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An der Heimatfront

An der Heimatfront

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An der Heimatfront

Länge:
338 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 1, 2020
ISBN:
9781071533116
Format:
Buch

Beschreibung

An der Heimatfront bietet eine überzeugende und umfassende Darstellung des Alltagslebens in Deutschland während des zweiten Weltkrieges und zeigt auf, wie die Bevölkerung während dieser beispiellosen Notlage versucht hat, Normalität zu finden. Dieses Buch stützt sich auf eine Vielzahl von Quellen und berichtet von weltlichen bis hin zu bedeutsamen Themen wie dem Umgang mit der Rationierung, Kriminalität, Reisebeschränkungen, Bombenangriffen und der Schwankung der Zivilmoral, als sich der Krieg rasch gegen die Nazis richtet. Die offiziellen Zeitungen jener Jahre - darunter Das Reich, Völkischer Beobachter und Der Angriff – zeigen auf, wie und was die Öffentlichkeit von den Erfolgen und Misserfolgen ihrer Nation im Krieg erfuhr. Neben den umfangreichen Archiven deutscher Zeitungen, Polizeiberichten und Tagebüchern aus der Öffentlichkeit und der Politik tragen Periodenreden, private unveröffentlichte Briefe, Sendungen, Wochenschauen und Zeugenaussagen dazu bei, ein Bild vom täglichen Leben im nationalsozialistischen Deutschland zu zeichnen. Von der Reaktion auf die dramatischen Ereignisse an der Ostfront bis zu den häuslichen Schwierigkeiten beim Kochen mit synthetischen Lebensmitteln ist das Leben an der deutschen Heimatfront reichhaltig dokumentiert.

Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 1, 2020
ISBN:
9781071533116
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

An der Heimatfront - Nathan Morley

An der Heimatfront

Über das Leben in Deutschland während des zweiten Weltkriegs

––––––––

See the source image

Nathan Morley

Erstausgabe Großbritannien 2019

2. Ausgabe erschienen Mai 2019.

Diese Ausgabe wurde von Amazon veröffentlicht und ist ausserdem weltweit aus Kindle Ausgabe über den Amazon Shop erhältlich.

––––––––

© Copyright 2019 Nathan Morley

Alle Rechte vorbehalten

Das Recht von Nathan Morley, als Urheber dieser Arbeit identifiziert zu werden, wurde von ihm in Übereinstimmung mit dem Copyright, Designs and Patents Act 1988 geltend gemacht.

iNHALT

dANKSAGUNGEN

EINLEITUNG

KAPITEL 1 – 1939 – 5

kAPITEL 2 – 1940 – 27

KAPITEL 3 – 1941 – 81

KAPITEL 4  - 1942 – 109

kAPITEL 5 – 1943 – 131

KAPITEL 6 – 1944 – 185

KAPITEL 7 – 1945 – 205

KAPITEL 8 – NACHWIRKUNGEN -229

DANKSAGUNGEN

Die große Menge an Informationen, die zur Erstellung dieses Buches zusammengetragen wurden, könnte mit Sicherheit eine ganze Bibliothek füllen. und ich möchte mich auf diesem Wege bei den vielen Menschen bedanken, die mir mit ihrem Fachwissen und Rat und Tat zur Seite gestanden haben.

Die historische Ecke der Zeitungsabteilung im herrlichen Westhafen in Berlin bot eine einzigartige Quelle zu originalen und seltenen Zeitungsartikeln – sowie Zugang zum Völkischer Beobachter und Der Angriff – die für diese Arbeit von größer Bedeutung waren. Die Staatsbibliothek zu Berlin am Potsdamer Platz, und die Archive in der Friedrichstrasse waren ebenfalls wichtige für meine Recherchen. Ganz besonderer Dank gilt jedoch den Mitarbeitern der British Library Newspaper Archives in London, und den Mitarbeitern des Imperial War Museum und der National Library. Fachkundige Hilfe zu verschiedenen Themen wurde durch das Kölnisches Stadtmuseum, und die Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, sowie Die Gedenkstätte für Zwangsarbeit in Leipzig geleistet.

Des Weiteren haben sich die Mitarbeiter der Bibliothek in der Topographie des Terrors, in der eine einzigartige Sammlung von Aufzeichnungen bezüglich des Staatssicherheitsapparates und zu den Kriegsjahren Berlins aufbewahrt werden, stets entgegenkommend bewiesen. Ich bedanke mich auch bei dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), der mir Einlass zum Haus des Rundfunks gewährte, und hier insbesondere für die Freiheit zu erkunden, woher die populären Unterhaltungs- und Nachrichtensendungen während des Dritten Reiches stammten. Die gleiche Höflichkeit und wertvolle Hilfe wurde mir freundlicherweise vom Personal des Norddeutschen Rundfunks (NDR) in Hamburg zusammen mit der Hilfe des deutschen Film- und Fernseharchivs und den Mitarbeitern des deutschen Film und Fernseharchivs der UFA Filmstudios in Babelsberg zur Verfügung gestellt. 

Mein Vater, Bernard Morley, hat alles getan um mich bei meinem Projekt zu unterstützen, ohne auch nur einen Gedanken an eine Gegenleistung zu verschwenden

EINLEITUNG

DIE Erinnerungen an den Krieg – wenn inzwischen auch verschwommen – hängen weiterhin über Deutschlands Köpfen. Wenn Sie heute durch Berlin spazieren, finden sie immer noch hunderte von Gebäuden die weiterhin Bombenschäden aufweisen, zusammen mit kleinen Messingschildern [Stolpersteine], die an die Namen und Adressen von tausenden von Deportierten erinnern, die aus ihren Häusern geholt und einem grausamen Schicksal zugeführt wurden. 

Unser Blick fällt dabei auf die langsam voran gehenden Rentner –fünfundachtzig oder älter – die sich in den umliegenden Cafés, Ladengeschäften und Wochenmärkten aufhalten, die letzten Zeitzeugen des größten Konfliktes den die Welt je erlebt hat.

Soweit wie eben möglich wurde dieses Buch chronologisch gehalten und findet seine Anfänge gegen Ende des Jahres 1939. Obwohl diese Buch nicht eine ausführliche Studie darstellt, habe ich jedoch versucht die Ereignisse an der Heimatfront mit allen seinen Höhen und Tiefen widerzuspiegeln. Das Leben, so wie es sich damals den Soldaten, Ehefrauen, Parteiführern, Kindern, Gefangenen, Zwangsarbeiter und Journalisten präsentierte.

Innerhalb von nur vierzehn Jahren konnten die Nationalsozialisten, die als Gruppe unzufriedener Fanatiker in Bayern ihre Anfänge gefunden hatten, eine riesige politische Maschinerie aufbauen und sich zum alleinigen Instrument des Staates entwickeln. Sie lösten die parlamentarische Demokratie auf und bauten die brutalste Diktatur aller Zeiten auf.

Bereits bis zum Ausbruch des Krieges waren sie in alle Phasen des sozialen und individuellen Lebens des Landes eingedrungen. Mit dem Krieg dann erlitt die deutsche Familie einen Schlag nach dem anderen, die Mobilisierung zur Arbeit, Kämpfe, Rationierung in allen Bereichen des täglichen Lebens, sowie einen entsetzlichen Rückgang des Lebensqualität und der Gesundheit. Und es kam noch schlimmer, die Bestürzung über die intensive Bombardierung von Städten, wobei die Zerstörung von Häusern und persönlichem Eigentum das Muster des totalitären Krieges abrundete. Zu Beginn des Konflikts wurden Kinder evakuiert, Ehemänner eingezogen und Familien vollständig zerrissen.

Frauen fürchteten sich vor Opfern, zu Hause und an der Front. Soldaten fürchteten sich um ihre Familien, junge Frauen fürchteten sich vor einer Zukunft als Witwe oder gar als alleinstehende Frau.

Die Nazis versuchten den Schwierigkeiten an der Heimatfront soweit wie möglich vorzubeugen, aber als der Krieg weiter voranschritt, und sich seine enormen Auswirkungen auf das deutsche Volk weiter verbreiteten, verschlechterte sich das Leben zu einem Ausmaß, dem der Staat nicht mehr Herr werden konnte.

Nachfolgend ist also die Geschichte über Hitlers Heimatfront.

Kapitel 1 - 1939

LORE WALD, eine Studentin aus Alzey, südwestlich von Mainz, erinnert sich sehr gut an jenen Freitag, den 1. September 1939. Den Tag an dem Deutschland das ´Richtige´ tat. Sie hat es nicht vergessen, wie sie an jenem Tag in der heimischen Küche fieberhaft den Radioberichten folgte, die über die Geschehnisse an der polnischen Grenze berichteten. Lore war damals zwanzig Jahre alt, mit blondem Haar und himmelblauen Augen. Sie sog jede Sekunde der Reportage tief in sich ein. Die Reportage, wie Hitlers Truppen über die Grenze rollten.. ‘Poland hat selber schuld,’ schrieb sie in ihr Tagebuch. ‘Genauso wie im letzten Jahr die Tschechen, müssen auch in Polen die Deutschen unter der Hand des polnischen Terrors leiden’. Lore geißelte Polen für Angriffe gegen die Deutschen, die laut dem in den Nazi-Zeitungen veröffentlichtem Melodrama von Sabre, Misshandlungen, Folter und Mord beinhalteten:

Jeden Tag müssen wir uns durch unsere Nachrichtendienste weitere Schandtaten der Polen anhören. Und an den Grenzen werden die Armeen [Deutschen] immer mehr maltraktiert. [1]

Nach sorgfältiger Überlegung kam Lore zu dem Entschluss dass die Invasion ein edler Kampf gegen die polnische Aggression war. Und sie war nicht die einzige die dachte dass es sich hier um einen Angriff auf Deutschland handelte. Es war eine weit verbreitete Meinung. Die Bevölkerung war angehalten zu glauben, dass es sich hier um eine ‘Verteidigunsaktion’ handelte, eine Vergeltungsaktion darauf das polnische Soldaten den Sender Gliwice angegriffen hatten. Die Wahrheit war jedoch eine andere. SS Soldaten, in polnische Uniformen gekleidet, hatten den ganzen Vorfall vorgetäuscht.

Noch bevor der Tag vorüber war, hatten sowohl Frankreich als auch Grossbritannien den Rückzug aller deutschen Truppen von polnischem Boden gefordert und hatten dafür ein Ultimatum von 48 Stunden gestellt. Ein unbeirrter Hitler jedoch, der sich in seinem Erfolg sonnte, ließ dieses Ultimatum verstreichen, unbewusst der Tatsache, dass die Ereignisse bald völlig ausser Kontrolle geraten würden. 

Durch die zahlreichen Medienberichte, die über diese Tumult reichen Tage berichteten, lernte die Welt ein neues Wort: Blitzkrieg – der neue moderne Terror. Zu seinem Höhepunkt und mit Wenig dass sich ihnen entgegenstellte, pflügten die deutschen Truppen durch das polnische Land und eliminierten alles was ihnen entgegen kam.  Die ganze Angelegenheit ging unheimlich schnell von statten, fast so als würden die Uhrzeiger sich viel zu schnell drehen.

Obwohl Hitler nur 1.75 m groß war, für Lore war er spürbar gigantisch. Sie hatte bereits von anderen gehört, dass die Menschen, die ihn getroffen hatten, sich durch seinen Blick und seine brillante Erscheinung in seinen Bann gezogen fühlten. Er war höflich, genügsam und er hörte zu. Frauen fanden ihn unwiderstehlich und der Führer der Luftwaffe, Herman Göring nannte ihn anlässlich Hitlers 50zigsten Geburtstages ‘den größten Deutschen aller Zeiten’. Propaganda Minister Dr. Joseph Goebbels’ hatte zur Feier des Tages die gesamtdeutsche Beflaggung angeordnet. Flaggen hingen von Laternenpfeilern, Dächern und Dachrinnen, Postkästen, Telefonmasten, Mansardenfenstern, Dächern, Balkonen und Hoteleingängen. Der Minister von Manschuko zu Berlin bot seine eigene rührende Hommage an, indem er Konfuzius zitierte: ‘Mit vierzig hört ein Mann auf Fehler zu machen, mit fünfzig dann hört er die Stimme des Himmels.’ Die Nazi Partei selber hatte sich auch nicht lumpen lassen. Sie hatten keine Kosten gespart und Hitler als Geburtstagsgeschenk eine Sammlung von fünfzig Briefen präsentiert, die von Friedrich dem Großen, Preußens berühmten König verfasst worden waren. Der britische Automobil Korrespondent WA Gibson Martin war während dieser Geburtstagsfeierlichkeiten in Berlin und fand die schiere Größe der Veranstaltung erstaunlich:

... Es war eine sehr interessante Erfahrung, eine verkehrsfreie Route zu erleben, die es mir ermöglichte, die militärische Prozession zu umgehen und meinen legitimen Geschäften nachzugehen. Ich hatte keine Schwierigkeiten, vor oder hinter der Prozession vorbeizukommen, die sich über einige Meilen erstreckte und fünf Stunden brauchte, um die Salutbasis zu passieren. Die Hauptstraße Unter den Linden und ihre Zufahrtsstraßen waren für mehr als sechs Stunden lang für den Verkehr jeglicher Art gesperrt, dennoch konnte ich mehrere Orte nördlich und südlich der Prozessionsstraße besuchen, die von Osten nach Westen verlief. und konnte trotzdem ins Adlon Hotel zurückkehren und Herrn Hitler am Piccadilly von Berlin vorbeifahren sehen!

Nie wieder nach Adolf Hitler wurde einem anderen deutschen Staatsoberhaupt eine solche Ehre erwiesen.[2]

Die Zerstückelung Polens ging zügig voran. Bereits an darauffolgenden Samstag, 24 Stunden nach der Invasion, hielt Hitler die militärischen Berichte wenige Zentimeter von seiner Nase entfernt und blätterte mit einer Geschwindigkeit von zwei Minuten durch die Seiten. Die Dokumente, die aufgrund seines schlechten Sehvermögens in großer Schrift vorgelegt wurden, zeigten, dass fast alle polnischen Flughäfen und Kampfflugzeuge zerstört wurden, als die polnische Verteidigung zusammenbrach. Die Nachrichten waren so gut, dass der Führer einen Kurzbesuch an der Front für eine gute Idee hielt. Am darauffolgenden sonnigen Herbstmorgen, Sonntag, dem 3. September um 12:15 Uhr Berliner Zeit verdunkelte sich die Stimmung jedoch schnell, als der britische Premierminister Neville Chamberlain, der sein Versprechen, an der Seite Polens zu stehen, einhielt, ein atemberaubende Mitteilung machte:

Der britische Botschafter in Berlin hat der Regierung des deutschen Reiches heute Morgen eine endgültige Note zugestellt, die besagt, dass, wenn wir nicht bis 11 Uhr von ihnen die Bestätigung erhalten haben, dass sie bereit sind, ihre Truppen aus Polen abzuziehen, wir uns mit dem deutschen Reich im Kriegszustand befinden werden. Ich muss Ihnen jetzt sagen, dass keine solche Verpflichtung eingegangen ist und dass sich dieses Land jetzt folglich im Krieg mit Deutschland befindet.

Berlin hatte bereits im Juli einen Massenexodus von britischen Touristen und Geschäftsleuten erlebt.  Am 25.August hatten die britischen Konsularbeamten in Berlin aus London die Anweisung erhalten, den britischen Staatsbürgern in Deutschland die Ausreise nahezulegen. Die folgende Bekanntmachung, unterzeichnet von dem damaligen britischen Botschafter Neville Henderson, wurde an dem Tor der britischen Botschaft in der Wilhelmstraße ausgehängt.

Angesichts der angespannten Beziehungen zwischen der Regierung seiner Majestät und der deutschen Regierung würde ich vorschlagen, dass Sie dringend in Erwägung ziehen, Ihren Wohnsitz vorerst aus diesem Land zu verlegen. Alle Maßnahmen, die Sie aufgrund dieser Mitteilung treffen, müssen selbstverständlich auf Ihre eigene Verantwortung hin getroffen werden.

Die Shell Oil, British-American Tobacco, Guardian Assurance, Oceanic Steam Navigation, Dunlop, Cunard White Star, Kodak, Columbia Gramophone, British Metal Corporation, Anglo-Persian Oil und die Anglo-Argentine Cold Storage waren nur einige von vielen britischen Unternehmen die aus Angst vor einem drohenden Krieg das Land verließen. Die letzten britischen Journalisten packten Ende August ihre Koffer und begaben sich nach Kopenhagen.  

Bis zu diesem Zeitpunkt war es Hitler gelungen, einen größeren Konflikt durch eine Kombination aus Glück und spritziger, wenn auch mangelhafter Diplomatie zu vermeiden. An jenem Sonntagmorgen, als Chamberlain seine Ansprache hielt, hörte auch Ludwig Sager, ein 53jähriger Lehrer aus Neuhaus, einer kleinen Stadt nahe der holländischen Grenze, diese Worte. Er verstand sofort den Ernst der Lage. Nachdem er 10 Minuten lang ungläubig auf seinen Volksempfänger gestarrt hatte, setzt er seine Lesebrille auf und tauchte seine Federspitze in die Tinte ein: ‘Die Mitbürger sind ruhig und gesammelt,’ schrieb er. ‘Die Mütter machen sich Sorgen um ihre Söhne an der Front’. Im Laufe des Tages jedoch wurde er Zeuge wie einige Arbeiter die Sonntagsruhe störten und in aller Eile in einem benachbarten Keller eine Luftschutzunterkunft zusammen zimmerten. Zur gleichen Zeit berichtet in Berlin ein amerikanischer Journalist von einer Stimmung die weder  ‘Bitterkeit noch Begeisterung’ an den Tag legte. Es fanden weder vor der britischen noch der französischen Botschaft Demonstrationen statt, und entgegen der Stimmungslage beim Ausbruch des ersten Weltkrieges, wo die Bevölkerung jubiliert hatte, mussten die Wachposten diesmal nicht für Ordnung sorgen.  Diese gedämpfte Reaktion spiegelte laut den Nationalsozialisten die „geistige Reife" wider, die unter nationalsozialistischer Führung erreicht worden war:

Das deutsche Volk war sich der Ernsthaftigkeit des Krieges und der schweren Opfer, die es fordern würde, vollkommen bewusst. Dies erklärt die Gelassenheit und Würde, mit der sie einen Kampf betrachten, der Deutschland aufgezwungen wurde...[3]

Der Tag, an dem der Krieg erklärt wurde, verlief jedoch in Berlin nicht ganz ohne Vorkommnisse ab.  Gegen 7 Uhr abends kam es zu einer leichten Aufregung als plötzlich die Luftschutzsirenen heulten. Die Stadt hatte sich bereits mit Verdunkelungen und massiven Suchscheinwerfern auf das unvermeidliche vorbereitet. Diesen Abend forderten Polizisten auf Fahrrädern mit ihren Trillerpfeifen die Einwohner auf Schutz zu suchen.[4] Die jüdische Jugendliche Inge Deutschkron war sich sicher, dass der Luftalarm inszeniert worden war, um die Bevölkerung in ‘Kriegsstimmung’ zu versetzen.[5] Wenige Minuten nach dem Heulen der Sirenen begab sie sich zum ersten Mal in den Luftschutzkeller ihres Wohnhauses – ein überaus unangenehmes Erlebnis:  

Die Menschen saßen auf ihren Plätzen und lauschten der unheimlichen Stille und fingen dann im Flüsterton über den Luftalarm zu spekulieren..

Draussen war totenstille. Der Luftschutz Wächter, in seiner neuen grauen Uniform, hakte alle Anwohner auf seiner Liste ab, und war sich dabei seiner Wichtigkeit durchaus bewusst. (...) Uns Juden wies er einen Platz in der äußersten Ecke des Keller zu, und so saßen wir dort in aller Stille und trauten uns nicht unseren ‘Arischen’ Mitbewohnern in die Augen zu schauen. Nach etwa 30 Minuten totaler Stille gab er Entwarnung, und wir warteten respektvoll bis alle ‘Arier’ den Keller verlassen hatten.[6]

Diese Nacht waren keine Bomben auf Berlin gefallen. Inge beschloss noch ein bisschen frische Luft zu genießen und spazierte durch ein vollkommen verdunkeltes Berlin, wo die ‘gesetzestreuen Bürger Drohungen gegen die Wohnungsinhaber ausstießen, wo auch nur der kleinste Lichtstrahl durch die Fenster schien:

Hunderte von Einheimischen suchten Berlin ohne die bekannten Leuchtreklamen, wie der lodernde Sarotti-Mohr und das Deinhard-Sektglas, auf. Was für ein Bild! Der Mond und die Sterne beherrschten die nächtliche Szene. Die Gedächtniskirche, damals das hässlichste Wahrzeichen im Westen Berlins, sah im Mondlicht fast schön aus.

Ein Tourist, der den Abend am Alexanderplatz verbracht hatte, verglich die Stadt mit einer „verlorenen Stadt am Grund des Meeres". Für die Arbeiter wurde das Verdunkelungsverbot sofort zum Albtraum. Ein Hausmeister in einem Finanzamt im Berliner Vorort Wilmersdorf reagierte entsetzt, als er jede Nacht 95 Fenster abdecken musste, eine Aufgabe, die die Begeisterung über die neue Situation schnell zum Erliegen brachte.

Am Morgen nach Erklärung des Krieges reagierte der Völkische Beobachter, das oberste Organ der NSDAP, am lautesten auf die neue Situation. Über die ganze Titelseite hinweg wurde erklärt, dass der Führer nicht für den Krieg verantwortlich sei, weil England der skrupellose Störenfried sei. Die gesamte deutsche Presse widmete einen Großteil ihrer Zeilen damit, die Unschuld von Hitlers Regierung zu beteuern. Die diplomatische Korrespondenz des Auswärtigen Amtes erklärte: „In den Augen des deutschen Volkes ist Großbritannien der Aggressor. Großbritannien hat deutlich genug gemacht, dass es sich nicht um Probleme im Osten handelt, weder um Danzig noch um Polen, sondern darum, alles zu zerstören, was Deutschland wieder ´groß´ gemacht hat."

In den folgenden Tagen wurde die Nation zu einer riesigen militärischen und wirtschaftlichen Maschine geformt und gehämmert. Minister und Leiter anderer Abteilungen begannen eine Flut von Verordnungen, Richtlinien und Anordnungen zu erlassen, wie z.B. das ökonomische Kriegsdekret, mit dem Überstunden, Gehaltszulagen und gesetzliche Feiertage gestrichen wurden[7] Darüber hinaus wurde die Öffentlichkeit gewarnt, für das kommende Jahr mit scharfen Steuererhöhungen in einer Gesamthöhe von 24 Milliarden Mark rechnen zu müssen.[8]

Die Kostenvorhersagen für den Krieg ließen jegliche Vorstellungskraft schwanken. Jeder Bereich des öffentlichen, örtlichen und privaten Lebens wurde angewiesen, die Ausgaben so gering wie möglich zu halten. Fritz Reinhardt, Unterstaatssekretär im Finanzministerium, veröffentlichte Vorschläge zur Besteuerung in einem nie zuvor auferlegtem Umfang. Er prognostizierte eine Erhöhung der Einkommensteuer auf 50 Prozent, während zusätzliche Steuern auf Spirituosen, Bier, Tabak und andere Waren in Betracht gezogen wurden.

Und als ob das alles noch nicht schlimm genug war, es sollten beispiellose Kürzungen für soziale und kulturelle Projekte verhängt werden, die Nutzung von Autos wurde praktisch verboten, Gummireifen in Privatbesitz wurden zum Eigentum des Staates erklärt und für den Kauf von Benzin waren spezielle Genehmigungen erforderlich. In den Restaurants galt Montags und Freitags aufgrund von Ernährungsverboten die Bezeichnung fleischlose Tage, was einen Gast in einem großen Berliner Hotel dazu veranlasste, zu beklagen, dass auf der Speisekarte nur Suppe, Reis und Blumenkohl standen, und zusammen mit Kuchen zum Nachtisch angeboten wurden, ´die Preise aber die gleichen blieben´.

Die Öffentlichkeit wurde mit Informationen bombardiert. Nur zwei Tage nach Ausruf des Krieges wurde ein Dekret gegen öffentliche Feinde des Volkes erlassen, oder auch nationale Schädlingsbekämpfung genannt, das sich in vagen Worten mit denen befasste, die die Kriegsbedingungen ausnutzten, um Verbrechen wie Plünderungen, Brandstiftung, Einbruch oder asoziales Verhalten zu begehen. In der Praxis wurde den Richtern der Weg frei gemacht, lange Gefängnisstrafen oder Todesstrafen freizügiger zu verhängen, selbst bei Straftaten, auf die sonst weitaus weniger Haftzeit stehen würde. [9]

Ein am selben Tag erlassenes Dekret gegen gewalttätige Straftäter besagte: „Wer Schusswaffen, Messer oder Schwerter oder gleichermaßen gefährliche Mittel einsetzt, um Vergewaltigungen, Straßen- oder Banküberfälle oder andere schwere Gewaltverbrechen zu begehen oder das Leben anderer mit einer solchen Waffe bedroht, wird mit dem Tod bestraft ". Das gleiche Gesetz versprach ebenfalls allen denen Schutz, die sich persönlich an der Verfolgung eines Verbrechers beteiligten.

Trotz des Informationsüberflusses, den Lebensmittelkürzungen und der Verdunkelungen ging das Leben wie gewohnt weiter. Ein amerikanischer Journalist in Berlin schrieb:: ‘Die Opern, die Theater, die Lichtspielhäuser sind weiterhin geöffnet und gut besucht.’

Aber mitten in dem Gewühle war auch die Gestapo unermüdlich tätig.  Und so wurden am 13. September in ganz Berlin hunderte Juden mit polnischer Abstammung aus ihren Unterkünften gezerrt und in Züge verladen und nach Oranienburg verfrachtet, dem Umschlagplatz für das berüchtigte Konzentrationlagern Sachsenhausen. Kurz vor ihrer Ankunft in dem Lager hatten die Nazi Apparatschiks zudem noch das Gerücht verbreitet, dass die Gefangenen kurz nach Kriegsausbruch an dem Mord von Deutschen beteiligt waren. Einer dieser bedauernswerten Gefangenen war Leon Szalet:  

Am Fuß der Treppe stand eine aufgeregte Menschenmenge. Männer und Frauen der gleich, Mütter hielten ihre Kinder in ihren Armen...Alt und Jung, sowohl weibliche als auch männliche Stimmen taten sich zu einem grausamen, blutrünstigen Chor zusammen ´Töter die Bromberg Mörder! ....Tötet die polnischen Scharfschützen! Aber es blieb nicht bei den Rufen und dem Geschrei; wir wurden mit Steinen, Stöckern, Nägeln und Mist beworfen. Viele erblindeten und fielen.

Obwohl Deutschland nun mit Frankreich und Großbritannien im Krieg war, gab es in den ersten Monaten keine nennenswerten militärischen Vorkommnisse, soweit sogar, dass sich einige Mitglieder der Bevölkerung die Frage stellten, ob es nicht genug Hunger nach Krieg gab, von welcher Seite auch immer, oder ob es doch gelingen würde den Frieden wiederherzustellen. Eines der ersten Anzeichen des aufkommenden Krieges war eine ausgedehnte Blockade auf deutsche Importe und Exporte seitens der Briten, die Antwort auf die jüngsten Vorkommnisse zur See, wie das Versenken der Athenia und Simon Bolivar durch die deutsche Marine.[10]

Die Blockade, bei der die Royal Navy an die norwegische, niederländische, belgische und französische Küste entsandt wurde, wurde von der deutschen Presse weitgehend heruntergespielt, erwies sich jedoch als katastrophal für die einst boomende Schifffahrtsindustrie. Passagierschiffe versuchten dem Spießrutenlaufen auf dem Weg in ihre Heimathäfen, wie Hamburg zu entgehen und suchten Zuflucht in neutralen Häfen. Viele Linienschiffe, die es vor Kriegsausbruch nicht nach Hause schafften, wurden von den Alliierten beschlagnahmt. Alleine in Niederländisch-Ostindien wurden die Schiffe Nordmark, Vogtland, Rendsburg, Cute, Naumburg, Essen, Staßfurt, Franken, Bitterfeld, Wuppertal, Rheinland und der Hansa-Dampfer Sonneck von Hamburg-Amerika Linie und dem Norddeutschen Lloyd beschlagnahmt.

Obwohl die Blockade kaum Auswirkungen auf die Lebensmittelvorräte des Reiches hatte, gab es jedoch Auswirkungen auf die Treibstoff Vorräte, und gerade die waren für die Erfolge der Wehrmacht wichtig.[11] Des Weiteren gab auch einen ernsthaften Mangel an Schwefelsäure, Pyriten, Sulfatkupfer und Zink, die ebenfalls importiert wurden, sowie die Lieferung von Walöl aus der Antarktis, einer Zutat, die für die Herstellung von Seife, Schmalzmasse, Kochfetten und Margarine unerlässlich ist.

Wenn man bedenkt dass die Ernährung der deutschen Bevölkerung bereits im Laufe der dreißiger Jahre auf Kriegs Niveau lag, verschärften sich mit dem Beginn der Bestimmungen am 1. September lediglich die Rationierungen. Von diesem Tag an wurden Fette, Fleisch, Butter, Milch, Käse, Zucker und Konfitüre rationiert; Brot und Eier wurden ab dem 25. September hinzugefügt. Trotz alledem, und ohne Angabe von Zahlen behaupteten die Behörden in Berlin, dass die Vorräte an Getreide und Mehl höher waren als vor dem Krieg, und Reserven von Schinken, Speck, Butter und Fleisch, gefroren oder in Dosen, sowie Dosenlachs ausreichend vorhanden waren.

Mittel Oktober dann wurde die Reichskleiderkarte eingeführt. Diese war auf ein Punktesystem ausgelegt und ein Jahr lang gültig. So kostete ein paar Strümpfe 4 Punkte, ein Pullover 25 Punkte,  ein Rock 45 Punkte und so weiter. Weitere Bekleidungsstücke auf der Reichskleiderkarte beinhalteten, Krawatten, Mäntel, Sporthosen, ärmellose Hemden, Stolen, Korsetts und Unterwäsche.

Die Rationskarten wurden durch die örtlichen Gemeinden ausgegeben und als ein offizielles Dokument angesehen. Sie konnten nur durch Vorlage eines Personalausweises beantragt werden. Vor der Ausgabe musste angegeben werden, ob Familienmitglieder beim Reichsarbeitsdienst oder der Wehrmacht dienten, einschließlich junger Mädchen. Bei Erhalt der Kleidung wurde die Karte abgestempelt. Bei Verlust war sie nur schwer oder gar nicht zu ersetzen. Ein amerikanischer Journalist bemerkte damals trocken: ‘Die Deutschen sind der Meinung, dass selbst wenn sie den Krieg überleben, werden sie im Irrenhaus landen, und das alles nur wegen der komplizierten Rationskarten. Nur die Deutschen können so ein kompliziertes System entwickeln." Diese Bemerkung scheint etwas unfair, denn die Rationierungen waren am Anfang gut organisiert, zeigten aber wenig Flexibilität, und trotzdem wurden Engpässe der einen oder anderen Art durch zu Zulagen in einer anderen Gruppe ausgeglichen.

Gleich von Anfang an wurde das bessere importierte Fleisch sofort an die Truppen weitergeleitet, während dass in der Heimat aufgezogene Schlachtvieh samt Knochen, Fett, Leber, Niere, Herz und Zunge sowie anderen Innereien und Knorpel auf den örtlichen Märkten angeboten wurde.

Obwohl es hin und wieder auch mal etwas Unmut gab, nahm die Mehrzahl der Bevölkerung die Kürzungen wohlwollend hin. Es

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