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Banshee Livie (Band 5): Klauen für Könner

Banshee Livie (Band 5): Klauen für Könner

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Banshee Livie (Band 5): Klauen für Könner

Länge:
350 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 19, 2020
ISBN:
9783038961390
Format:
Buch

Beschreibung

Ein blaues Plüschtier entführt die Banshee der Harrowmores direkt aus ihrer heimatlichen Dachkammer und liefert sie einem unheimlichen Tribunal aus.
Unschuldig verurteilt, findet sich Livie plötzlich in der Ewigen Bibliothek zwischen Unmengen von Büchern wieder. Wem hat sie all das zu verdanken? Steckt etwa ihr guter Freund, der Zauberer Zach, dahinter? Und was ist das für ein Buch, nach dem gesucht wird? Livie muss das Rätsel lösen, obwohl ihr neuer Vorgesetzter Feuer spuckt, wenn sie sich ihm widersetzt …
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 19, 2020
ISBN:
9783038961390
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Banshee Livie (Band 5)

Buchvorschau

Banshee Livie (Band 5) - Miriam Rademacher

Inhaltsverzeichnis

Titel

Informationen zum Buch

Impressum

Widmung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Epilog

Dank

Miriam Rademacher

Banshee Livie

Band 5: Klauen für Könner

Fantasy

Banshee Livie (Band 5): Klauen für Könner

Ein blaues Plüschtier entführt die Banshee der Harrowmores direkt aus ihrer heimatlichen Dachkammer und liefert sie einem unheimlichen Tribunal aus.

Unschuldig verurteilt, findet sich Livie plötzlich in der Ewigen Bibliothek zwischen Unmengen von Büchern wieder. Wem hat sie all das zu verdanken? Steckt etwa ihr guter Freund, der Zauberer Zach, dahinter? Und was ist das für ein Buch, nach dem gesucht wird? Livie muss das Rätsel lösen, obwohl ihr neuer Vorgesetzter Feuer spuckt, wenn sie sich ihm widersetzt …

Die Autorin

Miriam Rademacher, Jahrgang 1973, wuchs auf einem kleinen Barockschloss im Emsland auf und begann früh mit dem Schreiben. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Osnabrück, wo sie an ihren Büchern arbeitet und Tanz unterrichtet. Sie mag Regen, wenn es nach Herbst riecht, es früh dunkel wird und die Printen beim Lesen wieder schmecken. In den letzten Jahren hat sie zahlreiche Kurzgeschichten, Fantasyromane, Krimis, Jugendbücher und ein Bilderbuch für Kinder veröffentlicht.

www.sternensand-verlag.ch

info@sternensand-verlag.ch

1. Auflage, Juni 2020

© Sternensand Verlag GmbH, Zürich 2020

Umschlaggestaltung: Juliane Schneeweiss

Lektorat / Korrektorat: Sternensand Verlag GmbH | Natalie Röllig

Korrektorat 2: Sternensand Verlag GmbH | Jennifer Papendick

Satz: Sternensand Verlag GmbH

ISBN (Taschenbuch): 978-3-03896-138-3

ISBN (epub): 978-3-03896-139-0

Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Diese Geschichte ist für jene unter uns,

die manchmal nicht wissen,

ob sie zu den Guten oder zu den Bösen gehören.

Niemand ist perfekt. ;-)

Prolog

Unter der venezianischen Rialtobrücke dümpelte Irgendjemand im Kielwasser einer Gondel und sah hinauf zu dem steinernen Bogen über seinem Kopf. Den Namen Irgendjemand hatte er sich selbst gegeben, denn er liebte ein gewisses Maß an Verwirrung und Chaos rund um seine Person, von der er selbst der Meinung war, dass Schönheit zu ihren hervorstechendsten Merkmalen gehörte.

Irgendjemand war ein Wassergeist, ein Mummel, um genau zu sein. In den Gewässern der Welt schwammen viele Mummel, Wassergeister, die, wie allgemein angenommen, ihren Ursprung vermutlich in einem See gleichen Namens hatten.

Doch nicht immer glich ein Mummel dem anderen. Manche, wie Irgendjemand beispielsweise, waren mit einer nahezu menschlichen Physiognomie gesegnet. In seinem Falle mit dichtem schwarzen Haar, einem markanten Gesicht und einem muskulösen Körper, den er gern zur Schau stellte.

Aber es gab natürlich auch andere. Manche von ihnen glichen Ottern, Schnabeltieren oder im schlimmsten Falle, wie Irgendjemand fand, schwimmenden Plüschkarotten. Diese armseligen Mummel hatten kaum die Chance, jemals Achtung ihrer Artgenossen zu erringen, ihre Erfahrungen trugen selten etwas zu dem kollektiven Erinnerungsvermögen der Mummel bei, ihre Existenz erlangte nie Bedeutung.

Ganz anders war es um Irgendjemand bestellt. Er war beliebt, wurde bewundert und man holte oft seinen Rat ein. Nicht nur Wasserwesen, nein, fast jede magische Lebensform griff gern auf den großen Wissensschatz der Mummel zurück. Diese Wassergeister sammelten Erinnerungen. Ihr Gedächtnis, das ihnen allen gemein war, war wertvoller als jede menschliche Bibliothek und schlug sogar das Internet um Längen, wenn man denn mit Mummelerinnerungen umgehen konnte.

Auch jetzt spürte Irgendjemand, dass er gerufen wurde. Während hier sein Körper vom Wasser des Kanals gestreichelt wurde, fühlte er ganz deutlich, dass irgendwo auf der Welt eine Einladung für einen Mummel ausgesprochen worden war. Dafür ließ ein magisch begabtes Wesen gerade zwischen seinen Handflächen ein gut befülltes Aquarium entstehen und bat auf diesem Wege um baldiges Kommen und Hilfe.

Irgendjemands Interesse war geweckt. Er hatte sich stets seine Neugier bewahrt. Ein Ruf bedeutete Abwechslung, neue Kontakte, neue Geschichten. Es war fast wie ein Blind Date und manchmal genauso aufregend. Irgendjemand liebte diese Art der Kontaktaufnahme. Er wusste, dass es Mummel gab, die einem solchen Ruf folgten und sogar für immer blieben, kleine Wassergeister, die auf der Suche nach lebenslangen Bindungen waren. Doch das traf auf ihn nicht zu. Für Irgendjemand waren Einladungen eine willkommene Abwechslung, danach aber setzte er seine endlose Reise durch die Gewässer fort.

Jetzt lauschte er aufmerksam dem lauter werdenden Ruf, spürte, wie sein Körper Venedig und all seine Schönheit hinter sich lassen wollte, um an einem anderen Ort neu zu entstehen. Er entspannte sich, seine Gedanken trieben dahin wie das Wasser. Gleich würde er dort sein, wo auch immer es war. Er spürte, dass er erwartet wurde …

Tropfen stoben aus seinem Haar, als Irgendjemand die Wasseroberfläche durchbrach und sich am Rand des großzügigen Aquariums hochzog, um die neue Umgebung in Augenschein zu nehmen. Es war ein prächtiges Mummelbecken, fast schon ein kleiner Swimmingpool. Man hatte sich seinetwegen große Mühe gegeben.

Umso verwirrender fand er die Dunkelheit, die ihn und sein Behältnis umgab.

Wo steckte denn der Rufer? Warum stand er nicht am Beckenrand, um ihn zu begrüßen?

»Hallo?« Irgendjemand kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Hatte sich da nicht gerade etwas in der Dunkelheit bewegt? »Ist da jemand?«

Ja, er hatte sich nicht getäuscht. Lautlos bewegte sich ein noch dunklerer Schatten in der Schwärze, die ihn umgab, und jetzt flammte eine Deckenlampe über ihm auf.

Die schmucklose Neonröhre tauchte seine neue Umgebung in kaltes Licht. Es war ein bis zur Decke in abstoßendem Gelb gefliester Raum von geringen Ausmaßen. Fast eine Zelle.

Neben dem Lichtschalter, nahe einer geschlossenen Tür, entdeckte Irgendjemand drei Gestalten, die ihm menschlich erschienen. Ganz sicher war er sich allerdings nicht, denn die drei waren von Kopf bis Fuß in dunkelblaue Kutten gehüllt, deren Kapuzen sie sich tief in die Gesichter gezogen hatten.

Ein ganz neues Gefühl ergriff von Irgendjemand Besitz. Er vermutete, dass es sich um so etwas wie Beklemmung handelte.

»Ich bin eingeladen worden«, rief er den Kuttengestalten zu und konnte einen Anflug von Furcht in seiner eigenen Stimme hören.

»Das ist richtig«, antwortete ihm die mittlere der seltsamen Gestalten. »Wir sind sehr erfreut, dass es uns tatsächlich gelungen ist, einen Mummel herbeizurufen. Es klappt also wirklich, das ist sehr befriedigend.«

»Möchtet ihr auf das Wissen der Mummel zurückgreifen?« Irgendjemand fühlte sich noch immer sehr verunsichert. Er wünschte sich meilenweit weg. Dies hier versprach gar nicht lustig zu werden. »Dann müsst ihr zuerst eine Vermutung äußern, die ich euch mit einer Vision auf dem Wasserspiegel bestätigen kann. Befindet ihr euch allerdings im Irrtum, bleibt das Wasser klar und wird nichts preisgeben. So sagt die Regel.«

Irgendjemand hielt es für angebracht, seinen Gastgebern dies zu erläutern, da er den Eindruck hatte, dass sie im Umgang mit Mummeln noch recht unerfahren waren.

Die mittlere Kuttengestalt gab ein Grunzen von sich, das Irgendjemand als Lachen interpretierte. »Nur zu gern würde ich einmal in den Genuss eines echten Mummelkinos kommen, doch ich fürchte, wir haben gar keine Fragen. Im Gegenteil: All unsere Fragen wurden soeben beantwortet.«

»Dann kann ich ja wieder gehen«, erwiderte der Mummel, dem immer mulmiger wurde. »Hätte jemand mit mentalen Kräften bitte die Güte, dieses Bassin zu einem Wasserweg schweben zu lassen, damit ich mich verabschieden kann? Ein Fluss wäre nett, aber zur Not gleite ich auch durch ein Abflussrohr. Ich bin sehr anpassungsfähig.«

»Davon haben wir gehört.« Der Sprecher der Gruppe trat näher, wobei ihm die anderen beiden lautlos folgten. »Aber es ist uns leider nicht möglich, dich einfach wieder gehen zu lassen, zumindest noch nicht. Nicht solange du etwas besitzt, das wir haben möchten.«

Irgendjemand sah an sich hinab. Eitel, wie er war, verzichtete er auf jedes unnötige Kleidungsstück und trug wie immer nur eine weiße knielange Jeans mit ausgefranstem Saum. Sie war alles, was er besaß. Er war ein Mummel, ihn interessierten nur Erinnerungen, die er eifrig sammelte.

»Ich besitze nichts außer Wissen«, versicherte er schnell. »Etwas anderes kann ich euch nicht bieten.«

»Oh, doch. Das kannst du.« Diese Worte klangen unheilvoll, und Irgendjemand spürte deutlich die Gefahr, in der er sich jetzt befand.

Es schien der richtige Zeitpunkt gekommen, um eine Warnung auszusprechen. »Es ist nicht klug, einem Mummel Böses zu wollen. Wir vergessen nie, und die Rache des Wassers wäre euch gewiss.«

Irgendjemand bemerkte die winzigen Wellen, die sein zitternder Körper jetzt im Bassin erzeugte. Noch nie hatte er sich in einer Situation wie dieser befunden. Wer würde sich auch einen Mummel zum Feind machen wollen? Niemand, das hatte er bis jetzt zumindest geglaubt.

Nun beobachtete er, wie sich die linke der Gestalten von seinen Gefährten entfernte und zielstrebig ein metallenes Tischchen ansteuerte, das seiner Aufmerksamkeit bisher entgangen war. Auf ihm lagen eine Reihe schlanker silberner Gegenstände, die Irgendjemands ungutes Gefühl deutlich verstärkten.

»Was ist das hier für ein Ort? Was habt ihr mit mir vor?«

Die Gestalt am Metalltisch hob einen der Gegenstände in die Höhe. Es war eine Spritze von beeindruckender Größe mit auffallend gebogener Nadel. »Legst du Wert auf eine Betäubung, Wassermann?«

Die Verachtung, die in den Worten mitschwang, ließ keinen Zweifel daran, dass Irgendjemand hier an diesem Ort nicht mehr als Individuum, als lebendiges, fühlendes Wesen, angesehen wurde. Er war nur ein Wassermann.

»Aber ich habe doch gar nichts, was ich euch geben könnte.« Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

»Oh, doch«, sagte nun wieder die Gestalt, die das Gespräch begonnen hatte. »Und es hat gar keinen Zweck, es zu leugnen. Wir wissen alles über dich und deine Art. Mit euch bricht für uns die Zukunft an. Du bist der Erste, der uns geben wird, was wir wollen. Andere wie du werden folgen.«

Irgendjemand tat das Einzige, was ihm noch blieb: Er tauchte ab. Doch als die drei Kuttenträger furchtlos über den Rand des Aquariums zu ihm ins Wasser stiegen, wusste er schon, dass er ihrer Überzahl nicht gewachsen sein würde. Zwar befanden sie sich hier in seinem Element, doch wohin sollte er fliehen?

Was hätte er jetzt darum gegeben, von einem freundlichen Wesen erneut gerufen zu werden, dann wäre er diesem Bassin problemlos entkommen. Doch kein Ruf rettete ihn, und eine Flucht zu Fuß war für einen Mummel eine lebensgefährliche Sache.

Wie weit war das nächste fließende Gewässer von diesem Becken entfernt? Länger, als er es auf dem Trockenen aushalten würde? Das würde seinen sicheren Tod bedeuten. Doch was erwartete ihn hier?

Als gleich mehrere Hände nach ihm griffen, an ihm zerrten und ihn an die Bassinwand drängten, stellte Irgendjemand das Denken ein.

Von blinder Panik erfüllt, schlug er um sich, versuchte zu entkommen. Notfalls würde er die Flucht auf dem Landweg wagen müssen, alles war besser als das hier.

Schon hörte er das Glas in seinem Rücken gefährlich knacken, doch es brach nicht. Und die Hände seiner Gegner waren jetzt überall, machten ihn bewegungsunfähig.

Sein einziger Erfolg bestand darin, einem seiner Angreifer die Kapuze vom Kopf zu reißen. Was er sah, ließ seinen Herzschlag vor Entsetzen stolpern.

Kapitel 1

»Oh, Verzeihung! Das ist mir unendlich peinlich. Ich wollte nicht …«

Ich wusste natürlich, dass all mein Rumgestotter sinnlos war, denn Cameron Harrowmore, der Erbe eines Dreiviertelschlosses und Teil der Familie, für die ich als Banshee zuständig war, konnte mich zwar sehen, wie ich da am Fußende seines Bettes stand, aber leider nicht hören.

Ich hatte mich an diesem Sonntagmorgen für einen visuellen anstelle eines akustischen Auftritts entschieden, um ihn darüber in Kenntnis zu setzen, dass seine Mutter Claire in Kürze über einen herrenlosen Wäschekorb stolpern und eine Treppe hinunterstürzen würde, wenn sie nicht jemand aufhielt.

Und das hatte ich nun davon: den freien Blick auf alles, was ich niemals hatte sehen wollen. Mein Gott, war mir das unangenehm.

Aber natürlich hatte ein noch recht junger Witwer wie Cameron ein Recht auf ein Liebesleben. Und diese Blondine war wirklich hübsch und gut gebaut und hatte ein niedliches Schmetterlingstattoo auf dem Steißbein.

»Cameron, wer ist die Frau dort, die uns anstarrt?«, hörte ich sie jetzt entgeistert fragen.

Aus reiner Rücksicht wurde ich gleich einmal unsichtbar. Nur machte mich das nicht blind. Leider.

»Das war unsere Banshee, der Schlossgeist, wenn du so willst.« Camerons Gesicht lief dunkelrot an. Ob vor Ärger oder Scham, war mir nicht ganz klar. »Dana, Liebling, es tut mir furchtbar leid, ich bin gleich wieder da.«

Mit diesen Worten sprang er von Dana und seinem Bett, zerrte einen Morgenmantel aus dem Schrank und lief, sich hastig anziehend, zur Zimmertür. »Folge mir, wir besprechen das draußen.«

»Ich gehe doch nicht nackt raus auf den Flur«, protestierte die Frau namens Dana.

»Ich meine auch nicht dich, du wartest hier. Ich spreche mit meiner Banshee.« Camerons Stimme hatte einen leicht grollenden Unterton angenommen.

Schuldbewusst und noch immer unsichtbar folgte ich ihm aus seinem Schlafzimmer. Konnte ich etwa was dafür? Nein, ganz sicher nicht. Ich machte hier schließlich nur meinen Job.

»Ich bin doch nicht einfach nur ein Schlossgeist«, maulte ich, obwohl ich wusste, dass ich in ihm keinen Zuhörer hatte. »Ich bewahre dich und die deinen vor tödlichen Unfällen.«

Cameron, offensichtlich noch immer sehr verlegen, knotete am Gürtel seines Bademantels herum und hielt nach mir Ausschau. Also erschien ich ihm erneut, um stumm zu klagen, wobei ich ihm zunächst einmal mit ausladenden Gesten versicherte, wie peinlich mir dieser Vorfall war.

»Schon gut, schon gut, du kannst ja nichts dafür.«

Genau das hatte ich von ihm hören wollen.

»Verrätst du mir jetzt auch, was überhaupt los ist? Brennt das Kinderzimmer?«

Ich schüttelte den Kopf und forderte ihn zum Weiterraten auf, wobei ich ihm den ersten Hinweis servierte: Ein imaginäres Buch in den Händen haltend, taumelte ich vorwärts.

»Meine Mutter liest schon wieder Schundromane im Gehen?«, riet Cameron tapfer drauflos.

Ich hob beide Daumen und strahlte ihn an. Cameron kannte seine Familie eben genau.

»Vermutlich ist sie im Begriff, mit dem Kopf voran eine lange, steile Treppe hinabzustürzen?«

Er war grandios. Ich belohnte ihn mit einem improvisierten Cheerleaderinnen-Auftritt.

»Na, dann werde ich eilen und ihr den Hals retten.« Mit diesen Worten wandte er sich von mir ab und rannte davon, pfeilgerade den Wohnräumen seiner Eltern entgegen.

Am Ende des Flures prallte er fast mit seiner jüngeren Schwester Millie zusammen, murmelte hastig eine Entschuldigung und verschwand um eine Ecke.

Millie sah ihm kopfschüttelnd nach, dann entdeckte sie mich. »Oh, ist schon wieder etwas passiert?«

»Nein, ist es nicht«, widersprach ich. »Und wird es wohl auch nicht, dank mir.«

Bei Millie konnte ich mir die alberne Scharade verkneifen. Ihr Druidenerbe ermöglichte es ihr, mich mit allen Sinnen wahrzunehmen. Sie war meine beste Freundin hier auf Schloss Harrowmore und erst kürzlich Mutter zweier äußerst begabter Zwillinge geworden. Selbige saßen für gewöhnlich quengelnd auf ihren Hüftknochen, doch an diesem Herbstmorgen fehlten sie.

Ich hob fragend die Augenbrauen. »Du wirkst irgendwie unvollständig. Wo sind die kleinen Tyrannen geblieben, die dich für gewöhnlich belagern? Du wirst sie doch nicht in einem Moment des Hormonmangels ertränkt haben.«

Auf Millies Gesicht breitete sich ein sonniges Lächeln aus. »Ob du es glaubst oder nicht: Sie schlafen. Beide gleichzeitig. Ich schätze, das ist das erste Mal seit ihrer Geburt.«

»Herzlichen Glückwunsch.« Ich meinte es ehrlich. Ich wusste nur zu gut, wie sehr ihr die letzten Monate zugesetzt hatten. Obwohl ich ihr, so oft ich konnte, wenigstens ihre Tochter Allison abgenommen hatte, wirkte Millie zusehends schmaler und blasser auf mich. Der Rest ihres Babybauches war in den letzten Monaten schneller dahingeschmolzen als Vanilleeis in der Sommersonne. »Dann hätte ich mit meiner Warnung ja auch zu dir kommen können, anstatt deinem Bruder einen Coitus interruptus zu bescheren.«

Vor Überraschung ließ Millie die Bücher, die sie unter den linken Arm geklemmt mit sich herumtrug, fallen. Wir bückten uns gleichzeitig, um sie wieder einzusammeln. Ich allerdings mehr aus einem alten, sehr menschlichen Reflex heraus, denn ich konnte seit meinem Tode keine gewöhnlichen Gegenstände mehr berühren und sie nur mithilfe telepathischer Kräfte bewegen.

»Cameron hat ein Mädchen auf seinem Zimmer?« Millie klang ehrlich verblüfft.

»Es geschehen noch Zeichen und Wunder«, erwiderte ich. »Sie heißt übrigens Dana.«

»Ach herrje. Ausgerechnet die Liebe zu seiner Sandkastenfreundin Dana musste er wieder auffrischen? Na ja, solange sie nur Spaß miteinander haben, soll es mir egal sein. Aber wehe, ich muss sie eines Tages als neue Schwägerin im Schloss willkommen heißen.«

»Nicht ganz dein Typ?« Ich sah sie mitleidsvoll an, als mein Blick auf ein goldenes Büchlein fiel, das Millie noch nicht wieder auf ihren Stapel gelegt hatte. »Hey, das kenne ich doch.« Ich streckte die Finger nach dem Büchlein aus und war kein bisschen überrascht, als ich es berühren konnte. »Das ist eines der Tagebücher von Hyronimus Maplefit, das mir Zach aus der Bibliothek mitgebracht hat. Ich habe es schon überall gesucht.«

»Diese Dana ist eine furchtbare Person«, fuhr Millie eine Spur zu hastig fort. »Seit ihrer Geburt weiß sie alles besser und lässt dich unaufgefordert an ihrem Wissen teilhaben. Egal ob es um die richtige Ernährung, die richtige Kleidung oder die richtige Lebensplanung geht. Dana weiß immer Rat, ob du ihn hören willst oder nicht.«

»Wie kommst du an dieses Buch?«, unterbrach ich sie ungehalten. »Ich hatte es unter meinem Sofakissen versteckt.«

»Ja, und genau dort habe ich es gefunden«, gab Millie verlegen zu.

»Kannst du mich nicht wenigstens fragen, bevor du dir das einzige Buch ausleihst, das ich in Händen halten kann?« Ich nahm Maplefits Werk an mich und erhob mich aus der Hocke.

Auch Millie richtete sich wieder auf und schob sich den Bücherstapel unter den Arm. »Es tut mir leid, okay? Ich fand es durch Zufall, als ich allein mit meinen beiden nervigen Kindern auf dich in deiner Dachkammer wartete. Als du einfach nicht auftauchtest, ließ ich Allison auf deinem Sofa zurück, quasi im Tausch gegen das Buch. Ich wollte es ja zurückbringen, aber ich habe es vergessen. Es muss schon seit Wochen auf dem Stapel neben meinem Bett gelegen haben. Ich komme einfach nicht zum Lesen, weißt du?«

»Du hast deine Tochter gegen ein Buch eingetauscht?« Ich sah sie vorwurfsvoll an. »Findest du das nicht etwas bedenklich?«

Millie zuckte mit den Schultern. »Bücher liegen mir eben mehr. Und Allison schläft nirgendwo besser als auf deiner Couch.« Sie deutete auf das Buch, das ich besitzergreifend an meine Brust presste. »Stammt es wirklich aus der Ewigen Bibliothek? Wann muss es zurückgegeben werden?«

»Weiß ich nicht«, gestand ich. »Wie schon gesagt, hat Zach es mitgebracht und es dann bei mir liegen lassen. Ich selbst war noch nie in dieser sagenhaften Bibliothek. Du etwa?«

Millie schüttelte den Kopf. »Nein, ich weiß noch nicht einmal, wie man dort hinkommt. Aber ich habe mal gehört, dass mit den Bibliothekaren dort nicht gut Kirschen essen ist. Du solltest Zach das Buch besser bald zurückgeben.«

Ich stieß ein unwilliges Grunzen aus. Zach, der kleine Zauberer, den ich für einen meiner besten Freunde außerhalb Harrowmores hielt, hatte sich bei mir schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr blicken lassen. Ebenso wenig wie mein Mummel Sniff, der etwa zeitgleich mit Zach und mitsamt seinem Mummelglas aus meiner Dachkammer verschwunden war.

Ich hatte also seit geraumer Zeit zwei Abgänge zu beklagen und wurde allmählich ärgerlich. Zachs Ausbleiben war ja noch vertretbar. Der kleine Magier reiste durch Zeit und Raum, gut möglich, dass er gerade wieder etwas Wichtiges zu erledigen hatte.

Aber meinen Mummel Sniff betrachtete ich eigentlich fast als mein Eigentum. Von meinem ersten Banshee-Tag an war er an meiner Seite gewesen. Es fühlte sich ungewohnt an, ihn nicht in meiner Nähe zu wissen, und er fehlte mir schrecklich.

In diesem Moment kehrte Cameron von seinem Rettungseinsatz zurück, einen Korb mit dreckigen Stramplern vor sich hertragend. »Millicent Harrowmore. Kann es sein, dass du etwas am oberen Ende der Treppe vergessen hast? Und zwar genau im Laufweg?«

»Oh.« Millie sah schon wieder verlegen drein. »Das tut mir leid. Ich bin in letzter Zeit so zerstreut, ich schätze, das liegt noch immer an meinem Hormonhaushalt.«

Mit einem unwilligen Schnauben hielt Cameron seiner Schwester den Wäschekorb hin, die ihren Bücherstapel obenauf legte und die Dreckwäsche ihrer Zwillinge entgegennahm.

»Deine Kinder wurden im April geboren.« Cameron verschränkte die Arme vor der Brust. »Jetzt haben wir bereits Oktober. Ich kann nicht glauben, dass ein Hormoncocktail so lange für Gedächtnislücken sorgt. Auf mich haben Hormone übrigens nie diese Wirkung.«

»Du hast also nicht vergessen, dass du in deinem Schlafzimmer erwartet wirst?«, feixte Millie, und Cameron öffnete den Mund, nur um ihn gleich wieder zu schließen.

Mit erstaunlicher Geschwindigkeit verschwand er kommentarlos hinter seiner Zimmertür. Millie und ich sahen einander an und kicherten.

Doch dann packte meine Freundin ihren Korb mit Dreckwäsche fester und meinte: »Ich werde wohl besser mal meinen mütterlichen Pflichten nachkommen und diesen Berg hier in die Waschmaschine schmeißen.«

»Achte darauf, dass du keines der Bücher mitwäschst«, erwiderte ich und trat den Rückweg in meine Dachkammer an.

Wieder einmal hatte ich ein Mitglied der Familie vor dem Tod bewahrt. Ich fand, dass ich mir jetzt eine kleine Pause verdient hatte. Eine Lesepause.

Maplefits Werk noch immer fest an mich gedrückt, wandte ich mich zum Gehen.

Noch auf den Stufen zu meinem Domizil hörte ich es zum ersten Mal. Es klang, als würde eine sehr hohe Stimme sehr schräg singen oder heulen. Und je näher ich meiner Dachkammer kam, desto lauter wurden die misstönenden Klänge.

Vor meiner Tür blieb ich stehen und lauschte.

»Walt?«, rief ich und schalt mich im selben Moment eine Närrin.

Walt, mein Todesbote und zugleich der Mann, dem mein Herz gehörte, sang nicht. Schon gar nicht hoch und schief. Nein, eigentlich konnte es für diese Beleidigung meiner Ohren nur einen Grund geben: Sniff, mein Mummel, musste endlich heimgekehrt sein. Ja, kein Zweifel. Das klang nach einer Mummelstimmlage.

Freudig riss ich die Tür zur Dachkammer auf, trat ein und blieb überrascht stehen. Was dort auf dem improvisierten Wickeltisch vor dem großen Rundfenster hockte, hatte keinerlei Ähnlichkeit mit meinem Mummel. Es schien sich eher um einen fußballgroßen himmelblauen Koala zu handeln.

Ratlos betrachtete ich den Neuankömmling, der jetzt das Heulen eingestellt hatte und mich aus großen Knopfaugen neugierig anstarrte. Um was für ein Wesen es sich auch handeln mochte, ich sah ein derartiges Geschöpf heute zum ersten Mal.

»Hallo.« Es war das erste freundliche Wort, das mir in den Sinn kam.

Gleichzeitig löste ich den Blick von meinem Besucher und schaute mich in meinem Reich um, in der Hoffnung, Walt irgendwo zu entdecken. Doch der Todesbote von Schloss Harrowmore glänzte durch Abwesenheit.

Das niedliche Tierchen auf dem Wickeltisch indes antwortete auf meine Begrüßung mit einer schrägen Tonfolge. Eine richtige Sprache beherrschte es wohl nicht, jedenfalls nicht meine. Trotzdem versuchte ich mein Glück noch einmal.

»Wer bist du denn, du niedlicher kleiner Kerl? Hast du auch einen Namen?«

Der blaue Koala lächelte und entblößte dabei eine Reihe sehr spitzer Zähne.

»Wie bist du denn überhaupt hierhergekommen?«

Die Antwort bestand aus einem fröhlichen Winken mit schneeweißen Tatzen. Ich näherte mich dem kleinen Burschen langsam.

Nein, gefährlich schien mein Besucher nicht zu sein. ›Niedlich‹ traf es eher. Aber konnte ich dem äußeren Eindruck wirklich trauen?

Da kam mir ein Gedanke: Vielleicht war der Kleine ja ein Geschenk von Walt und sollte mich über das lange Ausbleiben meines Mummels hinwegtrösten. Ja, so konnte es sein. Der Koala glich so sehr einem niedlichen Haustier, dass er vermutlich genau das war.

»Bist du denn zahm?«, fragte ich vorsichtig, machte ein paar Schritte auf ihn zu und streckte zögernd eine Hand nach dem blauen Fellball aus.

Mein Gast verhielt sich abwartend, ließ meine sich ihm nähernde Hand aber nicht aus den Augen. Sein Grinsen wurde eine Spur breiter.

Mutig legte ich zwei Finger auf den Scheitel des Wesens und streichelte es sanft zwischen den Ohren. Für einen kurzen Moment schlossen sich seine Augenlider und ich sah meinen Verdacht bestätigt: Es war ein kuschliges, fluffiges Haustier.

Doch nur einen Wimpernschlag später griffen die weißen Pfötchen nach meinen Fingern und umklammerten sie fest.

Überrascht schaute ich dem Kerlchen in die Knopfaugen, die jetzt einen farbigen Schimmer annahmen, der mit jeder Sekunde intensiver wurde.

»Was zum …«

Zu spät bemerkte ich, dass der farbige Schimmer gar nicht von den Knopfaugen selbst ausging. Sie spiegelten nur das Licht wider, das uns umgab und sich jetzt zu einem gleißenden Strudel entwickelte.

»Das ist ein Teleport«, stellte ich fest. »Ich werde wegteleportiert. Aber

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