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Damit es aufhört: Vom befreienden Kampf der Opfer sexueller Gewalt in der Kirche

Damit es aufhört: Vom befreienden Kampf der Opfer sexueller Gewalt in der Kirche

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Damit es aufhört: Vom befreienden Kampf der Opfer sexueller Gewalt in der Kirche

Länge:
163 Seiten
2 Stunden
Freigegeben:
Jan 15, 2020
ISBN:
9783964765253
Format:
Buch

Beschreibung

Zehn Jahre ist es her, dass der Missbrauchsskandal am Berliner Canisius-Kolleg die Öffentlichkeit erschütterte und die Katholische Kirche in Deutschland in eine tiefe Krise stürzte. Matthias Katsch ist einer der Menschen, die 2010 die Fälle aktiv öffentlich gemacht haben. Seitdem streitet er um Aufklärung, Hilfe und Entschädigung für die Opfer sexuellen Missbrauchs. Doch was wurde erreicht? Matthias Katsch erzählt davon, wie es ihm persönlich gelang, das Schweigen zu durchbrechen und seine Geschichte öffentlich zu machen, und zieht nach zehn Jahren des Kampfes Bilanz. Trotz der gesellschaftlichen Diskussionen sind Scheu und Abwehr immer noch ausgeprägt. Immer noch werden Missbrauchsfälle von den Verantwortlichen vertuscht, immer noch warten die Opfer auf angemessene Entschädigung. Der gesellschaftliche Kampf gegen sexuelle Gewalt hat gerade erst begonnen.
Freigegeben:
Jan 15, 2020
ISBN:
9783964765253
Format:
Buch

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Damit es aufhört - Matthias Katsch

Dank

Sleepers

Erinnerung kann quälend sein.

Namen, Orte, Zeiten, die du verzweifelt versuchst heraufzubeschwören, wollen nicht aus dem Nebel heraustreten. So sehr du dich bemühst, sie herbeizuzwingen – immer wieder entgleiten dir die Fetzen. Anderes würdest du nur zu gerne vergessen, aber es klebt im Gedächtnis fest, verstopft alle Ausgänge, lässt dir keine Wahl, als immer wieder darüber zu stolpern.

Dann wiederum gibt es für ein und dasselbe Ereignis verschiedene Varianten, und wenn jemand die eine oder die andere davon bestätigte, wäre ich mir meiner eigenen Erinnerung sicherer.

Ich weiß nicht mehr, wann und wo ich den Spielfilm zum ersten Mal sah. Es war zugleich das letzte Mal, dass ich ihn von Anfang bis Ende ertragen habe. Denn ich war nicht auf die Wirkung vorbereitet.

Das Lexikon des Films sagt mir, dass Sleepers 1996 herauskam. Aber heißt das auch, dass er in diesem Jahr in Deutschland in die Kinos kam? Und in welchem Kino habe ich ihn gesehen, in welcher Stadt? In Halle an der Saale, wo ich arbeitete, oder in München, wo ich während des Studiums lebte, oder in Berlin, wo ich geboren bin und meine Eltern und der Großteil der Familie zu Hause sind? Ich weiß es nicht mehr.

War es im Fernsehen und ich saß gar nicht im Kinosessel, während ich in Tränen ausbrach? Sondern zu Hause auf der Couch? Aber wurde der Film überhaupt schon so früh nach dem Kinostart im Fernsehen gezeigt?

Ich weiß nur, dass ich allein war – zu meiner Erleichterung. Sonst hätte ich jemandem erklären müssen, weshalb mich das Schicksal der Protagonisten so tief erschütterte. Doch das wusste ich selbst nicht. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich keinen Zusammenhang mehr herstellen zu jenen Ereignissen meiner Kindheit und Jugend, die mich im Griff hatten, ohne dass ich es wusste. Der Zugang dorthin war verschüttet.

Erinnerungen, die keinen festen Anker im Gedächtnis haben, kein unumstößliches Datum, kein Faktum, das nicht infrage gestellt werden kann, weil es ein Bild gibt, einen Kalendereintrag oder die Bestätigung durch eine dritte Person – solche Erinnerungen erscheinen formlos und undurchdringlich wie dichter Nebel.

Ab und zu blitzen daraus einzelne Szenen auf, von denen sich aber oft nicht sicher sagen lässt, was davon aus erster Hand erinnert ist oder was später von anderen erzählt wurde, so dass nur diese Erzählung im Gedächtnis behalten wurde. Ist das meine eigene Erinnerung, wie ich mich mit dreieinhalb Jahren auf dem ersten Flug von West-Berlin nach Frankfurt am Main erbrach? Oder erinnere ich mich nur daran, wie meine Mutter die Szene später erzählt hat, und die vermeintliche Erinnerung ist nur ein Ergebnis kindlicher Fantasie, mit der ich zu irgendeinem späteren Zeitpunkt meiner Kindheit das Ereignis für mich bebilderte? Über den Besuch im Sommer 1966 selbst gibt es keinen Zweifel, es gibt Bilder, die mich als Knirps mit einem viel zu großen Fußball bei meiner Tante und ihrer Familie in der Wetterau zeigt. Zu fliegen war vor dem Transitabkommen von 1972 der einzig sichere Weg nach Westdeutschland. Meine Mutter war kurz vor dem Mauerbau aus dem Ostteil in den Westen der Stadt geflohen.

Manchmal hat sich im Gedächtnis nicht mehr als ein flüchtiger Eindruck erhalten. Ein winziger Ausschnitt, vergleichbar einem Frame aus einem Film. Was davor oder danach war, ist nicht mehr zu sehen, die Szene selbst ist daher völlig unbestimmt, aber es gibt da diese Stimmung, mehr noch ein Gefühl, manchmal eine Farbe oder einen Geruch. Dennoch kann sich mit so einem Fetzen Erinnerung ein sicheres Wissen verbinden, eine Überzeugung, dass es so und nur so gewesen sei.

Wir waren 1968 im Mai in Mamaia in Rumänien am Schwarzen Meer. Dafür gibt es Belege, ich habe die Fotos und den Urlaubsfilm oft gesehen. Aber die erste Begegnung mit dem Meer, die Wellen, die mir gigantisch hoch erschienen, der warme Sand der Dünen, das Licht, das sind eigene Erinnerungen, die wiederum ohne die äußeren Fakten unbestimmbar wären, zeitlos.

Mithilfe solcher Eindrücke kann ich, wie die meisten Menschen, eine schlüssige Erzählung meiner Kindheit und Jugend geben, aber ich könnte nicht beweisen, dass es so und so war, außer die äußere Wirklichkeit steht mir mit feststehenden Fakten zur Seite. So weiß ich, dass wir unseren ersten Farbfernseher zu den Olympischen Spielen 1972 bekamen, in dem wir die Triumphe von Ulrike Meyfarth ebenso sahen wie den Schrecken des Terrorangriffs auf das Olympische Dorf, nachdem ich mittags aus der Schule nach Hause gekommen war, ich war damals in der dritten Klasse. Ich schaue mir alte Schulzeugnisse an, und wüsste ich nicht, dass es meine sind, würde ich nichts damit verbinden. Stattdessen unscharfe Gesichter, kurze Szenen, Lehrer, deren Namen ich vergessen habe, außer den von Herrn Nalewalski, der auf die wiederholte Schülerfrage, warum man etwas nicht auch anders machen könnte als vom Lehrer erklärt, zu antworten pflegte: »Kann man machen, man kann sich aber auch ein Loch in die Kniescheibe bohren und warme Milch reingießen.«

So verhält es sich mit den meisten Erinnerungen an jahrzehntealte Ereignisse, sie sind unscharf und unklar, sie sind Teil eines Erinnerungsflusses, aber merkwürdig unpräzise. Erst in der Erzählung werden sie lebendig. Nicht immer ist logisch, weshalb sich genau diese Information eingeprägt hat, obwohl sie unwichtig ist, die wirklich wichtigen Fakten sich aber später nicht mehr ohne äußere Hilfe rekonstruieren lassen.

Doch diese Erinnerungen sind anders.

Ich sah den Film also irgendwann 1996 oder 1997, vielleicht sogar 1998. Später kann es nicht gewesen sein, weil sich im darauffolgenden Jahr mein Leben beruflich und privat veränderte und ich nicht allein ins Kino gegangen wäre oder spät vor dem Fernseher gesessen hätte, um mir den Film anzusehen. Es war dunkel um mich herum, und ich war allein. Das weiß ich sicher. Und dass ich geweint habe, unkontrollierbar, leise.

Sleepers beschreibt das Schicksal von vier New Yorker Jungen, die in den fünfziger Jahren in einem Arbeiterviertel in Manhattan aufwachsen, durch einen dummen Jungenstreich in einer »Besserungsanstalt« landen und dort von sadistischen Aufsehern gequält und vergewaltigt werden. Der junge Brad Pitt spielt mit, ebenso Robert de Niro.

Die Szenen, in denen die Gewalt mehr angedeutet als gezeigt wird, habe ich sofort wieder »vergessen«. Davon sind nur schattenhafte Eindrücke haften geblieben. Dann macht die Erzählung einen Sprung. Jahre später in einer schummrigen Bar: Zwei Männer sitzen an einem Tisch und schauen sich nach einem einzelnen Mann um, der abseits einsam seinen Drink nimmt. Sie stehen auf, sprechen den Mann kurz an, vergewissern sich, wie er heißt, und erschießen ihn.

Bei den Tätern handelt es sich um zwei der vier Jugendfreunde. Sie waren als Jungen in jener Anstalt von dem Mann gequält worden. Den Rest des Films kämpfen ihre Freunde vor Gericht um Freispruch für die Täter. Die Grausamkeiten, denen die vier in der Anstalt ausgesetzt waren, werden dabei weiter enthüllt. Während die Täter nach der Gewalterfahrung in ihrer Jugend nun als Handlanger für die Mafia tätig sind, sind ihre beiden Freunde einen anderen Weg gegangen. Der eine berichtet als Journalist über den Fall, der andere betreut das Verfahren als Staatsanwalt. Ihre eigene Betroffenheit bleibt verdeckt, nur so können sie die schuldigen Männer vor Gericht retten. Das entscheidende Alibi kommt ausgerechnet von einem Priester, Robert de Niro, der die Jungen seit ihrer Kindheit kennt und sich entschließt, einen Meineid zu schwören, als er erfährt, was die vier in der Anstalt durch den später erschossenen Aufseher erlitten haben.

Soweit die völlig unwahrscheinliche Konstellation, wie Kritiker des Films feststellten, auch wenn der Autor des zugrunde liegenden Buches behauptet, die Handlung beruhe auf Fakten. Mir jedoch erschien die Geschichte damals völlig plausibel. Opfer, die später selbst Gewalt ausüben, sind selten, aber unter Gewalttätern haben viele selbst Gewalt erfahren.¹ Nur Rachemorde an Tätern, die gibt es nicht, ich kenne keinen einzigen Fall.

Die lautstarke, rasende Wut auf die Täter begegnet mir eigentlich immer nur bei unbeteiligten Dritten. Während sich die Öffentlichkeit mit Abscheu auf die Täter stürzt, richten sich die Wut und der Zorn der Betroffenen eher auf die bystander im Umfeld der Tat, die nichts getan haben, um die Tat zu verhindern.

Meinen eigenen Sleepers-Moment erlebte ich Jahre später im Frühjahr oder Frühsommer 2005. Nicht in einer Bar, sondern bei einer öffentlichen Veranstaltung, doch ebenso unvermittelt.

Eine deutsche Ordensfrau, die ich seit meiner Jugend kannte, war in Berlin, um über ihre Arbeit in den Armenvierteln von Santiago de Chile zu berichten, wo sie seit 1968 lebte. In diesen Siedlungen am nördlichen Stadtrand der Millionenstadt hatte sie während der Jahre der Militärdiktatur Pinochets eine kirchliche Basisgemeinde und verschiedene Selbsthilfe-Projekte aufgebaut, darunter eine Suppenküche, einen Kindergarten und eine Gesundheitsstation. Nach und nach gab es weitere Projekte in anderen Siedlungen, und nach der Rückkehr des Landes zur Demokratie Anfang der neunziger Jahre entstand eine eigene Hilfsorganisation.

Ich hatte die Schwester während meiner Schulzeit, ich war damals 16 Jahre alt, bei einem Vortrag in der Aula der Schule kennengelernt und mich spontan als Freiwilliger angeboten. Nach meinem Abitur 1981 habe ich dann für 15 Monate in einem Armenviertel von Santiago de Chile in einer Gastfamilie gelebt, in einem Kindergarten und einem Hort mitgearbeitet und eine Jugendgruppe der Basisgemeinde betreut. Die Bewohner hatten die Siedlung nach der amerikanischen Aktivistin Angela Davis benannt, die Militärs änderten den Namen in Heroes de la Concepción, nach den Helden einer Schlacht des Salpeterkrieges im 19. Jahrhundert. Anfang der achtziger Jahre gab es dort weder Kanalisation noch asphaltierte Straßen, die meisten Menschen lebten in media aguas (wörtlich: »halbes Wasser«) genannten Holzhütten, die aus standardisierten Bauteilen zusammengezimmert waren. Als Dach diente ein schräg aufgesetztes Zinkblech, unter dem das Wasser im Winter kondensierte und auf die Bewohner herabtropfte.

Ich hatte die Schwester viele Jahre nicht gesehen. Der Vortrag fand im Pfarrsaal hinter der St.-Hedwigs-Kathedrale statt, dort war eine Ausstellung von Handarbeiten aus Frauenwerkstätten aufgebaut. Doch eigentlich habe ich daran keine Erinnerungen mehr, und auch nicht an den Inhalt des Vortrags.

Als ich den Raum betrat, stand da ein großer, übergewichtiger Mann mit leicht fettigen Haaren und einer Brille mit dicken Gläsern. Sofort registrierte ich sein besonderes Merkmal, auf das er selbst gleich in der ersten Religionsstunde im zweiten Halbjahr der Sexta 1974 zu sprechen kam: Eines der Augen (das linke?) blickte irritierend in die andere Richtung als jenes, mit dem er mich anschaute, begleitet von einem leicht spöttischen Gesichtsausdruck, der mich rot werden ließ. Seit meinem Abitur 1981 hatte ich ihn nicht mehr gesehen.

Ich war sprachlos. Ein 42-jähriger Akademiker, der sein Geld mit Schulungen, Vorträgen und Seminaren verdiente und gelernt hatte, vor großen Menschengruppen aufzutreten, wusste nicht, wohin mit sich unter diesem Blick. Schlagartig befand ich mich wieder in der Rolle des dreizehnjährigen schlaksigen linkischen Jungen, der von dem Priester befragt wurde. Diesmal stellte er mir keine intimen Fragen, die einen kleinen Jungen in Verlegenheit stürzten. Er erkundigte sich danach, wie es mir gehe, was ich beruflich machte. Und ich berichtete getreulich, dass ich im Vorjahr meine Festanstellung in dem Telekommunikationskonzern aufgegeben hatte, wo ich nach Philosophiestudium und einigen Jahren in der Erwachsenenbildung über ein Jahrzehnt im Projekt- und Qualitätsmanagement gearbeitet hatte, um nunmehr als freiberuflicher Trainer und Berater tätig

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