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Die Chroniken der Seelenwächter - Band 36: Die Suche endet

Die Chroniken der Seelenwächter - Band 36: Die Suche endet

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Die Chroniken der Seelenwächter - Band 36: Die Suche endet

Bewertungen:
4/5 (1 Bewertung)
Länge:
313 Seiten
Herausgeber:
Freigegeben:
18. Feb. 2020
ISBN:
9783958343856
Format:
Buch

Beschreibung

Marysol hat sich gezeigt. Nach und nach erfährt Jess, wer von den Seelenwächtern für sie und somit auch für Lilija kämpft. Der Schock darüber sitzt tief, doch sie wehrt sich weiter und versucht sich gegen die alten Mächte der Seelenwächter zu stellen. Wird sie stark genug sein, um sich zu entziehen?
Jaydee leidet ebenfalls und kann sich kaum noch gegen den Schmerz stemmen, der ihm zugefügt wird. Sein Geist bricht zum ersten Mal. Er muss die Entscheidung treffen, ob er Lilija folgen will oder nicht. Es kommt zum Showdown der Mächte. Wer wird siegen?

Dies ist der 36. Roman aus der Reihe "Die Chroniken der Seelenwächter".

Empfohlene Lesereihenfolge:

Bände 1-12 (Staffel 1)
Die Archive der Seelenwächter 1 (Spin-Off)
Bände 13-24 (Staffel 2)
Die Archive der Seelenwächter 2 (Spin-Off)
Band 25-36 (Staffel 3)
Herausgeber:
Freigegeben:
18. Feb. 2020
ISBN:
9783958343856
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Die Chroniken der Seelenwächter - Band 36 - Nicole Böhm

Table of Contents

Die Suche endet

Was bisher geschah

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

Impressum

Die Chroniken der Seelenwächter

Band 36

»Die Suche endet«

von Nicole Böhm

Was bisher geschah

Jaydee wird aus seiner selbst gewählten Gefangenschaft entführt. Im letzten Moment kann er einen Blick auf seine Widersacher werfen und kaum glauben, wer ihm gegenübersteht.

Zeitgleich greifen Unbekannte Zac in Australien an. Sie holen Cassandra sowie die drei Gegenstände, die Zac aus Arizona hat mitnehmen können. Er unterliegt dem Angriff und wird Opfer eines Vergessenszaubers.

Jess, Emma und Akil streifen durch die Bibliothek. Emma stellt ihre Spürhundtalente erneut unter Beweis und findet Notizen über das Gefüge der Zeit – eine Art Zwischenebene, die alles miteinander verbindet. Die Hinweise lenken sie weiter zum Schicksalsberg, wo wohl auch Jason, der erste Seelenwächter der Erde, hin verschwunden ist. Ehe sie weiterforschen können, entdeckt Akil das geheime Versteck, zu dem Ilai ihn geschickt hat. Er öffnet es gemeinsam mit Jess und fällt mit ihr in eine Erinnerung, die Ilai dort magisch konserviert hat. Sie erleben die Schlacht um König David hautnah mit und hören, welche Konsequenzen daraus entstanden, als er die Harfe spielte. Neben den Nachfahren, die aus Sophias Linie entstammten und die Gabe tragen, hat das Schicksal auch einen Gegenpart erschaffen. So wurden Menschen geboren, die sehr viel Dunkelheit in sich tragen. Sie sind das Spiegelbild zu denen, die im Licht stehen. Jess‘ Gegenstück ist Jaxon Gabriel.

Auch der bleibt nicht untätig. Nach einem Besuch von Alon, dem Nomaden, willigt Jaxon ein zu helfen. Er soll die Magie der Harfe brechen, denn nur er scheint dazu in der Lage zu sein.

Als Jess und Akil zurückkehren, werden auch sie von fremden Gegnern überwältigt. Jess wird in eine Zelle gesteckt, wo sie auf ihre Mutter trifft. Alles scheint an einem Ort vereint – und endlich zeigen sich auch die Widersacher. Eine ist Marysol. Sie reißt Jess in eine Vision, sodass diese ihr den Weg zur Harfe und Ikarius zeigen muss.

1. Kapitel

Jessamine

Es kommt, wie es kommen muss. Ihr könnt nichts mehr dagegen tun. Gar nichts

Marysol war so dicht bei mir, dass sich ihr Körper fast mit meinem verband. Ich wusste nicht genau, wo sie anfing und ich aufhörte. Wir waren aneinandergekettet, was auf der einen Seite unangenehm, auf der anderen beruhigend war, denn sie hielt mich wirklich fest und verhinderte, dass ich mich in dieser Vision verlor.

Und sie war intensiv.

Der Wind rauschte eisig um meine Ohren, rings um mich gab es nur Schnee, so weit das Auge blicken konnte. Einzig das kleine Lagerfeuer und die Felsnische, in der Ikarius Schutz gesucht hatte, boten mir einen Fixpunkt. Er hatte uns natürlich längst bemerkt und sich aufgerichtet. Seine kühlen Augen musterten uns voller Entsetzen.

»Wir haben dir vertraut«, sagte ich zu Marysol. »Wir alle.«

»Ich weiß. Schrecklich, nicht wahr?«

Mein Herz zog sich vor Schmerz zusammen. Ich konnte nicht fassen, dass Marysol wirklich dazu in der Lage war, uns zu hintergehen; dass sie ihre Freunde, ihre Familie, die Menschen, denen sie in den letzten Wochen und Monaten so sehr geholfen hatte, verraten würde.

Doch es entsprach der Wahrheit.

Sie hatte es getan.

Alles an ihr schrie nach Verrat, genau wie bei Derek.

»Ich bin kein bisschen wie er«, zischte sie. »Derek war nur auf seinen Vorteil aus, er hat uns hintergangen und in große Gefahr gestürzt, als er Ananka half, Kedos zu entfesseln. Er war ein Narr. Wir hingegen werden die Welt retten!«

Sie hört also meine Gedanken, interessant.

»Natürlich höre ich sie. Ich bin Luft. Ich bin überall.«

»Jessamine«, erklang Ikarius‘ besorgte Stimme in meinem Kopf. »Was tust du?«

»Ich kann nichts dafür. Sie zwingt mich.« Ich deutete auf Marysol und hätte mir gewünscht, Ikarius mit der Kraft meiner Gedanken alles erklären zu können.

»Ich übernehme das«, sagte Marysol und hob eine Hand. Ikarius zuckte zusammen, als hätte ihn etwas Heftiges getroffen. Er reckte das Kinn und schauderte. Sein Gesicht wurde blasser. Er spannte die Schultern, sah Hilfe suchend nach rechts und links. Sein Blick blieb an dem Bogen hängen, der neben seinem Feuer ruhte.

»Waffen werden dir nichts nutzen«, sagte Marysol. »Es tut mir leid, dass es so kommt, ich brauche nur die Harfe.«

Ikarius zog die Augenbrauen zusammen und schüttelte den Kopf. Er wich einen Schritt zurück, hob nun ebenfalls eine Hand, als könnte er so abwehren, was auf ihn zurollte. »Das kann ich nicht zulassen.«

»Es wird dennoch geschehen«, sagte Marysol und zog mich näher zu ihm.

Der Nebel erschien wieder um mich herum, genau wie die Risse, die alles aufspalteten und mich normalerweise davonzogen. Ich spürte, wie der Dunst nach meinem Innersten griff und mich zu sich holen wollte, aber Marysol hielt Wort und ankerte mich bei sich.

»Wir haben nicht viel Zeit, mein Freund«, sagte Marysol zu Ikarius.

»Das ist eine Vision«, sagte Ikarius und blickte sich um. »Es ist nicht real. Ihr seid nicht wirklich hier.«

»Noch nicht«, sagte Marysol.

Wir kamen näher auf das Lager zu, ich blickte mich automatisch nach der Harfe um. Es war wie ein Urinstinkt, gegen den ich mich nicht wehren konnte. Meine Zellen sehnten sich nach ihr, so wie sich ein Lebewesen nach Sonne oder ein Durstiger nach Wasser sehnte. Ich brauchte sie. Ich brauchte die Magie darin.

»Du sollst sie bekommen, sie ist ganz allein für dich bestimmt«, sagte Marysol. »Aber erst muss ich herausfinden, wo sie steckt.«

»Auf keinen Fall«, sagte Ikarius und griff nun doch seinen Bogen. Als seine Finger den Schaft umschlossen, schrie er jedoch auf und fasste sich an die Stirn.

»Es muss nicht schmerzhaft für dich sein«, sagte Marysol.

Wir standen jetzt fast vor ihm. Er krümmte sich zusammen, schlug blindlings um sich und versuchte sich gegen Marysols Einfluss zu wehren. Sie riss die Arme hoch und ließ sie dann hinunterschnellen. Ikarius schrie erneut, fuhr herum und wollte flüchten, doch Marysol packte ihn von hinten am Kragen und zerrte ihn rücklings zu Boden. Das Ganze vollführte sie, ohne mich auch nur einen Millimeter loszulassen. Sie war überall, als hätte sie ihren Körper und ihre Persönlichkeit ausgedehnt und in jeden Winkel dieser Vision gesteckt. Ich hatte keine Ahnung, wie sie ihn überhaupt anfassen konnte, denn bisher hatten die Visionen sich eher auf der geistigen Ebene vollzogen, aber Marysol nutzte irgendwie meine Verbindung zu Ikarius, um ihn anzugreifen.

Er stürzte wie ein gefällter Baum. Er keuchte erstickt, fasste sich an die Brust und presste die Lippen zusammen. Sein Blick fand meinen, er kniff die Augen zu und ich hörte seine Stimme in meinem Kopf.

»Wehr dich!«

Ich hielt die Luft an, der Nebel waberte stärker um mich herum und kroch an meinen Beinen hinauf. Wenn ich mich gegen Marysol stemmte, könnte ich mich verlieren. Ich könnte in die Tiefen der Vision stürzen, wieder von einer zur nächsten springen und möglicherweise nie mehr zurückfinden.

»Ich hole dich wieder, aber du musst kämpfen!«

»Seid nicht dumm!«, blaffte Marysol. Ich sah Ikarius mitleidig an, doch seine Entschlossenheit wich nicht von ihm. Er wollte kämpfen, er wollte weitermachen, bis es nichts mehr von ihm gab, das kämpfen konnte.

Ich schloss die Augen, nickte nur ganz kurz. Der Nebel waberte stärker und erfasste mich intensiver. Ich hielt die Luft an, fing an herumzappeln.

»Hör doch auf damit«, sagte Marysol. »Du wirst dich verlieren!«

»Dann soll es so sein«, gab ich zurück. Vielleicht wäre es sowieso besser in Visionen zu stürzen, als Marysol zu dienen.

»Sei nicht dumm, Jessamine«, zischte Marysol und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf mich. Das wiederum gab Ikarius die Gelegenheit, sich zu bewegen. Er rollte auf den Bauch und robbte nach vorne, um sich wieder seinen Bogen zu holen.

»Ihr Idioten!«, rief Marysol. »Ich will niemandem von euch schaden, ich muss nur wissen, wo die Harfe ist.«

»Nur über meine Leiche!«, schmetterte Ikarius‘ Stimme durch mein Hirn.

»Das möchte ich unter allen Umständen vermeiden«, sagte Marysol. Ich trat nach ihr aus, bekam tatsächlich eine Hand frei und glitt näher an den Nebel heran. Der reagierte sofort und umschloss meine Mitte. Ich verlor das Gefühl für meinen Körper, die Bodenhaftung ebenso. Das würde nicht lange gut gehen, ich würde fallen und fallen und fallen. Die Schneelandschaft flirrte vor meinen Augen, alles verschwamm. Ich zerrte weiter, um mich von Marysol zu befreien, aber sie packte mich wieder am Arm.

»Hiergeblieben!« Ihre Fingernägel bohrten sich schmerzhaft in meine Muskeln, doch genau das vertrieb den Nebel. Marysol wandte all ihre Kraft auf, um mich festzuhalten, was Ikarius die Möglichkeit gab, seinen Bogen zu spannen und auf Marysol zu schießen. Der Pfeil flog einfach durch sie hindurch. Sie schüttelte den Kopf und zischte zornig, dann hob sie die Hand und sandte eine weitere Energiewelle gegen ihn. Ikarius fasste sich an die Stirn und klappte erneut zusammen. Es tat mir in der Seele weh, das mit ansehen zu müssen. Ich wollte so gerne helfen! Diesen ganzen Mist verhindern! Aber ich konnte es nicht.

Mir entglitt die Welt.

Mir entglitt diese Vision.

Ich war nur ein Werkzeug, so wie ich es von Anfang gewesen war.

Ein Instrument, erschaffen, um ein anderes zu spielen.

Eine Seele mit viel zu viel Macht, die nur darauf wartete, entfesselt zu werden.

»Gleich, Nachfahrin. Gleich«, sagte Marysol. Sie packte mich und zerrte mich nach vorne aus dem Nebel heraus. Ich wurde zurück in meinen Körper katapultiert, taumelte, doch Marysol hielt mich aufrecht, während sie gleichzeitig Ikarius beeinflusste. Er krümmte sich vor Schmerzen, Blut lief aus seinen Ohren. Das Rot wirkte wie eine knallige Signalfarbe gegen das Weiß seiner Haare. Ich strampelte ein letztes Mal, aber ich wusste, dass ich keine Chance hatte, ihr zu entgehen. Marysol nahm uns beide auseinander. Sie stülpte ihre Macht über uns und breitete ihre Seele in der Umgebung aus, bis alles nur aus ihr zu bestehen schien.

Es war zu viel.

Von allem.

Ikarius richtete sich ein weiteres Mal auf, doch Marysol trat nach vorne, packte ihn an den Haaren und zerrte ihn näher an sich. Sie kamen auf Augenhöhe, er war nun ganz dicht bei mir, wir konnten uns fast berühren. Er sah kurz zu mir, dann verschloss sich sein Blick und seine Iris wurde schwarz.

»Wo bist du?«, fragte Marysol eindringlich. »Verrate mir, wo du dich versteckt hältst.«

»Nein«, keuchte Ikarius. Dieses Mal nicht in meinem Kopf, sondern in echt. Er nutzte seine Stimme, was er normalerweise nur auf Marysols Anwesen tat. Sie klang brüchig und rau vom vielen Schweigen.

»Verschwinde.« Ikarius spannte die Schultern an, riss die Augen weiter auf und fixierte nun Marysol. Auf einmal traf uns eine Kraftwelle, die nicht nur sie, sondern auch mich von den Füßen riss. Ikarius packte mich allerdings, während er die andere Hand hob und seine Macht gegen Marysol richtete. Sie wurde nach hinten geschleudert, überschlug sich und kam mit einem Aufschrei zu Boden.

Ikarius schloss die Finger um meinen Ellbogen und blickte mich an. »Vielleicht kann ich dich zurückschicken, aber ich garantiere für nichts.«

»Marysol hat mich gefangen genommen. Wenn du mich dorthin bringst, wird sie mich nur wieder in die Vision zerren.«

»Dann versuchen wir einen anderen Ort, vielleicht kann Jonathan dir …«

Weiter kam er nicht, denn die Welt kippte. Marysol hatte sich aufgerichtet und entließ eine derartige Kraft auf Ikarius, dass sogar der Berg, an dessen Fuß er Zuflucht gesucht hatte, erbebte. Ikarius verlor den Halt, knallte gegen den Felsen und wurde dort in der Luft gehalten. Marysol hatte die Hand ausgestreckt und umklammerte ihn mit ihrer unsichtbaren Macht. Er kickte mit den Beinen herum, aber es war vorbei. Sie würde nicht aufgeben, sondern weitermachen – bis sie hatte, was sie wollte. Ikarius war ein mächtiger Luftwächter, sie allerdings war stärker. Sie war im Rat, sie besaß die Urkraft der Seelenwächter und den eisernen Willen zu bekommen, was sie begehrte.

»Wo ist die Harfe?«, rief Marysol und schloss die Faust. Ikarius bäumte sich auf, warf den Kopf in den Nacken und breitete die Arme aus, als würde er auf ein Kreuz gespannt. Er zitterte haltlos, alles an ihm bebte. Er würde in tausend Stücke gerissen werden, wenn Marysol weitermachte. Ich schrie seinen Namen, wollte ihm so gerne helfen, aber ich konnte rein gar nichts für ihn tun.

»Sibirien!«, sagte Marysol schließlich voller Erleichterung. »Endlich hab ich dich gefunden.«

»Nein …«, keuchte Ikarius. »Nein, nein, nein!«

»Keine Angst, wir wenden alles zum Guten.« Marysol entließ Ikarius, der kraftlos zu Boden stürzte und in den Schnee kippte. Fast gleichzeitig fuchtelte Marysol mit dem Finger in der Luft herum, sodass sich die Atmosphäre an der Stelle verdichtete. Der Schnee sammelte sich wie ein kleiner Wirbel. Sie rief ihr Element an, damit es ihr half.

Mein Blick wanderte weiter umher. Ich suchte nach River und der Harfe, doch ich entdeckte sie nicht, obwohl sie hier waren. Je länger ich in der Nähe des Instruments verweilte, desto schlimmer wurde das Drängen in mir, mich ihm zuzuwenden. Mein Blut schien zu kochen, mein Innerstes zog sich zusammen, es tat beinahe weh, weil die Sehnsucht so groß war.

Ikarius zitterte, starrte uns an, und in mir passierte etwas Erstaunliches, das ich nie erwartet hatte: Ein Teil von mir freute sich, dass er kooperierte, denn das bedeutete, dass ich der Harfe näher kam. Er hatte mir das Instrument vorenthalten, obwohl es eigentlich zu mir gehörte.

»Warum tust du das?«, fragte Ikarius.

»Weil es das Richtige ist«, antwortete Marysol. »Es ist die Lösung für Seelenwächter und Menschen. Sobald Lilija zurück ist, wird sie Ordnung herstellen, wo die ganze Zeit das Chaos herrschte. Nun haben wir, was wir benötigen, es hat viel zu lange gedauert.« Sie warf mir einen Blick zu, ich erkannte auf einmal alles, was in ihr vorging.

Sie hatten auf mich gewartet. Ich war diejenige, die sie gebraucht hatten. Nicht Anna oder Ashriel oder eine der anderen Nachfahren mit der Gabe. Nur ich. Weil Jaydee bei mir war. Weil er und ich zusammengehörten. All die Jahrtausende, in denen Lilija gefangen gewesen war, in denen Coco versucht hatte, an die Nachfahren mit der Gabe zu kommen, waren im Grunde umsonst gewesen, denn sie hatten Jaydee nicht gehabt.

»Niemand ist so stark wie ihr«, flüsterte Marysol und deutete mit einem Kopfnicken nach links. »Es geht los. Die anderen kommen.«

»Marysol, bitte nicht«, versuchte es Ikarius noch einmal. Er lag gefangen am Boden, verzog das Gesicht. Um uns herum blitzten plötzlich zig Portale auf. Es knallte aus allen Richtungen, und durch die Lichtkegel kamen sie zu uns.

Mehr Seelenwächter.

Ein weiteres Mal blieb mir die Luft weg, denn mir wurde schlagartig das Ausmaß des Verrats klar. Wie viele auf Marysols Seite standen …

Ich zuckte zusammen, wollte am liebsten schreien oder weglaufen oder irgendetwas tun, um diesem Wahnsinn zu entgehen, doch ich musste der Realität ins Auge blicken.

Ein Seelenwächter nach dem anderen trat aus einem Portal. Ich blickte zur ersten in der Gruppe: Storm.

Sie hatte mit Akil gegen Kedos im Flughafen gekämpft.

Mein Mund klappte auf, formte die Frage nach dem Warum, aber ich brachte sie nicht heraus, stattdessen sah ich nach rechts zur nächsten Wächterin: Tashi. Das neue Ratsmitglied, das ich nur kurz gesehen hatte.

Sie nickte mir zu, ihre Miene blieb starr, ich erkannte weder Freude noch Genugtuung über diesen Moment, dennoch fühlte ich mich, als würden jene Leute mir die Eingeweide herauszerren und mich in meine Bestandteile zerlegen.

Alles brach unter mir weg!

Drei weitere Wächter kamen, zwei Männer, eine Frau. Ich kannte die drei nicht, was mich auf eine gewisse Art beruhigte, obwohl es nur schlimmer wurde.

Ein letzter Lichtkegel flammte auf, und mir wurde fast schwarz vor Augen, als ich sie erkannte. Ich schluckte heftig, gab einen komischen Laut zwischen Entsetzen und Panik von mir. Ich fing an zu zittern, die Luft flirrte vor meinen Augen, ich konnte kaum atmen.

Nein, nein, nicht sie auch!

Meine Stimme bebte, als ich ihren Namen aussprach und sie offen ansah: »Kendra.«

Sie senkte den Blick nur kurz, als wäre es ihr unangenehm, dass ich sie erkannt hatte.

»Warum?«, fragte ich sie. »Warum tust du das?«

»Weil ich keine andere Zukunft mehr habe als diese.« Ihre Stimme kam gepresst. Wurde sie möglicherweise dazu gezwungen? Oder war das nur mein Wunschdenken?

»Aber du, … wir …« Ja, was? Waren Freunde? Vertraute? Keine Ahnung. Kendra war nichts als unhöflich zu mir gewesen und hatte mich bei jeder Gelegenheit bloßgestellt. Der eine kurze Moment ihrer Schwäche war eine Ausnahme gewesen, auf der ich mich nicht ausruhen durfte.

Wir hatten keine Verbindung.

Jetzt bekam ich den Beweis.

Ich blickte zwischen all diesen Seelenwächtern hin und her. Ikarius stöhnte. Wenn das für mich schon schwer zu begreifen war, wie war es erst für ihn? Marysol war seine Familie, sie hatte ihn in die Welt der Seelenwächter geholt, er hatte bei ihr gewohnt, hatte an ihrer Seite gekämpft. Jahr um Jahr um Jahr.

»Sie kommen mich holen«, sagte er nur.

»Richtig«, antwortete Marysol. Sie lehnte sich zu mir. »Das, was du siehst, passiert in der Realität in diesem Moment. Wir beide sind nicht wirklich dort, sondern stecken noch in der Vision, aber nicht mehr lange. Unsere Arbeit ist getan, wir kehren zurück. Die anderen holen die Harfe.«

»Nein«, sagte ich resigniert, denn das war alles, was ich fühlte, dachte oder was mich ausmachte: Nein. Eine einzige große und schmerzende Ablehnung gegen das, was mit uns geschah. Ein Aufbäumen, wo es nichts mehr zu kämpfen gab, ein Widerstand, der brach, ehe er sich manifestiert hatte.

Marysol wandte sich mit mir ab. Ich blickte über ihre Schulter und sah, wie die anderen Ikarius umzingelten. Er war völlig unterlegen, konnte nichts gegen seine eigenen Leute ausrichten.

Mir brach das Herz.

Es tat unendlich weh.

Tränen stiegen mir in die Augen, aber ich fühlte sie kaum, so wie ich meinen Körper kaum fühlte.

»Es wird alles gut«, flüsterte Marysol und umschloss mich fester. »Wir gehen nach Hause.«

Und dann riss sie mich zurück.

2. Kapitel

Jaxon stand frisch angezogen und geduscht in seinem schäbigen Appartement und betrachtete alles. Er wusste, dass er nie mehr zurückkehren würde. Sobald er zur Tür hinaustrat, würde er sein altes Leben hinter sich lassen und sich Neuem zuwenden. Ab heute würde sich alles verändern.

Er atmete ein letztes Mal die stickige Luft ein und dachte an die grausigen Momente zurück, die er dort drüben auf seinem Bett verbracht hatte. Schwitzend. Leidend. Zugedröhnt mit all dem chemischen Scheiß. Er sehnte sich auch jetzt danach. Obwohl er wusste, was es mit ihm anrichtete, wollte er liebend gerne nach der Pillendose auf dem Nachttisch greifen und den Inhalt mit dem billigen Fusel, der in seinem Bad stand, hinunterspülen.

Aber er konnte Alon nur folgen, wenn er nüchtern blieb. Es gab keinen anderen Weg, das hatte der Typ klar und deutlich gesagt. Jaxons Geist wusste das, aber seinen Körper interessierte es einen Scheiß. Seine Haut juckte bereits, die Unruhe in ihm wuchs. Die Dunkelheit kroch in ihm hoch und würde ihn holen, so wie an jedem verdammten Tag, den er auf dieser Erde zubrachte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Jaxon nicht mehr klar denken konnte und dieser elende Nebel auftauchte, um seinen Verstand zu verwirren. Und mit dem Nebel kamen die Stimmen, die Angst, die Zerrissenheit. Jaxon kannte das zur Genüge.

Er schloss für einen Moment die Augen und dachte darüber nach, sich diesem inneren Drängen doch hinzugeben. Er könnte den Tag im Bett verbringen und alles andere abprallen lassen. Er könnte Alon und diesen ganzen Müll über Nachfahren, die Harfe und König Saul abprallen lassen.

Zerstöre die Harfe, und du bist frei.

Alons Worte rauschten durch seinen Kopf, genau wie seine Gedanken an die Drogen. Jaxon musste nur dieses dämliche Instrument auseinandernehmen, dann wäre alles vorüber. Dann könnte er wieder das fühlen, was er in den letzten acht Jahren gefühlt hatte. Der Nebel wäre verschwunden und er wäre … glücklich? Vielleicht. Ihm war klar, dass es an ihm lag. Beim ersten Mal hatte er die Stille nicht zu würdigen gewusst. Jaxon hatte weitergemacht, als wäre er für immer geheilt, aber nun wusste er, wie fragil dieser Frieden gewesen war. Er war wieder zurück in die Schatten getreten und gefallen und gefallen und gefallen.

Ich muss hier raus.

Jaxon atmete einmal tief durch, versuchte das Jucken und Brennen in seinem Inneren zu ignorieren und schnappte sich seine Motorradjacke. Mit schnellen Schritten verließ er seine Wohnung, ehe er es sich doch noch anders überlegte und blieb.

Als er die Tür hinter sich schloss, fühlte er kaum etwas. Keinen Trennungsschmerz, keine Wehmut. Jaxon war nicht die Art von Mann, der sich an Dinge klammerte. Weder an materielle noch an menschliche.

Er lief die Treppen hinunter, die Stufen knarrten bei fast jedem seiner Schritte. Jaxon stieg über einen Typen, der mitten im Weg lag. Die Spritze steckte noch in seinem Arm, er stöhnte leise. Jaxon ignorierte ihn, denn das war hier Alltag. Er ignorierte auch die verschmierten Wände, die anderen Bewohner, die sich entweder stritten, rammelten oder deren Fernseher dröhnte. Dieser Ort spiegelte genau das wider, was in Jaxons Seele passierte. Er war ebenso am Ende wie dieses Gebäude.

Endlich erreichte er die Vordertür und

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