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Das Licht-Tor der kosmischen Liebe: Karma und Klesha-Auflösung am Ende der Lebenskette mit der Hilfe der Vollendeten
Das Licht-Tor der kosmischen Liebe: Karma und Klesha-Auflösung am Ende der Lebenskette mit der Hilfe der Vollendeten
Das Licht-Tor der kosmischen Liebe: Karma und Klesha-Auflösung am Ende der Lebenskette mit der Hilfe der Vollendeten
eBook500 Seiten7 Stunden

Das Licht-Tor der kosmischen Liebe: Karma und Klesha-Auflösung am Ende der Lebenskette mit der Hilfe der Vollendeten

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Über dieses E-Book

Wer ernsthaft den geistigen Weg beschreiten will, der darf gewiss sein, dass er schwierige Prüfungen und dramatische innere Transformationen zu durchleben haben wird.
Dieses spannende autobiographische Buch schildert den einzigartigen Prozess einer westlichen Frau, die durch inneres Erwachen und durch schicksalhafte Begegnungen mit großen Meistern des Ostens zu sich selbst findet.
Am Ende ihres Weges, der sie von der westlichen Psychologie über den Zen-Buddhismus, den Sufismus und den Hinduismus führt, findet sie zur Verwirklichung ihres innersten Wesenskerns. Sie vermag die verschiedenen Traditionen in einer großen Gesamtschau zu verstehen und erkennt, dass alle Wege nur zu einem Ziel führen – zur Erweckung der LIEBE im eigenen Herzen!

SpracheDeutsch
HerausgeberAquamarin Verlag
Erscheinungsdatum20. Apr. 2020
ISBN9783968610511
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    Buchvorschau

    Das Licht-Tor der kosmischen Liebe - Maya Muni

    LIEBE

    1. Auflage 2020

    © Aquamarin Verlag GmbH

    Voglherd 1

    85567 Grafing

    www.aquamarin-verlag.de

    Umschlaggestaltung: Annette Wagner

    unter Verwendung von © 100ker / 103115687 – shutterstock.com

    ISBN 978-3-96861-051-1

    Für alle LICHT-Bringer

    Lichtvermittler

    Lichtverbreiter

    Lichtgefährten

    Lichtsucher

    auf dem Heimweg

    ins LICHT

    INHALT

    Kapitel 1DER AUFTRAG VON OBEN

    Kapitel 2DEM TOD SO NAH

    Kapitel 3DEM LEBEN HINGEGEBEN

    Kapitel 4LEBENSFREUDE UND SCHICKSALSERFÜLLUNG

    Kapitel 5ENTSCHEIDENDE SCHICKSALSWENDE

    Kapitel 6VIER JAHRE IN JAPAN

    Kapitel 7BEGLÜCKENDE ZEIT IN KALIFORNIEN

    Kapitel 8FREUDEN UND LEIDEN – HÖHEN UND TIEFEN

    Kapitel 9DIE ERLEUCHTUNG IM LICHT DES LICHTES

    Kapitel 10SCHICKSALHAFTE VERBINDUNG

    Kapitel 11STÜRMISCHE KARMA-KOLLISIONEN

    Kapitel 12LICHT AM ENDE DES TUNNELS

    Kapitel 13VISIONEN UND HERZERWEITERUNG

    Kapitel 14VERWIRRENDE KARMA-SPIELE

    Kapitel 15DER LEBENSWENDEPUNKT

    Kapitel 16DIE HERZ-EINWEIHUNGEN

    Kapitel 17DAS NEUE LEBEN MIT DEM GURU

    Kapitel 18DIE ÄGYPTEN-REISE IN DIE VERGANGENHEIT

    Kapitel 19DIE DEVOTEE-ZUSAMMENTREFFEN

    Kapitel 20„TEACHING UND „TESTING IN INDIEN

    Kapitel 21STERBEN VOR DEM STERBEN IN INDIEN

    Kapitel 22WERDEN UND ENT-WERDEN

    NACH-SICHT

    „Wer begreift, warum ihn, auserlesen,

    ein Geschick, das einst verging, bewegt?

    Längst war es verstummt; doch seinem Wesen

    scheint es plötzlich dringend eingelegt:

    Dies Vergangne, das ihn kaum betrifft.

    Unvermutet wird er sein Vermuter

    und Verschollnes stürzt sich ausgeruhter

    in sein Dasein oder in den Stift."

    (RAINER MARIA RILKE)

    „Tue nun Herzwerk

    an den Bildern in dir, den gefangenen…"

    (RAINER MARIA RILKE)

    KAPITEL 1

    DER AUFTRAG VON OBEN

    Wie schon viele Male vorher und nachher ging ich diesen Bergpfad hinauf zu meinem Kraftort hoch oben mit dem grandiosen Blick auf die Viertausender des Berner Oberlands. Es war ein leuchtender Herbstmorgen. Die wissende Natur verströmte sich vor dem ersten Schnee in einem leuchtenden Farbfeuerwerk und einer intensiven Duftekstase vor dem frühen Sterben in den Bergen. Tief sog ich diese sterbende Schönheit ein in ihrer ergreifenden Intensität, die mich mit jedem kristallklaren Atemzug ihrerseits einsog in den geeinten Lebensstrom.

    Da geschah etwas in mir, das mich erstaunt innehalten ließ: Etwas in meiner Wahrnehmung der gleichen strahlenden Landschaft, des blauen Himmels, der leuchtenden Herbstfarben und intensiven Herbstdüfte hatte sich auf einmal verändert. Etwas war auf einmal da wie von einem anderen Ort, wie aus einer anderen Zeit, das ich ganz sinnlich aufnahm, fast wie ein tierisches Wittern: Ich konnte es riechen und spüren. Nachdenklich und immer mehr in diese andere Wahrnehmung versinkend, setzte ich mich auf einen Stein, und ferne Erinnerungen stiegen jetzt auf wie kleine Wellen, die an mein Bewusstsein schwappten. War es die japanische Landschaft und Stimmung dort auf dem Lande, wo ich im Herbst, den ich während meiner vier Jahre in Tokio besonders liebte, lange Spaziergänge allein in der sich noch einmal verschwendenden Natur machte, deren melancholische Stimmungen ich der frühlingsfrohen Kirsch- und Pflaumenblütenromantik vorgezogen hatte? Oder war es Nepal im Herbst mit den rotstrahlenden Poinsetties gegen den weißglänzenden Machha Puchharé und den tiefblauen Himmel?

    Doch diese seltsame, von weither kommende Wahrnehmung und berührende Intensität kam aus höheren und tieferen Schichten zugleich. Nun begann ich mich auch anders in diesem Körper zu fühlen, der da saß, der auch „ich war. Beflügelt ging ich wie mit abgehobenen, größeren als meinen Schritten weiter, ergriffen und erhoben von einer lichten Freude. Da wusste ich auf einmal wie in einem Lichtblitz, ich war ein Mann, ein Einsiedler, auf dem letzten Aufstieg zu seiner Höhle hoch oben im Himalaya! Jetzt sah ich sie auch schon aus der Ferne und beschleunigte noch meine erwartungsfrohen Schritte mit einem tiefen Glücksgefühl, das mich erschauern ließ. Als ich mich wieder in meinem jetzigen Körper fühlte, saß ich auf einem Felsen an meinem Kraftort und spürte auf meinen geöffneten Handflächen Regentropfen. Aber es waren Tränentropfen, keine Regentropfen, die mich sanft und warm zurückholten in die Gegenwart. Es waren keine Männerhände, sondern Frauenhände, meine Hände. Meine Hände? Dieser Körper, diese Hülle, war das „ich? Wer bin ich? Wer war ich? Wer oder was ist dieses ICH?

    Erschüttert in meinem bisherigen Ich-Gefühl lief ich rasch, mit starkem Herzklopfen zurück, und heftig atmend kam ich ins Haus. Als ich die Schreibmaschine holte, fragte mein intuitiver Sohn: „Ist es nun so weit? Beginnst du mit dem Buch?" Er hatte es erfasst ohne Worte, wie so oft. Ja, ich musste jetzt das Buch schreiben, obwohl ich mich mehr als drei Jahre lang dagegen gesträubt hatte. Immer hatte ich mich geweigert, ich wollte meine Erfahrungen nicht preisgeben, alles für mich behalten. Doch dann hatte mein künftiger Meister mir 1986, nach einem Ausflug auf das Jungfraujoch in der Bergbahn gegenüber sitzend, im Befehlston nachdrücklich zu mir gesagt: „Du musst ein Buch schreiben über deine Erfahrungen! Es ist ein Befehl von oben!" Ich war sprachlos und erwiderte nichts. «Write as it is!» – lautete seine Anweisung. Es ganz genau so zu schreiben, wie es ist beziehungsweise war. Auch in Zukunft vermied ich es danach, mit ihm über das Buch zu sprechen oder auch nur daran zu denken. Ich schob es weit, sehr weit weg – am liebsten für immer. Aber nun hatte mir bei diesem seltsamen Erlebnis eine nichtmenschliche Stimme mit übermenschlicher Autorität befohlen: „Teile mit und teile, was du empfangen hast!" Bisher hatte ich mich der Anweisung des Meisters widersetzt, aber das Buch musste offensichtlich sein, und so ergab ich mich und gehorchte nun endlich dem „Befehl von oben", wie der Meister, mit hoch erhobenem Arm und Zeigefinger nach oben zeigend, zuvor gesagt hatte, und den ich jetzt ganz direkt erhalten hatte von einer noch größeren Macht.

    Im Grunde hätte ich lieber geschwiegen und alles für mich behalten. Außerdem war vieles unglaublich, was wir erlebt und erfahren hatten. Wer würde es mir glauben? Auch gab es schon genug Bücher von sogenannten Esoterikern, die das Innere ins Äußere kehrten und oft eher zum Irrvana statt Nirvana führten, wodurch man wahres von falschem Licht schwer unterscheiden konnte. Und vor allem: Ich wollte meine Erfahrung des LICHTS nicht benutzen oder „brauchbar machen–, wovor auch im Tao Te King gewarnt wird, ebenso davor: „Wer selber scheinen will, wird nicht erleuchtet. Die ungewollte schwere Aufgabe wurde jedoch leichter, wenn ich mir vorstellte, dass der Befehlende „von oben sich selber seine Leser mit dafür offenem Herzen suchen würde, für die meine Erfahrungen niedergeschrieben werden sollten. Loslassen würde ich das Buch wie ein Kind, das schließlich seinen eigenen Weg finden muss. In diesem Sinne würde ich dem „Befehl von oben gehorchen und in Gottes Namen alles Niederschreiben als „Seva, als Dienen, auf mich nehmen. „Schöne Worte sind nicht wahr – wahre Worte sind nicht schön, heißt es im Tao Te King, das mich seit Jahrzehnten begleitete und leitete. Ich würde nicht die Worte wählen und die Sätze drechseln, sondern sie einfach fließen lassen.

    Ich setzte dabei voraus, dass diejenigen, die dieses Buch lesen würden, mit der Vorstellung von Reinkarnation ebenso vertraut wären wie mit dem Begriff des Karma, denn das bestimmt unser aller Leben, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Wen das nicht anspricht und wem das fern liegt, der lege besser diese Lebensgeschichte(n) beiseite und wende sich Näherliegendem zu. Es gibt ja so vieles zu tun, zu erleben, zu genießen oder zu erleiden, wenn man nur einmal lebt! Was für ein grausamer Stress, so ein heutiges normales Leben! Jetzt oder nie –, und dann die ewige Belohnung oder die ewige Verdammnis! Immerhin beginnt sich der Reinkarnationsgedanke in der christlichen Esoterik wieder auszubreiten, wie es im Anfang des Christentums schon einmal der Fall war. Wie befreiend und verheißungsvoll ist hingegen die Perspektive vedischer und mystischer Traditionen, die Raum und Chance für die geistige Entwicklung geben und die Motivation sind, den Erleuchtungsweg durch viele Leben hindurch zurück zum Ursprung zu gehen. Anfang und Ende unserer Existenzen finden zusammen in einem Kreis, der sich schließt zur Ganzheit und Einheit des Seins wie ein Ouroboros.

    Menschen, die an der Schwelle des Todes den Überblick über das jetzige Leben hatten, kamen oft nach dieser holistischen Rückschau wie neugeboren mit einer erweiterten Sicht und Erkenntnis des Lebenssinnes und ihrer eigentlichen Bestimmung zurück. Ein noch größeres Gnadengeschenk erhielten wir durch den Überblick über viele Existenzen, wodurch wir ein wenig hinter den Maya-Schleier schauen und erkennen durften, woher wir kommen und wohin wir gehen. Das half uns mehr und mehr, den Eigenwillen loszulassen und uns dem göttlichen Maya-Spiel hinzugeben, es aktiv und passiv zugleich spielend: Tun im Nicht-Tun, Nicht-Tun im Tun – das ist die Quadratur des Kreises des Lebensrades.

    Es ist Herbst. Warmes Licht umhüllt mich beim Schreiben der ersten Seiten dieses „Auftragsbuches. Noch zirpen auch die Grillen mein Mantra und erinnern mich daran, wenn ich es vergesse. Weißgefiederte Samen der Weidenröschen schweben um das und sogar im Haus herum, noch sanfter und leichter als die Schneeflocken, die bald unser auf 1.730 m Höhe gelegenes Haus wirklich zur „Schneehöhle, wie der Meister es später nannte, werden lassen. Ein überirdisches Licht liegt über den nahen majestätischen Berggipfeln. Mit nur wenigen Flügelschlägen könnte ich die höchsten Gipfelspitzen der Viertausender direkt gegenüber, nur etwa zwei Kilometer Luftlinie entfernt, erreichen, wenn ich ein Steinadler wäre. Die vielen Gletscher bieten einen beruhigenden Anblick und die zahlreichen Wasserfälle aus einiger Entfernung eine belebende Frische. Es erscheint mir nicht schwer, hinüberfliegen zu können, denn unser Meister tat es kürzlich bei seinem Aufenthalt hier. Der Glanz himmlischen Lichtes lockt, als wäre der Himmel auf Erden nahe. Erinnerungen an lichtere Welten werden wach. Pranayama der Sehnsucht – jeder Atemzug zieht hinauf ins Licht.

    Wie gut konnte ich es nachfühlen, als der Meister hier aus dem Körper ging und beinahe nicht mehr zurückgekommen wäre! Wir spürten es alle drei und beteten, er möge uns noch nicht verlassen, und inständig riefen wir ihn mit vereinten Kräften zurück. Er bestätigte nachher unsere Intuition, und auch, dass das der Grund war, warum er eine nur mit uns zusammen geplante Reise zum heiligen Berg Kailash in Tibet, die ich vorgeschlagen und schon vorbereitet hatte, seinerzeit absagte. Wir wären nämlich dort aus unseren Körpern gegangen und nicht mehr in diese zurückgekommen. Nach seiner Samadhi-Entrückung saß ich still und schweigend neben ihm auf der Bank vor dem Haus. Seine Augen blickten noch in andere Welten, als er sich mir zuwandte und lächelnd in die Stille hinein leise sagte: „Das Leben ist ein Traum! „Ich weiß, ich weiß, nickte ich seufzend. „Wann werde ich endlich, endlich für immer erwachen?, fragte ich, während mir Tränen über das Gesicht liefen. „Eines Tages, eines Tages …, war seine liebevoll tröstende Antwort, die dennoch schmerzlich an die offene Wunde meiner brennenden Sehnsucht rührte und sie nun weiter brennen ließ, die Sehnsucht nach dem göttlichen LICHT und der EINheit, die ich schon einmal in diesem Leben die Gnade hatte zu erfahren. „One day, one day – seufzte ich unter Tränen, da nahm er meine rechte Hand in seine linke und sagte mit Nachdruck: „ONE day, eines Tages, das EINes verheißungsvoll betonend. Die Licht-Sehnsucht beherrschte mein verbleibendes Traum-Leben, in dem ich mich von Anfang an in der Verbannung empfand, und das Heimweh nach meiner wahren Heimat überlichtete oder überschattete in diesem Leben wie in vielen anderen mein verzweifeltes Suchen in dieser Welt.

    KAPITEL 2

    DEM TOD SO NAH

    Meine Kindheit würde ich am liebsten überspringen, denn es war eine niederdrückende Zeit. In den ersten Jahren meines Lebens war der Tod allgegenwärtig, ganz real in meiner Umwelt im Zweiten Weltkrieg, mitten im bombardierten Ruhrgebiet, in den Ängsten meiner Familie und Umgebung. Es war schon ein Wunder, dass ich die selbstversuchten Abtreibungsversuche meiner Mutter überlebt hatte und die sehr schwere Geburt wegen ihres Herz- und Nierenleidens mit einem eineinhalb Monate dauernden Spitalaufenthalt für uns beide. Dass sie mit vierzig Jahren zu Beginn des Zweiten Weltkriegs kein Kind mehr haben wollte, ist verständlich, zumal sie und mein Vater den Ersten Weltkrieg schon erlebt hatten. Aber ihre Ablehnung war älter und meine Abneigung gegen sie auch, denn ein schweres Karma verband uns.

    Dunkel spüre ich noch aus der Babyzeit die finstere, fensterlose Speisekammer, in die ich gesperrt wurde, wenn ich schrie. Später wurde ich meistens am Balkon mit Stricken angebunden und konnte von dort aus den Kindern beim Spielen zuschauen, denn niemand fuhr mich spazieren. Meiner Mutter war es peinlich, noch in dem hohen Alter ein Kind zu haben, und meiner fünfzehn Jahre älteren Schwester ebenfalls, weil die Leute denken könnten, sie habe ein uneheliches Kind. Da war es gut, dass ich eine besondere Anziehungskraft zu haben schien, denn alle Kinder der Nachbarschaft kamen vor meinen Balkon zum Spielen. Später war ich gern allein beim Spielen in unserem großen Garten, meistens mit Blumen als Fantasiepuppen, denn ich hatte kein Spielzeug. Schon als kleines Mädchen richtete ich eine „Kapelle in unserer Gartenlaube ein, wo ich „Priesterin spielte und „Messe, die wiederum alle Kinder anzog, vor allem aber wohl wegen der runden Kekse als „Hostien, die ich ihnen auf die Zunge legte. Ich wurde nämlich streng katholisch erzogen und von ganz klein an von meiner Mutter zu „Öpferchen gezwungen, denn ich müsse früh lernen, mich zu überwinden und Verzicht zu üben, meinte sie streng. Aber auch ohne solche „Öpferchen war das Leben hart genug. Zu essen gab es genug, wenn auch ohne Milchprodukte, und das seltene Brot war auch noch mit Sägespänen gestreckt, aber immer gab es nur Melasse aus Steckrüben dazu. Das war zwar gesund, wenn auch bis zum Überdruss. Wenigstens hatten wir einen Garten mit etwas Gemüse, was uns von der Anbaufläche für die obligatorisch abzuliefernden Steckrüben für uns blieb, woher ich wohl die Neigung bekam, später vegetarisch zu leben. Als mein Vater einmal ein Wildkaninchen gefangen hatte, weigerte ich mich, von dem niedlichen Tier etwas zu essen, mit dem ich vorher gespielt hatte. Die Prozedur des Tötens, Abziehens und Bratens hatte mir die Neugier auf ein Fleischessen und den Appetit darauf für immer genommen. Dem Herrn Jesus zuliebe sammelte ich Äpfel, auf die ich schweren Herzens verzichtete, und versteckte sie im Haus, ebenso wie die seltenen eingetauschten gekochten Eier, um sie, wenn eines Tages ein Korb davon voll wäre, ins Waisenhaus zu bringen. Daraus wurde dann nichts, denn der Gestank der faulen Äpfel und Eier nahm von Tag zu Tag zu und brachte meine Mutter zur Verzweiflung, weil sie lange vergeblich nach der Ursache suchte, so gut hatte ich meine „Öpferchen versteckt. Daraufhin verlegte ich heimlich mein Versteck in meine „Kapelle, die Gartenlaube, aber auch da wurden sie schließlich durch den Gestank gefunden und konnten leider nicht von mir an arme Kinder verschenkt werden.

    Ich hatte in meiner frühen Kindheit keine normale Ernährung, und ich hatte keinen normalen Schlaf, weil ich nie richtig schlafen gelernt habe durch all die Angst um mich herum, und nachts rannten wir in Panik zum Luftschutzbunker. Und dann geschah eines Nachts im November 1944 – ich war nun vier Jahre alt – das Grauenvolle, vor dem wir bei jedem Alarm gezittert hatten: Eine Bombe und eine Luftmine, für eine Zeche ganz in der Nähe bestimmt, fielen auf die Kirche und neben das Pfarrhaus, in dessen Keller wir mit über dreißig Personen Zuflucht gesucht hatten, weil wir es bis zum Bunker nicht mehr geschafft hatten, da wir noch auf meine Schwester warten mussten. Jedes Jahr denke ich am 11.11. an dieses traumatische Ereignis: Das große mehrstöckige Pfarrhaus zerbarst durch die enorme Sprengkraft der Luftmine und brach über uns zusammen im nun stockdunklen Keller, in dem wir vor Staub kaum mehr atmen konnten, von Bauteilen, Steinen und Schutt begraben bis zum Hals. Die Menschen schrien, stöhnten, röchelten und beteten laut; die Schmerzensschreie und das Sterben ringsum waren grauenhaft, meine Angst ebenso. Aber wir überlebten durch meinen schrillen Schrei, den ich im Schockzustand ununterbrochen auf einem einzigen hohen Ton von mir gab. Mein Vater hatte, von der Zeche nach Hause rennend, wo die Druckwelle auch noch großen Schaden an unserem Haus angerichtet hatte, den Zettel vorgefunden, wo wir seien, und rannte verzweifelt zum Pfarrhaus, unter dem wir verschüttet waren. Als geübter Retter im Bergwerk sein Ohr auf die Trümmer legend, hörte er von Ferne meinen seltsamen Schrei und wusste, dass wenigstens ich noch lebte. Mit Kameraden von der Zeche grub er, immer auf meine Stimme zu, einen Stollen, bis er zu mir auf dem Bauch hinunterkriechen und unter höchster Lebensgefahr mich auf seinem Rücken liegend herausholen konnte, danach meine Mutter, zuletzt meine Schwester, die an einem Pfeiler saß, der dann auch noch zusammenstürzte. Mein Schrei rettete uns drei, und wir konnten lebendig herausgeholt werden, wenn auch mit einigen Verletzungen, während die meisten Menschen tot waren. Ich schrie noch immer mit demselben schrillen Ton, als wir schon längst zu Hause waren, und nichts konnte mich beruhigen. Erst als mein Vater mich als Gegenschock in die Badewanne mit kaltem Wasser warf, stellte er mein Schreien dadurch augenblicklich ab.

    Dieses Trauma konnte ich dank seiner großen Liebe und zärtlichen Fürsorge langsam überwinden und normal weiterleben, aber ich war noch weitere zwei Male innerhalb kurzer Zeit in Lebensgefahr. In diesem Jahr – 1944 – wäre ich als nur Vierjährige gestorben, aber es sollte nicht sein, ich hatte noch Aufgaben in diesem Leben. Nach dem Krieg nahm mich eine Tante auf dem Land längere Zeit bei sich auf, wo ich liebevoll aufgepäppelt wurde und sogar das Bettnässen seit dem Trauma endlich aufhörte. Langsam auflebend nach dieser traumatischen Schreckenszeit, fing ich nun manchmal ganz leise und vorsichtig zum ersten Mal in meinem Leben an zu singen, Kirchenlieder, nachdem ich stundenlang still allein unter einem blühenden Apfelbaum saß, ohne mich zu rühren, der Hund meiner Tante die ganze Zeit fast reglos wie ich neben mir sitzend. Als nun Fünfjährige, die keinen Kindergarten erlebte bis zur Einschulung, kannte ich keine Kinderlieder; meine Mutter sang nie, nur in der Kirche, und mein Vater sang abends, mich auf den Schultern beim Marschieren herumtragend, nur Soldatenlieder. Er hatte das Eiserne Kreuz für seine Tapferkeit im Ersten Weltkrieg erhalten, weil er oft Kameraden auf dem Rücken im Kugelhagel vom Schlachtfeld rettete. Als bei seiner Beerdigung „Ich hatt‘ einen Kameraden" von der Bergmannskapelle gespielt wurde, brach ich zusammen und wäre beinahe in das Grab gefallen, wenn eine Tante mich nicht rasch gepackt hätte. Dieses Lied hatte mein Vater mir immer, meine Hand haltend, am Bett vor dem Einschlafen gesungen.

    Die Katastrophenjahre 1944/45 überstand ich trotz dreier lebensgefährlicher Situationen mithilfe göttlicher Vorsehung. Als Achtjährige wäre ich in der Nacht nach einer Mandeloperation fast im Spital erstickt am eigenen Blut, weil ich nicht rufen konnte, nachdem ich aus dem Bett gefallen war auf der Suche nach der Klingel. Es ging dann, nachdem man mich gefunden hatte, noch Stunden, bis mitten in der Nacht ein Arzt zum Kauterisieren kam. Später gab es zwar Krankheiten und immer wieder alle möglichen Knochenbrüche, weil ich als kleines Kind nur etwas Milchpulver und somit nicht genug Kalzium für das Knochenwachstum bekommen hatte, aber in Lebensgefahr kam ich erst später wieder als Erwachsene.

    Meinen Vater liebte und verehrte ich über alle Maßen, er war wie ein Heiliger für mich. Er sei eine ganz große Seele, bestätigte mir der Meister später. War er einerseits meine größte Liebe und als ein bewundernswerter Mensch mein großes Vorbild und mein ruhender Pol, so war er andererseits eine ununterbrochene Quelle des Leidens und Mitleidens für mich, soweit ich zurückdenken kann. Mitleiden an seinem traurigen Leben – einem Meer von Leiden. Ich weiß nicht, was mich schwerer belastete, seine vielen Krankheiten bis zu seinem qualvollen Tod oder das seelische Leiden, das ihm meine Mutter zufügte. Immer litt er, aber immer war er heiter. Ich habe nie, selbst in den schrecklichsten Leiden, je ein Wort des Sich-Beklagens von ihm gehört. Im Gegenteil, er bemühte sich immer, uns und andere Menschen aufzuheitern mit seinem Humor und ihnen irgendwie eine Freude zu machen, dabei durch seine fühlbare Güte Frieden verbreitend. Nie musste ich ihn trösten, immer war er der Tröstende, der Gebende. Seine Ausstrahlung von Licht und innerem Frieden war beeindruckend für alle, so wie die natürliche Autorität, die von ihm ausging.

    Dabei war mein Vater nicht religiös; er ging selten in die Kirche, seine Religiosität war ganz verinnerlicht, aber in jedem Augenblick fühlbar gelebt. Auf dem Krankenbett hatte er für mich fast einen Heiligenschein um sein eingefallenes, gezeichnetes Leidensgesicht, und sein Anblick ging mir zu Herzen wie der Gekreuzigte. Oft musste ich mich wegen aufsteigender Tränen abwenden oder hinausgehen, wenn wir ihn im Spital besuchten, wie er da elend lag, schlimmer als ans Kreuz an eine Gipswanne gefesselt, mit offenen Abzessen vom ununterbrochenen Liegen darin – über zwei Jahre lang. Bei einer Sprengung unter Tage im Bergwerk war er als Sprengungsspezialist dreizehn Meter tief in den Schacht gestürzt und hatte ein schweres Rückenleiden zum vorherigen Magen- und anderen Leiden hinzubekommen. Er musste mehrere Magen- und andere Operationen ertragen. Ich habe ihn die achtzehn Jahre meines Lebens bis zu seinem Tod nie gesund erlebt, immer nur leidend. Dazu war er in der Hölle im Bergwerk tausend Meter unter der Erde; ich war selbst einmal dort unten und weinte mich danach oft in den Schlaf aus Mitleid mit ihm. Meine Eltern waren keine Nazis, sie lehnten Hitler und die Nazi-Ideologie ab, was sie einige Male in Gefahr brachte, als sie dies zu sagen wagten.

    Da meine Mutter am Anfang der Ehe wegen der Krankheit meines Vaters weitgehend für den Lebensunterhalt aufkam, indem sie viele Jahre als Direktionssekretärin in einem großen Industrieunternehmen tätig war – damals unerhört, das machten nur Männer, und dazu noch als verheiratete Frau –, ließ sie dies meinen Vater bei jeder Gelegenheit fühlen. Sie demütigte und verletzte ihn immer wieder als Versager. Ihre seelische Grausamkeit war oft so unerträglich für mich, dass ich in meine Kissen schrie vor Verzweiflung, mein Schreien darin erstickend, und dabei oft wünschte, sie wäre tot. So viel Liebe und so viel Hass zugleich waren fast zu viel für ein Kinderherz. Ein Hellseher sagte mir später, ohne etwas von meiner schweren Kindheit zu wissen, er sähe mich als Kind wie einen verängstigten nackten Vogel, der nie Federn bekam, weil sie ihm sofort von der Mutter ausgerissen wurden. Aber ich sei zum Segnen geboren, daher hätte ich alles Schwere überlebt. Auf keinem der Kinderfotos lache oder lächle ich, immer sehe ich traurig und bedrückt aus, und das war ich auch. Ich war sicher ein schwieriges Kind, weil ich oft lange schwieg, aber es war meine einzige Waffe, mich mit Schweigen gegen die harte Mutter zu wehren, denn sie schlug mich noch bis ich achtzehn Jahre alt war. Ich sei ein trotziges Kind, beklagte sie sich oft, wenn ich traurig schwieg, ich zeige nicht einmal Freude im Zirkus oder Zoo! Dabei war ich im Zirkus traurig über das, was die Menschen da tun mussten unter größter Gefahr zum Vergnügen der anderen, und auch über das, was man mit den armen Tieren machte, zum Beispiel Raubtiere zu dämlichen Kunststücken zwang gegen ihre Natur, nur zum Spaß oder Gruseln der Zuschauer. Im Zoo war ich so unglücklich, dass ich am liebsten alle Käfige geöffnet und alle Tiere freigelassen hätte.

    Überall war meine Mutter sehr beliebt mit ihrer charmanten und extravertierten Art, gut im Organisieren und oft für die Programmgestaltung von Anlässen, Reisen oder Wallfahrten im Vorstand des Katholischen Frauenbundes und anderer Vereine verantwortlich, wobei sie oft auch selber Vorträge über verschiedene Themen hielt und Lesungen aus der modernen Literatur. Sie war sehr belesen, gewandt und verstand es, sehr gut vorzutragen. Ihre tiefe Frömmigkeit und ihre bewundernswerten Eigenschaften waren für mich als Kind verwirrend, weil sie mir und meinem Vater gegenüber so hartherzig war, obwohl mich mit ihr die Liebe zu Gott, Jesus und Maria sowie vielen Heiligen verband. Hingegen war sie für viele Menschen stets hilfsbereit, jederzeit da mit Rat und Tat, auch als Kräuterheilkundige, Gesundbeterin, Krankenpflegerin und Sterbehelferin mit Nachtwachen ohne Ablösung wochenlang, alles gratis ohne Gegenleistung, wodurch es bei uns ein ständiges Kommen und Gehen von Hilfesuchenden gab. Daher war ich oft wochenlang allein, als mein Vater nach seinem schweren Unfall in der Zeche jahrelang in einer Spezialklinik war weit weg von unserer Stadt. Aber das Alleinsein war für mich von Kind an kein Problem.

    Als ich meine Mutter kurz vor ihrem Tod durch ein Krebsleiden noch einmal in dem Kloster besuchte, wohin sie sich zum Sterben zurückgezogen hatte, nachdem sie achtzehn Monate lang bei mir gewesen war, bat sie mich um Verzeihung. Wenn sie noch einmal von vorn beginnen könnte, würde sie alles anders machen. Sie habe viel gelernt und eingesehen, vor allem, dass mein Vater ein Heiliger gewesen sei und ich ihr das Schönste und Beste in ihrem Leben gegeben, sie verwöhnt und erfreut hätte, so dass ich mir auf keinen Fall nach ihrem Tod irgendwelche Vorwürfe machen sollte. Niemand hätte ihr so viel Gutes getan wie ich, und sie danke mir von ganzem Herzen dafür. Sie habe mich trotz allem geliebt, wenn sie es auch nicht hätte zeigen können, weil sie selber keine Liebe erfahren hatte, denn ihre Mutter war schon ganz jung gestorben, und sie musste als Teenager ihre vier jüngeren Geschwister als Ersatzmutter aufziehen. Zweimal haben meine Eltern ihr ganzes hart verdientes und noch härter erspartes Geld verloren, und zwei Weltkriege haben sie mit viel Leiden durchgemacht. Ich habe nur noch Mitleid mit meiner Mutter empfunden, seit ich nicht mehr mit ihr zusammenleben musste, als ich nach dem Gymnasium nach England ging.

    Mein Vater bekam am Ende seines leidvollen Lebens, als er endlich wieder zu Hause sein und mit einem Stahlkorsett wenigstens hier und da ein wenig sitzen konnte, zum Schluss auch noch Darmkrebs. Er war in seinem Leben so viel im Spital gewesen, dass er meine Mutter inständig bat, zum Ende hin zu Hause bleiben zu dürfen. Nun büßte meine Mutter ihre vorher begangenen Fehler ab mit der schweren und langen Pflege rund um die Uhr. Er ließ unter sich, erbrach Kot zum Schluss, magerte ab zum Skelett und hatte grässliche Schmerzen, denn der Kassenarzt kam erst spät abends mit einer erlösenden Spritze. Meine Mutter und ich machten abwechselnd monatelang Nachtwache bis zu seinem grauenvollen Sterben, das nicht enden wollte, weil er ein starkes Herz hatte. Ich schrie laut zu Gott, er solle doch ein Einsehen haben und diesen entsetzlichen Qualen ein Ende bereiten! Sein Todeskampf machte mich rasend vor Verzweiflung, weil der Arzt nicht kam und er stundenlang in der letzten Agonie grässliche Qualen litt. Sein total ausgemergelter Körper, den ich leicht allein heben und tragen konnte in dieser Pflegezeit, bäumte sich auf unter fürchterlichem Röcheln, stundenlang, und ich war hilflos, konnte nichts tun! Ich flehte und flehte um Gottes Erbarmen, und weil ich nicht erhört wurde, wandte ich mich für lange Zeit von Gott ab. Ein ganzes Jahr lang trauerte und weinte ich um meinen über alles geliebten Vater. Mit ihm war in mir auch Jesus gestorben.

    Als man seinen Leichnam in einem Leintuch die enge Treppe hinunterbrachte zum Sarg, versprach ich meinem Vater, ehe ich ihn aus meiner Umklammerung losließ, dass wir uns wiedersehen würden, damals noch nichts von Reinkarnation wissend. Nie hätte ich mir in dem Moment vorstellen können, wie wahr dies werden und auf welche Weise es geschehen würde: Diese Seele, dieser über alles geliebte Mensch, wurde in mir wiedergeboren!

    Auch nach dem Tod meiner Mutter weinte ich ein Jahr lang jeden Abend vor dem Einschlafen, während mich noch Schuldgefühle quälten, weil ich ihr als Kind so oft den Tod gewünscht hatte. Sie wurde bei Freunden von uns als Mädchen wiedergeboren, und ich konnte ihnen den genauen Augenblick der Geburt sagen, so stark spürte ich diese Seele wieder in dieser Welt. Als sie mich um einen Vorschlag für den Namen des Kindes baten, nannte ich spontan einen indischen. Als die inzwischen Zweijährige später unseren Meister zum ersten Mal bei uns sah, warf sie sich lang mit ausgestreckten Armen, wie die Inder es tun, vor ihm nieder, was sie noch nie gesehen hatte in diesem Leben. Er musste lachen und sagte in einer fremden Sprache, die sie verstand, dass sie sich an ihn erinnere. Meine erstaunten Gedanken wahrnehmend, dass sie doch meine Mutter gewesen sei, wandte er sich mir zu und sagte, sie sei inzwischen in Madras bei Devotees gewesen, sei aber schon als kleines Kind durch einen Unfall gestorben. Sobald das Mädchen dann sprechen konnte, erzählte sie den Eltern von einem Tod durch Ertrinken.

    Das Trauma des Krieges, all die eigenen und fremden Ängste, die Disharmonie in der Familie, das Mitleiden mit meinem Vater, die ohnmächtige Wut auf meine Mutter, dies alles trug zur Bedrückung und Freudlosigkeit meiner Kindheit bei. Erst viel später wurde mir rückblickend bewusst, dass ich, hochsensibel wie ich war, fast ständig ein Brennen im Sonnengeflecht gehabt hatte, das mich unterschwellig quälte und auch die schöneren Momente überschattete. Das persönliche wie auch das kollektive Umfeld waren überschattet von Dunkelheit, und Dunkles überschattete auch ständig das Licht in mir. Soweit ich zurückfühlen kann, empfand ich mich wie vom Himmel auf die Erde gefallen mit einem harten Aufprall. Später durfte ich durch meinen Meister erfahren, dass ich aus höchster Sphäre freiwillig mit ihm zusammen auf diese Erde heruntergekommen war. Unmittelbar vor diesem Leben war ich der leibliche und geistige Sohn eines Brahmanen und Gurus in Indien, der auch mein jetziger Guru wurde! Als ich einmal in Indien ein altes Foto von einem Guru sah, fing ich an zu zittern und lief aufgelöst in Tränen zu ihm hin und fragte ihn mit starkem Herzklopfen, ob ich diesen Guru kannte. Erst jetzt sagte er mir, auch er mit Tränen in den Augen, dass ich sein Sohn gewesen sei. Ein Hellseher verkündete mir, lange vor der Begegnung mit dem Meister, er sehe mich wie an einem Fenster sitzend, wartend, hoffend, ausschauend nach jemand. Und dieser Jemand war mein Meister.

    KAPITEL 3

    DEM LEBEN HINGEGEBEN

    Als ich neun Jahre alt war, sprach mich ein junger Mann an, ob er mein Gesicht fotografieren dürfe und ob ich ihm dann Modell stehen würde für seine Madonna. Er war Maler und Bildhauer und arbeitete in der Sakristei unserer weitgehend zerstörten Kirche, fünf Jahre nach der Bombardierung und meinem Trauma unter dem zerbombten Pfarrhaus daneben. Erstaunt erahnte ich eine neue Welt, die Welt der Sinne, die meine erste Lebenshälfte bald reichlich ausfüllen sollte. Ich war überrascht, dass mich jemand hübsch fand, nachdem meine Mutter mir so oft gesagt hatte, dass ich etwas lernen müsse, denn wer wisse, ob ich einen Mann bekäme! Der einzige Kuss von ihr, den ich jemals bekam, war nur ein Test, ob meine vorstehenden Zähne beim Küssen später stören würden, wonach sie meine Zähne beim besten Zahnarzt regulieren ließ. Aber die Madonna mit meinem Gesicht wurde nicht fertig, denn meine Mutter machte dem Modellstehen energisch ein Ende.

    Viele Jahre verbrachte ich ohne meine Mutter bei Freunden meiner Schwester die Sommerferien auf einem großen Gutshof am Chiemsee in Bayern. Viel allein gelassen und schon immer das Alleinsein genießend, hatte ich keine Mühe, mich allein zu beschäftigen, und genoss die Streifzüge durch die geliebte Natur mit Mohrchen, dem großen schwarzen Neufundländer, oder allein mit ihm auf den Balkonen des riesigen Herrenhauses lesend mit Büchern aus der noch intakten Bibliothek mit bis zur Decke reichenden, mit Tausenden von Büchern gefüllten Regalen. Meine bis dahin unterdrückten Sinne erwachten und entzückten sich an dem vielen Schönen, das ich in dieser herrlichen Landschaft und ländlichen Umgebung betrachten, schnuppern, riechen, fühlen, streicheln, schmecken und hören konnte. Jetzt geborgen am mütterlichen Busen der Natur, konnte ich ohne meine Mutter frei und uneingeschnürt atmen, und wie ich aufatmete! Tief sog ich die vielen verschiedenen Düfte ein von Blumen, Wiesen, Wald und Moor, den Geruch von Tieren, Ställen und dem sonnenerwärmten Holz der Balkone, von selbstgesuchten würzigen Champignons und Kräutern, von dampfender Erde und Wiesen nach einem Gewitter, alles beschnupperte ich wie mein ständiger Begleiter Mohrchen und entdeckte jeden Tag etwas sinnlich Neues. Ich ließ die Haflinger-Pferde den Zucker in meiner Dirndlschürzentasche suchen und küsste sie zärtlich auf die weichen weißrosa Nüstern. Alles war sinnliche Lebenslust, die ich hier erst entdeckte mit neuer Liebe zum Leben. Auf den Balkonen des Herrenhauses konnte ich mich nicht sattsehen an der herrlichen Aussicht auf die Berge. Doch von ganz tief her stieg eine mächtige Sehnsucht in mir auf nach richtigen Schneebergen, die viel später, nach gesättigter Reiselust, nachdem ich viele Male um die ganze Welt gereist war und in verschiedenen Ländern gelebt hatte, ganz und gar und vollumfänglich gestillt und für immer erfüllt wurde in einem Himmel-auf-Erden-Haus in den Schweizer Bergen, Jungfrau, Mönch und Eiger gegenüber wie zum Greifen nahe. Das übertraf alles, was ich mir damals, den bayerischen Alpen gegenüber, erträumt hatte.

    Mit dreizehn Jahren fing ein neues Leben an mit meiner ersten großen Liebe, mit einem siebzehnjährigen Schüler vom Jungen-Gymnasium – ich war auf dem getrennten Mädchengymnasium –, die zehn Jahre dauerte. Eine himmelstürmende Liebe, die ganz knospenhaft zart als Frühlingserwachen begann, wie auch das Stück von Grieg hieß, das mein strohblonder Liebster mir oft auf dem Klavier vorspielen musste, wo er doch viel lieber mit Beethoven darüberbrauste, was ihn berauschte. Sehnsuchtsvoll dahinschmelzend, lehnte ich am Klavier, während meine Fantasie mit Peer Gynt in weite Fernen schweifte. Die Zartheit und Süße der ersten Liebe verschmolz mit der Natur auf eine romantisch-ekstatische Weise. Die später aufbrausende Leidenschaftlichkeit der Sinne war fast schmerzlich nach dieser zarten Knospenzeit voller Liebeswunder. Mit seinem Drängen nach mehr wurde die Liebe erdenschwer. Sinnlichkeit löste nun im ganzen Körper schon irgendwie tantrisch bis in alle Zellen im ganzen Körper Schauer und Beben aus, bis mir Hören und Sehen verging, auch ohne die letzte selbstgewählte Grenze zu durchbrechen. Dies war dann nach der Volljährigkeit meines Liebhabers zunächst enttäuschend: Ich die Erde, er der Pflug. Eindringen des Eindringlings statt vibrierendem Alles-Durchdringen bis in alle Zellen bei der Ganzkörperverschmelzung. Vorbei das zartzärtliche Spiel der Blumenkinder-Zeit.

    Die Semesterferien waren später bei aller Liebe und Sich-gut-Verstehen doch vor allem ein einziges Liebesfest. Mein Freund liebte es, bis an seine äußersten Grenzen zu gehen, aber die Abenteuer mit ihm ließen alte Erinnerungen anklingen an weit gefährlichere, sogar todbringende in der Vergangenheit, was uns jedoch nicht verbinden sollte, sondern eher der Beginn der Entzweiung war. Irgendwie ahnte ich bereits, dass unsere junge Liebe gar nicht so jung war, dass es sogar eine sehr alte Liebesgeschichte war, die nicht nur einmal tragisch durch meinen Tod endete. Da schwamm der Maßlose zum Beispiel von Huyères in Südfrankreich aus hinaus ins Meer auf eine ferne, aus dem Meer herausragende Insel zu, mich animierend zum Mitschwimmen. Sein Mut zum Übermut riss mich mit in so manches Abenteuer. Die Wogen wurden größer und größer, das Ufer ferner und ferner, und die Inseln vor uns waren immer noch gleich groß! So langsam wurde es ernst, an Umkehren war auch nicht mehr zu denken; die Augen, die Lippen und Nase brannten vom Salzwasser, und obwohl wir auf die bestimmte Insel zuzuschwimmen meinten, hatten wir wohl einen Zickzackkurs, denn sie wurde auch nicht größer, trotz stundenlangen Schwimmens. Jetzt hörte der Spaß auch bei ihm auf, als ich immer matter wurde und mich mit einer Hand an ihm halten musste. Verzweifelt winkten wir einem großen Tanker zu, aber niemand bemerkte uns, und so versuchten wir weiter, auf die Insel zuzuschwimmen. Jetzt mussten wir richtig kämpfen, er nahm mich immer wieder einmal eine Weile auf den Rücken, wenn ich nicht mehr konnte. Als wir uns endlich, endlich, am Ende unserer Kräfte, dieser Felseninsel der Îles Sauvages näherten, begann ein letzter verzweifelter Kampf mit einer Strömung, die uns nicht herankommen ließ. Mit den allerletzten Kräften schafften wir es schließlich, und uns nur mit dem Kopf aus dem Wasser ziehend, lagen wir wie gestrandete Delphine auf einem Felsen, zu erschöpft, um aus dem Wasser zu steigen. Das war dann äußerst schmerzhaft, weil man auf diesen nur aus spitzen Nadeln bestehenden Felsen nicht auftreten konnte, weshalb wir mit meiner Badekappe winkten, um auf uns aufmerksam zu machen.

    Endlich kam eine Jacht vorbei nach endlos langer Zeit, wie uns schien, und der Besitzer brachte uns mit seinem kleinen Motorboot durch die schwierige Strömung zu seinem Schiff. Höchst erstaunt über unser Abenteuer, schüttelte der Franzose den Kopf über die verrückten Deutschen, wie auch die anderen auf der einzigen bewohnten Insel, Porquerolles, zu der er uns dann brachte. Nur die maßlosen und ehrgeizigen Deutschen könnten so etwas Verrücktes tun, hieß es dann auch im Lokalblatt; gerade in der Woche vorher hätte man auch wieder zwei Haie gefangen. Auf dem großen Passagierschiff, das uns später nach Huyères zurückbrachte, gab man uns Decken und Cognac, der mir im Mund brannte, der außen und innen voller schmerzender Blasen war. Dazu hatte ich dick aufgeschwollene Lippen und Augenpartien. Noch stundenlang zitterte ich von dem Schock wegen der Strömung, der Angst und der wahnsinnigen Anstrengung und Kälte. Mein Leben war schon mehrmals in Gefahr gewesen, umso dankbarer war ich, alles bisher überlebt zu haben. Und mir war nun endgültig klar: Mein Jugendfreund war für mich nicht der Mann fürs Leben.

    Mit einem für beide Seiten schmerzlichen Ablösen riss ich mich los aus dieser Umklammerung, die mir auch zu fest, zu eng, zu begrenzt geworden war. Auch zwei weitere Heiratsanträge von sehr liebenswerten Verehrern lehnte ich ab, die beide über viele Jahre hinweg hartnäckig um mich warben und die ich ebenfalls schweren Herzens enttäuschen musste, denn ich wollte weit weg und mich endlich von allem befreien, was mich einengte. Ich glaubte, ich könnte mein Schicksal nun selbst in die

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