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M. K. Ghandi: Eine Autobiographie oder Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit
M. K. Ghandi: Eine Autobiographie oder Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit
M. K. Ghandi: Eine Autobiographie oder Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit
eBook741 Seiten15 Stunden

M. K. Ghandi: Eine Autobiographie oder Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit

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Über dieses E-Book

Mahatma Gandhis Autobiographie wurde von Gandhi in den zwanziger Jahren in Form wöchentlicher Beiträge zu seiner Gujarati-Zeitschrift "Navajivan" niedergeschrieben, dann von seinem Sekretär Mahadev Desai ins Englische übersetzt und nach Durchsicht und Billigung Gandhis in Buchform veröffentlicht. Sie ist ein einzigartiges Dokument seiner Wahrheitssuche und der Nachwelt gegenüber ein lebendiger Protest gegen die Verflüchtigung des Mahatma-Bildes zur Legende, denn sie schildert mit einer Offenheit, die gleich weit entfernt ist von eitler Selbststilisierung wie von koketter Selbstentlarvung, die Entwicklung dieser ebenso bedeutenden wie eigenartigen Persönlichkeit, bei der der Mensch deshalb nicht vom Politiker zu trennen ist, weil beide gleichermaßen im religiösen Grunde wurzeln. Zeitlich bis an die Schwelle von Gandhis Wirksamkeit als Befreier Indiens im großen Stil führend, legt sie alle jenen Elemente seines Geistes und Charakters, die ihn zu seiner welthistorischen Rolle befähigten, mit einer Rückhaltlosigkeit dar, die sein Denken und Handeln von den Fundamenten her verstehen lehrt. Der Leser nimmt teil an Gandhis Jugenderlebnissen, seiner Begegnung mit der englischen Welt, seinen ihn ins politische Leben hineinziehenden Erfahrungen in Südafrika und seinem Hineinwachsen in das Freiheitsstreben Indiens, dem er dann die moralische Basis und die geistige Richtung geben sollte.

SpracheDeutsch
HerausgeberAquamarin Verlag
Erscheinungsdatum5. Apr. 2020
ISBN9783968610108
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    Buchvorschau

    M. K. Ghandi - Mohandas Karamchand Gandhi

    Wörter

    Vorwort des deutschen Herausgebers

    Sein Leben war eine Kette von Experimenten mit der Wahrheit. Seine gewaltlose Politik, gekennzeichnet durch die Technik von Satyagraha, war der Beginn einer Revolution. Neben Sri Aurobindo wird er als der bedeutendste Inder des 20. Jahrhunderts von größtem Einfluß auch auf den Westen in die Geschichte eingehen. Zwar traten die politischen Führer Indiens, das er von der Kolonialherrschaft befreit hatte, nicht gerade in seine Fußtapfen. Gleichwohl blieb Gandhi richtungweisend für eine gewaltlos-revolutionäre neue Generation im Weltmaßstab, muß die Geschichtsforschung ihn zu den maßgebenden Menschen unserer Epoche zählen.

    Am 30. Januar 1948 wurde Gandhi von einem fragwürdigen Hindu ermordet. Seltsamerweise gelang es erst zwölf Jahre später, seine Autobiographie in deutscher Sprache zu veröffentlichen. Es war das Verdienst von Fritz Kraus, diesen Teil der Aufzeichnungen, den Gandhi selber „Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit" genannt hatte, ins Deutsche zu übertragen und mit einem ausführlichen Nachwort zu versehen, das auch heute noch den weltgeschichtlichen Zusammenhang zu verdeutlichen vermag, in dem Gandhi und sein Werk gesehen werden müssen. Der Verlag Karl Alber in Freiburg veröffentlichte das Buch 1960. Aber nachdem die erste Auflage bald vergriffen war, blieb es für den deutschsprachigen Leser wieder fast unerreichbar. So entstand in uns das dringende Bedürfnis, das autobiographische Werk Gandhis neu herauszugeben.

    Für die vorliegende Geschichte seiner Experimente mit der Wahrheit ergab sich die Unerläßlichkeit einer gründlichen Neubearbeitung der Erstfassung, zu der Frau Dr. Ilse Kraus, die Witwe des inzwischen verstorbenen Übersetzers, die freundliche Genehmigung erteilte. Das Vorwort Nehrus, das weder dem Gujarati-, noch dem Englisch-Original voranstand, mußte entfallen. Hingegen blieb das Nachwort von Fritz Kraus mit zwei geringfügigen Kürzungen, die durch den Fortgang der Zeit notwendig wurden, dem Leser erhalten. Auch die Erklärung der indischen und englischen Ausdrücke findet der Leser wie bei der ersten Ausgabe am Schluß des Buches.

    Rolf Hinder

    Einleitung

    Vor vier oder fünf Jahren willigte ich auf das Drängen einiger meiner nächsten Mitarbeiter darin ein, meine Autobiographie zu schreiben. Ich machte mich ans Werk, doch kaum hatte ich den ersten Bogen beendet, als in Bombay Unruhen ausbrachen und die Arbeit ins Stocken geriet. Dann folgte eine Reihe von Ereignissen, die in meiner Einkerkerung in Yeravda gipfelten. Sjt. Jeramdas, einer meiner Mitgefangenen dort, bat mich, alles andere zurückzustellen und die Autobiographie fertigzuschreiben. Ich entgegnete, ich hätte mir schon einen Studienplan zurechtgelegt und könne nicht daran denken, etwas anderes zu tun, solange dieses Programm nicht erledigt sei. In der Tat hätte ich die Autobiographie vollendet, wenn ich meine Gefängnisstrafe in Yeravda hätte ganz absitzen müssen; denn es fehlte noch ein Jahr zur Erfüllung der Aufgabe, als ich entlassen wurde. Nun hat Swami Anand die Anregung erneuert, und da ich die Geschichte des Satyagraha-Kampfes in Südafrika zu Ende geschrieben habe, fühle ich mich verlockt, die Autobiographie für Navajivan zu verfassen. Der Swami wünschte, ich möge sie extra für eine Buchpublikation niederschreiben. Doch ich habe keine überflüssige Zeit. Ich könnte nur Woche für Woche ein Kapitel schreiben. Nun muß jede Woche etwas für Navajivan geschrieben werden. Warum sollte das nicht die Autobiographie sein? Der Swami nahm diesen Vorschlag an, und so bin ich fest an der Arbeit.

    Doch ein gottesfürchtiger Freund hatte seine Zweifel, die er mir an meinem Schweigetag anvertraute. „Was hat Sie, fragte er, „zu diesem Abenteuer veranlaßt? Eine Autobiographie zu schreiben, ist eine Sache, die dem Westen eigentümlich ist. Ich weiß von niemandem im Osten, der eine Autobiographie geschrieben hätte, außer von solchen, die unter westlichen Einfluß geraten sind. Und was werden Sie schreiben? Angenommen, Sie verwerfen morgen das, was Sie heute zum Prinzip machen, oder angenommen, Sie ändern Ihre heutigen Pläne in der Zukunft, - ist es dann nicht wahrscheinlich, daß die Menschen, die ihr Verhalten nach der Autorität Ihres gesprochenen oder geschriebenen Wortes richten, in die Irre geführt werden? Glauben Sie nicht, es sei besser, etwas wie eine Autobiographie nicht zu schreiben, zumindest nicht gerade jetzt?

    Dieses Argument machte einigen Eindruck auf mich. Aber es ist nicht meine Absicht, eine Autobiographie in eigentlichem Sinne zu versuchen. Ich möchte nur die Geschichte meiner zahlreichen Experimente mit der Wahrheit erzählen, und da mein Leben bloß aus diesen Experimenten besteht, ist es wahr, daß diese Erzählung die Form einer Autobiographie annehmen wird. Doch ich werde mich nicht darum kümmern, ob jede ihrer Seiten nur von meinen Experimenten spricht. Ich glaube oder schmeichle mir wenigstens mit dem Glauben, daß ein zusammenhängender Bericht über all diese Experimente dem Leser nicht ohne Nutzen sein wird. Meine Experimente auf dem Felde der Politik sind heute nicht nur in Indien, sondern in gewissem Ausmaß in der „zivilisierten" Welt bekannt. Für mich haben sie keinen besonderen Wert. Und der Titel Mahatma, den sie mir eingetragen haben, hat deshalb noch weniger Wert. Oft hat mich dieser Titel tief gepeinigt. Ich kann mich keines Augenblicks erinnern, in dem es hätte heißen können, er habe einen Reiz für mich. Aber gewiß ist es verlockend für mich, meine Experimente im spirituellen Bereich zu erzählen, die nur mir selbst bekannt sind und aus denen ich die Kraft für meine Wirksamkeit auf dem politischen Felde geschöpft habe. Wenn die Experimente wirklich spiritueller Natur sind, lassen sie für Selbstlob keinen Raum. Sie können meine Demut nur verstärken. Je mehr ich in meine Vergangenheit zurückblicke und darüber nachdenke, um so lebhafter empfinde ich meine Grenzen.

    Was ich erreichen möchte – wofür ich diese dreißig Jahre hindurch gekämpft und gelitten habe –, ist Selbstverwirklichung, Gott von Angesicht zu Angesicht zu sehen, Moksha* zu erlangen. In der Verfolgung dieses Zieles lebe ich, bewege ich mich und bin ich. Alles, was ich redend und schreibend tue, alles, was ich auf dem politischen Felde wage, ist auf dieses Ziel ausgerichtet. Doch da ich stets glaubte, was einem Einzelmenschen möglich ist, sei allen möglich, geschahen meine Experimente nicht im Verborgenen, sondern in der Öffentlichkeit. Und ich glaube nicht, daß dies ihrem spirituellen Wert Abbruch getan hat. Es gibt einiges, was nur dem einzelnen selbst und seinem Schöpfer bekannt ist. Das ist offensichtlich nicht mitteilbar. Die Experimente, über die ich gerade berichten will, sind nicht solcher Art. Sie sind spirituell oder besser moralisch; denn das Wesen der Religion ist Moralität.

    Nur solche religiösen Fragen, die ebensogut von Kindern wie von Älteren verstanden werden können, werden in diese Geschichte einbezogen. Wenn ich sie im Geiste der Leidenschaftslosigkeit und Demut erörtern kann, werden viele andere Experimentatoren darin Hilfe für ihren eigenen Weg finden. Fern sei es mir, für diese Experimente irgendeinen Grad von Vollkommenheit in Anspruch zu nehmen. Ich beanspruche für sie nicht mehr als ein Wissenschaftler, der, obzwar er seine Experimente mit höchster Sorgfalt, Umsicht und Genauigkeit ausführt, für seine Schlußfolgerungen nie irgendwelche Endgültigkeit behauptet, sondern im Hinblick auf sie die Offenheit des Geistes bewahrt.

    Ich bin durch tiefe Selbstbeobachtung gegangen, habe mich selbst immer wieder zu durchschauen gesucht und jede psychische Situation geprüft und analysiert. Gleichwohl bin ich weit davon entfernt, für meine Schlußfolgerungen irgendwelche Endgültigkeit oder Unfehlbarkeit zu beanspruchen. Einen Anspruch allerdings erhebe ich, und das ist dieser: Für mich scheinen sie völlig zwingend und zur Zeit endgültig zu sein. Wären sie das nicht, so könnte ich kein Handeln auf sie gründen. Doch bei jedem Schritt habe ich ihr Für und Wider sorgsam abgewogen und demgemäß gehandelt. Und solange meine Taten meinen Verstand und mein Herz befriedigen, muß ich meinen ursprünglichen Schlüssen treu bleiben.

    Hätte ich nur akademische Grundsätze zu erörtern, so würde ich sicherlich nicht den Versuch einer Autobiographie unternehmen. Da es aber meine Absicht ist, einen Bericht über die verschiedenen praktischen Anwendungen dieser Grundsätze zu geben, habe ich den Kapiteln, die ich schreiben will, den Titel gegeben „Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit". Sie wird natürlich Experimente mit Nichtgewalt, Keuschheit und anderen Grundsätzen des Verhaltens umfassen, die als von der Wahrheit verschieden gelten. Doch für mich ist Wahrheit das Grundprinzip, das viele andere Prinzipien in sich schließt. Diese Wahrheit ist nicht nur Wahrhaftigkeit im Reden, sondern auch Wahrhaftigkeit im Denken, und nicht nur die relative Wahrheit unseres Begriffs, sondern die absolute Wahrheit, das ewige Prinzip, das heißt Gott. Es gibt unzählige Definitionen von Gott, weil seine Manifestationen unzähligesind. Sie überwältigen mich in Bewunderung und Ehrfurcht und betäuben mich für einen Augenblick. Doch ich bete Gott nur als Wahrheit an. Ich habe ihn noch nicht gefunden, aber ich suche ihn. Ich bin bereit, das mir Teuerste diesem Suchen aufzuopfern. Selbst wenn das Opfer mein Leben fordern sollte, hoffe ich, zu seiner Hingabe bereit zu sein. Doch solange ich diese absolute Wahrheit nicht verwirklicht habe, muß ich mich an die relative Wahrheit halten, wie ich sie verstanden habe. Diese relative Wahrheit muß einstweilen mein Licht, mein Schild und Schirm sein. Obwohl dieser Weg schmal und eng ist und scharf wie des Messers Schneide, ist er für mich der kürzeste und leichteste gewesen. Selbst meine Fehler, groß wie der Himalaya, sind mir unbedeutend vorgekommen, weil ich mich strikt auf diesem Weg gehalten habe. Denn der Weg hat mich davor bewahrt, zu Schaden zu kommen, und ich bin nach meiner Einsicht fortgeschritten. Bei meinem Fortschritt habe ich oft schwache Schimmer der absoluten Wahrheit, Gottes, erhascht, und täglich wächst in mir die Überzeugung, daß er allein wirklich ist und alles andere unwirklich. Möge begreifen, wer will, wie diese Überzeugung in mir Wurzel gefaßt hat; möge er an meinen Experimenten teilnehmen und, wenn er kann, auch meine Überzeugung teilen. Ferner ist mir die Überzeugung zugewachsen, was für mich möglich ist, sei auch für ein Kind möglich, und ich habe gute Gründe, so zu sprechen. Die Mittel der Wahrheitssuche sind ebenso einfach, wie sie schwierig sind. Sie mögen einem hochmütigen Menschen gänzlich unmöglich und einem unschuldigen Kind sehr wohl möglich erscheinen. Der Wahrheitssucher muß demütiger sein als der Staub. Die Welt tritt den Staub unter ihre Füße, doch der Wahrheitssucher sollte sich selbst so demütigen, daß selbst der Staub ihn zermalmen könnte. Nur dann, und nicht vorher, wird er einen Schimmer der Wahrheit erhaschen. Das Gespräch zwischen Vasishtha und Vishwamitra macht dies vollkommen klar. Auch Christentum und Islam bestätigen es zur Genüge.

    Wenn irgend etwas, das ich auf diesen Seiten schreibe, beim Leser den Eindruck erweckt, von Eitelkeit gefärbt zu sein, so muß er annehmen, daß etwas bei meiner Wahrheitssuche nicht stimmt und daß meine Einblicke nur Täuschungen sind. Mögen Hunderte wie ich umkommen, doch die Wahrheit laßt siegen! Laßt uns das Niveau der Wahrheit auch nicht um Haaresbreite senken, weil Sterbliche wie ich falsch darüber urteilen mögen.

    Ich hoffe und bete, es möge niemand die in den folgenden Kapiteln verstreuten Empfehlungen als autoritativ auffassen. Die berichteten Experimente sollen als Illustrationen angesehen werden, in deren Licht jedermann seine eigenen Experimente ausführen mag nach seinen eigenen Neigungen und Fähigkeiten. Ich habe das Vertrauen, daß in diesem beschränkten Ausmaß die Illustrationen wirklich hilfreich sein werden; denn ich werde häßliche Dinge, die gesagt werden müssen, weder verschweigen noch abschwächen. Ich möchte den Leser vollständig mit all meinen Fehlern und Irrtümern bekanntmachen. Meine Absicht ist, Experimente in der Wissenschaft von Satyagraha zu beschreiben, nicht zu sagen, wie gut ich bin. In der Beurteilung meiner selbst will ich versuchen, so hart wie die Wahrheit zu sein, und ich habe den Wunsch, daß andere ebenso verfahren. Wenn ich mich an solcher Norm messe, muß ich mit Surdas ausrufen:

    Wo gibt's ein armes Wesen / So schlecht und abscheulich wie ich?

    Ich hab' meinen Meister verlassen, / So treulos war ich.

    Denn es ist eine ständige Marter für mich, noch so fern von dem zu sein, der, wie ich genau weiß, jeden Atemzug meines Lebens lenkt und dessen Geschöpf ich bin. Ich weiß, es sind die üblen Leidenschaften im Innern, die mich von ihm fernhalten und von denen ich dennoch nicht loskommen kann.

    Doch ich muß schließen. Ich kann nur im nächsten Kapitel die eigentliche Geschichte beginnen.

    Im Ashram, Sabarmati, 26. November 1925

    M. K. Gandhi


    * Freisein von Geburt und Tod. Im Deutschen meist mit „Befreiung" wiedergegeben (d. H.).

    Erster Teil

    Geburt und Abstammung

    Die Gandhis gehören zur Bania-Kaste und scheinen ursprünglich Krämer gewesen zu sein. Aber drei Generationen hindurch, von meinem Großvater ab, sind sie Premierminister in verschiedenen Kathiawad- Staaten gewesen. Uttamchand Gandhi alias Ota Gandhi, mein Großvater, muß ein Mann mit Grundsätzen gewesen sein. Politische Intrigen zwangen ihn, Porbandar, wo er Diwan (Premierminister) war, zu verlassen und Zuflucht in Junagadh zu suchen. Dort begrüßte er den Nabob mit der linken Hand. Jemand, der diese scheinbare Unhöflichkeit bemerkte, bat um eine Erklärung, die wie folgt lautete: „Die rechte Hand ist schon Porbandar verpfändet."

    Ota Gandhi heiratete ein zweites Mal, nachdem er seine erste Frau verloren hatte. Er hatte von seiner ersten Frau vier Söhne, von seiner zweiten Frau zwei. Ich glaube nicht, daß ich in meiner Kindheit je das Gefühl hatte oder erfuhr, daß diese Söhne Ota Gandhis nicht alle von derselben Mutter stammten. Der fünfte dieser sechs Brüder war Karamchand Gandhi, alias Kaba Gandhi, der sechste war Tulsidas Gandhi. Diese beiden Brüder waren nacheinander Premierminister in Porbandar. Kaba Gandhi war mein Vater. Er gehörte zum Hofe des Rajas von Porbandar. Dieser besteht jetzt nicht mehr, doch in jenen Tagen war er eine sehr einflußreiche Körperschaft zur Schlichtung von Streitfällen zwischen den Familienhäuptern und ihren Angehörigen. Eine Zeitlang war mein Vater Premierminister in Rajkot und später in Vankaner. Als er starb, war er Pensionär des Staates Rajkot.

    Kaba Gandhi heiratete viermal hintereinander, nachdem er jedesmal seine Frau durch Tod verloren hatte. Aus seiner ersten und zweiten Ehe gingen zwei Töchter hervor. Seine letzte Frau, Putlibai, gebar ihm eine Tochter und drei Söhne, deren jüngster ich bin.

    Mein Vater liebte seine Familie, war wahrheitsliebend, tapfer und großmütig, aber von hitzigem Temperament. In gewissem Grade mag er auch sinnlichen Freuden zugetan gewesen sein. Denn er heiratete zum viertenmal, als er schon über vierzig war. Doch war er unbestechlich und machte sich einen Namen durch seine strikte Unparteilichkeit sowohl innerhalb wie außerhalb seiner Familie. Seine Loyalität dem Staat gegenüber war wohlbekannt. Ein Assistant Political Agent (Politischer Berater) sprach beleidigend von seinem Herrn, dem Rajkot Thakore Saheb. Kaba Gandhi widersprach dieser Beleidigung. Der Berater wurde wütend und verlangte, daß Kaba Gandhi sich entschuldige. Der weigerte sich, dies zu tun, und wurde deshalb ein paar Stunden lang eingesperrt. Doch als der Berater sah, daß Kaba Gandhi unerschütterlich blieb, gab er Befehl, ihn freizulassen.

    Mein Vater hatte nie den Ehrgeiz, Reichtümer zu sammeln. Er hinterließ uns nur ein kleines Erbe.

    Er besaß keine Bildung außer der durch Erfahrung. Allenfalls könnte man sagen, er habe den Ansprüchen der 5. Klasse des Gujarati-Standards genügt. Von Geschichte und Geographie wußte er nichts. Doch seine reiche Erfahrung in praktischen Dingen kam ihm zustatten bei der Lösung der verwickeltsten Fragen und bei der Leitung von Hunderten von Menschen. An religiöser Bildung besaß er sehr wenig, doch hatte er jene Art religiöser Kultur, die häufiger Tempelbesuch und das Anhören religiöser Vorträge vielen Hindus zugänglich macht. In seinen letzten Tagen begann er auf Drängen eines der Familie befreundeten Brahmanen, die Gita zu lesen, und pflegte er täglich zur Zeit des Gottesdienstes einige Verse laut zu wiederholen.

    Der Haupteindruck, den meine Mutter in meinem Gedächtnis hinterlassen hat, ist der von Heiligkeit. Sie war tief religiös. Nie wäre es ihr eingefallen, ihre Mahlzeit ohne die täglichen Gebete einzunehmen. Haveli – den Vaishnava-Tempel zu besuchen, gehörte zu ihren täglichen Pflichten. Soweit mein Gedächtnis zurückreicht, kann ich mich nicht entsinnen, daß sie je Chaturmas versäumt hätte. Sie konnte die härtesten Gelübde auf sich nehmen und halten, ohne zu wanken. Krankheit war keine Entschuldigung, darin lax zu werden. Ich kann mich erinnern, daß sie einst erkrankte, während sie das Chandrayana-Gelübde hielt, aber sie gestattete der Krankheit nicht, dessen Befolgung zu unterbrechen. Zwei oder drei Fasten hintereinander einzuhalten, machte ihr nichts aus. Während des Chaturmas von einer Mahlzeit am Tag zu leben, war eine ihrer Gewohnheiten. Nicht genug damit, fastete sie während eines Chaturmas jeden zweiten Tag gänzlich. Während eines anderen Chaturmas tat sie das Gelübde, keine Nahrung zu sich zu nehmen, solange sie nicht die Sonne sähe. Wir Kinder standen in jenen Tagen und blickten zum Himmel empor, darauf wartend, unserer Mutter das Erscheinen der Sonne zu melden. Jeder weiß, daß in der Mitte der Regenzeit die Sonne oft ihr Antlitz nicht zu zeigen geruht. Und ich erinnere mich an Tage, wo wir, wenn sie plötzlich erschien, zur Mutter hineinstürzten, um ihr das anzuzeigen. Sie eilte dann hinaus, um mit eigenen Augen nachzusehen, aber inzwischen war die flüchtige Sonne schon wieder verschwunden, sie so ihrer Mahlzeit beraubend. „Das macht nichts, sagte sie heiter, „Gott will nicht, daß ich heute esse. Und dann kehrte sie zu ihrem Pflichtenkreis zurück.

    Meine Mutter hatte einen ausgeprägten gesunden Menschenverstand. Über alle Vorgänge im Staat war sie gut unterrichtet, und Hofdamen hielten viel von ihrer Intelligenz. Oft begleitete ich sie, mit dem Vorrecht der Kindheit, und ich erinnere mich noch an manches lebhafte Gespräch, das sie mit der verwitweten Mutter des Thakore Saheb führte.

    Diesen Eltern wurde ich am 2. Oktober 1869 zu Porbandar geboren, das auch als Sudamapuri bekannt ist. Ich verlebte meine Kindheit in Porbandar. Ich erinnere mich, wie ich zur Schule geschickt wurde. Nur mit einiger Schwierigkeit konnte ich mit den Rechentafeln fertig werden. Die Tatsache, daß ich mich aus jenen Tagen an nichts weiter erinnern kann, als daß ich gemeinsam mit andern Kindern lernte, unserem Lehrer alle Arten von Spitznamen zu geben, spricht stark dafür, daß mein Intellekt träge und mein Gedächtnis roh war.

    Kindheit

    Ich muß etwa sieben Jahre alt gewesen sein, als mein Vater von Porbandar nach Rajkot übersiedelte, um Mitglied des dortigen Hofes des Rajas zu werden. Hier wurde ich in die Grundschule geschickt, und ich kann mich gut an jene Tage erinnern, einschließlich der Namen und anderer Einzelheiten der Lehrer, die mich unterrichteten. Wie in Porbandar, so ist hier kaum etwas über meine Studien zu vermerken. Ich kann nur ein mittelmäßiger Schüler gewesen sein. Von dieser Schule kam ich auf die Vorstadtschule und dann auf die Oberschule, als ich schon zwölf geworden war. Ich entsinne mich nicht, während dieser kurzen Zeitspanne je gelogen zu haben, weder vor meinen Lehrern noch vor meinen Schulkameraden. Ich war meist sehr scheu und mied alle Gemeinschaft. Meine Bücher und meine Lektionen waren meine einzigen Gefährten. Mit dem Glockenschlag in der Schule zu sein und wieder nach Hause zu eilen, sobald die Schule aus war, das war meine tägliche Gewohnheit. Ich rannte buchstäblich, denn ich konnte es nicht ertragen, mit jemandem zu reden. Ich fürchtete sogar, es könne sich jemand über mich lustig machen.

    Es gibt einen Vorfall, der sich bei der Prüfung während meines ersten Jahres auf der Oberschule zutrug und der es verdient, wiedergegeben zu werden. Mr. Giles, der Erziehungsinspektor, war zu einem Inspektionsbesuch gekommen. Als Buchstabierübung ließ er uns fünf Worte schreiben. Eines dieser Worte war „kettle (Kessel). Ich hatte es falsch buchstabiert. Der Lehrer versuchte mir mit seiner Stiefelspitze zu helfen, doch ich wollte mir nicht helfen lassen. Es war mir unbegreiflich, daß er wollte, ich möchte die Buchstabierung von der Schiefertafel meines Nachbarn abschreiben, denn ich war des Glaubens, der Lehrer sei da, um uns vom Abschreiben fernzuhalten. Das Ergebnis war, daß alle Jungen außer mir jedes Wort richtig buchstabiert hatten. Nur ich war dumm gewesen. Der Lehrer versuchte nachher, mir diese Dummheit klarzumachen, aber ohne Erfolg. Ich konnte die Kunst des „Abguckens nie lernen.

    Doch dieser Vorfall minderte meinen Respekt vor meinem Lehrer nicht im geringsten. Ich war von Natur aus blind gegenüber den Fehlern Älterer. Später erfuhr ich noch von manchen anderen Schwächen dieses Lehrers, doch meine Achtung vor ihm blieb gleich. Denn ich hatte gelernt, die Weisungen der Älteren auszuführen, nicht aber ihre Handlungen kritisch zu prüfen.

    Zwei andere in den gleichen Zeitabschnitt gehörige Vorfälle haben sich für immer meinem Gedächtnis eingeprägt. In der Regel hatte ich einen Widerwillen, etwas außer meinen Schulbüchern zu lesen. Die täglichen Aufgaben mußten erledigt werden, denn es gefiel mir nicht, von meinem Lehrer zur Rede gestellt zu werden, wie es mir auch nicht lag, ihn zu enttäuschen. Deshalb mußte ich die Aufgaben machen, doch oft, ohne mit meinen Gedanken dabeizusein. Wenn also nicht einmal die Schulaufgaben sorgfältig gemacht werden konnten, war erst recht keine Rede davon, noch etwas zusätzlich zu lesen. Aber einmal fiel mein Blick auf ein Buch, das mein Vater gekauft hatte. Es hieß Shravana Pitribhakti Nataka (ein Stück über Shravanas Ergebenheit gegenüber seinen Eltern).

    Ich las es mit größtem Interesse. Fast zur gleichen Zeit kamen wandernde Schausteller in unseren Ort. Eines der Bilder, die sie zeigten, stellte Shravana dar, wie er mittels an seiner Schulter befestigter Schlingen seine blinden Eltern in einem Pilgerzug trägt. Das Buch und das Bild hinterließen einen unauslöschlichen Eindruck in meinem Gemüt. „Hier ist ein Beispiel, dem du nacheifern sollst", sagte ich mir. Die herzzerreißende Klage der Eltern über Shravanas Tod ist mir noch frisch im Gedächtnis. Der rührende Ton bewegte mich tief, und ich spielte ihn auf einer Ziehharmonika, die mein Vater für mich gekauft hatte.

    Es gab einen ähnlichen Vorfall, der mit einem anderen Stück zusammenhing. Gerade zu jener Zeit hatte ich von meinem Vater die Erlaubnis erhalten, die Aufführung einer Schauspielergruppe zu sehen. Das Stück – Harishchandra – nahm mein Herz gefangen. Ich wurde nicht müde, es mir anzusehen. Doch wie oft würde mir erlaubt, hinzugehen? Das verfolgte mich, und ich muß mir selbst Harishchandra unzählige Male vorgespielt haben. „Warum sollten nicht alle so wahrheitsliebend sein wie Harishchandra?" – diese Frage stellte ich mir immer wieder. Der Wahrheit folgen und alle Prüfungen durchmachen, die Harishchandra zu bestehen hatte, das war das Ideal, womit mich das Stück erfüllte. Ich glaubte buchstäblich an die Geschichte Harishchandras. Der Gedanke an all das ließ mich oft weinen. Heute sagt mir der gesunde Menschenverstand, daß Harishchandra keine geschichtliche Person gewesen sein könnte. Gleichwohl sind Harishchandra wie Shravana noch immer lebendige Wirklichkeiten für mich, und ich bin sicher, falls ich diese Stücke heute wieder lesen sollte, würden sie mich so wie damals bewegen.

    Kinderheirat

    Was gäbe ich darum, wenn ich dieses Kapitel nicht zu schreiben brauchte; denn ich weiß, daß ich im Laufe seiner Erzählung so manche bittere Pille schlucken muß. Doch ich kann nicht anders handeln, wofern ich ein Verehrer der Wahrheit sein will. Es ist meine peinliche Aufgabe, hier von meiner Verheiratung im Alter von dreizehn Jahren zu berichten. Wenn ich die jungen Leute gleichen Alters um mich sehe, die meiner Obhut unterstehen, und an meine eigene Verheiratung denke, fühle ich mich versucht, mich selbst zu bedauern und sie zu beglückwünschen, daß ihnen mein Los erspart geblieben ist. Ich vermag kein sittliches Argument zu sehen, mit dem sich eine so absurd frühe Ehe rechtfertigen ließe.

    Der Leser mißverstehe mich nicht. Ich wurde verheiratet, nicht verlobt. Denn in Kathiawad gibt es zwei verschiedene Riten: Verlobung und Verheiratung. Verlobung ist ein vorläufiges Versprechen seitens der Eltern des Jungen und Mädchens, sie miteinander zu verheiraten, und es ist nicht unlösbar. Der Tod des Jungen zieht für das Mädchen keine Witwenschaft nach sich. Es ist nur eine Absprache zwischen den Eltern, und die Kinder haben nichts damit zu tun. Es scheint, daß ich dreimai verlobt wurde, ohne daß ich davon wußte. Man hat mir gesagt, daß zwei für mich bestimmte Mädchen hintereinander gestorben waren, und daraus schließe ich, daß ich dreimal verlobt wurde. Ich habe zwar eine dunkle Erinnerung, daß meine dritte Verlobung in meinem siebenten Jahr erfolgte. Aber ich entsinne mich nicht, daß ich darüber unterrichtet wurde. Meine Verheiratung aber habe ich ganz deutlich im Gedächtnis.

    Man erinnere sich, daß wir drei Brüder waren. Der erste war schon verheiratet. Die Eltern beschlossen, meinen zweiten Bruder, der zwei oder drei Jahre älter war als ich, einen Vetter, der etwa ein Jahr älter war, und mich gleichzeitig zu verheiraten. Dabei wurde nicht an unser Wohlergehen, noch weniger an unsere Wünsche gedacht. Es wurden einzig die Bequemlichkeit der Eltern und die Sparsamkeit berücksichtigt.

    Heiraten unter Hindus sind keine einfache Angelegenheit. Oft ruinieren sich die Eltern der Braut und des Bräutigams dabei. Sie vergeuden ihr Vermögen, sie vergeuden ihre Zeit. Monate gehen mit den Vorbereitungen drauf: mit der Beschaffung von Kleidern und Schmuck und der Aufstellung der Speisefolgen für die Festmähler. Jeder versucht, den anderen an Zahl und Verschiedenheit der zu bereitenden Gänge zu übertrumpfen. Frauen, ob sie eine Stimme haben oder nicht, singen sich heiser oder sogar krank und stören die Ruhe ihrer Nachbarn. Diese nehmen ihrerseits all diesen Aufruhr und Tumult, all den Staub und Dreck, der den Überrest der Festlichkeit bildet, ruhig hin, weil sie wissen, daß die Zeit kommen wird, da sie sich ebenso benehmen werden.

    Es wäre besser, dachten meine Eltern, all diese Schererei auf einmal und gleichzeitig hinter sich zu bringen. Das gäbe weniger Kosten und mehr Aufsehen. Denn Geld konnte reichlich ausgegeben werden, wenn es nur einmal für drei Hochzeiten aufzubringen war. Mein Vater und mein Onkel waren beide alt, und es waren die letzten Kinder, die sie zu verheiraten hatten. Es ist wahrscheinlich, daß sie in ihrem Leben noch einmal eine letzte große Feier mitmachen wollten. Aus all diesen Erwägungen entschloß man sich zu einer dreifachen Hochzeit, und, wie ich vorhin sagte, Monate gingen für die Vorbereitungen dazu drauf.

    Einzig durch diese Vorbereitungen bekamen wir einen Hinweis auf das, was kommen sollte. Ich glaubte nicht, daß es etwas anderes bedeutete als die Aussicht auf das Tragen guter Kleider, Trommelklang, Hochzeitszug, reichliche Mahlzeiten und das Spielen mit einem fremden Mädchen. Die Fleischeslust kam später. Ich möchte über meine Schande den Schleier breiten, einige Einzelheiten ausgenommen, die es wert sind, mitgeteilt zu werden. Auf sie werde ich später zu sprechen kommen. Doch auch sie haben wenig mit der Grundidee zu tun, die mich beim Schreiben dieser Geschichte leitet.

    So wurden mein Bruder und ich aus Rajkot nach Porbandar gebracht. Es gibt ein paar amüsante Einzelheiten bei den Präliminarien zum schließlichen Drama – zum Beispiel, daß wir am ganzen Körper mit Gelbwurzsalbe eingerieben wurden –, doch ich muß sie fortlassen.

    Mein Vater war ein Diwan, gleichwohl ein Bediensteter, und das um so mehr, als er bei dem Thakore Saheb in Gunst stand. Dieser wollte ihn erst im letzten Augenblick reisen lassen. Als es soweit war, bestellte er eine Extrapost für ihn, die seine Reise um zwei Tage verkürzen sollte. Aber das Schicksal hatte es anders bestimmt. Porbandar liegt 120 Meilen von Rajkot entfernt – eine Wagenreise von fünf Tagen. Mein Vater legte die Entfernung in drei Tagen zurück, doch auf der dritten Etappe kippte der Wagen um, und mein Vater erlitt schwere Verletzungen. Er kam völlig verbunden an. Sein und unser Interesse am kommenden Ereignis war halbwegs zerstört, aber die Feier wollte überstanden werden. Denn wie hätte man den Hochzeitstermin ändern können? Ich vergaß jedoch meine Betrübnis über Vaters Verletzungen in dem kindlichen Vergnügen an der Hochzeit.

    Ich war meinen Eltern ergeben. Doch nicht minder ergeben war ich den Leidenschaften, deren Erbe das Fleisch ist. Ich hatte noch zu lernen, daß alles Glück und Vergnügen dem ergebenen Dienst an meinen Eltern aufgeopfert werden müsse. Und doch, als wäre er zur Strafe für mein Verlangen nach sinnlichen Freuden ausgedacht, ereignete sich ein Vorfall, der seither ständig an meinem Gewissen genagt hat und den ich später erzählen werde. Nishkulanand sagt: „Verzicht auf Dinge ohne Verzicht auf Wünsche ist kurzlebig, wie energisch man ihn auch versuchen mag." Sooft ich dieses Lied singe oder singen höre, tritt dieser bittere widerwärtige Vorfall wieder in mein Gedächtnis und erfüllt mich mit Scham.

    Mein Vater hielt sich wacker trotz seiner Verletzungen und nahm voll an der Hochzeit teil. Wenn ich daran denke, kann ich mir noch heute die Stellen vor das geistige Auge rufen, an denen er saß, als er den verschiedenen Einzelheiten der Zeremonie folgte. Ich hätte es mir damals nicht träumen lassen, daß ich eines Tages meinen Vater deshalb stark kritisieren sollte, weil er mich als Kind verheiratet hatte. Alles schien mir an diesem Tage recht und gut und erfreulich. Es war also mein eigenes Verlangen, verheiratet zu werden. Und da mir alles, was mein Vater tat, damals völlig untadelig vorkam, ist die Erinnerung an diese Dinge frisch in meinem Gedächtnis. Ich kann mir sogar heute noch ausmalen, wie wir an unserem Hochzeitstage saßen, wie wir den Saptapadi-Ritus vollführten, wie wir als eben verheirateter Mann und Frau einander süßen Kansar in den Mund steckten und wie wir gemeinsam zu leben begannen. Ach, diese erste Nacht! Zwei unschuldige Kinder stürzten sich völlig unwissend in den Ozean des Lebens. Die Frau meines Bruders hatte mich über mein Verhalten in der ersten Nacht instruiert. Wer meine Frau instruiert hatte, weiß ich nicht. Ich habe sie nie danach gefragt, noch habe ich Lust, das jetzt zu tun. Der Leser kann glauben, daß wir zu nervös waren, um einander ins Gesicht zu sehen. Sicherlich waren wir zu befangen. Wie sollte ich mit ihr reden, und was sollte ich ihr sagen? Die Instruktion konnte mir dabei nicht weiterhelfen. Tatsächlich aber ist in solchen Dingen keine Instruktion wirklich nötig. Die Eindrücke der früheren Geburt sind mächtig genug, um alle Instruktionen überflüssig zu machen. Wir begannen nach und nach, einander zu erkennen und frei miteinander zu sprechen. Wir waren gleichaltrig. Aber ich verlor keine Zeit, das Recht des Ehemanns geltend zu machen.

    Ich spiele den Ehemann

    Um die Zeit meiner Heirat begannen kleine Hefte zu erscheinen, die ein paar Pice oder Pie (ind. Münzen) kosteten (wieviele, habe ich vergessen); darin wurden eheliches Liebesleben, Sparsamkeit, Kinderheirat und ähnliche Themen behandelt. Wann immer mir solch ein Heft in die Hand kam, pflegte ich es von vorn bis hinten zu lesen, und es war meine Gewohnheit zu vergessen, was mich nicht ansprach, und in die Praxis zu übersetzen, was mir einleuchtete. Lebenslange Treue zur Frau, wie sie in diesen Büchlein als Pflicht des Ehemanns eingeschärft wurde, blieb mir stets ins Herz eingegraben. Außerdem war mir die Leidenschaft für die Wahrheit eingeboren. Die Frau zu betrügen, kam also nicht in Frage. Schließlich gab es in diesem zarten Alter sehr wenig Gelegenheit, treulos zu werden.

    Doch die Lehre der ehelichen Treue hatte auch eine unerwartete Wirkung. „Wenn ich mich verpflichten soll, meiner Frau treu zu sein, sagte ich mir, „dann muß sie sich auch verpflichten, mir treu zu sein. Dieser Gedanke machte mich zu einem eifersüchtigen Gatten. Es war leicht, ihre Pflicht in mein Recht zu verwandeln, Treue von ihr zu verlangen, und wenn diese zu fordern war, mußte ich wachsam auf diesem Recht bestehen. Ich hatte durchaus keinen Grund, die Treue meiner Frau anzuzweifeln, aber Eifersucht kümmert sich nicht um Gründe. Ich mußte durchaus ständig auf der Lauer sein und auf ihre Bewegungen aufpassen, und deshalb durfte sie ohne meine Erlaubnis nirgendwohin gehen. Dies gab Anlaß zu einem heftigen Streit zwischen uns. Die Beschränkung war eigentlich eine Art Gefangenschaft. Und Kasturbai war nicht das Mädchen, das so etwas duldete. Sie bestand darauf auszugehen, wann und wohin sie wollte. Verschärfte Beschränkung meinerseits führte dazu, daß sie sich um so mehr Freiheit herausnahm, und darüber wurde ich immer verdrießlicher. Es gehörte für uns verheiratete Kinder zur Tagesordnung, nicht miteinander zu sprechen. Ich denke, Kasturbai war dabei ganz unschuldig, wenn sie sich gegenüber meinen Beschränkungen Freiheiten herausgenommen hatte. Wie konnte ein argloses Mädchen es als Bruch einer Beschränkung empfinden, wenn es in den Tempel oder auf Besuch zu Freunden ging? Wenn ich das Recht hatte, ihr Beschränkungen aufzuerlegen, hatte sie nicht ein gleiches Recht? Heute ist mir das alles klar. Doch damals mußte ich meine Autorität als Ehemann geltend machen.

    Trotzdem darf der Leser nicht meinen, wir hätten ein völlig verbittertes Leben geführt. Denn all meine Strenge hatte ihre Wurzel in Liebe. Ich wollte aus meiner Frau eine ideale Frau machen. Mein Ehrgeiz war, ihr Leben zu einem reinen Leben zu machen, sie zu lehren, was ich lernte, und ihr Leben und Denken mit dem meinen zu identifizieren.

    Ich weiß nicht, ob Kasturbai irgendeinen derartigen Ehrgeiz besaß. Sie war ungebildet. Von Natur aus war sie einfach, unabhängig, beharrlich und, wenigstens mir gegenüber, zurückhaltend. Sie war nicht unzufrieden über ihre Unwissenheit, und ich entsinne mich nicht, daß meine Studien sie je dazu angespornt hätten, sich auf ein ähnliches Abenteuer einzulassen. Ich denke mir daher, daß mein Ehrgeiz völlig einseitig war. Meine Leidenschaft konzentrierte sich ausschließlich auf eine Frau, und ich wünschte, sie erwidert zu sehen. Doch auch wenn keine Gegenseitigkeit bestand, konnte es nicht nur Kummer geben, denn wenigstens auf einer Seite herrschte tätige Liebe.

    Ich muß gestehen, daß ich leidenschaftlich in sie verliebt war. Sogar in der Schule pflegte ich an sie zu denken, und der Gedanke an den Abend und unser dann folgendes Zusammensein verfolgte mich ständig. Trennung war unerträglich. Ich pflegte sie bis spät in die Nacht mit meinem müßigen Geschwätz wachzuhalten. Hätte sich bei mir nicht mit dieser verzehrenden Leidenschaft eine brennende Hingabe an meine Pflicht verbunden, so wäre ich entweder Krankheit und vorzeitigem Tode anheimgefallen oder in ein haltloses Dasein versunken. Aber die vorgeschriebenen Aufgaben mußten jeden Morgen erledigt werden, und irgendwen zu belügen, kam nicht in Frage. Dies letzte bewahrte mich vor manchem Fehltritt.

    Ich sagte schon, daß Kasturbai ungebildet war. Ich war sehr erpicht darauf, sie zu unterrichten, doch die Wollust ließ mir dazu keine Zeit. Einmal hätte der Unterricht gegen ihren Willen geschehen müssen und obendrein zur Nachtzeit. Ich wagte nicht, sie im Beisein der Eltern zu treffen, noch weniger, mit ihr zu sprechen. Kathiawad hatte damals – hat es in gewissem Grad noch heute – sein besonderes, unnützes und barbarisches Purdah. Die Umstände waren also ungünstig. Ich muß daher gestehen, daß meine Versuche, Kasturbai in unserer Jugend zu belehren, erfolglos blieben. Und als ich aus dem Schlaf der Wollust erwachte, hatte ich mich schon tief in öffentliche Wirksamkeit gestürzt, die mir nicht viel freie Zeit ließ. Ich versäumte es auch, sie durch Hauslehrer unterrichten zu lassen. Als Resultat kann Kasturbai jetzt mit Mühe einfache Briefe schreiben und das einfache Gujarati verstehen. Ich bin gewiß, wäre meine Liebe zu ihr völlig frei von Wollust gewesen, so wäre sie jetzt eine gebildete Dame. Denn mit ihrer Abneigung gegen das Studieren hätte ich fertig werden können. Ich weiß, daß reiner Liebe nichts unmöglich ist.

    Ich habe einen Umstand erwähnt, der mich mehr oder weniger vor den Schäden wollüstiger Liebe bewahrte. Es gibt noch einen anderen, der vermerkt zu werden verdient. Viele Beispiele haben mich überzeugt, daß Gott schließlich den rettet, dessen Motiv rein ist. Neben dem grausamen Brauch der Kinderheirat hat die Hindugesellschaft einen anderen Brauch, der in gewissem Grade die Übel des ersten vermindert. Die Eltern erlauben jungen Paaren nicht, lange zusammenzubleiben. Die Kindfrau verbringt über die Hälfte ihrer Zeit in ihres Vaters Haus. So war es auch bei uns. Das bedeutet, daß wir während der ersten fünf Jahre unseres Ehelebens (im Alter von dreizehn bis achtzehn) nicht länger als insgesamt drei Jahre zusammengelebt haben. Wir konnten kaum sechs Monate zusammen verbracht haben, als meine Frau von ihren Eltern heimgerufen wurde. Solche Abrufe waren uns damals höchst unwillkommen, doch sie retteten uns beide. Mit achtzehn Jahren reiste ich nach England, und das bedeutete eine lange und heilsame Trennungszeit. Auch nach meiner Rückkehr aus England blieben wir kaum länger als sechs Monate zusammen. Denn ich mußte zwischen Rajkot und Bombay hin- und herreisen. Dann kam der Ruf aus Südafrika, und er fand mich schon ziemlich frei von fleischlichem Begehren.

    Auf der Oberschule

    Ich sagte schon, daß ich auf der Oberschule lernte, als ich verheiratet wurde. Wir drei Brüder lernten auf derselben Schule. Der älteste Bruder war in einer viel höheren Klasse, und der Bruder, der gleichzeitig mit mir verheiratet wurde, war nur eine Klasse über mir. Für uns beide bedeutete die Heirat den Verlust eines Jahres. Tatsächlich war das Ergebnis für meinen Bruder sogar noch schlechter, denn er gab das Studieren überhaupt auf. Weiß der Himmel, wieviele junge Leute in gleichem Zustand wie er sind. Nur in unserer jetzigen Hindu-Gesellschaft gehen Studieren und Heiraten so Hand in Hand.

    Mein Studium ging weiter. Ich galt auf der Oberschule nicht als ein Dummkopf. Meine Lehrer hatten mich stets gern. Die Zeugnisse in bezug auf Fortschritt und Charakter wurden jedes Jahr den Eltern übersandt. Ich hatte nie ein schlechtes Zeugnis. Tatsächlich gewann ich sogar Preise, nachdem ich in die zweite Klasse gekommen war. In der fünften und sechsten erhielt ich Stipendien von fünf bzw. zehn Rupien, eine Leistung, die ich mehr dem Glück als meinem Verdienst verdankte. Denn die Stipendien standen nicht allen offen, sondern waren reserviert für die besten Jungen unter denen, die aus dem Sorath-Bezirk von Kathiawad kamen. Und in jenen Tagen konnten nicht viele Jungen aus Sorath in einer Klasse von vierzig bis fünfzig gewesen sein.

    Meine eigene Erinnerung besagt, daß ich keine große Meinung von meiner Begabung hatte. Gewöhnlich war ich erstaunt, sooft ich einen Preis oder ein Stipendium gewann. Aber über meinen Charakter wachte ich sehr eifersüchtig. Der kleinste Fehler trieb mir Tränen in die Augen. Wenn ich einen Tadel verdiente oder es dem Lehrer so vorkam, als verdiente ich ihn, war das für mich nicht zu ertragen. Ich erinnere mich, daß ich einst körperlich gezüchtigt wurde. Ich spürte nicht so sehr die Strafe als die Tatsache, daß sie als mir gebührend angesehen wurde. Ich weinte jämmerlich. Das geschah, als ich in der ersten oder zweiten Klasse war. Dann gab es da noch einen anderen Vorfall, während ich in der siebenten Klasse war. Dorabji Edulji Gimi war damals Schuldirektor. Er war bei den Jungen beliebt, ebenso hielt er auf Zucht, war ein methodischer Mensch und ein guter Lehrer. Er hatte Gymnastik und Kricket für die Jungen der oberen Klassen zu Pflichtfächern erhoben. Mir mißfiel beides. Ich nahm nie an einer Turnübung, Kricket oder Fußball teil, ehe sie zu Pflichtfächern wurden. Meine Scheu war einer der Gründe für dieses Abseitsstehen, das ich jetzt für falsch halte. Damals hatte ich die irrige Meinung, gymnastische Übungen hätten nichts mit Erziehung zu tun. Heute weiß ich, daß physisches Training im Leben ebensogut seinen Platz haben muß wie geistiges Training.

    Ich möchte indes erwähnen, daß ich nicht deshalb kümmerlicher war, weil ich nicht am Turnen teilnahm. Der Grund dafür lag darin: ich hatte in Büchern über die Vorteile langer Wanderungen in freier Luft gelesen, eine Empfehlung, die mir einleuchtete. So hatte ich mich an ausgedehnte Spaziergänge gewöhnt und habe diese Gewohnheit heute noch. Diese Spaziergänge gaben mir eine recht kräftige Konstitution.

    Der Grund für meine Abneigung gegen gymnastische Übungen lag in meinem lebhaften Wunsch, meinem Vater als Pfleger zu dienen. Sobald die Schule geschlossen wurde, eilte ich heim und fing meinen Dienst an. Turnen als Pflichtfach stand diesem Dienst im Wege. Ich bat Mr. Gimi, mich von den gymnastischen Übungen zu befreien, damit ich in der Lage sei, meinem Vater zu dienen. Doch er wollte nicht auf mich hören. Nun geschah es eines Sonnabends, als ich morgens Schule gehabt hatte, daß ich um vier Uhr nachmittags von daheim zur Schule zum Turnen gehen mußte. Ich besaß keine Uhr, und der bewölkte Himmel täuschte mich. Ehe ich die Schule erreichte, hatten die Jungen sie schon verlassen. Als Mr. Gimi am nächsten Tag die Präsenzliste prüfte, entdeckte er mein gestriges Fehlen. Nach dem Grund meiner Abwesenheit betragt, sagte ich ihm, was geschehen war. Er glaubte mir nicht und belegte mich mit einer Geldbuße von ein oder zwei Annas (ich kann mich nicht erinnern, wieviel).

    Ich wurde einer Lüge beschuldigt. Das quälte mich tief. Wie war meine Unschuld zu beweisen? Es gab keinen Weg. Ich weinte in tiefem Schmerz. Ich erkannte, daß ein wahrer Mensch auch ein pünktlicher Mensch sein muß. Dies war der erste und letzte Fall meiner Unpünktlichkeit in der Schule. Ich erinnere mich dunkel, daß es mir schließlich gelang, die Geldbuße erlassen zu bekommen. Die Freistellung vom Turnen wurde natürlich erreicht, als mein Vater selbst an den Schuldirektor schrieb und mitteilte, daß er mich nach der Schule daheim brauche.

    Aber wenn ich auch keinen Schaden davon hatte, daß ich das Turnen vernachlässigte, so habe ich doch noch heute unter den Folgen einer anderen Nachlässigkeit zu leiden. Ich weiß nicht, woher ich die Vorstellung hatte, eine gute Handschrift sei kein notwendiger Teil der Erziehung, aber ich blieb bei dieser Meinung, bis ich nach England reiste. Als ich später, besonders in Südafrika, die schöne Handschrift von Rechtsanwälten und jungen Leuten sah, die in Südafrika geboren und erzogen waren, schämte ich mich vor mir selbst und bereute meine Nachlässigkeit. Ich erkannte, daß eine schlechte Handschrift als Zeichen einer unvollkommenen Erziehung anzusehen ist. Ich versuchte später, die meinige zu verbessern, doch es war zu spät. Ich konnte die Nachlässigkeit meiner Jugend nicht wiedergutmachen. Möge jeder Junge und jedes Mädchen sich mein Beispiel zur Warnung dienen lassen und einsehen, daß eine gute Handschrift ein notwendiger Teil der Erziehung ist. Ich bin heute der Meinung, Kinder sollten zuvor im Zeichnen unterwiesen werden, ehe sie schreiben lernen. Das Kind soll seine Buchstaben durch Beobachtung lernen, wie es das bei verschiedenen Gegenständen tut, wie etwa Blumen, Vögel usw., und es soll Schreiben erst lernen, nachdem es Gegenstände zeichnen gelernt hat. Dann wird es eine schöne Handschrift bekommen.

    Noch zwei Erinnerungen aus meinen Schultagen sind berichtenswert. Ich hatte durch meine Heirat ein Jahr verloren, und der Lehrer wünschte, ich möchte den Verlust durch Überspringen einer Klasse wettmachen – ein Vorrecht, das fleißigen Jungen regelmäßig gewährt wird. Ich blieb daher nur sechs Monate in der dritten Klasse und wurde nach den Prüfungen vor den Sommerferien in die vierte Klasse versetzt. In dieser war für die meisten Fächer Englisch die Unterrichtssprache. Ich befand mich in völliger Ratlosigkeit. Geometrie war ein neues Fach, worin ich nicht besonders stark war, und die englische Sprache machte es für mich noch schwieriger. Der Lehrer trug den Gegenstand sehr gut vor, aber ich konnte ihm nicht folgen. Oft verließ mich der Mut, und ich meinte, ich müsse in die dritte Klasse zurückkehren, da ich fühlte, es sei zu ehrgeizig, den Stoff zweier Schuljahre in einem bewältigen zu wollen. Aber das würde nicht nur meinen Ruf schädigen, sondern auch den des Lehrers, denn der hatte, im Vertrauen auf meinen Fleiß, meine Versetzung befürwortet. Die Furcht vor dieser doppelten Blamage hielt mich aufrecht. Als ich, wenn auch mit viel Mühe, den dreizehnten Lehrsatz des Euklid erreicht hatte, ging mir plötzlich das Auge für die äußerste Einfachheit des Themas auf. Ein Thema, das nur den reinen und einfachen Gebrauch der eigenen Verstandeskräfte forderte, konnte nicht schwer sein. Seit diesem Moment ist für mich Geometrie zugleich leicht und interessant gewesen,

    Sanskrit dagegen erwies sich als härtere Aufgabe. In der Geometrie gab es nichts im Gedächtnis zu behalten, während im Sanskrit, meinte ich, alles auswendig zu lernen war. Dies Fach wurde ebenfalls in der vierten Klasse begonnen. Sobald ich in die sechste Klasse kam, wurde ich entmutigt. Der Lehrer war ein harter Zuchtmeister, darauf bedacht, wie es mir schien, die Jungen zu zwingen. Es bestand eine Art Rivalität zwischen den Lehrern des Sanskrit und des Persischen. Der Lehrer des Persischen war mild. Die Jungen pflegten unter sich zu sagen, Persisch sei leicht und der Lehrer des Persischen zu den Schülern gut und rücksichtsvoll. Die „Leichtigkeit" schien mir verlockend, und eines Tages saß ich in der Klasse für Persisch. Der Sanskritlehrer war gekränkt. Er nahm mich beiseite und sagte: „Wie kannst du vergessen, daß du der Sohn eines Vaishnava-Vaters bist? Willst du nicht die Sprache deiner eigenen Religion lernen? Wenn du irgendwelche Schwierigkeiten hast, warum kommst du dann nicht zu mir? Ich möchte euch Schülern das Sanskrit beibringen, so gut ich nur kann. Wenn du weiter darin fortschreitest, wirst du darin höchst fesselnde und interessante Dinge entdecken. Du darfst nicht den Mut verlieren. Komm und setz dich wieder in die Sanskrit-Klasse!"

    Diese Freundlichkeit beschämte mich. Es konnte mir nicht entgehen, daß mich mein Lehrer gern hatte. Heute kann ich nur voller Dank an Krishnashankar Pandya denken. Denn wenn ich nicht das bißchen Sanskrit erworben hätte, das ich damals lernte, wäre es mir schwergefallen, mich irgendwie für unsere Heiligen Schriften zu interessieren. In der Tat bedaure ich tief, daß ich nicht fähig war, mir eine eingehendere Kenntnis der Sprache anzueignen. Denn ich habe seither begriffen, daß jeder Hindu-Junge und jedes Hindu-Mädchen tüchtige Sanskrit-Kenntnisse besitzen sollten.

    Es ist jetzt meine Meinung, daß in allen indischen Lehrplänen für höhere Erziehung – natürlich neben der Muttersprache – Platz sein sollte für Hindi, Sanskrit, Persisch, Arabisch und Englisch. Diese lange Liste braucht niemanden zu erschrecken. Wäre unsere Erziehung systematischer, wären die Jungen frei von der Belastung, ihre Fächer in einer fremden Sprache lernen zu müssen, so bin ich gewiß, daß das Erlernen all dieser Sprachen nicht ein verdrießliches Geschäft, sondern eine reine Freude wäre. Die wissenschaftliche Kenntnis einer Sprache macht die Kenntnis anderer Sprachen verhältnismäßig leicht.

    Tatsächlich können Hindi, Gujarati und Sanskrit als eine Sprache gelten und ebenso Persisch und Arabisch. Obwohl das Persische zur arischen und das Arabische zur semitischen Sprachfamilie gehört, besteht eine enge Beziehung zwischen Persisch und Arabisch, weil beide ihre volle Ausbildung dem Emporkommen des Islams verdanken. Urdu habe ich nicht als eine besondere Sprache angesehen, weil es die Hindi-Grammatik übernommen hat und sein Wortschatz in der Hauptsache persisch und arabisch ist. Daher muß, wer Urdu gut lernen will, Persisch und Arabisch lernen, wie jemand, der Gujarati, Hindi und Bengali oder Marathi gut lernen will, Sanskrit lernen muß.

    Eine Tragödie

    Unter den wenigen Freunden, die ich zu verschiedenen Zeiten auf der Oberschule hatte, konnten zwei als eng gelten. Eine dieser Freundschaften dauerte nicht lange, obgleich ich meinen Freund nie aufgab. Er gab mich auf, weil ich mit dem anderen Freundschaft schloß. Diese zweite Freundschaft betrachte ich als eine Tragödie in meinem Leben. Sie dauerte lange. Ich gestaltete sie im Geiste eines Reformers.

    Dieser Gefährte war ursprünglich meines älteren Bruders Fround; sie waren Klassenkameraden. Ich kannte seine Schwächen, hielt ihn aber für einen treuen Freund. Meine Mutter, mein ältester Bruder und meine Frau warnten mich, ich befände mich in schlechter Gesellschaft. Ich war zu stolz, auf die Warnung meiner Frau zu hören. Doch ich wagte nichts gegen die Meinung meiner Mutter und unseres ältesten Bruders. Dennoch erhob ich Einwände gegen sie und sagte: „Ich weiß, er besitzt die Schwächen, die ihr ihm nachsagt, aber ihr kennt seine Vorzüge nicht. Er kann mich nicht auf Abwege bringen, denn meine Verbindung mit ihm ist dazu bestimmt, ihn zu bessern. Ich bin sicher, wenn er auf einen besseren Weg kommt, wird er ein trefflicher Mensch. Ich bitte euch, macht euch um mich keine Sorgen."

    Ich glaube nicht, daß sie dies zufriedenstellte, doch sie nahmen meine Erklärung an und ließen mich meinen Weg gehen.

    Ich habe seither eingesehen, daß ich mich verrechnet hatte. Ein Reformer kann es sich nicht erlauben, intime Beziehungen zu dem zu unterhalten, den er zu reformieren sucht. Treue Freundschaft ist eine Identität der Seelen, die selten auf Erden zu finden ist. Nur zwischen gleichen Naturen kann Freundschaft wirklich wertvoll und dauerhaft sein. Freunde beeinflussen sich wechselseitig. Daher gibt es in Freundschaften wenig Raum zum Reformieren. Ich bin der Meinung, daß alle ausschließliche Intimität vermieden werden soll, denn der Mensch nimmt vom anderen weit leichter Laster als Tugend an. Und wer mit Gott Freund sein will, muß allein bleiben oder die ganze Welt zu seinem Freund machen. Ich kann mich täuschen, aber mein Versuch, intime Freundschaft zu pflegen, erwies sich als Fehlschlag.

    Eine Welle der „Reform" überflutete Rajkot zu der Zeit, als ich diesem Freund zuerst begegnete. Er teilte mir mit, manche unserer Lehrer genössen heimlich Fleisch und Wein. Er nannte auch die Namen vieler hochangesehenen Leute in Rajkot, die dasselbe täten. Unter ihnen, wurde mir gesagt, seien auch einige Jungen der Oberschule.

    Ich war überrascht und verletzt. Ich fragte meinen Freund, warum sie das täten, und er erklärte es mir so: „Wir sind ein schwaches Volk, weil wir kein Fleisch essen. Die Engländer sind imstande, über uns zu herrschen, weil sie Fleischesser sind. Du weißt, wie kräftig ich bin und was ich für ein großer Läufer bin. Das ist so, weil ich Fleisch esse. Fleischesser haben keine Furunkel und Geschwüre, und selbst wenn sie solche einmal bekommen, heilen die rasch. Unsere Lehrer und bessere Leute, die Fleisch essen, sind keine Narren. Sie wissen, wie gut das ist. Du solltest es auch tun. Es kommt nur auf den Versuch an. Probier's, und du wirst merken, wie stark das macht."

    All diese Empfehlungen des Fleischessens wurden nicht hintereinanderweg gegeben. Sie bilden den Extrakt einer langen und gut durchdachten Argumentation, mit der mich mein Freund von Zeit zu Zeit zu beeinflussen suchte. Mein älterer Bruder war schon gefallen. Sicherlich sah ich neben meinem Bruder und seinem Freund schwächlich aus. Beide waren sie kräftiger, körperlich stärker und unternehmungslustiger. Meines Freundes Taten faszinierten mich. Er konnte große Strekken ungewöhnlich rasch laufen. Er verstand sich auf Hoch- und Weitsprung. Er konnte jedes Maß körperlicher Strafe ertragen. Er prahlte oft mit seinen Taten vor mir, und da man stets geblendet wird, wenn man an anderen Eigenschaften sieht, die einem selbst fehlen, wurde ich von den Taten meines Freundes geblendet. Die Folge war ein starkes Verlangen, wie er zu werden. Ich konnte kaum springen und laufen. Warum sollte ich denn nicht so stark werden wie er?

    Außerdem war ich ein Feigling. Ich wurde oft von der Furcht vor Dieben, Gespenstern und Schlangen geplagt. Ich wagte nicht, nachts vor die Tür zu gehen. Dunkelheit erfüllte mich mit Schrecken. Es war mir fast unmöglich, im Dunkeln zu schlafen, denn ich bildete mir ein, es kämen Gespenster von der einen Seite, Diebe von der anderen und Schlangen von einer dritten. Ich konnte es daher nicht ertragen, ohne Licht im Raum zu schlafen. Wie konnte ich meine Ängste meiner Frau offenbaren, die neben mir schlief und kein Kind war, sondern schon an der Schwelle des Jugendalters stand? Ich wußte, daß sie mutiger war als ich, und empfand Scham über mich. Sie kannte keine Furcht vor Schlangen und Gespenstern. Sie konnte im Dunkeln überall hingehen. Mein Freund kannte diese meine Schwächen. Er sagte mir, er könne lebende Schlangen in der Hand halten und Dieben trotzen und glaube nicht an Gespenster. Und all dies war natürlich das Ergebnis seines Fleischessens.

    Ein Knittelvers des Gujarati-Dichters Narmad war bei uns Schülern in Mode, der so lautet:

    Schau dir den starken Briten an,

    Er beherrscht den kleinen Inder.

    Weil er ein Fleischesser ist,

    Ist er fünf Ellen groß.

    All dies hatte auf mich seine unvermeidliche Wirkung. Ich war geschlagen. Der Gedanke keimte in mir, Fleischessen sei etwas Gutes, es werde mich stark und unternehmend machen, und wenn das ganze Land zum Fleischgenuß überginge, könnten die Engländer überwältigt werden.

    Darauf wurde ein Tag festgelegt, an dem mit dem Experiment begonnen werden sollte. Es mußte insgeheim vor sich gehen. Die Gandhis waren Vaishnavas. Meine Eltern waren besonders strenge Vaishnavas. Sie besuchten regelmäßig den Haveli-Tempel. Die Familie besaß sogar eigene Tempel. Der Jainismus war stark in Gujarat, und sein Einfluß war überall und bei jeder Gelegenheit zu spüren. Widerstand und Abscheu gegen die Fleischesser, wie sie in Gujarat bei den Jains und Vaishnavas bestanden, waren in solcher Strenge nirgendwo sonst in Indien oder außerhalb anzutreffen. Das waren die Traditionen, in denen ich geboren und aufgewachsen war. Und ich war meinen Eltern in höchstem Maße ergeben. Ich wußte, in dem Augenblick, da sie erführen, daß ich Fleisch gegessen hätte, würden sie zu Tode erschrocken sein. Außerdem machte mich meine Wahrheitsliebe besonders vorsichtig. Ich kann nicht behaupten, nichts davon gewußt zu haben, daß ich meine Eltern hintergehen müsse, wenn ich anfing, Fleisch zu essen. Doch mein Geist war auf die „Reform" erpicht. Es ging nicht darum, dem Gaumen zu schmeicheln. Ich wußte nicht, daß es einen besonders guten Geschmack hatte. Mein Wunsch war, stark und tatkräftig zu werden und meine Landsleute ebenso werden zu sehen, damit wir die Engländer besiegen und Indien befreien könnten. Ich hatte das Wort Swaraj noch nicht gehört. Aber ich wußte, was Freiheit bedeutet. Der Wahn der „Reform" machte mich blind. Und da ich für Geheimhaltung gesorgt hatte, redete ich mir ein, es bedeute kein Abweichen von der Wahrheit, wenn ich die Tat vor meinen Eltern lediglich verbarg.

    Fortsetzung der Tragödie

    So kam der Tag. Es ist schwer, meine Lage genau zu beschreiben. Einerseits war da der Eifer zur „Reform" und der Reiz der Neuheit, einen entscheidenden Schritt ins Leben zu tun. Andererseits war da die Scham, sich bei diesem Tun wie ein Dieb verstecken zu müssen. Ich kann nicht sagen, welche dieser beiden Empfindungen mich stärker beherrschte. Wir brachen auf und suchten uns einen einsamen Platz am Fluß. Dort sah ich zum erstenmal in meinem Leben Fleisch. Es gab auch Bäckerbrot. Mir schmeckte beides nicht. Das Ziegenfleisch war zäh wie Leder. Ich konnte es einfach nicht essen. Mir wurde übel, und ich mußte mit dem Essen aufhören.

    Nachher hatte ich eine sehr schlechte Nacht. Ein schrecklicher Albdruck quälte mich. Jedesmal, wenn ich gerade eingeschlafen war, kam es mir vor, als meckere eine lebende Ziege in mir, und ich fuhr reuevoll auf. Aber dann besann ich mich wieder darauf, daß Fleischessen eine Pflicht war, und das ließ mich wieder fröhlich werden.

    Mein Freund war nicht ein Mensch, der leicht nachgab. Er begann jetzt, verschiedene Fleischdelikatessen zu kochen und sie geschmackvoll anzurichten. Und zur Mahlzeit wurde nicht länger der einsame Platz am Fluß gewählt, sondern ein staatliches Gästehaus mit seinem Speisesaal, mit Tischen und Stühlen, worüber sich mein Freund mit dem hier beschäftigten Chefkoch verständigt hatte.

    Dieser Köder tat seine Wirkung. Ich überwand meine Abneigung gegen Fleisch, schwor meinem Mitleid mit den Ziegen ab und gewann Geschmack, wenn auch nicht am Fleisch selbst, so doch an Fleischgerichten. Dies dauerte ungefähr ein Jahr. Doch wurden alles in allem nicht mehr als ein halbes Dutzend Fleischmahlzeiten veranstaltet. Denn das staatliche Gästehaus stand nicht täglich zur Verfügung, und es war auch offenbar schwer, die Kosten für häufige wohlschmeckende Fleisch-Gerichte aufzubringen. Ich hatte kein Geld, um diese „Reform" zu bezahlen. Daher mußte mein Freund immer das nötige Geld aufbringen. Ich wußte nicht, wie ihm das gelang. Aber es gelang ihm, denn er fühlte sich verpflichtet, mich in einen Fleischesser zu verwandeln. Doch auch seine Mittel müssen begrenzt gewesen sein, und daher konnten diese Festessen notwendigerweise nur selten sein.

    Wann immer ich Gelegenheit hatte, mich an diesen verstohlenen Festmahlen zu laben, kam es nicht in Frage, daheim zu essen. Meine Mutter rief mich natürlich und forderte mich zum Essen auf, und sie wollte den

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