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Seefeld in Tirol in der NS-Zeit
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eBook684 Seiten7 Stunden

Seefeld in Tirol in der NS-Zeit

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Über dieses E-Book

Die kleine Gemeinde Seefeld in Tirol entwickelte sich ab Mitte der 1930er Jahre zu einem der Zentren illegaler nationalsozialistischer Aktivitäten in Tirol. Die nahe Grenze zum Deutschen Reich, das mit der 1.000-Mark-Sperre Österreich wirtschaftlich enorm schadete, begünstigte die lokalen NS-Organisationen, die ab 1932 zu einer ernsthaften Konkurrenz auf dem politischen Feld aufstiegen und nach dem Verbot das Plateau mit Terror überzogen. Den "Anschluss" begrüßte die Gemeinde mit einer hundertprozentigen Zustimmung. In den Jahren 1938 bis 1945 beherrschte das NS-Regime jeden Bereich des Lebens, verfolgte Andersdenkende, "arisierte" Eigentum, beschränkte die Macht der katholischen Kirche und nutzte den touristischen Ruf Seefelds. Politisch blieb die Gemeinde zerstritten; vier Bürgermeister und sechs Ortsgruppenleiter scheiterten an Seefelds Problemen, den Schulden, der verrotteten Infrastruktur und der Wohnungsnot. Ab 1943 besetzten Schulen aus dem bombenbedrohten Deutschen Reich und Innsbruck, Lazarette, Kliniken und Umquartierte die Betten in den Tourismusbetrieben. Ende April 1945 endete der Todesmarsch von Dachauer KZ-Häftlingen auf dem Plateau, das die US-Armee Anfang Mai 1945 befreite. Lange Zeit dominierte der Prozess der nur unzureichend durchgeführten Entnazifizierung; Verhaftungen, Anzeigen, Lügen und Ausreden begleiteten die Verfahren.
Sabine Pitscheiders quellenreiche Publikation schildert die wichtigsten Ereignisse der Gemeinde Seefeld von den 1930er Jahren bis in die 1950er Jahre.
SpracheDeutsch
HerausgeberStudienVerlag
Erscheinungsdatum29. Nov. 2019
ISBN9783706560023
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    Buchvorschau

    Seefeld in Tirol in der NS-Zeit - Sabine Pitscheider

    Sabine Pitscheider

    Seefeld in Tirol in der NS-Zeit

    STUDIEN ZU GESCHICHTE UND POLITIK

    Band 25

    herausgegeben von Horst Schreiber

    Michael-Gaismair-Gesellschaft

    www.gaismair-gesellschaft.at

    Sabine Pitscheider

    Seefeld in Tirol in der NS-Zeit

    StudienVerlag

    Innsbruck

    Wien

    Bozen

    © 2019 by Studienverlag Ges.m.b.H., Erlerstraße 10, A-6020 Innsbruck

    E-Mail: order@studienverlag.at

    Internet: www.studienverlag.at

    Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilmoder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oderunter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

    Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

    ISBN 978-3-7065-6002-3

    Buchgestaltung nach Entwürfen von himmel. Studio für Design und Kommunikation, Innsbruck / Scheffau – www.himmel.co.at

    Satz und Umschlag: Studienverlag/Karin Berner

    Umschlagabbildungen: Privatbesitz

    Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlungoder direkt unter www.studienverlag.at

    Inhaltsverzeichnis

    Vorwort des Herausgebers

    Vorbemerkungen

    I. Seefeld 1932 bis März 1938

    1. Die „Fremdenindustrie"

    2. Gemeindepolitik 1932

    2.1 Die Gemeinderatswahlen im Mai 1932

    2.2 Der Aufstieg der NSDAP 1932

    3. Die Seefelder NSDAP 1933 – Provokation und Verbot

    4. Der wirtschaftliche Niedergang Seefelds

    4.1 Die Auswirkungen der 1.000-Mark-Sperre

    4.2 Die Schulden der Gemeinde Seefeld

    5. Parteien und Vereine 1933–1938

    5.1 Die „Vaterländischen"

    5.2 Die illegale NSDAP in Seefeld Juni 1933 bis März 1938

    5.2.1 Juni 1933 bis Juli 1934

    5.2.2 Juli 1934 bis März 1938

    II. Seefeld 1938–1945

    1. Der „Anschluss"

    2. Die Gemeindevertretung März 1938 bis Mai 1945

    3. Nationalsozialistische Organisationen

    3.1 Die Ortsgruppe der NSDAP

    3.2 Wehrverbände und Jugendorganisationen

    3.3 Nationalsozialistischer Alltag

    4. Kirchenkampf

    5. Ausgeschlossene und Verfolgte

    5.1 „Arisierungen" in Seefeld

    5.2 Die Familie von Paul Wanner

    6. Die „Visitenkarte Tirols"? – Die Entwicklung Seefelds 1938–1945

    6.1 Schulden und Pläne

    6.1.1 Die Amtszeit von Bürgermeister Walter Boos

    6.1.2 Die Amtszeit von Bürgermeister Franz Schützinger

    6.1.3 Kritik an den Bürgermeistern

    6.2 Die Wohnungsmisere

    7. Der Zweite Weltkrieg

    7.1 Kriegsvorbereitungen

    7.2. Seefeld im Krieg

    7.2.1 „Arbeitseinsatz – Kriegsgefangene und „OstarbeiterInnen in Seefeld

    7.2.2 Ausweichquartier Seefeld

    7.2.3 Der Luftkrieg am Plateau

    7.2.4 Der Todesmarsch

    7.2.5 Kriegsende und Befreiung

    7.2.6 Die Kriegstoten

    III. Seefeld nach 1945 – Wiederaufbau und Aufarbeitung

    1. Die Demokratisierung der Gemeindepolitik

    1.1 Mai 1945 bis Feber 1946

    1.2 Feber 1946 bis März 1950

    1.3 Die Gemeinderatswahlen im März 1950

    2. Der Umgang mit den NationalsozialistInnen

    2.1 Verhaftungen und Internierungen

    2.2 „Kasernierter Arbeitseinsatz"

    2.3 Die Ausweisung der Reichsdeutschen

    2.4 Die Registrierung der NationalsozialistInnen

    2.4.1 Gesetzliche Grundlagen

    2.4.2 Die Registrierung in Seefeld

    2.4.3 Entregistrierungsstrategien

    2.5 Hochverratsprozesse

    3. Nationalsozialistische Vermögensverschiebungen und Rückstellungsverfahren

    3.1 Die Rückstellung „arisierten" Eigentums

    3.1.1 Pension Schönegg – Flora Eichler/Rauth versus Karoline Grothe

    Exkurs: Schweizer Exil

    3.1.2 Pension Sonneck – Salomon Bessermann versus Heinrich Steffan

    Exkurs: Der „Ariseur" Heinrich Steffan

    3.1.3 Haus Erna – Wiesels Erben versus Finanzlandesdirektion

    3.2 Die Rückstellung des Kirchenbesitzes an das Stift Stams

    4. Gemeindepolitik 1945 bis 1950

    Zusammenfassende Bemerkungen

    Anmerkungen

    Abkürzungsverzeichnis

    Verzeichnis der Abbildungen, Grafiken und Tabellen

    Abbildungen

    Grafiken

    Tabellen

    Bibliographie

    Archivalien

    Zeitungen

    Internetquellen

    Gedruckte Quellen

    Sonstige Quellen

    Literatur

    Vorwort des Herausgebers

    1938 stand Österreich gut da. Die Regierung hatte das Budget unter Kontrolle, die Devisenreserven waren beachtlich, die Goldreserven in der Nationalbank hoch. Ein großer Teil der Schulden war zurückgezahlt, der Schilling eine harte Währung, Österreich anerkannter Sparmeister. Man könne nicht mehr ausgeben, als man einnehme, war die Devise der konservativen, nationalliberalen und austrofaschistischen Politiker, im Bund wie im Land Tirol. Eine Folge dieses Sparkurses war der Zusammenbruch der Demokratie, die Einführung der Diktatur und der Aufstieg des Nationalsozialismus.

    1938 war die Arbeitslosigkeit in Österreich immer noch überdurchschnittlich hoch, die sozialstaatliche Sicherung, wie sie die Sozialdemokratie 1918/20 durchgesetzt hatte, abgebaut. Die Arbeiterschaft darbte, der Mittelstand beklagte seine Bedrängnis, Beamte, Angestellte, Gewerbetreibende plagten Abstiegsängste. Unzählige Bauern waren überschuldet, fürchteten, ihren Hof zu verlieren. Was sie alle einte, war der Wunsch nach Veränderung, die Hoffnung auf etwas Neues. Mit der Politik des autoritären Ständestaates identifizierten sich immer weniger Menschen. Industrielle und zunehmend auch junge Arbeiter zog der Aktivismus des Nationalsozialismus an. Die einen erhofften Großaufträge und satte Renditen, die anderen Brot und eine Zukunft, bescheiden, aber sicher.

    Die Gesellschaft schwankte, war ohne festen Halt; die Ängste hatten Bauern und Bürgerinnen, alten und neuen Mittelstand im Griff, ihnen graute vor dem sozialen Abstieg.

    Eine Bewegung, die es vermochte, diese Ängste zu schüren und anzusprechen, sie auf ein neues Objekt auszurichten, würde die Gesellschaft mobilisieren können. Diese Dynamik strahlte der Nationalsozialismus aus. Als Kanzler Kurt Schuschnigg mit seiner Politik kläglich scheiterte, das weitere Schicksal Österreichs Gott anempfahl und dem erpresserischen Druck Hitlerdeutschlands wich, übernahmen die Nazis die Macht. Sie stahlen Österreichs Devisen, raubten die Nationalbank aus und investierten in großem Maße in Wirtschaft, Rüstung und Infrastruktur, den kommenden Krieg im Blick.

    Wie all dies im Kleinen vor sich ging und sich weiterentwickelte, zeigt Sabine Pitscheider, die den Bogen von der Zwischenkriegszeit über die NS-Herrschaft bis in die Jahre der Nachkriegszeit spannt, in der vorliegenden Studie am Beispiel von Seefeld auf: quellengesättigt und reich an Details, ausgewogen und engagiert. Das Buch ist als Band 25 in der von mir herausgegebenen Reihe Studien zu Geschichte und Politik der Michael-Gaismair-Gesellschaft erschienen.

    Die Geschichte Seefelds in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unterscheidet sich in vielem wenig von jener anderer Gemeinden. Die Wirtschaftskrise wirkte sich für die Tourismusgemeinde noch negativer aus als anderenorts, so wie die Stadt Schwaz war Seefeld pleite, das Land stellte die Kommune unter Kuratel. 1933 warb sie noch verzweifelt damit, jeden Gast willkommen zu heißen, unabhängig von Rasse, Religion und Nation. Ein Versprechen, das 1938 nicht hielt. Wie in ganz Tirol war der Zulauf zur NSDAP enorm, nur gab es in der Gemeinde eine Spur mehr Wendehälse und eine schöne Zahl mehr echte, illegale Nazis als in vielen anderen Kommunen Tirols. Ein Umstand, den sie mit den Gemeinden des Seefelder Plateaus gemein hatte. Nach dem Krieg wollte kaum jemand mehr noch etwas davon wissen, alle waren Opfer, wenigstens Verführte, die stets ahnungslos geblieben waren.

    Wen die Amerikaner in eines ihrer Entnazifizierungslager nach Deutschland abtransportierten, wer in eines der großen Anhaltelager für ehemalige Nationalsozialisten kam, nach Schwaz oder in die Reichenau, konnte sich des Mitgefühls bei der Mehrheit der Seefelder Bevölkerung gewiss sein. Die ersten demokratischen Wahlen zum Gemeinderat Ende 1950 machten das augenscheinlich. Nicht die totale Dominanz der Volkspartei überrascht, sondern die Stärke des nationalen Lagers. Rund ein Viertel der gültigen Stimmen vereinigte der VdU auf sich, das Auffangbecken ehemaliger Nazis. Der Sozialdemokratie kam nicht einmal die Rolle einer Statistin zu, sie existierte politisch nicht. Mangels Zuspruch entsandte sie keinen einzigen Mandatar in den Gemeinderat.

    Für zahlreiche Tourismusbetriebe zahlte sich das Engagement für den Nationalsozialismus aus. Wie sehr, veranschaulicht die Klage des Bürgermeisters mitten im Krieg, im Herbst 1942: Manche Unternehmer verdienten so gut, dass sie es nicht für nötig hielten, ihren Betrieb in der Nachsaison offenzuhalten, obwohl 1.500 Gäste sich noch im Ort aufhielten. Im Laufe des Krieges änderte sich die Struktur des Tourismus, erholungsbedürftige Soldaten und Arbeitskräfte der Rüstungsindustrie, vor den Bomben schutzsuchende Kinder, Jugendliche und Frauen aus Essen und Innsbruck sorgten bei staatlich vorgegebenen Preisen für die Auslastung der Hotels und Pensionen. Im totalen Krieg schlossen Unternehmen, sie wurden Lazarette und Abteilungen der Innsbrucker Klinik, schließlich Massenquartiere für Flüchtlinge aus den unterschiedlichsten Ländern. Die letzten Gäste und Schutzsuchenden kamen in den Tagen des Zusammenbruchs unter Zwang hierher, noch unfreiwilliger als die vielen Zwangsarbeiterinnen und Kriegsgefangenen. Diese ausgemergelten Gestalten aus dem Konzentrationslager Dachau waren in Seefeld besonders unwillkommen, zeugten sie doch von den Verbrechen des Nationalsozialismus, in die man nun, ob man wollte oder nicht, ob man Bescheid gewusst oder nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt hatte, verstrickt war. Immerhin, einige Frauen und Männer aus Seefeld ließen es sich nicht nehmen, Hilfe zu leisten.

    Aufgabe der Politik sei es, so der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt, den Menschen Ängste zu nehmen. Ein immer mehr um sich greifendes neues Phänomen in bislang stabilen Demokratien sind Parteien, die Ängste schüren, sie auf bestimmte Gruppen projizieren und Sündenböcke anbieten. Der Abbau sozialer Sicherheiten und die Angst, in der Konkurrenzgesellschaft auf der Strecke zu bleiben, bewirken die Zuflucht zu Parteien, die nationale Identitäten und autoritäre Lösungen anbieten. Dieser Extremismus ist in den USA, in Europa und in Österreich in der Mitte der Politik angekommen. Der Blick in dieses Buch und damit auf unsere jüngere Vergangenheit zeigt, wohin dies im äußersten Fall führen kann. Wir haben nach dem Zweiten Weltkrieg einen Rechtstaat, der auf Menschenrechte gründet, und einen Sozialstaat aufgebaut, der vor der Unberechenbarkeit der Wirtschaftsentwicklung und der Unbill des Lebens schützt, gegen Arbeitslosigkeit, Arbeitsunfähigkeit, Krankheit und Armut absichert. Wir haben etwas zu verteidigen. Tun wir es!

    Innsbruck, im September 2019

    Horst Schreiber, _erinnern.at_

    Vorbemerkungen

    Seefeld genießt weit über Tirol hinaus den Ruf, ein typischer Wintersportort zu sein und überwiegend vom Tourismus zu leben. Die lang vergangene und touristisch nutzbare Geschichte wird erinnert, als weitgehend vergessen gilt hingegen die des 20. Jahrhunderts, speziell die Zeit des Nationalsozialismus. In der Sitzung des Seefelder Gemeinderates am 30. August 2016 lehnten zehn der 15 GemeinderätInnen die Finanzierung einer wissenschaftlichen Studie über die NS-Zeit mit den üblichen Argumenten ab: Es müsse einmal Ruhe sein, jeder wisse, was passiert sei.1 Die Jahre 1938 bis 1945 lasten jedoch wie ein Alpdruck auf der österreichischen Gesellschaft, immer wieder drängen sie sich ins Bewusstsein, verlangen Aufmerksamkeit, Hinsehen und Erinnern. Dank privater Spenden war es trotzdem möglich, die vielen Quellen zu Seefeld zu sichten und diese Studie zu erstellen.

    Nur die Ereignisse der NS-Zeit zu betrachten, ließe viele Fragen unbeantwortet, weshalb das Buch in drei großen Kapiteln auch die Jahre davor und danach behandelt und sich dabei auf die wesentlichen Ereignisse konzentriert. Nur einzelne Personen betreffende Vorfälle, familieninterne Probleme oder Ereignisse sowie lokale, nicht nachwirkende Konflikte fehlen daher. Das erste Kapitel beleuchtet die Jahre von 1932 bis zum „Anschluss im März 1938 und beschreibt eingangs das ganz auf den Tourismus ausgerichtete Leben der Gemeinde und die extreme Abhängigkeit von diesem Wirtschaftszweig. Touristische Investitionen stürzten, nachdem die Weltwirtschaftskrise Europa erreicht hatte und die österreichischen Regierungen mit Sparprogrammen die Bankenrettung finanzierten, Private und die Gemeinde in eine Schuldenkrise. Politische Zwistigkeiten bescherten Seefeld 1932 die Neuwahl des Gemeinderates und den Aufstieg der lokalen Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Die 1933 vom nationalsozialistischen Deutschen Reich verhängte 1.000-Mark-Sperre schadete Seefelds Wirtschaft in ungeheurem Ausmaß, minderte die Attraktivität des Nationalsozialismus aber nicht. 1934 löste eine autoritäre Diktatur die Demokratie der Ersten Republik ab. Die Landesregierung setzte den Seefelder Gemeinderat ab und installierte einen Amtsverwalter, der bis zum „Anschluss die Geschäfte führte. Die Bevölkerung Seefelds spaltete sich in „Vaterländische" und NationalsozialistInnen, die nach dem Verbot das Plateau mit Terror überzogen.

    Das zweite Kapitel behandelt die Jahre vom „Anschluss im März 1938 bis zum Kriegsende im Mai 1945. Im März 1938 triumphierten die einen, während politische GegnerInnen ihre Abneigung mit „Schutzhaft und weiterer Verfolgung bezahlten. Seefeld begrüßte den Einmarsch der Deutschen Wehrmacht mit wenigen Ausnahmen euphorisch und schenkte dem Regime bei der „Volksabstimmung eine 100%ige Zustimmung. Die politisch zerstrittene Gemeinde blieb uneins, bis Kriegsende amtierten vier Bürgermeister und sechs NSDAP-Ortsgruppenleiter, von denen keiner die lokalen Probleme – Schulden, Infrastruktur – zu lösen vermochte. Seefeld bot dem NS-Regime eine Bühne für sportliche Großveranstaltungen, hohe NS-Funktionäre beehrten den Ort mit ihren Besuchen. Wer nicht in die erträumte „Volksgemeinschaft passte oder von vornherein ausgeschlossen war, wurde verfolgt: „Arisierungen raubten den Besitz der in Seefeld wohnenden Juden und Jüdinnen, der Gau zog die reichen Gründe des Stiftes Stams in Seefeld zu seinen Gunsten ein, die Kirche als Konkurrentin um die gesellschaftliche Vorherrschaft unterlag strenger Überwachung. Ab 1940/41 brachte die Gemeinde in einem eigenen Lager Kriegsgefangene unter, die in der Landwirtschaft oder beim Straßenbau arbeiten mussten. „OstarbeiterInnen dienten in Seefelds Tourismusbetrieben. Ab 1943 bezogen Lazarette, Kliniken, Schulen und Umquartierte Seefelds Hotels und Gasthöfe. Ende April 1945 war die Gemeinde eine Station des Todesmarsches von KZ-Häftlingen aus Dachau, bevor Anfang Mai 1945 die USArmee Tirol befreite.

    Das dritte Kapitel widmet sich den Hinterlassenschaften der NS-Zeit und dem Wiederaufbau. Die Demokratisierung des Gemeinderates vollzog sich in mehreren Phasen und über mehrere Jahre, bis im März 1950 demokratische Gemeinderatswahlen stattfanden und ehemalige Nationalsozialisten in die Gemeindeführung einzogen. Beherrschende Themen waren über viele Jahre der Prozess der Entnazifizierung, die Internierung von NS-Funktionären, die Ausweisung der Reichsdeutschen, die Hochverratsprozesse und die Registrierung der NationalsozialistInnen. Die große Zahl an Registrierungspflichtigen und Illegalen bestätigte den Ruf Seefelds, eine NS-Hochburg gewesen zu sein. Ebenfalls viele Jahre nahm die Rückstellung geraubten Gutes in Anspruch. Mit Kriegsende begann das Problem, genug Nahrungsmittel und andere Ressourcen aufzutreiben und gerecht zu verteilen. Schon im ersten Winter 1945/46 versuchte Seefeld, nahtlos an sein touristisches Leben anzuknüpfen, und veranstaltete Skirennen. In den folgenden Jahren folgten Investitionen in die touristische Infrastruktur.

    Das Gemeindearchiv Seefeld bietet reiche Schätze zu bestimmten Themen wie der Verschuldung der Gemeinde, dem Kriegsgefangenenlager, dem Besitz Reichsdeutscher oder zur lokalen Infrastruktur. Den großen Zusammenhang stellen die Akten im Tiroler Landesarchiv her, besonders die umfangreichen Bestände der Bezirkshauptmannschaft Innsbruck, seien es Meldungen der Gendarmerie, Unterlagen zur Wahl der Gemeindevertretungen und zu Konflikten innerhalb der Gemeindeführung. Manche Themen der Jahre 1938 bis 1945 lassen sich nicht in der Tiefe nachvollziehen wie gewünscht, zum einen weil viele als geheim klassifizierte Unterlagen zeitnah vernichtet wurden, zum anderen weil die Ämter der Tiroler Landesregierung nach 1945 teilweise Akten in neue Abteilungen übertrugen und weiterführten. Die Entnazifizierungs- und Hochverratsakten offenbaren, wie Menschen mit Hilfe der Behörden ihre eigene Wahrheit konstruierten. Die Bestände des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum, insbesondere die Zeitungssammlung, waren – wie immer – hilfreich.

    Es gilt einigen Personen und Institutionen zu danken: Zuerst einmal gebührt der Ortschronistin von Seefeld Christine Bloch höchstes Lob, waren es doch ihre Initiative und ihr unermüdlicher Eifer, die dieses Buch überhaupt erst ermöglichten. Dankesworte gehen an den Historiker Stefan Dietrich, Adi Meierkord vom Verein „Dokumentation Ambergstollen" und die SeefelderInnen, die aus ihren privaten Beständen Fotomaterial beitrugen, sowie an die KollegInnen, die auf zusätzliche Quellen hinwiesen. Anerkennung verdient auch, dass der Gemeinderat Seefelds zur Drucklegung dieses Buches einen Beitrag leistete. Ein besonders herzliches Dankeschön gilt meinem Lebensgefährten Christian Pircher, zum einen für die kritische Durchsicht des Manuskripts, zum anderen für die zahlreichen Fahrten ins Seefelder Gemeindearchiv.

    Sabine Pitscheider

    I. Seefeld 1932 bis März 1938

    Seefeld, malerisch auf einer Seehöhe von 1.180 m gelegen,1 verdankte seinen Aufstieg Ende der 1920er Jahre dem Tourismus, von dem und für den der ganze Ort lebte. Die Gemeinde wirkte als Magnet für Menschen, die hier investieren und sich eine Zukunft aufbauen wollten. Seefeld wuchs, Private und die Gemeinde verschuldeten sich. Die Weltwirtschaftskrise und die Sparprogramme der Regierungen stürzten die Gemeinde in eine Schuldenkrise, bescherten ihr 1932 eine Neuwahl des Gemeinderates und den Aufstieg der NSDAP. Die 1933 vom nationalsozialistischen Deutschen Reich verhängte 1.000-Mark-Sperre schädigte Seefelds Wirtschaft. Die Verfassung von 1934 beendete das demokratische Experiment der Ersten Republik und ersetzte die Strukturen durch ständische, faschistische und katholische Elemente auf autoritärer Grundlage. 1934 setzte die Landesregierung den Gemeinderat ab und installierte einen Amtsverwalter, der die Geschäfte Seefelds bis zum „Anschluss im März 1938 führte. Politisch spaltete sich die Seefelder Bevölkerung in „vaterländisch Gesinnte und in AnhängerInnen des Nationalsozialismus. Nach dem Verbot der NSDAP überzogen diese das Plateau mit Terror. Seefeld war wie ganz Österreich politisch instabil, wirtschaftlich und sozial marode.

    1. Die „Fremdenindustrie"

    2

    In den späten 1920er Jahren entwickelte sich Seefeld zu einer vom Tourismus dominierten Gemeinde, während die in den meisten kleinen Ortschaften Tirols noch vorherrschende Landwirtschaft an Bedeutung verlor. Bei der Volkszählung 1934 wohnten 986 Menschen in Seefeld, von denen nur mehr 12,07 % von der Landwirtschaft lebten, 30,93 % fanden ihr Auskommen im Gewerbe und 28,7 % im Handel/Verkehr. In den Nachbargemeinden dominierte noch die Landwirtschaft, in Reith lebten rund 34 % der Bevölkerung von ihr, in Scharnitz fast 24 % und in Leutasch noch 68 %.3 Von 1923 bis 1934 war die Bevölkerung Seefelds von 619 auf 986 angewachsen, was nicht nur „natürlichem" Zuwachs, also Geburten, zu verdanken war, sondern dem Zuzug. Seefeld war eine aufstrebende Tourismusgemeinde, bot Arbeitsplätze und Chancen und zog damit Menschen an.

    In der Saison 1927/28 besuchten 15.355 Gäste Seefeld, das zu der Zeit über 1.826 Betten in 17 Gasthöfen/Hotels und 85 Privatunterkünften verfügte. Mit leichten Einbrüchen bei Gästezahlen und Nächtigungen entwickelte sich bis zur Saison 1931/32 der Tourismus erwartungsgemäß, die Zahl der Zimmer wuchs ebenso wie die der Gäste, wie Tabelle 1 zeigt.

    Tab. 1: Tourismus in Seefeld Saisonen 1927/28 bis 1931/32

    Anmerkungen: Saison = 1. November bis 31. Oktober des Folgejahres; Unterkünfte = Ferienhäuser, Schülerheim Seefeld,4 Kinderheim, Töchterheim.

    Quellen: Statistisches Handbuch für die Republik Österreich, hg. Bundesamt für Statistik, X. Jahrgang (Jg.), Wien 1929, 42 f.; XI. Jg., Wien 1930, 46 f.; XII. Jg., Wien 1931, 48 f.; XIII. Jg., Wien 1932, 56 f.; XIV. Jg., Wien 1933, 48 f.

    Die Zahl der Hotels und Gasthöfe nahm in dieser Hochblüte ebenso zu wie die Zahl der privat angebotenen Zimmer, weil immer mehr Menschen einen Teil ihres Hauses umbauten und als willkommenes Nebeneinkommen an TouristInnen vermieteten. Das Ausmaß, in dem die Seefelder Bevölkerung an den Tourismuseinnahmen teilhaben wollte, war enorm: Von den bei der Volkszählung 1934 bestehenden 208 Häusern dienten in der Saison 1931/32 allein 131 nur oder auch touristischen Zwecken. Allerdings hielt die Zahl der Gäste mit der gestiegenen Zahl an Betten und Häusern nicht mit, so dass das große Angebot nicht mehr Geld in die Taschen der Tourismusbetriebe gespült haben dürfte. Der Boom in der Saison 1927/28 mit einer enormen Zahl an Nächtigungen bei einer relativ geringen Anzahl an Gästen wiederholte sich nicht mehr. In den folgenden Saisonen kamen, abgesehen von einem leichten Einbruch 1928/29, mehr Gäste, die aber weniger lange blieben. Die meisten, die ihr Haus für den Tourismus ausbauten, finanzierten dies mit Krediten, was sich in der Wirtschaftskrise und den politischen Auseinandersetzungen mit dem ab 1933 nationalsozialistischen Deutschen Reich in einer Reihe von Konkursen und Zwangsversteigerungen niederschlug.

    Größtes Haus am Platz war das Hotel Post mit 150 Betten, gefolgt vom Klosterbräu mit 75 und der Tiroler Weinstube mit 53. Das Hotel Post gehörte dem reichsdeutschen Ehepaar Alma und Friedrich (Fritz) Werther. Die Werthers waren 1922 aus dem Deutschen Reich zugezogen und hatten das Hotel Post zuerst gepachtet, einige Jahre später gekauft.5 Fritz Werther war Mitinitiator des im Mai 1927 in Innsbruck (wieder) gegründeten Verbandes der Hotel- und Pensionsbesitzer von Tirol und dessen Präsident. Der Verband verstand sich als Interessenvertreter des Tourismus und betrieb Lobbyarbeit, trat gegen zu hohe Steuern auf, setzte sich dafür ein, geeignetes Personal zu finden, und arbeitete für eine positive Stimmung zum Fremdenverkehr generell.6 Das Klosterbräu gehörte Sigmund Seyrling, der sich auch in der Gemeindepolitik betätigte (siehe I.2.1); die Tiroler Weinstube betrieb Josef Seyrling, nach dessen Tod im Oktober 1932 übernahm seine Frau Blanka.7

    Die überwältigende Mehrheit aller Gäste kam aus dem Deutschen Reich, was sich nach der Machtübernahme Adolf Hitlers Ende Jänner 1933 und den sich daraus ergebenden Konflikten mit Österreich fatal auf Seefeld auswirkte. Das Land Tirol selbst, aber auch andere Tourismusgemeinden Tirols, etwa St. Anton a. Arlberg oder Kitzbühel, waren von deutschen Gästen abhängig, aber nicht in dem Ausmaß wie Seefeld, das wegen seiner verkehrsgünstigen Lage an der Mittenwaldbahn für Erholungsuchende aus dem Norden relativ bequem zu erreichen war. Tabelle 2 zeigt, in welchem Ausmaß Seefeld von reichsdeutschen Gästen lebte.

    Tab. 2: Deutsche Gäste in Seefeld Saisonen 1927/28 bis 1933/34

    Quellen: Wie Tab. 1 und Statistisches Handbuch für den Bundesstaat Österreich, XV. Jg., Wien 1935, 48 f., 52 f.

    Ein erster Einbruch bei den Gästezahlen aus Deutschland machte sich im Sommer 1931 bemerkbar, als die deutsche Reichsregierung, um den Abfluss von Geld ins Ausland einzuschränken, eine 100-Mark-Sperre verfügte, wonach bei der Ausreise eine Gebühr in dieser Höhe anfiel. Dies wirkte sich unmittelbar aus, ist in der Gendarmeriechronik Seefeld zu lesen, weil zuvor gebuchte Ferienwohnungen nun leer standen, damit Einnahmen fehlten, welche die Chronik mit 50 % bezifferte.8 Nach langen Verhandlungen wurden Mitglieder von Vereinen, welche die „Pflege des Wandersportes" in einem an Deutschland angrenzenden Staat betrieben, von dieser Gebühr befreit,9 was den Gästeeinbruch etwas gemildert haben dürfte.

    Abbildung 1 (siehe nächste Seite) zeigt, wie viele Häuser 1935 Zimmer für Gäste boten und dass sich die Unterkünfte über das ganze Gemeindegebiet verteilten. Die großen Häuser (etwa Hotel Post, Klosterbräu) befanden sich im Ortszentrum, in der Nähe des Bahnhofes oder am See. Die Konkurrenz war enorm, was wohl, als sich die Wirtschaftskrise und die 1.000-Mark-Sperre auszuwirken begannen, zu lokalen Konflikten geführt und Neidgefühle provoziert haben dürfte. Im Jahr 1935 boten neun Hotels (rot markiert), 13 Gasthöfe (orange), zwölf Pensionen (gelb) und 104 Private (grün) Unterkunft mit oder ohne Verpflegung.10

    Werbung schalteten die BesitzerInnen unter anderem in den vom Seefelder Verkehrsverein jährlich herausgegebenen Ortsplänen und Ausflugsvorschlägen. Abbildung 2 zeigt exemplarisch vier Werbungen: Ferdinand Woldrich mit dem Berghof, die Hoteliersfamilie Faustmann mit dem Hotel Seespitze, der Zimmervermieter und Bürgermeister Josef Schöpf und Bauer Franz Heigl mit Zimmern auf seinem Bauernhof.

    Abb. 1: Hotels, Gasthöfe, Pensionen und Privathäuser 1935.

    Abb. 2: Werbung ausgewählter Häuser, vor 1938.

    Viele der in Seefeld angesiedelten Handels- oder Gewerbebetriebe dienten dem Tourismus: 1932 boten allein fünf Gemischtwarenhandlungen und weitere fünf Obst- und Gemüsegeschäfte ihre Waren an, acht Wäschereien säuberten die Kleidung der Gäste und die in den Unterkünften anfallenden Textilien, fünf Tischler und ebenso viele Sägewerke versorgten die Bevölkerung mit Holz und Möbeln, zwei Wechselstuben wechselten Devisen in die heimische Währung, zehn Gastwirtschaften boten Getränke, Essen, Unterhaltung und Unterkunft, ebenso viele Hotels und fünf Fremdenpensionen verteilten sich über das Gemeindegebiet. Zwei Sportgeschäfte verliehen Wintersportausrüstungen an Gäste. Insgesamt 114 Gewerbetreibende verzeichnet der Tiroler Amtskalender für das Jahr 1932, von denen die meisten vom und für den Tourismus lebten.11

    Abb. 3–4: Werbeeinschaltungen Alois Albrecht und Sigmund Ewald (ca. 1937).

    Abb. 5: Werbung für den Eislaufplatz Wildsee (ca. 1937).

    Abbildungen 3 und 4 zeigen die Werbungen zweier Geschäftsleute: Alois Albrecht, in der NS-Zeit Vizebürgermeister, verkaufte neben Lebensmitteln Kleidung und Benzin; Sigmund Ewald betrieb einen Friseursalon. Vereine, wie der Rodelklub oder der Skiklub, erreichten mit ihren Veranstaltungen nicht nur Einheimische, sondern mit Gästeskirennen auch TouristInnen. Seit 1926 präparierte der Seefelder Eislaufverein im Winter den Wildsee für EisläuferInnen (Abb. 5).

    Die Tourismuswerbung konzentrierte sich auf den international renommierten Skifahrer Anton Seelos, der als Skilehrer arbeitete.12 Auswärtige Vereine, wie der österreichische Heeressportverband, benützten für ihre sportlichen Veranstaltungen die relative Schneesicherheit Seefelds. Kulturelle Veranstaltungen, wie Auftritte der Wiener Sängerknaben oder des Donkosakenchors im Juli 1932, jeweils im Hof des Klosterbräu,13 gaben Seefeld das Gepräge, das es für den Tourismus brauchte. Mit dem „Ball der Nationen" und Miss-Seefeld-Wahlen schaffte es die Gemeinde regelmäßig in die Zeitungen. Die Gemeinde warb auch mit ihrer Musikkapelle, dem Schützenverein und einer Schuhplattlergruppe, und nutzte damit die üblichen Versatzstücke eines Urlaubes in den Alpen. Der Seefelder Verkehrsverein informierte die Gäste und TouristikerInnen Seefelds wöchentlich mit der Kurzeitung über Veranstaltungen und druckte die Namen der aktuell urlaubenden Gäste ab.14

    Der aufstrebende Tourismus brachte nicht nur Einnahmen, sondern kostete auch. Schon im Juli 1928 ersuchte der Gemeinderat den Tiroler Landtag, neue Gemeindeumlagen zu genehmigen, um größere Investitionen finanzieren zu können. Die Gemeinde „als riesig aufstrebender Fremdenindustrieort stehe vor „finanziell nötigen und grossen Aufgaben, ein neues Gemeinde- und Schulhaus werde gebraucht, das gemeindeeigene E-Werk sei auszubauen, geeignete Skigelände, neue Straßen und Plätze anzulegen, eine Kanalisation zu bauen und die Wasserleitung auf den Tourismus auszulegen. In Summe erfordere dies mindestens 2,1 Millionen Schilling (S), die der Gemeinderat mit einer eigenen Fremdenzimmerabgabe und der Kommunalisierung der Skischulen aufbringen wollte.15 Die meisten der 1928 als dringlich vorgeschlagenen Investitionen in die Infrastruktur ließen übrigens bis nach dem Zweiten Weltkrieg auf sich warten.

    Die Tiroler Landesregierung lehnte beides als gesetzwidrig ab16, was den Gemeinderat bewog, sich an zwei Landtagsabgeordnete zu wenden, um ihr Leid zu klagen. Die Gemeinde müsse, weil sich viele, um in den Fremdenverkehr zu investieren, verschuldet hätten, alles tun, „um den ständigen Zustrom der Fremdengäste zu sichern. Es sei ungerecht, dass Neubauten weitgehende Steuerfreiheit genössen, was zwar der Intention des Gesetzes, die Wohnungsnot zu lindern, entspreche, aber in Seefeld nicht gewünschte Auswirkungen zeitige. Die Steuerfreiheit komme besonders den „Spekulationsbauten von Reichsdeutschen zugute, die „auf unserem heimatlichen Boden Geld verdienten, und „die bodenständigen Bauern und Wirte sollen die Steuern tragen, um diesen ihre Spekulationen gewinnbringend zu sichern. Während der Saison wachse die Bevölkerungszahl auf etwa 4.000 an, was die Gemeinde zu einer Personalvermehrung zwinge, ein Gemeindesekretär, ein zweiter Wachmann und ein Straßenkehrer müssten beschäftigt und bezahlt werden. Fast die Hälfte der Häuser brauche wegen alter Nutzungsrechte für die neue Wasserleitung nichts zu bezahlen, weshalb sich die Kosten auf wenige verteilten, was ebenfalls ungerecht sei. Wegen der vielen Neubauten und der Gäste sei der Bau einer Kanalisation unvermeidlich. Für die Gemeinde beschämend sei es, dass die Gemeindekanzlei sich einen kleinen Raum mit dem Verkehrsverein teilen müsse, die Schule sei heillos überfüllt.

    Außerdem brauche es Geld, um Skigelände anzukaufen und mit Bauverbot belegen zu können, denn diese bedeuteten die „Lebensexistenz Seefelds. Und schließlich seien die Straßen und Wege, die in einem verheerenden Zustand seien, zu erhalten. Ohne diese Investitionen verlöre „Seefeld seinen Ruf als Fremdenort, was viele Existenzen vernichte.17 Monatelang hatte die Gemeinde zuvor mit der Landesregierung über einen Verbauungsplan von Seefeld diskutiert. Die Bautätigkeit sei rege und die Nachfrage nach Bauplätzen besonders am Geigenbühel enorm. Zugleich mangle es an Skihängen, wofür der Gemeinde wiederum nur der Geigenbühel zur Verfügung stehe, gehöre der Gschwandtkopf doch zur Gemeinde Telfs. Verhandlungen mit Grundbesitzern am Geigenbühel über eine Entschädigung stießen auf deren erbitterten Widerstand.18

    Neue Abgaben waren der Gemeinde verwehrt, so dass sie 1929 und 1930 Kredite über zusammen 1,25 Millionen S aufnehmen musste. Die Schulden, aufgenommen zu einer Zeit, als sich der Tourismus noch zu entwickeln schien und die Weltwirtschaftskrise Österreich noch nicht erreicht hatte, stürzten die Gemeinde bald in eine tiefe Krise und belasteten den Haushalt bis in die Nachkriegszeit hinein.

    Die Gemeinde musste wegen des übermäßigen Einflusses des Tourismus auf praktisch die gesamte Bevölkerung und den eigenen Haushalt alles hintansetzen, was diesen stören könnte. Dies führte zu Konflikten mit anderen Interessen. Die Gemeinde setzte sich etwa vehement gegen die Ausbaupläne der Firma Ichthyol-Gesellschaft Cordes, Hermanni & Co ein, die das auf dem Gemeindegebiet von Reith gelegene Bergwerk, genannt Maxhütte, betrieb. Zu Weihnachten 1930 erprobte die Gesellschaft ein neues Verfahren zur Veredelung von aus Deutschland und Frankreich eingeführten Schieferölen. Bei der Entladung am Seefelder Bahnhof verbreiteten sich „penetrante üble Gerüche über das ganze Plateau, so dass viele der 3.000 anwesenden Gäste mit der sofortigen Abreise drohten. Auf die Versicherung, dies sei ein einmaliger Vorgang gewesen, blieben die meisten und verzichteten auch darauf, via Auslandspresse über die „Luftverpestung berichten zu lassen. Im Jänner 1931 wiederholte sich das Problem, der Gestank

    „war derart, dass er nicht nur im Freien sich auswirkte, sondern sich auch in den Hotels und anderen Geschäftslokalen bemerkbar machte, so dass Kurgäste einzelne Wohnungen hauptsächlich in der Nähe des Bahnhofes sofort verliessen, andererseits in den Hotels die Mahlzeiten nicht mehr einnehmen konnten".

    Ein Gast aus einer norddeutschen Großstadt habe gemeint, „diesen Gestank, was Ihr in Eurem Höhenkurort habt, das haben wir in der Grossstadt auch und brauchen wir nicht hierher zu fahren und können wir uns das Reisegeld wohl ersparen".19

    Die Seefelder Gemeindevertretung beschwerte sich bei Landeshauptmann Franz Stumpf und verlangte das Verbot des Verfahrens. Die Maxhütte ruiniere die Gemeinde, die ihren Ruf als Kur- und Wintersportort verliere, dabei aber viel mehr Arbeitsplätze biete.20 Nur Tage später bat Bürgermeister Josef Schöpf die Tiroler Landeshypothekenanstalt, ihren Einfluss bei der Landesregierung einzusetzen, weil die Bank wegen der hohen Schulden der Gemeinde doch ein Interesse am Tourismusort Seefeld haben müsse.21 Die Bezirkshauptmannschaft untersagte schließlich den Veredelungsbetrieb, musste aber, da die Firma um eine Betriebsbewilligung ansuchte, ein Verfahren einleiten. Bei der mündlichen Verhandlung Ende Mai 1931 protestierten die Gemeinden Reith und Seefeld. Der Bürgermeister von Seefeld Josef Schöpf ließ protokollieren, die Gemeinde habe es dank Investitionen von einer reinen Landgemeinde zu „einem der ersten Kurorte Tirols mit Tausenden von Arbeitsplätzen geschafft. Die Maxhütte hingegen biete nur wenige Arbeitsplätze, es gehe nicht an, „eine bestehende Grossindustrie durch eine kleine zu verdrängen. Die Firma versprach, die Be- und Entladung außerhalb der Gemeinde durchzuführen und die Abwässer nicht mehr in den Bach zu leiten.22 Die Bezirkshauptmannschaft war aus rechtlichen Gründen schließlich dazu gezwungen, die Betriebsbewilligung zu erteilen, wogegen die Gemeinde Seefeld, allerdings vergeblich, berief.23 Das Verfahren war damit offiziell beendet, aber die Beschwerden hielten, wenngleich nicht in der vorherigen Intensität, an.

    Eine weitere Störung für den Tourismus, wenngleich nicht mit so vielen Beschwerden behaftet, war der Betrieb des Schießstandes, auf dem Gebiet der heutigen Kirchwaldsiedlung gelegen. Die Gemeinde hatte den Schießstand und dessen ausstehende Bauschulden, für den sie einen weiteren Kredit aufnehmen musste, im Feber 1930 übernommen, da die Schützengilde nicht mehr in der Lage war, den Neubau zu finanzieren. Im September 1929 beschwerte sich der Besitzer der Villa Hexenhäusl, in den letzten Tagen seien sieben Gäste abgereist, weil „die Ruhe der Grossstadt größer sei als „das Trommelfeuer in Seefeld.24

    Blieben diese Vorkommnisse auf den lokalen Raum beschränkt, führte der Kollaps der Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe im Mai 1931 und die Übernahme ihrer Schulden durch den Staat zu einer veritablen Kapitalflucht, einer Währungs- und Vertrauenskrise, einem gestiegenen Budgetdefizit und Sanierungsplänen mit restriktiven, jede Erholung abwürgenden Sparpaketen, steigenden Arbeitslosenzahlen und sinkenden Produktionsmengen.25 Schon im Oktober 1931 passierte das Budgetsanierungsgesetz mit weitreichenden Kürzungen in allen Bereichen den Nationalrat. Das Gesetz wirkte direkt auf die Einkommen der gesamten Bevölkerung: Die öffentlich Bediensteten mussten Lohnkürzungen ebenso wie Angestellte oder ArbeiterInnen im privaten Bereich hinnehmen, die Abzüge in Form einer Krisensteuer zahlten; eine Ledigensteuer belastete zusätzlich nicht-verheiratete oder verwitwete Personen; Zuschläge auf bestimmte Produkte wie Bier, Benzin oder Zucker verteuerten das tägliche Leben; eine Kraftwagensteuer erhöhte die Kosten für die Beförderung von Personen, was den Tourismus direkt traf.26

    Die Folgen der Weltwirtschaftskrise, des Bankenzusammenbruchs und der Wirtschaftspolitik der österreichischen Regierung erfassten das gesamte Land. Seefeld mit seiner enormen Schuldenlast bei gesunkenen Einnahmen geriet in eine wirtschaftliche und politische Krise.

    2. Gemeindepolitik 1932

    Das Jahr 1932 war ein politisch turbulentes in Seefeld, denn es bescherte der Bevölkerung eine unerwartete Neuwahl des Gemeinderates sowie einen neuen Bürgermeister und den Aufstieg der örtlichen NSDAP zu einer ernstzunehmenden politischen Macht.

    2.1 Die Gemeinderatswahlen im Mai 1932

    Nach Beschwerden über den Seefelder Bürgermeister Josef Schöpf besuchte am 8. Jänner 1932 der Gemeinderevisor des Landes Seefeld. In seinem Bericht gab er die Aussage des Vizebürgermeisters Josef Tiefenbrunner wieder, wonach Schöpf „ein Opfer des Alkohols geworden sei. „Mit einer Serie von Schnäpsen leite er den Tag ein, sei schon zu Mittag betrunken, fälle dann für die Gemeinde schädliche Entscheidungen und könne daher die Gemeindegeschäfte nicht mehr führen.27 Bei der Gemeinderatssitzung am 12. Jänner beschlossen die Mandatare einstimmig, den Gemeinderat aufzulösen, Neuwahlen, die regulär erst Jahre später stattgefunden hätten, auszuschreiben und die Landesregierung um die Einsetzung eines Amtsverwalters zu ersuchen.28

    Das Land übte die Funktion der Gemeindeaufsicht aus, was es ihm in bestimmten Fällen erlaubte, einen gewählten Gemeinderat abzusetzen und einen Amtsverwalter, der allein, ohne entscheidungsbefugte Mandatare, über alle Angelegenheiten entschied, einzusetzen. Dieses Instrument, das auf lokaler Ebene zumeist Unmut erzeugte, setzte das Land sehr sparsam und nur dann ein, wenn die Lösung lokaler Konflikte nicht anders möglich war. In einem Amtsvermerk hielt die zuständige Abteilung des Landes am 13. Jänner 1932 fest, Paul Wanner, ehemals Vizebürgermeister, habe den amtierenden Gemeinderat Josef Rofner als Amtsverwalter und weitere vier Männer als Beiräte vorgeschlagen.29 Das Land ignorierte zuerst diesen Vorschlag, weil er dem Instrument des Amtsverwalters nicht entsprach, der tunlichst von außerhalb kommen und nicht in lokale Konflikte involviert sein sollte, damit weniger Einflüsterungen ausgesetzt war und keine Rücksicht auf verwandtschaftliche Beziehungen oder private Verflechtungen zu nehmen brauchte. Ein Beirat hätte den Amtsverwalter zu tief in herrschende Unstimmigkeiten verstrickt. Die Landesregierung tat schließlich dann beides: Am 18. Jänner 1932 bestellte sie den Gemeinderevisor Eugen Bucher zum Amtsverwalter, am 22. Jänner ernannte sie den von Wanner vorgeschlagenen Josef Rofner zu seinem Stellvertreter und die vier anderen zu Beiräten.30 Die sechs Männer sollten die Gemeinde bis zur Neuwahl des Gemeinderates führen.

    Der abgesetzte Bürgermeister Josef Schöpf wehrte sich gegen die Vorwürfe im Ende Feber 1932 erstellten Revisionsprotokoll31, das ihm Verfehlungen in der Amtsführung anlastete. Im Herbst 1928 habe er das Amt angetreten, einen Investitionsstau vorgefunden, erst für die Finanzierung der Wasserleitung und anderer Infrastrukturvorhaben gesorgt. Mit Paul Wanner, damals Mitglied der Verkehrssektion, welche die Tourismusangelegenheiten verwaltete, sei er rasch in Konflikt geraten. Die Ausgaben für die Fremdenverkehrswerbung seien hoch, aber nötig, weil die „Besetzung so vieler Betten nicht von der Luft kommt" und positive Artikel in ausländischen Zeitungen viel kosteten.32

    In der Tat gab die Gemeinde viel Geld für Werbung aus: 1932 budgetierte sie 18.700 S, wozu sich im Vergleich die 15.256 S für das Kapitel Unterricht/Bildung/Kunst ärmlich ausnahmen.33 Auf den Vorwurf, mit seiner Amtsführung habe er Seefelds Defizit zu verantworten, verwies er auf die damit geschaffenen Werte: „Sei es die Wasserleitung, seien es die Wege, sei es auch Reklamewesen, so steht Seefeld heute schon auf einem solchen Niveau, dass von derartig grossen Ausgaben nicht mehr die Rede sein kann." Ihm werde vorgeworfen, er habe 1931, als Deutschland die 100-Mark-Sperre einführte, weitere 1.300 S für Reklame ausgegeben:

    „Das Tiroler-Landes-Verkehrsamt, sowie Wiener- und Holländische Zeitungen, setzten mit einer ausserordentlichen Reklame für Tirol ein und schien es mir ein Gebot der Stunde, auch hier noch zu tun, was eben noch zu tun blieb. Was würde man vielleicht gesagt haben, wenn Kitzbühel, St. Anton, Igls, Mayerhofen, das ganze Ötz- und Stubaital, wegen der verhängnisvollen 100 Marksperre im Inland Propaganda gemacht hat und Seefeld hätte nicht mitgetan?"

    Er habe zu oft einen Rechtsanwalt zu Rate gezogen, dessen Honorare die Gemeindekasse belasteten, lautete ein weiterer Vorwurf. Er habe nur „die Baumschule in Rotholz besucht, rechtfertigte sich Schöpf, im Zivilberuf Bauer, er verfüge über keine juristischen Kenntnisse, um die „vielen Tausch- und Rechtsverträge, sowie Käufe und grosse[n] Geldtransaktionen zu bewältigen. Diejenigen, „die natürlich am meisten losdreschen, benötigten seiner Meinung nach selbst „gar manches Mal den Beistand eines Rechtsanwaltes. Gemeinden mit einem dermaßen großen Haushalt wie Seefeld sollten entweder rechtskundige Beamte beschäftigen oder wenigstens über rechtskundige Gemeinderäte verfügen, „nicht so wie in Seefeld, wo man alles erst im Nachhinein dann verstehen will".

    Er habe manche Zahlungen so lange hinausgezögert, bis teure gerichtliche Zahlungsbefehle eingelangt seien. Die Gemeindekasse sei „leider nur zu oft" leer gewesen, verteidigte sich Schöpf, weil viele in Seefeld ihren Zahlungsverpflichtungen nicht hatten nachkommen können und die Gebühren schuldig geblieben waren.

    „Ich glaube Exekutionen zur genüge geführt zu haben, doch letzten Endes, brachte ich es nichts übers Herz, eine Partei, welche den guten Willen zur Zahlung hatte, aber das Geld nicht aufbringen konnte, versteigern zu lassen. […] Man möge hier nicht vom Punkte des Amtsschimmels ausgehen, sondern als Bürgermeister ist es auch Pflicht, auf das jeweilige Können der Bürger Rücksicht zu nehmen. Wer würde dort Klage geführt haben, wenn einer wegen rückständiger Steuer, durch betreiben der Gemeinde Seefeld versteigert worden wäre?"

    Auf insgesamt 16 Vorwürfe ging Schöpf im Einzelnen ein, betonte die Mitverantwortung der Gemeinderäte und schloss mit den Worten:

    „Meine innere Überzeugung ist, dass ich nicht der letzte Bürgermeister in Seefeld war, der nach 3 jähriger Dienstzeit mit einem Hagel von Vorwürfen und Beschimpfungen hingestellt wird. Wenn ich auch noch jung bin, so kann ich mich nicht erinnern, dass in Seefeld einmal ein Bürgermeister ohne Donnerwetter in den wohlverdienten Ruhestand getreten wäre."34

    Ob Josef Schöpf von dem Gerücht, er sei Alkoholiker, wusste, und ob es der Wahrheit nahekam, ist unklar. Aber in einer kleinen Gemeinde dürfte es offen oder versteckt diskutiert worden und ihm zu Ohren gekommen sein. Es zeigt jedenfalls, mit welch harten Bandagen in der Gemeindepolitik gekämpft wurde. In der Sitzung am 3. August 1932 beschloss der Gemeinderat mehrheitlich, den ehemaligen Bürgermeister Schöpf nur für einen der Vorwürfe zur Verantwortung zu ziehen.35

    Zur Wahl am 8. Mai 1932 stellten sich drei Listen: die Bauern- und Bürgerpartei mit Josef Schöpf als Spitzenkandidat, die Fremdenverkehrspartei mit Paul Wanner (1929 Vizebürgermeister) als Listenführer und die Ständeliste mit Sigmund Seyrling, Besitzer des Hotels Klosterbräu und 1928 Bürgermeister, an erster Stelle.36 Von den 542 Wahlberechtigten gaben 423 ihre Stimme ab, wovon 420 gültig waren. Davon entfielen auf die Liste von Josef Schöpf 196 Stimmen und sechs Mandate, auf die Liste von Paul Wanner 153 Stimmen und vier Mandate und auf die Ständeliste 71 Stimmen und zwei Mandate. Nach Berufsgruppen betrachtet, lebten fünf der zwölf Mandatare von der Land- und Forstwirtschaft, zwei betrieben eigene Handwerksbetriebe, zwei standen im öffentlichen Dienst und drei arbeiteten im Tourismus. Neun der zwölf waren selbständig tätig, drei bezogen ein Gehalt aus dem öffentlichen Dienst (Waldaufseher, Finanzbeamter, Lehrer).37

    Bei der Wahl des Bürgermeisters und des Gemeindevorstandes offenbarten sich dörfliche Rivalitäten. Zur Bürgermeisterwahl stellten sich zwei Männer, der Schmiedemeister Adolf Hiltpolt von der Bauern- und Bürgerpartei sowie der Hotelier Sigmund Seyrling von der Ständeliste. Hiltpolt erhielt elf der zwölf Stimmen und war somit Bürgermeister. Für das Amt des Vizebürgermeisters kandidierten die drei Listenführer, also Schöpf, Seyrling und Wanner. Paul Wanner schied mit einer Stimme sofort aus, im zweiten Wahlgang erhielten sowohl Schöpf als auch Seyrling jeweils sechs Stimmen, so dass das Los entscheiden musste, das auf Sigmund Seyrling fiel. Die Funktion des zweiten Vizebürgermeisters wollten Josef Schöpf und Paul Wanner ausüben, bei Stimmengleichheit entschied das Los für Schöpf. Für das Amt des ersten Gemeindevorstandsmitglieds kandidierten vier Männer, drei von der Bauern- und Bürgerpartei und Paul Wanner, der im zweiten Wahldurchgang dem Tischlermeister Anton Suitner unterlag. Nach dieser Serie von Niederlagen gab Paul Wanner auf und stellte sich für die Funktion des zweiten Gemeindevorstandsmitgliedes nicht mehr zur Wahl, die sich zwischen zwei Mandataren der Bauern- und Bürgerpartei entschied und auf den Bauern Franz Heigl fiel.38

    Tabelle 3 zeigt die Ergebnisse dieser Bürgermeister- und Vorstandswahlen mit den Namen, der Parteizugehörigkeit und den bürgerlichen Berufen der Mandatare.

    Tab. 3: Bürgermeister und Gemeindevorstand Mai 1932–Mai 1934

    Großer Verlierer dieser Wahlen war Paul Wanner mit seiner Fremdenverkehrspartei, der sich mit seinem Vorschlag über die Mitglieder des Beirates, von denen sich einige auf seiner Liste wiederfanden, vehement für eine Änderung der Gemeindepolitik eingesetzt hatte. Wanner war zumindest im Kreis der Gemeinderatsmandatare nicht sehr beliebt. Einzig Sigmund Seyrling mit seiner Ständeliste, die lediglich zwei Mandate aufwies, durchbrach die Vorherrschaft der Bauern- und Bürgerpartei.

    Politisch sind alle drei Listen der katholisch-konservativen, liberalen oder großdeutschen Richtung zuzuordnen, sozialdemokratisches oder gar kommunistisches Gedankengut schlug sich zu der Zeit mangels größerer Betriebe nicht in einer parteimäßigen Organisation nieder. Schöpf Josef, Spitzenkandidat der Bauern- und Bürgerpartei, war zugleich lokaler Obmann des Tiroler Bauernbundes, Paul Wanner war Vorsitzender des Verkehrsvereins und damit Obmann über alle Tourismusangelegenheiten sowie einflussreicher Führer der örtlichen Heimatwehr.39

    2.2 Der Aufstieg der NSDAP 1932

    Zu den politischen Verhältnissen in der Gemeinde Seefeld gehörte es auch, dass es der österreichischen NSDAP 1932 gelang, sich hier festzusetzen.40 Ab dem Sommer/Herbst 1931 intensivierte die NSDAP ihre Propaganda in Tirol, hielt im ganzen Land Versammlungen ab, suchte AnhängerInnen zu gewinnen und neue Ortsgruppen zu gründen. Am 29. November 1931 fanden NS-Versammlungen in Zirl, Scharnitz und Seefeld statt. Leider liegt kein Bericht darüber vor, aber die Sicherheitsbehörden bezifferten die Anhängerschaft mit nur etwa 800 Personen in ganz Tirol, rund 450 allein in Innsbruck.41 Die Einschätzung der Bundespolizeidirektion Wien vom Februar 1932, die NSDAP verzeichne in Tirol kaum Fortschritte und stoße auf „den Widerstand heimattreuer Kreise"42, war aber verfrüht und zu optimistisch.

    Die rege Propagandatätigkeit hielt an und Anfang März 1932 lud die NSDAP zu einer Versammlung in den Gasthof Hochalm. Der christlich-soziale Tiroler Anzeiger bemerkte spöttisch, die NSDAP habe in Seefeld „eine gründliche Abfuhr erhalten, sei doch zu der mit „großem Klimbim und Tamtam angekündigten „Massen-Versammlung" kaum jemand erschienen. Etwa 60 bis 70 uniformierte Nationalsozialisten, angereist mit der Bahn oder mit Autos,

    „besetzten den Saal, um für den aus Innsbruck […] gekommenen Referenten […] als Staffage zu dienen. Man wartete von Viertelstunde zu Viertelstunde auf die Einheimischen, aber es zeigte sich niemand. Wegen Mangel an einheimischen Zuhörern mußte also die Versammlung unterbleiben. Man kann sich die langen Gesichter vorstellen, die die

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