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Dein Kind, die Schule und Du: Ein Navi für den Bildungsweg

Dein Kind, die Schule und Du: Ein Navi für den Bildungsweg

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Dein Kind, die Schule und Du: Ein Navi für den Bildungsweg

Länge:
335 Seiten
8 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
23. Aug. 2018
ISBN:
9783711052407
Format:
Buch

Beschreibung

Fördert die Schule das Kind? Kann es sich entfallten? Wird sein Potenzial erkannnt? Oder wird es nur gedrillt, um zu funtkionieren?

Schulbildung ist für die meisten Eltern ein Riesenthema. Es ist angstbesetzt, wird von pädagogischen Glaubenssätzen geleitet und von politischen Ränkespielen und eigenen – zumeist negativen – Erfahrungen dominiert. Man befürchtet, dass in der Schule die Stärken der Kinder nicht wertgeschätzt, aber ihre Schwächen überbewertet werden. Man befürchtet, dass ihnen die Freude am Lernen abtrainiert wird und sie nicht an eine positive Vorstellung von sich selbst, von der eigenen Kreativität und Leistungsfähigkeit herangeführt werden.

Mit diesem Buch gibt Sir Ken Robinson allen Eltern ein Instrument an die Hand, um jenes Bildungskonzept zu finden, das dem Kind und ihnen gerecht wird. Er zeigt, wie man Hürden überwindet und weist auf Irrwege hin, die man sich besser gleich erspart.
Herausgeber:
Freigegeben:
23. Aug. 2018
ISBN:
9783711052407
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Dein Kind, die Schule und Du - Ken Robinson

Anmerkungen

KAPITEL EINS

ORIENTIEREN SIE SICH

Wenn Sie Kinder im Schulalter haben, ist dieses Buch das Richtige für Sie. Mein Ziel ist es, Ihnen dabei zu helfen, Ihrem Kind die Schulbildung zu ermöglichen, die es braucht, um ein produktives, erfülltes Leben zu führen. Mein gesamtes Berufsleben lang habe ich im Bildungssystem gearbeitet. Dabei habe ich unzählige Unterhaltungen mit Eltern über Schulbildung geführt. Ich bin selbst Vater und weiß somit aus erster Hand, dass es sowohl eine Herausforderung als auch eine Erfüllung ist, Kinder großzuziehen. Wenn Ihre Kinder in die Schule kommen, wird es noch komplizierter. Bis dahin waren Sie selbst für ihre Erziehung und ihr Wohlergehen verantwortlich. Und plötzlich übergeben Sie ihre Kinder für einen Großteil des Tages anderen Menschen, die dadurch während der prägendsten Jahre einen enormen Einfluss auf sie ausüben.

Der erste Schultag bringt eine Unmenge an Gefühlen mit sich. Sie hoffen, dass Ihre Kinder Spaß am Lernen haben, Freunde gewinnen und in der Schule Glück und Inspiration finden. Gleichzeitig wird Ihnen vermutlich ein wenig bang ums Herz. In der Schule werden ganz neue Beziehungen aufgebaut. Wie wird Ihr Kind auf seine Lehrer reagieren? Wird die Schule erkennen, was an ihm besonders ist? Was ist mit den anderen Eltern und Kindern? Wird Ihr Kind diese neuen sozialen Hürden überspringen, oder wird es ins Stolpern geraten? Es ist kein Wunder, wenn Sie am ersten Schultag ihres Kindes einen Kloß im Hals verspüren. Es kommt Ihnen vor, als würde sich alles ändern. Und das stimmt.

Emma Robinson ist Lehrerin in England. Auch sie hat ein Kind und weiß, wie man sich als Mutter oder Vater am ersten Schultag fühlt. Ihr Gedicht »Dear Teacher« wurde inzwischen von Tausenden Menschen auf Facebook geteilt. Hier ein Auszug:

Ich weiß, Sie haben viel zu tun

Hier sind die Schüler schon

Am ersten Tag bleibt wenig Zeit

Doch das hier ist mein Sohn.

Sie haben alles voll im Griff

Da kann ich sicher sein

Doch mein Kind ist gerade vier

Er ist doch noch so klein!

Er wirkt so groß in Uniform

So selbstbeherrscht und kühn

Doch hier im großen

Schulhof Scheint alles viel zu früh.

Das erste Mal, dass ich ihn hielt

Scheint gar nicht lange her

Ich liebte und beschützte ihn

Er lernte nur von mir.

Jetzt küsse ich ihn noch einmal

Und schicke ihn hinein

Und weiß, er wird nie wieder ganz

Mein kleiner Junge sein.¹

Schon immer ist es Eltern schwergefallen, ihre Kinder anderen anzuvertrauen, und immer wieder gibt es neue Gründe, sich über die Schule Gedanken zu machen. Vielen Eltern machen die Zustände im Bildungswesen zu schaffen. Sie fürchten, dass Kindern zu viele Tests und zu viel Stress zugemutet werden. Sie empfinden den Lehrplan als zu beengt, nachdem viele wichtige Kunst- und Sportprogramme und Veranstaltungen außerhalb des Lehrplanes gestrichen wurden. Sie haben Angst, dass ihre Kinder nicht als Einzelpersonen wahrgenommen werden und die Schule es versäumt, ihre Neugier, Kreativität und ihre persönlichen Talente zu fördern. Es erschreckt sie, bei wie vielen Kindern Lernschwächen diagnostiziert und diese dann medikamentös behandelt werden. Sie fürchten Mobbing und Belästigung. Eltern von Kindern in der Oberstufe machen sich Gedanken über immer höhere Studiengebühren und die Berufschancen ihrer Kinder, ob diese nun studieren oder nicht. Am meisten macht es ihnen allen Angst, als Eltern nichts ausrichten zu können.

Wut und Angst

Kürzlich wollte ich auf Facebook und Twitter wissen, was den meisten Eltern in der Erziehung ihrer Kinder Sorgen bereitet. Es dauerte keine Stunde, bis Hunderte Menschen aus der ganzen Welt geantwortet hatten. Bec, eine junge Mutter aus den Vereinigten Staaten, sprach vielen aus dem Herzen: »Die Stärken der Kinder werden nicht geschätzt und ihre Schwächen überbewertet. Noten sind wichtiger als Selbstbewusstsein.« Kimmie, eine andere Mutter, fragte sich: »Werden meine Kinder ihr Potenzial erkennen und auf einen Beruf vorbereitet, in dem sie gern und voller Enthusiasmus arbeiten?« Conchita schrieb: »Ich mache mir ziemliche Sorgen um meine beiden Töchter. Ich denke, das jetzige Bildungssystem wird ihnen keine Chance geben, sich hervorzutun, und meine Zehnjährige wird zu wenig Hilfe dabei bekommen, ihre Lernschwäche und Angstgefühle zu überwinden.«

Jon befürchtete, dass »Kindern nach und nach das Gefühl vermittelt wird, dass Lernen keinen Spaß macht, dass es als mühsames Ritual betrachtet wird, das wir alle durchleben müssen, ohne genau zu wissen, warum. Es ist ein ständiger Kampf, das Interesse und die Neugier am Lernen wachzuhalten, wenn das System alles verplant und vorgibt.« Karin meinte: »Schulbildung funktioniert nicht mehr. Es gibt zu viel Druck, zu viele Prüfungen, zu viele Anforderungen, zu viel Fließband. Wie können wir alles auf null setzen? Wie können wir unsere Kinder auf ein Leben vorbereiten, das völlig anders ist als das, auf das die Schule sie vorbereitet?«

Carol machte sich Sorgen, dass der »gleiche Ansatz für alle, erdacht von Einzelpersonen, die im Bildungswesen nichts zu suchen haben, Schüler hervorbringt, die nicht selbstständig denken können und unter Versagensängsten leiden«. Eine weitere Mutter machte sich vor allem Gedanken darüber, ob Schulen »Kindern beibringen, kreativ Probleme zu lösen. Prüfungen bringen keinen Schüler dazu, flexibel zu denken.« Tracey drückte eine tief sitzende Besorgnis aus: »Es macht mir zu schaffen, dass die Entscheidungsträger wenig Interesse an den Meinungen von Eltern haben. Im besten Fall werden diese einfach abgetan, und diejenigen, die Entscheidungen über Bildung treffen, haben keine Ahnung, wie es in einem Klassenraum wirklich zugeht.« All diese Sorgen sind berechtigt, und wenn Sie sie teilen, dann tun Sie das nicht ohne Grund.

Schulbildung wird oft als Vorbereitung auf das betrachtet, was nach der Schule passiert – wenn Ihr Kind eine Stelle sucht oder auf eine Hochschule gehen möchte. Das stimmt auf gewisse Art auch, aber Kindheit ist kein Probelauf. Ihre Kinder leben im Hier und Jetzt; sie haben Gefühle, Gedanken, und bauen Beziehungen auf. Schulbildung muss sie auch hier und jetzt begeistern, genau wie Sie es als Eltern tun. Wer Ihre Kinder werden und was sie in der Zukunft erreichen, hat mit dem zu tun, was sie in der Gegenwart erleben. Wenn sie eine zu engstirnige Schulbildung haben, kann es sein, dass sie die Talente und Interessen nicht entdecken, die ihr Leben in der Gegenwart bereichern und ihre Zukunft inspirieren können.

Wie kann dieses Buch helfen?

Wie kann dieses Buch Ihnen also helfen? Ich hoffe, dass es Ihnen auf drei Arten von Nutzen ist. Einmal zeigt es auf, welche Art von Schulbildung Ihr Kind heutzutage braucht und wie diese mit Ihrer Rolle als Eltern in Verbindung steht. Eltern denken oft, dass ihre Kinder dieselbe Schulbildung brauchen, die sie selbst genossen haben. Das kommt natürlich auf die Art von Schulbildung an, aber es stimmt höchstwahrscheinlich nicht. Die Welt verändert sich so schnell, dass sich auch die Schulbildung ändern muss. Zweitens soll das Buch die Herausforderungen beleuchten, mit denen Sie auf der Suche nach einer solchen Schulbildung konfrontiert werden. Manche Herausforderungen hängen mit dem Bildungssystem zusammen und andere allgemeiner mit der Welt, in der wir heute leben. Drittens komme ich auf die Möglichkeiten zu sprechen, die sich Ihnen als Eltern bieten, um solche Herausforderungen zu meistern. Dazu muss ich zuerst einige Einschränkungen erwähnen.

Zuallererst ist dies kein Ratgeberbuch, das Sie zu besseren Eltern machen soll. Das würde ich mir nicht anmaßen. Sicherlich beruhigt Sie das, denn die meisten anderen Ratgeber scheinen genau das zu tun. Vom Baby-Guru Dr. Spock in den Vierzigern bis zu den Tigermüttern erzählt Ihnen schon jeder, wie Sie Ihre Kinder erziehen sollen. Zusätzlich zu ungewollten Ratschlägen von Freunden, Verwandten, und oft selbst Ihren eigenen Kindern gibt es mehr als vier Millionen Erziehungsblogs im Internet, und der Buchhandel bietet mehr als 150 000 Bücher zum Thema Erziehung an. Ich möchte Sie nicht noch weiter belasten.

Meine Frau und ich haben zwei Kinder und viele Verwandte und Bekannte mit eigenen Kindern. Wir haben die meisten Herausforderungen, die in diesem Buch beschrieben werden, selbst meistern müssen. Meinem Schreibpartner Lou Aronica geht es genauso; er hat selbst eine große Familie. Wir wissen, dass Eltern ständig unter Druck stehen. Für den Rest Ihres Lebens werden Sie sich um Ihre Kinder sorgen und versuchen, ihnen auf ihrem Weg zur Seite zu stehen. Eltern zu sein ist eine Lebensaufgabe. Es kann sehr schwierig werden, und die Arbeitszeiten sind gnadenlos. Betrachten Sie dieses Buch als eine kleine Erholungspause von all dem Stress. Wir leben nicht in einer Fantasiewelt, in der alle besser klarkommen als Sie selbst. Ich möchte tatsächlich einige Erziehungsprinzipien beschreiben, die für die Schulbildung wichtig und durch Forschung und Erfahrung belegt sind. Aber ich möchte Ihnen versichern, dass ich davon genauso profitiere wie Sie. Meine Ratschläge kommen von Menschen, die auch nicht immer alles richtig gemacht haben.

Ebenso wenig ist dieses Buch ein Kompendium guter Schulen. Ich werde oft gefragt, ob ich bestimmte Schulen oder Systeme empfehlen kann. Jede Schule ist anders. Es gibt gute und schlechte staatliche Schulen, genauso wie es gute und schlechte Privatschulen oder freie Schulen gibt. Ich rate immer allen, direkt in die Schule zu gehen und sie sich anzusehen. Sie bekommen dann einen Eindruck davon, ob diese Schule etwas für Sie und Ihr Kind ist oder nicht. Um das zu tun, müssen Sie eine Vorstellung davon gewinnen, was eine gute Schule ausmacht, und genau das wollen wir uns ansehen.

Ich möchte keine Lösung vorschlagen, die für alle Bedürfnisse passt. Im Gegenteil: Keine zwei Kinder sind gleich, und Ihre sicher auch nicht. Ihre Erziehungsmaßstäbe und Prioritäten hängen natürlich von Ihrem eigenen Hintergrund und Ihren Umständen ab. Alleinerziehende Eltern in einer ärmeren Gegend haben selbstverständlich nicht die gleichen Wahlmöglichkeiten wie Eltern mit Hausangestellten in einem wohlhabenden Viertel. Vielleicht können Sie sich aussuchen, auf welche Schule Ihr Kind gehen soll. Die meisten Eltern haben keine Wahl. Müssen Sie sich also einfach mit den Tatsachen abfinden? Das stimmt nicht ganz. Es gibt trotzdem Möglichkeiten, und diese wollen wir näher betrachten.

Allgemein möchte ich Ihnen erläutern, was eine gute Schulbildung ausmacht und wie Sie als Eltern dafür sorgen können, dass Ihr Kind eine solche erhält. Dazu gehören Ratschläge, wie Sie Ihr Kind im derzeitigen Bildungssystem unterstützen können oder es aus ihm herausnehmen können. Die folgenden Möglichkeiten stehen allen Eltern offen:

•Sie können Ihr Kind in die örtliche Schule schicken und es dabei belassen.

•Sie können sich aktiv an der Bildung Ihres Kindes beteiligen und gute Beziehungen zu seinen Lehrern aufbauen oder es zu Hause zusätzlich fördern.

•Sie können sich ganz allgemein stärker in das Schulleben einbringen.

•Sie können die Entscheidungen einzelner Schulen durch eine Teilnahme am Schulelternrat beeinflussen.

•Sie können sich zusammen mit anderen Eltern für Veränderungen einsetzen.

•Sie können sich nach einer anderen Schule umsehen.

•Sie können Ihr Kind in bestimmten Ländern ganz aus der Schule nehmen.

•Sie können Bildungsressourcen im Internet nutzen.

Wenn Sie tatsächlich die Wahl zwischen mehreren Schulen haben – für welche sollten Sie sich dann entscheiden, und aufgrund welcher Kriterien? Wenn Sie diese Wahl nicht haben – was sollten Sie von Ihrer Schule erwarten, und was können Sie tun, wenn es an etwas mangelt? Diese Entscheidungen sind abhängig von verschiedenen Themen, die in den folgenden Kapiteln besprochen werden. Das erste Thema ist Ihre Elternrolle und was diese mit Schulbildung zu tun hat. Das zweite Thema ist die allgemeine Entwicklung von Kindern von der Geburt bis ins frühe Erwachsenenalter. Es ist wichtig, davon eine Vorstellung zu haben, damit Sie sich darüber im Klaren sind, welche Art von Erfahrungen Sie und die Schule Ihrem Kind bieten sollten. Das dritte Thema ist die große Bedeutung, die der Erkennung von Talenten und Interessen sowie der Charaktereigenschaften Ihres Kindes zukommt. Im vierten Teil beschreibe ich, warum die Art von Schulbildung, die Ihr Kind heute braucht, sich gegebenenfalls von Ihrer eigenen unterscheidet. Danach beschäftige ich mich mit dem Thema, warum viele Schulen diese Art von Schulbildung noch nicht bieten und was Eltern dagegen tun können.

Lernen, Bildung und Schule

Bevor wir dazu kommen, möchte ich drei Begriffe klären, die immer wieder vorkommen werden: Lernen, Bildung und Schule.

Lernen beschreibt die Aneignung von neuen Fähigkeiten und das Verstehen.

Bildung beschreibt ein organisiertes Lernprogramm.

Schule beschreibt eine Gemeinschaft von Lernenden.

Kinder lernen gern; Bildung liegt ihnen nicht immer, und manche haben große Probleme in der Schule. Woran liegt das?

Lernen ist für Kinder ein ganz natürlicher Prozess. Babys lernen ungeheuer schnell. Denken Sie nur an ihren Spracherwerb. In den ersten vierundzwanzig Monaten entwickeln sie sich von unverständlich schreienden und brabbelnden Wesen zu sprachbegabten Menschen. Das ist eine erstaunliche Entwicklung, und sie »lernen« das von niemandem, nicht einmal von Ihnen. Sie könnten Ihren Kindern das gar nicht beibringen. Sprechen zu lernen ist viel zu kompliziert. Wie lernen Babys es also? Es ist eine natürliche Fähigkeit, die ihnen gegeben ist, und sie lernen es gern. Und wie? Durch Zuhören und Nachahmen von Lauten, die sie hören. Sie ermutigen Ihr Baby mit Ihrem Lächeln und Ihrer Freude, und Ihr Baby ermutigt Sie. Babys lernen Sprechen, weil sie es möchten und können. Auf ihrem Lebensweg erwerben sie noch viele andere Fähigkeiten und neues Wissen, einfach nur deshalb, weil es ihnen Spaß macht: weil sie es möchten und können.

Bildung ist ein organisierteres Herangehen ans Lernen. Sie kann formell oder informell sein, selbstbestimmt oder von anderen organisiert. Das kann zu Hause sein, online, im Beruf oder anderswo. Peter Gray ist Forschungsprofessor für Psychologie am Boston College und Autor des Buches Befreit Lernen. Wie Lernen in Freiheit spielend gelingt. Kinder, so Gray, »sind von der Natur wunderbar dazu ausgestattet worden, ihre Bildung selbst in die Hand zu nehmen. In der gesamten Menschheitsgeschichte haben sie sich selbst Dinge beigebracht, durch Beobachten, Erforschen, Hinterfragen, Spielen und Mitmachen. Diese Instinkte funktionieren immer noch perfekt, wenn man Kindern eine Umgebung ermöglicht, die ihnen dabei hilft, sich zu verwirklichen.«²

Eine Schule ist eine Gemeinschaft von Menschen, die zusammenkommen, um gemeinsam oder voneinander zu lernen. Vor Kurzem wurde ich gefragt, ob ich das Prinzip von Schulen noch gutheißen kann. Das tue ich, und zwar deshalb, weil wir das meiste in unserem Leben mit oder durch andere lernen. Lernen ist ein ebenso sozialer wie individueller Prozess. Die wichtigere Frage ist, welche Art von Schule Kindern am besten beim Lernen hilft. Viele Kinder mögen Schulbildung nicht; aber nicht, weil sie ungern lernen, sondern weil die Rituale und Stressfaktoren des konventionellen Schulsystems sie davon abhalten.

Die meisten von uns haben ihre Schulerfahrungen in einem Schulgebäude gesammelt. Woran denken Sie beim Wort »Schule«? Wenn Ihnen »Oberschule« einfällt, dann sehen Sie wohl lange Korridore und Spinde vor sich, Klassenzimmer mit Bänken und einer Tafel, eine Aula, eine Sporthalle, Physik- und Chemieräume, vielleicht einen Musikraum, einen Kunstraum oder einen Sportplatz. Was ist mit dem, was drinnen passiert? Vielleicht denken Sie an einzelne Fächer (wichtige und weniger wichtige), Stundenpläne, Klingeln, Schülerströme zwischen einzelnen Klassenräumen, Aufgaben, Klausuren und Arbeitsgemeinschaften. Und was ist mit der Grundschule? Was auch immer Sie von Schulen halten, wenn sie plötzlich in einer aufwachen würden, wäre Ihnen schnell klar, wo Sie sich befinden. Seit der Einführung der Breitenbildung sind Schulen zu leicht erkennbaren Einrichtungen mit bestimmten Abläufen geworden. Viele schulische Rituale sind lediglich Gewohnheiten, die wir deshalb akzeptieren, weil sie schon immer gleich waren. Nicht an allen Schulen ist das so, und es muss auch an keiner Schule so sein. Die Tatsache, dass noch so viele Schulen auf die gleiche Art funktionieren, ist lediglich Gewöhnung und nicht Notwendigkeit. Wir werden auf andere Schularten eingehen und darauf, dass die besten Schulen Voraussetzungen schaffen, die es Kindern ermöglicht, mit Freude zu lernen und ihre Ziele zu verwirklichen. Nicht nur für die Kinder selbst, sondern auch für Sie ist es wichtig, dass Ihre Kinder gern lernen.

Wozu das alles?

Vom Kleinkindalter an verbringen die meisten amerikanischen Kinder ungefähr vierzehn Jahre in der Schule, vierzig Wochen im Jahr, fünf Tage die Woche, durchschnittlich acht Stunden am Tag, Hausaufgaben inbegriffen. Zusammen sind das etwa 22 000 Schulstunden, und dazu kommt für viele später noch ein Studium. Insgesamt sind das genauso viele Stunden, wie Autofahrer in der gesamten Schweiz letztes Jahr im Stau standen. Die Schweizer sind geduldige Menschen, aber trotzdem ist das eine Menge Zeit. Dazu kommt noch die Zeit, die Sie dafür aufwenden, Ihre Kinder früh für die Schule fertig zu machen, sie hinzubringen und abzuholen, ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen, zu Elternabenden und Versammlungen zu gehen, und all die Stunden, die Sie deswegen im Stau stehen. Was erhoffen Sie sich von diesem enormen Zeit- und Arbeitsaufwand? Wozu sollen Ihre Kinder überhaupt Bildung genießen? Was erwarten Sie davon?

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die meisten Eltern möchten, dass ihre Kinder etwas über die Welt erfahren, in der sie leben, ihre natürlichen Talente und Interessen verwirklichen und das Wissen und die Fähigkeiten erwerben, die sie brauchen, um gute Staatsbürger mit einem komfortablen Lebensunterhalt zu werden. All das sind vernünftige Erwartungen. Wir hatten genau die gleichen, als unsere Kinder in die Schule gingen, und unsere Eltern hatten sie, als wir jung waren. Was auch immer Sie möchten, welche Art von Bildung ist Ihrer Meinung nach dafür nötig? Wenn Sie der Meinung sind, eine traditionelle akademische Ausbildung mit perfekten Noten ist der richtige Weg, dann könnten Sie unrecht haben. Selbst wenn Sie selbst nicht so denken, dann tun es viele Entscheidungsträger, und das ist problematisch. Ich denke, auch sie haben unrecht.

Alles neu

Einer der Gründe, warum Sie heute ganz anders an Bildung herangehen sollten, ist die Tatsache, dass die Welt, in der Ihre Kinder aufwachsen, so völlig anders ist als die von Ihnen oder Ihren Eltern. Wir werden später noch genauer darauf eingehen, aber hier sehen Sie einen Überblick:

Familien ändern sich. Heutzutage leben nur 60 Prozent der amerikanischen Kinder in Familien, zu denen verheiratete Eltern und deren biologische Kinder zählen. Bei den restlichen 40 Prozent sieht die Situation anders aus: Sie leben bei nur einem Elternteil, bei den Großeltern, bei gleichgeschlechtlichen Eltern, in Patchworkfamilien oder unter ganz anderen Umständen. In anderen Ländern sind ähnliche Trends zu vermerken. Falls Sie sich fragen, ob sie als »Eltern« gelten, lassen Sie mich das klarstellen. Aufgrund der erwähnten sozialen Veränderungen bedeutet das Elternsein in unserem Fall, dass Sie für ein Kind bestimmte Rollen übernehmen. Ob Sie blutsverwandt sind, tut weniger zur Sache. Vielleicht ist das Kind biologisch Ihres, vielleicht auch nicht. Wie dem auch sei, wenn Sie die Hauptsorge für ein Kind tragen, sind Sie seine Mutter oder sein Vater.

Kinder ändern sich. Körperlich werden Kinder immer schneller reif, vor allem Mädchen. Sie stehen unter großem sozialen Druck, ausgehend von der Populärkultur und sozialen Medien. Sie kämpfen mit enormem Stress und Angstgefühlen, die oft mit der Schule zusammenhängen. Sie leben ungesünder und bewegen sich zu wenig. Fettleibigkeitsquoten im Kindesalter haben sich in den letzten dreißig Jahren mehr als verdoppelt und bei Jugendlichen sogar vervierfacht.

Arbeit ändert sich. Digitale Technologien verändern viele traditionelle Märkte und schaffen ganz neue. Es ist beinahe unmöglich vorherzusagen, welche Berufe die heutige Jugend in fünf, zehn oder fünfzehn Jahren ausüben wird, wenn sie denn Arbeit hat.

Die ganze Welt ändert sich. Seien wir doch ehrlich: Überall auf der Welt kommt es derzeit zu großen kulturellen, politischen, sozialen und ökologischen Umbrüchen. Schulbildung muss darauf eingehen, wenn sie Kindern dabei helfen will, in einer sich so rasant verändernden Welt ihren Weg zu finden und sich zu entfalten.

Scheinbar verstehen viele Regierungen das zumindest teilweise und versuchen in Komitees und durch Abstimmungen, die Lehrpläne anzupassen. Bildung ist zu einem großen politischen Spielball geworden, und Sie und Ihre Kinder stehen mitten im Kreuzfeuer.

Was ist das Problem?

Seit über dreißig Jahren investieren Regierungen auf der ganzen Welt in Versuche, Schulbildung zu reformieren und das Niveau in Schulen zu verbessern. Ihre Motive sind zum größten Teil wirtschaftlicher Natur. Insbesondere digitale Technologien haben den Welthandel und die Arbeitsmärkte verändert, und die Gesetzgeber haben erkannt, dass ein hohes Bildungsniveau für den Wohlstand und die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes unverzichtbar ist. Sie haben damit nicht unrecht. Für Sie und Ihre Kinder liegt das Problem in den Methoden, die zur »Verbesserung« von Bildung herangezogen worden sind. In vielen Ländern gibt es vier davon: MINT-Fächer, Tests und Wettbewerb, Akademisierung und Vielfalt und Auswahl. In manchen Ländern, vor allem den Vereinigten Staaten, gibt es noch einen fünften Faktor: Profit. Auf den ersten Blick wirken einige dieser Strategien durchaus sinnvoll. In der Praxis haben sie oft genau den gegenteiligen Effekt, mit besorgniserregenden Konsequenzen für viele junge Menschen und ihre Familien.

MINT-Fächer

Als Eltern wollen Sie, dass ihr Kind gut in der Schule ist, einen guten Job bekommt, der seinen Begabungen entspricht, und finanziell abgesichert ist. Regierungen wollen etwas Ähnliches für ihr Land, aber sie denken dabei nicht an einzelne Kinder, sondern an die gesamte Arbeitskraft und Konzepte wie das Bruttosozialprodukt. Deshalb gilt ihr besonderes Augenmerk den sogenannten MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, da sie glauben, dass nur diese für Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit vonnöten sind. Sie argumentieren damit, dass die moderne Wirtschaft vor allem von Innovationen in diesen Gebieten lebt und somit für diejenigen, die sich damit auskennen, gute Arbeitsmöglichkeiten bereithält.

Die MINT-Fächer sind wichtig in der Schulbildung, um ihrer selbst willen genauso wie aus wirtschaftlichen Gründen. Aber florierende Wirtschaftssysteme werden nicht ausschließlich von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Mathematikern getragen. Sie brauchen die Talente von Unternehmern, Investoren und Wohltätern und werden erst durch Designer, Schriftsteller, Künstler, Musiker, Tänzer und Schauspieler zu einer Gesellschaft. Apple ist eines der erfolgreichsten Unternehmen der Welt. Seinen Erfolg hat es nicht nur Softwaretechnikern und Programmierern zu verdanken, so notwendig deren Arbeit auch ist, sondern Menschen in den verschiedensten Disziplinen: Erzählern, Musikern, Filmemachern, Marketingexperten, Verkäufern und vielen anderen.

Das Augenmerk auf die MINT-Fächer zu legen hat außerdem dazu geführt, dass Kunst und Geisteswissenschaften in Schulen immer weniger gefördert werden. Für eine ausgewogene Bildung Ihrer Kinder und die Lebenskraft von Kommunen und Wirtschaft sind diese jedoch genauso wichtig. Kindern den Eindruck zu vermitteln, dass die Welt sie nicht braucht, nur weil sie sich in den MINT-Fächern nicht wohlfühlen, ist irreführend, denn die Welt braucht sie trotzdem.

Im Jahr 2011 führte die Farkas-Duffett-Forschungsgruppe (FDR) in den Vereinigten Staaten eine Umfrage unter 1000 Lehrern von der dritten bis zur zwölften Klasse durch, um Informationen über Lehrverhalten und Unterrichtspraxis zu sammeln.³ Die Lehrer sollten detailliert darüber berichten, was in den Klassenräumen und

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