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Glückliche Tage, mörderische Nächte: Sammelband 4 Top Krimis: Alfred Bekker's Krimi Stunde

Glückliche Tage, mörderische Nächte: Sammelband 4 Top Krimis: Alfred Bekker's Krimi Stunde

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Glückliche Tage, mörderische Nächte: Sammelband 4 Top Krimis: Alfred Bekker's Krimi Stunde

Länge:
538 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 2, 2020
ISBN:
9781393477952
Format:
Buch

Beschreibung

Glückliche Tage, mörderische Nächte: Sammelband 4 Top Krimis

von Alfred Bekker & Bernd Teuber

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Bernd Teuber: Das Ende der glücklichen Tage

Alfred Bekker: Tod in Tanger

Alfred Bekker: Die programmierten Todesboten

Alfred Bekker: Mörderpost

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 2, 2020
ISBN:
9781393477952
Format:
Buch

Über den Autor

Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. 1984 machte er Abitur, leistete danach Zivildienst auf der Pflegestation eines Altenheims und studierte an der Universität Osnabrück für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Insgesamt 13 Jahre war er danach im Schuldienst tätig, bevor er sich ausschließlich der Schriftstellerei widmete. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Er war Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen. Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', 'Da Vincis Fälle', 'Elbenkinder' und 'Die wilden Orks' entwickelte. Seine Fantasy-Romane um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' und die 'Gorian'-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Darüber hinaus schreibt er weiterhin Krimis und gemeinsam mit seiner Frau unter dem Pseudonym Conny Walden historische Romane. Einige Gruselromane für Teenager verfasste er unter dem Namen John Devlin. Für Krimis verwendete er auch das Pseudonym Neal Chadwick. Seine Romane erschienen u.a. bei Blanvalet, BVK, Goldmann, Lyx, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.


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Glückliche Tage, mörderische Nächte - Alfred Bekker

Glückliche Tage, mörderische Nächte: Sammelband 4 Top Krimis

von Alfred Bekker & Bernd Teuber

KRIMINALROMANE DER Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre

Dieses Buch enthält folgende  Krimis:

Bernd Teuber: Das Ende der glücklichen Tage

Alfred Bekker: Tod in Tanger

Alfred Bekker: Die programmierten Todesboten

Alfred Bekker: Mörderpost

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Das Ende der glücklichen Tage

Ein Katharina Ledermacher Krimi

von

Bernd Teuber

nach Motiven von Richard Hey

Der Umfang dieses Buchs entspricht 81 Taschenbuchseiten.

Charlotte Klemens beauftragt Privatdetektivin Katharina Ledermacher mit der Suche nach ihrer Tochter Miriam, die offenbar in die Drogenszene abgerutscht ist. Die Spur führt zu einem Underground-Magazin. Und zu einer Leiche. Hat Miriam im Drogenrausch einen Menschen umgebracht?

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Charlotte Klemens befand sich auf dem Weg ins Büro. Es herrschte reger Verkehr. Dicht und glänzend floss der Wagenstrom ins Zentrum mit seinem Labyrinth aus Steinen und gläsernen Schluchten, wo die Menschen auf den Bürgersteigen wie genormte Termiten wirkten. Alle schienen nur mit sich selbst beschäftigt zu sein, hatten es eilig und drängten in zuckenden Reihen in die Geschäfte und Kaufhäuser. Charlotte bog in die Grünberger Straße ein, um den vielen Verkehrsampeln aus dem Weg zu gehen. Plötzlich sah sie Miriam am Straßenrand stehen. Der Anblick ihrer Tochter ließ sie abrupt auf die Bremse treten. Sofort quittierten die anderen Autofahrer diese Aktion mit einem lauten Hubkonzert. Miriam Klemens hob den Kopf und wurde auf ihre Mutter aufmerksam.

Das Mädchen hatte lange brünette Haare, ein schmales Gesicht mit dunklen Augen und Brauen und einen entschlossenen Zug um den Mund. Sie trug ein schmutziges, gelbes T-Shirt, das ihr zwei Nummern zu groß war, und eine verwaschene Jeans. Ihre nackten Füße steckten in alten Turnschuhen.

„Miriam! Warte!, schrie Charlotte, nachdem sie das Seitenfenster heruntergelassen hatte. „Lauf nicht weg! So warte doch!

Erschrocken ließ Miriam die Zeitungen fallen, die sie an Passanten verkaufte. Angst spiegelte sich in ihren Augen. Sie wich einige Schritte zurück, wandte sich um und begann zu laufen. Charlotte parkte ihren Wagen am Straßenrand, stieg aus und nahm die Verfolgung auf. Ihre Tochter hatte schon einen beträchtlichen Vorsprung. Nur einmal blickte Miriam sich um. Und was sie gewahrte, erzeugte neuerliche Panik, die sie vorwärts jagte.

Charlotte lief schneller und bemühte sich, sie im Auge zu behalten, was bei dem Gedränge recht schwierig war. Schließlich musste sie einsehen, dass es keinen Zweck hatte, sie zu Fuß zu verfolgen. Sie kehrte zu ihrem Wagen zurück und reihte sich wieder in den Strom der anderen Wagen ein und versuchte ihr so näher zu kommen. Einen Moment lang glaubte sie, es zu schaffen. Doch als sie gerade auf gleicher Höhe mit dem fliehenden Mädchen war, warf ihr Miriam einen erschrockenen Blick zu und verschwand in einer engen Gasse. Man konnte ihr deutlich ansehen, dass sie Angst hatte.

Diesmal war Charlotte nahe genug, um zu Fuß die Verfolgung aufzunehmen. Mit quietschenden Bremsen stoppte sie den Wagen am Straßenrand, stieg aus, warf die Tür hinter sich zu und lief hinter ihrer Tochter her.

„Miriam!, schrie sie verzweifelt. „Bitte, komm zurück!

Abermals wechselte das Mädchen die Richtung. Sie bog in eine andere Gasse ein, einen gewundenen, unübersichtlichen Fußgängerweg, der zwischen zwei großen Häuserblocks entlangführte. Plötzlich war sie verschwunden. Charlotte stieß einen leisen Fluch aus. Wenn sie Miriam jetzt wirklich verlor, sah sie ihre Tochter wahrscheinlich nie wieder. Der Gedanke versetzte sie dermaßen in Panik, dass sie beinahe einen Mann über den Haufen rannte. Sie begann zu taumeln. Ihre Beine schmerzten, und sie bekam kaum noch Luft. Schließlich musste sie eine Pause machen.

Charlotte lehnte sich mit dem Rücken gegen eine Mauer, um sich auszuruhen. Gleichzeitig musste sie erkennen, dass sie die Spur des Mädchens verloren hatte. Einen Augenblick sah sie sich suchend um, dann resignierte sie. Es war aussichtslos, sie zu finden – zumindest an diesem Tag. Immerhin wusste Charlotte, dass sich Miriam noch in Berlin aufhielt und nicht bereits in irgendeinem Bordell in Hamburg oder München gelandet war. An diesem Gedanken konnte sie sich festhalten und Hoffnung schöpfen.

Nachdem sie sich ein wenig erholt hatte, ging sie den Weg zurück, den sie gekommen war. Charlotte stieg in ihr Auto. Einen Moment blieb sie regungslos sitzen, dann startete sie den Motor, wendete den Wagen und fuhr zu der Stelle zurück, wo sie ihre Tochter zuerst gesehen hatte. Die Zeitungen lagen immer noch verstreut auf der Straße. Träge trieb der Wind sie vor sich her. Charlotte hielt an und nahm sich eine Zeitung. Es war eines der zahlreichen Underground-Magazine, die überall in Berlin verkauft wurden. ZAPPADONG stand in großen, roten Buchstaben in der Kopfzeile. Charlotte hatte noch nie von diesem Blatt gehört, aber es war zumindest eine Spur, die zu ihrer vermissten Tochter führen könnte.

Ein beklemmendes Gefühl stieg in ihr auf, strich wie ein eisiger Wind über Herz und Gehirn. Was ist los mit dir?, fragte sie sich. Eine ganze Menge ist los mit dir. Die Sache mit Miriam geht dir mehr an die Nieren, als du dir eingestehen willst. Versuche nicht daran zu denken, sagte sie sich. Denk an deinen Job und an das, was du tun musst. Aber das ist es ja gerade. Alle Dinge hängen irgendwie zusammen. Jetzt erfährst du am eigenen Leib den Generationskonflikt, der heute viele Eltern bewegt.

Dort die Mütter, von denen du eine bist, die sich dieser Gesellschaft verpflichtet fühlen und jetzt ihre Errungenschaften bedroht sehen von einer Jugend, die Steine gegen Schaufenster schleudert und lieber herumgammelt, anstatt zu arbeiten. Hier die Töchter, die keinem über dreißig trauen, die sich in der Erwachsenenwelt nicht zurechtfinden und die Weltordnung und die Spielregeln des Zusammenlebens infrage stellen. Da stehen sich zwei grundverschiedene Lebensstile gegenüber, dachte sie.

Aber war es seit Urzeiten nicht immer schon so gewesen? Die Eltern berauschten sich an ihrer Welt, die sie aufgebaut hatten – die Kinder fühlten sich verraten und verloren und kamen damit nicht zurecht. Revoltierende Jugendliche waren keine Erfindung der neunziger Jahre. In den Fünfzigern waren es die Halbstarken-Krawalle, die von der Rock‘n Roll-Musik angeheizt wurden, dachte Charlotte. Aber damals ging es unpolitisch zu. Die Halbstarken waren heute Säulen der Gesellschaft, die längst vergessen hatten, was sie damals so unruhig werden ließ.

Und die Rebellen von 1968, die glaubten, die Weisheit gepachtet zu haben? Was war danach aus ihnen geworden? Graumelierte Lehrer und Staatsanwälte mit Pensionsanspruch oder Ärzte und Ingenieure. Inzwischen beurteilten sie die Dinge anders und beklagten, dass die Jugendlichen keinen Plan und keine Vorbilder hatten. Viele von denen, die damals mitdemonstriert hatten, saßen heute auf Ministersesseln.

Meine Generation empört sich über die Jugend und hat früher selber Krawalle veranstaltet. Jetzt steht wieder ein neuer Konflikt ins Haus, und du bist persönlich betroffen. Es geht um deine Tochter. Ich muss die Sache durchstehen, dachte sie und spürte Trockenheit in der Kehle. Aber wie verhalte ich mich am besten? Zunächst einmal musst du daran denken, dass du Verantwortung hast. Du hast nicht viel Spielraum. Damit musst du dich abfinden.

Wie bei einem Klimaumschwung schien sich der eisige Wind in ihrem Inneren zu erwärmen. Verdammt noch mal, dachte sie. Ich bin ihre Mutter. Wie verhalte ich mich, wenn sie mich braucht? Charlotte dachte daran, wie sehr ihr Miriam fehlte. Sie hatte einiges, woran sie sich halten konnte. Sie hatte Erfolg gehabt, und ihr Beruf bedeutete ihr viel. Es machte ihr nichts aus, Tag für Tag zu arbeiten. Sie hatte Disziplin. Durch die Arbeit kann man vieles ersetzen, dachte sie. Aber nicht ihre Tochter. Sie sehnte sich nach ihr, und in diesem Augenblick wurde ihr wieder einmal klar, was Miriam wirklich für sie bedeutete. Was zählten schon Erfolg und Beruf? Das Mädchen war doch viel wichtiger.

Charlotte stieg in ihren Wagen und fuhr nach Hause. Ihre Arbeit war im Moment nicht wichtig. Sie würde sich einfach krankmelden. In der Firma konnte man auch mal einen Tag auf sie verzichten. Jetzt musste sie sich um ihre Tochter kümmern. Als Charlotte die Haustür aufschloss und die Diele betrat, stieß sie einen tiefen Seufzer aus. Sie hatte das Gefühl, als wenn ihr Herz aus der Brust springen wollte. Sie spürte den wilden Schlag bis in den Hals. Schwerfällig stieg sie die Treppe nach oben. Die Tür von Miriams Zimmer stand offen. Charlotte blieb auf der Schwelle stehen und sah sich um. Sie starrte auf die Poster an den Wänden, ohne etwas zu erkennen, blickte die Plüschtiere an, die sie aus ihren Knopfaugen freundlich musterten.

Tränen rannen über ihre Wangen. Für einen Augenblick glaubte sie, Miriams fröhliche Stimme und das Geräusch ihrer Schritte zu hören. Sie glaubte sogar, die Wärme ihrer Hände zu spüren und die Hoffnung in den großen Augen zu sehen. Charlotte horchte in die Stille. Sie schien in ihren Ohren laut zu dröhnen. Vielleicht war es falsch gewesen, dass sie sich so an ihre Tochter geklammert hatte. Kinder konnten niemals ein Ersatz für eine gute Ehe sein, aber sie war wie blind gewesen. Sie hatte Miriam mit aller Kraft beschützen wollen, hatte ihr die Freiheit beschnitten und sie dadurch aus dem Haus getrieben.

Damit war das Gegenteil von dem erreicht, was sie bezwecken wollte. Aus der Sicherheit war Gefahr geworden. Der Gedanke hatte Charlotte beherrscht, dass sie Miriam behüten müsste, vor dem Leben, vor der Welt. Erst begann sie, sich zu wehren, und dann lief sie aus Protest davon. Charlotte ballte ihre Hände zu Fäusten. Sie musste etwas unternehmen. Noch war nichts verloren. Vielleicht würde Miriam ihr verzeihen.

War da nicht eine Tür ins Schloss gefallen? Atmete nicht jemand laut in ihrem Rücken? Sie fuhr herum. Nein, niemand war gekommen, aber dieses Haus war voller Schatten, barg zu viele Erinnerungen. Sie musste hier raus, wenn sie nicht ersticken wollte. Jetzt hieß es kühl handeln. Sie wusste noch nicht genau, was sie unternehmen sollte, aber irgendetwas musste sie tun. Miriam war ihre Tochter. Sie konnte sie nicht im Stich lassen.

2

Auf dem von kaltem Neonlicht erhellten Bahnsteig drängten sich ungewöhnlich viele Menschen; mehr als sonst zu dieser Tageszeit. Wahrscheinlich hatten viele vor dem schneidenden Wind hier unten Zuflucht gesucht. Miriam Klemens ging mit schnellen Schritten die Treppe hinunter, blieb auf der vorletzten Stufe stehen und hielt von ihrem erhöhten Standpunkt nach Tobias Ziegler Ausschau. Sie war ohnehin schon zu spät gekommen. Schuld daran war ihre Mutter. Es hatte unnötig viel Zeit gekostet, sie abzuschütteln.

Tobias würde sauer sein. Aber darüber machte Miriam sich keine Sorgen. Sie kannte eine Menge Tricks, um ihn bei Laune zu halten, darunter einige, die ihrer Mutter mit Sicherheit einen Herzinfarkt beschert hätten. Sie entdeckte den hochgewachsenen Jungen in einer Nische, winkte ein paarmal und ging mit einem Schulterzucken weiter, als er nicht reagierte. Sie musste ihre Ellbogen zur Hilfe nehmen, um sich durch die Menschenmenge zu kämpfen. Wahrscheinlich verursachte sie hinter sich Dutzende von blauen Flecken und wilde Flüche.

Tobias hob den Kopf, als sie neben ihn trat. Für einen Moment spiegelte sich Unwillen auf seinem Gesicht, dann grinste er. „Du bist zu spät, Baby", nuschelte er, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen.

Miriam schnüffelte. Selbst in der stickigen Luft hier unten konnte sie deutlich den süßlichen, schweren Geruch wahrnehmen, den die Zigarette verströmte.

„Schwarzer Afghane?", fragte sie.

Tobias‘ Grinsen wurde noch breiter. „Klar, sagte er. „Allerbeste Ware. Olli hat gerade eine neue Lieferung ‘reinbekommen. Er zog die Nase hoch, nahm die Zigarette aus dem Mund und hielt sie ihr hin. „Auch mal?"

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht hier. Nicht auf offener Straße."

„Ist doch keine offene Straße, erwiderte er. „Nun nimm schon. Stell dich nicht so an. Nach der Demo gibt‘s die besseren Sachen.

Miriam drückte seine Hand mit sanfter Gewalt beiseite, zog ihn aus der Nische heraus, und hakte sich bei ihm unter. „Jetzt nicht, sagte sie bestimmt. „Und du solltest besser auch aufhören. Die Bullen sind in letzter Zeit verdammt hinter dem Zeug her. Und denen, die es verkaufen.

Tobias nahm einen tiefen Zug aus seinem Joint, zog abermals die Nase hoch und sah Miriam durchdringend an. „Woher weißt du das?", fragte er.

„Haben sie neulich im Fernsehen gesagt. Der Drogenkonsum hat erschreckende Ausmaße angenommen. Speziell hier in Berlin. Sie wollen eine Sonderkommission aufstellen, die sich darum kümmert. Lauter Spezialisten."

„Ist ja niedlich, sagte Tobias. „Kann mir richtig vorstellen, wie sie einen Haufen blöder Bullen auf die Stadt loslassen. Die Jungs machen sich bestimmt nass vor Lachen. Er schüttelte den Kopf, nahm einen letzten Zug aus seiner Zigarette und schnippte die Kippe dann über die Bahnsteigkante.

„Aber das ist wieder mal typisch, fuhr er im veränderten Tonfall fort. „Wenn sich ein paar Leute Drogen reinziehen, um dieser beschissenen Welt wenigstens ein paar Farben abzugewinnen, dann fahren sie gleich mit schweren Geschützen auf. Sonderkommission, ha! Aber die großen Bosse, die sich Millionen einstecken und andere für sich schuften lassen, die werden nicht angerührt. Obwohl die in ihrem ganzen Leben noch keine Sekunde ehrlich gearbeitet haben. Darauf würde ich meinen Kopf verwetten. Guck dir doch all diese Bonzen an, die mit ihren fetten Ärschen in ihren dicken Karren hocken und allein dafür schon Geld kassieren, dass sie in ihren Büros ‘rumsitzen und gar nichts tun. Außer vielleicht die Sekretärin zu bumsen. Das sind doch die richtigen Verbrecher. Aber denen geschieht nichts. Im Gegenteil – sie werden noch dafür belohnt. Kriegen dicke Prämien oder was weiß ich. Und im Fernsehen schwingen sie dann große Reden, dass es mit diesem Land bergab geht und die Jugend verkommt ...

„Tobias!" Miriam warf ihm einen warnenden Blick zu. Er hatte laut gesprochen, und ein paar der Umstehenden wurden auf ihn aufmerksam. Die Blicke, die sie ihm zuwarfen, waren alles andere als freundlich.

„Was ist los?, fragte er. „Hast du Schiss? Brauchst du nicht zu haben. Diese Wichser können ruhig hören, was ich zu sagen habe. Es ist nämlich die Wahrheit. Die kleinen Fische fängt man, und den Großen lutscht man die Schwänze.

„Hör endlich auf, sagte Miriam leise. „Ich möchte nämlich mit zur Demo und nicht auf die nächste Polizeiwache.

„Da werden Sie aber landen, wenn Ihr Freund sich nicht mäßigt", sagte eine Stimme hinter ihr.

Miriam fuhr zusammen, ließ Tobias‘ Hand los und fuhr herum. Der Mann, der sie angesprochen hatte, mochte etwa fünfzig Jahre alt sein, klein und untersetzt, schon fast ein wenig zur Dicklichkeit neigend, und glatzköpfig. Er trug einen schäbigen blauen Anzug und darüber einen noch schäbigeren Regenmantel.

„Was will denn der Wichser?", fragte Tobias.

„Von Ihnen nichts, junger Mann, antwortete er ruhig. „Ich könnte Ihnen allerhöchstens einen guten Rat geben. Sie ...

„Ich brauche deine Ratschläge nicht, du dämlicher Schmierlappen, erwiderte Tobias. Er schob Miriam mit einer beiläufigen Bewegung zur Seite, trat drohend auf den fast zwei Köpfe kleineren Mann zu, und baute sich breitbeinig vor ihm auf. „Aber wenn du Ärger suchst, brauchst du es nur zu sagen.

Der Mann zeigte sich von Tobias‘ Drohung nicht im Mindesten beeindruckt. Im Gegenteil. Er lächelte, trat einen halben Schritt zurück und musterte den Jungen mit einer Art gutmütiger Herablassung.

„Ich suche keinen Ärger, sagte er. „Aber ich kann ja wohl verlangen, dass Sie sich hier anständig benehmen, oder?

„Ich lass mich nicht blöde anmachen, erwiderte Tobias, als hätte er die Worte gar nicht gehört. „Schon gar nicht von so ‘ner Witzfigur. Also verpiss dich, bevor ich dir die Schnauze poliere. Er ballte drohend die Faust und wippte angriffslustig auf den Zehenspitzen.

„Versuchen Sie‘s doch. Dann werde ich Sie der Polizei anzeigen."

Tobias starrte sein Gegenüber einen Moment lang an, dann versetzte er ihm einen Stoß, der ihn zurücktaumeln ließ. Der Mann verlor die Balance und stürzte zu Boden. Jetzt wurden auch die Umstehenden auf die Auseinandersetzung aufmerksam. Tobias fuhr auf dem Absatz herum und riss Miriam am Arm mit sich.

„Los, abhauen!", keuchte er.

Miriam bekam gar nicht so richtig mit, was überhaupt geschah. Zwei Männer traten Tobias in den Weg, aber der Junge stieß sie einfach beiseite. Miriam wurde mitgerissen und musste hinter ihm her rennen, ob sie wollte oder nicht. Der Mann rief etwas, das sich wie „Haltet sie auf!" oder so ähnlich anhörte. Innerhalb von Sekunden brach auf dem Bahnsteig ein lauter Tumult aus. Tobias fluchte, stieß einen weiteren Mann zur Seite und wandte sich zur Treppe. Sie kamen nur wenige Schritte weit. Auf der obersten Stufe erschien die Gestalt eines Polizisten, selbst in der schlechten Beleuchtung eindeutig an der charakteristischen Mütze zu erkennen.

Tobias fuhr mitten in der Bewegung herum und riss Miriam mit sich. Er fluchte abermals, sah sich gehetzt um und rannte schließlich in die entgegengesetzte Richtung. Dort gab es eine Tür. Tobias rüttelte an der Klinke. Jedoch ohne Erfolg. Die Tür war verschlossen. Kurzerhand schlug er mit dem Ellbogen gegen die Scheibe. Das Glas verwandelte sich in ein milchiges Gewebe aus unzähligen winzigen Sprüngen und Rissen, brach aber nicht.

Miriam sah sich erschrocken um, während Tobias wütend auf die Scheibe einschlug. Von der Bahnsteigkante stürmten zwei Männer heran, während aus der anderen Richtung der Polizist näherkam. Die Scheibe gab mit einem knirschenden Laut nach und stürzte nach innen. Tobias stieß einen triumphierenden Schrei aus, kletterte durch die Öffnung und zog Miriam hinter sich her.

Sie wehrte sich, klammerte sich verzweifelt am Türrahmen fest, strampelte mit den Beinen und versuchte, Tobias‘ Hand abzustreifen. Aber gegen seine überlegene Körperkraft kam sie nicht an. Der Junge zog sie zu sich herein und stellte sie unsanft auf die Füße.

„Los!", keuchte Tobias. Mit einer Kopfbewegung deutete er auf die schmale Metalltür am hinteren Ende des Raumes und stürmte vorwärts. Miriam wurde abermals mitgerissen. Hinter der Tür lag ein niedriger, nur spärlich erleuchteter Gang mit nackten Betonwänden. Tobias gab ihr einen Stoß, der sie vor die Wand taumeln ließ, warf die Tür ins Schloss und drehte den Schlüssel herum.

„Wie gut, das die Leute der Berliner Verkehrsbetriebe ordentliche Leute sind und die Schlüssel stecken lassen, sagte er grinsend. „Den Bullen wären wir jedenfalls los.

Miriam rang nach Luft. Ihr Herz hämmerte schnell und hart. Quer über ihren rechten Handrücken verlief ein blutiger Riss, wo sie sich an der zerbrochenen Glasscheibe geschnitten hatte. Von der anderen Seite wurde wütend gegen die Tür gehämmert. Eine Stimme rief etwas, ohne das sie die Worte durch das zentimeterdicke Metall verstehen konnten.

„Du bist verrückt, keuchte sie. „Hier kommen wir nie mehr raus. Außerdem kriegen sie uns sowieso.

„Ach was."

Er sah Miriam abschätzend an und deutete dann mit einer Kopfbewegung den Gang hinunter. Am anderen Ende befand sich eine zweite Feuertür. „Sehen wir nach, was dahinter ist."

Miriam schüttelte trotzig den Kopf. „Ich komme nicht mit, sagte sie. „Das hat doch sowieso keinen Zweck.

In Tobias‘ Augen blitzte es für einen Moment gefährlich auf. „Wie meinst du das?"

„So wie ich es sage, gab Miriam wütend zurück. „Die haben doch längst alles abgesperrt. Selbst wenn wir hier rauskommen, erwarten sie uns irgendwo oben. Ich gehe nicht mit.

„Und du denkst, ich lasse dich hier, damit du mir die Bullen auf den Hals hetzt?", fragte er gereizt.

„Warum sollte ich das machen? Ich stecke doch selber mit drin."

„Weshalb diskutieren wir dann überhaupt? Los, komm!"

Er packte Miriam am Arm, stürmte los und zerrte sie hinter sich her. Sie versuchte gar nicht erst, sich zu wehren. Sie wusste, wie stark Tobias war. Und er hatte vermutlich genug Drogen genommen, um die Polizei zu recht zu fürchten. Hinter der zweiten Tür befand sich eine hohe, weiß gekachelte Halle, die fast zur Hälfte von langen Reihen ordentlich aufgestellter metallener Spinde eingenommen wurde. Offensichtlich handelte es sich um den Umkleideraum des U-Bahnpersonals. Auf der rechten Seite gab es einige Türen.

Tobias blieb einen Moment stehen, sah sich unschlüssig um und deutete dann auf die erstbeste Tür. „Versuchen wir‘s da. Er drückte behutsam die Klinke herunter, öffnete die Tür einen Spaltbreit und schaute durch den Schlitz. „Sieht gut aus, meinte er. „Komm."

Sie betraten einen niedrigen Gang. Die Luft roch abgestanden und feucht. Tobias zog die Tür hinter sich ins Schloss, suchte vergeblich nach einem Schlüssel und wandte sich dann schulterzuckend um. „Komm weiter, sagte er. „Die Bullen werden bald auftauchen.

Diesmal folgte ihm Miriam ohne Gegenwehr. Ihr Handgelenk schmerzte noch immer, so brutal hatte er sie hinter sich her gezerrt, und sie hatte keine Lust, ihn noch mehr zu reizen. Bisher hatte sie sich eingebildet, Tobias gut zu kennen, aber seit einigen Minuten zweifelte sie daran. Vielleicht stand für ihn mehr auf dem Spiel als eine Anzeige wegen unerlaubten Drogenbesitzes. Der Gang endete schon nach wenigen Schritten vor einer weiteren Tür. Dahinter führte eine steinerne Treppe steil nach oben.

„Ideal, murmelte Tobias. „Besser konnten wir‘s gar nicht mehr treffen.

Miriam zögerte einen Moment. „Weißt du denn, wohin diese Treppe führt?", fragte sie.

Tobias schüttelte den Kopf. „Nein, sagte er. „Aber eine Sackgasse wird‘s ja wohl kaum sein. Irgendwo da oben geht‘s schon weiter.

Er packte sie am Arm und zog sie mit sich die Treppe empor. Sie schien endlos zu sein, und kein Ende zu nehmen. Nach einer Ewigkeit erreichten sie die letzte Stufe. Hier gab es eine weitere Tür. Tobias drückte die Klinke nach unten. Die Tür ließ sich ohne Schwierigkeiten öffnen. Dahinter lag ein U-Bahnsteig. Tobias sah sich kurz nach allen Seiten um. Als er nichts Verdächtiges entdeckte, zog er Miriam hinter sich her. Mit raschen Schritten gingen sie zu der breiten Treppe, stiegen die Stufen empor und tauchten in der Menschenmenge unter.

3

Auf sämtlichen Einsatzfahrzeugen flackerte Blaulicht. Davor war eine martialische Front aufmarschiert. Auf der einen Seite standen mit Tüchern vermummte Straßenkämpfer. Auf der anderen Seite hatten mit Helmen, Schilden und Schlagstöcken bewaffnete Polizisten Aufstellung genommen. Beide Parteien standen sich wie zwei feindliche Heere in einer Feldschlacht gegenüber. Geladen mit Hass und aufgestauter Gewalt, die jeden Augenblick explodieren konnte.

Der Einsatzleiter, Polizeioberrat Alexander Hellwig, saß in dem grün lackierten VW-Bus mit Gitterfenstern und sprach über Funktelefon mit dem Polizeipräsidenten, der sich in der Leitstelle befand.

„Hellwig?"

„Ja."

„Wo stehen Sie?"

„Direkt vor den Demonstranten."

„Wie ist die Lage?"

„Bisher keine besonderen Vorkommnisse, Herr Präsident. Aber wir müssen damit rechnen, dass die Leute nicht mit Eiern werfen."

Mechanisches Rauschen erklang.

„Hellwig?"

„Ja."

„Ich brauche nicht zu betonen, dass Sie einen heiklen Auftrag haben."

Hellwig sagte nichts.

„Ich erwarte, dass es keine Schwierigkeiten beim Auflösen der Demonstration gibt, und dass Sie ohne schweres Gerät auskommen. Das ist das Wichtigste."

„Ich verstehe, Herr Präsident."

„Was haben Sie an Leuten dabei?"

„Eine Hundertschaft, acht Hundeführer, sechs Mann Zivilstreife."

„Was ist mit der Einsatzreserve?"

„Steht für alle Fälle in Alarmbereitschaft."

„Welche Maßnahmen haben Sie bisher getroffen?"

„Ich habe den Befehl ausgeführt und den Demonstranten ein Ultimatum gestellt, die Versammlung innerhalb von dreißig Minuten aufzulösen, andernfalls würde ich sie festnehmen lassen."

„In Ordnung."

Es knisterte in der Leitung.

„Hat schon jemand die Versammlung verlassen?"

„Nein, Herr Präsident, niemand."

„Wann läuft das Ultimatum ab?"

Hellwig schaute auf seine Armbanduhr. Es war 15.23 Uhr.

„In genau zwölf Minuten."

„Haben Sie die umliegenden Straßen abgesperrt?"

„Ist schon geschehen, Herr Präsident."

„Sind viele Schaulustige da?"

„Ich schätze zwei- bis dreihundert."

Hellwig blickte zu den Absperrgittern, hinter denen sich die Zuschauer in Dreierreihen drängten und wo eine Stimmung herrschte wie auf einem Rummelplatz. Er sah auch mehrere Fotoreporter und Fernsehteams, die gelangweilt herumstanden.

„Fangt endlich an!", schrie jemand aus der Menge.

„Was ist los?", fragte der Präsident.

„Die Leute fordern, dass wir anfangen."

Hellwig hörte, wie der Präsident durchatmete. „Noch einmal, ich will keine Provokation. Klar?"

„Verstanden, Herr Präsident."

„Halten Sie sich an den Einsatzplan und unterrichten Sie mich sofort, wenn es Schwierigkeiten gibt. Aber wir dürfen auch keine rechtsfreien Räume tolerieren. Haben Sie das verstanden?"

„Jawohl."

„Gut, Hellwig."

Der Präsident hustete kurz. „Rufen Sie mich in zehn Minuten zurück."

„Ja."

„Ende."

Polizeioberrat Hellwig sah auf seine Uhr. 15.25 Uhr. Er nahm das Megafon und stieg aus dem Wagen. Sein Blick wanderte über die Demonstranten und blieb an einem blonden Mädchen hängen. Das Gesicht mit den glänzenden Augen, den hohen Backenknochen und dem weichen Mund wirkte erhitzt. Sie trug ein fleckiges T-Shirt mit einem schwarzen Friedenssymbol. Hellwig versuchte mit seinen Augen, den Blick des Mädchens einzufangen. Für einen kurzen Moment gelang es ihm auch. Er hatte den Eindruck, als ob sie den Kopf zurückwarf, wodurch das lange, blonde Haar wie von einem Windstoß aus dem Gesicht geweht wurde und die hohe Stirn freigab.

Durch die fließende Bewegung veränderte das Haar für eine Sekunde seine Farbe und schimmerte golden wie reifer Weizen. Hellwig spürte eine eigenartige Hitze in seinen Schläfen, und dann fühlte er einen einzelnen Schweißtropfen aus der Achselhöhle an seinem Körper entlangrinnen. Er fühlte es fast überdeutlich. Einmal zögerte der Tropfen kurz und rieselte dann weiter hinab bis zum Gürtel. Hellwig lächelte, und er sah, dass auch kurz ein kleines Lächeln über das Gesicht des Mädchens huschte, und es war, als seien zwei unsichtbare Drähte zwischen ihnen gespannt, die sie verbanden und summten.

Plötzlich hatte er das Gefühl, dass etwas zwischen ihnen war, für immer, nicht auszulöschen durch Zeit oder Umgebung. Er hätte nicht sagen können, was es war. Er fühlte nur, dass etwas in Bewegung geraten war, das er nicht mehr kontrollieren konnte. Er starrte das Gesicht an, als wolle er es sich für immer einprägen, und in diesem Augenblick hätte er alles dafür gegeben, zu erfahren, was das Mädchen dachte und fühlte. Warum gehst du nicht einfach hin und fragst sie?, überlegte er sich.

Er wand sich wie jemand, der sich in einem Labyrinth aus Erlassen und Verordnungen verirrt hatte. Begann das Leben eines Menschen nicht erst dort, wo er die Befehle hinter sich ließ und einfach nur seinen Gefühlen folgte? In diesem Moment sah er alles voraus, wie die Züge beim Schachspiel, und er wusste, dass sich in diesen Sekunden sein Leben entschieden hatte. Plötzlich war das Gesicht des Mädchens in der Menge verschwunden. Er stieß den Atem aus und sah sich um.

Hinter den Absperrgittern drängten sich die Schaulustigen, als würden hier kostenlos Eintrittskarten für eine Zirkusvorstellung verteilt. Einige Leute besorgten sich Bier und Cola aus einer nahegelegenen Gaststätte. Die Anwohner hatten Logenplätze auf den Balkonen der umliegenden Häuser bezogen. Einige sympathisierten mit den Demonstranten, die anderen feuerten die Polizei an, hart durchzugreifen.

„Man sollte die GSG 9 holen, damit sie dieses ganze Pack in die Luft sprengt!, rief ein Mann. „Die Bullen gehen doch viel zu lasch mit diesen Arschlöchern um. Denen muss man richtig Feuer unterm Hintern machen.

Die schrille Stimme eine Frau ertönte: „Vergasen sollte man die alle!"

„Verpiss dich, du alte Schachtel!, erwiderten einige Demonstranten im Chor. „Geh doch selber in die Gaskammer!

Hellwig kam sich hilflos vor angesichts dieser Atmosphäre, die sich von Sekunde zu Sekunde verdichtete und mit Gewalt auflud. Woher kommen nur all die Vorurteile?, fragte er sich. Ein Wunder, dass es nicht die Straße auseinanderreißt. Und du stehst genau dazwischen und sollst für Ruhe und Ordnung sorgen. Für wen eigentlich? Es wäre niemals so weit gekommen, wenn die Politiker nur etwas Weitsicht bewiesen hätten. Aber diesen Tag werde ich wohl nie erleben.

Eigentlich komisch, dass ausgerechnet ich Polizist geworden bin, dachte er. Als Kind hatte ich wahnsinnige Angst vor der Polizei. Wenn ich einen Polizisten sah, der mir entgegenkam, habe ich garantiert fünfzig Meter vor ihm die Straßenseite gewechselt. Dabei habe ich eigentlich nie etwas Besonderes ausgefressen. Vielleicht mal ‘ne Scheibe eingeschlagen oder Äpfel aus Nachbars Garten geklaut.

Damals gab‘s ja noch genug Schrebergärten und für gestohlene Äpfel schlimmstenfalls ein paar Ohrfeigen. Heute stehlen die Kinder überwiegend aus Kaufhäusern. Dann folgt gleich eine Anzeige, und die Kinderkriminalität steigt weiter an. Ich war gerade 17 Jahre alt, als ich mich bei der Polizei bewarb. Nach der Realschule stand ich vor der Frage: Was machst du jetzt? Viele Möglichkeiten gab es wirklich nicht. Lehrstellen waren damals genauso rar wie heute.

Doch eines stand für mich fest: Ich wollte nicht den ganzen Tag in einem Büro herumsitzen. Damals habe ich in der Schule viel Sport getrieben und auch in meiner Freizeit. Ich rauchte und trank nicht. Ich wollte einen Beruf, der mich drinnen und draußen beschäftigte. Ich habe sieben oder acht Bewerbungen verschickt. Unter anderem auch an die Polizei. Dort bin ich eigentlich nur gelandet, weil sie sich als erste auf meine Bewerbung gemeldet hat.

Die Aufnahmebedingungen waren sehr streng. Allein beim Tauglichkeitstest fielen neun von zehn Bewerbern durch. Als ich Bescheid erhielt, dass ich zur Aufnahmeprüfung zugelassen sei, war ich unheimlich stolz. Die Prüfung dauerte drei Tage. Die Hälfte der Bewerber wurde schon am ersten Tag wieder nach Hause geschickt. Wer am zweiten Tag noch da war, konnte damit rechnen, dass er in die abschließende mündliche Prüfung kam, die ich schließlich auch bestand.

Damit fing alles an. Es kam der Tag, an dem ich zur Polizei einberufen wurde. Von zuhause fuhr ich mit gemischten Gefühlen weg. Einerseits war ich froh, weil ich nicht mehr ständig bemuttert wurde, andererseits fragte ich mich, was mich bei der Polizei erwartete. Der erste Tag begann für mich damit, dass ich zu spät kam. Bis auf drei oder vier Nachzügler, zu denen auch ich gehörte, war die Hundertschaft bereits auf dem Kasernenhof angetreten. Der Ausbilder brüllte, und man konnte ihm ansehen, dass es ihm Spaß machte.

Doch im Laufe der Ausbildung lernte ich, dass die Unterführer mit den größten Klappen nicht die schlimmsten waren. Die Vorgesetzten, die leise sprachen, waren viel gefährlicher. Ich kam auf eine Stube mit vier Mann. Die ersten Tage waren wir damit beschäftigt, Bekleidung und Waffen in Empfang zu nehmen. Außerdem mussten wir etliche Verfügungen unterschreiben. Man konnte das Gefühl kriegen, dass man anschließend keine Rechte mehr hatte. Die Abschlussprüfung

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