in verwunschenen Wäldern- er liegt gleich neben der Autobahnausfahrt zu IKEA Berlin- Tempelhof. Ja, ehrlich! Steht sogar bei Wikipedia!
Wobei man der "Blanken Hellen", einem unscheinbaren, völlig zugebauten und mit Hundekacke zugeschissenen Tümpel, dieser Tage nun wirklich nicht mehr ansieht, dass sich dort für die alten Germanen einst tatsächlich das Tor ins Reich der mächtigen Totengöttin Hel befand.
Und niemand weiß, dass Hel, heute besser bekannt als "Frau Holle", hier bis heute unentdeckt unter den Menschen lebt! Zusammen mit jeder Menge anderen, längst vergessenen Götterkollegen – die sich mangels ausbleibender Opfergaben allerdings mit ganz irdischen Problemen herumschlagen müssen. Als Friseurin, Steinmetz, Gelegenheitsmodel, Kneipenwirt oder Kassenwart des Behindertensportvereins fristen die einstigen Herrscher der Welt ihr trübes Dasein und wollen eigentlich nur noch eins- ihre Ruhe!

Dann aber erschüttert eine Mordserie das Viertel, gänzlich unerklärlich und bestialisch. Gemeuchelte LARP- Spieler, geköpfte Pastorinnen, fensterstürzende Pflegefall- Haustyrannen, dazu immerwährende Gerüchte über bestialische Madenmutanten aus den Tiefen des Sees. Bald schon sehen Menschen wie Götter die Tage des Endes heraufdämmern!
Und obwohl sie ganz schön aus der Übung sind – Hel und ihre Kollegen beschließen, den Kampf aufzunehmen.
Doch erweisen sich ADHS- Deathmetal, lesbischer Sex, kiffende Zwerge und die Widerstandskraft gegen das Muttermonster aus Gütersloh tatsächlich als zweckmäßige Waffen gegen alles vernichtende Metzelviecher aus Fett, stinkende Zermarterer oder die pinkfarbenen Haarsträhnen der Riesendämonin?

Aber auch die skrupellosesten Machenschaften des moralapostolischen Kongresses sind machtlos gegen wahre Elternliebe – und die Sprengkraft von Kohlensäure...
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 1, 2013
ISBN:
9783939239826
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Frau Hölle - Luci van Org

Todsünden.

Vorwort

Nein, das hier ist ganz sicher keine Nacherzählung der Edda! Aber es ist der Versuch einer Liebeserklärung an die, die man Asen und Vanen oder auch einfach nur «die alten Götter» nennt.

Weil ich geschworen habe, von ihnen zu erzählen, solange ich lebe. Weil ich ihr Kind bin und sie meines Lebens Heil.

Und weil es mir ein Fest wäre, ein klein wenig dazu beizutragen, dass sie weiterleben.

In diesen Zeilen und vielleicht – das wäre mein größter Wunsch – in eurem Lachen.

I.

Leichenheini

1.

Toteisloch! Wenn etwas schon so hieß …

Eigentlich war das ja auch nur so ein Sammelbegriff. Für eben die Art Seen und Teiche, denen man hier in Berlin überall begegnete. Aber nirgendwo hätte der Name besser gepasst. Zwar schien keiner außer Robert etwas davon zu bemerken, aber ihm war schon immer klar gewesen, dass es sich bei dem Ding dort unter seinem Küchenfenster um alles andere als einen stinknormalen Tümpel handelte.

Und wer auch immer das tiefschwarz glänzende Wasser ausgerechnet in «Blanke Helle» umgetauft hatte, musste es ebenso gespürt haben – dieses unerklärliche Gefühl von Unruhe, das einen hier überkam. Das einen ständig hinter sich blicken ließ, ob zwischen Birken, zerrupften Holundersträuchern und den grauen Wohnblocks, die das Ufer umringten, nicht doch irgendetwas lauerte. Etwas, von dem man nicht wusste, was es war, warum es einem Angst machte, und dem man lieber einen freundlichen Namen gab, um sich weiter keine Gedanken darüber machen zu müssen.

Als Magier war Robert Bassmann natürlich noch wesentlich empfänglicher für solche Sachen.

Auch wenn er ja eigentlich nur einen Magier spielte.

Wobei es ihm mittlerweile schon oft so vorkam, als würde sein Liverollenspiel-Charakter «Raduart von Albonien», geprüfter Meistermagier nach dem Dragonsys-Regelwerk und mittlerweile fast ebenso firm in allen anderen gängigen Spielsystemen, eher während der Woche Robert Bassmann darstellen, als dass es an den Wochenenden umgekehrt der Fall gewesen wäre. Aber ein Jäger blieb ja auch die ganze Zeit über Jäger, obwohl er nicht jeden Tag mit geladenem Gewehr durch die Stadt lief, in der er wohnte.

Robert war einfach zum Magier geboren. Sonst wäre es ihm doch auch nie so leicht gefallen, die unzähligen Zaubersprüche in der Spielanleitung auswendig zu lernen. Und wer sonst konnte mit Hilfe bunter LEDs überzeugendere magische Gegenstände herstellen, von den Unmengen seiner Lebenspunkte ganz zu schweigen? Tatsächlich schimpften einige Mitspieler Raduart von Albonien ja bereits einen Spaßvermieser ob seiner faktisch erlangten Unsterblichkeit. Aber genau die bereitete Robert nun mal das Vergnügen an der ganzen Sache – und das war doch wohl auch verständlich, wenn man im Alltag Woche für Woche säuerlich miefendes Fleisch mit Desinfektionslösung wusch, biologisch abbaubare Baumwollkleider über Totenflecken zog und von den anderen seit frühester Kindheit «Leichenheini» genannt wurde, obwohl man doch gar nicht Heinrich hieß, sondern Robert.

Und eigentlich war doch sowieso alles nur ein Spiel.

Bedauerlicherweise eines, dem viele seiner Kunden schon auch mit Befremden gegenüberstanden.

Die Vorstellung, wie der Erbe des hochseriösen Traditionsbetriebs «Alboin-Bestattungen Berlin-Tempelhof» an den Wochenenden im Magierkostüm über brachliegende Äcker rannte, um aus Möbelschaumstoff und Flüssiggummi gefertigte Feuerbälle auf andere Kostümierte zu werfen, war zugegebenermaßen auch ein wenig gewöhnungsbedürftig. Aber als Bestatter hatte er sich ja ohnehin damit abgefunden, kaum jemandem richtig geheuer zu sein.

Dass ihn hier im Viertel allerdings einige jetzt so heimlich von der Seite ansahen, so als wäre er eine Bedrohung für seine Mitmenschen und nicht ganz richtig da oben, ging entschieden zu weit.

Er hätte es wissen und Heike verbieten müssen, sich bei Leni die Haare machen zu lassen. Aber wer rechnete denn damit, dass seine Frau dieser faltigen Friseusenkröte eine gesamte Wasch-, Schneide-, Färbe- und Föhnorgie lang vom Ruin ihrer Ehe durch Roberts ach so albernes Hobby vorjammerte, Leni mit ihrem knitterigen Maul alles sämtlichen Kunden ihrer verqualmten Ranzbude brühwarm weitertratschte und der Umsatz von «Alboin-Bestattungen» um zehn Prozent einbrach! Da war es auch kein Trost, dass «Leni’s Barber-Shop» schon viel länger beschissen lief.

Wie zum Teufel es überhaupt noch jemanden dort auf die abgewetzten Korbsessel verschlug, verstand Robert sowieso nicht – war der Laden doch ein einziger Schandfleck! Seit Roberts Kindheit in den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts dieselbe peinliche Einrichtung im Hippielook. Nur das hässliche Paisleymuster der billigen Baumwollvorhänge blich jedes Jahr noch ein wenig mehr aus und die angelaufenen Spiegel wurden noch etwas trüber.

Doch er hatte es aufgegeben, sich über diesen deprimierenden Anblick bei der Baugenossenschaft zu beschweren. Zwar machte ein verwahrlostes Umfeld auch bei tadellos gepflegten Geschäftsräumen einfach keinen guten Eindruck und Lenis Schaufenster waren von seinen nur anderthalb Meter entfernt, aber all das zählte nicht. Angesichts des fortgeschrittenen Alters der Pächterin müsse man Verständnis für gewisse Defizite haben, hieß es jedes Mal lapidar im Antwortschreiben der Verwaltung.

Und das nur, weil Leni, dieses intrigante Aas, Herbert Thewes bei der Baugenossenschaft sitzen hatte. Einen verdammten Kneipenkumpel, der sich dank seiner Armamputation den Arsch auf der Behindertenplanstelle breitsaß, bei dem sämtliche Beschwerden einfach versandeten und über den man sich nicht einmal bei seinen Vorgesetzten beschweren konnte, weil keiner der verfluchten Genossenschafts-Gutmenschen eine Abmahnung wegen Diskriminierung riskieren wollte.

Dabei ging es hier nicht nur um optische Belange.

«Kräuterzigarillos» – welch lächerlich-verharmlosende Bezeichnung für diese aus Asien importierten Stinkstäbchen, von denen grundsätzlich immer eines zwischen Friseusenlenis zehntausend Lippenfalten klemmte!

Als ob ihre mit kleinen Klingeln und Glöckchen versehenen Hippie-Baumwollblusen und ihr beinahe taillenlanges, graues Wallehaar nicht genug Anlass zum Kopfschütteln boten, war die Anwesenheit der faltigen Natter sogar für Taubblinde an ihrem penetrant süßlich-scharfen Odeur nach verkohlten Gewürzen zu erkennen – auf hundert Meter, wenn der Wind entsprechend stand.

Schon deshalb ging Robert Leni aus dem Weg, wo er nur konnte. Aber jedes Mal, wenn die Tür ihres Salons geöffnet wurde, in dem man bereits nach Sekunden Atemnot bekam und Schwindelgefühle wie bei einer Fahrt im «Fliegenden Teppich» – diesem schlimmsten aller Fahrgeschäfte, in dem Robert als Kind immer hatte kotzen müssen –, zog das widerliche Aroma von Lenis Giftröllchen hinaus auf die Straße und von dort in sein Geschäft, um ihm täglich aufs Neue sein Frühstück an den Gaumen zu treiben. Allein der Gedanke an das grässliche Bukett hob jetzt einen beachtlichen Schwall Unwohlsein aus Roberts Magen hoch in die Speiseröhre.

Doch er war Magier genug, sich davon nicht mehr aus der Fassung bringen zu lassen. Stattdessen öffnete Robert das Küchenfenster, atmete tief dem erwachenden Morgen entgegen und zeichnete mit der linken Hand das «magische Temakel» in die Luft – eine von ihm höchstselbst für Raduart von Albonien erdachte Zeremonialgeste, ähnlich der liegenden Acht, und sowohl zur geistigen Sammlung als auch zur Bekämpfung von Brechreiz perfekt geeignet.

Die Übelkeit wich einem Gefühl erhabener Ruhe. Breit lächelnd blickte er durch die noch kahlen Erlensträucher auf das ölig glänzende Wasser der still daliegenden «Blanken Hellen».

Die Zeit der Rache hatte begonnen, es war nur noch eine Frage von Stunden.

2.

Leni öffnete erst um zehn. Und während Robert die Tür von «Alboin-Bestattungen» aufschloss, nutzte er den Moment olfaktorischen Wohlbefindens, um noch einmal kurz innezuhalten. Voller Vorfreude betrachtete er die Reflexion des grauen Gestrüpps auf der Teichoberfläche, sog den Morgendunst ein und entließ genüsslich den weißen Dampf seines Odems in die noch eisige Märzluft, bevor er den Laden betrat, ohne das Licht anzuschalten.

Auf dem großen Eichenholzschreibtisch dämmerte im Halbdunkel sein Laptop vor sich hin.

Dem feierlichen Anlass angemessen langsam senkte Robert eine Hand auf das Notebook, klappte es auf und ließ mit dem Antippen der Space-Taste den Bildschirm aus dem Stand-by erwachen.

Die Messingurnen-Ansichtsexemplare auf dem Regal schimmerten auf, angestrahlt vom Facebook-Profil einer Frau. Zumindest war als Geschlecht «weiblich» eingetragen – auch wenn der Vorname Hel ebenso wenig aussagekräftig klang wie das als Nachname angegebene Wort «Holle» oder das dazugehörige Bild: die stilisierte Zeichnung eines zur Hälfte schwarzen und zur Hälfte weißen Gesichts.

Versonnen betrachte Robert den Bildschirm. Nie hätte er gedacht, dass eine so schnöde diesseitige Einrichtung wie Facebook ihm zu seinem mit Abstand größten Magierabenteuer verhelfen würde. Kein Rollenspielchen nach immer demselben Schema, erdacht von ein paar missgünstigen Wichtigtuern bei ein paar Bechern Met zu viel. Oh nein, das hier – war Realität!

Ein weiteres magisches Temakel, gefolgt von einem kurzen Moment geistiger Fokussierung, dann ließ Robert – Raduart – Bassman alias «Hel Holle» erste Buchstaben im «Was machst du gerade»-Feld des Profils erscheinen.

«N… o… c… h… m… e… h… r…»

Er brauchte eine Weile, um auf der unbeleuchteten Tastatur alle Buchstaben zu finden, aber seine Schreibtischlampe anzuschalten schien ihm ob der Tragweite des Augenblicks zu profan.

«R… a… c… h… e…»

Über dem Laptop kreisend suchte Hel Holles Zeigefinger jetzt eine Weile nach dem Fragezeichen, bevor er schließlich wie ein Raubvogel darauf stürzte. Dann hielt Robert inne.

Sollte er es wirklich tun?

Zum ersten Mal befiel ihn ein leiser Anflug von Zweifel. Hatte Leni wirklich dieselbe Strafe verdient wie die beiden anderen, die vor ihr hatten sterben müssen? Sollte man nicht möglicherweise angesichts ihres hohen Alters …?

Nein, kein Mitleid!

Mit einem entschlossenen Schnaufen schnellte Roberts Mittelfinger auf die Enter-Taste.

Zack, das war’s! Er hatte es getan!

Und fühlte sich mit einem Mal regelrecht aufgekratzt. Erfüllt von Vorfreude begann er, sich leise summend durch einen Ordner mit Bilddateien zu scrollen. Darstellungen von Frauenköpfen mit in der Längsachse zweigeteiltem Gesicht, entweder je zur Hälfte schwarz und weiß, jugendlich schön und greisenhaft oder sogar totenköpfig skelettiert. Robert entschied sich für ein aus verschiedenen Fotos zusammenmontiertes Junge-Frau-alte-Frau-Portrait, auf dem der Gegensatz von samtig glänzender Haut, rosig-aufgeworfenen Lippen und üppig bewimperten Kulleraugen zu runzelbedeckten, grauhäutigen Wangen, trübem Blick und hängenden, roten Lidern besonders gut zur Geltung kam.

Noch einmal die Enter-Taste und Hel Holles neues Profilbild erstrahlte über der Pinnwand. Viel war dort in der letzten Zeit nicht passiert. Ein paar kurze Kommentare einer gewissen «Pagan Goddess» gab es – und drei Einträge von Hel Holle selbst:

«Rache?»

«Mehr Rache?»

Beide Male hatte Pagan Goddess mit einem «;-)))))!» reagiert.

Auch auf «Noch mehr Rache?», Hel Holles Posting von gerade eben, trudelte nun ein «;-))))))!» als Kommentar ein.

Roberts Herz schlug bis zum Hals. So schnell war es noch nie gegangen …

«Machst’n da?»

Er fuhr entsetzt herum und blickte verdattert in das von der Kälte rot angelaufene, sommersprossige Gesicht eines Riesen, dessen massige, schnaufende Gestalt wie aus dem Nichts hinter Robert aufgetaucht war. Ein kurzer Moment Schreckstarre, dann erleichtertes Aufatmen. Thorsten Donner, Steinmetz des an den Alboinplatz grenzenden Friedhofs Schöneberg Zwo, sah ebenso grobschlächtig aus, wie er hieß, und trotzdem hatte Robert ihn nicht kommen hören. Er hätte abschließen sollen!

«Ich … ich habe noch zu …»

Der Steinmetz überging den wohl nicht eindeutig genug ausgesprochenen Hinweis und beugte sich zum Bildschirm des Laptops hinunter. Zwei hammelkeulengroße Schulterblätter nahmen Robert die Sicht.

«Is’n ditte?»

Eingeklemmt zwischen der Lehne seines Schreibtischstuhls und Donners gigantischer Rückenpartie schielte Robert auf den babyblauen Fleecestoff, der sich, aufdringlich nach Weichspüler duftend, an das meterbreite Kreuz des Steinhauers schmiegte.

Donners auffälliger Vorliebe für pastellfarbene Trainingskleidung lag zwar – wie der Hüne Robert im Suff mal gestanden hatte – die Absicht zugrunde, durch freundliche Farben weniger Furcht einflößend zu erscheinen, doch auch in der Tarnfarbe Bleu wirkte das dampfende, leise vor sich hin grunzende Fleischmassiv alles andere als einnehmend, selbst wenn man nur die Hinterseite sah. Von vorne war es ohnehin aussichtslos, trieb doch der wirre Silberblick aus Donners stechend wasserhellen, wegen seines rotblonden Haars wimpernlos scheinenden Augen jedem, der den Steinmetz zum ersten Mal traf, den Angstschweiß auf die Stirn.

Und auch noch vielen, die den Muskelklotz seit Jahren kannten. Wie jetzt Robert, dem das Herz bis zum Hals schlug, obwohl er es doch eigentlich besser wusste.

«Hel Holle …?! Is’n dit für ’n bekloppter Name? Keen Wunder, dasse nur vier Freunde hast!», gurgelte es aus den Tiefen des babyfarbenen Flauschgebirges.

«Ich … ähm … das, das ist …»

Nie zuvor hatte Robert sich so entsetzlich ertappt gefühlt. Zumal der fleischerne Gigant dummerweise empathisch genug schien, genau das zu bemerken, und gleich noch ein wenig interessierter hinsah.

«Moooment ma …», grollte es jetzt von hinter der Rückenwand. «Als enge Freude haste Ro-bert-Bass-man und Ra-du-art? Biste … nur mit dir selber befr…?!»

«Ich … äh … nein … also … die zwei anderen Freunde … das sind», begann Robert zu stammeln. Bis er begriff, wie dämlich er sich anstellte.

Was bitte hatte er zu befürchten? Mal abgesehen davon, dass der Steinhauer-Klops ganz offensichtlich nicht den geringsten Verdacht schöpfte, ging «Mord durch Facebook-Magie» doch wohl bei keinem Gericht der Welt als Straftatbestand durch.

Roberts Erstarrung löste sich. Mit neu erwachtem Selbstbewusstsein schlängelte er sich an der linken Hammelkeule vorbei zum Schreibtisch und klappte direkt vor Donners Nase den Laptop zu.

«Das … das ist nur … so’n Rollenspiel-Zeugs. Findest du sowieso blöd.»

«Nu mach da nich gleich ins Hemd, hab’s nur jut jemeint!», knurrte der Steinhauer. «Hel Holle … da kannste ja gleich Leichenheini nehmen als Name!»

Robert versuchte seine Fassung zu wahren, indem er mit dem Zeigefinger ein winziges magisches Temakel in die Luft hinter Donners Rücken zeichnete.

Donners von der Winterluft spröde Lippen zogen einen unpassend kindischen Flunsch. Dann griff eine seiner sommersprossigen Pranken ins Regal mit den Ausstellungsurnen über Roberts Schreibtisch und zog das größte Behältnis heraus.

«Scheiße!» Unter zusammengezogenen Augenbrauen begutachtete der Riese das Bandornament aus Dreifaltigkeitssymbolen auf dem Messinggefäß seiner Wahl. «Ham ja wirklich nur drei Ecken, die Dinger …»

«Was dachtest du denn?»

«Na, vier. Hätte doch sein können.»

«Wenn es Drei-Faltigkeit heißt?»

Robert entfuhr ein mitleidiger Seufzer. Wie es aussah, hatte der hellblaue Muskelklumpen sich bei der Herstellung eines Grabsteins wieder einmal verhauen – im wahrsten Sinne des Wortes … Gleich würde er Robert eröffnen, dass ein Ausbessern bis zur Beerdigung nicht zu schaffen war und Alboin-Bestattungen hatte den Ärger – wie die letzten fünf Male. Wirklich erstaunlich, dass Muskel- und Gehirnzellen in ein und demselben Körper derart unverhältnismäßig verteilt sein konnten.

«Is halt … nich so jut für’n Kopp, dit Jekloppe …», hob der Rotbart brubbelnd zu seiner Verteidigung an. Verlegen pulte er dabei mit der linken Hand in seinem rechten Ohr, dessen Blumendraht dicke Behaarung ebenso rostfarben glimmte wie die kurz geschorenen Borsten auf dem flachstirnigen Schädel. Seine andere Pranke pendelte hilflos vor und zurück, die klumpigen Finger fest um das stattliche Urnenexemplar geschlossen wie um eine Nuss.

Ein elender Anblick. Und auch wenn es nach dem, was Hel Holle gerade wieder getan hatte, nicht unbedingt naheliegend war – Robert hatte ein Herz! Ein empfindsames, geschundenes, noch immer waidwundes Herz!

Aber das gehörte nicht hierher – weshalb Robert alle Gedanken an seine Frau samt des dazugehörigen Grolls mit einem verächtlichen Schnaufen hinunterschluckte und sich wieder dem Steinmetz zuwandte.

«Ist schon in Ordnung», lächelte Robert milde, «ich … ich sag denen, du hattest ’n Bandscheibenvorfall oder so was.»

Der Kupferschädel atmete auf und beinahe sah es so aus, als füllten sich seine geröteten Fischaugen mit Tränen. «Lieb von dir», schniefte er und Robert nickte nachsichtig. Wenigstens hatte Donner seine Vergesslichkeit diesmal nicht wie sonst damit entschuldigt, dass er vor fünfundzwanzig Jahren seine Steinmetzlehre in Ost-Berlin absolviert und im real existierenden Sozialismus religiöse Symbole nun mal nicht gelernt hatte.

3.

Ohne sich noch einmal umzudrehen hatte der Muskelklotz seine Fleischmassen durch die Ladentür nach draußen in die Kälte geschoben und stampfte jetzt über die Uferwiese davon. Robert verkniff sich ein erleichtertes Glucksen, bis die pastellblaue Fleecewand außer Sichtweite war. Vor diesem Riesenbaby hatte er tatsächlich Angst gehabt?

Wo doch er, Robert – Raduart – Bassman, in Wahrheit der war, den besser alle fürchten sollten.

Mit dramatischem Klirren ließ der Erbe des Traditionsbetriebes «Alboin-Bestattungen Berlin-Tempelhof» die Ladentür ins Schloss fallen. Sorgsam drehte er den Schlüssel zweimal um und stapfte entschlossen ausschreitend den Weg zur Wasserkante hinunter.

Wie auf ein Zeichen brach jetzt die Sonne hinter den Häuserdächern auf der Ostseite hervor. Raduarts kupfernes Zeremonienamulett – des feierlichen Anlasses wegen trug er es nicht wie sonst unter, sondern über dem Hemd – blinkte mit der schwarzen Teichoberfläche um die Wette.

Alles war bereit!

Robert – Raduart – Bassmann, ewig treuer, magischer Diener der überirdischen Gerechtigkeit würde nun dafür sorgen, dass die verwarzte Friseusenleni bekam, was sie verdiente – einen grausamen, hässlichen, hoffentlich ordentlich qualvollen Tod!

Hier, an den struppigen Ufern dieses vermeintlich ganz gewöhnlichen Berliner Tümpels – der in Wahrheit doch so viel mehr war. Oh, all ihr Unwissenden, so unendlich viel mehr!

Denn nicht «Blanke Helle» war von Anbeginn der wahre Name dieses verdammten Weihers auf dem Alboinplatz gewesen – sondern «Hels Pfuhl»!

«Hels Pfuhl» – jahrtausendealtes Heiligtum der mächtigen Totengöttin Hel.

Hel, doppelgestaltige Hüterin des Sterbens und des Lebens. Aller Heiden Herrscherin über Werden und Vergehen.

Hel, Hulda, Holle – genau hier holte sie als zur Hälfte blühend schöne Frau und zur anderen Hälfte zahnlose Greisin erbarmungslos die Verstorbenen nach «Helheim», ihr immerwährendes Schattenreich ewiger Totenstille.

Jawohl, genau hier! Denn nicht im Elbenwald, nicht in Hogwarts, sondern ausgerechnet am Grund der «Blanken Hellen», mitten im Industriegebiet von Berlin-Tempelhof-Schöneberg tat es sich auf – das Tor zum Totenreich Helheim oder eben zur «Hölle», wie fanatische Anhänger der neuen Religion Hels prachtvolle Säle seit dem Mittelalter schimpften!

Zumindest konnte man das alles ziemlich genau so im Absatz «Die Sage der ‚Blanken Hellen’» bei Wikipedia nachlesen. Und warum etwas anzweifeln, das dort nicht einmal als «diskussionswürdig» gebrandmarkt war?

Als geborener Magier hatte Robert die dunkle Macht der Todesgöttin ja ohnehin schon seit Kindertagen gespürt – auch wenn ihm genauere Details der Angelegenheit zugegebenermaßen erst vor einem halben Jahr über das Internet zugetragen worden waren.

Aber war es bei einer Offenbarung nicht sowieso viel wichtiger, dass sie erlangt wurde als auf welche Weise?

Zumal ja auch die weniger Empfindsamen zumindest von der Gefährlichkeit des so unschuldig anmutenden Weihers wussten.

«Jedes Jahr einen holt sich die Helle», raunte man sich dereinst am Seeufer zu. «Strudel und Strömungen», hieß es heute. Und dass es aus der metertiefen Schlammschicht am Grund des Tümpels kein Entrinnen mehr gab, wenn man einmal hineingeraten war.

Doch vergesst das Wasser oder den Morast!

Es war Hel, die uralte Göttin höchstselbst, die sich hier wieder und wieder ihre Opfer holte. Weil sie gekränkt war bis ins Mark und voller Wut und man musste nun wirklich kein Magier sein, um das zu verstehen.

Denn vergessen und vergangen war Hels Macht. Ins Nirgendwo gerissen von der vagen Verheißung eines christlichen Paradieses, dessen verzuckerter Ausblick auf Harfe spielende Engelchen im Wattewolkenhimmel kaum mehr von der Herrscherin der Toten übrig gelassen hatte als ein albernes Kindermärchen namens «Frau Holle».

Und Geschichte war auch die Macht der anderen Weltenlenker von einst.

Allvater Wotan, Frija, die Allwissende, Tiwaz, unerschütterlicher Gott der Gerechtigkeit, Donar, hammertragender Beschützer der Menschen, seine goldhaarige Gattin Sif, Sonnengott Balder, sein blinder Bruder Hödur und unzählige andere – allesamt waren sie fortgefegt worden von den leeren Versprechungen des neuen Glaubens; verweht wie welkes Laub, Zigarettenkippen und Pizzaservice-Flyer vom Herbstwind, wenn er durch die Hofeinfahrten um die «Blanke Helle» blies.

Doch es gab Hoffnung – zumindest für Hel!

Denn jetzt hatte das Schicksal ihr einen Magier an die Seite gestellt. Einen demütigen, selbstlosen, ewig treuen Gefolgsmann, der nicht ruhen und nicht rasten würde, bis der Göttin Genugtuung verschafft worden war für das, was man ihr angetan hatte!

Wobei es Robert schon auch um einen gewissen, positiven Nebeneffekt für ihn selbst ging. Aber was bitte war denn verwerflich an einer echten Win-win-Situation?

«Rache?»

«;-))))!»

«Mehr Rache?»

«;-)))))!»

«Noch mehr Rache?»

«;-)))))!»

Jedes Jahr einen holt sich die Helle …

Aber seit Januar hatte Hel sich bereits zwei geholt, morgen würden es drei sein und bald danach vier, fünf, sechs, sieben und acht … es war ja erst Anfang März und Robert hatte geschworen, seine Sache gut zu machen. Besonnen, mit klarem Kopf und ohne falsches Mitgefühl all jene auszuwählen, die sterben mussten!

Natürlich bekam auch ein Meistermagier schon des Öfteren weiche Knie angesichts einer solchen, ja durchaus nicht unerheblichen Verantwortung.

Regelrecht Kopfzerbrechen bereitete ihm allerdings etwas anderes – nämlich dass er die für alle weiteren Zauber nötigen Formulierungen noch nicht gefunden hatte.

«Rache?» und «Mehr Rache!?» waren ja wunderbar kurz, kompakt und eben voll auf die Zwölf gewesen. Aber schon die heutige, dritte Beschwörungsanfrage «Noch mehr Rache?» war Robert bereits wie eine Notlösung vorgekommen – literarisch gesehen.

Doch die Kandidaten vier bis acht standen bereits fest. Was also als Nächstes schreiben?

«Immer noch mehr Rache?»

«Rache, vierter Teil?»

«Rache 4.0?»

Die Zeit drängte.

Kein leichtes Los hatte der, zu dem die höheren Mächte sprachen …

Wobei Hel genau genommen ja gar nicht mit Robert gesprochen hatte.

Sie hatte ihm geschrieben, auf Facebook.

Auch Götter gehen eben mit der Zeit.

4.

Kaum zu glauben, dass Roberts Hel Holle-Profil eigentlich ja nur aus so einer Laune heraus entstanden war. Im Herbst, als er die «Sage der ‚Blanken Hellen’» bei Wikipedia entdeckt und danach über Google Bilder der Göttin mit dem zweigeteilten Gesicht gefunden hatte.

Nach Fertigstellung war ihm allerdings niemand aus seinem Bekanntenkreis eingefallen, der an einer Vernetzung mit «Hel Holle» hätte interessiert sein können. Deshalb hatten erstmal nur ein paar seiner favorisierten Fantasyschriftsteller Freundschaftsanfragen bekommen und nur eine einzige davon war angenommen worden – arrogantes Pack!

Robert hatte sein neues Profil dann schon fast wieder vergessen.

Bis plötzlich Pagan Goddess in Hel Holles virtuelles Leben getreten war – ihrer Nachricht und den Profilangaben nach eine Liverollenspielerin aus Gütersloh, die auf Conventions die germanische Totengöttin Hel verkörperte und am «Erfahrungsaustausch mit Gleichgesinnten» interessiert war. Es standen Fotos ihrer doppelgestaltigen Maskierung im Netz.

Noch immer musste Robert unwillkürlich ein bisschen schwerer atmen, wenn er an die Bilder dachte. In knappem Korsett und Tüllmini, die gesamte linke Körperhälfte als Skelett bemalt und auf der rechte Seite nur ein paar Glitzersteine genau an den richtigen Stellen. Pagan Goddess, die heidnische Göttin aus Gütersloh, hatte Robert im Bruchteil einer Sekunde verzaubert.

Dennoch blieb alles rein platonisch, zu Roberts Leidwesen. Tatsache war, dass es zwischen ihm und Pagan Goddess statt zum Austausch von Körpersäften nur zu dem einiger Bilder, Nachrichten und Postings gekommen war.

Im Nachhinein kein Wunder – aber dazu später.

Zunächst hatte Roberts Frau nach etwa einer Woche angefangen, ihm Vorwürfe zu machen: Robert klebe nur noch vor dem Rechner, vernachlässige ihre Beziehung …

Beziehung?!

Hot Heike. Seit Grundschultagen hatten alle von ihr geträumt, viele hatten sie gehabt, aber nur den Antrag von ihm, dem Leichenheini, hatte sie am Ende angenommen – was für ein Triumph!

«Weil du anders bist», hatte sie gesagt.

«Weil ich leider doch zu wenig Klasse habe für einen Besseren mit entsprechendem Bankkonto», hatte sie gemeint – doch wer würde einen klaren Kopf bewahren angesichts der neidischen Blicke aller Spötter von früher?

Dann der Polterabend mit den Thanatopraktikern. Heike, die bei jedem Fremdwort nur verloren lächelte aus den einfältigen Augen einer Kuh mit schlechtem Realschulabschluss. Und er, der es damals einfach nicht wahrhaben wollte.

Schon vor dem ersten Hochzeitstag hatten sie aufgehört miteinander zu schlafen …

Trotzdem hatte er sich noch vier Jahre lang Mühe gegeben – und Heike seine Kreditkarte, damit sie ihren miesen Job in der Altenpflege an den Nagel hängen konnte. Sogar eine Putzfrau bekam sie, weil sie den Haushalt nicht schaffte in ihrer vielen, vielen freien Zeit.

Und Heike? Hätte sie im Gegenzug nicht wenigstens für irgendetwas Interesse zeigen können, das ihm etwas bedeutete? War sie nur einmal mit auf eine Convention gekommen, hatte seine Magier-Gewandung wenigstens mal sehen wollen? Nein. Alles, was Robert heilig war, hatte sie immer nur belächelt oder in den Schmutz gezogen.

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