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Günter Figal - Ando: Raum Architektur Moderne
Günter Figal - Ando: Raum Architektur Moderne
Günter Figal - Ando: Raum Architektur Moderne
eBook147 Seiten1 Stunde

Günter Figal - Ando: Raum Architektur Moderne

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Über dieses E-Book

Die Auseinandersetzung mit der Architektur mag weitgehend philosophisches Neuland sein. Doch nicht für den Freiburger Philosophen Günter Figal. Nachdem sich Figal, zu dessen Schwerpunkte die Phänomenologie und Hermeneutik gehören, mit Peter Zumthor und Frank Lloyd Wright befasst hat, setzt er den Dialog nun mit Bauten von Tadao Ando fort. Ein längerer Japan-Aufenthalt im Herbst und Winter 2016/17 ging diesem Band voraus, der eigentlich ein Essay in mehreren Kapiteln ist. Günter Figals philosophische Betrachtungen über Ando schließen den Raum, die Moderne, aber auch die Kunst mit ein. Denn nicht wenige Gebäude, die Figal besuchte und in dem Band bespricht, sind Museen und Kunstinstitutionen. Auch Teehäuser, Kirchen und Seminarhäuser sind darunter. Figals Gedanken nahmen ihren Anfang an den Fotografien, die er vor Ort machte. Diese ausnahmslos schwarz-weißen Aufnahmen unterbrechen die Folge der einzelnen Kapitel. Was Figal an den schlichten, auf wenige Materialien konzentrierten Bauten interessiert, ist der Möglichkeitssinn des Japaners. Andos Gebäude verändern die Umgebung, sie verändern die Gewohnheiten seiner Besucher, indem sie diese über Wege, Treppen und Übergänge lenken und sie teilen Tradition mit, ohne traditionell zu sein. Sie machen sich dem Menschen angenehm. Günter Figals Buch über Tadao Ando bewegt sich damit jenseits der Pfade, auf denen üblicherweise über Architektur gesprochen wird.
SpracheDeutsch
Herausgebermodo
Erscheinungsdatum15. Jan. 2020
ISBN9783868332872
Günter Figal - Ando: Raum Architektur Moderne
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Autor

Günter Figal

Günter Figal * 1949, professor of philosophy at the Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

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    Buchvorschau

    Günter Figal - Ando - Günter Figal

    Impressum

    Vorbemerkung

    Dieses Buch ist aus der Anschauung entstanden, genauer aus der Erkundung von Bauten Tadao Andos während eines längeren Aufenthalts in Japan im Herbst und Winter 2016/17. Erste Gedanken und Sätze ergaben sich bei der Betrachtung der Photographien, die ich von Andos Bauten und außerdem von Tempeln und Tempelgärten in Kyoto, Nara und Uji gemacht hatte. Die Photographien dieses Buches sind insofern keine bloßen Illustrationen. Vielmehr bilden sie einen Text vor dem geschriebenen Text, eine erste Strukturierung und Fixierung des Sehens, an der die Reflexion ansetzen konnte. Die anschauende photographische und beschreibende Betrachtung von Andos Architektur hat es möglich gemacht, Fragen, die mich schon lange beschäftigen, aufzunehmen und neu zu bedenken. So ist mir mit Andos Bauten klargeworden, wie die Frage nach dem Raum und die nach dem Wesen der Moderne zusammenhängen könnten. Die Bauten gaben die Antwort, und ich musste nur noch versuchen, diese zu verstehen.

    An der Entstehung des Buches sind viele beteiligt, denen ich herzlich danken möchte. Als erster, wie bei allem, was ich schreibe, meiner Frau Antonia Egel – wie immer waren uns die Erfahrungen und das Nachdenken über diese gemeinsam. Türen geöffnet, Anregungen gegeben, geholfen und zur Klärung von Gedanken beigetragen haben Hiroshi Asami, Direktor des Nishida Kitarô Museum of Philosophy, Toshihiko Hosotani, Manager im Yumebutai-Westin-Hotel, Hans Peter Liederbach, der außerdem noch den Text Korrektur gelesen und auf die richtige Schreibweise der japanischen Namen geachtet hat, Mari Mo, Toshitaka Mochizuki, Keichi Nakano, Ichirô Nakata, Leiter der Kanazu Elementary School, Ryosuke Ohashi, Kenichi Oishi, Pfarrer der Ibaraki Kasugaoka Church (Church of the Light), Abt Soen Ozeki, der mir erlaubte, im Garten seines Tempels Daisen-in zu photographieren sowie ein Photo des ,Ozeans der Leere‘ in dieses Buch aufzunehmen, Bernhard Strauss, ohne den meine Photographien nicht den Weg von der Datei zur Druckvorlage gefunden hätten, Dieter Weber, der dieses Buch gestaltet hat und als Verleger betreut, und schließlich Familie Yamaguchi, die mich ihr Teehaus besuchen und photographieren ließ. Außerordentlich dankbar bin ich Tadao Ando, der uns in sein Studio eingeladen hat und sich, mitten in der Arbeit, viel Zeit für ein schönes Gespräch nahm. Veranlasst und ermöglicht hat das Buch Hideki Mine, Gastgeber an der Kwansei Gakuin Universität in Nishinomiya, mit dem wir gemeinsam die meisten der beschriebenen Bauwerke Andos erkundet haben. Ihm ist das Buch in dankbarer Freundschaft gewidmet.

    Freiburg im Breisgau, Januar 2017

    Günter Figal

    Zeitalter des Raumes

    Als Michel Foucault in einem mittlerweile klassisch gewordenen Text aus dem Jahr 1967 vermutete, das neunzehnte Jahrhundert als das Zeitalter der Zeit und der Geschichte sei vom Zeitalter des Raumes abgelöst worden, konnte er höchstens ahnen, wie sehr sich diese Vermutung bestätigen würde.¹ Geschichtliche Kategorien – Foucault nennt Entwicklung und Stillstand, Krise und Kreislauf und die Akkumulation der Vergangenheit – spielen für das gegenwärtige Verständnis der Welt kaum noch eine Rolle. Man denkt nicht mehr geschichtlich, weder so, dass die Fülle des Überlieferten als Last empfunden wird, noch so, dass die Zukunft mehr als die Gegenwart bedeutet. Das mag im Kontrast zu der Zeit, in der Foucault seinen Text schrieb, besonders deutlich werden. Es war die Zeit kurz vor der heftigsten Eruption geschichtlicher und geschichtsphilosophischer Überzeugungen nach dem Zweiten Weltkrieg, eine Zeit, in der man noch einmal alles auf die Karte der Entwicklung oder der Revolution, in jedem Fall auf die Karte der Zukunft setzte und dabei vergaß, wie sehr man sich damit an der Vergangenheit, genauer am neunzehnten Jahrhundert, orientierte. Das hat sich gründlich geändert; die Orientierung an Zeit und Geschichte sind verblasst, so dass sich die Möglichkeit neuer Orientierungen eröffnet hat. Würde man noch ernsthaft bezweifeln können, dass die Welt eine Raumwelt ist, nämlich der Raum, in den alle Kontinente dieser Erde gehören und in dem sie zusammengehören? Und darin ist die Welt doch so, wie Foucault sagt – bestimmt durch das Nahe und Ferne, durch Distanz und Juxtaposition, durch das Nebeneinander und das Auseinander. Diese räumlichen Spannungen gilt es, möglichst konfliktfrei zu leben, denn die Konflikte dieser Welt sind keine Beispiele für den Kampf des ,Fortschritts‘ gegen die ,Reaktion‘, sondern Auseinandersetzungen sich behauptender, expansiver oder sich gegenüber anderen abschließender Mächte, die ihre Interessen austragen – ohne geschichtsphilosophische Legitimation und ohne das mit anderen Überzeugungen konkurrierende Versprechen einer besseren Zukunft.

    Mit der Vorstellung einer sich auf ein Endziel hin vollziehenden Geschichte ist auch die Überzeugung, Kulturen seien als bestimmte Entwicklungsstufen der Menschheit in einer Reihenfolge zu ordnen, befremdlich geworden. Kulturen, so beginnt man zu verstehen, existieren nebeneinander, und wenn sie auf Dauer bestehen wollen, müssen sie herausfinden, wie dieses Nebeneinander – und allein in ihm ein mehr oder weniger ausgeprägtes Miteinander – gelebt werden kann. Zu befürchten ist entsprechend nicht mehr, dass ein erhoffter Entwicklungsprozess verlangsamt wird oder stagniert, sondern vielmehr, dass Kulturen und Staaten nicht lernen, einander zu lassen und, wenn es nicht anders möglich ist, ihre Verschiedenheit einfach nur auszuhalten.

    Foucault hat seine Überlegungen nicht als gegenwartsspezifisch verstanden; er wollte nicht sagen, dass die Erfahrung des Raums etwas Neues sei – als habe man erst in der neueren Zeit bemerkt, dass man im Raum lebt. Wenn es dennoch sinnvoll ist, die neuere Zeit mit Foucault als das Zeitalter des Raumes zu bezeichnen, so kann das nur heißen, dass in diesem Zeitalter die Erfahrung des Raumes bewusster, aufmerksamer und, wie Foucault andeutet, auch dringlicher geworden ist. Für die Beantwortung der Frage zum Beispiel, wie es möglich ist, in der Verschiedenheit von Kulturen und Traditionen nebeneinander zu leben, müsste ein Nachdenken darüber, was ein Nebeneinander ist und wie es als Bestimmung des Raumes zu verstehen ist, hilfreich sein – ohne Erfolgsgarantie, doch immerhin als ein die gegenwärtigen Lebensmöglichkeiten klärender Beitrag.

    Man könnte annehmen, dass Überlegungen solcher Art schon seit Längerem angestellt würden oder dass sie gar die gegenwärtigen Diskussionen bestimmten. Wenn die Gegenwart wirklich das Zeitalter des Raumes ist, müsste sie doch das Zeitalter einer besonders intensiven und reflektierten Raumerfahrung sein, und die neuere Philosophie müsste sich besonders gründlich um das Verständnis des Raumes bemüht haben. Aber so ist es offenbar nicht; es gibt nur wenige, auf die sich Foucault bei seinen Überlegungen beruft, und immer noch sind es nur wenige, auf die er sich berufen könnte, um seine Überlegungen zu stützen oder zu begründen. Mit seinem Nachdenken über die Welt als Raum steht Foucault, wie es scheint, nicht ganz, aber doch ziemlich allein.

    Entsprechend sind die Überlegungen, die Foucault anstellt, so etwas wie erste Erkundungen, die sich freilich in einem leitenden Gedanken konkretisieren. Foucault hält fest, dass wir nicht in einem leeren Raum lebten, sondern in einem Raum, der ganz mit Qualitäten aufgeladen sei, in einem Ensemble von Beziehungen, die Platzierungen definierten und die nicht aufeinander oder gar auf einen homogenen leeren Raum zurückgeführt werden könnten. Raum, so lässt sich das erläutern, wäre demnach über miteinander verbundene, auf einander verweisende Orte bestimmt, die wiederum im Hinblick auf das zu verstehen wären, was an ihnen seinen Platz gefunden hat, findet, oder finden kann. Raum ist der Raum von Orten, und Orte sind, was sie sind, weil jemand oder etwas an ihnen war, ist oder sein kann. Das angedeutete Verständnis konkretisiert Foucault vor allem in der Beschreibung von Räumen, die als ,Gegenplatzierungen‘ (contre-emplacements)

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