Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Kostenlos für 30 Tage, dann für $9.99/Monat. Jederzeit kündbar.

Lou Parker – Ich habe getötet …: Ein Fall für Lou Parker

Lou Parker – Ich habe getötet …: Ein Fall für Lou Parker

Vorschau lesen

Lou Parker – Ich habe getötet …: Ein Fall für Lou Parker

Länge:
253 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 3, 2020
ISBN:
9783958132122
Format:
Buch

Beschreibung

Der Pharmazie-Industrielle Ronald Schwab beichtet seiner Enkelin Hanna Herzog am Sterbebett, aus niedrigen Beweggründen Studienfreunde getötet zu haben. Auf Wunsch des Großvaters soll Hanna deren Nachkommen ausfindig machen. Sie beauftragt Privatdetektiv und Ex-Polizist Lou Parker. Die Söhne von Schwab, Thilo und Eric, fürchten um ihr Erbe und observieren ihn. Der Detektiv findet einen Nachfahren. Schon wenig später wird dieser ermordet. Kurz darauf erhält Parker brisante Informationen und ermittelt schließlich auf eigene Rechnung. Dabei wird er von seiner Vergangenheit eingeholt. Wer war verantwortlich für seinen Rauswurf bei der Polizei?
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 3, 2020
ISBN:
9783958132122
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Lou Parker – Ich habe getötet …

Titel in dieser Serie (29)

Ähnliche Bücher

Ähnliche Artikel

Verwandte Kategorien

Buchvorschau

Lou Parker – Ich habe getötet … - Mathias Wünsche

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

Bedrohlich zogen die schweren grauen Wolken über den Michaelsberg hinweg. Vorboten. Ein Unwetter kündigte sich an. Die Abtei glich im Zusammenspiel zwischen aufsteigendem, dichter werdendem Bodennebel und dem kalten Mondlicht einer Trutzburg, die sich gegen alle Angriffe von außen zu verteidigen versuchte. Die Grünanlage auf dem Vulkankegel, die tagsüber von Touristen und Siegburgern gleichermaßen rege frequentiert wurde, war verwaist. Auch wenn die Nacht an diesem 30. Januar frostfrei war, so war das Gras feucht und das Erdreich ausgekühlt.

Er schmeckte das Blut in seinem Mund. Ein bitterer Geschmack. Er spuckte aus. Der pochende Schmerz unter seiner Schädeldecke war unerträglich. Und das lag nicht am Alkohol allein. Mühsam rappelte er sich auf, schüttelte sich kurz und lief weiter. Einfach weiter, ohne zu wissen, wohin. Orientierungslos. Sein Blick war getrübt, er nahm seine Umgebung wie durch einen Schleier wahr. Verwaschen. Er stolperte. Blieb auf den Beinen. Ruderte mit den Armen. Es ging bergab. War das gut? Er musste achtsam sein, wollte er mit seinen glatten Sohlen nicht ein weiteres Mal ausrutschen. Irgendwo mussten die Wohnhäuser sein. Verdammt! Irgendwo mussten sie doch sein! Lief er etwa im Kreis?

Er wagte es nicht, stehen zu bleiben. Wagte es nicht, sich umzusehen. Sie waren zu dritt. Sicher, er war ihnen entkommen. Hatte ihre ersten Attacken einigermaßen abwehren können. Aber nein, sie würden ihn nicht so einfach davonkommen lassen. Sie waren hinter ihm, auch wenn er sie nicht hörte. Nicht sah. Und es war niemand da, den er hätte um Hilfe bitten können. Der Schrei blieb ihm im Halse stecken.

»Nein, tu das nicht!«, schluchzte er. Vielleicht …! Sollte es noch eine Chance geben, ihnen zu entkommen, musste er leise sein. Vielleicht …! Vielleicht konnte er ihnen doch noch … Vielleicht hatten sie ihn ja aus dem Blick verloren. Mit aller Macht versuchte er, die erdrückende Panik niederzuringen. Vielleicht hatten sie aufgegeben. Ja, verflucht, er hatte sich mit den falschen Leuten eingelassen, war unvorsichtig gewesen. Er hatte die Typen unterschätzt. Aber diese Erkenntnis half ihm jetzt nichts mehr.

Der scharfe Wind trieb ihm die Tränen in die Augen. Mit dem Handrücken wischte er sich übers Gesicht, was das Brennen noch verstärkte. Sein Atem ging stoßweise. Seine Lunge brannte. Das Laufen auf dem harten, unebenen Boden fiel ihm zusehends schwerer. Ihm wurde schwindelig. Alles um ihn herum schien sich zu drehen. Ob er wollte oder nicht, er brauchte eine kurze Verschnaufpause. Er stoppte abrupt und verlor dabei beinah das Gleichgewicht. Vornübergebeugt stützte er sich mit beiden Händen auf seine Oberschenkel ab. Gierig rang er nach Luft. Nur einen Moment. Er benötigte nur einen Moment … Seine Beine fingen plötzlich an zu zittern, ohne dass er etwas dagegen hätte tun können. Sie gehorchten ihm einfach nicht und er fiel auf die Knie. Der stechende Schmerz erreichte ihn prompt, und er stöhnte auf.

»Komm hoch!«, schrie ihn die innere Stimme an. Vergebens.

Und dann waren sie da. Standen wie aus dem Nichts kommend um ihn herum. Wortlos starrten sie auf ihn herunter. Sekunden vergingen, ohne dass irgendetwas geschah. Er sprang hoch, kam zum Stehen, versuchte zu fliehen. Doch instinktiv wusste er, dass es dafür zu spät war. Dem Baseballschläger konnte er nicht ausweichen, und er traf ihn genau in den Magen. Der jähe, explodierende Schmerz warf seinen Körper mit solcher Kraft nach vorne, dass er beinah freigekommen wäre, doch einer der Männer riss ihn zurück und richtete ihn wieder auf. Ein anderer schlug erneut zu. Das Letzte, was er hörte, war das Geräusch von zerbrechenden Knochen. Schädelknochen. Den zweiten Schlag, der ihn mitten ins Gesicht traf, spürte er schon nicht mehr.

Da war diese Tür. Groß und weiß lackiert. Hochglänzend. Einen Augenblick der inneren Einkehr. Deutlich vernahm sie ihren Herzschlag. Hanna Herzog stand vor dieser massiven Holztür, und ihre Hand, die sich nun auf die Messingklinke legte, war plötzlich wieder klein. Ja, es war die Hand eines Kindes. Früher hatte sie geglaubt, die Türklinke sei aus purem Gold. Felsenfest hatte sie das geglaubt. Als sie kleiner war, musste sie sich auf die Zehenspitzen stellen, um sie zu erreichen.

Die schweren Vorhänge waren aufgezogen und die wärmende Sonne durchflutete den Raum. Es war einer dieser Frühsommertage, an die sie sich so gerne erinnerte. Und sie schaute zur Decke empor und betrachtete fasziniert die Stuckaturen.

Die Ornamente, Muscheln, Rosetten und die Engel. Ja, die pausbäckigen Engel hatten es ihr besonders angetan. Sie sahen aus, als seien sie geschminkt. Sie lächelten. Strahlten unbändige Freude aus. Manchmal glaubte Hanna, sie juchzen zu hören. Und sie hatten so gar nichts gemein mit den großen, steinernen Engeln, die Hanna vom Friedhof her kannte und die so erhaben und ernst auf sie herabsahen. Sie fürchtete sich vor ihnen und traute sich kaum, sie anzuschauen.

Er wusste das. Er blickte dann jedes Mal zu ihr hinunter, lächelte und drückte zart ihre Hand, die in seiner lag und die sie in solchen Momenten nicht loslassen wollte.

Dieser Moment wiederholte sich einmal im Jahr. Immer am 15. April. Alles in ihr wehrte sich dagegen. Sträubte sich. Am liebsten wäre sie an diesen Tagen im Bett geblieben. Sie hätte vorgeben können, krank zu sein. Er hätte sie nicht gezwungen, da war sie sich sicher. Jedoch spürte sie trotz ihrer Kindlichkeit, dass es ihm wichtig war. Und sie wollte ihn nicht enttäuschen. Nein, es war nicht so, dass sie dieses Datum hasste – sie war nicht in der Lage, zu hassen. Es entsprach nicht ihrem Naturell. Nein, Hanna verstand nicht, warum. Warum musste sie an diesen kalten Ort?

Vehement schüttelte sie den Kopf. Nein, nicht diese Erinnerungen! Wo es doch so viele schöne gab! Bedeutsame! Und die hatten mit dem Hier zu tun. Hier fühlte sie sich geborgen. Hier hatte sie ihre Zuflucht gefunden. In dieser Villa aus der Gründerzeit, die seit drei Generationen im Familienbesitz war, war sie seit drei Jahren zu Hause. Sie war acht und kannte jeden Winkel des stattlichen Gebäudes. Jedenfalls glaubte sie das damals. Und der Garten war ihr Abenteuerland. Einen nicht unerheblichen Teil der riesigen Anlage ließ er verwildern. Weil Hanna es so wollte. Und er hatte seinen Gärtner angewiesen, dass es wuchern und wachsen sollte.

Egal ob Winter oder Sommer, sie ging jeden Tag auf Entdeckungsreise. Kinderlachen. Er hatte nie etwas dagegen gehabt, dass sie Spielkameraden zu sich einlud. Auch an diesem verregneten Sonntagnachmittag im Juni 1996 hatte sie ihre zwei besten Freunde, Lara und Benny, zu Besuch. Wie so oft wurde der Garten zum tropischen Regenwald, und die Expedition war bereits im vollen Gang, als sie auf einen vom letzten Herbststurm gebeutelten, schräg stehenden Apfelbaum kletterte. Sie war schon auf halber Höhe, da passierte es: Sie rutschte auf der glitschigen Rinde ab und fiel zu Boden. Dabei bohrte sich ein spitzer Ast in ihr Bein. Benny lief sofort los, um ihn zu Hilfe zu holen. Hanna hörte ihn schon von Weitem rufen. Als sie ihn sah, bleich das Gesicht, die schwarzen Haare klebten ihm am Kopf, erschrak sie, trotz ihrer Schmerzen. Nein, so aufgewühlt hatte sie ihn noch nie gesehen. Mit sorgenvoller Miene trug er sie schnellen Schrittes ins Haus, legte sie nass und verdreckt, wie sie war, auf das cremefarbige Ledersofa und rief den Arzt. Seitdem hatte sie die Narbe auf ihrem rechten Oberschenkel.

Ein Räuspern ließ sie zusammenfahren und riss sie aus ihren Kindheitserinnerungen.

»Du solltest hineingehen«, sprach die sonore Stimme dicht hinter ihr. »Ihm bleibt nicht mehr allzu viel Zeit. Der Herr wird ihn schon bald zu sich holen. Er hat bereits ein paar Mal nach dir gefragt. Er will dich sehen, will, dass du …« Die Stimme brach ab. Der Satz blieb unvollendet. Sie konnte seinen Atem im Nacken spüren. Und ein kalter Schauer kroch ihr über den Rücken. Hanna brauchte sich nicht umzudrehen; sie wusste, wer hinter ihr stand. Für wenige Sekunden schloss sie die Augen und ließ das Gesagte im Raume stehen. Antwortete nicht. Hanna schmeckte das Salz der Tränen auf ihrer Zunge, als sie sich damit über die Lippen fuhr. Dann drückte sie die Klinke hinunter und öffnete entschlossen die Tür.

Im Zimmer war es warm. Ein Hauch von Old Spice hing in der Luft. Sein Aftershave. Obwohl die Vorhänge zurückgezogen waren, lag das Schlafzimmer im Halbdunkeln. Es war kurz vor 13:00 Uhr. Der Tag draußen war grau und trist. Januargrau.

Sie setzte einen Fuß über die Schwelle und blieb dann stehen. Keine Geräte. Gott sei Dank! Man hatte seinem Wunsch, nein, seiner Anordnung entsprochen. Wie hatte er immer gesagt? Wenn es mal so weit sein sollte, dann lasst mich in Würde sterben! Ich will keinen Technik-Schnickschnack, der mein Leben künstlich verlängert. Letztendlich entscheidet alleine mein Herz darüber, wann der Zeitpunkt gekommen ist, das Schlagen einzustellen! Dem Tod begegnet man mit Anstand und Respekt! Es gehört zum Leben dazu, dass man den Tod anerkennt.

Ihr Blick heftete sich an das Bett. Es war circa fünf Meter von ihr entfernt. Weiße Bettwäsche. So wie immer. Er könne nur in weißer Bettwäsche schlafen, hatte er ihr einmal scherzhaft erzählt. Sie sah die Umrisse. Seine Umrisse. Er musste es sein.

Mit Anstrengung zwang sie sich, ihre Schritte zu verlangsamen. Durch all ihren Schmerz fühlte sie, dass sie ruhig bleiben musste. Er mochte es nicht, wenn man sich gehen ließ.

Sie trat an das Bett. Auch wenn er ihr plötzlich viel kleiner, schmaler vorkam, so war er es doch. Der Kopf schien ebenfalls geschrumpft zu sein. Sein offener Mund zeigte zur Zimmerdecke.

Hanna hörte ein leises Röcheln. Sicher schlief er. Es war das erste Mal, dass sie auf ihn herabsah. Da lag der Mann, den sie ihr Leben lang bewundert hatte.

Seine Haut spannte sich über den Wangenknochen, und die geschlossenen Augen lagen tief in ihren Höhlen. Die schmalen Lippen waren blass, so als wäre ihnen alles Blut entzogen worden. Sie erkannte ihn kaum noch wieder. Grausam. Grausam, wie schnell ein Körper verging. Wie er abbaute. Einfach verschwand. Und damit auch das, was einen Menschen ausgemacht hat. Nein, da war nichts mehr übrig von dieser Entschlossenheit. Dieser kämpferischen Ausstrahlung, der Aura, die ihn umgab und der man sich nur schwerlich entziehen konnte.

Einen Augenblick stand sie regungslos da, durchdrungen von der vernichtenden Hoffnungslosigkeit des herannahenden Verlustes. Hanna verbarg ihr Gesicht in beide Hände und weinte. Lautlos. Und mit einem Mal kam die Müdigkeit. Die Auswirkungen des Jetlags ließen sich nicht länger unterdrücken. Was hatte sie erwartet? Sie war auf einer Auslandsreise gewesen, als sie die Nachricht erhielt. Vor gerade mal sieben Wochen war sie aufgebrochen, dabei waren drei Monate geplant gewesen. Es hatte sie unvorbereitet getroffen. Auch wenn er mit seinen einundachtzig gewiss kein junger Mann mehr war, so hatte sich das Ende nicht angekündigt. Er strotzte vor Vitalität. Sie kannte ihn nur so.

In ihrer Erinnerung war er nie krank. Er besaß eine körperliche Fitness, die man einem zwanzig Jahre jüngeren Menschen hätte zuschreiben können. Hanna hatte seinen wachen Verstand, der sich in seinen klaren, blauen Augen widerspiegelte, immer bewundert. Seine große Nase verlieh ihm etwas Aristokratisches.

Vielleicht hatte sie die Anzeichen auch nicht sehen wollen. Er hatte sie darauf gedrängt, die Niederlassung in Guatemala zu besuchen. Sie sollte sich wohl schon mal mit dem Gedanken vertraut machen, dass sie in absehbarer Zukunft die Geschäfte zu leiten hatte. Da duldete er keinen Widerspruch. Sie hätte ihm auch nicht widersprochen. Dafür hatte sie ihm zu viel zu verdanken.

Gedankenverloren setzte sie sich auf den Polsterstuhl, rückte damit etwas näher ans Bett und nahm seine knöchrige Hand. Was sollte nun werden? Er würde sterben, das war traurige Gewissheit. Kaum dass sie in Deutschland gelandet war, hatte sie am Frankfurter Flughafen mit dem behandelnden Arzt telefoniert, einem langjährigen Freund der Familie. Diagnose: Lungenkrebs im Endstadium.

Es war schon eine bittere Ironie des Schicksals, dass ein Mann wie er, der nie geraucht hatte, nun von dieser furchtbaren Krankheit getötet wurde. Ein Gesundheitsfanatiker. Hatte er es gespürt? Möglich. Er, der immer betont hatte, wie gut er mit seinem Körper im Kontakt war. Körper und Geist bildeten für ihn eine Einheit. Und er alleine trug die Verantwortung dafür, dass beides auch im Einklang bliebe. Das war seine Überzeugung. Sein Lebensmotto.

Keine Maßlosigkeiten. Keine Exzesse. Er verachtete Menschen, die dickleibig waren. Oder Menschen, die übermäßig Alkohol konsumierten. Für ihn Zeichen von Schwäche. Mit dieser Einstellung hatte er schon so manchen brutal vor den Kopf gestoßen. Nein, Diplomatie war seine Stärke nie gewesen.

Aber er konnte auch sehr liebevoll und fürsorglich sein. Ihre Eltern waren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, da war sie fünf Jahre alt gewesen. Es war seine Tochter, die in den Flammen starb. Er hatte es nie verwunden, dass er nicht verhindert hatte, dass sein geliebtes Kind den Mann, der ihr Vater war, geheiratet hatte.

Ronald Schwab, ihr Großvater, erfolgreicher Pharmaunternehmer, hatte seinen Schwiegersohn bis aufs Blut gehasst. Das war offensichtlich, auch wenn er nie mit ihr über seine Beweggründe gesprochen hatte.

Gab er ihm die Schuld am Tod seiner Tochter? Dabei hatte sie hinter dem Lenkrad gesessen! Hanna kannte den Polizeibericht – den hatte der Großvater ihr gezeigt, aber erst, nachdem sie ihn im Erwachsenenalter wiederholt und eindringlich danach gefragt hatte.

Der Unfall geschah am 9. April auf der A 50 in Südfrankreich, fünfzehn Kilometer vor Marseille. Laut Bericht kam der Sportwagen ihrer Mutter um circa 16:30 Uhr von der regennassen Fahrbahn ab und prallte frontal gegen einen Baum. Sie war sofort tot. Weiter sagte der Obduktionsbericht aus, dass ihre Mutter 1,8 Promille Alkohol im Blut hatte. Der Vater soll auf dem Beifahrersitz gesessen haben. Er war nicht angeschnallt gewesen, wurde durch die Wucht des Aufpralls aus dem Wagen geschleudert und verstarb noch an der Unfallstelle. Schädelbruch. Neben dem ausgebrannten Autowrack fand die Polizei eine leere Rotweinflasche. Hanna war an diesem 9. April bei ihren Großeltern in Aubagne, keine zehn Kilometer von der Unfallstelle entfernt. Die Leichname wurden nach Deutschland überführt und am 15. April in Bonn beigesetzt.

Ronald und Gertrud Schwab besaßen in der Provence-Alpes-Côte d’Azur ein Landhaus. Hannas Großmutter war damals schon unheilbar an Leukämie erkrankt und starb ein halbes Jahr später.

Hanna beugte sich etwas nach vorn, strich ihrem Großvater über die eingefallenen Wangen. Strich sanft über die feucht-kalte Stirn. Ein, zwei Mal. Dann legte sie ihre Hand auf seine Brust. Was wäre ohne ihm aus ihr geworden? Alles, was sie heute war, verdankte sie diesem Mann. Seiner liebevollen Führung …

Nach dem Einser-Abitur studierte sie an der TU München Chemie. Hanna hatte die Zusage für Harvard in der Tasche gehabt. Aber das kam für sie nicht infrage, hätte es doch bedeutet, ihn für eine längere Zeit zu verlassen. Nicht in seiner Nähe zu sein. Er hatte versucht, sie zu überzeugen, das Angebot anzunehmen. Erfolglos. Nein, Amerika war zu weit weg von Bad Godesberg. Zu weit weg von der Rheinallee. Zu weit weg von ihm.

»Schick den Priester raus!«

Hastig zog sie die Hand weg. Die heisere Stimme, die plötzlich die Stille durchschnitt, hatte sie überrascht. Ja erschrocken. Der alte Mann hielt die Augen geschlossen, doch seine farblosen Lippen wiederholten den Befehl.

»Hanna, hörst du«, zischte er, und in seinem Ton lag die Schärfe vergangener Zeit. »Schick den Pfaffen raus!« Hanna wandte sich um. Sie sah den groß gewachsenen Mann in der Soutane, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, regungslos am Fenster stehen. In seiner Miene konnte sie keine Reaktion ablesen. Noch bevor sie etwas sagen konnte, nickte der Priester ihr kurz zu und wendete sich dann ab, um mit lautlosen Schritten den Raum zu verlassen.

»Ist er fort?«

Hanna bejahte mit leiser, gepresster Stimme.

»Gut«, sagte ihr Großvater und deutete mit einem schwachen Fingerzeig an, dass sie näherkommen sollte. Sie beugte sich zu ihm hin, bis sie seinen fiebrigen Atem auf ihrem Gesicht spürte.

»Ich habe getötet!«, hörte sie den alten Mann sagen. Seine Stimme – für einen Moment fest und klar. Doch verstand sie nicht, was er sagte.

»Ich habe getötet«, wiederholte er und schlug die Augen auf. Er drehte den Kopf und blickte sie an. »Ja, Hanna, ich habe getötet. Ich habe Menschen getötet!«

2. Kapitel

Und?«

»Er ist wieder in seinen Dämmerzustand zurückgefallen. Der Arzt ist bei ihm.«

»Das meine ich nicht! Hat der Alte mit ihr gesprochen?«

»Ja, sie weiß es. Er hat es ihr gebeichtet.«

»Woher weißt du das?«

»Sie hat es mir gesagt.«

»Verflucht!«

»Mäßige dich!«

»Dieser starrsinnige alte Mann! Mit seiner sogenannten Beichte hat er unsere Zukunft aufs Spiel gesetzt.«

»Beruhige dich! Wir müssen jetzt einen kühlen Kopf behalten. Alles Wehklagen hilft da nichts!«

»Das passt zu ihm! So war er doch sein ganzes Leben lang. Erst kommt er, und dann kommt lange nichts … nein, er hat noch nie Rücksicht genommen. Und jetzt, kurz vor seinem Ableben, will er sich noch rasch erleichtern und bricht uns damit das Genick. Konnte er diese alte Geschichte nicht mit ins Grab nehmen? Sie wird uns alle hochgehen lassen. Man wird uns alles nehmen!«

»Du dramatisierst. Sie …«

»Ach ja? Na, wenn du meinst! Du kennst sie ja besser. Und, wie hat sie reagiert?«

»Sie war natürlich erschüttert.«

»Verständlich. Das arme Püppchen. Das passt so gar nicht in ihr verklärtes Opa-Bild. Was denkst du, wird sie tun? Die Polizei einschalten?«

»Nein, wohl eher nicht. Sie wird das Ansehen ihres geliebten Großvaters nicht beschmutzen wollen. Sie hat vor, einen Privatdetektiv zu beauftragen.«

»Einen Privatdetektiv?«

»Ja.«

»Wozu?«

»Um ihn mit der Suche zu beauftragen, bevor es von anderer Stelle veranlasst wird.«

»Und? Eventuell verläuft das Ganze im Sande und niemand wird gefunden. Besser wäre es, die Füße stillzuhalten. Sie macht doch alles nur noch komplizierter.«

»Vielleicht tut sie es auch, um eine alte, schlimme Schuld zu begleichen. Vielleicht geht es ihr um Gerechtigkeit.

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Lou Parker – Ich habe getötet … denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen