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DSA: Das Blut der Castesier 4 - Dunkles Verlangen: Das Schwarze Auge Roman Nr. 168

DSA: Das Blut der Castesier 4 - Dunkles Verlangen: Das Schwarze Auge Roman Nr. 168

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DSA: Das Blut der Castesier 4 - Dunkles Verlangen: Das Schwarze Auge Roman Nr. 168

Länge:
461 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
12. Dez. 2019
ISBN:
9783963314391
Format:
Buch

Beschreibung

Die gefallene und versklavte Lucia kämpft als Gladiatorin in der Arena von Belenas. Doch auch außerhalb der Arena wird sie in Ereignisse hineingezogen, die für Lucia leicht tödlich enden könnten.
Die Nekromantin Sabella bemüht sich, in den Intrigenspielen zwischen den Magiern der Akademie nicht aufgerieben zu werden. Gleichzeitig versucht sie, mehr über das Dunkle Verlangen zu erfahren, welches sie beherrscht, und der mysteriösen Dämonin auf die Schliche zu kommen, die sie verfolgt.
Valerius steigt weiter in der Bosparaner Unterwelt auf, doch um Vergeltung am Mörder seiner Familie zu üben, muss er hohe Risiken eingehen, die nicht ohne Blutvergießen enden werden.

Dunkles Verlangen ist der vierte Teil der sechsteiligen Reihe Das Blut der Castesier, eine epische Geschichte in den Dunklen Zeiten Aventuriens.
Herausgeber:
Freigegeben:
12. Dez. 2019
ISBN:
9783963314391
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

DSA - Daniel Jödemann

Impressum

Ulisses Spiele

Band US25721

Titelbild: Dagmara Matuszak

Aventurien-Karte: Daniel Jödemann

Redaktion: Nikolai Hoch

Lektorat: Frauke Forster

Korrektorat: Claudia Waller

Umschlaggestaltung und Illustrationen:

Nadine Schäkel, Patrick Soeder

Layout und Satz: Nadine Hoffmann, Michael Mingers

DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN, DERE, MYRANOR, RIESLAND, THARUN, UTHURIA und THE DARK EYE sind eingetragene Warenzeichen der Ulisses Spiele GmbH, Waldems. Copyright © 2019 by Ulisses Spiele GmbH.

Alle Rechte vorbehalten.

Titel und Inhalte dieses Werkes sind urheberrechtlich geschützt. Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Bearbeitung, Verarbeitung, Verbreitung und Vervielfältigung des Werkes in jedweder Form, insbesondere die Vervielfältigung auf photomechanischem, elektronischem oder ähnlichem Weg, sind nur mit schriftlicher Genehmigung der Ulisses Spiele GmbH, Waldems, gestattet.

Print-ISBN 978-3-96331-185-7

Ebook-ISBN 978-3-96331-439-1

Daniel Jödemann

Dunkles Verlangen

Das Blut der Castesier IV

Ein Roman in der Welt von

Das Schwarze Auge©

Originalausgabe

Mit Dank an

Mareike Aurora und Thomas Ritzinger

Ein Wort der Warnung

Dieser Roman enthält eine Szene, die in ihrer Darstellung von Gewalt für einige Leser möglicherweise unangemessen sein könnte. Im Kontext gewaltsamer medizinischer Eingriffe am lebenden Objekt am Ende von Kapitel 7 wurde bewusst weitestgehend auf die Beschreibung empathischer Regungen seitens der Anwesenden verzichtet. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die auftretenden Personen mit der beschriebenen Form der Gewalt uneingeschränkt einverstanden sind.

Was bisher geschah

»Im Jahre 886 nach Horas’ Erscheinen reiste Fran der Glorreiche, Horas Invictus et Aeternus, Magus Maximus, nach Meridiana und kehrte mit kostbaren Schätzen der Waldmenschen aus Alanpha zurück. Insbesondere aber unterwies er in der Folge seine Hofmagier – darunter auch mich, den bescheidenen Verfasser dieser Zeilen – in vielen uns vollkommen unbekannten Ausprägungen der Magica necromantia.

Der Magus Maximus übte sich in Zurückhaltung, was den Ursprung jener neuen Rituale, Theoreme und Einsichten anging, welche uns die Totenerhebung so viel leichter von der Hand gehen ließen als zuvor. Einmal jedoch sprach er davon, dass ihm in den immergrünen Wäldern Meridianas von den Wudu ein Weg aufgezeigt worden war, wie er an nie zuvor gekanntes Wissen zu gelangen vermochte. Er hat lange geforscht und schließlich den Hauch der Niederhöllen gespürt, den Atem der Praecentora der Heulenden Finsternis, welcher ihm diese Erkenntnisse zuflüsterte.«

— aus Ars Moriendi,

von Magister Asteropaeus Bosparanius,

886 nach Horas’ Erscheinen

Band I: Blutnacht

Nur kurze Zeit, nachdem Yarum-Horas den Thron des Bosparanischen Reiches errungen hatte, ordnet er den Tod mehrerer einflussreicher Comites an, dem auch die Familie der Castesier zum Opfer fällt. Drei Kinder entkommen in der Blutnacht dem Massaker: Livia, die unter dem Namen Lucia Arponia von einer Comes als ihre Erbin großgezogen wird, Valerius, der auf der Straße aufwächst, und seine Zwillingsschwester Sabella, die von dem Magier und Nekromanten Andronicus aufgefunden und ausgebildet wird.

Vierzehn Jahre später tritt Lucia Arponia in die Legion ein und schließt sich dem Feldzug von Cassus Bosparanius an, einem Sohn des Horas, der seine Truppen nach Süden führt, um sich mit Eroberungen als Erbe für den Adlerthron zu empfehlen. Dank Cassus steigt Lucia zur Centuria auf und lässt sich zudem auf eine Affäre mit Tribun Flavius Aedinius ein. Sie ernennt den Veteranen Rufus Pulcher zu ihrem Stellvertreter.

Valerius schlägt sich in Puninum mit Diebstählen und Einbrüchen durch und arbeitet für den Nandurios-Priester Tacitus, der ihm bisweilen Aufträge vermittelt. Zwei Banden strecken in dieser Zeit ihre Hand nach Puninum aus: Die tulamidischen Mussadin unter ihrem Anführer Abu’Keshal, und die Fünf Banden Bosparans, die von dem rätselhaften Procurator kontrolliert werden. Valerius beginnt zu dieser Zeit eine Liebschaft mit der abenteuerlustigen Patrizierstochter Ariana Lusia.

Sabella folgt nach Jahren in der Provinz ihrem Meister Andronicus an die Akademie von Puninum. Obwohl sie das nötige Alter erreicht hat, weigert sich ihr Lehrmeister, sie zur Prüfung zuzulassen und aus seinen Diensten zu entlassen. Eines Nachts führt Andronicus eine Beschwörung durch, bei der eine mysteriöse körperlose Dämonin – der Geflügelte Schatten – auf Sabella aufmerksam wird.

Band II: Schwarze Schwingen

Eines Nachts wird Cassus von Wudu aus dem Feldlager entführt. Flavius, der das Geheimnis ihrer Herkunft kennt, erpresst Lucia und befiehlt ihr, den Sohn des Horas zu retten.

Lucia, Rufus und ihre Legionäre verfolgen die Entführer bis zum Dorf der Wudu. Diese wollen Cassus ihrem finsteren Todesgott opfern, Cassus’ Leibmagierin vermag den Strategus allerdings zu retten. Dabei erscheint die Dämonin mit den Schwarzen Schwingen, der Geflügelte Schatten, den Andronicus in diese Welt rief.

Lucia, Rufus und Cassus gelingt die Flucht ins Feldlager. Dort lässt Flavius sie verhaften, um die Vorgänge zu vertuschen. Lucia bemerkt Veränderungen an Cassus und ahnt, dass die Dämonin ihn immer noch beeinflusst.

Flavius will Lucia und Rufus aus dem Weg schaffen, doch den beiden gelingt die Flucht. Dabei opfert sich Rufus für Lucia. Kurz darauf wird die dem Tode nahe Lucia von Sklavenjägern aufgefunden.

Valerius findet derweil eines Nachts Ariana von den Mussadin ermordet auf – vorgeblich als Rache dafür, dass sich Arianas Vater mit den Fünf Banden Bosparans einließ. Valerius brennt auf Vergeltung. Dank Tacitus wird er zu Abu’Keshal vorgelassen und tötet die Anführerin der Mussadin. Dabei erkennt Valerius, dass Umbra, sein Leibdiener, vor vierzehn Jahren bei der Flucht aus Bosparan ums Leben kam und seitdem nur noch in seiner Vorstellung existiert. Er erkennt zudem, dass Tacitus von Beginn an für den Procurator gearbeitet und Valerius manipuliert hat, um Abu’Keshal auszuschalten. Er ließ auch Ariana ermorden.

Valerius folgt Tacitus nach Bosparan. Unterwegs wird ihm bewusst, dass ihm nicht nur Umbra erscheint: Er sieht auch die verstorbene Ariana und ein kleines Mädchen mit dunklen Haaren.

Sabella erkennt, dass Andronicus den Geflügelten Schatten, die geheimnisvolle Dämonin, wiederholt beschworen hat und Sabella die Erinnerungen an diese Beschwörungen nahm. Sie kann einige dieser Erinnerungen wiederherstellen und entsinnt sich so auch wieder, dass sie einst einen Zwillingsbruder hatte.

Sabella entschließt sich, ihren Lehrmeister zu töten. Andronicus offenbart ihr dabei, dass Sabella schon als Kind eine dunkle Seite in sich trug. Sabella reist nach Bosparan, um dort endlich ihre Prüfung zur Magierin abzulegen.

Band III: Stadt der hundert Türme

Lucia wird von dem Lanisto Darius Macrinus erworben, dem Besitzer eines Ludus, einer Gladiatorenschule. Sie soll dort für Auftritte in der Arena von Belenas ausgebildet werden. Darius’ Ludus hat jedoch schon bessere Zeiten gesehen, zudem fehlt dem Lanisto ein Erbe, der in seine Fußstapfen tritt.

Lucia gibt jede Hoffnung auf, ihren Sohn in Bosparan noch retten zu können. Sie bewährt sich in einem ersten Kampf, legt den Eid der Gladiatoren ab und erhält den Arenanamen Furia. Zugleich beginnt Lucia Gefühle für die Lustsklavin Calera zu entwickeln.

Lucia macht sich durch ihren raschen Aufstieg bei den übrigen Gladiatoren unbeliebt, auch beim Primus des Ludus, dem Hjaldinger Rekker.

Auch dank der Erfolge von Lucia geht es mit dem Ludus wieder aufwärts. Darius vermählt sich nun mit Felicita Semesia, der Tochter des Rhesus Semesius Magnus, und bringt die Patriziertochter nach Belenas.

Valerius spürt Tacitus in Bosparan, der Stadt der hundert Türme, rasch auf. Er stellt aber schon bald fest, dass er ohne Unterstützung nicht weiterkommt, da Tacitus ständig von Leibwächtern umgeben ist. Auf der Suche nach Hilfe gerät er an Rufus, der überlebt hat, aber zu spät in Bosparan eingetroffen ist, um Lucias Familie zu retten. Rufus erklärt sich bereit, Valerius zu unterstützen. Er verhindert ein Attentat der Mussadin auf Valerius, die nach ihm suchen, um Rache für den Tod Abu’Keshals zu nehmen.

Valerius beschließt, Tacitus in eine Falle zu locken. Er etabliert sich unter dem Namen Hedonius Mundanus im Bosparaner Buchmachergeschäft, um Tacitus Konkurrenz zu machen. Valerius erwirbt ein Lupanar als Fassade für sein Unternehmen und richtet sein Augenmerk auf Tacitus’ skrupellose Vollstreckerin Amara, die auch schon Ariana tötete und ohne deren Unterstützung Tacitus angreifbar wird.

Sabella wird am Oktogon, der Magierakademie von Bosparan, vorstellig und weckt das Interesse von Magistra Arcavia Lucerna, der Lehrmeisterin für Nekromantie. Arcavia nimmt sie unter ihre Fittiche, damit sich Sabella auf die Examinatio, die Magierprüfung vorbereiten kann. Sabella begegnet auch Glaciana, der Cancellaria des Bosparanischen Reiches, Vorsteherin der Magiergilde und Leiterin der Akademie.

Um Sabellas Loyalität zu testen, lässt Arcavia sie in den Katakomben von Bosparan in eine Falle laufen. Dort wird sich Sabella erneut des Dunklen Verlangens bewusst, das in ihr lauert und ihr Drang zu morden wird stärker.

Arcavia offenbart Sabella, dass sie plant, Glaciana ihre Ämter abzunehmen und für die Nekromanten des Oktogons die Macht in der Gilde an sich zu reißen. Sabella stimmt widerwillig zu, sie zu unterstützen, um ihre Examinatio nicht aufs Spiel zu setzen.

Sie teilt schließlich einen verstörenden Traum mit Valerius und ahnt, dass ihr Bruder noch lebt. In dem Traum sieht sie auch das kleine Mädchen, das Valerius erscheint, und in dem dieser bereits seine vermeintlich verstorbene Schwester erkannt hat.

Kapitel 1

»Die Praetora muss keine Leiche unterm Bett verstecken«, gab Rufus zu bedenken. »Vielleicht gibt’s in Bosparan doch noch ein oder zwei ehrliche Beamte.«

Valerius ließ seine Augen durch die weitläufige, von mächtigen Säulen gestützte Eingangshalle der Curia wandern. »Ruf dir in Erinnerung, in welcher Stadt wir sind und wiederhole deine Worte danach noch einmal. Aber ohne zu lachen.«

Der Veteran schnaubte und hob den Arm, so als wolle er die Arme vor der Brust verschränken. Missmutig ließ er ihn wieder sinken.

Valerius musterte den ehemaligen Optio an seiner Seite, die breite Narbe, die sein schiefes Gesicht verunstaltete, die Hautbilder auf seinem Arm. Wie immer zog der breitschultrige, fast zwei Schritt aufragende einarmige Veteran die Blicke der Passanten auf sich. »Was ist nur mit dir?«

Rufus zuckte mit den Schultern. »Wenn ich nicht drüber nachdenke, kommt’s mir immer noch so vor, als hätt’ ich zwei.«

Valerius ließ erneut seinen Blick über die vorbeieilenden Menschen schweifen. Die Curia von Bosparan war fast ebenso gewaltig wie der Tempel des Götterfürsten Brajanos, dem sie auf dem Centrum Aventuricum gegenüberstand, so als wollten ihre Erbauer zeigen, dass die Stadtregierung den Göttern stolz die Stirn bot.

Zahllose Beamte der Stadt, angefangen bei den Aedilen und Curatores, über die Praetoren, die Urteile fällen konnten, bis hin zum Praefectus Urbis, dem Stadtpraefecten Bosparans, arbeiteten hier daran, dass in der Capitale des Reiches alle Zahnräder ineinandergriffen. Es war ein offenes Geheimnis, dass sich jedes dieser Räder nur zu gerne ölen ließ, um sich noch reibungsloser zu drehen. Praetora Selissa Sequana schien jedoch eine Ausnahme zu sein.

Rufus wies über die Menge hinweg. »Da.«

Valerius schaute auf. »Marius hatte recht – pünktlich wie der Brajanos-Gong.« Er wandte sich an seinen Begleiter. »Bist du bereit?«

Der Veteran verzog das Gesicht. »Du weißt, ich bin kein Schauspieler«, grollte er finster.

»Das hast du schon einmal behauptet und es lief ganz wunderbar. Denk einfach an dein Versprechen an deine Kameradin Lucia. Selissa hat die Arponier verurteilt. Wenn überhaupt jemand deine Fragen beantworten kann, dann sie. Warte nur, bis sie in der Mitte der Halle angekommen ist. Dort drüben, wo die meisten Menschen stehen.«

Rufus brummte eine unverständliche Erwiderung und machte sich auf den Weg. Er schlenderte der Praetora und ihren Begleitern entgegen.

Valerius schlug einen Bogen, bahnte sich einen Weg durch die Besucher und Beamten, die in die Halle hinein und aus ihr heraus eilten. Er behielt Selissa dabei im Auge und hätte Ariana so beinahe übersehen. Sie erwartete ihn mit verschränkten Armen. »Du vergeudest wertvolle Zeit.«

Valerius ignorierte die junge Frau, die nur er sehen und hören konnte.

***

Praetora Selissa war eine rüstige Frau Ende Fünfzig. Sie trug ihr graues Haar streng zurückgekämmt, besaß eine veritable Adlernase und trug eine strahlend weiße Toga. Sechs Leibwachen begleiteten sie und achteten darauf, dass keiner der Bittsteller ihr zu nahe kam.

»Wie soll uns das auf die Spur meines Mörders bringen?«, ereiferte sich Ariana.

»Tacitus kann auch noch ein oder zwei Tage warten«, wehrte Valerius ab, ohne den Blick von Selissa zu nehmen. »Rufus hat schon so viel für mich getan, da ist es nur richtig, wenn wir ihm ebenfalls einen Gefallen tun.«

»Du verlierst dein Ziel aus den Augen!«

Selissa Sequana setzte sich in Bewegung. Die Leibwächter bahnten ihr einen Weg durch die Menge.

Rufus näherte sich der Gruppe. »Praetora!«, rief der Veteran aus. »Praetora Selissa!«

Die Wachen hielten die Praetora zurück und stellten sich Rufus in den Weg. Hinter Selissa drängten weitere Passanten heran. Valerius tauchte in die Menge ein.

»Ich verlange, angehört zu werden«, rief Rufus aus. »Ich bin ein Veteran!«

Viele der Umstehenden verharrten und musterten ihn neugierig. Fünf der Leibwächter entschieden sich, den hünenhaften Störenfried gemeinsam anzugehen und versperrten ihm den Weg. Nur einer blieb an der Seite der Praetora.

Selissa musterte Rufus skeptisch. Ihre Toga besaß einen purpurnen Rand, ein Vorrecht der Beamten Bosparans. Sie hatte sich die Toga über die linke Schulter geworfen. Viele nutzten die Tasche, die dabei unter dem rechten Arm entstand, um darin Gegenstände aufzubewahren.

»Ich bin Veteran, ich will angehört werden!«, rief Rufus erneut aus. Alle Augen in der Halle richteten sich nun auf ihn.

Feqz, führe meine Hand!, bat Valerius in Gedanken. Er trat an die Praetora heran. Seine Finger glitten in Selissas Tasche. Er ignorierte das verlockende Gefühl eines prall gefüllten Geldbeutels, ertastete eine zusammengerollte Schriftrolle und stieß auf etwas festes, rundes. Er entschied sich und griff zu.

»Praetora!« Rufus stemmte sich gegen die Leibwächter. »Ich bin ein Veteran der Coverna!«

Valerius duckte sich und verschmolz wieder mit der Menge.

Selissa winkte. »Lasst ihn passieren, ich möchte wissen, was jener braver Legionär Bosparans zu sagen hat.«

Valerius kehrte zu dem Platz unter dem Fenster zurück, wo sie auf die Praetora gewartet hatten. Feqz hatte ganz offensichtlich Gefallen an seinem Kunstgriff gefunden. Er zog sein Diebesgut hervor: Ein Medaillon aus Elfenbein, dessen feine Schnitzerei Brajanos zeigte, den Götterfürsten und Herrn der Gesetze. Auf der Rückseite war eine Sonne eingraviert, umgeben von einem Segensspruch. Die Inschrift war sehr filigran – genauso gut hätte Valerius versuchen können, die Ameisen in einem Ameisenbau zu zählen. Die Buchstaben wimmelten durcheinander und wollten sich nicht zu Worten zusammenfügen.

Valerius wartete, bis sich die Menge auflöste und Selissa mit ihren Leibwächtern die Curia verließ.

Rufus gesellte sich zu ihm und atmete auf. »Sowas will ich nie wieder machen.«

»Wie hat sie reagiert?«, erkundigte sich Valerius amüsiert.

»Verständnisvoll«, stöhnte Rufus. »Wird sich für versehrte Veteranen einsetzen und so fort.«

Valerius lachte. »Wer weiß, vielleicht hast du sogar noch ein gutes Werk getan?«

Der Veteran musterte ihn finster. »Hat’s sich zumindest gelohnt?«

Valerius wies das Medaillon vor.

Rufus’ Stirn legte sich in Falten. »Lux Brajani te illumineat«, las er vor.

»Möge Brajanos’ Licht dich erleuchten«, murmelte Valerius.

»Ich wünschte, er würde es«, raunte Ariana ihm ins Ohr. »Damit du endlich den Weg siehst, der wirklich zu deinem Ziel führt.«

Rufus verzog das Gesicht. »Das ist alles?«

Valerius lächelte. »Das ist alles.«

»Kein Liebesbrief, kein Schlüssel für’n geheimes Versteck, kein Schuldschein?«

»Das waren lediglich Beispiele. Ich habe nicht behauptet, dass wir auch zwingend eines davon finden werden.«

Rufus wies auf das Medaillon. »Na, prima. Nun wissen wir, dass die Praetora gottesfürchtig ist und Brajanos ehrt. Gut für die, über die sie zu Gericht sitzt. Beweist uns, dass ich recht habe.«

»Ich bin mir da nicht so sicher«, murmelte Valerius. Er hielt den Anhänger ins Licht. »Vielleicht …« Er fuhr mit den Fingern über den Rand des Medaillons. Es kribbelte in seinen Fingerspitzen – wie in den Momenten, wenn er einem hartnäckigen Schloss gut zuredete. »Es ist mit bloßem Auge nicht zu erkennen, aber ich spüre einen Spalt.« Er klappte das Medaillon behutsam auf. Eine kleine Schnitzerei war darin verborgen, das Abbild eines lächelnden jungen Manns, der ein Gewand mit breitem Kragen trug.

»Ein heimlicher Geliebter?«, mutmaße Rufus hoffnungsvoll. »Steht da ein Name?«

»Kein Name.« Valerius schüttelte den Kopf. »Sieht er der Praetora nicht irgendwie ähnlich?«

Rufus zuckte mit den Schultern. »Mag sein.«

Valerius hielt das Bild ins Licht. »Ein Gänsesymbol, siehst du? Auf seinem Gewand.«

»Ein Sacerdos der Travina?«, mutmaßte Rufus. »Hat die Praetora denn Priester in der Verwandtschaft?«

Valerius schüttete den Kopf. »Nicht, soweit mir bekannt ist.« Er schloss das Medaillon wieder. »Hören wir uns im Tempel der Travina um.«

Sie verließen die Curia. Im Freien begrüßte sie ein warmer Frühlingsschauer. Valerius zog sich die Kapuze über den Kopf. Zügig überquerten sie das weite Rund des Centrum Aventuricum, in dessen Mitte sich der goldene Nullmeilensteinstein erhob. An dem belebten Platz trafen die fünf wichtigsten Verkehrswege des Reiches zusammen, die schon sprichwörtlich allesamt nach Bosparan führten: die Via Belena, die Via Yaquiria, die Via Cuslicum, die Via Yulagia und die Via Auria. Hier entsprang auch die kolossale Hochstraße, die zum Horatin und damit zur Horaszitadelle hinaufführte.

Valerius und Rufus tauchten in die überfüllten Straßen der Altstadt ein und folgten ihnen bis zum Forum des Arn-Horas, an dem sich der Tempel Travinas erhob, der Göttin des Herdfeuers, der Treue und der Familie. Reinweiße Säulen trugen ein Vordach, das sich rund um das große Bauwerk zog. Die Tempelwand dahinter war Orange bemalt, in der heiligen Farbe der Göttin.

»Wär’s nicht schön, wenn die Praetora ein Verhältnis mit einem Sacerdos der Travina hat?«, murmelte Rufus.

Zu Füßen der Tempelstufen hatte sich eine kleine Menschentraube gebildet, die den Worten eines beleibten Ausrufers lauschten. »Erfreuliche Nachrichten von des Horas’ Legionen, welche die Grenzen des stolzen Bosparanischen Reiches verteidigen!«, verkündete er mit weittragendem Bariton. »Die Strafexpedition der Großadmiralin Callinica Vatinian wurde von Erfolg gekrönt: Die heldenhafte Admiralin kehrte vor wenigen Tagen mit den Häuptern der feigen Nordlandbarbaren, die Grangor brandschatzten, zurück ins Reich und legte die Köpfe unserem weisen Vater zu Füßen! Der großmütige Horas Invictus überreichte Callinica als Zeichen der Anerkennung einen Adlerstab.« Der Ausrufer ließ seine Worte für einen Moment wirken, ehe er fortfuhr. »Gute Nachrichten erreichen uns auch aus der südnächsten Provinz des Reiches: Strategus Cassus Bosparanius sammelt derzeit seine Truppen für den entscheidenden Schlag gegen die ketzerischen Tulamiden des Sündenpfuhls Elem. Zur Verstärkung seines Vorhabens entsendet der weise Horas die Legio XIII Ferrata nach Meridiana. Möge Brajanos die Hand über den Strategus und unsere Legionäre halten!«

»Eins muss ich ihm lassen«, brummte Rufus. »Gibt nicht leicht auf.«

»Wer?«, hakte Valerius nach.

»Nicht wichtig.«

Valerius winke den Veteranen weiter. Sie stiegen die wenigen Stufen zu dem doppelten Säulengang hinauf, zwischen denen die heiligen Gänse der Travina frei herumliefen. Aus der Nähe erkannten sie, dass der Anstrich des Göttinnenhauses hier und da abblätterte.

Rufus wies auf einen ergrauten Sacerdos der Travina in orangefarbener Tunika, der am Hauptportal ein junges Ehepaar verabschiedete.

Valerius trat näher. »Travina mit dir, Sacerdos!«

»Travina auch mit euch.« Der Priester nickte ihnen lächelnd zu und rückte seine abgetragene Tunika zurecht. »Was führt euch zum Tempel der Heiligen Mutter, gute Herren?«

»Eine Frage.« Valerius zog das Medaillon hervor und klappte es auf. »Erkennst du diesen Mann?«

Der Sacerdos hielt die Schnitzerei ins Licht und musterte sie. »Wenn mich meine Augen nicht trügen, ist das Dolabellus. Zumindest, als er noch jünger war, wird er so ausgesehen haben.«

»Dolabellus?«, wiederholte Valerius. »Kein Familienname?«

»Glaubt mir«, erwiderte der Alte gütig lächelnd. »Er besitzt keinen Familiennamen.«

»Ist er ein Sacerdos?«

»Das ist er nicht.« Der Alte schmunzelte. »Er umsorgt die Gänse.«

»Die Gänse?«, warf Rufus ein.

»So ist es«, bestätigte der Priester. »Er füttert sie, pflegt sie.« Er zögerte. »Warum fragt ihr? Welches Interesse habt ihr an Dolabellus?«

»Hat er denn keine Familie?«, hakte Valerius nach.

Der Sacerdos schüttelte den Kopf. »Er hat nur uns.«

Valerius räusperte sich. Es behagte ihm nicht, den Alten zu belügen. »Aus Gründen der Diskretion muss ich dich darum bitten, keine weiteren Fragen zu stellen. Aber es besteht die Möglichkeit, dass eine lange verschollene Verwandte von Dolabellus auf der Suche nach ihm ist.«

Der Priester nickte langsam. »Ich verstehe. Das erklärt so einiges.«

»Tut es das?«

»Die Unterhaltszahlungen.« Der Alte lächelte. »Jemand zahlt jährlich und seit fast dreißig Jahren dafür, dass Dolabellus bei uns unterkommt. Ich wüsste wirklich gerne, welche großzügige Seele sich des armen Mannes angenommen hat, damit ich sie in meine Gebete einschließen kann. Ich hätte nur nicht erwartet, dass es sich um Verwandtschaft handelt.«

Valerius warf Rufus einen Blick zu. »Dürfen wir mit ihm sprechen?«

Der Sacerdos musterte ihn prüfend, dann gab er Valerius einen Wink. »Folgt mir.«

Er führte sie durch die Säulengänge und um den Tempel herum. »Dort, das ist er. Ich bin mir aber nicht sicher, ob euch ein Gespräch viel Nutzen bringt.«

Überrascht starrte Valerius den Mann an, der zwischen den Säulen hockte und den Gänsen Futter zuwarf. Dolabellus war deutlich über fünfzig, sehr viel älter als auf seiner Abbildung. Er trug eine einfache, fleckige orangefarbene Tunika. Ein Narbengeflecht bedeckte sein Gesicht bis hinab zu seinem Hals und seinem rechten Arm. Nur wenige Haarsträhnen wuchsen auf seinem Kopf. Er beobachtete mit einem seeligen Gesichtsausdruck die schnatternden Vögel. Er besaß die markante Nase der Sequaner.

»Das ist Dolabellus?«, erkundigte sich Valerius bei dem Sacerdos.

»Das ist er. Er kam mit einem Brief ohne Unterschrift und einem Beutel Münzen zu uns. Das Schreiben war nicht von ihm. Der Verfasser bat uns darin, ihn aufzunehmen.« Er zögerte. »Ihr seid tatsächlich im Auftrag seines Gönners hier?«

»Wie ich schon sagte, kann ich dazu leider nichts sagen.« Valerius wandte sich an den Priester. »Du hast uns sehr geholfen. Ich danke dir, Sacerdos.« Er zog einen goldenen Aureal hervor. »Für eure Armenküche.«

Er wartete nicht auf eine Antwort und verließ gemeinsam mit Rufus den Säulengang.

»Was hat all das zu bedeuten?«, erkundigte sich der Veteran.

»Ich vermag es noch nicht zu sagen«, gab Valerius zu. »Wenn wir nun jedoch die Karten, die Feqz uns zugeteilt hat, in der richtigen Folge ausspielen, wird es uns noch dienlich sein.«

***

Die Tür des Amtszimmers flog auf und Praetora Selissa eilte festen Schritts herein. Ihr Blick fiel auf Valerius und sie verharrte abrupt. »Wer bist du?« Sie wandte sich um und bemerkte nun auch Rufus, der sich vor die Tür stellte. »Wie seid ihr hier hereingekommen?« Sie zögerte. »Der Veteran von heute Mittag. Aus der Coverna?«

»Bitte ruf nicht deine Wachen, Praetora«, bat Valerius. »Wir sind nicht hier, um dir zu schaden. Lediglich, um mit dir zu sprechen. Dir droht keine Gefahr von uns.«

Selissa warf ihm einen spöttischen Blick zu. »Wenn ihr ein Gespräch sucht, vereinbart einen Termin mit meinem Secretarius.« Sie wies zur Tür. »Geht nun, oder ich werfe euch eigenhändig aus der Curia!«

Valerius lächelte. Die Beamtin imponierte ihm und selbst Rufus hob anerkennend die Augenbrauen. »Du kannst das Thema frei wählen, Praetora: Wir können entweder über den Grund unseres Eindringens sprechen oder über Dolabellus.«

Selissa starrte ihn einen Moment lang ungerührt an. Dann verhärteten sich ihre Gesichtszüge. Sie ließ sich hinter ihrem Schreibtisch nieder. »Ich habe euresgleichen schon oft genug gesagt, dass ihr es nicht übertreiben sollt. Auch meine Geduld kennt Grenzen. Drängt mich besser nicht an die Wand!«

»Du zahlst seit nahezu dreißig Jahren für ihn«, stellte Valerius ungerührt fest und trat vor ihren Schreibtisch. »Es scheint mir nicht so, als hättest du Interesse daran, dass sein Aufenthaltsort bekannt wird.«

Die Praetora musterte ihn finster. »Bist du nicht etwas zu jung, um einer Praetora Bosparans zu drohen?«

»So jung wie es Dolabellus damals war?«

»Überspanne den Bogen nicht! Das kannst du auch gerne so an den Procurator weitergeben, oder wer auch immer euch zwei geschickt hat.«

Valerius warf Rufus einen warnenden Blick zu. »Es spielt keine Rolle, wer uns geschickt hat. Wir sind hier, um mit dir über die Arponier zu sprechen.«

Die Beamtin musterte ihn ehrlich überrascht. »Die Arponier?«

»Warum wies man dich an, Anklage gegen sie zu erheben?«, bohrte Valerius nach. »Welches Interesse hatte der Horas daran?«

»Welches Interesse?«, wiederholte Selissa. »Sein Interesse bestand darin, Verräter ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Er hätte jedes Recht gehabt, Fastidia umgehend wegen Hochverrats hinrichten zu lassen. Der Horas und Heliodan achtet jedoch Brajanos’ Gebote und gestand einer angeklagten Comes zu, sich vor dem Antlitz des Götterfürsten zu verteidigen.«

»Ist das der einzige Grund? Verrat?« Valerius beugte sich vor. »Comites verfügen über Ländereien, Besitz, über beachtliche Vermögen. Besitztümer, die der Krone zufallen, wenn eine edle Familie geächtet wird.«

Rufus hob die Hand. »Warte, deswegen sind wir nicht …«

»Was willst du damit andeuten?«, unterbrach ihn die Praetora. »Fastidia verriet den Horas und das Reich. Ihre Schuld war erwiesen.«

»Wodurch?«

»Durch ein umfassendes Schuldeingeständnis, nachdem Fastidia mit ihrem Vergehen konfrontiert wurde.«

Valerius schüttelte den Kopf. »Ein Eingeständnis? Unter Folter und Drohungen?«

»Warum diskutieren wir über die Begleitumstände der Anklage?«, hakte Selissa nach. »Welches Interesse hegt dein Auftraggeber an den Arponiern?«

»Mein Interesse gilt der Wahrheit«, erwiderte Valerius harsch. Ärger stieg in ihm auf, ein bitterer Geschmack sammelte sich in seinem Mund. Beamte wie Selissa hatten damals sicher auch dem Massaker an seiner Familie einen legalen Anstrich gegeben. Sofern der Horas seinem Vater überhaupt eine Verhandlung zugestanden hatte.

»Lass mich dir die Wahrheit über die Arponier berichten«, bot Selissa an. »Trage es so zu deinem Auftraggeber.«

Rufus trat vor. Valerius hielt ihn mit einer Handbewegung zurück. »Ich höre zu.«

»Die Arponier entgingen bereits vor einigen Jahren einer Verurteilung«, fuhr die Praetora fort. »Damals waren sie noch Clientes eines Comes, der ebenfalls wegen Verrats hingerichtet wurde. Fastidia wandte sich zu dieser Zeit gegen ihren Patronus, lieferte der Sonnenlegion sogar freiwillig dessen Tochter aus.«

Valerius schaute auf. »Wer war ihr Patronus?«

»Capitus, das Oberhaupt der Castesier.«

Er erschrak. Vater. »Sie tat es freiwillig?«, wiederholte Valerius entsetzt. Livia – die Praetora sprach von seiner ältesten Schwester Livia. Die Mutter von Rufus’ Kameradin hatte seine Schwester auf dem Gewissen!

»Rede weiter!«, mischte sich Rufus ein. »Was weißt du noch über die Arponier?«

Selissa ignorierte ihn und musterte Valerius streng. »Du scheinst mir zu jung zu sein, um dies alles mitbekommen zu haben. Die Castesier gehörten zu einer Gruppe von Comites, die sich bereits kurz nach der Krönung gegen den Adlerthron stellten, doch Brajanos’ Gerechtigkeit fand sie alle. Seitdem dient der Name der Castesier als Warnung an alle, die sich gegen die göttliche Ordnung stellen. Das Resultat sind nun siebzehn Jahre ohne Umsturz, Thronfolgekrieg oder einen in seinem Bade ermordeten Horas. So etwas hat Bosparan schon lange nicht mehr gesehen.«

Valerius hörte gar nicht mehr zu. Die Arponier hatten seine Familie hintergangen und verraten, anstatt ihnen zur Seite zu stehen, anstatt sie zu unterstützen – gerade, als ihr Patron sie am dringendsten gebraucht hatte! Sie trugen Mitschuld am Leid seiner Familie. An seinem Leid. Am Tod von Bella, am Tod von Livia und dem all seiner Geschwister.

Rufus schüttelte energisch den Kopf. »In der Nacht, als die Sonnenlegion kam, sind zwei Menschen aus dem Haus der Arponier entkommen. Wer?«

Selissa schmunzelte. »Ich hielt mich in dieser Nacht nicht in der Nähe des Anwesens auf.«

»Hast doch sicher die Verurteilten befragt.« Rufus starrte die Richterin drohend an. »Wer ist der Sonnenlegion durchs Netz geschlüpft?«

Die Praetora zögerte. »Warum sollte ich dir antworten?«

Valerius atmete tief durch. »Wegen deines Bruders, wegen deines guten Rufs«, schlug er vor. »Beantworte die Frage!«

Selissa rang mit sich. »Eine Sklavin soll entkommen sein, eine Amme, mit Fastidias Enkel. Zumindest wurden die beiden nicht aufgefunden.«

»Ihre Namen?«, drängte Rufus.

»Der Name des Jungen lautet Lucius. Er ist Fastidias Enkelkind. Der Name der Amme lautet«, Selissa überlegte kurz, »Rumira oder Rumina?«

Rufus’ Augen weiteten sich. »Er lebt«, stieß er hervor. »Wo sind sie hin?«

Selissa zuckte mit den Schultern. »Die Sonnenlegion durchkämmte ganz Alt-Bosparan. Ein Zeuge wollte eine Frau und ein Kind passenden Alters in jener Nacht auf der Via Aventis zwischen Calceus und Haldurias gesehen haben. Aus diesem Grunde klopfte die Legion sogar in Haldurias an etliche Türen – jedoch vergeblich. Wenn ihr mich fragt, befinden sie sich bereits in Rommilys oder Drôl.«

Rufus nickte. »Danke.« Er gab Valerius einen Wink. »Gehen wir.«

Valerius zögerte. Er hatte noch so viele Fragen.

Rufus fasste ihn am Arm. »Lass uns gehen! Sind schon viel zu lange hier.«

»Wartet!«, rief Selissa. Sie schloss kurz die Augen. »Lasst meinen Bruder in Frieden, hört ihr?«

Valerius und Rufus warfen sich einen Blick zu.

»Er wusste es nicht besser«, beharrte die Praetora. Nun schlich sich doch noch eine Spur Verzweiflung in ihre Stimme. »Dolabellus hatte immer schon eine …«, sie rang mit sich, »eine Zuneigung zu Feuer, schon als Kind. Es lag ihm fern, jemanden zu töten. Er würde nicht einmal verstehen, was man ihm vorwirft, wenn bekannt wird, dass er noch lebt. Da, wo er jetzt ist, kann er niemandem mehr schaden. Er sollte die Jahre, die ihm noch bleiben, in Frieden leben dürfen. Ich bitte euch, lasst von Dolabellus ab!«

Valerius zögerte. »Vergiss, dass wir hier waren, Praetora, und wir vergessen deinen Bruder.«

Die Beamtin starrte ihn einen langen Moment lang an. Dann nickte sie.

Valerius und Rufus verließen die Curia wieder. »Die rechtschaffenste Richterin der Stadt ist doch nicht so rechtschaffen wie wir dachten«, murmelte der Veteran. »Wir leben also immer noch in Bosparan und sind nicht allesamt in Brajanos’ Paradiese eingezogen.«

»Was sie getan hat, tat sie, um ihren Bruder zu schützen, ihre Familie«, widersprach Valerius leise. »Seit dreißig Jahren lebt sie schon damit. Würdest du nicht dasselbe tun?«

Rufus zuckte mit den Schultern. »Auf die Gefahr hin, mich selbst ins Unglück zu stürzen?«

»Du tust auch alles, was nötig ist, um den Sohn deiner Kameradin zu finden«, wandte Valerius ein.

»Wie dem auch sei, wir wissen nun, wohin sie damals geflohen sind.«

»Haldurias ist groß«, gab Valerius zu bedenken. »Ein wahres Labyrinth.«

»Nicht für Menschen, die dort aufgewachsen sind.«

Valerius warf dem Veteranen einen Seitenblick zu, schwieg aber. Sie waren auf der Suche nach Mitgliedern einer Familie, die seine eigene verraten hatte. Mit einem Mal hatte er Zweifel daran, ob er Rufus’ Vorhaben immer noch gutheißen konnte.

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