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Stefan Zweig: Gesamtausgabe (43 Werke, chronologisch)

Stefan Zweig: Gesamtausgabe (43 Werke, chronologisch)

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Stefan Zweig: Gesamtausgabe (43 Werke, chronologisch)

Länge:
8,446 Seiten
157 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Dec 11, 2019
ISBN:
9789176375853
Format:
Buch

Beschreibung

Diese Gesamtausgabe beinhaltet die 43 Werke des deutschen Schriftstellers Stefan Zweig (1881-1942). Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren und starb am 23. Februar 1942 in Petrópolis, Brasilien. Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig kam aus großbürgerlich-jüdischer Familie. Er studierte in Wien und Berlin Phlilosophie, Germanistik und Romanistik. 1904 promovierte er zum Dr. phil. Nach der Promotion bereiste er Europa, Amerika, Afrika und Indien. Während des 1. Weltkriegs war er zuerst propagandistisch im Wiener Kriegsarchiv, dann in offiziösen Missionen in der Schweiz tätig. Er engagierte sich zusammen mit R. Rolland für den Frieden. Nach Kriegsende lebte er bis 1933 mit seiner Frau Friderike in Salzburg. Von ihr löste er sich im Zug einer Übersiedlung nach England, 1941 zog er weiter nach Brasilien, nach Petropolis im Bundesstaat Rio de Janeiro. Unter Depression leidend, nahm er sich dort gemeinsam mit seiner zweiten Frau Lotte das Leben.
Herausgeber:
Freigegeben:
Dec 11, 2019
ISBN:
9789176375853
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Stefan Zweig - Stefan Zweig

INHALTSVERZEICHNIS

INHALTSVERZEICHNIS

Vergessene Träume (1900)

Prater Frühling (1900)

Im Schnee (1901)

Silberne Saiten (1901)

Im alten Parke

Prosa (1904)

Die Liebe der Erika Ewald –

Der Stern über dem Walde

Die Wanderung

Die Wunder des Lebens

Das Kreuz (1906)

Die frühen Kränze (1906)

Scharlach (1908)

Jeremias – Eine dramatische Dichtung in neun Bildern (1917)

Die Gestalten des Gedichts

Die Bilder des Gedichts

I. Die Erweckung des Profeten

II. Die Warnung

III. Das Gerücht

IV. Die Wachen auf dem Walle

V. Die Prüfung des Profeten

VI. Stimmen um Mitternacht

VII. Die letzte Not

VIII. Die Umkehr

IX. Der ewige Weg

Der Zwang (1920)

Drei Meister: Balzac – Dickens – Dostojewski (1920)

Vorwort

Balzac

Dickens

Dostojewski

Erstes Erlebnis – Vier Geschichten aus Kinderland (1920)

Geschichte in der Dämmerung (1911)

Die Gouvernante (1911)

Brennendes Geheimnis (1911)

Sommernovellete (1911)

Marceline Desbordes-Valmore – Das Lebensbild einer Dichterin (1920)

Erster Teil. Bildnis ihres Schicksals

Zweiter Teil. Gedichte

Dritter Teil. Autobiographische Fragmente

Vierter Teil. Briefe

Fünfter Teil. Urteile der Mit- und Nachwelt

Romain Rolland – Der Mann und das Werk (1921)

Lebensbilder

Dramatisches Beginnen

Die heroischen Biographien

Johann Christof

Intermezzo scherzoso (»Meister Breugnon«)

Das Gewissen Europas

Nachlese

Drei Dichter ihres Lebens (Casanova-Stendhal-Tolstoi) (1925)

Casanova

Stendhal

Tolstoi

Angst (1925)

Der Kampf mit dem Dämon: Hölderlin – Kleist – Nietzsche (1925)

Vorwort

Hölderlin

Heinrich von Kleist

Friedrich Nietzsche

Verwirrung der Gefühle (1927)

Private Aufzeichnungen des Geheimrates R. v. D.

Untergang eines Herzens (1937)

Die gleich-ungleichen Schwestern (1927)

Sternstunden der Menschheit (1927)

Vorwort

Flucht in die Unsterblichkeit

Die Eroberung von Byzanz

Georg Friedrich Händels Auferstehung

Das Genie einer Nacht

Die Weltminute von Waterloo

Die Marienbader Elegie

Die Entdeckung Eldorados

Heroischer Augenblick

Das Erste Wort über den Ozean

Die Flucht zu Gott

Der Kampf um den Südpol

Der versiegelte Zug

Amok – Novellen einer Leidenschaft (1928)

Der Amokläufer

Die Frau und die Landschaft

Phantastische Nacht

Brief einer Unbekannten

Die Mondscheingasse

Die unsichtbare Sammlung – Novellen (1929)

Die unsichtbare Sammlung

Buchmendel

Unvermutete Bekanntschaft mit einem Handwerk

Joseph Fouché – Bildnis eines politischen Menschen (1929)

Erstes Kapitel – Aufstieg

Zweites Kapitel – Der »Mitrailleur de Lyon«

Drittes Kapitel – Der Kampf mit Robespierre

Viertes Kapitel – Minister des Direktoriums und des Konsulats

Fünftes Kapitel – Minister des Kaisers

Sechstes Kapitel – Der Kampf gegen den Kaiser

Siebentes Kapitel – Unfreiwilliges Intermezzo

Achtes Kapitel – Der Endkampf mit Napoleon

Neuntes Kapitel – Sturz und Vergängnis

Die Heilung durch den Geist: Mesmer – Mary Baker-Eddy – Freud (1931)

Einleitung

Franz Anton Mesmer

Mary Baker-Eddy

Sigmund Freud

Marie Antoinette (1932)

Einleitung

Ein Kind wird verheiratet

Geheimnis des Alkovens

Debüt in Versailles

Der Kampf um ein Wort

Die Eroberung von Paris

Le Roi est mort, vive le Roi!

Bildnis eines Königspaares

Königin des Rokoko

Trianon

Die neue Gesellschaft

Der Bruder besucht seine Schwester

Mutterschaft

Die Königin wird unbeliebt

Der Blitzschlag ins Rokokotheater

Die Halsbandaffäre

Prozess und Urteil

Das Volk erwacht, die Königin erwacht

Der Sommer der Entscheidung

Die Freunde fliehen

Der Freund erscheint

War er es, war er es nicht?

Die letzte Nacht in Versailles

Der Leichenwagen der Monarchie

Selbstbesinnung

Mirabeau

Die Flucht wird vorbereitet

Die Flucht nach Varennes

Die Nacht in Varennes

Rückfahrt

Einer betrügt den Andern

Der Freund erscheint zum letzten Mal

Die Flucht in den Krieg

Die letzten Schreie

Der zehnte August

Der Temple

Marie Antoinette allein

Die letzte Einsamkeit

Die Conciergerie

Der letzte Versuch

Die große Infamie

Der Prozess beginnt

Die Verhandlung

Die letzte Fahrt

Die Totenklage

Zeittafel

Nachbemerkung

Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam (1934)

Sendung und Lebenssinn

Blick in die Zeit

Dunkle Jugend

Bildnis

Meisterjahre

Größe und Grenzen des Humanismus

Der große Gegner

Der Kampf um die Unabhängigkeit

Die große Auseinandersetzung

Das Ende

Das Vermächtnis des Erasmus

Maria Stuart (1935)

Einleitung

Dramatis personae

Erstes Kapitel – Königin in der Wiege

Zweites Kapitel – Jugend in Frankreich

Drittes Kapitel – Königin, Witwe und dennoch Königin

Viertes Kapitel – Heimkehr nach Schottland

Fünftes Kapitel – Der Stein kommt ins Rollen

Sechstes Kapitel – Großer politischer Heiratsmarkt

Siebentes Kapitel – Die zweite Heirat

Achtes Kapitel – Die Schicksalsnacht von Holyrood

Neuntes Kapitel – Die verratenen Verräter

Zehntes Kapitel – Furchtbare Verstrickung

Elftes Kapitel – Tragödie einer Leidenschaft

Zwölftes Kapitel – Der Weg zum Mord

Dreizehntes Kapitel – Quos deus perdere vult…

Vierzehntes Kapitel – Der Weg ohne Ausweg

Fünfzehntes Kapitel – Die Absetzung

Sechzehntes Kapitel – Abschied von der Freiheit

Siebzehntes Kapitel – Ein Netz wird gewoben

Achtzehntes Kapitel – Das Netz zieht sich zusammen

Neunzehntes Kapitel – Die Jahre im Schatten

Zwanzigstes Kapitel – Die letzte Runde

Einundzwanzigstes Kapitel – Es wird Schluß gemacht

Zweiundzwanzigstes Kapitel – Elisabeth gegen Elisabeth

Dreiundzwanzigstes Kapitel – »In meinem Ende ist mein Anbeginn«

Nachspiel

Castellio gegen Calvin (1936)

Einleitung

Die Machtergreifung Calvins

Die »discipline«

Castellio tritt auf

Der Fall Servet

Der Mord an Servet

Das Manifest der Toleranz

Ein Gewissen erhebt sich gegen die Gewalt

Die Gewalt erledigt das Gewissen

Die Pole berühren einander

Magellan (1938)

Einleitung

Navigare necesse est

Magellan in Indien

Magellan macht sich frei

Eine Idee verwirklicht sich

Ein Wille gegen tausend Widerstände

Die Ausfahrt

Die vergebliche Suche

Die Meuterei

Der große Augenblick

Magellan entdeckt sich sein Königreich

Tod vor dem letzten Triumph

Die Heimfahrt ohne Führer

Die Toten behalten unrecht

Anhang

Die Ungeduld des Herzens (1939)

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Brasilien (1941)

Einleitung

Geschichte

Wirtschaft

Blick auf die brasilianische Kultur

Rio de Janeiro

Einfahrt

Das alte Rio

Spazieren durch die Stadt

Die kleinen Straßen

Kunst der Kontraste

Ein paar Dinge, die morgen vielleicht schon entschwunden sind

Gärten, Berge und Inseln

Sommer in Rio

Blick auf São Paulo

Besuch beim Kaffee

Besuch hei den versunkenen Goldstädten

Flug über den Norden

Daten zur Geschichte Brasiliens

Schachnovelle (1942)

Die Welt von Gestern – Erinnerungen eines Europäers (1944)

Vorwort

Die Welt der Sicherheit

Die Schule im vorigen Jahrhundert

Eros Matutinus

Universitas vitae

Paris, die Stadt der ewigen Jugend

Umwege auf dem Wege zu mir selbst

Über Europa hinaus

Glanz und Schatten über Europa

Die ersten Stunden des Krieges von 1914

Der Kampf um die geistige Brüderschaft

Im Herzen Europas

Heimkehr nach Österreich

Wieder in der Welt

Sonnenuntergang

Incipit Hitler

Die Agonie des Friedens

Amerigo – Die Geschichte eines historischen Irrtums (1944)

Amerigo

Die historische Situation

Für zweiunddreißig Seiten Unsterblichkeit

Eine Welt erhält ihren Namen

Der große Streit beginnt

Die Dokumente mengen sich ein

Wer war Vespucci?

Legenden (1945)

Rahel rechtet mit Gott

Die Augen des ewigen Bruders

Der begrabene Leuchter

Die Legende der dritten Taube (1916)

War er es? (1987)

Reiseberichte

Europa

Rußland

Rezensionen

Das Buch als Eingang zur Welt

Rückkehr zum Märchen

Goethes Leben im Gedicht

Verse eines Gottsuchers

Das Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens

Witikos Auferstehung

Der richtige Goethe

Anmerkungen zu Balzac

Balzacs Codices vom eleganten Leben

Zu Goethes Gedichten

Gundolfs ›Kleist‹

Das Buch als Weltbild

Kurze Texte über historische Persönlichkeiten

Legende und Wahrheit der Beatrice Cenci

Irrfahrt und Ende Piere Donchamps’

Erinnerung an Theodor Herzl

Unvergeßliches Erlebnis. Ein Tag bei Albert Schweitzer

Worte am Sarge Sigmund Freuds

Jaurès

Otto Weininger. Vorbeigehen an einem unauffälligen Menschen

Walther Rathenau

Über Schriftsteller

Lord Byron

Marcel Prousts tragischer Lebenslauf

Tolstoi als religiöser und sozialer Denker

Nietzsche

Paul Verlaines Leben

Erinnerungen an Emile Verhaeren

Dank an Romain Rolland

Abschied von John Drinkwater

Max Herrmann-Neiße zum Gedächtnis

Romain Rolland. Geheimnis der Produktion

Rilke

Montaigne

Chateaubriand

Léon Bazalgette

Edmond Jaloux

Romain Rolland

Pour Ramuz!

Lafcadio Hearn

Jens Peter Jacobsens

Rabindranath Tagores »Sadhâna«

E. T. A. Hoffmann

Arthur Schnitzler zum 60. Geburtstag

Jakob Wassermann

Peter Rosegger

Anton Kippenberg

Joseph Roth

Briefe an Schriftsteller

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kurze Texte über Musiker und bildenden Künstler/Briefe an Frans Masereel

Arturo Toscanini

Busoni

Der Dirigent

Bruno Walter: Kunst der Hingabe

Auguste Rodin

Konstantin Meunier

Theresa Feodorowna Ries

Gustav Mahlers Wiederkehr

Abschied von Alexander Moissi

Frans Masereel

Briefe an Frans Masereel

Abschiedsbrief Stefan Zweigs – Declaracão

Vergessene Träume (1900)

Die Villa lag hart am Meer.

In den stillen, dämmerreichen Piniengängen atmete die satte Kraft der salzhältigen Seeluft und eine leichte beständige Brise spielte um die Orangenbäume und streifte hie und da, wie mit vorsichtigen Fingern, eine farbenbunte Blüte herab. Die sonnenumglänzten Fernen, Hügel, aus denen zierliche Häuser wie weiße Perlen hervorblitzten, ein meilenweiter Leuchtturm, der einer Kerze gleich steil emporschoß, alles schimmerte in scharfen, abgegrenzten Konturen und war, ein leuchtendes Mosaik, in den tiefblauen Azur des Äthers eingesenkt. Das Meer, in das nur selten weit, weit in der Ferne, weiße Funken fielen, die schimmernden Segel von einsamen Schiffen, schmiegte sich mit der beweglichen Weise seiner Wogen an die Stufenterrasse an, von der sich die Villa erhob, um immer tiefer in das Grün eines weiten, schattendunklen Gartens zu steigen und sich dort in dem müden, märchenstillen Park zu verlieren.

Von dem schlafenden Hause, auf dem die Vormittagshitze lastete, lief ein schmaler, kiesbedeckter Weg wie eine weiße Linie zu dem kühlen Aussichtspunkte, unter dem die Wogen in wilden, unaufhörlichen Anstürmen grollten und hie und da schimmernde Wasseratome heraufstäubten, die beim grellen Sonnenlichte im regenbogenfunkelnden Glanz von Diamanten prahlten. Dort brachen sich die leuchtenden Sonnenpfeile teils an den Pinienwichseln, die dicht beisammen wie im vertrauten Gespräche standen, teils hielt sie ein weitausgespannter japanischer Schirm ab, auf dem lustige Gestalten mit scharfen, unangenehmen Farben festgehalten waren.

Innerhalb des Schattenbereiches dieses Schirmes lehnte in einem weichen Strohfauteuil eine Frauengestalt, die ihre schönen Formen wohlig in das nachgiebige Geflecht schmiegte. Die eine schmale, unberingte Hand hing wie vergessen herab und spielte mit leisem, behaglichem Schmeicheln in dem glitzernden Seidenfelle eines Hundes, während die andere ein Buch hielt, auf das die dunkeln, schwarzbewimperten Augen, in denen es wie ein verhaltenes Lächeln lag, ihre ununterbrochene Aufmerksamkeit konzentrierten. Es waren große, unruhige Augen, deren Schönheit noch ein matter verschleierter Glanz erhöhte. Überhaupt war die starke, anziehende Wirkung, die das ovale, scharfgeschnittene Gesicht ausübte, keine natürliche, einheitliche, sondern ein raffiniertes Hervorstechen einzelner Detailschönheiten, die mit besorgter, feinfühliger Koketterie gepflegt waren. Das anscheinend regellose Wirrnis der duftenden, schimmernden Locken war die mühevolle Konstruktion einer Künstlerin, und auch das leise Lächeln, das während des Lesens die Lippen umzitterte und dabei den weißen, blanken Schmelz der Zähne entblößte, war das Resultat einer mehrjährigen Spiegelprobe, aber jetzt schon zur festen, unablegbaren Gewohnheitskunst geworden.

Ein leises Knistern im Sande.

Sie sieht hin, ohne ihre Stellung zu ändern, wie eine Katze, die im blendenden warmflutenden Sonnenlichte gebadet liegt und nur träge mit den phosphorisierenden Augen dem Kommenden entgegenblinzelt.

Die Schritte kommen rasch näher und ein livrierter Diener steht vor ihr, um ihr eine schmale Visitkarte zu überreichen und dann ein wenig wartend zurückzutreten.

Sie liest den Namen mit dem Ausdrucke der Überraschung in den Zügen, den man hat, wenn man auf der Straße von einem Unbekannten in familiärster Weise begrüßt wird. Einen Augenblick graben sich kleine Falten oberhalb der scharfen, schwarzen Augenbrauen ein, die das angestrengte Nachdenken markieren, und dann plötzlich spielt ein fröhlicher Schimmer um das ganze Gesicht, die Augen blitzen in übermütiger Helligkeit, wie sie an längst verflogene, ganz und gar vergessene Jugendtage denkt, deren lichte Bilder der Name in ihr neu erweckt hat. Gestalten und Träume gewinnen wieder feste Formen und werden klar wie die Wirklichkeit.

»Ach so«, erinnerte sie sich plötzlich zum Diener gewandt, »der Herr möchte natürlich vorsprechen.«

Der Diener ging mit leisen devoten Schritten. Eine Minute war diese Stille, nur der nimmermüde Wind sang leise in den Gipfeln, die voll schweren Mittagsgoldes hingen.

Und dann plötzlich elastische Schritte, die energisch auf dem Kieswege hallten, ein langer Schatten, der bis zu ihren Füßen lief, und eine hohe Männergestalt stand vor ihr, die sich lebhaft von ihrem schwellenden Sitze erhoben hatte.

Zuerst begegneten sich ihre Augen. Er überflog mit einem raschen Blicke die Eleganz der Gestalt, während ihr leises ironisches Lächeln auch in den Augen aufleuchtete.

»Es ist wirklich lieb von Ihnen, daß Sie noch an mich gedacht haben«, begann sie, indem sie ihm die schmalschimmernde, feingepflegte Hand hinstreckte, die er ehrfürchtig mit den Lippen berührte.

»Gnädige Frau, ich will ehrlich mit Ihnen sein, weil dies ein Wiedersehen ist seit Jahren und auch, wie ich fürchte, – für lange Jahre. Es ist mehr ein Zufall, daß ich hierher gekommen bin, der Name des Besitzers dieses Schlosses, nach dem ich mich wegen seiner herrlichen Lage erkundigte, rief mir Ihre Anstalt wieder in den Sinn. Und so bin ich denn eigentlich als ein Schuldbewußter da.«

»Darum aber nicht minder willkommen, denn auch ich konnte mich nicht im ersten Moment an Ihre Existenz erinnern, obwohl sie einmal für mich ziemlich bedeutsam war.«

Jetzt lächelten beide. Der süße leichte Duft der ersten halbverschwiegenen Jugendliebe war mit seiner ganzen berauschenden Süßigkeit in ihnen erwacht wie ein Traum, über den man beim Erwachen verächtlich die Lippen verzieht, obwohl man wünscht, ihn noch einmal nur zu träumen, zu leben. Der schöne Traum der Halbheit, die nur wünscht und nicht zu fordern wagt, die nur verspricht und nicht gibt. –

Sie sprachen weiter. Aber es lag schon eine Herzlichkeit in den Stimmen, eine zärtliche Vertraulichkeit, wie sie nur ein so rosiges, schon halbverblaßtes Geheimnis gewähren kann. Mit leisen Worten, in die hie und da ein fröhliches Lachen seine rollenden Perlen warf, sprachen sie von vergangenen Dingen, von vergessenen Gedichten, verwelkten Blumen, verlorenen und vernichteten Schleifen, kleinen Liebeszeichen, die sie sich in der kleinen Stadt, in der sie damals ihre Jugend verbrachten, gegenseitig gegeben. Die alten Geschichten, die wie verschollene Sagen in ihren Herzen langverstummte, stauberstickte Glocken rührten, wurden langsam, ganz langsam von einer wehen, müden Feierlichkeit erfüllt, der Ausklang ihrer toten Jugendliebe legte in ihr Gespräch einen tiefen, fast traurigen Ernst. –

Und seine dunkelmelodisch klingende Stimme vibrierte leise, wie er erzählte: »In Amerika drüben bekam ich die Nachricht, daß Sie sich verlobt hätten, zu einer Zeit, wo die Heirat wohl schon vollzogen war.«

Sie antwortete nichts darauf. Ihre Gedanken waren zehn Jahre weiter zurück.

Einige lange Minuten lastete ein schwüles Schweigen auf beiden.

Und dann fragte sie leise, fast lautlos:

»Was haben Sie damals von mir gedacht?«

Er blickte überrascht auf.

»Ich kann es Ihnen ja offen sagen, denn morgen fahre ich wieder meiner neuen Heimat zu. – Ich habe Ihnen nicht gezürnt, nicht Augenblicke voll wirrer, feindlicher Entschlüsse gehabt, denn das Leben hatte schon damals die farbige Lohe der Liebe zu einer glimmenden Flamme der Sympathie erkaltet. Ich habe Sie nicht verstanden, nur – bedauert.«

Eine leichte dunkelrote Stelle flog über ihre Wangen und der Glanz ihrer Augen wurde intensiv, wie sie erregt ausrief:

»Mich bedauert! Ich wüßte nicht warum.«

»Weil ich an Ihren zukünftigen Gemahl dachte, den indolenten, immer erwerben wollenden Geldmenschen – widersprechen Sie mir nicht, ich will Ihren Mann, den ich immer geachtet habe, durchaus nicht beleidigen – und weil ich an Sie dachte, das Mädchen, wie ich es verlassen habe. Weil ich mir nicht das Bild denken konnte, wie Sie, die Einsame, Ideale, die für das Alltagsleben nur eine verächtliche Ironie gehabt, die ehrsame Frau eines gewöhnlichen Menschen werden konnten.«

»Und warum hätte ich ihn denn doch geheiratet, wenn dies alles sich so verhielte?«

»Ich wußte es nicht so genau. Vielleicht besaß er verborgene Vorzüge, die dem oberflächlichen Blicke entgehen und erst im intimen Verkehr zu leuchten beginnen. Und dies war mir dann des Rätsels leichte Lösung, denn eines konnte und wollte ich nicht glauben.«

»Das ist?«

»Daß Sie ihn um seiner Grafenkrone und seiner Millionen genommen hätten. Das war mir die einzige Unmöglichkeit.«

Es war, als hätte sie das letzte überhört, denn sie blickte mit vorgehaltenen Fingern, die im Sonnenlichte in blutdunkelm Rosa wie eine Purpurmuschel erstrahlten, weit hinaus, weithin zum schleierumzogenen Horizonte, wo der Himmel sein blaßblaues Kleid in die dunkle Pracht der Wogen tauchte.

Auch er war in tiefen Gedanken verloren und hatte beinahe die letzten Worte vergessen, als sie plötzlich kaum vernehmlich, von ihm abgewendet, sagte:

»Und doch ist es so gewesen.«

Er sah überrascht, fast erschreckt zu ihr hin, die in langsamer, offenbar künstlicher Ruhe sich wieder in ihren Sessel niedergelassen hatte und mit einer stillen Wehmut monoton und die Lippen kaum bewegend weitersprach:

»Ihr habt mich damals keiner verstanden, als ich noch das kleine Mädchen mit den verschüchterten Kinderworten war, auch Sie nicht, der Sie mir so nah standen. Ich selbst vielleicht auch nicht. Ich denke jetzt noch oft daran und begreife mich nicht, denn was wissen noch Frauen von ihren wundergläubigen Mädchenseelen, deren Träume wie zarte, schmale, weiße Blüten sind, die der erste Hauch der Wirklichkeit verweht? Und ich war nicht wie alle die andern Mädchen, die von mannesmutigen, jugendkräftigen Helden träumten, die ihre suchende Sehnsucht zu leuchtendem Glücke, ihr stilles Ahnen zum beseligenden Wissen machen sollten und ihnen die Erlösung bringen von dem ungewissen, unklaren, nicht zu fassenden und doch fühlbaren Leid, das seinen Schatten über ihre Mädchentage wirft, und immer dunkler und drohender und lastender wird. Das habe ich nie gekannt, auf anderen Traumeskähnen steuerte meine Seele dem verborgenen Hain der Zukunft zu, der hinter den hüllenden Nebeln der kommenden Tage lag. Meine Träume waren eigen. Ich träumte mich immer als ein Königskind, wie sie in den alten Märchenbüchern stehen, die mit funkelnden, strahlenschillernden Edelsteinen spielen, deren Hände sich im goldigen Glanz von Märchenschätzen versenken und deren wallende Kleider von unnennbaren Werten sind. – Ich träumte von Luxus und Pracht, weil ich beides liebte. Die Lust, wenn meine Hände über zitternde, leise singende Seide streifen durften, wenn meine Finger in den weichen, dunkelträumenden Daunen eines schweren Sammetstoffes wie im Schlafe liegen konnten! Ich war glücklich, wenn ich Schmuck an den schmalen Gliedern meiner von Freude zitternden Finger wie eine Kette tragen konnte, wenn weiße Steine aus der dichten Flut meines Haares wie Schaumperlen schimmerten, mein höchstes Ziel war es, in den weichen Sitzen eines eleganten Wagens zu ruhen. Ich war damals in einem Rausche von Kunstschönheit befangen, der mich mein wirkliches Leben verachten ließ. Ich haßte mich, wenn ich in meinen Alltagskleidern war, bescheiden und einfach wie eine Nonne und blieb oft tagelang zu Hause, weil ich mich vor mir selbst in meiner Gewöhnlichkeit schämte, ich versteckte mich in meinem engen, häßlichen Zimmer, ich, deren schönster Traum es war, allein am weiten Meere zu leben, in einem Eigentum, das prächtig ist und kunstvoll zugleich, in schattigen, grünen Laubgängen, wo nicht die Niedrigkeit des Werkeltags seine schmutzigen Krallen hinreckt, wo reicher Friede ist – fast so wie hier. Denn was meine Träume gewollt, hat mir mein Mann erfüllt, und eben weil er dies vermochte, ist er mein Gemahl geworden.«

Sie ist verstummt und ihr Gesicht ist von bacchantischer Schönheit umloht. Der Glanz in ihren Augen ist tief und drohend geworden, und das Rot der Wangen flammt immer heißer auf.

Es ist tiefe Stille.

Nur drunten der eintönige Rhythmensang der glitzernden Wellen, die sich an die Stufen der Terrasse werfen, wie an eine geliebte Brust.

Da sagt er leise, wie zu sich selbst:

»Aber die Liebe?«

Sie hat es gehört. Ein leichtes Lächeln zieht über ihre Lippen.

»Haben Sie heute noch alle Ihre Ideale, alle, die Sie damals in die ferne Welt trugen? Sind Ihnen alle geblieben, unverletzt, oder sind Ihnen einige gestorben, dahingewelkt? Oder hat man sie Ihnen nicht am Ende gewaltsam aus der Brust gerissen und in den Kot geschleudert, wo die Tausende von Rädern, deren Wagen zum Lebensziele strebten, sie zermalmt haben? Oder haben Sie keine verloren?«

Er nickt trübe und schweigt.

Und plötzlich führt er ihre Hand zu den Lippen, küßt sie stumm. Dann sagt er mit herzlicher Stimme:

»Leben Sie wohl!«

Sie erwidert es ihm kräftig und ehrlich. Sie fühlt keine Scham, daß sie einem Menschen, dem sie durch Jahre fremd war, ihr tiefstes Geheimnis entschleiert und ihre Seele gezeigt. Lächelnd sieht sie ihm nach und denkt an die Worte, die er von der Liebe gesprochen, und die Vergangenheit stellt sich wieder mit leisen, unhörbaren Schritten zwischen sie und die Gegenwart. Und plötzlich denkt sie, daß jener ihr Leben hätte leiten können, und die Gedanken malen in Farben diesen bizarren Einfall aus.

Und langsam, langsam, ganz unmerklich, stirbt das Lächeln auf ihren träumenden Lippen …

Prater Frühling (1900)

Eine Novelle

Wie ein Wirbelwind stürmte sie zur Tür herein.

»Ist mein Kleid schon gekommen?«

»Nein, gnädiges Fräulein«, antwortete das Dienstmädchen, »ich glaube auch kaum, daß es heute noch kommen wird.«

»Natürlich nicht, ich kenne ja diese faule Person«, rief sie mit einer Stimme, in der schon ein verhaltenes Schluchzen zitterte. »Jetzt ist zwölf Uhr, um halb zwei sollte ich hinunterfahren, in den Prater zum Derby. Und wegen der blöden Person kann ich nicht! Und dazu noch dieses schöne Wetter!«

Und wild, in heller Wut warf sie ihr schlankes Figürchen auf das schmale, persische Sofa hin, das mit Decken und Fransen überreich behängt, in einer Ecke des phantastisch-geschmacklos ausgestatteten Boudoirs stand. Ihr ganzer Körper zitterte vor Ärger, daß sie nicht das Derby mitmachen konnte, bei dem sie doch als bekannte Dame und berühmte Schönheit eine der wichtigsten Rollen spielte. Und heiße Tränen rannen ihr zwischen den schmalen, schwerberingten Fingern herab.

So lag sie ein paar Minuten, dann richtete sie sich ein wenig auf, so daß ihre Hand zu dem kleinen, englischen Tischchen greifen konnte, wo sie ihre Pralinébonbons wußte. Mechanisch steckte sie eines nach dem andern in den Mund und ließ sie langsam vergehen. Und ihre schwere Müdigkeit, die durchschwärmte Nacht, das kühle Halbdunkel des Zimmers und ihr großer Schmerz wirkten zusammen in der Weise, daß sie langsam einnickte.

Ungefähr eine Stunde ruhte sie diesen leichten, traumlosen, halb noch wirklichkeitsbewußten Schlaf. Sie war sehr hübsch, wenn auch die Augen, die sonst in ihrer fröhlichen Unbeständigkeit ihre stärkste Attraktion bildeten, jetzt geschlossen waren. Und nur die feingestrichenen Augenbrauen gaben ihr ein mondänes Aussehen, sonst hätte man sie für ein schlafendes Kind halten können, so zierlich und ebenmäßig waren ihre Züge, von denen der Schlaf den Schmerz über die verlorene Freude genommen hatte.

Gegen ein Uhr erwachte sie, etwas überrascht, daß sie geschlafen hatte, und nach und nach erinnerte sie sich wieder an alles. Auf ihr heftiges, nervös wiederholtes Klingeln erschien wieder das Mädchen.

»Ist mein Kleid gekommen?«

»Nein, gnädiges Fräulein!«

»Diese elende Person! Sie weiß doch, daß ich es brauche. Jetzt ist es aus, jetzt kann ich nicht fahren.«

Und erregt sprang sie auf, lief einigemale im engen Boudoir auf und ab, dann steckte sie den Kopf zum Fenster hinaus, ob ihr Wagen schon gekommen sei.

Natürlich, der war da. Alles hätte gepaßt, wenn nur diese verfluchte Schneiderin gekommen wäre. Und so mußte sie zu Hause bleiben. Sie verbohrte sich nach und nach in die Idee, daß sie todunglücklich sei, wie keine zweite Frau in der Welt.

Aber es machte ihr beinahe ein Vergnügen, traurig zu sein, sie fand unbewußt einen eigenen Reiz darin, sich selbst zu kasteien. Und in dieser Anwandlung befahl sie dem Mädchen, ihren Wagen wegzuschicken, ein Befehl, der von diesem mit überschwenglicher Freude akzeptiert wurde, weil er am Derbytag ein herrliches Geschäft machen konnte.

Kaum sah sie aber schon das elegante Coupé in scharfem Trab davonfahren, als sie ihr Befehl schon wieder reute, und sie hätte ihn am liebsten selbst vom Fenster zurückgerufen, wenn sie sich nicht geniert hätte, denn sie wohnte im nobelsten Viertel Wiens, am Graben.

So, jetzt war’s aus. Sie hatte Zimmerarrest, wie ein Soldat, dem das Verlassen der Kaserne strafweise untersagt ist.

Mißmutig ging sie herum. Es war ihr hier so ungemütlich in diesem engen Boudoir, das mit allen möglichen Dingen, Schund ärgster Sorte und erlesenen Kunstwerken wahl- und stillos vollgepfropft war. Und dazu noch dieser Geruch, der aus zwanzig verschiedenen Parfüms zusammenkomponiert war, und dieser durchdringende Zigarettenduft, der an allen Gegenständen haftete. Zum ersten Mal kam ihr das alles so widerwärtig vor, und auch die gelben Romanbände Prevosts hatten heute für sie keinen Reiz, weil sie immer wieder an den Prater, ihren Prater und an die Freudenau mit dem Derby dachte.

Und das alles nur, weil sie keine elegante Toilette hatte.

Es war zum Weinen. Gleichgiltig gegen jeden Gedanken lehnte sie im Fauteuil und wollte wieder schlafen, um so den Nachmittag totzuschlagen. Aber es ging nicht. Die Augenlider zogen doch immer wieder hinauf und sehnten sich nach Licht.

Dann ging sie wieder zum Fenster und blickte hinaus auf das Trottoir des Grabens, das heiß in der Sonne schimmerte, und auf die Menschen, die darauf eilten. Und der Himmel war so blau, die Luft so warm, daß ihre Sehnsucht nach dem Freien immer stärker und dringender wurde und immer lautere Stimmen fand. Und plötzlich kam ihr der Gedanke, allein in den Prater zu gehn, da sie ihn ja nicht missen konnte, um sich den Corso wenigstens anzusehen, wenn sie schon nicht mitfahren konnte. Dazu brauchte sie ja keine noble Toilette, ein einfaches Kleid war sogar besser, weil man sie da nicht erkennen konnte.

Der Plan wurde rasch zum Entschluß.

Sie öffnete ihren Kasten, um ihr Kleid zu wählen. Grelle, leuchtende, übermütige, schreiende Farben starrten ihr im bunten Wirbel entgegen, und es rauschte von Seide unter ihrer Hand, als sie die Wahl begann, die ihr recht schwer wurde, denn es waren fast nur Toiletten, die die prononcierte Absicht hatten, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken – gerade das, was sie heute vermeiden wollte. Endlich nach längerm Suchen flog auf einmal ein kindliches, frohes Lächeln über ihr Gesicht. Ganz in der Ecke, verstaubt und zerdrückt, hatte sie ein einfaches, fast ärmliches Kleid entdeckt und nicht der Fund allein war es, was sie lächeln machte, sondern die Vergangenheit, die dieses Andenken lebendig machte. Sie dachte an den Tag, wie sie mit ihrem Geliebten aus dem Elternhause in diesem Kleidchen entflohen war, an das viele Glück, das sie mit ihm gehabt, und dann an die Zeit, wo sie es mit reichen Toiletten vertauscht hatte, als Geliebte eines Grafen und dann eines andern und dann vieler anderer …

Sie wußte nicht, wozu sie es noch besaß. Aber sie freute sich darüber: Und als sie sich umgezogen hatte und in den schweren Venetianer Spiegel sah, da mußte sie über sich lachen, so ehrbar, so bürgerlich-kindlich, so gretchenhaft sah sie aus …

Nach einigem Herumkrabbeln fand sie auch den Hut, der zu diesem Kleid gehört hatte, dann warf sie noch einen lachenden Blick in den Spiegel, aus dem sie ein junges Bürgerfräulein im Sonntagsstaat ebenfalls lachend zurückgrüßte und ging.

Mit dem Lächeln auf den Lippen trat sie auf die Straße.

Zuerst hatte sie das Gefühl, es müsse ein jeder an ihr bemerken, daß sie nicht das sei, was sie vorgäbe.

Aber die spärlichen Leute, die eiligst in der Mittagshitze an ihr vorüberschossen, hatten größtenteils keine Zeit sie zu betrachten, und langsam fand sie sich in ihre neue Situation hinein und schritt nachdenklich die Rotenturmstraße hinab.

Alles lag hier im Sonnenlichte gebadet, blank und schimmernd da. Die Sonntäglichkeit war von den geputzten, fröhlichen Menschen auf Tier und Ding übergegangen, alles blitzte, blinkte, jubelte und grüßte ihr zu. Und sie starrte hinein in das bunte Treiben, das sie eigentlich niemals kennengelernt, – »wie eine Landpomeranze«, sagte sie sich selbst, als sie vor Schauen und Betrachten beinahe in einen Wagen hineingelaufen wäre.

Nun gab sie wieder etwas mehr acht, aber wie sie in die Praterstraße gelangt war, da quoll wieder ihr Übermut frisch empor, als sie in einem eleganten Wagen, hart neben sich, einen ihrer Verehrer vorbeirollen sah, so nahe, daß sie ihn bei den Ohren hätte zupfen können, wie sie es am liebsten getan hätte. Er aber bemerkte sie nicht, weil er in vornehmer Weise nachlässig zurückgelehnt war. Da lachte sie so laut, daß er sich umwandte und wenn sie nicht blitzschnell ihr Taschentuch sich ins Gesicht gepreßt hätte, wäre sie ihm vielleicht doch nicht entgangen.

Fröhlich schritt sie weiter und war bald mitten im Menschengewühle eingedrängt, das in hellen Scharen am Sonntag zum Wiener Nationalheiligtume pilgert, in die Prateralleen, die wie weiße Holzbalken in einem grünen Rasen durch die waldreichen, pfadlosen Praterauen gelegt sind. Und ihr Übermut ging in der freudigen Stimmung der Menge unbemerkt verloren, denn eine Sonntagsfröhlichkeit und Naturbegeisterung machte jeden die sechs staubigen, arbeitsschweren Wochentage vergessen, die den Sonntag umschließen.

Sie trieb in dieser Menge, wie eine einzelne Welle im Meer, plan- und ziellos, aber doch schäumend und sich überschlagend im kraftbewußten Jubel.

Beinahe freute sie sich schon darüber, daß die Schneiderin ihr Kleid vergessen hatte, denn sie fühlte sich hier so glückselig, so frei, wie nie in ihrem Leben, ähnlich wie in ihrer Kindheit, als sie den Prater kennenlernte.

Und da kamen wieder alle diese Erinnerungen und Bilder, aber von ihrer fröhlichen Stimmung wie mit einem lichtgoldenen Saum umwoben, sie dachte wieder an ihre erste Liebe, aber nicht in traurigem Trotz, wie an etwas, das man ungern berührt, sondern wie an ein Geschick, das man so gern noch einmal wiederleben möchte, diese Liebe, die man schenkt, nicht verkauft …

In tiefen Träumen schritt sie weiter und das Sprechen der Menge wurde ihr zum dumpfen Wogenbrausen, aus dem sie keinen einzelnen Laut vernahm. Sie war allein mit sich und ihren Gedanken, mehr als sie es je gewesen war, wenn sie untätig in ihrem Zimmer auf dem schmalen persischen Divan lag und Zigarettenringe in die stille, stockende Luft blies …

Plötzlich sah sie auf.

Zuerst wußte sie nicht warum. Sie hatte nur eine dunkle Empfindung verspürt, die plötzlich einen Schleier über ihre Gedanken zog, der nicht zu entwirren war. Als sie jetzt aufblickte, bemerkte sie ein Paar Augen stetig auf sich gerichtet. Ihr weiblicher Instinkt hatte, obwohl sie nicht hingeblickt, doch diese Blicke richtig gedeutet, die sie aus ihren Träumen aufgestört.

Die Blicke kamen von einem Paar dunkler Augen, die in einem Jünglingsgesicht ihren Platz fanden, das sympathisch war durch den kindlichen Ausdruck, der trotz des stattlichen Bärtchens noch geblieben war. Die Tracht deutete auf einen Studenten hin, auch eine nationale Parteiblume, die im Knopfloch steckte, konnte diese Vermutung nur bestätigen. Ein Kalabreserhut, der schief die weichen, regelmäßigen Züge beschattete, gab diesem einfachen, fast gewöhnlichen Kopfe etwas Dichterhaftes, Ideales.

Ihre erste Bewegung war, verächtlich die Brauen zusammenzuziehen und stolz wegzublicken. Was wollte dieser gewöhnliche Mensch denn von ihr haben? Sie war doch kein Mädchen von der Vorstadt, sie war …

Plötzlich hielt sie inne und das übermütige Lachen glänzte wieder in ihren Augen. Sie hatte sich momentan wieder als Weltdame gefühlt und ganz vergessen, daß sie die Maskerade eines bürgerlichen Mädchens angelegt hatte, und kindisch freute sie sich darüber, daß die Verkleidung so gut gelungen war.

Der junge Mann, der das Lächeln als Avance für sich gedeutet hatte, trat näher an sie heran, sie unablässig mit den Augen fixierend. Vergebens bemühte er sich, seinen Zügen einen männlichen, siegesbewußten Ausdruck zu geben, den aber die Zaghaftigkeit und Unentschlossenheit immer wieder zunichte machte. Und das war es gerade, was ihr an ihm gefiel, weil für sie Zurückhaltung und Reserviertheit von Seiten der Männer etwas Unbekanntes war. Das Kindliche, das in diesem jungen Menschen noch nicht verwaschen war, bot ihr etwas Unbekanntes, eine neue, in ihrer Natürlichkeit unvergleichliche Sensation. Es war für sie ein Lustspiel von unendlichem Humor, zu beobachten, wie der Student Dutzende Male die Lippen ansetzte, um sie anzusprechen, und immer wieder im entscheidenden Augenblicke absetzte, von Furcht und verschämter Angst erfaßt. Und sie mußte ganz fest auf die Lippen beißen, um ihm nicht ins Gesicht zu lachen.

Zu den guten Eigenschaften dieses Jünglings zählte noch die, daß er nicht blind war. Und so konnte er deutlich das verräterische Zucken um die feinen Mundwinkel bemerken, was seinen Mut bedeutend erhöhte.

Und ganz unvermittelt platzte er auf einmal mit der höflichen Frage heraus, ob er sie ein wenig begleiten dürfe. Motive gab er dazu keine an, schon aus dem höchst einfachen Grunde, weil er trotz angestrengtestem Nachdenken keine verwendbaren gefunden hatte.

Sie selbst war trotz seiner langwierigen Vorbereitungen im kritischen Momente der Fragestellung selbst überrascht. Sollte sie annehmen? Warum nicht? Nur nicht gleich jetzt daran denken, wie die Sache enden solle. Sie wollte, da sie schon im Kostüm war, die Rolle auch spielen; wie ein bürgerliches Mädchen wollte sie auch einmal mit ihrem Verehrer in den Prater gehn. Vielleicht war es sogar amüsant?

Sie beschloß also anzunehmen und sagte ihm, sie danke, er möge sie nicht begleiten, weil er zu viel Zeit verlieren würde. Das »Ja« lag in diesem Falle im Kausalsatz.

Er verstand dies auch sofort und trat an ihre Seite.

Bald kam ein Gespräch in Fluß.

Er war ein junger, lustiger Student, noch nicht allzuviel Jahre dem Gymnasium entronnen, von dem er ein hübsches Stückchen Übermut ins Leben mitgenommen hatte. Erlebt und erfahren hatte er noch wenig, geliebt zwar nach Knabenweise unendlich viel, aber »die Abenteuer«, nach denen sich die meisten jungen Leute sehnen, waren ihm sehr, sehr selten, wenn nicht niemals passiert, weil ihm die aggressive Keckheit, die Hauptbedingung für solche Erlebnisse fehlte. Seine Liebe war meistens im bloßen Schmachten steckengeblieben, das behutsam aus der Ferne bewundert und sich in Gedichten und Träumen verliert.

Sie hingegen wunderte sich über sich selbst, was sie mit einem Male für eine Plaudertasche geworden war, um was für Dinge sie sich zu kümmern begann – und wie sie plötzlich in ihren alten Wiener Dialekt hineingekommen war, den sie nun vielleicht fünf Jahre nicht gesprochen oder gedacht hatte. Und es war ihr, als seien diese fünf Jahre des eleganten, tollen Lebens spurlos verschwunden, versunken, als sei sie wieder das schmächtige lebensdurstige Vorstadtkind von einstmals, das den Prater und seinen Zauber so geliebt.

Ohne daß sie es gemerkt hatte, waren sie langsam vom Wege abgekommen, heraus aus dem brausenden Menschenstrom in die weiten Praterauen, wo voller Frühling war.

In tiefem Grün waren die hundertjährigen, ästebreiten Kastanienbäume, die sich wie Riesen emporhoben. Und wie verliebtes Flüstern klang es, wenn sie die blütenschweren Zweige gegeneinander rauschen ließen, daß die weißen, feinbeblätterten Flocken wie Winterschnee herabstäubten in das dunkelgrüne Gras, in dem die bunten Blumen eigenartige Muster eingewirkt hatten. Und ein süßer, schwerer Duft quoll aus der Erde auf und floß in weichen Wellen dahin, an jeden sich anschmiegend, so eng und fest, daß man gar nicht mehr ein bestimmtes Bewußtsein des Genusses hatte, sondern nur ein vages Gefühl von etwas Süßem, Lieblichem, Einschläferndem. Wie ein Saphir wölbte sich der Himmel über den Bäumen, so blau, so blank und rein. Und die Sonne breitete ihr reichstes Gold über ihre wundervolle, unvergängliche, unvergleichliche Schöpfung – den Praterfrühling.

Praterfrühling! –

Das Wort lag förmlich in der Luft, sie fühlten alle den tiefen Zauber um sich, aber auch in ihnen war das Empfinden des Knospens in reichen Blüten aufgegangen. Arm in Arm wandelten Liebespaare durch die weiten, unbegrenzten Auen dahin, glückstrahlend, und in den Kindern, denen dieses Glück noch fremd war, war ein eigenes Regen erwacht, das sie zwang, zu springen und zu tanzen und zu jubeln, daß die fröhlichen Stimmen weit in Wind und Wald verklangen.

Wie eine Glorie krönte alle diese arbeitsbefreiten, glücklichen Menschen der Praterfrühling.

Die beiden hatten es gar nicht gemerkt, wie sich der Zauber auch langsam um ihre Seelen gesponnen, aber nach und nach hatte sich in ihr fröhliches Scherzen eine herzliche Intimität eingeschlichen, ein ungeladener, aber gern gesehener Gast. Sie waren einander Freund geworden, er war voll Entzücken über dieses reizende, muntere und fröhliche Mädchen, das in ihrem souveränen Übermut wie eine verkleidete Prinzessin erschien und auch sie hatte den frischen Burschen recht gern gewonnen. Und die Komödie, die sie mit ihm begonnen hatte, war ihr jetzt selbst ein wenig ernst geworden, mit dem Kleide von damals hatte sie auch wieder die Empfindung von damals angezogen, sie war wieder voll Sehnsucht nach einem Glücke, nach der Seligkeit der ersten Liebe …

Es war ihr, als möchte sie dies jetzt alles zum ersten Male erleben, dieses scherzende Bewundern, dieses verborgene Begehren, diese einfache, stille Seligkeit. –

Leise hatte er seinen Arm unter den ihren geschoben und sie wehrte es ihm nicht. Und sie fühlte seinen warmen Atem an ihrem Haar, wie er ihr tausend Dinge erzählte, von seiner Jugend, seinen Erlebnissen und dann, daß er Hans hieße und studiere und daß er sie furchtbar gern habe. Halb spaßend, halb ernst machte er ihr eine Liebeserklärung, die sie von Fröhlichkeit und Glück erbeben ließ. Sie hatte schon Hunderte gehört, vielleicht auch in schöneren Worten, sie hatte auch schon viele erhört, aber keine hatte ihr die Wangen in ein so leuchtendes Rot getaucht, als diese einfache innige herzliche Sprache, die heut an ihrem Ohre flüsterte und von innerer Erregung leise vibrierte. Wie ein süßer Traum, den man zu erleben sehnt, klangen die zitternden Worte und ihr Beben lief weiter durch ihren ganzen Körper, bis sie selig erschauerte. Und wie berauscht fühlte sie den Druck seines Armes auf den ihren immer stärker und stärker werden, in wilder, trunkener Zärtlichkeit.

Tief waren sie schon drinnen in den weiten menschenleeren Auen, in die nur noch leise und murmelnd das Getöse der Wagen hineinsummte, fast allein. Nur hie und da blitzten aus dem Grün helle Sommerkleider auf, wie weiße Schmetterlinge, die wieder weiter ihren Weg ziehen, selten klang eine Menschenstimme zu ihnen her, alles war wie im tiefen, sonnenmüden Schlafe …

Nur seine Stimme wurde nicht müde, tausend Zärtlichkeiten zu flüstern, von denen eine mehr herzlich und bizarr war wie die andere. Und sie hörte betäubt zu, wie man im Einschlafen einem fernen Musikstücke horcht, ohne die einzelnen Töne zu vernehmen, sondern nur das Rhythmische, Melodische des Klanges.

Und sie wehrte es auch nicht, als er ihren Kopf mit den Händen zu sich herüberzog und sie küßte, mit einem langen innigen Kusse, in dem unzählige, verschwiegene Liebesworte lagen.

Und mit diesem Kusse war ihre ganze Erinnerung verflogen, sie fühlte ihn wie den ersten Liebeskuß ihres Lebens. Und das Spiel, das sie mit dem jungen Menschen treiben wollte, war jetzt volles Leben und Empfinden. Eine tiefe Zuneigung hatte in ihr Wurzel gefaßt, die sie ihre ganze Vergangenheit vergessen ließ, so wie ein Schauspieler in den Augenblicken höchster Kunst sich selbst als König oder Held fühlt und nicht mehr an seinen Beruf denkt.

Es war ihr, als ob sie die erste Liebe durch ein Wunder noch einmal leben dürfte …

Ein paar Stunden waren sie so planlos umhergeirrt, Arm in Arm, im süßen Rausch der Zärtlichkeit. Der Himmel brannte schon in tiefem Rot, in das die Wipfel wie dunkelschwarze Hände hineingriffen, die Umrisse und Konturen wurden im Dämmer immer unsicherer und verschwommener, und der Abendwind raschelte in den Blättern.

Hans und Lise – gewöhnlich nannte sie sich Lizzie, aber ihr Kindername war ihr mit einem Male wieder so lieb und vertraut geworden, daß sie ihm denselben nannte – waren auch schon umgekehrt und gingen jetzt dem Volksprater zu, dem Wurstlprater, der sich schon von weitem durch den hundertfältigen Wirrwarr von möglichen und unmöglichen Geräuschen bemerkbar machte.

Ein bunter Menschenstrom floß hier an den Buden vorbei, die mit grellen Lichtern leuchteten, Soldaten mit ihren Geliebten, junge Leute, jubelnde Kinder, die sich an den unerhörten Sehenswürdigkeiten nicht sattsehen konnten. Und dazwischen ein entsetzliches Chaos von Tönen. Militärkapellen und andere Musiker, die sich gegenseitig zu übertönen suchten, Werkel, Ausrufer, die mit schon heiserer Stimme ihre Schätze anpriesen, Gewehrschüsse aus den Schießbuden und Kinderstimmen in jeder Tonlage. Das ganze Volk war hier zusammengedrängt, mit seinen wichtigsten Vertretern, seinen Wünschen, die die Buden- und Wirtshausbesitzer zu stillen suchten und mit seiner kompakten Masse, die aus der Mannigfaltigkeit die Einheit formt.

Für Lise war dieser Prater ein neuentdecktes oder besser ein wiedergefundenes Land ihrer Kindheit. Sie kannte nurmehr die Hauptallee mit der stolzen Wagenflucht, der Eleganz und Noblesse, aber jetzt fand sie hier alles entzückend, wie ein Kind, das man in eine Spielwarenhandlung führt, wo es begehrlich nach jedem Dinge greift. Sie war wieder übermütig und lustig geworden und die träumerische, fast lyrische Stimmung war vergangen. Wie zwei ausgelassene Kinder lachten und tollten die beiden in dem großen Menschenmeer.

Bei jeder Bude blieben sie stehen und ergötzten sich an dem monotonen, marktschreierischen Rufen der Budenbesitzer, die »die größte Dame der Welt« oder den »kleinsten Menschen des Kontinents« oder Schlangenmenschen, Wahrsagerinnen, Untiere, Meerwunder in der possierlichsten Weise anpriesen. Sie fuhren im Karussell, ließen sich wahrsagen, machten alles mögliche mit, und waren so fröhlich und lustig, daß ihnen alle Leute überrascht nachsahen.

Nach einiger Zeit fand Hans heraus, daß auch der Magen in seine Rechte treten müsse. Sie war einverstanden und so gingen sie zusammen in ein Wirtshaus, das nicht mitten drin im ärgsten Trubel lag. Dort verbrauste das Lärmen zu einem ununterbrochenen Sausen, das immer leiser und immer stiller wurde.

Und dort saßen sie beisammen, eng aneinandergeschmiegt. Er erzählte ihr hunderterlei fröhliche Geschichten und wußte in jede ein paar Schmeicheleien geschickt einzuflechten und ihre Lustigkeit zu erhalten. Er gab ihr komische Namen, die sie zu tollem Lachen zwangen, machte ihr Kindereien vor, die sie laut jubeln ließen. Und auch sie, die sonst eine vornehme, ruhige Selbstbeherrschung liebte, war jetzt so übermütig wie nie. Geschichten aus ihrer Kindheit, die sie lange vergessen hatte, fielen ihr wieder ein, Gestalten, die sie aus ihrem Gedächtnis verloren, tauchten auf und formten sich wieder in humoristischer Weise. Sie war wie verzaubert, so anders, so verjüngt.

Lange schwatzten sie so zusammen. –

Die Nacht war schon längst mit ihren dunklen Schleiern gekommen, aber sie hatte die Schwüle des Abends nicht hinweggetragen. Dumpf lastete die Luft, wie ein schwerer Bann. Und fern zuckte ein Wetterleuchten durch die Stille, die immer voller wurde. Langsam verlöschten die Lampen und die Menschen verloren sich in verschiedenen Richtungen, jeder seinem Heim zu.

Auch Hans erhob sich.

»Komm, Liserl, laß uns gehn.«

Sie folgte und sie gingen Arm in Arm aus dem Prater, der dunkel und geheimnisvoll ihnen nachstarrte. Und wie leuchtende Tigeraugen blitzten die letzten farbigen Lichter aus den leise rauschenden Bäumen.

Sie gingen über die Praterstraße, die hell vom Monde beglänzt dalag, ohne viel Menschen, fast schon ruhend. Jeder Schritt hallte laut auf dem Pflaster und die Schatten huschten in scheuer Hast an den Laternen vorbei, die gleichgültig ihr spärliches Licht ausstrahlten.

Sie hatten nicht über die Richtung des Weges gesprochen, aber stillschweigend hatte Hans die Führung übernommen. Sie ahnte, daß er seiner Wohnung zustrebte, wollte aber nicht sprechen.

So schritten sie mit wenig Worten hin. Sie kamen über die Donaubrücke, weiterhin über den Ring gegen den VIII. Bezirk hin, der Wiens Studentenviertel bildet, vorbei an dem blitzenden, mächtigen Steinbau der Universität, vorbei an dem Rathause gegen engere, ärmlichere Gassen zu.

Und plötzlich begann er zu ihr zu sprechen.

Glühende, heiße Worte sagte er zu ihr, das Verlangen der jugendlichen Liebe verkündete er in den brennendsten Farben, die nur der Augenblick des wildesten Begehrens leiht. In seinen Worten lag die ganze wilde Sehnsucht eines jungen Lebens nach Glück und Genießen, nach dem reichsten Ziel der Liebe. Und immer strömender, verlangender wurden seine Worte, wie gierige Flammen flackerten sie hoch empor, das ganze Wesen des Mannes hatte in ihm den höchsten Grad der Steigerung erreicht. Wie ein Bettler flehte er um ihre Liebe …

Ihr ganzer Körper bebte unter seinen Worten.

Ihr Ohr war voll von einem seligen Brausen von Worten und wilden Liedern. Sie verstand seine Rede nicht, aber sein Drängen wuchs aus ihrer eigenen Seele ihr mächtig empor und strebte dem seinen entgegen.

Wie ein kostbares, unvergleichliches Märchengeschenk versprach sie ihm, was sie hundert anderen als einen Bettellohn gegeben.

Vor einem alten, schmalen Hause blieb er stehen und läutete an, während Seligkeit aus seinen Augen glomm. –

Es wurde rasch aufgetan.

Zuerst ein schmaler, feuchtkalter Gang, den sie rasch durchschritten. Und dann viele, viele, enge ausgetretene Wendeltreppen. Aber das merkte sie nicht. Denn er hatte sie mit seinen starken Armen wie einen Federball hinaufgetragen und das erwartungsfreudige Beben seiner Hände floß in ihren Körper hinüber, während sie wie träumend immer höher kam.

Hoch oben hielt er inne und öffnete ein kleines Zimmer. Es war ein enger, dunkler Raum, in dem man nur mit Mühe die Gegenstände unterscheiden konnte, denn die lichten Strahlen des Mondes zerstreuten sich an einer weißen, zerrissenen Gardine, die das schmale Dachfenster deckte.

Leise ließ er sie niedergleiten, um sie nur noch stürmischer zu umfassen. Heiße Küsse rannen durch ihre Adern, ihre Glieder bebten unter der Liebkosung der seinen, und ihre Worte erstarben in sehnsüchtigem Flüstern …

Dunkel und eng ist der Raum.

Aber ein unendliches Glück hält darin seine Flügel ausgespannt in stiller, zufriedener Ruhe. Und heißer Sonnenschein der Liebe leuchtet in dem tiefen Dunkeln …

Es ist noch früh. Vielleicht erst sechs Uhr.

Soeben ist Lizzie wieder nach Hause gekommen, in ihr eigenes elegantes Boudoir.

Das erste ist, daß sie beide Fenstern aufreißt, um die frische Morgenluft zu schöpfen, denn es ekelt sie vor diesem faden, süßlichen Parfümgeruch, der sie an ihr jetziges Leben erinnert. Früher hatte sie gleichgiltig, ohne Gedanken, das Leben hingenommen, wie es war, blind, fatalistisch. Aber dieses Erlebnis von gestern, das wie ein lichter, froher Jugendtraum in ihr Geschick gefallen, hat ihr plötzlich ein Bedürfnis nach Liebe gegeben.

Aber sie fühlt, daß sie nicht mehr zurück kann. Jetzt wird sich bald einer ihrer Verehrer einstellen und dann ein anderer wieder. Sie erschrickt förmlich bei diesem Gedanken.

Und sie fürchtet sich vor dem Tage, welcher langsam heller und deutlicher wird. –

Aber langsam beginnt sie wieder zu sinnen und zu denken an den vergangenen Tag, der wie ein verlorener Sonnenstrahl in ihr Leben gefallen ist, das so dunkel und trübe ist. Und sie vergißt alles, was da kommen wird.

Auf ihren Lippen spielt das Lächeln eines Kindes, das frühmorgens selig aus einem herrlichen Traume erwacht.

Im Schnee (1901)

Eine kleine deutsche Stadt aus dem Mittelalter, hart an der Grenze von Polen zu, mit der vierschrötigen Behäbigkeit, wie sie die Baulichkeiten des vierzehnten Jahrhunderts in sich tragen. Das farbige, bewegliche Bild, das sonst die Stadt bietet, ist zu einem einzigen Eindrucke herabgestimmt, zu einem blendenden, schimmernden Weiß, das hoch über den breiten Stadtmauern liegt und auch auf den Spitzen der Türme lastet, um die schon die Nacht die matten Nebelschleier gezogen hat.

Es dunkelt rasch. Das laute, wirre Straßentreiben, die Tätigkeit vieler schaffender Menschen dämpft sich zu einem verrinnenden, wie aus weiter Ferne klingenden Geräusche, das nur der monotone Sang der Abendglocken in rhythmischen Absätzen durchbricht. Der Feierabend tritt seine Herrschaft an über die abgemüdeten, schlafersehnenden Handwerker, die Lichter werden immer vereinzelter und spärlicher, um dann ganz zu verschwinden. Die Stadt liegt wie ein einziges, mächtiges Wesen im tiefen Schlafe.

Jeder Laut ist gestorben, auch die zitternde Stimme des Heidewindes ist in einem linden Schlafliede ausgeklungen; man hört das leise Lispeln der stäubenden Schneeflocken, wenn ihre Wanderung ein Ziel gefunden ….

Plötzlich wird ein leiser Schall vernehmbar.

Es ist wie ein ferner, eiliger Hufschlag, der näher kommt. Der erstaunte schlaftrunkene Wächter der Tore geht überrascht ans Fenster, um hinauszuhorchen. Und wirklich nähert sich ein Reiter in vollem Galopp, lenkt gerade auf die Pforte zu, und eine Minute später fordert eine rauhe, durch die Kälte eingerostete Stimme Einlaß. Das Tor wird geöffnet, ein Mann tritt ein, der ein dampfendes Pferd zur Seite führt, das er sogleich dem Pförtner übergibt; und seine Bedenken beschwichtigt er rasch durch wenige Worte und eine größere Geldsumme, dann eilt er mit hastigen Schritten, die durch ihre Sicherheit die Bekanntschaft mit der Lokalität verraten, über den vereinsamten weißschimmernden Marktplatz hinweg, durch stille Gassen und verschneite Wege, dem entgegengesetzten Ende des Städtchens zu.

Dort stehen einige kleine Häuser, knapp aneinandergedrängt, gleichsam als ob sie der gegenseitigen Stütze bedürften. Alle sind sie schmucklos, unauffällig, verraucht und schief, und alle stehen sie in ewiger Lautlosigkeit in den verborgenen Gassen. Es ist, als hätten sie nie eine frohe, in Lust überschäumende Festlichkeit gekannt, als hätte nie eine jubelnde Freude diese erblindeten, versteckten Fenster erbeben gemacht, nie ein leuchtender Sonnenschein sein schimmerndes Gold in den Scheiben gespiegelt. Einsam, wie verschüchterte Kinder, die sich vor den andern fürchten, drücken sie sich zusammen in dem engen Komplex der Judenstadt.

Vor einem dieser Häuser, dem größten und verhältnismäßig ansehnlichsten, macht der Fremde Halt. Es gehört dem Reichsten der kleinen Gemeinde und dient zugleich als Synagoge.

Aus den Ritzen der vorgeschobenen Vorhänge dringt ein heller Lichtschimmer und aus dem erleuchteten Gemache klingen Stimmen im religiösen Gesang. Es ist das Chanukafest, das friedlich begangen wird, das Fest des Jubels und des errungenen Sieges der Makkabäer, ein Tag, der das vertriebene, schicksalgeknechtete Volk an seine einstige Kraftfülle erinnert, einer der wenigen freudigen Tage, die ihnen das Gesetz und das Leben gewährt hat. Aber die Gesänge klingen wehmütig und sehnsuchtsvoll, und das blanke Metall der Stimmen ist rostig durch die tausend vergossenen Tränen; wie ein hoffnungsloses Klagelied tönt der Sang auf die einsame Gasse und verweht ….

Der Fremde bleibt einige Zeit untätig vor dem Hause, in Gedanken und Träume verloren, und schwere, quellende Tränen schluchzen in seiner Kehle, die unwillkürlich die uralten heiligen Melodien mitsingt, die tief aus seinem Herzen emporfließen. Seine Seele ist voll tiefer Andacht.

Dann rafft er sich auf. Mit zögernden Schritten geht er auf das verschlossene Tor zu, und der Türklopfer fällt mit wuchtigem Schlage auf die Tür nieder, die dumpf erzittert.

Und das Erzittern vibriert durch das ganze Gebäude fort ….

Augenblicklich verstummt von oben der Gesang, wie auf ein gegebenes, verabredetes Zeichen. Alle sind blaß geworden und sehen sich mit verstörtem Blick an. Mit einemmale ist die Feststimmung verflogen, die Träume von der siegenden Kraft eines Juda Makkabi, dem sie im Geiste alle begeistert zur Seite standen, sind versunken, das glänzende Reich der Juden, das vor ihren Augen war, ist dahin, sie sind wieder arme, zitternde, hilflose Juden. Die Wirklichkeit ist wieder auferstanden.

Furchtbare Stille. Der bebenden Hand des Vorbetenden ist das Gebetbuch entsunken, keinem gehorchen die bleichen Lippen. Eine entsetzliche Beklemmung hat sich im Zimmer erhoben und hält alle Kehlen mit eiserner Faust umkrampft. –

Sie wissen wohl, warum.

Ein furchtbares Wort war zu ihnen gedrungen, ein neues, unerhörtes Wort, dessen blutige Bedeutung sie an ihrem eigenen Volke fühlen mußten. Die Flagellanten waren in Deutschland erschienen, die wilden gotteseifrigen Männer, die in korybantischer Lust und Verzückung ihren eigenen Leib mit Geißelhieben zerfleischten, trunkene, wahnsinnswütende Scharen, die Tausende von Juden hingeschlachtet und gemartert hatten, die ihnen ihr heiligstes Palladium, den alten Glauben der Väter gewaltsam entreißen wollten. Und das war ihre schwerste Furcht. – Gestoßen, geschlagen, beraubt zu werden, Sklaven zu sein, alles hatten sie hingenommen mit einer blinden, fatalistischen Geduld; Überfälle in später Nacht mit Brand und Plünderung hatte jeder erlebt, und immer wieder lief ein Schauder durch ihre Glieder, wenn sie solcher Zeiten gedachten.

Und vor wenigen Tagen war erst das Gerücht gekommen, auch gegen ihr Land, das bisher die Geißler nur dem Namen nach gekannt, sei eine Schar aufgebrochen und sollte nicht mehr ferne sein. Vielleicht waren sie schon hier?

Ein furchtbarer Schrecken, der den Herzschlag hemmte, hat jeden erfaßt. Sie sehen schon wieder die blutgierigen Scharen mit den weinberauschten Gesichtern mit wilden Schritten in die Häuser stürmen, lodernde Fackeln in der Hand, in ihren Ohren klingt schon der erstickte Hilferuf ihrer Frauen, die die wilde Lust der Mörder büßen, sie fühlen schon die blitzenden Waffen. Alles ist wie ein Traum, so deutlich und lebendig. –

Der Fremde horcht hinauf, und als ihm kein Einlaß gewährt wird, wiederholt er den Schlag, der wiederum dumpf und dröhnend durch das verstummte, verstörte Haus zittert. –

Inzwischen hat der Herr des Hauses, der Vorbeter, dem der weiß herabwallende Bart und das hohe Alter das Ansehen eines Patriarchen gibt, als erster ein wenig Fassung gewonnen. Mit leiser Stimme murmelt er: »Wie Gott will.« Und dann beugt er sich zu seiner Enkelin hin, einem schönen Mädchen, das in ihrer Angst an ein Reh erinnert, welches sich mit flehenden großen Augen dem Verfolger entgegen wendet: »Sieh’ hinaus, wer es ist, Lea!«

Das Mädchen, auf dessen Mienen sich die Blicke aller konzentrieren, geht mit scheuen Schritten zum Fenster hin, wo sie den Vorhang mit zitternden, blassen Fingern hinwegschiebt. Und dann ein Ruf, der aus tiefster Seele kommt: »Gottlob, ein einzelner Mann.«

»Gott sei gelobt«, klingt wie ein Seufzer der Erleichterung von allen Seiten wieder. Und nun kommt auch Bewegung in die starren Gestalten, auf denen der furchtbare Alp gelastet hat, einzelne Gruppen bilden sich, die teils in stummem Gebete stehen, andere besprechen voll Angst und Ungewißheit die unerwartete Ankunft des Fremden, der jetzt zum Tore eingelassen wird.

Das ganze Zimmer ist von einem schwülen, drückenden Duft von Scheiten und der Anwesenheit so vieler Menschen erfüllt, die alle um den reichbedeckten Festtisch versammelt gewesen waren, auf dem das Wahrzeichen und Symbol des heiligen Abends, der siebenarmige Leuchter, steht, dessen einzelne Kerzen matt durch den schwelenden Dunst brennen. Die Frauen sind in reichen, schmuckbesetzten Gewändern, die Männer in den wallenden Kleidern mit weißen Gebetbinden angetan. Und das enge Gemach ist von einer tiefen Feierlichkeit durchweht, wie sie nur die echte Frömmigkeit zu verleihen vermag.

Nun kommen schon die raschen Schritte des Fremden die Treppe herauf, und jetzt tritt er ein.

Zugleich dringt ein fürchterlicher, scharfer Windstoß in das warme Gemach, den das geöffnete Tor hereinleitet. Und eisige Kälte strömt mit der Schneeluft herein und umfröstelt alle. Der Zugwind löscht die flackernden Kerzen am Leuchter, nur eine zuckt noch ersterbend hin und her. Plötzlich ist dadurch das Zimmer in ein schweres, ungemütliches Dämmerlicht gehüllt, es ist, als ob sich jäh eine kalte Nacht von den Wänden herabsenken möchte. Mit einem Schlage ist das Behagliche, Friedliche verflogen, jeder fühlt die üble Vorbedeutung, die in dem Verlöschen der heiligen Kerzen liegt, und der Aberglaube macht sie wieder von neuem erschaudern. Aber keiner wagt ein Wort zu sprechen. –

An der Türe steht ein hochgewachsener, schwarzbärtiger Mann, der kaum älter sein dürfte als dreißig Jahre, und entledigt sich rasch der Tücher und Decken, mit denen er sich gegen die Kälte vermummt hatte. Und im Augenblicke, wo seine Züge im Dämmerschein der kleinen, flackernden letzten Kerzenflamme sichtbar werden, eilt Lea auf ihn zu und umfängt ihn.

Es ist Josua, ihr Bräutigam aus der benachbarten Stadt.

Auch die andern drängen sich lebhaft um ihn herum und begrüßen ihn freudig, um aber bald zu verstummen, denn er wehrt seine Braut mit ernster, trauriger Miene ab, und ein schweres sorgenvolles Wissen hat breite Furchen in seine Stirn gegraben. Alle Blicke sind ängstlich auf ihn gerichtet, der seine Worte gegen die strömende Flut seiner Empfindungen nicht verteidigen kann. Er faßt die Hände der Zunächststehenden, und leise entringt sich das schwere Geheimnis seiner Lippen:

»Die Flagellanten sind da!«

Die Blicke, die sich auf ihn fragend gerichtet haben, sind erstarrt, und er fühlt, wie die Pulse der Hände, die er hält, plötzlich stocken. Mit zitternden Händen hält sich der Vorbeter an dem schweren Tische an, daß die Kristalle der Gläser leise zu singen beginnen und zitternde Töne entschwingen. Wieder hält die Angst die verzagten Herzen umkrallt und preßt den letzten Blutstropfen aus den erschreckten, verwüsteten Gesichtern, die auf den Boten starren.

Die letzte Kerze flackert noch einmal und verlöscht ….

Nur die Ampel beleuchtet noch matt die verstörten, vernichteten Menschen, die das Wort wie ein Blitzschlag getroffen hat.

Eine Stimme murmelt leise das schicksalsgewohnte, resignierte »Gott hat es gewollt!«.

Aber die übrigen sind noch fassungslos.

Doch der Fremde spricht weiter, abgerissen, heftig, als ob er selbst seine Worte nicht hören wollte.

»Sie kommen – viele – Hunderte. – Und vieles Volk mit ihnen. – Blut klebt an ihren Händen – sie haben gemordet, Tausende – alle von uns, im Osten. – Sie waren schon in meiner Stadt …..«

Ein furchtbarer Schrei einer Frauenstimme, dessen Kraft die herabstürzenden Tränen nicht mildern können, unterbricht ihn. Ein Weib, noch jung, erst kurz verheiratet, stürzt vor ihn hin.

»Sie sind dort?! – Und meine Eltern, meine Geschwister? Ist ihnen ein Leid geschehen?«

Er beugt sich zu ihr nieder, und seine Stimme schluchzt, wie er leise zu ihr sagt, daß es wie eine Tröstung klingt: »Sie kennen kein menschliches Leid mehr.«

Und wieder ist es still geworden, ganz still …. Das furchtbare Gespenst der Todesfurcht steht unter ihnen und macht sie erzittern …. Es ist keiner von ihnen, der nicht dort in der Stadt einen lieben Toten gehabt hätte.

Und da beginnt der Vorbeter, dem Tränen in den silbernen Bart hinabrinnen und dem die spröde Stimme nicht gehorchen will, mit abgerissenen Worten das uralte, feierliche Totengebet zu singen. Und alle stimmen ein. Sie wissen es selbst nicht, daß sie singen, sie wissen nichts von Wort und Melodie, die sie mechanisch nachsprechen, jeder denkt nur an seine Lieben. Und immer mächtiger wird der Gesang, immer tiefer die Atemzüge, immer mühsamer das Zurückdrängen der emporquellenden Gefühle, immer verworrener die Worte, und schließlich schluchzen alle in wildem fassungslosen Leid. Ein unendlicher Schmerz hat sie alle brüderlich umfangen, für den es keine Worte mehr gibt.

Tiefe Stille ….

Nur ab und zu ein tiefes Schluchzen, das sich nicht unterdrücken lassen will ….

Und dann wieder die schwere, betäubende Stimme des Erzählenden:

»Sie ruhen alle bei Gott. Keiner ist ihnen entkommen. Ich allein entfloh durch Gottes Fügung ….«

»Sein Name sei gelobt«, murmelt der ganze Kreis in instinktivem Frömmigkeitsgefühl. Wie eine abgebrauchte Formel klingen die Worte aus dem Munde der gebrochenen zitternden Menschen.

»Ich kam spät in die Stadt, von einer Reise zurück; die Judenstadt war schon erfüllt mit den Plünderern …. Man erkannte mich nicht, ich hätte flüchten können – aber es trieb mich hin, unwillkürlich an meinen Platz, zu meinem Volke, mitten unter sie, die unter den geschwungenen Fäusten fielen. Plötzlich reitet einer auf mich zu, schlägt aus nach mir – er fehlt und schwankt im Sattel. Und da plötzlich faßt mich der Trieb zum Leben, die unerklärliche Kette, die uns an unsern Jammer fesselt – eine Leidenschaft gibt mir Kraft und Mut, ich reiße ihn vom Pferde und stürme selbst auf seinem Roß in die Weite, in die dunkle Nacht, zu euch her: einen Tag und eine Nacht bin ich geritten.«

Er hält einen Augenblick inne. Dann sagt er mit festerer Stimme: »Genug jetzt von dem allen! Zunächst, was tun?«

Und von allen Seiten die Antwort:

»Flucht!« – »Wir müssen fliehen!« – »Nach Polen hinüber!«

Es ist das einzige Hilfsmittel, das alle wissen, die abgebrauchte, schmähliche und doch unersetzliche Kampfesart des Schwächeren gegen den Starken. An Widerstand denkt keiner. Ein Jude sollte kämpfen oder sich verteidigen? Das ist in ihren Augen etwas Lächerliches und Undenkbares, sie leben nicht mehr in der Zeit der Makkabäer, es sind wieder die Tage der Knechtschaft, der Ägypter gekommen, die dem Volke den ewigen Stempel der Schwäche und Dienstbarkeit aufgedrückt haben, den nicht Jahrhunderte mit den Fluten der Jahre verwaschen können.

Also Flucht!

Einer hatte die schüchterne Ansicht geltend machen wollen, man möge den Schutz der Bürger in Anspruch nehmen, aber ein verächtliches Lächeln war die Antwort gewesen. Ihr Schicksal hatte die Geknechteten immer wieder zu sich selbst und zu ihrem Gotte zurückgeführt. Ein Vertrauen auf einen dritten kannten sie nicht mehr.

Man besprach nun alle näheren Umstände. Alle diese Männer, die es als ihr einziges Lebensziel betrachtet hatten, Geld zusammenzuscharren, die im Reichtum den Gipfel menschlicher Glückseligkeit und Machtstellung sahen, stimmten jetzt überein, daß man kein Opfer scheuen müßte, um die Flucht zu beschleunigen. Jedes Besitztum mußte zu barem Gelde gemacht werden, wenn auch unter den ungünstigsten Umständen, Wagen waren zu beschaffen, Gespann und das Notdürftigste zum Schutze gegen die Kälte. Mit einem Schlage hatte die Todesfurcht ihre nationale Eigenschaft verwischt, ebenso wie sie die einzelnen Charaktere zu einem einzigen Willen zusammengeschmiedet. In allen den bleichen, abgemüdeten Gesichtern arbeiteten die Gedanken einem Ziele zu.

Und als der Morgen seine lohenden Fackeln entflammte, da war schon alles beraten und beschlossen. Mit der Beweglichkeit ihres Volkes, das die Welt durchwandert hat, fügten sie sich dem schweren Banne der Situation, und ihre letzten Beschlüsse und Verfügungen klangen wieder in ein Gebet aus.

Jeder ging, seinen Teil am Werke zu vollbringen.

Und im leisen Singen der Schneeflocken, die schon hohe Wälle in den schimmernden Straßen getürmt hatten, starb mancher Seufzer dahin. ….

Dröhnend fiel hinter dem letzten Wagen der Flüchtenden das große Stadttor zu ….

Am Himmel leuchtete der Mond nur als schwacher Schein, aber sein Glanz versilberte die Myriaden Flocken, die übermütige Figuren tanzten, sich in den Kleidern versteckten, um die schnaubenden Nüstern der Pferde flitterten und an den Rädern knirschten, die sich nur mühsam den Weg durch die dicken Schneemassen bahnten.

Aus den Wagen flüsterten leise Stimmen. Frauen, die ihre Erinnerungen an die Heimatstadt, die in sicherer, selbstbewußter Größe noch knapp vor ihren Augen lag, mit wehmütigen, leise singenden Worten austauschten, helle Kinderstimmen, die nach tausend Dingen fragten und forschten, die aber immer stiller und seltsamer wurden und endlich mit einem gleichmäßigen

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