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8 Krimis: Ermordet zwischen Nordseeküste und Sauerland – Krimi Sammelband 8008: Alfred Bekker Thriller Sammlung

8 Krimis: Ermordet zwischen Nordseeküste und Sauerland – Krimi Sammelband 8008: Alfred Bekker Thriller Sammlung

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8 Krimis: Ermordet zwischen Nordseeküste und Sauerland – Krimi Sammelband 8008: Alfred Bekker Thriller Sammlung

Länge:
1,249 Seiten
14 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 5, 2020
ISBN:
9781393554400
Format:
Buch

Beschreibung

8 Krimis: Ermordet zwischen Nordseeküste und Sauerland – Krimi Sammelband 8008

Von Alfred Bekker, Tomos Forrest, Theodor Horschelt


 

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.


 

Dieses Buch enthält folgende Krimis:


 

Tomos Forrest: Friesenmord auf Helgoland

Alfred Bekker: Der Tod der alten Dame

Theodor Horschelt: Falschgeld ist eine üble Sache

Alfred Bekker: Der Killer und sein Zeuge

Alfred Bekker: Der Sauerland-Pate

Alfred Bekker: Kahlgeschoren

Alfred Bekker: Die Apartment-Killer

Theodor Horschelt: Kennwort Pluto

Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 5, 2020
ISBN:
9781393554400
Format:
Buch

Über den Autor

Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. 1984 machte er Abitur, leistete danach Zivildienst auf der Pflegestation eines Altenheims und studierte an der Universität Osnabrück für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Insgesamt 13 Jahre war er danach im Schuldienst tätig, bevor er sich ausschließlich der Schriftstellerei widmete. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Er war Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen. Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', 'Da Vincis Fälle', 'Elbenkinder' und 'Die wilden Orks' entwickelte. Seine Fantasy-Romane um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' und die 'Gorian'-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Darüber hinaus schreibt er weiterhin Krimis und gemeinsam mit seiner Frau unter dem Pseudonym Conny Walden historische Romane. Einige Gruselromane für Teenager verfasste er unter dem Namen John Devlin. Für Krimis verwendete er auch das Pseudonym Neal Chadwick. Seine Romane erschienen u.a. bei Blanvalet, BVK, Goldmann, Lyx, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.


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8 Krimis - Alfred Bekker

8 Krimis: Ermordet zwischen Nordseeküste und Sauerland – Krimi Sammelband 8008

Von Alfred Bekker, Tomos Forrest, Theodor Horschelt

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Tomos Forrest: Friesenmord auf Helgoland

Alfred Bekker: Der Tod der alten Dame

Theodor Horschelt: Falschgeld ist eine üble Sache

Alfred Bekker: Der Killer und sein Zeuge

Alfred Bekker: Der Sauerland-Pate

Alfred Bekker: Kahlgeschoren

Alfred Bekker: Die Apartment-Killer

Theodor Horschelt: Kennwort Pluto

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten. 

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Alles rund um Belletristik!

Friesenmord auf Helgoland

Tomos Forrest

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Tomos Forrest

© Cover: Pixabay mit Kathrin Peschel, 2020

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappentext:

PROFESSOR PETER PETERSEN, der friesischen Legenden auf der Spur ist, verschwindet unmittelbar nach einer Lesung zu seinem neusten Buch über alte Artefakte spurlos. Kurz zuvor hat er Kriminalrat Dr. Thomas Faust gegenüber erwähnt, dass er das Gefühl habe, verfolgt zu werden. Bald findet Faust Spuren, die darauf hindeuten, dass Petersen einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist. Was hat Petersen entdeckt, für das er sterben musste?

Eine Spur zur Aufklärung des Falls führt nach Helgoland, wo Faust sowieso seine Ferien verbringen wollte. Eines Morgens wird am Fuße des großen Felsens eine Leiche gefunden, bei der allem Anschein nach eine Opferungszeremonie durchgeführt wurde. Der Tote ist für Faust kein Unbekannter, doch passte die Art seines Todes nicht ins Bild. Haben diese beiden Verbrechen dennoch etwas miteinander zu tun? Für Faust eine heikle Angelegenheit, da der oder die Täter des zweiten Mordes sich noch immer auf der Insel befinden ...

ALLE NAMEN, PERSONEN und Taten, Firmen und Unternehmen, sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären also rein zufällig.

1.

Der Vorleser sah von seiner eben beendeten Lektüre auf und blickte lächelnd die Zuhörer an, die noch ganz unter dem Bann des Gehörten waren. Dann begann der Erste mit dem Beifall, und das Rauschen der zahlreichen Hände vertrieb zugleich die fast spürbare Spannung, die alle bei der Lesung gefangen gehalten hatte. In der ersten Reihe saß Dr. Thomas Faust neben seiner Frau Maria. Beide hatten sich kurz angesehen und gelächelt, dann nickten sie hinüber zu dem Tisch, an dem Professor Petersen gerade zum Wasserglas griff.

„Da hätte sich mein Urgroßvater Thomas Alexander sicher gefreut", sagte Faust leise. Petersen hatte sich jetzt erhoben und steuerte auf die beiden zu und machte eine leichte Verbeugung, während der begeisterte Applaus noch immer nicht endete.

„Kommen Sie, Faust, das ist auch Ihr Applaus!"

Die beiden Männer standen nebeneinander und blickten über die Köpfe der hier versammelten Menschen, die noch einmal begeistert für sie den Applaus verstärkten.

„Danke schön, aber jetzt muss es auch gut sein, meine Damen und Herren! Ich bin ja wirklich enthusiasmiert, dass ein so trockenes Thema so begeistert von Ihnen aufgenommen wurde!"

„Na hören Sie!, sagte lächelnd der Inhaber der Buchhandlung, der sich jetzt zu den beiden gesellte. „Sie haben die Geschichte der vier Wikingeräxte doch so anschaulich geschildert, dass man sich gar nicht langweilen konnte!

„Auch wir Wissenschaftler müssen neue Wege gehen, wollen wir den Elfenbeinturm verlassen, um die interessierten Zuhörer für Themen zu begeistern!"

„Sind Sie so freundlich und kommen mit hinüber zum Büchertisch, Herr Professor? Die Ersten stehen schon an und wollen Ihr Buch signiert haben!"

„Selbstverständlich, Herr Meier!", antwortete Professor Petersen freundlich und folgte dem Buchhändler hinüber zu dem Tisch neben der Kasse, an dem sich bereits eine Schlange gebildet hatte. Der Verlag hatte die populärwissenschaftliche Ausgabe in einer wohlfeilen Ausgabe herausgebracht, was in der Praxis bedeutete, dass man auf einen aufwendigen Einband verzichtet hatte und dem Paperback auch eine ansprechende Umschlaggrafik verpasste. Auf dem Titelbild waren die vier Axtblätter und ihre Ziselierungen deutlich zu erkennen, im Hintergrund war schemenhaft die Gestalt eines Wikingers zu sehen, der mit einer Axt ausholte.

‚Peter Petersen: Auf dem Weg zum Schatz König Haralds. Von Skagen nach Braunschweig und Föhr‘, lautete der Buchtitel, und Thomas Faust konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er sein Exemplar ebenfalls über den Tisch schob und Petersen ihm einen raschen Blick zuwarf, dann mit schwungvollen, grafisch sehr eleganten Buchstaben seine Widmung schrieb.

Für Thomas Faust – dem Mann, dessen Urgroßvater einst die erste Axt ausgrub und der selbst einen Mord aufdeckte, der die vier Äxte zusammenbrachte. vivat, crescat, floreat Braunschweig! In großer Dankbarkeit – Peter Petersen.

„Herzlichen Dank, Herr Petersen, das ist mir eine große Ehre!"

„Ehre, wem Ehre gebührt!", konterte der Professor und erhob sich von seinem Platz, um damit anzudeuten, dass seine Signierstunde dem Ende zuging. Doch so kam er den begeisterten Zuhörern nicht davon, es gab noch zahlreiche Fragen, und da konnte es nicht ausbleiben, dass auch ein jüngerer Zuhörer mit dem gerade signierten Buch in der Hand rief:

„Erst durch den Wikinger-Mord wurde das Thema ja interessant und hat die Medien auf Braunschweig gelenkt!"

„Mit der Mordaufklärung habe ich nichts zu tun!", antwortete der Professor lächelnd und deutete auf Faust. „Hier steht der Kriminalrat, der den Fall erfolgreich abschließen konnte! (vgl. dazu die Kriminalerzählung: Tod eines Wikingers).

„Was ist eigentlich aus der Gruppe geworden?", wollte der junge Mann erfahren.

Faust machte eine abwehrende Handbewegung.

„Sie meinen damit Odins Wölfe? Nun, das Klubhaus ist ja bekanntlich abgebrannt, eines der Vorstandmitglieder hatte sich einen größeren Barbetrag angeeignet, nach der Verhaftung des Doppelmörders wurde das restliche Vereinsvermögen eingezogen und der Verein selbst aufgelöst."

„Eigentlich schade, denn ich interessiere mich für die Wikinger-Zeit und hätte gern Ansprechpartner, die mir bei der Gewandung und der Ausrüstung helfen können!"

Nicht schon wieder!, dachte Faust, nickte aber freundlich und antwortete: „Wenn Sie ernsthaft interessiert sind, kann ich Ihnen die Telefonnummer einer netten, familiären Gruppe aus Braunschweig geben. Die Leute nennen sich die Jomswikinger von der Okeraue und treffen sich regelmäßig im Braunschweiger Land zu gemütlichen Wochenenden für die ganze Familie am Lagerfeuer."

Der junge Mann schüttelte den Kopf.

„Jomswikinger und Familie? Das war doch eine sehr schlagkräftige Bruderschaft, die nur aus Männern einer bestimmten Altersgruppe bestand. Und die machen in Familie!"

Faust amüsierte sich, wippte auf den Absätzen und sagte lächelnd:

„Ja, aber es ist wirklich nett bei denen. Die Frauen backen und kochen selbst nach alten Rezepten, die Kinder haben ihren Spaß mit Stockbrot, und am Abend geht das Kuhhorn mit Met herum."

„Brr, vielen Dank!, antwortete der junge Mann und hob das Buch hoch. „Ich bin da auf einem etwas anderen Weg und möchte es gern so authentisch wie möglich machen, wenn ich in ein solches Hobby einsteige!

„Tun Sie das, guter Mann, und vor allem: Haben Sie viel Spaß dabei!", antwortete Faust, hakte seine Frau unter und folgte dem Buchautor, der ihm von hinten schon ein Zeichen gegeben hatte.

Der Buchhändler und seine Frau standen bereit, man hatte alle zusammen zum Abendessen in ein Lokal in der Nachbarschaft eingeladen und wollte den Tag stimmungsvoll ausklingen lassen.

„Nur noch einen Schlummertrunk!", sagte Faust, als die Teller abgeräumt wurden. Das Essen war gut und reichlich, und der Kriminalrat überlegte sich, ob es wohl eine gute Idee gewesen war, sich um diese späte Stunde noch ein Steak zu bestellen. Aber er konnte dem leckeren Geruch nicht widerstehen, der vom großen Grill durch das Lokal zog, und bevorzugte deshalb jetzt noch einen klaren Schnaps.

„Wirklich nur ordinären Schnaps, Herr Doktor Faust?, fragte der Buchhändler etwas irritiert und deutete auf die Getränkekarte. „Ich möchte Ihnen mal diesen Grappa empfehlen, schauen Sie doch bitte mal hier: Villa de Varda Grappa Teroldego Stravecchia-Broilet, das ist ein ganz feiner Tropfen und wird nicht einfach im Glas gereicht, sondern regelrecht zelebriert.

Faust sah kurz auf den Preis und zuckte die Schultern.

„Also, ich weiß nicht, Herr Maier, für mich täte es auch ein einfacher Korn."

„Nein, ich bin auch für den Grappa!", ließ sich Petersen vernehmen, man bestellte also kurzerhand und staunte dann tatsächlich, wie Mario, der Wirt aus dem fernen Regio de Calabria, den Grappa persönlich servierte. Ein Kellner musste die Gläser auf einem kleinen Tablett halten, während Mario ein kleines Holzkästchen hochkant auf den Tisch stellte und schließlich mit einer leichten Verbeugung und einer Handbewegung, wie sie ein Zauberkünstler machen würde, wenn er etwas völlig Überraschendes seinen Zuschauern präsentierte, den Deckel öffnete.

Ein Augenblick des andächtigen Schweigens verging, dann griff Mario zu und zog die bauchige Flasche mit der goldgelben Flüssigkeit heraus.

Langsam schenkte er nach und nach den edlen Tropfen in die Gläser, dann musste sie der Kellner wieder auf dem Tablett balancieren, und nun kam Marios großer Auftritt.

„Ah, Professore!, sprach er nicht etwa Petersen, sondern den Buchhändler Maier an, der sichtlich geschmeichelt war. „Diese gute Tropfen muss atmen! Geben Sie diese Grappa fünfzehn Minute zum Atmen, dann genießen!

Damit verbeugte sich der freundliche Wirt noch einmal, und nun begann eine Diskussion über die Vorzüge eines guten Grappas, um den nun eigentlich ein richtiger Kult veranstaltet wurde, wie sich Faust ausdrückte.

„Wussten Sie eigentlich, Faust, dass die italienischen Soldaten im Ersten Weltkrieg täglich eine Ration Grappa bekamen, um ihnen den Alltag im Schützengraben zu erleichtern?", erkundigte sich Petersen, und der Kriminalrat nickte bedächtig dazu.

„War mir bekannt, und es ist wirklich erstaunlich, welche Karriere dieser Bauerntrank in den letzten Jahrzehnten gemacht hat. Nachdem man die Destillationstechnik verfeinerte, entstanden Grappas, die allen Ansprüchen gerecht werden."

„Während wir darauf warten, möchte ich nach diesem schönen Abend die Frage an unseren Autor stellen, ob es schon ein neues Forschungsprojekt gibt, an dem Sie arbeiten?", erkundigte sich Maria Faust, und Professor Petersen lächelte geheimnisvoll, beugte sich etwas zu ihr über den Tisch und sagte mit Verschwörerton:

„Ja, das hat sich einfach aus meiner Vorarbeit so ergeben, Frau Kollegin."

Maria Faust hatte eine Professur an der Leibniz Universität Hannover und kannte Petersen, der als freier Dozent tätig war und sich deshalb seinen Schwerpunkten und Neigungen widmen konnte, von früheren Begegnungen.

„Vorarbeit? Sie meinen also, aus der Arbeit mit den Axtblättern ergab sich ein weiteres Gebiet? Ich glaube, jetzt sind wir alle neugierig geworden, Herr Petersen!"

Der Professor strich sich über sein graumeliertes Haar mit einer Geste, als hätte er sie vor dem Spiegel einstudiert. Maria Faust lächelte, denn sie konnte sich gut vorstellen, wie dieser eloquente Gelehrte auf seine weiblichen Zuhörer wirkte.

„Lassen Sie es mich einmal so ausdrücken, ohne zu viel zu verraten: Ich bin alten, friesischen Legenden auf der Spur und werde demnächst einige Zeit auf Helgoland verbringen, um diese Spuren zu vertiefen."

„Helgoland?, echote Thomas Faust. „Nun, ich glaube nicht, dass man dort nach der Bombardierung durch die Engländer und die Sprengung von 1947 noch besondere Funde machen kann!

Professor Petersen lächelte und schwieg.

Dann griff er eines der bauchigen Grappa-Gläser auf und rief:

„Nun, dann wollen wir einmal dieses edle Getränk probieren!"

Das Tablett wurde herumgereicht, und als die Gäste ihre Nase über das Glas hielten und das Aroma schnupperten, breitete sich ein angenehmes Bouquet aus, und schon ein wenig daran genippt, und alle sahen sich mit leuchtenden Augen an. Das war ein sehr angenehmer, weicher und harmonischer Geschmack.

„Eine ausgezeichnete Wahl, vielen Dank für Ihre Einladung, Herr Maier!", bedankte sich Petersen artig.

„War mir ein Vergnügen, Herr Professor. Und wenn Sie Ihre neuen Forschungsarbeiten abgeschlossen haben, hoffen wir auf einen weiteren, schönen Bucherfolg. Haben Sie schon einen Titel für Ihr nächstes Werk gefunden?", erkundigte sich der Buchhändler.

Petersen lachte fröhlich auf.

„Nein, dazu ist es noch viel zu früh, und in diesem Falle heißt das für mich auch: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. In diesem Bereich liegt das Vergnügen überwiegend im Schreiben des Manuskriptes. Aber bis dahin ist das noch ein sehr, sehr weiter und vor allem auch steiniger Weg für mich." Petersen hob noch einmal sein Glas und leerte es voller Genuss, bevor man an den Aufbruch dachte. Es war mittlerweile nach dreiundzwanzig Uhr geworden, und Faust hatte schon mehrfach voller Unruhe auf seine Armbanduhr gesehen, während sich seine Frau Maria angeregt mit der Frau des Buchhändlers unterhielt und es überhaupt nicht eilig hatte.

Als sie sich verabschiedeten, beugte sich Professor Petersen kurz zu dem Kriminalbeamten hinüber und raunte ihm zu:

„Hätten Sie morgen gegen zehn Uhr mal etwas Zeit für mich? Ich bin nur noch zwei Tage in Braunschweig und möchte gern noch etwas mit Ihnen besprechen!"

„Natürlich, sehr gern. Wir sehen uns also morgen in meinem Büro."

„Danke, Faust. Die Sache ist sehr heikel, ich habe das Gefühl, dass mich jemand verfolgt und sich mehr für meine derzeitige Arbeit interessiert, als mir lieb sein kann. Vielleicht ist alles nur Spökenkiekerei, aber ich habe ein ungutes Gefühl."

„Ich nehme mir Zeit, Herr Petersen, versprochen!"

Die beiden drückten sich herzlich die Hand, dann ging man auseinander.

„Was für ein wundervoller Abend, sagte Maria Faust mit einem leisen Seufzer, als sie in das wartende Taxi stiegen und zu ihrem Haus fuhren. „Was hat dir denn Petersen da beim Abschied noch Geheimnisvolles zugeraunt?

„Er verlässt Braunschweig in zwei Tagen und möchte mich vorher noch einmal im Büro sprechen. Wir haben uns zu zehn Uhr verabredet."

„Nanu? Er könnte doch auch am Abend zu uns herauskommen! Warum denn während deines Dienstes, Thomas?"

„Petersen hat nur angedeutet, dass er sich verfolgt fühlt. Aber sicher war er sich letztlich auch nicht und milderte es schon fast als Spökenkiekerei ab."

„Vielleicht ist doch etwas dran, ich habe ihn bislang nicht als Phantasten erlebt, Thomas."

Faust zuckte nur die Schultern und sah gedankenverloren aus dem Fenster.

Seltsam! Sehe ich jetzt auch schon Gespenster oder folgt uns da seit dem Lokal ein Auto? Faust drehte sich um, beobachtete durch die Heckscheibe das dunkle Fahrzeug, das der Taxe ziemlich dicht aufgefahren war.

Auch der Fahrer hatte das Auto wohl bemerkt, fuhr aber im gleichen Tempo weiter, bog dann in die kleine Anliegerstraße ein und hielt gleich darauf vor der bezeichneten Adresse. Ein Blick zurück zeigte Faust, dass das Fahrzeug an der Straße vorübergefahren war.

Als er schließlich im Badezimmer stand und seine Zähne putzte, fiel sein Blick unwillkürlich über die halbe Fensterjalousie nach draußen. Er hätte schwören können, dass gegenüber bei der Laterne das dunkle Auto parkte, allerdings ließ sich nicht erkennen, ob jemand darin saß.

Ärgerlich zog Faust die Außenjalousie herunter und beendete seine Zahnpflege.

Maria sagte er nichts von seiner Beobachtung, er wollte sie nicht vor dem Schlafen unnötig beunruhigen. Es musste ja auch nichts zu bedeuten haben.

2.

Nachdenklich rührte Faust in seiner Kaffeetasse herum, obwohl er gar keinen Zucker genommen hatte. Ein Blick auf die Uhr, es war bereits zehn Uhr fünfunddreißig, und noch immer ließ sich der Professor nicht sehen. Gelangweilt blätterte der Kriminalrat in einer Akte herum, die einen sehr alten Fall betraf. Möglicherweise ergab sich aus diesen Unterlagen ein Hinweis auf einen ähnlichen Fall, bei dem ein fünfundvierzigjähriger Mann vor zehn Jahren unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen war. Nach seiner Vermisstenmeldung durch einen Neffen wurde das alte Fabrikgelände gründlich abgesucht, auf dem der Mann in einer Baubude lebte. Alles blieb ergebnislos, bis man schließlich den Mord ohne Leiche ablegte, denn alle Untersuchungen führten nicht weiter – weder der Vermisste wurde gefunden noch ergaben sich weitere Hinweise auf eine Straftat – sah mal einmal von den wenigen Blutspritzern in seinem Bauwagen neben der Tür ab.

Jetzt hatte das Fachkommissariat 1 seit Wochen einen vergleichbaren Fall. Diesmal war ein alleinstehender Rentner spurlos verschwunden. Auch er lebte in einem Wohnwagen auf einer Industriebrache, die demnächst abgerissen werden sollte, um Platz für neue Wohnungen zu schaffen, denn Braunschweig platzte aus allen Nähten und wies einen Fehlbedarf von rund zehntausend Wohneinheiten auf. Der Mann wurde von dem Investor dafür bezahlt, auf dem Gelände für Ordnung zu sorgen, denn schon seit Jahren hatten sich in den Ruinen einer ehemaligen Fabrikhalle alle möglichen Individuen angesiedelt und sorgten dort auch gelegentlich für Brände, wenn eines ihrer Lagerfeuer außer Kontrolle geriet. Einmal brannten ein paar alte Möbel, ein anderes Mal eine Holzdecke in einem ehemaligen Büroraum.

Dann war der alte Mann verschwunden und mit ihm sein Wachhund. Hier gab es allerdings eine etwas größere Blutlache im Eingang eines verfallenen Gebäudes, und die Untersuchung im Labor der Technischen Universität ließ keinen Zweifel, dass es zu dem Verschwundenen gehörte. Danach verlor sich seine Spur buchstäblich im Nichts.

Das Telefon klingelte und riss Faust aus seinen Gedanken.

„Herr Faust? Ich habe ein Problem und muss Sie dringend sprechen!"

Der Kriminalrat hatte sofort die Stimme identifiziert und antwortete der Museumsdirektorin freundlich: „Aber Frau von Grüneberg, Sie sind ja sehr erregt, was ist denn geschehen? Wieder ein Einbruch?"

„Nein, das zum Glück nicht. Aber ich war gerade im Arbeitszimmer von Petersen, weil er mir heute die Schlüssel und alle Unterlagen übergeben wollte. Dort war jedoch nichts mehr, absolut nichts, verstehen Sie? Also jedenfalls nichts mehr von Wert!"

Faust stutzte.

„Was heißt – absolut nichts? Hatte Professor Petersen dort noch persönliche Dinge, die er heute abholen wollte? Ich bin nämlich auch mit ihm verabredet."

Faust verschwieg, dass der angekündigte Besuch längst überfällig war.

„Nicht nur persönliche Dinge, Herr Faust. Der Karton mit seinen wenigen Habseligkeiten stand noch auf dem Schreibtisch. Aber alle Unterlagen, die er für seine Arbeiten angefordert hatte – aus unserem Magazin wie aus dem Stadtarchiv – sind verschwunden, und ich kann Petersen nicht auf dem Handy erreichen."

Faust atmete tief ein.

„Das ist noch kein Grund zur Beunruhigung, Frau von Grüneberg. Vielleicht hat er alles in sein Auto geladen und liefert es heute bei Ihnen oder im Archiv ab."

„Und seinen privaten Krimskrams lässt er stehen? Nein, Herr Faust, das kann ich mir nicht vorstellen. Da muss etwas passiert sein! Vielleicht steht es im Zusammenhang mit seinem Besuch vor zwei Tagen, ich kann es mir aber nicht erklären!"

„Professor Petersen hatte hier im Museum Besuch?"

„Ja, das war nichts Außergewöhnliches, er traf sich mit vielen, die ihm Informationen oder auch Material brachten. Er erzählte wenig über seine neue Arbeit, deutete aber eine Sensation an."

„Und wer besuchte ihn vor zwei Tagen?"

„Eine sehr auffallend gekleidete Dame, vielleicht Anfang Fünfzig. Sie habe eine Verabredung mit Petersen, hinterließ sie am Empfang, aber man rief trotzdem vorsichtshalber bei ihm an. Er stimmte zu, dass die Frau ihn aufsuchen durfte, aber als sie nach einer halben Stunde aus dem Haus stürmte, meldete er sich wieder beim Empfang und gab Anweisung, diese Besucherin nie wieder vorzulassen und auch nach seiner Verabschiedung niemand Auskunft über seinen Aufenthaltsort zu geben."

„Schon etwas merkwürdig, aber vielleicht eine alte Verehrerin, die ihm lästig wurde. Gut, ich warte hier noch bis elf Uhr und wenn er sich bis dahin nicht bei mir gemeldet hat, komme ich kurz im Museum vorbei und fahre dann zu seiner Wohnung."

„Sie haben die Adresse?"

„Ja, natürlich, er hatte doch ein kleines Apartment in der Helmstedter Straße gemietet."

„Gut, aber kommen Sie unbedingt bei mir vorbei!"

Damit hatte sie aufgelegt, und der letzte Satz war keineswegs eine Bitte, sondern hörte sich an, wie es vermutlich auch gemeint war: Es war ein Befehl.

Dass sich die Direktorin wirklich Sorgen machte, wurde ihm klar, als er den Empfangsraum betrat und ihm die Mitarbeiterin an der Kasse ein Zeichen gab, dass Frau von Grüneberg gegenüber an einer Vitrine stand und sich jetzt sofort auf ihn stürzte.

„Herr Faust, das ist wirklich eine Katastrophe! So geht es jedenfalls nicht, wenn Petersen seine Zelte hier abbricht, kann ich auch erwarten, dass ich alle Unterlagen von ihm zurückerhalte, oder nicht?"

Der Kriminalrat nickte höflich und blieb distanziert, während die Direktorin ihm vorauseilte, die Fahrstuhltüren öffnete und gleich darauf mit ihm in die oberen Etagen schwebte. Ungeduldig drängelte sie sich zwischen den nur langsam aufgleitenden Fahrstuhltüren hindurch und eilte mit strammem Schritt voraus. Faust musste beim Anblick ihrer Kehrseite schmunzeln. Frau Dr. Mathilde von Grüneberg, eine eher herbe Erscheinung mit männlich tiefer Stimme, trug auch am heutigen Tag wieder einen sehr kurzen Rock, diesmal offenbar aus bunter Wolle gestrickt. Dazu, wie stets, vollkommen unpassende, glitzernde, milchig-weiße Strümpfe und knöchelhohe, braune Stiefeletten. Auch ihr Make-up war ihm sofort aufgefallen, zu der künstlichen Gesichtsbräunung gab es als Kontrast einen besonders grellen, roten Lippenstift.

„Hier ist es!", rief sie aus, schloss die Tür zu einem geräumigen Büro auf und deutete auf einen Schreibtisch, auf dem nur ein geöffneter Umzugskarton stand. Faust warf einen flüchtigen Blick hinein und sah nur ein paar Aktenordner, ein angebrochenes Paket mit Druckerpapier, Schreibutensilien und ein paar Fotoabzüge, die achtlos hineingeworfen waren.

Der Boden des Büros war mit einem dunklen Teppich ausgelegt, der offenbar der Schallisolierung dienen sollte, denn in der Etage darunter befand sich das Büro der Direktorin, wie sich Faust erinnerte. Er umrundete den Schreibtisch, auf dem nur ein paar Kabel noch verrieten, dass hier ein PC oder Laptop benutzt wurde.

„Petersen hat mit seinem eigenen Laptop gearbeitet?"

„Ja, er legte großen Wert darauf, auch nicht mit unserem Intranet verbunden zu sein, weil er immer fürchtete, dass jemand auf diese Weise Zugang zu seinen Daten erhielt."

Faust warf ihr einen verwunderten Blick zu.

„Na, so geheim werden doch seine Forschungen nicht gewesen sein, oder?"

Frau von Grüneberg gab ein gekünsteltes Gelächter von sich.

„Sie hätten Petersen einmal erleben müssen. Er war geradezu hysterisch mit seinem Laptop. Als ich einmal bei ihm eintrat, ohne auf mein Anklopfen seine Antwort abzuwarten, klappte er hastig das Gerät zu und machte eine sehr unangenehme Bemerkung, dass hier ja wohl nicht einfach jedermann hereinspazieren könnte, wie es ihm beliebte. Ich bitte Sie, Faust – bin ich jedermann?"

Faust unterdrückte sein Grinsen, wandte sich etwas ab und ging schließlich zu dem leeren Wandregal. Hier hatten etliche Bücher gestanden, wie man noch an den Staubrändern gut erkennen konnte. Petersen hatte diesen Arbeitsplatz etwas länger als ein Jahr für sich nutzen können, und während dieser Zeit wurde mit Sicherheit nicht in den Regalen Staub gewischt. Als sich der Kriminalrat gerade wieder abwenden wollte, fiel sein Blick auf ein winziges Stück Papier zu seinen Füßen. Er bückte sich danach, zog an der Ecke und erhielt ein etwa postkartengroßes Stück, das unter das Regal gerutscht war. Und noch etwas fiel ihm dabei auf. Vor dem leeren Bücherregal gab es einen dunklen Fleck auf dem Teppichboden. Unwillkürlich tastete er ihn ab und stellte Feuchtigkeit fest. Als er beide Finger fest in den Flor drückte und sie dann wieder aufnahm, war es klar, dass es sich um Blut handelte.

„Was haben Sie da gefunden?", erkundigte sich die Direktorin, die aber nur das Blatt Papier sah.

„Ich muss Sie bitten, das Zimmer zu verlassen, Frau von Grüneberg. Meine Kollegen von der Spurensicherung werden gleich kommen müssen. Bis dahin darf niemand mehr das Zimmer betreten, geben Sie mir bitte den Schlüssel dafür."

„Wie bitte?"

Frau Dr. von Grüneberg machte ein Gesicht, dem deutlich anzusehen war, dass sie keineswegs gewillt war, in ihrem Haus von irgendeinem Menschen Anweisungen entgegenzunehmen. Auch nicht, wenn derjenige ein Kriminalbeamter war. Naja, immerhin ein promovierter Doctor iurisprudentiae, wie sie in Gedanken hinzufügte.

„Es handelt sich um einen Tatort, Frau von Grüneberg, und ich muss davon ausgehen, dass Professor Petersen etwas zugestoßen ist!"

„Etwas ... zugestoßen?"

Während Faust sie mit sanfter Gewalt aus dem Zimmer schob, arbeitete es noch immer heftig im Gesicht der Frau Direktorin.

„Bitte!", sagte Faust mit der freundlichsten und sanften Stimme, zu der er in der Lage war und hielt seine Hand offen.

Da kam Bewegung in die Museumsdirektorin, mit fliegenden Fingern nestelte sie einen Sicherheitsschlüssel von ihrem Bund und drückte ihn mit einer geradezu empörten Miene Faust in die Hand.

„Meinetwegen, aber nun sagen Sie mir doch endlich, was passiert ist?"

Faust schloss zunächst das Büro ab und wand sich dann an die Direktorin. „Das kann ich noch nicht sagen, wir müssen zunächst einmal die Spuren sichern und den Fleck beim Buchregal untersuchen. Wer hat außer Ihnen noch Zugang zu diesem Raum?"

Das Klingeln eines Handys unterbrach ihr Gespräch.

Verwundert sahen sich die beiden an, denn dieser Klingelton ahmte die Töne von Big Ben nach. Weder die Direktorin noch Faust hätten ein derart peinliches Klingelgeräusch für ihre Mobiltelefone verwendet. Rasch schloss Faust die Bürotür wieder auf, eilte durch den Raum und durchsuchte den Umzugskarton nach dem Gerät. Als er es endlich in der Hand hielt, war der Anruf beendet. Es sprang aber keine Mobilbox an, und das Display zeigte nicht die Rufnummer. Geistesgegenwärtig hatte Faust es mit einem Blatt Papier aus dem Karton ergriffen und hegte nun die Hoffnung, dass es vielleicht noch neben denen von Petersen auch andere Fingerabdrücke aufwies, die sie weiterführten.

„Das ist aber nicht Petersens Handy!, bemerkte die Direktorin, die Faust gefolgt war. „Der hatte ein Smartphone der neuesten Generation, das er sich hier in Braunschweig erst zugelegt hat und mir stolz vorführte. Er meinte, damit könne er wirklich gute Fotos machen, dieses Modell aus Korea wäre allen anderen herkömmlichen weit überlegen!

Faust betrachtete das schlichte Gerät, das er wieder auf den Schreibtisch gelegt hatte und nickte. Aber aus welchem Grund hat Petersen zwei verschiedene Handys und lässt bei der Räumung seines Büros dieses schlichte Ding in seinem Umzugskarton?

3.

Petra Lichtner, die sportlich durchtrainierte Kriminalkommissarin, kam in die Dienststelle, als wäre sie gerade von einem Stadtlauf zurückgekehrt. Ihr moderner Jogginganzug, das Stirnband und letztlich das Gerät an ihrem Oberarm sowie die Laufschuhe bestätigten diesen Eindruck auf nachdrückliche Weise.

„Der Stadtlauf ist doch aber erst in einem halben Jahr?", kommentierte Faust ihren Aufzug, und die Kommissarin lächelte nur freundlich.

„Ich habe die Gelegenheit genutzt und bin zum Labor gelaufen, um dir den Bericht gleich auf den Schreibtisch zu legen. Und das alles, obwohl mein Dienst erst in einer Stunde beginnt. Ich melde mich dann mal zum Duschen ab, Herr Kriminalrat!"

Faust sah der schlanken Gestalt schmunzelnd nach, als sie mit elastischen Schritten sein Büro verließ. Dann öffnete er den Umschlag, der die Ergebnisse der kriminaltechnischen Untersuchung aus dem Labor der TU Braunschweig enthielt.

Rasch überflog er den Bericht und ging dann damit zu den Kollegen Schuchert und Stein hinüber, die beide am PC arbeiteten.

„Habt ihr Neuigkeiten zum Handy? Hier kommt die Bestätigung, dass es sich um Petersens Blut im Teppich des Büros handelt."

Er legte den Bericht auf den Tisch zu den anderen, aktuellen Unterlagen, die von Stein gesichtet und dann auf der Multivisionswand für alle sichtbar markiert wurden.

„Prepaid, und der Anruf ließ sich nicht zurückverfolgen", antwortete Schuchert.

„Was machen die anderen?"

Versuchsweise durfte Kriminalkommissaranwärter Jürgens aus dem Fachbereich 2 bei ihnen eingesetzt werden, trotz der dünnen Personallage bei Raub und Erpressungsdelikte war es Faust gelungen, den jungen Polizisten zunächst für den aktuellen Fall, der sich um das Verschwinden Professor Petersens drehte, für seine Abteilung auszuleihen.

„Jürgens ist mit Ingo Meyer und dem Team im Apartment des Profs, nachdem die Spusi durch ist, wollen sie sich noch einmal gründlich umsehen. Der Vermisste hat zumindest dreizehn Monate dort gewohnt, da besteht die Chance, vielleicht noch einen weiterführenden Hinweis zu finden, erklärte Bernd Schuchert und deutete auf die Karte, die Stein gescannt und an die Wand gebracht hatte. „Was ist davon zu halten?

Die Karte, die Faust unter dem Regal entdeckt hatte, gab ihnen zunächst noch Rätsel auf. Es handelte sich offenbar um eine Karteikarte aus der Pre-PC-Periode, wie Stein grinsend dazu vermerkt hatte. In der Vergrößerung auf der Multiwand wurde eine Bleistiftskizze deutlich, die schon so verblasst war, dass man sie mit bloßem Auge kaum noch wahrnehmen konnte. Es war Kriminalrat Faust, der die seltsame Form als Erster gedeutet hatte. Kein Zweifel, es handelte sich bei der Skizze um die Umrisse der Insel Helgoland. Und im Gegensatz zu den tausendfach als Autoaufklebern verbreiteten Sylt-Umrissen war die vielleicht an einen gerade leicht schräg stehenden Vogelkörper erinnernde Silhouette nicht auf Anhieb jedem Betrachter erkennbar.

„Da habe ich als Kind und Jugendlicher jeden Sommer verbracht", vermerkte Faust lächelnd dazu.

„Armes Kind!, konterte Petra. „Was müssen das für schreckliche Ferien auf dem tristen, roten Felsen gewesen sein!

„Von wegen!, protestierte Faust. „Erst einmal hatte ich unter chronischer Bronchitis zu leiden und bekam sogar eine Lungenentzündung, und erst die gute, vollkommen reine Nordseeluft auf Helgoland brachte mir da Linderung. Dann waren wir immer eine tolle Truppe, drüben auf der Düne. In den großen Ferien kam ich da mit dem Sohn des Inselpolizisten zusammen, dann waren da noch die Tochter der Zimmervermietung im Dünenrestaurant und ein paar nette Feriengäste. Ich habe mich damals schon wie ein Helgoländer gefühlt, habe in den Nachmittagsstunden zusammen mit meinem Kumpel beim Einbooten der Gäste geholfen und so manchen Groschen als Taschengeldverbesserung bekommen!

Das fröhliche Gelächter der Kollegen ignorierte er, denn an diese Sommer erinnerte er sich wirklich gern. Später, als Erwachsener, fuhr er mit seiner Familie lieber auf die grüne Insel Föhr, denn die Fährverbindung war nicht nur erheblich kürzer, sondern auch frei von den schweren Wellen, die seine Fahrten von Cuxhaven mit den großen Seebäderschiffen oft zu einem unangenehmen Erlebnis machten. Jedenfalls bis er das hochwirksame Mittel gegen die Seekrankheit in der Helgoländer Apotheke entdeckte und bei rechtzeitiger Einnahme keine Beschwerden mehr hatte. Aber es blieb dabei, mit den Kindern ging es nach Föhr oder auch mal nach Dänemark, aber der flache Sandstrand bei Nieblum war einfach perfekt, solange die Kinder noch klein waren.

Faust schreckte aus seinen Erinnerungen hoch, als ihn der Kollege Schuchert ansprach.

„Was die Namen und Zahlen zu bedeuten haben, meinte ich mit meiner Frage."

„Sorry, war gerade abgelenkt."

Faust konzentrierte sich auf die handschriftlichen Notizen, die in den gezeichneten Kartenumriss gekritzelt waren: „Andresen-Siemens, Radbod, Olshausens Steinkiste, Rickmers, Bob Stak, lauteten die Hinweise, mit denen zunächst niemand etwas anfangen konnte. Dann tippte Faust auf den Begriff Olshausens Steinkiste. „Damit fange ich an, das scheint mir vielversprechend zu sein, wenn es im Zusammenhang mit Petersens Arbeit steht.

„Für mich hört sich Steinkiste so ein wenig nach Sandkiste an", bemerkte Stein und erntete dafür einen bösen Blick seines Vorgesetzten.

„Wenn man davon ausgeht, dass der verschwundene Professor Peter Petersen vermutlich das Opfer eines Gewaltverbrechens wurde, er bekanntlich das Geheimnis der Axtfunde gelöst hat und nun etwas erwähnt, das mit seiner weiteren Arbeit zu tun haben könnte, finde ich diese Bemerkung sehr ... unpassend!, antwortete Thomas Faust mit strenger Miene. „Aber das wird unser Benjamin gleich mal aufklären und googlen, was es mit dieser Steinkiste auf sich haben könnte. Bernd, einfach mal die Namen eingegeben, aber nicht mit dem Begriff Radbod aufhalten. Das war ein Friesenhäuptling, den ich selbst zuordnen kann. Nur wenn sein Name im Zusammenhang mit den anderen auftaucht, ist es von Interesse. Thomas Faust achtete auf die Reaktion von Julius Stein, dem jüngsten Kommissar im Team. Der saß mit feuerrotem Kopf über seine Tastatur gebeugt und tippte eifrig darauf herum.

Als nach einer Weile der gemeinsame Drucker anlief, lächelte Faust. Stein musste man nur richtig anfassen, dann spurte er großartig.

„Chef, ich habe ein paar interessante Dinge zusammengetragen. Dieser Olshausen, Hermann Otto Wilhelm mit Vornamen, war kein Archäologe, sondern Chemiker. Er machte verschiedene Grabungen auf Helgoland und fand 1893 in einem Grabhügel eine Steinkiste mit menschlichen Überresten und Schmuck. Diese Kiste ging nach Berlin und wurde im Martin-Gropius-Bau ausgestellt. In Zweiten Weltkrieg ging der Steinsarg unter, wurde durch einen Zufall wiederentdeckt und eine originalgetreue Replik angefertigt. Die kann man jetzt im Neuen Museum auf Helgoland bewundern. Das Original stammt übrigens aus der Bronzezeit."

„Sehr gut, Stein, das ist interessant. Jetzt kann ich mir auch vorstellen, was Petersen mit seinem nächsten Forschungsprojekt meinte. Aber weshalb er deswegen Opfer einer Gewalttat wurde, ist mir schleierhaft. Die Blutmenge im Teppich lässt jedoch keinen anderen Schluss zu, vor allem, weil die Analyse Hirnmasse darin festgestellt hat. Wir müssen also davon ausgehen, dass man Petersen in seinem Arbeitszimmer erschlagen hat", sinnierte Faust, und Bernd Schuchert räusperte sich.

„Ich habe eine Liste der Personen erstellen lassen, die jederzeit Zugang zu diesem Bereich im Museum hatten!" Er reichte die nur drei Namen umfassende Liste Faust, der einen raschen Blick darauf warf und den Kopf schüttelte.

„So etwas in der Art hatte ich befürchtet. Die Grüneberg, Frau Geraldi, ihre Vorzimmerdame und rechte Hand sowie der Pförtner, brummelte Faust vor sich hin. „Wer geht zu den beiden und spricht mit ihnen? Petra? Danke, das ist gut. Die Grüneberg wird dir dabei sicher nicht von der Pelle rücken, ignorieren kannst du sie auch nicht, mach also das Beste daraus!

Die Kommissarin hob lässig die Hand.

„Bin unterwegs, Scheffe!"

Ein unwilliges Brummen von Faust überhörte sie und war draußen, noch ehe er etwas antworten konnte.

„Also ein Fund aus dem 19. Jahrhundert, der jetzt auf die Bronzezeit datiert wurde, merkte Schuchert an. „Ist das glaubhaft? Na, soll mir eigentlich auch egal sein. Interessanter ist da natürlich das Motiv.

„Ich kenne zumindest eines, Bernd."

„Und zwar?"

„Die Grabbeigaben. Die sind nämlich seit dem 19. Jahrhundert verschwunden. Als letzte Besitzer galt das Ehepaar von Aschen, er war Badearzt auf Helgoland und es wurde berichtet, dass sie diesen kostbaren Schmuck sogar trug!"

Der Kriminalbeamte sah seinen Chef von der Seite an.

„Das ist jetzt aber nicht auch zufällig ein Hobby von dir, wie die Wikinger und ihre Zeit?"

Faust lachte fröhlich heraus.

„Nein, natürlich nicht, Bernd. Ich habe aber einen Blick in die Ordner geworfen, die sich in dem Umzugskarton fanden. Petersen hat alle Zeitungsartikel und sonstigen Publikationen zu diesem Fund aus dem Internet heruntergeladen, sorgfältig ausgedruckt und abgeheftet. Hier ist es ... Moment!"

Der Kriminalrat griff einen der Ordner vom Tisch auf, blätterte etwas und zeigte auf eine kopierte Seite mit Textanstreichungen:

„... Im Nachlass der kinderlosen Familie tauchte der lange als verschollen geltende Reif nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf und konnte von G. Dorka 1948 für das Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte erworben werden ..."

„Alle Spuren führen nach Berlin!, stellte Schuchert fest. „Erst das Steingrab, dann der Goldschmuck.

„Leider nicht, Bernd. Der Goldschmuck befindet sich nicht mehr in Berlin. Lies selbst hier weiter!" Damit reichte er dem Kommissar eine weitere Kopie mit einem Zeitungsartikel.

„Gertrud Dorka: Ein unglaublicher Verlust! Museumsdirektorin entsetzt über Ausstellungsdiebstahl! Wertvoller Schmuck, Ringe und Armreifen aus der Ausstellung in Berlin gestohlen! Hat ein Aufseher geholfen?", las Schuchert halblaut vor.

„So ist es, G. Dorka ist eine Frau und war bis 1947 als Lehrerin tätig, bevor sie zur Direktorin des Museums für Vor- und Frühgeschichte wurde. Ihre erste Ausstellung wurde dann gleich Opfer eines dreisten Diebstahles. Ein goldener Armreifen, dazu mehrere Ringe und Armreifen aus Silber, ein paar Fibeln – kurz, der gesamte Inhalt einer Tischvitrine verschwand über Nacht, ohne dass Spuren von Gewalt an der Vitrine gefunden wurden. Der Fall wurde nie aufgeklärt, ein Anfangsverdacht traf einen der Aufseher, aber der Mann konnte nicht überführt werden, die Sache verlief schließlich im Sande, obwohl es den untersuchenden Beamten klar war, dass nur ein Insider diesen dreisten Diebstahl ausführen konnte – mit einem Schlüssel für die Vitrinen."

„Haben wir den Namen von dem Wachmann? Und wäre es denkbar, dass der Professor eine Spur von dem Schmuck hatte?"

„Moment, ja, ist vermerkt, ein gewisser Jörn Rickmers, warum?"

Faust zuckte vielsagend die Schultern und lächelte sein Gegenüber an.

„Der Name Rickmers ist nicht sehr selten, aber doch häufig im Norden Deutschlands vertreten. Und da frage ich mich natürlich, ob es einen Bezug zu dem Diebstahl gibt. Wenn jemand ein anderes Motiv für den Gewaltakt gegen Petersen findet, ist die Geschichte wieder vom Tisch. Bis dahin gehe ich zumindest davon aus, dass ein paar Grabbeigaben aus purem Gold schon sehr reizvoll sein können."

Es war Kriminalkommissaranwärter Jürgens, der eine halbe Stunde später in das Büro stürmte und mit strahlendem Gesicht auf eine Reihe Fotos deutete, die er stolz auf dem Tisch ausbreitete. Faust blickte durch das Verbindungsfenster aus seinem Büro, erhob sich und kam langsam herüber.

„Na, Jürgens, was bringen Sie uns Schönes?"

„Bilder von den Überwachungskameras, Herr Kriminalrat. Besser hätte es nicht sein können!"

Faust warf einen Blick auf die Fotos, die zwei Männer beim Verladen eines länglichen Gegenstandes in einen Kombi zeigten. Es sah so aus, als würden sie einen Teppich oder etwas Ähnliches transportieren. Nur der Ort und die Uhrzeit passten nicht so recht zu einem derartigen Transport.

Nach dem Einbruch vor gut einem Jahr in das schlecht gesicherte Museum, dessen langjährige Umbauten noch immer nicht abgeschlossen waren, hatte man zumindest die Sicherungsmaßnahmen verbessert und an den Gebäuden in der Nachbarschaft zusätzliche Kameras installiert. Es waren hochauflösende, modernste Kameras, die man seit einiger Zeit auch zur automatischen Kennzeichenerfassung auf Autobahnen verwendete.

„Da haben wir also den Abtransport der Leiche des Professors!, stellte Bernd Schuchert mit einer gewissen Genugtuung in der Stimme fest. „Dann lassen wir mal die Fahndung nach dem Fahrzeug anlaufen.

Es dauerte bis zum nächsten Morgen, dann fand man das ausgebrannte Autowrack auf einem Parkplatz hinter der Raststätte Lehrte. Eine Spurenauswertung war nicht mehr möglich, die Kennzeichen stellten sich als gestohlen heraus, über die Fahrgestellnummer konnte schließlich ermittelt werden, dass der Kombi schon vor mehreren Monaten in Hessen gestohlen wurde. Der Besitzer, Sven Nygen, war ein rüstiger Rentner, der allerdings in keinerlei Beziehung zu dem nun als Mordfall eingestuften Tod Petersens gebracht werden konnte. Er hatte früher ein Antiquitätengeschäft, das er allerdings längst seinem Sohn überlassen hatte, der es zu einer international tätigen Firma mit großen Auktionen gemacht hatte. Nygen Senior konnte aber nicht ruhig zu Hause sitzen und fuhr mit seinem alten, aber gepflegten Kombi immer noch mal durch die Gegend, um bei Haushaltsauflösungen auf Schnäppchen zu hoffen. Der Mann wurde als vollkommen harmlos eingestuft.

Alles schien zunächst in einer Sackgasse zu enden, das Team um Thomas Faust trat auf der Stelle, als es plötzlich eine neue Spur gab.

„Vor zwei Tagen gab es einen nächtlichen Einbruch in ein kleines, dänisches Museum!", berichtete Petra Lichtner, die verschiedene Berichte im Internet zu dem Thema Steinkiste und den Begräbnissen der nordischen Völker gesichtet hatte. Die wenig ergiebigen Unterlagen aus dem Umzugskarton Petersens hatten darauf hingedeutet, dass der Professor dem Fund auf Helgoland neue Erkenntnisse abgewinnen wollte und eine Reise auf die Insel bereits fest geplant hatte.

„Was hat das mit unserem Fall zu tun, Petra?"

Die Kommissarin druckte den Artikel schon aus.

„Auf den ersten Blick vielleicht noch nichts. Aber dieses Museum wurde neben einer alten Begräbnisstelle errichtet. Entdeckt hatte den Einbruch ein Touristenpaar, das dort zufällig am Montag vorbeifuhr und sich darüber ärgerte, dass das Museum nicht geöffnet hatte. Du hast doch bestimmt schon von dem Mädchen von Egtved gehört, Thomas!"

Faust nickte und war sofort vollkommen konzentriert.

„Natürlich, Petra, das ist ein Zufallsfund eines Bauern, eine kleine Sensation, denn man fand in dem Grab gut erhaltene Kleidungsstücke und Grabbeigaben. Als man vor einigen Jahren den Platz weiter untersuchte, kamen noch andere Grabstätten zutage. Was wurde denn dort gestohlen?"

„Neben einer Gürtelscheibe aus Bronze werden hier silberne Armreifen, Ringe und Fibeln aufgezählt."

Faust strich sich über den grauen Backenbart, bevor er nachdenklich antwortete:

„Sehr interessant. Ich erinnere mich, dass es ähnliche Beigaben auch in der Steinkiste von Helgoland gab."

„Zusammenhänge? Motiv?", antwortete Petra.

Faust zuckte die Schultern.

„Das Mädchen von Egtved kam übrigens nicht aus Skandinavien, sondern man vermutet ihre Herkunft aus Deutschland, wahrscheinlich sogar aus dem Schwarzwald. Und seltsam auch, dass man bei ihr die Knochen eines etwa sechsjährigen Mädchens fand."

„Jetzt werden wir wohl, wenn wir eine Gemeinsamkeit zum dänischen Fall finden, mit den Behörden dort zusammenarbeiten. Und ich sehe schon, dass unser Chef einen jahrhundertealten Mordfall aufklärt, den Tod des Mädchens von Egtved! Reist du eigentlich in diesem Jahr nach Dänemark?"

Faust machte eine abwehrende Handbewegung.

„Nehmt bitte auf alle Fälle Kontakt mit den Kollegen dort auf und erzählt ihnen vom Tod Petersens, der ja als Wissenschaftler auf dem Gebiet der Skandinavistik auch in Dänemark einen guten Namen hat", bat Faust.

„Machen wir, und sollten wir neue Hinweise erhalten, informieren wir dich natürlich per Handy", ergänzte Bernd Schuchert.

„Ist eigentlich etwas im Falle des verschwundenen Rentners auf dem alten Fabrikgelände von den Kollegen gekommen?"

Petra schüttelte den Kopf.

„Nein, man hat aber die Untersuchungen in der großen Halle noch nicht abgeschlossen. Dort ist ein Teil des Fußbodens in den Keller abgesackt, und bevor nicht alles gut abgesichert wurde, darf dort niemand hinein."

„Gut, dann haben wir es ja wie im vergangenen Jahr: Alle sind beschäftigt, und ich trete meinen Urlaub an."

Die Kommissare sahen ihren Vorgesetzten verblüfft an.

„Ich habe ja ab Montag eine Woche meinen Osterurlaub. Was glaubt ihr wohl, wohin es diesmal geht?"

4.

„Nein, auf gar keinen Fall, das kannst du ganz getrost vergessen, mein Lieber!, sagte Maria Faust energisch, als ihr Mann das Prospekt auf dem Wohnzimmertisch ausbreitete. „Ich fahre auf gar keinen Fall mit einem dieser Schaukelkästen zwei oder drei Stunden über die Nordsee, spucke mir die Seele aus dem Hals und laufe grün und gelb durch Helgoland, um dann wieder auf die gleiche Weise zurückzufahren!

Es war ein sehr warmer Nachmittag, Faust hatte einen gut gekühlten Sommerwein geöffnet und eingeschenkt, die bauchigen Gläser beschlugen und verlockten geradezu den Betrachter, etwas von dem fruchtigen Aroma im Mund zu schmecken.

„Ich habe schon beim Öffnen der Weinflasche den Geruch genossen, jetzt sollten wir einfach mal anstoßen, Mary!"

Doch Maria Faust blieb stur, starrte auf das Weinglas und schwieg.

„Schau mal bitte auf meine Aufzeichnung, Mary, dann wirst du wahrscheinlich anders darüber denken. Auch ich bin, wie du weißt, zwar ein großer Fan von Nord- und Ostsee, aber das heißt noch lange nicht, dass ich mich bei der Überfahrt den Elementen anvertrauen möchte."

„Dann also Prost auf die Elemente, die uns in diesem Sommer daheim lassen werden!", sagte seine Frau lächelnd und erhob ihr Glas.

„Ich dachte mir das wie folgt, Mary!, begann Faust erneut und zog ein anderes Prospekt aus der Tasche, das er offensichtlich aus dem Internet heruntergeladen hatte. „Wir reisen mit dem Zug ganz entspannt nach Cuxhaven und übernachten dort. Am Montag können wir mit dem Ostfriesischen Flugdienst um acht Uhr fünfundzwanzig abheben und sind schon fünfundzwanzig Minuten später auf dem kleinen Flughafen der Düne vor Helgoland.

Maria warf einen skeptischen Blick auf den ausgedruckten Text und lächelte erneut. „Wie ich sehe, hat der Herr Kriminalrat bereits alles vorbereitet und wahrscheinlich sogar schon gebucht. Was machst du eigentlich, wenn ich mich weigere, in eine dieser kleinen, fliegenden Kisten einzusteigen?"

„Was heißt hier kleine, fliegende Kisten? Thomas Faust wies auf eines der farbig ausgedruckten Bilder. „Das ist zum Beispiel eine Cessna 172, dies hier eine G 8 Airvan, und die übrigen Maschinen der Gesellschaft sind Britten Norman Islander, alles Top-Flugzeuge der neusten Generation.

Maria nippte an ihrem Wein und sah hinüber zum efeuumrankten Zaun, in dem ein Rotkehlchenpaar brütete. Einer der kleinen Vögel flog ständig hin und her, und wenn es einmal ganz ruhig war, konnten die beiden das Piepsen der Jungvögel bis zur Terrasse hören.

„Du hast wirklich einen guten Wein ausgewählt!"

„Danke, und was sagst du nun zu einer Woche Helgoland?"

Maria seufzte tief ergeben und verdrehte die Augen.

„Soll ich dich allein fliegen lassen? Ich weiß doch, dass du keine Ruhe gibst. Nur kann ich mir nicht vorstellen, was du auf der Felseninsel erreichen willst. Ich denke, ihr habt eine Spur in Braunschweig, die als sehr vielversprechend verfolgt wird?"

„Ja, das stimmt so. Es war etwas mühsam, aber wir haben durch die Auswertung der Kameras tatsächlich festgestellt, dass Petersen beobachtet und verfolgt wurde. Wir haben den Wagen gefunden, allerdings vollkommen ausgebrannt, der Besitzer hat mit unserem Fall nichts zu tun."

„Was? Davon hast du mir überhaupt nichts gesagt!"

Faust legte seiner Frau beruhigend die Hand auf den Unterarm.

„Ich wollte dich nicht noch vor dem Schlafengehen beunruhigen. Der Mann ist flüchtig, die Fahndung läuft, die Kollegen Schuchert und Lichtner sind gut mit dem Fall vertraut."

„Aber wer verbrennt denn sein Fahrzeug, wenn es sich nicht um ein ganz großes Ding handelt, Thomas. Du erzählst mir immer nur bruchstückweise Details und tust so, als wären das alle ganz geheime Dienstangelegenheiten. Ich habe erst heute Nachmittag die Zeitungen der letzten Tage durcharbeiten können, weil ich vor den Ostertagen noch alles auf Reihe haben wollte. Die Notiz über das ausgebrannte Auto bei Lehrte habe ich gar nicht weiter registriert. Aber hier geht es doch ganz offensichtlich um mehr als einen vertuschten Totschlag oder einen Mord aus – wie nennt ihr das doch – niedrigen Motiven?"

Faust lächelte und hob sein Weinglas erneut.

„Es ist jetzt unsere Urlaubszeit, wenn wir unterwegs sind, erzählte ich dir mehr, und auf Helgoland habe ich außerdem vor, jemand einen Besuch abzustatten, der dich bestimmt ebenfalls interessieren wird."

„Ich wusste es, dass du noch etwas anderes planst als einen harmlosen Nordsee-Urlaub mit mir!"

„Die Frau des Kriminalisten!", lachte Faust und legte den Arm um die Schultern seiner Frau.

5.

In der für fünf Passagiere zugelassenen Maschine saßen sie nur zu viert, neben dem Ehepaar Faust war noch ein Ehepaar aus Düsseldorf eingestiegen, und der Flug über die Nordsee bei strahlend blauem Himmel und zudem über eine kaum gekräuselte Nordsee schien einen vielversprechenden Urlaub einzuleiten. Faust hatte eigentlich vor, das in der Bahn begonnene Gespräch auch während des Fluges fortzusetzen, aber Maria war durch ihre Fotografien mit dem Smartphone vollkommen beschäftigt, und zudem wollte Faust nicht gegen den Motorenlärm anbrüllen, um nicht das andere Paar über seine Gedanken zu informieren. Das wohl in ihrem Alter stehende Paar machte auf ihn einen unangenehmen Eindruck. Beide hatten stark gebräunte Haut, die entweder vom Skiurlaub oder auch aus dem Solarium stammen konnte. Ihre Kleidung war schon aufdringlich-auffallend, überall waren die Markenlabel so zu sehen, dass ihr exquisiter Geschmack jedem gleich aufgedrängt wurde. Dazu trugen sie große Sonnenbrillen einer bekannten Firma, die sie auch während des gesamten Fluges nicht absetzten, obwohl dazu nach der Meinung von Thomas Faust überhaupt kein Anlass bestand.

Er hatte inzwischen im Internet einige interessante Artikel aus der Feder des vermutlich ermordeten Petersen gefunden. Danach hatte der Skandinavist sich wohl schon vor seiner Beschäftigung mit den vier Axtblättern (vgl. „Tod eines Wikingers") ausgiebig mit den Grabfunden von Helgoland, aber auch mit ähnlichen Stätten auf Sylt beschäftigt. Während man lange Zeit annahm, dass auf den nordfriesischen Inseln solche Gräber nicht vorkamen, waren die Funde auf Helgoland und Sylt schon im 19. Jahrhundert dann der Beweis für früheste Siedlungen in der Bronzezeit oder noch früher. Faust hatte jedoch noch ein weiteres Ziel im Auge. Er wollte nicht etwa den Hobby-Archäologen spielen und nach dem angeblich vorhandenen Grab des Wikingerfürsten Radbod und dem Radbodhügel auf Helgoland suchen, sondern schlicht und einfach dem Namen nachgehen, den er fast mit einer vollständigen Adresse auf der Karteikarte entdeckt hatte: Rickmers, Bob Stak, war dort mit Bleistift vermerkt worden. Rickmers ist auf Helgoland ein weit verbreiteter Name, und der seltsame Begriff Bob Stak deutete auf eine Straße im Oberland der Insel hin. Das aber hatte der Kriminalrat zunächst noch für sich behalten, um sich nicht zu blamieren, sollte sein Gedankengang ins Leere führen.

Erstaunt sah er auf, als die Maschine sanft auf dem kleinen Flughafen der Düne aufsetzte, ausrollte und im eleganten Bogen vor der Abfertigungsanlage zum Stehen kam. Als sie ihre leichten Trolleys griffen und das andere Ehepaar ihnen folgte, hielt Thomas Faust allen die Tür zum langgezogenen Abfertigungsgebäude auf. Der gebräunte Herr im leichten Sommeranzug verneigte sich leicht und mit spöttischer Miene vor Faust und bedankte sich.

Als sie dann in der Halle beisammen standen, räusperte sich der Gebräunte, griff in die Jackentasche und reichte Faust eine Visitenkarte.

„Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt, sagte er dazu mit einem unangenehm schleimigen Tonfall. „Uwe Nygen aus Düsseldorf. Wir verbinden unseren Osterurlaub in diesem Jahr mal ganz gemütlich mit dem Aufenthalt auf Helgoland. Vielleicht sehen wir uns ja auf der doch sehr übersichtlichen Insel und trinken dann gemeinsam einen Kaffee.

Faust warf einen raschen Blick auf die Karte, die auf teurem Büttenpapier gedruckt war, und zuckte unwillkürlich zusammen. In feiner Schreibschrift stand dort Uwe Nygen – Antiquitäten – Kunst – Auktionen. Düsseldorf, Kopenhagen, London. So ein Angeber! Nygen und Düsseldorf, das konnte nur der Sohn des Händlers sein, dessen Auto zum Abtransport von Petersen verwendet wurde und dann auf dem Parkplatz in Flammen aufging. Lächelnd bedankte er sich und antwortete:

„Ich habe leider keine Karte eingesteckt, aber ja, man sieht sich bestimmt auf der Insel!"

Damit wollte er eigentlich aus der Halle, musste aber rasch einsehen, dass er die Nygens noch nicht losgeworden war. Draußen wartete ein Elektrotaxi auf die Fluggäste, um sie zum Anleger zu bringen, wo die kleine Dünenfähre bereits wartete und sie hinüber zur Insel brachte.

Faust bemühte sich, die Fragen des Mannes so ausweichend wie möglich zu beantworten, während beide Frauen schwiegen und sich noch nicht einmal Blicke gönnten. Dann aber beendete Thomas Faust während der Überfahrt von der Düne zur Insel das Geplänkel mit der Frage:

„Sagen Sie, Herr Nygen, kann es sein, dass ich schon von Ihnen oder besser gesagt, Ihrer Firma, gelesen habe?"

Die heitere Miene im gebräunten Gesicht verzog sich schlagartig, für einen Moment schien sogar die Gesichtsfarbe erst zu rötlich, dann zu einem hellen Grau zu wechseln.

„Da spielen Sie bestimmt auf diese unglückselige Geschichte in Kopenhagen an, nicht wahr? Ja, selbst Experten können sich irren, auch in unserer digitalen Welt sind wir vor Irrtümern und Fälschungen nicht sicher."

Faust hätte innerlich brüllen können vor Lachen.

Ein Antiquitätenhändler aus Düsseldorf war vor gut sechs Monaten zu einer Gefängnisstrafe mit Bewährung verurteilt worden, weil er einem Sammler zwei goldene Trinkhörner verkaufen wollte, die angeblich noch älter als die bekannten Trinkhörner von Gallehus sein sollten. Da ein Fund als Raubgrabung eingestuft worden wäre, hatte der Händler mit allerlei Dokumenten zu beweisen versucht, dass die angeblich echten Hörner seit mehr als zweihundert Jahren im Familienbesitz waren. Der russische Sammler ließ sich von dem Experten, der die Echtzeit bescheinigt hatte, blenden, und war bereit, dafür eine geradezu exorbitante Summe zu bezahlen. Als die Presse über das Auktionsergebnis berichtete, schaltete sich der Kustos des Nationalmuseums in Jelling und erklärte die beiden Hörner, die aus dem 5. Jahrhundert stammen sollten, für eine Fälschung. Beide trugen nämlich die gleiche Inschrift wie die im Museum aufbewahrten, die Worte hlewagastiz, holtijaz, horna, was man mit Ich, Hlewagastiz, Holtijaz (‚der zu Holt Gehörige‘) übersetzte, machte das Horn.

Der Schwindel flog schließlich auf und hatte noch einen unangenehmen Beigeschmack für die Firma Nygen, denn die beiden Hörner wurden schon einmal, 2007, aus dem Museum in Jelling gestohlen, allerdings nach zwei Tagen wieder gefunden.

Die Verabschiedung war nun denkbar kühl, und als Mary und Thomas Faust langsam den Lung Wai, die Hauptgeschäftsstraße Heloglands, entlangbummelten, um den Fahrstuhl zum Oberland zu nehmen, lachte der Kriminalrat leise vor sich hin. Dann entschuldigte er sich bei seiner Frau, griff zu seinem Smartphone und drückte die Taste.

„Hör mal, Bernd, der Besitzer des ausgebrannten Kombis heißt doch Sven Nygen, richtig? Prima, dann solltest du mal überprüfen, wo sich sein Sohn Uwe in der fraglichen Zeit aufgehalten hat. ... Wie ich auf den komme? Ich habe den sympathischen Antiquitätenhändler gerade kennengelernt. ... So, jetzt höre ich auf, der Lift wartet, bis später!"

Von den Düsseldorfern war nichts mehr zu sehen, sie hatten vermutlich, wie die meisten Touristen, die nicht nur einen Tagesausflug nach Helgoland machten, ihr Quartier im Unterland. Faust aber schwebte wieder einmal in seligen Erinnerungen und hatte ihr Apartment gegenüber der Kirche im Oberland bestellt, das sich jetzt zur freudigen Überraschung für beide als sehr geschmackvoll eingerichtet erwies und zudem den Balkon zur Seeseite hatte.

Faust hatte sich auf das Bett geworfen und grinste.

„Hier könnte ich mich auch für längere Zeit wohlfühlen!"

„Komm sofort von deinem Bett runter, ehe du bis zur Mittagszeit hier schläfst! Wir wollen gleich mal das Oberland erkunden!", antwortete seine Frau, und erneut musste Faust grinsen.

Genau das hatte er gleich am Ankunftstag erhofft.

6.

„Geht es dir gut, Scheffe ?" Petra Lichtners Stimme am Handy klang, wie immer, fröhlich und aufgekratzt.

„Mir ginge es wesentlich besser ohne deine ständige Scheffe-Nerverei!, antwortete Faust stöhnend. Aber er war ganz Ohr, was ihm die Kommissarin mitzuteilen hatte. „Das Wrack wurde doch auf einem Parkplatz hinter der Raststätte Lehrte gefunden, wie du weißt?

„Ja, und?"

Petra Lichtner kicherte.

„Gute und schlechte Nachrichten, Scheffe. Es gibt ein paar Bilder, die zwei Männer zeigen. Sie laden etwas in einen Kleintransporter um. Dann kippen sie etwas über dem Kombi aus und steigen in den Transporter, als der Kombi brennt."

„Wunderbar, woher kommen die Bilder?"

„Eine der Kameras der Raststätte hat sie aufgenommen. Routinemäßig haben die Kollegen der Autobahnpolizei danach gefragt und waren von ihrem Fund hellauf begeistert."

„Kann ich verstehen, bin ich auch. Und die schlechte Nachricht?"

„Bislang konnten wir die Gesichter nicht einwandfrei identifizieren. Und leider ist auch das Kennzeichen des Transporters nicht erfasst worden."

„Naja, das wäre ja auch ein Lotto-Sechser gewesen. Faust dachte kurz nach, dann meldete er sich wieder. „Mach doch mal von den Vergrößerungen einen Abgleich mit einem Bild von Uwe Nygen, dem Antiquitätenhändler. Du findest in unserer Datenbank mit Sicherheit ein aktuelles Foto von ihm, denn da gab es vor ein paar Monaten ein Urteil, versuchter Betrug mit Kunstfälschung und so weiter. Sein Name ist jedenfalls aktenkundig, auch wenn der Fall in Kopenhagen verhandelt wurde.

„Mache ich und melde mich wieder."

Nachdenklich schob Faust das Handy zurück in die Gesäßtasche seiner Jeans. Seine Frau hatte abwartend neben ihm gestanden und das bunte Bild beobachtet, das die eintreffenden Schiffe boten. Jetzt, in der Vorwoche des Osterfestes und dazu mit wunderbarem Frühlingswetter waren die Ausflugsschiffe gut besetzt, und die berühmten Börde-Boote fuhren geschäftig hin und her.

„Das fand ich schon früher immer sehr aufregend und habe zusammen mit Peter, dem Sohn des Inselpolizisten, Freundschaft mit manchen der Bördebootfahrer geschlossen. Die oft so unnahbar wirkenden Friesen waren zu uns immer nett und erlaubten uns, bei den Booten mitzufahren und beim Ein- und Ausbooten zuzufassen."

„Ihr habt bei den Wellen beim Ausbooten geholfen?, sagte Maria und blickte erstaunt ihren Thomas an. „Das ist doch nicht ganz ungefährlich, oder?

„Das wohl nicht, lachte Thomas Faust. „Ich habe auch zwei Unfälle miterlebt. Bei dem einen fiel eine kreischende Frau zwischen Boot und Dampfer, das war haarscharf, denn die nächste Welle drückte das Börde-Boot wieder an die Bordwand zurück. Aber glücklicherweise ist die Frau tief genug gewesen und die Mannschaft handelte blitzschnell. Kaum war ihr Kopf wieder über Wasser, hatte sie zwei Rettungsringe vor sich, griff wohl mehr aus Instinkt zu und kam dann triefnass wieder an Bord!

„Da danke ich, das wäre ja so ziemlich das Letzte, was man sich wünscht!, entgegnete Maria. „Vor allem als Tagesgast, wo man keine Sachen zum Umkleiden mitnimmt. Und der andere Fall?

„Viel harmloser!, lachte Thomas. „Einer der Tagesgäste hatte wohl zu viel von dem berühmten Eiergrog probiert. Jedenfalls kippte er sternhagelvoll einfach über Bord und musste mühsam wieder herausgeholt werden. Der Kerl war ziemlich beleibt, was ihn wahrscheinlich gerettet hat. Fett schwimmt ja bekanntlich oben!

„Ja, ja, Thomas, ich kann mir gut vorstellen, dass ihr beiden Rabauken da euren Spaß hattet!"

„Noch mehr auf der Düne. Das ging so gegen fünfzehn Uhr dreißig los, dann kam der lange Zug der Strandbesucher langsam zum Anleger geschlappt, und ich bedaure nur, dass ich damals keine Fotos gemacht habe. Du kannst dir nicht vorstellen, was da für Gestalten in Badeanzügen und mit Sonnenhüten, Bademänteln, Shorts und Sandalen angewandert kamen! Den größten Spaß hatten natürlich immer die Kinder, die mit Schaufeln und allerlei Förmchen bewaffnet losgezogen waren."

„Und ihr beide habt sie den Männern im Boot gereicht? Konntet ihr das denn überhaupt körperlich schaffen? Ich meine – wie alt wart ihr denn damals?"

„Kein Problem!, lachte Faust. „Wir waren so vierzehn, fünfzehn und fühlten uns bärenstark. Aber natürlich stand ein Erwachsener immer neben uns, bereit, zuzufassen. Viele von den alten Ömchen waren einfach unsicher und freuten sich, wenn wir sie an die Hand nahmen, bis die Männer im Börde-Boot ihnen unter die Arme griffen.

Bei der Erinnerung an diese Erlebnisse lachte Thomas hell auf.

„Zu komisch, was sich da wieder für Szenen abgespielt haben! Einige der älteren Damen ließen sich halb ins Boot fallen, um von den starken Friesen aufgefangen zu werden! Ich kann dir sagen ..."

„Und die Mädchen?"

„Hä? Ach so, ne, da gab es nur eines, die hieß Antje und war die Tochter des Wirtes. Damals gab es noch das Dünenrestaurant, das alte, meine ich – den alten Bau, in dem oft die Post abging! Habe ich dir eigentlich mal erzählt, dass da auch Lale Andersen aufgetreten ist?"

Maria Faust lachte herzlich auf.

„Lale Andersen? Im Ernst, auf der Düne? Oder im Kursaal?"

Faust runzelte die Stirn.

„Ups, jetzt bringst du mich durcheinander, nee, wird wohl der Kursaal gewesen sein, aber egal, war ein toller Abend und ich habe mir sogar ein Autogramm von ihr geholt!"

„Oh, das ist ja köstlich, die Story, und ... diese Antje?"

Ihr Mann grinste und kniff ein Auge zu, was ihm einen Rippenstoß seiner Frau einbrachte.

„Nicht so doll, das ist doch vierzig Jahre her, Mary!"

„Ja, ich weiß Bescheid!", sagte sie, musste aber ebenfalls schmunzeln.

„Da drüben ist der Seehund. Ich könnte bei dieser herrlichen Meeresluft ja pausenlos futtern. Was sagst du zu einer Finkenwerder Scholle mit Speckstippe?", lockte Thomas Faust und lenkte die Aufmerksamkeit seiner Frau auf die Speisekarte des Lokals an der Ecke Kirchstraße und Mittelweg.

„Nö, ich bin für das Dorschfilet, kennst mich doch, die Puhlerei mit der Scholle ist nicht so mein Ding. Bist du hier als Kind auch schon gewesen?"

„Einmal nur, damals gingen wir nicht so oft essen und haben uns eher selbst versorgt. Außerdem habe ich nur ein einziges Jahr im Oberland gewohnt, danach dann im Unterland bei der Apotheke und die folgenden Jahre nur noch direkt auf der Düne. Da habe ich den Angeldorsch fangfrisch bekommen, der Sohn des Dünenwirtes stand oft an der Mole und holte einen nach dem anderen heraus. Seine Mutter war eine begnadete Köchin, die uns daraus auch mal Fischfrikadellen bereitete – wenn ich daran denke, könnte ich ins Schwärmen geraten!"

„Also, dann los und lass uns den Abend genießen."

Sie hatten gerade ihre Bestellung aufgegeben, das Lokal füllte sich rasch, und die beiden waren froh, dass sie relativ früh gekommen waren und dadurch einen kleinen Tisch mit Fensterplatz in der Ecke bekamen – da meldete sich sein Handy. Er hatte es auf Vibration gestellt, sah verwundert auf die Nummer, murmelte etwas von „so spät noch" und meldete sich.

„Wen habt ihr? Nicht den Antiquitätenhändler, verstehe ... aber ... Wen? Nie gehört. Und der ist jetzt wo unterwegs ... verstehe, ja, danke, Petra und mach endlich Feierabend!"

Maria beobachtete ihn mit amüsiertem Mienenspiel, und Thomas Faust beeilte sich mit einer Erklärung. „Also, die Kamerabilder von der Rastplatzkamera zeigen nicht Uwe Nygen, aber einen gewissen Ralf Winter, der ebenfalls aktenkundig ist."

Maria zog die Augenbrauen hoch.

„Und weiter?"

„Tja, Fahndung nach ihm läuft. Ralf Winter ist der Partner von Nygen und Mitangeklagter in dem Betrugsfall mit den angeblich alten Trinkhörnern. Es wird spannend und ein wenig enger für unseren Sunnyboy!"

Es war wie in einem schlechten Film.

Als sich die Tür öffnete und eine Gruppe das Lokal verließ, kamen die Nygens herein und sahen sich um.

„Dreh dich jetzt nicht um, Mary, in der Tür stehen diese unangenehmen Sonnenanbeter, die Nygens."

„Haben Sie nicht reserviert?, empfing die Wirtin die neuen Gäste mit einem freundlichen Lächeln. „Es tut mir sehr leid, aber in zehn Minuten erwarten wir eine große Gruppe, ich habe keinen Platz mehr.

„Können wir nicht warten?"

Mit einer ausholenden Handbewegung wies die Wirtin auf die Anwesenden.

„Bedaure, aber das wäre vergebliche Mühe. Wir bereiten unsere Speisen nach Bestellung vor, alles ist frisch – da kann ich Ihnen nur für Morgen einen Tisch reservieren."

„Das müssen wir uns noch überlegen, wir gehen", schnöselte Uwe Nygen.

„Gibt ja auch genügend andere Lokale auf der Insel!", schloss sich seine Frau an.

Sie waren wieder draußen, und Faust ließ die angehaltene Luft ab. Es war unwahrscheinlich, dass die beiden sie nicht gesehen haben sollten. Aber Maria saß mit dem Rücken zum Eingang, und er tat so, als wäre er mit seinem Salat beschäftigt.

Zu allem Überfluss vibrierte das Smartphone in seiner Tasche erneut, aber nur kurz, es war also eine Nachricht. Verstohlen blickte Faust auf

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