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Spuren im Schnee

Spuren im Schnee

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Spuren im Schnee

Länge:
241 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Mar 9, 2020
ISBN:
9783955683221
Format:
Buch

Beschreibung

Sieben Jahre ist Annette alt, als ihre Mutter stirbt. Nun muss sie auf dem kleinen Bergbauernhof in den Schweizer Alpen für ihren Vater und den kleinen Bruder Dani sorgen. Bei einem Streit mit dem Nachbarsjungen Lukas verunglückt Dani schwer. Annettes Hass kennt keine Grenzen. Sie scheut kein Mittel, um Lukas zu bestrafen – und wird dabei selbst unglücklich. Eines Tages erfährt Lukas von einer Möglichkeit, das Geschehene wiedergutzumachen. Er setzt sein Leben aufs Spiel, damit Dani wieder gesund werden kann.

"Spuren im Schnee" ist ein zeitloser Klassiker und eins der erfolgreichsten Bücher von Patricia St. John, die deutsche Übersetzung ist inzwischen in der 25. Auflage erschienen und der Roman wurde auch schon verfilmt.
Freigegeben:
Mar 9, 2020
ISBN:
9783955683221
Format:
Buch

Über den Autor


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Spuren im Schnee - Patricia St John

Patricia St. John

Spuren im Schnee

Impressum

Originaltitel: »Treasures of the Snow«

Erschienen bei: Scripture Union (Bibellesebund), London

© 1950 by Patricia St. John

Deutsch von Elisabeth I. Aebi

© 1952 der deutschsprachigen Ausgabe: Verlag Bibellesebund, Winterthur

27. Auflage 2018

© 2019 der E-Book-Ausgabe

Bibellesebund Verlag, Marienheide

https://shop.bibellesebund.de/

Coverillustration: Jana Parel

Covergestaltung:Georg Design, Münster

ISBN 978-3-95568-322-1

Hinweise des Verlags

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des Textes kommen.

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Inhalt

Titel

Impressum

Vorwort der Autorin

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

Vorwort der Autorin

Als ich ein Kind von sieben Jahren war, lebte ich in der Schweiz.

Ich wohnte in einem Chalet in den Bergen, etwas oberhalb der Ortschaft, in der ich die Geschichte von Annette, Dani und Lukas spielen lasse. Auch ich fuhr, wie die Kinder in meiner Geschichte, im Mondschein mit dem Schlitten ins Dorf hinunter. Auch ich half im Sommer beim Heumachen. Ich begleitete die Kühe auf die Alm und schlief im Heuschober. Am Weihnachtsabend ging ich in die Dorfkirche und bestaunte den Christbaum mit seinen Apfelsinen und Lebkuchenbären. Auch ich wurde zum Arzt in die kleine Nachbarstadt gebracht. Mein kleiner Bruder fuhr im Karren des Milchmanns spazieren, gezogen von einem großen Bernhardinerhund. Und Schneeweißchen war mein eigenes Kätzchen.

Doch all das liegt viele Jahre zurück und ich bin seither nur noch als Gast in der Schweiz gewesen. Vieles hat sich inzwischen sehr verändert. So ist es heute gewiss undenkbar, dass ein Kind jahrelang der Schule fernbleibt. Auch ist das Gesundheitswesen verbessert worden und wahrscheinlich hat nun jede Ortschaft ihren eigenen Arzt – ich weiß es nicht.

Eines aber weiß ich gewiss: dass das kleine Schulhaus und die Kirche noch am selben Ort stehen; dass der Klang der Herdenglocken noch immer von allen Wiesen und Weiden herab zu hören ist; und dass in jedem neuen Frühling der Duft der Narzissenfelder das Tal erfüllt. Ich hoffe, dass die Kinder noch immer ihre Weihnachtslieder singen und dass sie ebenso große Freude an ihren Lebkuchenbären haben, wie ich sie damals hatte.

Ich habe den Namen des Dorfes absichtlich nicht genannt, denn einige Einzelheiten entsprechen nicht der Wirklichkeit. So gibt es z.B. keine Ortschaft in der Nähe, die nur auf dem Weg über den Pass erreicht werden könnte. Doch habe ich versucht, ein getreues Bild des Lebens, wie es sich hier abspielte, zu geben.

Solltest du einmal in diese Gegend kommen, so nimm in Montreux die elektrische Bergbahn und fahre bis zu einer kleinen Station, wo die Wiesen an den Bahnsteig grenzen und wo grüne, mit Chalets übersäte Hänge ringsum ansteigen.

Rechts vom Bahngleis neigt sich der Hang bis zum schäumenden, tosenden Fluss hinunter, an dessen jenseitigem Ufer der Berg wieder ansteigt. Und dort oben, zwischen einer steil abfallenden grünen Halde und einem spitzen Felsen, liegt der Pass. Wenn du überdies nicht weit vom Bahnhof entfernt das niedrige, weiße Schulhaus entdeckst und hinter einem kleinen Hügel die hölzerne Kirchturmspitze hervorgucken siehst, dann wisse: Das ist das Dorf, in dem diese Erzählung ihren Ursprung nahm.

Patricia St. John

1. Kapitel

Es war Weihnachtsabend. Drei Gestalten, deren Schatten sich im Mondlicht auf dem weißen Schnee abzeichneten, kletterten den steilen Bergpfad hinauf. Eine Frau in einem langen, weiten Rock und mit einem schwarzen Schal über den Schultern hielt einen dunkelhaarigen, etwa sechsjährigen Jungen an der Hand, der mit vollem Mund unaufhörlich vor sich hin schmatzte. Neben den beiden, die Augen zu den Sternen erhoben, stapfte ein etwa siebenjähriges Mädchen. Es hielt die Hände über der Brust gekreuzt und drückte einen honigfarbenen Lebkuchenbären mit weißen Zuckeraugen fest an sein Herz.

Der kleine Junge hatte auch einen solchen Bären gehabt. Aber der war bereits verzehrt. Bloß die Hinterbeine waren übrig geblieben! Der Junge warf einen verschmitzten Blick auf das Mädchen. »Meiner war größer als deiner«, erklärte er.

»Ich möchte nicht tauschen«, erwiderte die Kleine ruhig und ohne den Kopf zu wenden. Zärtlich blickte sie auf den prächtigen Bären in ihrer Hand. Wie süß er roch und wie er im Mondschein glänzte! Nie, nie wollte sie ihn anbeißen! Achtzig Dorfkinder hatten heute einen Lebkuchenbären erhalten, aber ihrer war bestimmt der allerschönste!

Ja, sie wollte ihn als Andenken aufbewahren. Jedes Mal, wenn sie ihn anschaute, würde er sie an diesen Weihnachtsabend erinnern: an den kalten, dunkelblauen Himmel, an den warmen Schein der festlich erhellten Kirche, an den mit Silbersternen geschmückten Baum, an die Lieder, die Krippe und die schöne, traurige Weihnachtsgeschichte. Es kamen ihr fast die Tränen, wenn sie an die Herberge dachte, in der es keinen Raum fürs Christkind gab. Sie hätte ihre Tür weit aufgemacht und die müden Reisenden freudig aufgenommen!

Lukas, der Junge, ärgerte sich über ihre Schweigsamkeit. »Ich habe meinen fast aufgegessen«, schmollte er; »lass mich deinen probieren, Annette, du hast ihn ja noch nicht einmal angefangen!«

Doch Annette schüttelte den Kopf und drückte ihren Bären fester an sich. »Ich werde ihn nie aufessen«, sagte sie. »Ich will ihn immer und ewig behalten.«

Inzwischen waren die drei bei einer Stelle angekommen, wo der Weg mit seinen Schlittenspuren sich teilte. Der Pfad zur Rechten führte zu einer Gruppe von Chalets mit hell erleuchteten Fenstern. Dahinter standen dunkle Ställe und Scheunen. Annette war beinahe zu Hause.

Frau Matter schien zu zögern. »Können wir dich allein heimgehen lassen, Annette?«, fragte sie. »Oder sollen wir dich bis vor die Haustür begleiten?«

»O nein, ich gehe lieber allein«, erwiderte Annette. »Vielen Dank, dass Sie mich mitgenommen haben. Gute Nacht, Frau Matter, gute Nacht, Lukas!«

Und damit eilte sie davon. Hoffentlich überlegte Frau Matter es sich nicht anders und bestand darauf, sie heimzubegleiten, wo sie doch so sehnlich wünschte, allein zu sein! Sie wartete ja nur darauf, Lukas’ Geschwätz loszuwerden. Wie sollte sie nachdenken und die Sterne betrachten können, solange sie Frau Matter und Lukas höfliche Antworten geben musste?

Annette war nie zuvor bei Nacht allein draußen gewesen, und auch heute geschah es nur durch eine Art Zufall. Sie hätte mit Vater und Mutter auf dem Schlitten zur Kirche fahren sollen. Seit Wochen hatten sie davon gesprochen und sich darauf gefreut. An diesem Morgen aber war Mutter plötzlich erkrankt und Vater war mit dem Mittagszug in die Stadt hinuntergefahren, um einen Arzt zu holen. Dieser war etwa um vier Uhr gekommen, aber er hatte Mutter nicht rechtzeitig gesund machen können, um zur Kirche zu gehen, wie Annette gehofft hatte. So hatte sie zu ihrer großen Enttäuschung stattdessen mit Frau Matter gehen müssen, deren Chalet etwas weiter oben am Berg stand. Als sie dann aber die Kirche betreten hatten, war es dort so wunderschön gewesen, dass Annette alles Übrige vergessen hatte.

Noch hielt der Zauber dieses Abends an. Und als sie nun ganz allein im Schnee unter den Sternen stand, schien es ihr jammerschade, sogleich ins Haus zu gehen und den Zauber zu brechen. Am Fuß der Treppe, die zum Balkon und zur Wohnstube hinaufführte, blieb Annette stehen und schaute sich um. Gegenüber war der Kuhstall; sie konnte hören, wie die Tiere sich bewegten und Heu aus der Krippe fraßen. Da kam ihr ein großartiger Gedanke. Sie sprang über die Schlittenspuren hinweg und hob den Riegel der Stalltür. Ein heimeliger, warmer Geruch von Vieh, Milch und Heu umfing sie. Sie schlängelte sich an den Beinen einer braunen Kuh vorbei und kletterte auf die Krippe. Die Kuh war eifrig mit Fressen beschäftigt. Annette schlang die Arme um ihren Hals und ließ sie ruhig weiterkauen. Genauso musste es gewesen sein, als Maria mit ihrem neugeborenen Kindlein in den Armen bei den Tieren saß!

Annette schaute auf die Krippe hinab und ihrer angeregten Phantasie kam es vor, als läge das himmlische Kind auf dem Heu und die Kühe ständen still und andächtig rundherum. Durch eine Lücke im Dach konnte sie einen einzelnen funkelnden Stern erblicken und sie musste daran denken, wie der Stern über Bethlehem gestanden und die Weisen zur Stätte geführt hatte, wo das Jesuskind lag. Sie konnte sich gut vorstellen, wie die Weisen auf ihren schaukelnden Kamelen das Tal heraufgeritten kamen. Und jetzt würde wohl jeden Augenblick die Tür aufgehen und die Hirten kämen hereingeschlüpft, kleine Lämmer auf den Armen, und würden das Kind mit weichen Schaffellen zudecken wollen! Tiefes Mitgefühl ergriff Annette beim Gedanken an das heimatlose Kindlein, dem alle Türen verschlossen geblieben waren.

»In unserem Chalet wäre Platz genug gewesen«, murmelte sie. »Und doch: Hier ist’s wohl am allerschönsten. Das Heu ist sauber und weich und der Atem der Braunen warm und gut. Gott hat doch die beste Wiege für sein Kind gewählt! «

Wer weiß, ob Annette nicht in dieser Weise die halbe Nacht verträumt hätte, wäre nicht plötzlich der Schein einer Laterne durch die angelehnte Tür gedrungen, während gleichzeitig feste Schritte über den knirschenden Schnee kamen. Dann hörte Annette ihren Vater rufen. Sie glitt von der Krippe herunter, wich geschickt dem Schwanz der Braunen aus und lief mit ausgebreiteten Armen auf ihren Vater zu.

»Ich wollte den Kühen einen Weihnachtsbesuch machen«, lachte sie. »Hast du mich gesucht?«

»Ja«, erwiderte der Vater. Aber er lachte nicht. Sein Gesicht war bleich und ernst. Er fasste Annette bei der Hand und zog sie die Treppe hinauf. »Du hättest sofort heimkommen sollen, wo doch Mutter so krank ist«, sagte er. »Sie fragt seit einer halben Stunde beständig nach dir.«

Annettes Herz begann heftig zu schlagen. Wie hatte sie nur ihre geliebte Mutter vergessen können! Sie machte sich von der Hand ihres Vaters los und eilte schuldbewusst die hölzerne Treppe hinauf.

Weder der Arzt noch die Gemeindeschwester bemerkten sie, bis sie nahe am Bett der Kranken stand, denn sie war ein kleines, leichtfüßiges Ding, das sich lautlos wie ein Schatten bewegen konnte. Aber die Mutter erblickte sie sogleich und streckte mühsam die Arme nach ihr aus. Wortlos rannte Annette hinzu und legte das Gesicht an Mutters Schulter. Sie begann leise zu weinen, denn Mutters Gesicht erschreckte sie: Es war beinahe so weiß wie das Kissen. Wie leid tat es ihr nun, dass sie so lange weggeblieben war!

»Annette«, flüsterte die Mutter, »hör auf zu weinen. Ich habe ein Geschenk für dich.«

Annette war sofort still. Ein Geschenk? Natürlich, es war ja Weihnachten. Da gab ihr die Mutter immer ein Geschenk. Was mochte es wohl sein? Erwartungsvoll blickte sie um sich.

Die Mutter wandte sich an die Gemeindeschwester. »Geben Sie es ihr«, flüsterte sie.

Da schlug die Schwester die Decke zurück und zog ein Bündel hervor, das in ein weißes Wolltuch eingewickelt war. Sie trat zu Annette und hielt es ihr entgegen.

»Dein Brüderchen«, erklärte sie. »Komm, wir wollen es unten beim Feuer in die Wiege legen, dann darfst du es schaukeln. Wir müssen deine Mutter jetzt schlafen lassen. Sag ihr ›Gute Nacht‹.«

»Dein Brüderchen«, wiederholte Mutters matte Stimme.

»Es gehört zu dir, Annette. Zieh es auf und hab es lieb und sorge gut für es – an meiner Stelle. Ich vertraue es dir an.«

Die Stimme versagte ihr und sie schloss die Augen.

Annette war wie betäubt und folgte willenlos der Schwester. Sie setzte sich auf einen Schemel ans Herdfeuer, vor sich die Wiege, in der ihr Weihnachtsgeschenk lag.

Lange saß sie regungslos und schaute unverwandt auf das Bündel herab, das ihr Brüderchen sein sollte. Der Schnee warf ein seltsames Licht auf die Wände und der Widerschein der glühenden Holzstücke tanzte an der Zimmerdecke. Es war sehr still im Haus und dort, ja dort schien der Weihnachtsstern durchs Fenster herein! So hatte er im Stall von Bethlehem auf jenes andere Kind herabgeschienen. Und so wie sie, Annette, hier am Feuer saß und über ihren Bruder wachte, so hatte Maria dagesessen und über Gottes kleinen Sohn gewacht.

Mit ehrfürchtigen Fingern berührte Annette den samtigen kleinen Haarschopf. Dann legte sie mit einem müden Seufzer den Kopf auf die Decke und ließ ihre Gedanken wandern, wohin sie wollten: Sterne, Herden, neugeborene Kindlein, verschlossene Türen, weise Männer und Lebkuchenbären – hinter ihrer Stirn gerieten sie alle durcheinander, und sie selbst glitt allmählich zu Boden.

Hier fand sie ihr Vater eine Stunde später, friedlich schlafend wie ihr Brüderlein, den blonden Kopf an die Wiege gelehnt.

»Arme mutterlose Kinder«, klagte er, während er sich bückte und seine kleine Tochter in die Arme nahm, »wie soll ich euch bloß aufziehen ohne sie?«

Denn Gott hatte Annettes Mutter zu sich gerufen; sie durfte Weihnachten mit den Engeln feiern.

2. Kapitel

So kam es, dass der kleine Daniel Brunner schon drei Stunden nach seiner Geburt nicht wie andere Kinder eine erwachsene Frau zur Mutter hatte, sondern seine siebenjährige Schwester Annette. Zwar blieb die freundliche Gemeindeschwester noch eine Zeit lang im Haus, um den Kleinen zu versorgen, und als sie ging, stellte der Vater eine Frau aus dem Dorf an, um ihn zu pflegen. Aber er gehörte zu Annette und niemand nannte ihn je anders als »Annettes Kleiner«.

Als nämlich der erste große Schmerz vorüber war, holte Annette aus der Tiefe ihres einsamen, traurigen Herzens den ganzen Reichtum ihrer Liebe herauf und schüttete ihn über ihren kleinen Bruder aus. Sie hielt ihm das Fläschchen, wenn er trank, und saß stundenlang neben seiner Wiege, für den Fall, dass er aufwachen und nach ihr verlangen möchte. Sie war es, die nachts zu ihm lief, wenn er aufwachte oder im Schlaf wimmerte. Sie war es, die ihn um die Mittagszeit auf den Balkon hinaustrug. Und in dieser Atmosphäre sonniger Liebe gedieh der Kleine, sodass bald im ganzen Tal kein fröhlicheres, kräftigeres Kind zu finden war. Er schlief und erwachte und lachte und aß und strampelte und schlief wieder ein. Er verursachte nie auch nur einen Augenblick der Sorge.

»Er ist unter einem guten Stern geboren«, behauptete die Frau vom Dorf und betrachtete ihn gedankenvoll.

»Er ist unter einem Weihnachtsstern geboren«, erwiderte Annette ernsthaft. »Ich glaube, er wird immer zufrieden und glücklich sein.«

Und wie er wuchs! Als die Sonne die Schneemassen zu schmelzen begann und in den gelblichen Wiesen die Krokusse ans Licht lockte, musste er größere Kleider haben. Und gleich, nachdem die Kühe zur Alm hinaufgezogen waren, brach sein erstes Zähnchen durch. Da Annette nichts von ersten Zähnen wusste und keine Beschwerden erwartete, vergaß der Kleine selbst, dass es eine beschwerliche Sache sein sollte. Anstatt zu jammern und zu schreien, kicherte und lachte er und lutschte an seiner Faust.

Als dann die Buchenblätter wie goldene Fackeln unter den dunklen Tannen leuchteten und die ersten Herbststürme über die Berge fegten, wurde die Wiege zu klein für Dani, der nun auf dem Boden herumzurutschen begann. Vom Ofen bis zur Balkontreppe wollte er alles erforschen, sodass Annette einige aufregende Wochen erlebte und ihn aus allen möglichen Gefahren erretten musste. Schließlich fand sie, sie könne die Spannung nicht länger ertragen, und band ihm den einen rosigen Fuß am Küchentisch fest. Nun konnte er im Kreis herum Entdeckungsreisen unternehmen und das Leben wurde wieder ruhiger.

Eines Abends, nachdem sie Dani zu Bett gebracht hatte, kam Annette in die Wohnstube herunter und fand ihren Vater beim Ofen sitzen, den Kopf in die Hände gestützt. Er sah alt und müde aus. Das war zwar öfter der Fall, seit Mutter gestorben war; aber heute sah er noch schlechter aus als sonst. Annette, die sich alle Mühe gab, die Lücke auszufüllen, die ihre Mutter hinterlassen hatte, kletterte auf seine Knie und legte ihre weiche Wange an die knochige, braune ihres Vaters.

»Was ist los, Papa?«, fragte sie. »Bist du heute besonders müde? Soll ich dir eine Tasse Kaffee kochen?«

Forschend blickte der Vater auf seine Tochter herab. Sie sah so klein und zierlich aus wie eine Elfe mit goldenem Haar. Und dabei war sie so vernünftig und mütterlich! Er wusste nicht, wie es gekommen war, aber im vergangenen Jahr hatte er es sich angewöhnt, seine Schwierigkeiten mit ihr zu teilen und sich sogar ihre ernsthaften Ratschläge anzuhören. So drückte er jetzt ihren Kopf an seine Schulter und erzählte ihr alles.

»Wir werden eine Kuh verkaufen müssen, Annette«, erklärte er traurig. »Wir müssen mehr Geld haben, sonst gibt’s keine Winterschuhe für dich.«

Annette hob den Kopf und starrte ihn entsetzt an. Sie hatten bloß sechs Kühe und an jeder einzelnen hingen sie wie an einem persönlichen Freund. Welche auch gehen müsste, sie würde ihnen schrecklich fehlen. Nein, sie musste einen besseren Weg ausfindig machen, um Geld zu verdienen!

»Schau«, fuhr der Vater fort, »in anderen Familien ist eine Mutter da, um für die Kinder zu sorgen; ich aber muss eine Hilfe bezahlen, um Dani zu pflegen. Das ist teuer. Und doch muss jemand ihn versorgen, den armen kleinen Kerl.«

Da richtete sich Annette sehr gerade auf und warf energisch die Zöpfe zurück. Sie sah ihren Weg ganz klar vor sich. Nun musste sie nur ihren Vater dazu bringen, ihn auch zu sehen.

»Papa«, sagte sie langsam und deutlich, »du brauchst Frau Hauser nicht mehr. Ich bin jetzt achteinhalb und ich kann Dani ebenso gut versorgen wie irgendwer. Mir brauchst du keinen Rappen zu zahlen und dann können wir die Kühe behalten. Denk doch, Papa, wie traurig sie wären, wenn sie von uns wegmüssten! Ich glaube wahrhaftig, Bless würde weinen.«

»Aber du musst doch zur Schule«, widersprach der Vater. »Es wäre nicht recht, dich zu Hause zu behalten. Und überhaupt, es ist gegen das

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