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Die Wissenschaft des Lebendigen: Vom mechanistischen zum organischen Denken

Die Wissenschaft des Lebendigen: Vom mechanistischen zum organischen Denken

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Die Wissenschaft des Lebendigen: Vom mechanistischen zum organischen Denken

Länge:
311 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
9. Apr. 2020
ISBN:
9783861911364
Format:
Buch

Beschreibung

Der Materialismus bestimmt zwar noch in weiten Bereichen die öffentliche Meinung, doch eine aufgeklärte, einem „neuen Denken“ verpflichtete Wissenschaft hat ihm längst die Grundlagen entzogen. Besonders für die Erforschung des Lebendigen ist eine materialistisch-mechanistische Sichtweise völlig ungeeignet. Lebende Materie gibt es nicht! Es ist nicht die Materie, die lebt. Für den Bereich des Lebendigen ist eine ganz andere Wissenschaftsmethodik erforderlich.
Werner Merker schlägt einen Bogen von den bedeutendsten Geistern der Antike über Goethe und Rudolf Steiner bis hin zu Rupert Sheldrake und zeigt auf, dass die „Wissenschaft des Lebendigen“ schon immer im Bewusstsein jener großen Forscher und Denker vorhanden war, die das Leben in seiner Tiefe betrachteten.
Ein brillante Einführung in eine spirituell begründete neue Naturwissenschaft, welche die neuesten Erkenntnisse der Biologie mit der uralten Weisheitslehre verbindet – und auf eine neue Stufe des Wissens hebt!

Herausgeber:
Freigegeben:
9. Apr. 2020
ISBN:
9783861911364
Format:
Buch

Über den Autor


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Die Wissenschaft des Lebendigen - Werner Merker

VORWORT

Wenn ich meiner Frau vom Inhalt dieses Buches erzählte, dann schüttelte sie nur verwundert den Kopf und fragte, wieso ich das mit dem Lebendigen so kompliziert mache, das sei doch alles ganz klar, ganz einfach. – Wie recht sie hat! Tatsächlich spürt jeder Mensch Leben in sich, atmet, fühlt sich frisch und kräftig oder müde und schlapp. Kinder wachsen, Wunden heilen, der Körper regeneriert sich. Das Leben pulsiert. Das ist doch alles ganz offensichtlich und einfach. Kein Mensch hat das Gefühl, dass dies alles rein aus der Materie heraus geschieht, womöglich sogar aus dem Wechselspiel von Atomen oder gar Protonen und Elektronen. Kein Mensch glaubt das – außer den Naturwissenschaftlern, von denen man im Allgemeinen annimmt, dass sie nicht glauben, sondern wissen und durch sichere Beweise zu ihren Überzeugungen gelangt sind. Sie glauben es auch nur, solange sie sich in der Funktion als Wissenschaftler im Materiellen forschend und gedanklich analysierend betätigen und währenddessen ihre eigenen Alltagserfahrungen des Lebendigen ignorieren. Tatsächlich können sie streng genommen als Naturwissenschaftler nicht anders, denn die klassische naturwissenschaftliche Methodik mit ihrer verstandesmäßigen Logik lässt kein anderes Denken zu.

Das Lebendige an sich, als eigenständige, wenn auch ganz mit dem Materiellen verbundene Ebene, erfordert jedoch eine ganz andere Art des Zugangs, des Forschens und des Denkens. Dies ist seit der Antike vielen Naturphilosophen und Naturforschern bewusst gewesen. Viele interessante Ansätze für ein Verständnis des Lebendigen wurden von ihnen entwickelt und teilweise auch praktiziert, gerieten jedoch wegen des materialistisch-mechanistischen Mainstreams meist schnell wieder in Vergessenheit. Diese Ansätze, Strömungen und Wege exemplarisch anhand der Werke mir wesentlich erscheinender Persönlichkeiten aufzuzeigen, zu verbinden und zu einem kräftigen Strom zu bündeln, ist das Anliegen dieses Buches. Dabei sollen auch mögliche Sackgassen und ein mir als am zukunftsträchtigsten erscheinender Weg aufgezeigt werden.

Alle diese Naturphilosophen und Naturforscher hatten ein Problem, nämlich das, was sie wahrnahmen und anfingen intuitiv zu verstehen, sprachlich und dazu auch noch schriftlich zu formulieren und verständlich zu machen. Sie mussten dabei an die Grenze des verstandesmäßigen Denkens gehen. So sind viele ihrer Werke nicht leicht zu lesen und es bedarf teilweise einiger Mühe, ihren Gedankengängen zu folgen. Wenngleich ich versucht habe, diese Gedankengänge und die zugrunde liegenden Forschungsergebnisse zwar wissenschaftlich möglichst exakt, aber doch auch allgemeinverständlich darzustellen, bedarf es vermutlich auch für ein Verständnis meiner Ausführungen gelegentlich einiger Anstrengungen. Dennoch hoffe ich, dass Sie beim Lesen nicht nur eine erschöpfende Ermüdung, sondern auch eine anregende Erfrischung verspüren. In jedem Fall können Sie so gleich Erfahrungen mit ihren eigenen Lebenskräften machen.

DIE ENTWICKLUNG DER NATURWISSENSCHAFT

Freude, Leid, Alltäglichkeiten, Beziehungen, Schicksalsschläge – herrlich, erbärmlich, mittelmäßig, interessant und unberechenbar – so kann unser menschliches Leben sein.

Das alles nur zu erleben, reicht uns allerdings nicht aus. Wir möchten unsere Lebensumstände angenehm gestalten, verbessern, das Leben und die Welt verstehen und eine glückliche Zukunft erreichen. Von klein an sammeln wir Erfahrungen, wobei wir die Welt nach und nach primär als auf uns selbst bezogen empfinden: Was nützt mir? Was schadet mir? Was ist angenehm, was unangenehm? Was gibt mir Sicherheit? Was muss ich unternehmen, um meine Wirkungsmöglichkeiten zu vergrößern? Bei einigen Menschen bilden sich auch philosophische und wissenschaftliche Fragen: Was ist das Bleibende hinter den Erscheinungen? Was ist die Ordnung hinter den Erscheinungen?

Unbewusste Verhaltensmuster bilden sich aus und mit zunehmender Verstandestätigkeit auch berechnende Intellektualität. Unser Denken erweist sich als äußerst hilfreich, um unsere Ziele zu erreichen. Neben der erfahrbaren Realität bilden sich zunehmend Vorstellungen und Konzepte, die unser Denken und Handeln beeinflussen. Diese Vorstellungen leiten sich nicht nur aus unserem Wahrnehmen der Welt her. Sie enthalten auch etwas, was wir aus unserem Inneren, aus unseren individuellen Impulsen der äußeren Welt entgegenbringen und was über das rein diskursive Denken weit hinausgeht. Dadurch kann Neues in die Welt hereinkommen.

Wenn diese sich ergebenden Vorstellungen und Konzepte ein begründetes und vor allem nachvollziehbares Verhältnis zur Wirklichkeit haben, welches allgemein anerkannt wird, werden sie als Wissenschaft bezeichnet. Nachvollziehbarkeit wurde in der Entwicklung der Naturwissenschaft zunehmend so interpretiert, dass das Eigene, der äußeren Welt Entgegengebrachte, zu eliminieren sei und nur das apparativ Reproduzierbare zähle. Man glaubte, dies durch den Einsatz objektiver Messgeräte zu erreichen. Die Dinge und Vorgänge in der Welt sollten nur untereinander, abgelöst vom Menschen, in Beziehung gebracht werden. Man meinte, die Wissenschaft könnte unabhängig von der Erfahrung des Menschen existieren. Damit beschränkte man die Naturwissenschaft auf die mit Apparaten messbare und quantifizierbare, in der Regel sogar auf die materiell erfassbare Welt. Die wissenschaftliche Welt wurde zu einer Welt der vom Menschen abgetrennten Objekte.

Ausgehend von der Mechanik entwickelte sich im 16. Jahrhundert diese Betrachtungsweise, die im Prinzip alle Weltvorgänge auf die Bewegung von Körpern reduzierte. Eine materialistisch-mechanistische, scheinbar nur auf exakten Untersuchungen und logischem Denken basierende Weltsicht wurde das Leitbild der Wissenschaft. Dieses setzte sich nicht nur in der Physik, sondern auch in allen anderen Wissenschaftsgebieten einschließlich der Biologie und der Medizin als oberstes Paradigma durch. Wenn sich auch eine solche Art der wissenschaftlichen Betrachtung immer mehr vom wirklichen Erleben des Menschen entfernte, so wurden doch das gesamte heutige Weltbild und die tiefsten Schichten unseres Verhaltens davon geprägt. Die sich aus dieser Wissenschaft ergebenden technischen Errungenschaften, die Macht und Wohlstand verschafften und einer bestimmten, offenbar zeitgemäßen Art der Entwicklung der Menschheit dienten, waren einfach absolut überzeugend. Dass dieser durch Technik und Nutzung der Energieressourcen erreichte Wohlstand allerdings teilweise auf Kosten der Umwelt und der nachfolgenden Generationen ging, wurde erst im letzten Jahrhundert richtig deutlich.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in der Physik eine Revolution, die eigentlich das Weltbild hätte erschüttern müssen: Die Quantenmechanik wurde entwickelt. Strenge Kausalität löste sich als Wissenschaftsprinzip auf. Es zeigte sich, dass im Grunde genommen nur wahrscheinliche Aussagen wissenschaftlich möglich sind. Der Wissenschaftler verlor den Status des objektiven, unbeteiligten Beobachters. Die Grundlagen des Materiellen erwiesen sich als immateriell und lösten sich in Felder, Wellen und Strukturen auf.

Im allgemeinen Bewusstsein der Menschen kam diese Revolution allerdings nicht an. Die Auflösung des Greifbaren war einfach nicht zu begreifen, war einfach zu weit entfernt vom inzwischen sehr physisch geprägten Alltagserleben. Das materielle Weltbild saß und sitzt uns tief in den Knochen. Dass Felder, Strukturen und Beziehungen grundlegender sein sollen als die Materie, war und ist ein noch zu ungewohnter Gedanke. Für eine Annäherung an eine solche Sichtweise bedurfte es eines völlig anderen Forschungsgebietes, nämlich der Molekularbiologie.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der materiellen Seite des Lebendigen hatte schon im 19. Jahrhundert begonnen, doch erst Mitte des 20. Jahrhunderts erfolgte der Durchbruch mit der Aufklärung der die Erbinformation darstellenden DNS-Struktur. Was sich schon vorher in der chemischen Substanz des Lebendigen gezeigt hatte, nämlich dass hier Strukturen eine viel entscheidendere Rolle spielen als beispielsweise die chemischen Elemente, gipfelte in der Strukturanalyse der DNS. Man verstand es zunehmend, die Informationen hinter den DNS-Strukturen zu lesen, wobei man weiterhin der festen Überzeugung blieb, dass die Materie die Strukturen prägt und nicht umgekehrt. Das ist etwa so, als wenn man der Überzeugung wäre, dass die Buchstaben in diesem Buch in ihrer Kombination den Inhalt prägen und diesen bewirken. Diese Betrachtungsweise ließe sich dadurch stützen, dass eine Veränderung von einigen Buchstaben und Wörtern den Inhalt ja tatsächlich erheblich verändern würde. Dies macht man gerade in der Gentechnik. Was man damit hier auf der »Inhaltsebene« bewirkt und welche Folgen das hat, ist letztlich nicht zu überschauen. Hier fehlen ganz einfach Kenntnisse und Erfahrungen bezüglich der »Inhaltsebene«, also der Ebene des gestaltenden Lebendigen.

Wie kann man sich dieser Ebene nähern, wie kann man diese Ebene des Lebendigen wahrnehmen und organisch verstehen? Eine organische Betrachtungsweise ist im Prinzip nichts Neues. Sie ist immer schon Teil unseres Alltags gewesen, bisher aber mehr im Unbewussten verblieben. Auch in der Wissenschaftsgeschichte finden sich von den Anfängen an immer wieder Ansätze zu einem ganzheitlichen, organischen Wahrnehmen und Erkennen. Wissenschaftliche Anerkennung konnten diese Ansätze nach dem modernen Wissenschaftsverständnis allerdings kaum finden. Das hat vielfältige Gründe. Einerseits war bei der Entwicklung der neuzeitlichen Naturwissenschaft im 16. Jahrhundert der mechanistische Ansatz wohl geeigneter, den Menschen aus dem Eingebettetsein in die Natur und in ein religiöses Weltbild zur freien, aufgeklärten Selbständigkeit zu bringen und ein unabhängiges, experimentelles Forschen gegen die das Weltbild beherrschende kirchliche Autorität durchzusetzen; andererseits war und ist die technische Umsetzung der auf der materiellen Ebene gewonnenen Erkenntnisse außerordentlich erfolgreich. Der Nutzen einer Erkenntnis des Lebendigen scheint dagegen weniger deutlich zu sein.

Besonders um die Wende zum 20. Jahrhundert war die Frage nach dem Lebendigen ein wichtiges Thema. Zu dieser Zeit entstanden in der Geisteswissenschaft mit Henri Bergson, Rudolf Steiner und vielen anderen wichtige Impulse zu einem organischen Denken und einer Lebensphilosophie. In der Biologie waren es vor allem die Entwicklungsbiologen Hans Driesch, Hans Spemann und Alexander Gurwitsch, die mit ihren Forschungen und Konzepten neue Perspektiven zum Lebendigen eröffneten. Auch die Physik dieser Zeit kam mit Max Planck, Albert Einstein, Niels Bohr und den folgenden Quantenphysikern zu revolutionär neuen Erkenntnissen, die eine Analogie zum Lebendigen aufwiesen, was besonders von Alfred North Whitehead ausgearbeitet wurde. Auf diese Epoche des Aufbruchs und diese Persönlichkeiten um die Jahrhundertwende wird im Besonderen eingegangen werden.

Die revolutionären Erkenntnisse der Quantenphysik wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Maxwells Feldtheorie vorbereitet. Auch diese physikalische Theorie schien für ein Verständnis des Lebendigen von Nutzen zu sein, was besonders durch die Biologen Alexander Gurwitsch und Rupert Sheldrake untersucht wurde. Da dieser Ansatz im Augenblick gerade sehr kontrovers diskutiert wird, werden die Entwicklung und das Potenzial einer Feldtheorie des Lebendigen im Folgenden besonders beleuchtet werden.

Erstaunlich ist, dass von Aristoteles an über Kant, Goethe, Steiner, Bergson bis hin zum Quantenphysiker Heisenberg immer wieder die Kunst, die künstlerische Wahrnehmung, die ästhetische Urteilskraft als wichtiger Zugang für eine Erweiterung der Naturwissenschaft gesehen wurde. Auch dieser Aspekt wird besondere Beachtung finden.

Ohne Zweifel ist es in unserer Zeit, in der die Front der Wissenschaft bei der Erforschung und Handhabung des gestaltenden Lebendigen angekommen ist, dringend erforderlich, eine dem Lebendigen angemessene Sichtweise und Wissenschaftsmethodik zu entwickeln, vielleicht in dem Sinne, wie Goethe sie im folgenden Zitat andeutet: »Es gibt eine zarte Empirie, die sich mit dem Gegenstand innigst identisch macht und dadurch zur eigentlichen Theorie wird. Diese Steigerung des geistigen Vermögens aber gehört einer hochgebildeten Zeit an.«¹ Womöglich befinden wir uns ja nun in der »hochgebildeten Zeit«, die Goethe für eine Steigerung des geistigen Vermögens in der Wissenschaft für erforderlich hielt.


1 HA, Bd. 12, S. 435.

DIE EIGENE WAHRNEHMUNG DES LEBENDIGEN

Unsere menschlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten sind außerordentlich vielfältig: Mal lauschen wir in der Philharmonie den Sinfonieklängen eines Orchesters, mal beobachten wir am Abendhimmel einen Sonnenuntergang, mal stoßen wir uns an einer Kante den Kopf. Jedesmal ist unser Bewusstsein auf einen bestimmten Sinn fokussiert. Über das Ohr nehmen wir die akustische, über das Auge die optische, über den Körper die physische Welt wahr. Über unsere Sinneswahrnehmungen treten wir in Beziehung zur Außenwelt. Eine gemeinsame Wirklichkeit entsteht, wenngleich unser Bewusstsein von einer uns selbstverständlich erscheinenden Trennung vom Objekt geprägt ist.

Alle Ebenen der Wahrnehmung sind im Wachzustand gleichzeitig vorhanden. Sie wirken zusammen und ergänzen sich gegenseitig. Insgesamt bilden sie den äußeren Teil unserer Erlebnis- und Erfahrungswelt. Unser gerichtetes Bewusstsein kann sich schwerpunktmäßig auf eine dieser Ebenen konzentrieren. Ist es auch möglich, den Fokus auf eine Wahrnehmung der Ebene des Lebendigen zu konzentrieren? Ist uns überhaupt ein Sinn für eine solche Wahrnehmungsmöglichkeit gegeben?

Wir bringen unseren Sinneseindrücken viel Eigenes entgegen. Nur dadurch wird der Klang des Orchesters zum Musikerleben, nur dadurch wird der Sonnenuntergang zum Farb- und Stimmungserlebnis, nur dadurch wird das Kopfstoßen als Schmerz empfunden. Dieses Entgegenbringen leistet eine Messapparatur nicht. Eine Messapparatur kann also unser menschliches Wahrnehmen nie ersetzen. Wohl kann sie die Frequenz verschiedener Töne angeben, die Wellenlänge des roten Lichts der Abendsonne messen oder den Bewegungsimpuls eines Zusammenstoßes bestimmen. Dies ist die vom Menschen abgelöste Wahrnehmungsweise der heute üblichen Naturwissenschaft, die trotz grundlegend anderer Erkenntnisse der Quantenmechanik immer noch von einer Trennung zwischen Subjekt und Objekt ausgeht.

Eine Frequenz ist natürlich etwas völlig anderes als ein Ton. Es ist eine nicht der akustischen Welt zugehörige, aber daraus abbildbare oder zum Beispiel als Schwingen einer Seite sichtbare Eigenschaft eines Tons. Frequenz, Wellenlänge, Bewegungsimpuls – dies alles ist unserem Erleben völlig fremd. Es handelt sich dabei um abstrakte Messwerte, die allerdings einem physikalisch Gebildeten durchaus bestimmte Informationen geben können. Diese Informationen zu Frequenzwerten sind allerdings etwas völlig anderes als das Klangerlebnis einer Sinfonie.

Wie lässt sich das hier Dargestellte auf die Wahrnehmung von Lebenskräften übertragen? – Jeder hat wahrscheinlich schon einmal die Erfahrung völliger Erschöpfung gemacht, vielleicht nach einer langen Bergbesteigung, nach einem Marathonlauf oder einfach nach einem anstrengenden Arbeitstag. Man fühlt sich dann völlig ausgelaugt, mit allen Kräften am Ende und möchte sich nur noch fallen lassen. Der Körper ist schwer, müde, völlig ohne Spannkraft. Richtet man das Bewusstsein auf dieses den gesamten Körper umfassende Gefühl des Ausgelaugtseins, so hat man eine intensive Wahrnehmung des Fehlens von Lebenskräften.

Das Gegenteil, frische, starke Lebenskräfte, ist auch wahrnehmbar, wenngleich einem diese Wahrnehmung schwerfällt. Ein Mangel ist dem Bewusstsein für gewöhnlich leichter zugänglich als eine Fülle. Doch auch hier wird jeder vermutlich schon einmal den Zustand großer Motivation, überschäumender Lebenskräfte, Schwung, Spannkraft und Frische gespürt haben.

Kann man die Stärke von Lebenskräften auch materialistisch-wissenschaftlich erfassen? Ohne Zweifel – würden Mediziner, Biologen und Chemiker antworten. Nach einem Marathonlauf ließe sich die veränderte Herzaktivität über ein EKG messen. Laktatkonzentration, Blutzuckergehalt, Sauerstoff- und Kohlenstoffdioxidgehalt im Blut würden sich ebenfalls leicht feststellen lassen. Damit hätte man schon eine Reihe von charakteristischen, aussagekräftigen Messwerten, die dem Mediziner aufgrund von Erfahrungswerten einen erschöpften Körper anzeigen würden. Vielleicht ließe sich sogar über die Bestimmung der Konzentration des Glückshormons Serotonin eine Aussage über die psychische Verfassung des Marathonläufers machen. Dies alles kann die heutige Wissenschaft ohne Probleme leisten. Und doch kommt sie an das tatsächliche Erlebnis der Erschöpfung überhaupt nicht heran. Diese kann nur vom Marathonläufer selber erlebt werden. Die Wahrnehmung der eigenen Lebenskräfte ist eine völlig andere Welt als die Summe der medizinischen Messwerte, genauso wie die Summe von Frequenzangaben etwas völlig anderes ist als das Hören und Erleben einer Sinfonie. Nun ist natürlich das Hören und Erleben eines musikalischen Werkes das eigentlich Bedeutsame. Die Abfolge von Frequenzwerten ist nur eine abstrakte, lebensfremde Aufreihung von Zahlenwerten, die höchstens dem Intellekt für eine Analyse dienen können.

Ebenso können EKG und Blutwerte ausgewertet und damit durchaus Aussagen über den Zustand eines Marathonläufers gemacht werden. Auch eine potenzielle Gesundheitsgefährdung des Läufers kann diagnostiziert werden, woraufhin dann vielleicht sogar lebensrettende Maßnahmen ergriffen werden können. Wissenschaftliche Messwerte können also ohne Zweifel äußerst hilfreich sein und intensive Folgen in der Realität nach sich ziehen. Das eigentlich reale Erlebnis der Erschöpfung ist aber dennoch etwas völlig anderes. Es kann durch Analysieren all der Messwerte nicht erreicht werden. Maximal kann der Mediziner aufgrund eigener Erschöpfungserfahrungen den Zustand des Marathonläufers nachfühlen. Dieses aber wohl mehr durch Wahrnehmung des Marathonläufers als durch Wahrnehmung der Messwerte.

Die apparative Messwerterfassung ist also dem gesamten Erlebnispotenzial des Menschen gegenüber eine sehr verarmte und reduzierte Wahrnehmungsweise, wenngleich sie dennoch, wie am Beispiel des lebensgefährlich erschöpften Marathonläufers gezeigt, durchaus erhebliche Vorteile und Nutzen bringen kann. Sie ist prägend für die heutige Forschung. Aus dieser Forschung heraus werden Theorien entwickelt, die dann wieder die Grundlagen für neue Messgeräte und neue Technik bilden. Über eine solche reduktionistische Sichtweise hinauszugehen, ist folglich für die etablierte Wissenschaft kein einfacher Schritt. Vielleicht könnte er leichter von Menschen getan werden, die mehr im praktischen Umgang mit dem Lebendigen wahrnehmend und handelnd tätig sind, wie zum Beispiel Bauern, Gärtner oder auch erfahrene Ärzte.

Der Reduktionismus ist in der bisherigen Wissenschaft generell ein Problem. Im Bereich des Lebendigen wirkt er sich allerdings verheerend aus, denn hier führt er dazu, dass diese, wie gezeigt durchaus wahrnehmbare Ebene der Lebenskräfte, grundsätzlich ausgeblendet oder sogar ignoriert wird.

Natürlich darf sich ein Erforscher des Lebendigen nicht auf die Wahrnehmung eigener Befindlichkeiten beschränken. Die oben dargestellte Empfindung von Frische oder Müdigkeit sollte nur einen gut nachvollziehbaren Einstieg in die Wahrnehmung eigener Lebenskräfte bilden. Eine wissenschaftliche Wahrnehmung der gestaltenden Kräfte des Lebendigen erfordert einen weitergehenden Ansatz. Dies wird im Folgenden deutlich werden.

Ein Paradigmenwechsel, also ein Wechsel der grundlegenden Wissenschaftskriterien und Wissenschaftsmethodik, wird seit einigen Jahren immer stärker gefordert. Die Biologie müsse Leitwissenschaft werden – so lautet die Forderung von Biologen und Wissenschaftsphilosophen. Das ist völlig richtig, macht allerdings nur dann Sinn, wenn die Biologie sich auch wirklich ihrer eigentlichen Aufgabe zuwendet, nämlich der Wahrnehmung und Erforschung des gestaltenden Lebendigen und zwar auf der Ebene der gestaltenden Kräfte selbst und nicht nur auf der Ebene der bereits gestalteten Materie. Tatsächlich ist es im Augenblick so, dass die moderne Molekularbiologie den mechanistischen Ansatz eher weiter festigt, als dass sie zu einer neuen Betrachtungsweise des Lebendigen führt.

Wie noch gezeigt werden wird, eröffnet eine organische Betrachtungsweise neue Möglichkeiten für eine völlig neue Weltsicht und für ein völlig neues Handeln. Die Art, die Welt zu betrachten, hat nämlich, wie schon Goethe feststellte, erhebliche Rückwirkungen auf den Betrachter selber. Eine Erweiterung des mechanistischen Weltbildes zu einem umfassenderen organischen Weltbild kann daher auch den Menschen selber im Laufe der Zeit verändern.

Um sich dem Lebendigen als eigener Ebene gedanklich anzunähern und zu einem organischen Weltbild zu kommen, muss man nicht ganz neu anfangen. Ganz im Gegenteil, seit der Antike hat man in vielfältiger Weise versucht, das Lebendige philosophisch, biologisch oder gar von der Physik her zu verstehen – und es liegt eine Fülle von interessanten Ideen, Gedanken, Forschungsergebnissen und Theorien vor. Diese unterschiedlichen Wege der Erkenntnis exemplarisch in ihrer geschichtlichen Abfolge darzustellen, bildet den Hauptteil dieses Buches. Um einem Wissenschaftsanspruch gerecht zu werden, ist es dabei notwendig, dass wir uns weit in den Bereich der gedanklichen Abstraktion hinein bewegen. Tatsächlich führt jegliche Abstraktion eher vom Lebendigen weg. Sie führt aber auch zu einer gedanklichen Klarheit, die den weiteren Weg der Wissenschaft erleuchten kann. Im Resümee wird dann am Ende dieses Buches versucht, die gewonnene gedankliche Klarheit mit der lebensgesättigten eigenen Erfahrungswelt zu verbinden und einen aus all dem Dargestellten resultierenden Weg zu einem Erahnen des Lebendigen aufzuzeigen.

1: DIE ERKENNTNIS DES LEBENDIGEN BEI ARISTOTELES

Bekanntermaßen hat die abendländische Philosophie ihre Wurzeln in der griechischen Antike. Hier haben die wesentlichen Weichenstellungen für unser heutiges Denken stattgefunden. Auch ein organisches Denken, soweit es als Philosophie entwickelt und überliefert wurde, hat hier seinen Ursprung.

Bereits vor der Hochblüte der griechischen Philosophie, im 4. Jahrhundert v. Chr., hatte eine Veränderung des Weltbildes, nämlich der Übergang vom Mythos zum Logos, stattgefunden. Das Miterleben der überlieferten mythologischen Erzählungen der Vergangenheit und der umgebenden Natur war schon von den Vorsokratikern durch selbstständiges, zunehmend Subjekt und Objekt trennendes Denken ersetzt worden. Verschiedene philosophische Schulen hatten sich gebildet, und die Grundfragen der Philosophie waren aufgeworfen worden. Platon hatte einen weiteren, entscheidenden Schritt auf dem Weg vom kosmologischen Erleben des Menschen zur menschenbezogenen Philosophie getan: Er hatte eine Ideenwelt postuliert, deren Schattenwurf unsere äußere Welt darstellen sollte.

In dieser Situation betrat nun Aristoteles die Bühne. Als 17-Jähriger wurde er 367 v. Chr. in Platons Akademie aufgenommen. Zunächst beschäftigte er sich mit den damals gängigen Gedanken über Mathematik, Rhetorik und Logik. Nach und nach entwickelte er dann zu fast allen philosophischen Fragen sein eigenes, teils rein gedankliches, teils auch schon auf Empirie gegründetes philosophisches und naturwissenschaftliches Lehrgebäude. Dabei ging er erheblich konkreter und erdverbundener an die physische Welt heran als sein Lehrmeister Platon. Von dessen Sichtweise einer selbstständigen, von der erlebten Wirklichkeit abgetrennten Ideenwelt setzte er sich deutlich ab. Von den erstaunlicherweise schon

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