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Deutschland Zentrum eines Weltreiches - Politisches System, Krisenkonferenzen und Kriegsentschluss vor 1914

Deutschland Zentrum eines Weltreiches - Politisches System, Krisenkonferenzen und Kriegsentschluss vor 1914

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Deutschland Zentrum eines Weltreiches - Politisches System, Krisenkonferenzen und Kriegsentschluss vor 1914

Länge:
1,626 Seiten
19 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 20, 2020
ISBN:
9783750491021
Format:
Buch

Beschreibung

Die Haltung der deutschen Historikerschaft zum Forschungsgegenstand Erster Weltkrieg ließ sich aus meiner Sicht äußerst zurückhaltend an. Von Walter Hubatsch bis zu Erdmanns Brief an Schieder (1971). Die Historikertage zwischen 1974 und 2004 sind mir, mit deren Umgehungsstrategie zum Thema Erster Weltkrieg, rege in Erinnerung. Selbst 1978, als die Veranstaltung in Hamburg Fischer nicht ganz umgehen konnte (ihm wurde der übergreifende Abend-Vortrag zugestanden) blieb die Strategie unverändert. Das Manuskript wurde als Vorstufe für das “Bündnis der Eliten” genutzt.
Schließlich setzte, in den 90iger Jahren, Wolfgang Mommsen (Düsseldorf) zum Sturmangriff auf die Schule Fritz Fischers an. Dessen Bündnis mit den “Fleischtöpfen” der Bundeswehr (W.Deist), erlebte einen unerwarteten Aufschwung. Die HSBw Hamburg war mit Schülern der Gegner Fischers durchsetzt. Dass diese Träger der Kontroverse um den Ersten Weltkrieg im III. Reich an prominenter Stelle tätig gewesen waren, wurde erst in den 90iger Jahren mit Schieder/Conze deutlich. Ein Historikertag konnte sich dem nicht entziehen.
So blieb die "Verantwortung" für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges seit 1919 ein Politikum ersten Ranges. Vom Kriegsschuldreferat des Auswärtigen Amtes bis zu Clarks "Schlafwandlern" ist die deutsche, apologetische Tradition zu diesem Thema ungebrochen. Der deutsche Staat unterstützt gerade diese Linie durch seine Forschungsförderung. So wurde das Buch von Clark, auch im Zuschnitt, exakt auf Fischers “Krieg der Illusionen” (1969) hin konzipiert. Schüler Mommsens in der Schweiz und England, sein Nachfolger in Düsseldorf, offenbarten, worum es ging. Das von Fischer vereinnahmte westliche Ausland war zurück zu gewinnen. Die Thesen Mommsens blieben von Anfang an schief (Polykratie). Wehler wollte den Krisenkonferenzbegriff adaptieren und umbiegen. Nicht zuletzt der Kampf gegen diese Machenschaften der Zunft in der Riezler Tagebuch-Kontroverse bestätigten die Fortdauer dieser Ziele. So zeigt sich, dass die Verhältnisse - im Scheitelpunkt zwischen Wissenschaft und Politik - sich grundsätzlich nicht verändert haben. Die Geschichtswissenschaft erweist sich als die politischste der Wissenschaften.
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 20, 2020
ISBN:
9783750491021
Format:
Buch

Über den Autor

Jahrgang 1947. Offizier (Olt.d.Res.)bis 1972. Studium in Würzburg, München und Hamburg der Neueren Geschichte, Politikwissenschaft sowie Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Promotion bei Fritz Fischer 1976. Schriften u.a.: Die deutsche Armee 1900-1914 (1977), Vor dem Kriegsausbruch 1914. Deutschland, die Türkei und der Balkan(1980), Die Verfälschung der Riezler-Tagebücher(1985). Tätigkeit an der HSBw Hamburg (bis 1985), Produzent, Realisator und Regisseur für ARD, ZDF und Industriefilm. Historisch-politische Dokumentation(u.a. Kuwaitkrieg, Deutsche Wende, Autos die Geschichte machten, Audi-mobil. Fortschritt im Wandel der Zeit). Seit 1997: Hrsg. Extra Blatt (www.forumfilm.de). Seit 2000: Hrsg. der Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen (inzw. 4 Bände).


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Buchvorschau

Deutschland Zentrum eines Weltreiches - Politisches System, Krisenkonferenzen und Kriegsentschluss vor 1914 - Bernd F. Schulte

Vorbemerkung

Die Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen bieten nun in der Reihe II einen Abschluß von 40 Jahren Forschung am Thema Erster Weltkrieg. Hier geht es zunächst um den Weg der europäischen Staaten in den Krieg von 1914.

Über 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, und dem Friedensvertrag von Versailles, wird, vor allem international, verstärkt über dessen Anlaß und tiefere Ursachen diskutiert. Von der Denkschrift des Legationsrates an der Kaiserlichen Botschaft in Wien - Dietrich von Bethmann Hollweg für den Reichskanzler, aus dem Juni 1914, ausgehend, erweitert sich der Blick auf die besondere wirtschaftliche und militärische Schwäche Österreich-Ungarns, als auslösender Faktor für den finalen Entschluss zur Risikopolitik des Deutschen Reichs im Juni/Juli 1914. Neben der Tatsache, dass, angesichts des verlorenen Nachlasses Theobald von Bethmann Hollwegs, jedes Stück Papier zum Problem 1914 von besonderem Wert ist, macht diese Denkschrift verständlich, dass der Reichskanzler, nach dem gefälschten Riezler-Tagebuch (Die Verfälschung der Riezler Tagebücher, Frankfurt-Bern-New York 1985; Pierre Barral, Rezension zu B.F.Schulte, Weltmacht durch die Hintertür, in: Revue historique 2005), derartig verschwommen, unheilvolle Äußerungen tätigen konnte, als er am 5. Juli 1914, unter den Linden von Hohenfinow, mit seinem Assistenten Kurt Riezler, den Tag der Entscheidung ausklingen ließ.

Der Entschluß war da, der Stein im Rollen. Vor welchem weltanschaulichen Spektrum es zu diesem Schritt kam, zeigt ein Blick auf den Briefwechsel zwischen Bethmann Hollweg und dem Universalhistoriker Karl Lamprecht, dessen Schulfreund. Es wird entwickelt, wie Deutschland ungebrochen - auch nach 1909 - Weltmacht werden wollte. Es war die Intention, in einer Stufenfolge von zunehmender Intensität, Russland von England und Frankreich zu trennen, und England auf Deutschland zuzuzwingen (Bethmann Hollweg, Febr. 1911). Das Band nach Westen werde darauf Deutschland Bewegungsspielraum für weitere weltumspannende Aktivität eröffnen.

Erst im Krieg (während des Winters 1914/15; Bethmanns einsames Weihnachtsfest an der Front) wurde dann deutlich, dass dieses Ziel ausschließlich durch den Sieg über England zu erreichen wäre (Scheitern der Vorkriegspolitik, 1909-14). Nun, mit dem Appell an die Waffen, bedingte diese Erkenntnis ein komplettes renversement des frontières der Grundausrichtung Bethmannscher Außenpolitik. Zuvor sollte, nach dem Leipziger Historiker Karl Lamprecht, durch wirtschaftliche Kulturpolitik, durch den Zusammenschluss eines um Deutschland gravitierenden Europa mit China (damals 400.000 Millionen und genauso wichtig wie der Mitteleuropa-Plan Bethmanns, Naumanns, Rathenaus), der Aufstieg des europäischen Kulturraumes zur Weltmacht (gegen, oder in Nachfolge auf, England) gelingen.

Im Krieg ging dann Lamprecht, im Auftrage des Kanzlers, nach Belgien - um hier das Zentralproblem eines künftigen, gegen das Inselreich gerichteten, Europa unter deutscher Führung zu explorieren. Hier, am Kanal, entschied sich der Machtkampf mit London. So die Erkenntnis Moltkes (Febr. 1913), Tirpitz' und Bethmanns. Eine belgische Küste in deutscher Hand würde das Britische Empire nicht ertragen (Moltke). Darin waren sich in Berlin General- und Admiralstab (Armee und Flotte) einig. Dahin zielte - in seltener Einmütigkeit - der bislang als militaristisch apostrophierte deutsche Aufmarsch- bzw. Kriegsplan seit spätestens 1903/04. Das hier aufgedeckte System der Krisenkonferenzen, in der politischen Entscheidungsfindung in Berlin, gibt Aufschluss über diesen Weg in den Krieg.

Keinesfalls ohne Vorstellungen gingen demnach die deutsche Führungseliten aus Wirtschaft, Politik und Militär (Fritz Fischer, Bündnis der Eliten, 1978) in den Krieg von 1914. Die Gewißheit herrschte, dieser werde kommen. Eine andere Form der Entscheidung wurde in dieser Welt von Gestern - in einer Art Betriebsblindheit - nicht gesehen. Der Erste Weltkrieg: lediglich Fehlkalkulation oder wohlüberlegter, gescheiterter Plan? Wirtschaftsrivalität (so schweizerische Diplomaten vor 1914), Hochrüstung, Polykratie der Entscheidungsträger, überholte gesellschaftliche Strukturen, in Deutschland und Berlin, sollen dafür zusätzlich verantwortlich gewesen sein.

Stand etwa ein großer Wurf eher dahinter, ein übergreifendes Bild, von Rang und Bedeutung, des Deutschen Reichs in der Zukunft? Nach den Ausführungen des engen Beraters Bethmann Hollwegs, des Universalhistorikers, und Freundes aus Schülertagen, Karl Lamprecht (Leipzig), könnte dies Tatsache gewesen sein. Die politisch Verantwortlichen in Berlin scheinen, anders als etwa Goebbels und Hitler das verstanden, durchaus mit begründeten Vorstellungen, von der deutschen und internationalen Politik, ja, von einem philosophischen Überbau aus, in die Krise des Jahres 1914 gegangen zu sein.

Es schält sich hier heraus, dass der eigentliche Gegner des Deutschen Reichs im Weltkrieg, Großbritannien war. Dies macht die Epochenscheide dieses ersten universalen Krieges aus. Dessen war sich der Kanzler Bethmann Hollweg von Anfang an bewusst. Blieb doch die Grundlinie deutscher Politik - Weltmachstreben plus kontinentale Hegemonie - bis 1914 unangetastet. Das läßt sich an der Rüstungspolitik des Kaiserreichs seit 1909/10 ablesen. Damit war jedoch das Scheitern jeglicher Ausgleichsbestrebungen mit London programmiert. Ähnlich wie 1937/38 (Raeders Großschiffbau), als GB bereits mit Rüstung antwortete. Ebenfalls die Hoffnung auf eine Neutralität des Inselreichs - im Falle einer zentraleuropäischen, militärischen Auseinandersetzung -war bereits im April 1913, und damit an oberster Stelle, als wenig wahrscheinlich erkannt.

Auch zeigt sich am Beispiel Belgien, das Lamprecht für Bethmann Hollweg (vor dem Hintergrund der Kriegszielentwürfe) erkundete, was die europäischen Staaten, seien es Verbündete oder aber Kriegsgegner, von einer künftigen wirtschaftlichen und (oder) politischen Konföderation hielten, als europäischer Verfaßtheit - mit dem siegreichen Deutschen Reich als Gravitationszentrum. Solange England nicht geschlagen wäre, hätte ein solcher Plan keine Chance. Allerdings gingen die Vorstellungen deutscherseits, in der Phase der eingehenderen Diskussion eines künftigen Deutschen Reiches von 1916 (nach dem gewonnen Krieg), auch in den Kriegszielen (z.B. Nordeuropa, Russland betreffend) beträchtlich weiter, als das September-Programm Kurt Riezlers dies zeigt. Die tieferen Schichten solchen Denkens enthüllen gerade Forschungen zu den parallel anmutenden Weichenstellungen in der Krimkriegphase 1852-55 in Berlin, London und Paris.

1914 war sicherlich nicht dass Wunschdatum Berlins für eine derartig tiefgreifende Entscheidung. Zeit wäre bis 1918 geblieben, wenn es primär um die Kriegsbereitschaft Russlands gegangen wäre. Deshalb auch die Ermutigung, den Krieg mit Serbien zu führen, die Österreich-Ungarn zuteil wurde (vgl. den Druck, der z.B. von der Wiener Botschaft, zunächst bis zum 23.7.1914, auf den Grafen Hoyos ausgeübt wurde). Aber der fortschreitende Verfall Wiens als Bündnispartner, die zunehmenden finanziellen Belastungen die das Deutsche Reich, trotz heraufziehender Konjunkturbaisse, bereits schulterte, ließen vor den Augen des Reichskanzlers den Schattenriss einer verloren gehenden hegemonialen Position Deutschlands in Europa über die Täfelung seines Arbeitszimmers in Hohenfinow huschen. Diese Überlegungen bestätigte der Kanzler 1919, vor dem Untersuchungsausschuss des Reichstages zu den Ursachen für den Verlust des Krieges.

Es waren das schwere Stunden, zwischen dem 28. Juni und dem 5. Juli 1914, in denen Theobald von Bethmann Hollweg entschied, das Wagnis einer kriegerischen Lösung des europäischen Problems sei einzugehen. Aber letztlich wusste er mehr, als der Generalstab offiziell behauptete.

Peine, 4. Januar 2020 Bernd Schulte

Für Wilma

Inhalt

Einleitung

Wider alle Legenden

Der alternde Bismarck

Deutschland unter dem Trifolium

Wilhelm II

Tirpitz: der Vater der Lüge

Marokko I: Das passiert mir nie wieder

Zwischen Österreich und England

EXKURS: Das Scheitern eines Zeitalters

Fortsetzung der Diskussion

Marokko II: Den Engländern werden wir es...zeigen

Vorbereitung zum Weltkrieg. Bagdadbahn-, Kolonial- und Neutralitätsvertrag

Petersburg 1914: per Konferenz regeln

Wien/Berlin 1914: Krieg jetzt

Abgesang

Erstes Kapitel

Berlin und London 1846-1855. Preußen zwischen West- und Ostoption

Bunsens Preußisch-Englisches Bündnis in der Krimkrieg-Phase, 1846-1854

Zweites Kapitel

Politik und Militär im Kaiserreich 1888 bis 1914

Die Entwicklung der Flottenrüstung

Deutsch - Österreichische Militärplanungen 1889-92/ 1912

1912 Das Problem des Westaufmarsches: Belgien-England

Deutschland 1910/11: Internationale Lage und quantitative Heeresrüstung

Zäsur 1909: England- und Russland–Krise

Ringen um Vorherrschaft. England und Deutschland, 1905-1911

Disposition zum Weltkrieg. Die Marokkokrise 1911 – deutsche „Policy of Pretention"

Brüchige Führung in Berlin und das Scheitern der Ausgleichspolitik mit England (Haldane-Mission 1912)

Karl Lamprecht und Theobald von Bethmann Hollweg. Seher künftiger deutscher Weltmacht

Bethmann Hollwegs Wende zur „Policy of Pretention"

Bethmann Hollweg- erpressbar? Hohenfinow zwangsverwaltet seit 1886

Die Erfolgschancen der deutschen Armee

Der deutsche Aufmarschplan 1913/14

Die Entscheidende Zäsur: der Erste Balkankrieg 1912

Generalprobe: die Krisenkonferenz von Springe

Krisenkonferenzen und Kriegsentschluss 1912

Tauziehen um den großen oder den lokalisierten Krieg

Ein Blick voraus -1914: Man hat eben nicht immer Glück

Drittes Kapitel

2019: Das Deutsche Reich im Licht der Fischer- Kontroverse

1. Die politische Reichsleitung entlasten

2. Krieg „aus Furcht und Verzweiflung"?

3. Die Kriegsauslösung

4. Die Entscheidungskreise

5. Gegen, nicht für Fischer. Positiv „positivistisch" arbeiten

6. Das Deutsche Reich und die Lehre von den Weltreichen

7. Öffentlichkeit und Kriegsentschluss. War die Gesellschaft des Kaiserreichs kriegsbereit?

8. Deutscher Militarismus und Krieg

9. Militärische Führungselite und Kriegsentschluss

10. Diplomatie im Zeitalter des Imperialismus. Die deutsche Policy of Pretention

11. England der Hauptgegner (1911 bis 1914)

12. Diplomatie und Krieg. Kanzler, Kaiser und Auswärtiges Amt

13. Julikrise, Policy of Pretenion und Krieg

Einleitung

Wider alle Legenden

Der österreichische Historiker Karl Friedrich Nowak interviewte nach dem Ersten Weltkrieg sämtliche Akteure im Umfeld des Kriegsausbruchs 1914. Der Auftraggeber war der vormalige deutsche Kaiser Wilhelm II., der eine Darstellung des zweiten Kaiserreichs intendierte, die unauffällig seine Rolle vor 1914 zurechtrücken sollte. Hier treffen sich die durch Nowak befragten Akteure des Juli 1914 zu einer fiktiven Konferenz. Die gegenüber dem österreichischen Historiker getätigten Äußerungen finden sich im Zusammenhang dieser Diskussion, welche sich aus dem Material zu den zentralen Fragen der Vorweltkriegsgeschichte ergibt. Deren Grundlage bilden Äußerungen der 1914 verantwortlich Handelnden zwischen 1926 und 1932.

Es diskutieren:

Botschafter a.D. Raschdau, Botschafter a.D. Graf Monts, Botschafter Sir William Tyrell, Unterstaatssekretär a.D. Richard von Kühlmann, Generaloberst Hans von Seeckt, Großadmiral a.D. Alfred von Tirpitz, Botschafter a.D. von der Lancken, Fürst Egon von Fürstenberg, Baron Kanya, Außenminister a.D. Gottlieb von Jagow, Finanzminister a.D. Bark, Botschafter a.D. Friedrich Szapary, Außenminister a.D. Sasonow, Gesandter a.D. Graf Hoyos, General a.D. Kronprinz Rupprecht von Bayern¹ - und der Deutsche Kaiser.

Die Staaten standen in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg - während der Phase der Hochrüstung - in einer Spannung zwischen ständig zunehmenden Aufwendungen für die Streitkräfte einerseits und notwendigen sozialen Reformen andererseits. Um die Aufwendungen für die Rüstung zu senken, führte England Gespräche mit Deutschland über eine Reduktion der Flottenaufwendungen. Nicht der Gedanke eines Präventivkrieges habe demnach die Politik des Inselreiches beflügelt. Im Jahre 1910 - so Asquith, der liberale britische Premierminister - habe die deutsche Regierung geantwortet, ohne einen gesetzgeberischen Akt des Reichstages, das Flottengesetz nicht ändern zu können². Dann, 1912, habe das Ergänzungsgesetz das Parlament passiert. Die „Haldane-Mission, zu Anfang des Jahres in Berlin, war gescheitert und die Vorstellung, der Kamm der Welle sei erreicht, habe sich als Täuschung erwiesen. Schon seit Mitte 1912 schwand demnach die Erwartung in London, mit Deutschland zu einer gütlichen Regelung zu gelangen. Dass sich Großbritannien, seit diesem Zeitpunkt, auf den Krieg vorbereitete, beweist der Marinetat 1914/15, der höchste jemals vorgeschlagene" und vom Unterhaus bewilligte³.

Diese Vorkriegsvorbereitungen, wie es Asquith nannte, wurden getragen von Nicholson (FO), Henry Wilson (Armee), Haldane (Minister), John Fisher (Admiralität) und Arthur Wilson (Generalstab). Churchill trat in der Schlussphase hinzu und gründete den Marinestab. Im „Committee of Imperial Defence" fand jene Koordination der Flotten- und Armeebemühungen statt, die im wesentlichen Ende 1911 in deren entscheidende Phase traten und die Anstrengungen sämtlicher Ressorts bündelten⁴. 1907 die Verteidigung Indiens (Lord Morley), 1908 die Fragen einer möglichen Invasion Deutschlands (Lord Roberts) und der Heimatverteidigungsplan, sowie der Einsatz auf dem Kontinent (Generalstab), die Frage der Blockade des Festlandes (Admiralität), sowie die Stellung Englands in Ägypten, Südpersien und am Persischen Golf (Lord Morley) wurden behandelt. Asquith bestätigte:

All die eben erwähnten Untersuchungen wurden im August 1909 beendet. Man kann wohl mit Recht behaupten, daß die Regierung damals das ganze Problem, das ein möglicher Krieg mit Deutschland bedeutete, durchgearbeitet hat....

Was dann aber war der Erste Weltkrieg anderes als ein Vorbeugungskrieg Großbritanniens gegen das Deutsche Reich? Am 19. August 1909, in der Sitzung des Reichsverteidigungsrates bestätigte der Premier die Erkenntnis, jeder Krieg mit England, werde sich, qua Konstruktion des Empire, zu einem Weltkrieg auswachsen. Um diese Konsequenz zu erörtern, waren Vertreter der Dominions geladen. In den folgenden Jahren entstand ein Plan wechselseitiger Reichsverteidigung⁴.

Der Regierungschef erwähnte ausdrücklich die Besserung der englisch-deutschen Beziehungen im Frühjahr 1914. Auch die 1913/14 zum Abschluss gebrachten inhaltsreichen Abkommen, die zwischen London und Berlin über die asiatische Türkei und Afrika geschlossen wurden. Doch lagen die eigentlichen britischen Interessen auf anderem Gebiete. Asquith bekannte:

Der Großbritannien von Deutschland aufgezwungene Wettbewerb in den Flottenausgaben war, obgleich drückend für den englischen Steuerzahler, an sich keine unmittelbare Quelle der Gefahr. Wir hatten uns fest entschlossen, die für uns notwendige Vorherrschaft zur See zu erhalten und wir waren wohl fähig, diesen Beschluß auszuführen. Wir konnten aber unsere Augen nicht vor der Tatsache verschließen, daß andere Staaten - weder dem Dreibund, noch der Entente angeschlossen - dem Beispiel Deutschlands folgten und eigene Flotten ausbauten⁵.

Der alternde Bismarck

Die deutsche Weltpolitik begann während Bismarcks Amtszeit. Kaum kann behauptet werden, die Kolonialpolitik Bismarcks sei nicht der Beginn des auftrumpfenden deutschen Weges in die Welt gewesen. Nur dem Anschein nach unangreifbar, war für das Deutsche Reich, nach wie vor, die glückliche Hand des Kanzlers vonnöten⁶. Den entscheidenden Fehler, den Bismarck gegen sein eigenes Konzept beging, bildete die Tatsache, dass er den Drehpunkt seiner Nachkriegspolitik, Russland, im Berliner Kongress 1878 düpierte, indem er das Zarenreich um die Früchte seines Sieges im russisch-türkischen Krieg brachte. Das war der erste Schritt zum russisch-französischen Defensivbündnis. Und das bereits ohne tellurische Germanisierung. (Lamprecht)⁷

Der frühere Gesandte in Petersburg, Raschdau, ordnet mit wenigen Strichen Bismarck in die Phalanx deutscher Kanzler ein, und berührt die näheren Umstände der Entlassung des „Eisernen Kanzlers":

Es ist keine Frage dass der alternde Fürst grosse Fehler gemacht hat. Er sass seit Monaten in Friedrichsruhe, ohne alle Informationen, angewiesen auf schriftliche Berichte. Er verliess sich auf Herbert Bismarck. Er glaubte nicht, dass Herbert ihn je ersetzen könnte, aber als Staatssecretär, glaubte der Fürst, könnte ihn Herbert ersetzen. Während der Abwesenheit Bismarcks wurde gegen ihn intrigiert. Herbert hatte nicht die Art das auszugleichen. Als der Fürst dann zum Staatsrat hereingeholt wurde, hatte er keine Ahnung, wie die Dinge sich entwickelt hatten, und er war vollkommen überrascht. Übrigens erfuhr er, knapp vor dem Staatsrat, durch Lucanus erst, um was es sich eigentlich handeln sollte.

Die Entlassung des Kanzlers bilde keine Folge des Streits um die Verlängerung des Rückversicherungsvertrages mit Russland. Der Fürst wäre, so Raschdau, in den sozialen Fragen rückständig und nicht auf der Höhe der diplomatisch-politischen Analyse der Welt um 1890 gewesen. Raschdau führt aus:

Da platzten die Gegensätze zwischen ihm und dem Kaiser aufeinander. Die Frage des Rückversicherungsvertrages war beim Sturze des Kanzlers gar nicht entscheidend. Der Kaiser übersah die Tragweite der Frage [gestr.: gar] nicht. Er hatte ja Schuwalow noch am Morgen gesagt, dass er auch bereit wäre, die Erneuerung zu unterzeichnen. Holstein hat ja eine Rolle gespielt, der an Eulenburg schrieb, und der gegen den Vertrag war. Holstein war aus sachlichen Gründen gegen den Vertrag, aber ebenso sehr aus persönlichen Gründen gegen Bismarck. Er hatte dem Kanzler die Auswirkungen aus dem Arnimprozess nie vergessen. Er stellte sich offen gegen ihn. Er schrieb damals an Herbert Bismarck, mit dem er befreundet war - sie sprachen sich mit den Vornamen an - einen Absagebrief der Freundschaft. Aber nicht nur Holstein, auch Caprivi dann, und wir alle mussten gegen die Erneuerung sein. Bismarck hätte das komplizierte Bündnissystem bei seiner grossen Autorität vielleicht noch einige Zeit halten können. Aber später war es wegen Österreichs schon nicht weiterzuverfolgen. Der Rückversicherungsvertrag war auf alle Fälle eine [gestr.: Unehrlichkeit] Zweischneidigkeit, was auch aus der wiederholten, eindringlichen Warnung Bismarcks noch an den alten Kaiser hervorging, bei Begegnungen mit Kaiser Franz Josef ja nichts von dem Vertrag zu erwähnen. Stutzig war der alte Fürst selbst geworden, als Reuss ihm aus Wien eine Unterredung mit Kalnocky meldete, wobei Reuss Österreich [gestr.: jede] vor Bewegung[en] auf dem Balkan [gestr.: ausreden"] warnen sollte und Kalnocky antwortete, dass Bismarck offenbar das Jahr 1866 vergesse. Österreich sei aus dem deutschen Reiche ausgeschieden und habe keine anderen Möglichkeiten als im Nahen Orient.

Auch später, als er nach dem Sturze in Wien war, machte der Fürst Bemerkungen, die auf eine [gestr.: andere] veränderte Auffassung über [gestr.: seine eigenen] die Bündnisse hindeuteten. Es war auch unmöglich, den Russen freie Hand in Bulgarien zu lassen, [gestr.: das an die Monarchie grenzte] während Oesterreich freie Hand in Serbien haben wollte. Denn Russland dachte nie daran, Serbien den Österr[eichern]. zu überlassen. Ebenso unmöglich war die Rolle, die er Rumänien zudachte, über das Russland ja marschieren musste, wenn es nach [Bulgarien oder] Konstantinopel wollte. Dabei dachte er, dass Russland [gestr.: am besten] leichter in Konstantinopel zu packen war, besser als [gestr.: in] z[um]. B[eispiel]. in Sebastopol. Er dachte dabei wieder an [die Verpflichtung Englands den Schutz der Meerengen in erster Linie zu übernehmen. [In England,] dem er sich nähern wollte, weil er die Unsicherheit des Ganzen spürte. Darin war er ja ein Meister, wenn er einen Anderen vorführen wollte.

Aber für die nachbismarckische Zeit war das eine [gestr.: unerträgliche Wirtschaft] untragbare Constellation. Es ist ganz klar, dass der Rückversicherungsvertrag werden konnte [[und nur unter erheblichen in solcher Form] nicht erneuert...a für die sog[enannten]. ... durchführbar war]"⁹.

a vorgeschlagen von G[e]h[eim]r[at]. Raschdau im ...Caprivi abgelehnt".

Demgegenüber betont Graf Monts (Kanzlerkandidat 1908/09) die in der deutschen Geschichtsschreibung weniger beachteten Nachfolger Bismarcks. Er unterstellt diesen ein Nichtverstehen des bismarckschen Bündnissystems, dem Raschdau scharf entgegentritt:

Caprivi war ein subalterner Mann. Die Verhältnisse in Oesterreich-Ungarn und die Schädigung durch den Dualismus, das infolgedessen unsere Expansion nach dem Orient gehabt hätte, das verstand er noch. Aber von innerer Politik verstand er nichts. Ich habe nur zwei mal mit ihm gesprochen. Einmal nach dem Frühstück beim Kaiser. Es waren alle möglichen Leute da, auch die Herren von der französischen Maison Militaire. Ein Sänger trug den Trompeter an der Katzbach' vor. Das war vor den Franzosen nicht gerade sehr geschickt. Aber der Kaiser liebte ja so etwas. Ich sprach mit Caprivi und fragte ihn: ,Exzellenz, Sie haben ja wichtigere Dinge zu tun, als sich das hier anzuhören. Warum gehen sie nicht nach Hause?' Caprivi antwortete: ,Aber der Kaiser ist ja noch da'. Er war ganz subaltern⁹.

Wilhelm II. wirft ein: nein?.

Der Unterstaatssekretär im Foreign Office, William Tyrell (pro deutsch im F.O.), betont dagegen:

Holstein hielt viel von Caprivi. Darauf ist wohl auch zurückzuführen, dass Caprivi schliesslich Kanzler wurde. Caprivi sah ich einmal beim Tee bei Frau Lebbin. Er machte einen ausgezeichneten Eindruck. Er war der einzige Herr in der Umgebung des Kaisers. Er verstand von auswärtiger Politik nicht viel, aber seine Handelsverträge beweisen, dass er doch ein Staatsmann war¹⁰ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Nachfolger Caprivis, Prinz Hohenlohe, erscheint dem Grafen Monts in günstigerem Licht: Hohenlohe hatte alle Qualitäten zum Kanzler. Er war mit dem Kaiser verwandt. Er sta[n]d dem englischen Hofe nahe. Dort nannten sie ihn alle ,Onkel'. Er war katholisch und liberal. Er war süddeutsch und reichstreu. Er war ein grosser Herr. Er hatte auch die Weisheit des Alters. Er war aber zu alt.

Raschdau erläutert die Position des Bismarck-Kritikers Holstein. Er führt aus, dieser habe zurecht befürchtet, dass so - das heißt durch den geheimen Rückversicherungsvertrag zwischen dem Reich und Russland - Frankreich und das Zarenreich noch enger zusammen gebracht würden:

Holstein fürchtete, was den Rückversicherungsvertrag betrifft, eine Indiskretion in Wien oder London. Es wussten im ganzen 3 oder 4 Leute von dem Vertrag. Die Bismarcks, Holstein und jedenfalls der Kaiser. Bei den Russen war die Angst, der Vertrag wuerde den Franzosen bekannt werden. Es herrschten laengst intime Beziehungen zwischen Frankreich und Russland. Im Jahre 1896 wurde angesichts des Bekanntwerdens, dass ein solcher Vertrag bestehe, /es war in den Hamburger Neuesten Nachrichten dieses angedeutet/ denen Bismarck nahe stand/ in Russland angefragt, ob der Vertrag veroeffentlicht werden sollte. Marschall gab die Frage nach Petersburg. Russland war dagegen¹¹.

William Tyrell kommt der Realität der deutschen Verhältnisse am nächsten, wenn er einführt, er habe einmal zu Holstein gesagt: Sie kennen das heutige England nicht¹².

Bismarcks Meinung zu seinen Nachfolgern faßt Raschdau in einer Anekdote:

Seine Gefühle gegen den Kaiser deutete Bismarck hoechstens in Bemerkungen an. Mir gegenüber hielt er sich zurück. Aber ich erinnere mich an eine Szene, wo der staerkste Unwille in seinem Gesicht zu lesen war. Es war in Friedrichsruh schon nach seinem Abgang. Wir sassen noch bei Tisch. Er lag auf dem Sofa und las in einer Zeitung. Ploetzlich sagte er: ,Handlanger'- und warf die Zeitung heftig zu Boden und blitzte aus seinen Augen herueber. Er hatte in der Politik eine unerhoerte Anschaulichkeit. Er nahm seine Vergleiche aus der Natur, namentlich aus dem Landleben¹³

Wilhelm II. verfolgte in diesen Tagen den Kontinentalbund der Festlandsstaaten in Europa. Nowak, indirekt die Anschauung des Kaisers spiegelnd, beschreibt 1931 die politische Entwicklung:

Wenn der Zusammenschluß wirklich zustande kam: um so besser. Von Fall zu Fall reichten Rußland, Frankreich und Deutschland einander tatsächlich die Hand, auch wenn die Franzosen ihr Mißvergnügen darüber nicht versteckten. Vor Shimonoseki waren die drei Mächte zum ersten Mal in Einheit aufgetreten.

Der Generalstabschef Schlieffen hatte durchaus begriffen, dass so eine grundsätzliche Verbesserung der deutschen Position einträte. Schlieffen äußerte gegenüber Wilhelm II.:

Wenn Eurer Majestät das gelingt..einmal vor der Welt in derselben Front mit Frankreich und Rußland zu stehen, so ist das ein so ungeheuerlicher Gewinn, daß wir es nur begrüßen können. Denn wir sind auf diese Weise aus der Feuerlinie heraus und nicht mehr Scheibe, nach der geschossen wird¹⁴

Deutschland unter dem Trifolium

Wie Holstein menschenscheu wurde, wie er zu Bismarck stand, dass er schon 1870 in der Politik war, und welcher dessen grösster Irrtum war, erläutert Graf Monts, Tyrells Einlassung aufnehmend und ergänzend:

"Die Karriere des Herrn von Holstein begann damit, dass ihn Bismarck in seinem engsten Stabe mit nach Versailles nahm. Nach dem Friedensschluss schickte er ihn als Legationssecretär zur Pariser Botschaft mit dem Auftrag, Arnim zu beobachten, mit dem er schon damals nicht ganz richtig war.

Der erste Botschaftsrat bekam von Bismarck Befehl, Herrn von Hol[l]stein sämtliche Akten vorzulegen. Holstein entledigte sich seiner Aufgabe, die ihm sehr peinlich war - er stand zwischen seinem Chef und Bismarck - in der Art, dass er das Botschaftsgebäude überhaupt nicht betrat. Er sass zu Hause und studierte die Akten. Dann berichtete er nach Berlin. Als dann die Arnimsache aufflog und Holstein nach Berlin zurückkam, setzte ein vollständiger gesellschaftlicher Boykott gegen ihn ein. Die zahlreichen Mitglieder der weitverzweigten Familie Arnims taten alles, um gesellschaftlich den Mann zu erledigen, der seinen Botschafterchef verraten hatte. Er konnte in keinem Hause verkehren. Im Adelsclub durfte er sich nicht sehen lassen. Daher kommt seine Menschenscheu und dass er sich vollkommen aus dem Gesellschaftsleben zurückzuziehen begann. Bismarck, der ihm sein Vertrauen schenkte und ihn schätzte, wollte ihm Ersatz bieten. Er zog ihn immer enger in sein Haus, wo er sehr intim wurde. Auch die Fürstin hatte ihn viel um sich. Als die beiden Söhne Bill und Herbert heranwuchsen, kam es zu leisen Missstimmungen.

Herbert Bismarck war eine Natur, die nicht gerade viel Takt hatte. Holstein konnte sich wieder nicht darin fügen, dass die Söhne glaubten, dass sie allmählich kommandieren könnten. Jetzt begann Holstein sich auch aus dem Bismarckschen Hause zurück zu ziehen. Er wurde vollkommen weltfremd und immer mehr ein Sonderling. So ist es bei der leisen Entfremdung zum Bismarckschen Hause auch gekommen, dass Holstein sich nach der Kanzlerkrisis vollkommen auf die Seite des Kaisers schlug. Bismarck hatte von ihm immer gesagt: ,ln zweiter und dritter Reihe äusserst nützlich - aber gefährlich in entscheidender Stelle'. Holstein lebte nach der gesellschaftlichen Ächtung ausschliesslich dem Amt. Er konzentrierte allmählich alle Fäden der auswärtigen Politik in seiner Hand. Bülow, damals Gesandter in Bukarest, sagte mir, als ich gleichzeitig Generalkonsul in Budapest war: ,Wir wollen uns doch darüber klar sein, für Caprivi und alle die anderen Ochsen im Auswärtigen Amt schicken wir doch nicht unsere Berichte. Wir schicken sie doch nur für Holstein' [Ausrufzeichen am Rande von Wilhelm II.].

Holstein sass um 9 Uhr früh in seinem Amt an seinem Schreibtisch und um 11 Uhr abends war er noch immer da. Wenn die anderen um 11 Uhr kamen, so hatte er bereits alle Eingänge gelesen und wusste bereits alles. Sein grosser Irrtum war, dass er glaubte, dass England und Russland sich nie vertragen würden und Deutschland zu seinem Vorteil zwischen beiden lavieren könnte.

Wilhelm II.:, richtig!'.

In der Marokkopolitik spürte er wohl das Richtige. Er wusste, dass Frankreich unversöhnlich war. Er führte die Marokko-Politik so, dass er Frankreich bis zum Äussersten reizte, ohne dass er dann den Entschluss zu fassen vermochte, den Krieg auch wirklich zu führen und Frankreich unschädlich zu machen. Bei sehr grosser Kenntnis kontinentaler Dinge und dadurch, dass er den Apparat beherrschte, war er für jeden Kanzler unentbehrlich. Bülow, so geschickt dieser Mann auch war, konnte überhaupt nichts ohne Holstein.

Wilhelm II.: .richtig'.

Dann kommt das Interessante von Holstein's Sturz. Der Mann, der ihn aus dem Auswärtigen Amt hinauswarf, war Bülow selbst. Bülow war krank und hatte ...

Wilhelm II.: ,auf scharfes Drängen von mir hat er erst das Gesuch Holsteins mir vorgelegt, das ich bestätigte'.

Ich sah das Abschiedsgesuch des Herrn von Holstein - eines der vielen der Abschiedsgesuche, die Holstein einzureichen pflegte - in seinem Schreibtisch liegen. Er selbst beauftragte seinen Bruder Karl das Abschiedsgesuch zu Herrn von Tschirschky zu tragen mit der Weisung von ihm als Reichskanzler, das Abschiedsgesuch dem Kaiser zur Unterschrift vorzulegen. Eulenburg legte damals Bülow nahe, gleichfalls seinen Abschied einzureichen, womit er sich selbst und dem Vaterlande einen grossen Dienst erweisen würde. Das fiel Bülow gar nicht ein"¹⁵.

William Tyrell äußert sich zum Verhältnis Holsteins zu den Bismarcks:

"Die [Erbitter]ung Holsteins auf Bismarck geht schon auf 1885 zurück. Damals sagte mir Holstein, als Herbert Bismarck Staatssekretär wurde: ,Bismarck ist ein Wallenstein. Er will die Dynastie Bismarck begründen'. Ich war damals ganz jung, Holstein kam öfters zu meinem Onkel Radolin. Er sagte es ganz offen bei Tisch¹⁶.

Der Botschaftsrat Kühlmann gibt einen Hinweis, darauf, der zum besseren Verstehen der Regierungszeit Wilhelms II. dienen könne. Er sieht die Harden-Eulenburg-Affaire als Reaktion, beziehungsweise Mittel, der französischen Politik. Kühlmann berührt die Holsteinische Risikopolitik, die den Krieg über Nacht möglich machte, den Kaiser, wie den Niedergang der Dynastie infolge der Harden-Eulenburg- und Daily-Telegraph-Affairen:

"Zu dem Fall Holstein-Harden-Kaiser ist zu sagen: der Kaiser besuchte Eulenburg öfters in Liebenberg.

Wilhelm II.: ,einmal nur mit mir'.

Dort verkehrte sehr viel der französische Botschaftsrat Lescomptes. Holstein bildete sich fest ein - was natürlich Unsinn ist - diese Zusammenkünfte [seien] absichtlich arrangierte, um Lescomptes Gelegenheit zu geben, den Kaiser zu einer schlappen, französischfreundlichen Politik zu bewegen, [welcher] die Holsteinsche Kriegspsychose diametral entgegengesetzt war.

Wilhelm II.: ,Blech'.

Er hatte seine Politik so geführt im Sinne der Provokation, so dass sie in jedem Moment zum Kriege führen konnte und wenn es zum Kriege kommen sollte, dann kam nur das Frühjahr in Frage. Damals bestanden die englisch-französischen diplomatischen Verhandlungen noch nicht. Vom Herbst ab ging das nicht mehr. Da war schon England da. Frankreich war gerüstet. Deutschland gegen England plus einer erstklassigenkontinentalen Nation konnte nicht fechten.

Wilhelm II.: ,richtig'.

Das sah er nicht ein. Ich befürwortete die Zuspitzung der Krise nur, um ein als dauerndes gemachte[s] Arrangement herbeizuführen, in dem Deutschland durch Einverleibung grosser kolonialpolitischer Aufgaben, eine seiner Machtstellung und seinen berechtigten Aspirationen entsprechendes Arbeitsfeld zuteil werden sollte. Holstein lag Weltpolitik völlig fern. Er war alt und verknöchel[r]t. Er führte eine Politik, die genau wie 1914 zum Weltkrieg hätte führen müssen, ein auf Prestige und mit dem dolos eventualis: es ist zwar gefährlich, was wir machen, aber wenn es die anderen krumm nehmen und fechten wollen, dann in Gottes Namen (Hervorh.v.m., B.S.).

Wilhelm II.: richtig.

Ebenso wie Bülows Haltung in der Daily Telegraph-Affaire mit den verlogenen Angriffen auf die angebliche persönliche Politik des Kaisers"[Diesen Absatz umrandete der Kaiser, B.S.]¹⁸. Er führte im Einzelnen, nach dem Souper, bei der Zigarre aus:

Holstein, Eulenburg und Kiderlen hatten sich zusammengetan, um Deutschland zu beherrschen. Sie hatten sich dabei in Ressorts geteilt: durch Eulenburg sollte der Kaiser in Schach gehalten werden, Kiderlen sollte den Kaiser auf Reisen begleiten. Fuer seine eigene Marokkoniederlage rächte sich Holstein, indem er durch den Eulenburgprozess dann spaeter, als das Trifolium zusammenbrach, den Kaiser zu treffen suchte. Holstein hatte ein ganzes Register. Er wusste genau Bescheid, ueber das Privatleben aller, mit denen er zu tun hatte. Sie mussten tun, was er wollte oder sie brachen sich die Existenz. Die Wirtschaft fing schon unter Bismarck an. Eine Persönlichkeit, die ich gesprochen habe, erzaehlte mir, dass ihm Herbert Bismarck selbst gesagt hat: ,Mein Vater hat ein ganzes Dossier von Geheimberichten der Geheimpolizei, ueber die homosexuelle Beziehung des jungen Kaisers'. Die Anregung zu diesem Dossier ist von Holstein ausgegangen. Es sollte ohne Zweifel dazu dienen, dass Bismarck eine besondere Waffe haben wollte, wenn es anders versagte. Dieses Schmutzsystem ging weiter bis zu Bethmann. Dann erst wird die Atmosphaere rein. Kiderlen war mit Weibern das Leichtsinnigste, was man sich denken kann. Er hatte eine russische Geliebte Mme Janin. In der Zeit der schlimmsten Marokkospannung wollte er sich mit ihr in der Westschweiz erholen. Jedenfalls passierte es ihm, dass er dabei in einem französischen Badeort landete. Caillaux hat mir erzaehlt, dass er ihm in diesen Krisentagen einen sehr vertraulichen und wichtigen Brief geschrieben hatte. Er hatte keine Zeit gehabt, sich eine Copie anzufertigen. Er war spaeter sehr beruhigt, als man dann diesen Brief unter den Papieren fand, die die franzoesische Regierung Mme Janin abkaufte. Kiderlen hatte das Schreiben, wie so vieles andere auch, in seiner grenzenlosen Fahrlaessigkeit einfach der Russin geschenkt¹⁹ (Hervorh.v.m., B.S.).

Diese Mischung aus persönlicher Entgleisung, grosser Politik und intimer Kenntnis ist kennzeichnend für die Regierungszeit Wilhelms II.. Erweist sich jedoch nicht als Zentrum deutscher Politik. Es handelt sich - entgegen mancher Ansicht - um einen blossen Seitweg der geschichtlichen Entwicklung. Raschdau erläutert Holstein's Arbeitsweise, Befähigung und Perspektive:

"Holstein arbeitete im Verborgenen. Er war geistvoll. Er kannte alle Persoenlichkeiten Europas. Er erzaehlte gut. Er hat - wenigstens unter Bismarck - eine gute Zunge. Dann packte ihn der Ehrgeiz. Er wollte eine europäische Rolle spielen. Er hatte Marschall in der Tasche. Unsere Wege trennten sich nach 2 Jahren, in denen wir Tuer an Tuer gearbeitet haben. Wenn er mich traf, ging er vorbei, ohne mich zu gruessen. Alles nur, weil ich beim Kanzler in einer unwichtigen Sache anders votiert hatte. Er litt an Verfolgungswahn. Jetzt ging alles ueber Marschall und Caprivi, die hofften, dass das alles wieder einrenken wuerde. Die Akten wurden durch Boten erledigt und durch Randbemerkungen.

Die Erscheinung Holsteins war sehr korrekt. Er war gross, damals ungef[ähr]. 55 Jahre. Er trug einen Vollbart. Er war immer dunkel gekleidet und trug Zylinder. Er war kulinarisch aber verwoehnt. Er war Stammgast bei Borchardt. Dort musste ich haeufig mit ihm fruehstuecken, obwohl das meine Kasse sehr belastete. Er nahm immer ein Zimmer, um frei sprechen zu koennen. Er liebte die Primeurs, z.B. frische Erdbeeren im April. Er hatte keinen Diener, ein altes Weib besorgte ihm die Wohnung. Die Wohnung war sehr einfach. Wenn er ins Gebirge ging, lebte er wie ein Pilger. Buelow hatte es einmal arrangiert, dass ihn der Kaiser [einmal] zu Tisch bat. Holstein entschuldigte sich, dass er keinen Frack besass. Der Kaiser sagte zu Buelow: ,Dann soll er im Rock kommen'. Er musste gehen"¹⁹.

Den Kampf um Marokko, den die Epigonen Bismarcks begannen, stellt Kühlmann in den historischen Gegensatz zwischen England und Frankreich. Er entwickelt, Peter Graf v[on].Menzingen war der deutsche Gesandte in Marokko. Kühlmann trat seinen Posten dort an, erfuhr jedoch, dass 1902/03 Casablanca als mögliche Compensation gedacht war. Dass die Deutschen vom Abschluss der Entente überrascht wurden, führt Kühlmann auf den Anteil Sir Arthur Nicolsens zurück, der englischer Gesandter in Tanger war, nach Petersburg ging und darauf Unterstaatssekretär im Foreign Office in London wurde. Kühlmann berichtete Nowak, Nicolsen sei ein furchtbarer Anhänger der Entente gewesen und habe starken Einfluss auf die Entwicklung der Marocco-Angelegenheit ausgeübt.

Wilhelm II. quittiert [am Rande]: ,[und]. hasste uns!'²⁰

Die Bedeutung Holsteins für die deutsche Politik umreißt William Tyrell:

Holstein war, was die Türkei betraf, der Auffassung, wir wollten Deutschland mit Russland in einen Krieg verwickeln. Holstein hat den Kaiser nach Tanger gehetzt. Er war ein tüchtiger Beamter. Unter einem guten Kanzler sicher sehr gut. Aber nicht ganz normal²¹ (Hervorh.v.m., B.S.).

Wilhelm II.

Der Kaiser, und seine Politik, werden bislang in der Geschichtsschreibung hemmungslos überschätzt. Das mag darin begründet sein, das Wilhelm II. derart unzulänglich war, dass der deutsche Anteil an den Geschehnissen, welche zum Ersten Weltkrieg führten, durch die überbordende Darstellung der Rolle des Monarchen im deutschen Führungszirkel, gemindert werden konnte. Dilettantismus regierte allenthalben. Der 1926 entlassene Chef der Reichswehr, Seeckt, berichtet:

"Bei der Szene mit Waldersee und dem Kaiser bei den Manövern in Schlesien im Jahre 1890...

Wilhelm II.: ,richtig'.

...war ich selbst dabei. Ich war in seinem Stabe. Der Kaiser kommandierte das V. Korps. Wilhelm II.: ,Seine Aufgabe war eine Falle!'

Mein Vater - das VI. Der Kaiser teilte seine Truppen und mein Vater griff erst die I.Division an und schlug den Kaiser.

Wilhelm II.: ,ich schlug den einen Flügel des VI.A.C. dafür. das gli[c]h sich aus[.]'

Waldersee übte nun Kritik und äusserte sich ziemlich scharf über die Führung des Kaisers. Den Manövern und der Kritik wohnte auch Kaiser Franz Joseph bei. Ich und wir alle sahen, dass die Kritik Waldersee's dem Kaiser sehr unangenehm war. Aber er liess Waldersee ruhig aussprechen. Dann sagte er, die Kritik des Generalstabschefs nehme er an. Dann fuhr er fort: ,So, aber jetzt spreche ich und zwar als oberster Kriegsherr. Als solcher finde ich, dass die gestellte Aufgabe undurchführbar war, und als Oberster Kriegsherr habe ich zu verlangen, dass den Truppenführern keine undurchführbaren Aufgaben gestellt werden, denn dies lähmt und schädigt die Offensivkraft der Armee'.

Wilhelm II.: ,? Kann sein[.] ich erinnere mich nicht mehr'²².

Seeckt ist der Überzeugung, daß dieser Vorfall - der vordergründig erledigt schien - keinesfalls vergessen war. Doch gibt er seiner feste[n] Überzeugung Ausdruck, dass der Zwischenf all in Gegenwart Kaiser Franz Josephs der Grund für die Versetzung Waldersees nach Altona zum IX. Korps gewesen sei²³. Nowak schildert den Vorgang 1929. Pfiffige Überlegung habe dem stets überklugen General den Gedanken eingegeben, die sichtlich schwindende Gunst des Kaisers, der bisweilen auch Schmeicheleien mit einem harten Wort zerriß, auf umgekehrte Art sich neu zu sichern. Wilhelm II. habe die Kritik Waldersees an seiner Führung im Manöver von Rohnstock ruhig angehört, habe dann

das Wort als Oberster Kriegsherr an sich genommen und festgestellt, daß der Chef des Generalstabes seinen Offizieren unlösbare Aufgaben stelle, wodurch er ihre Kampfkraft schwäche. Der bestürzte Graf Waldersee schrieb den Hergang des Zwischenfalls sorgsam, aber anders in sein Tagebuch, indes ihm der Kaiser die zweifellose Bloßstellung vor dem Bundesgenossen mit der Abberufung aus dem Generalstab und dem Kommando nach Hamburg vergalt²⁴.

Zu der These vom Einfluss der vorwiegend militärischen Umgebung Wilhelms II. auf Politik, äußert William Tyrell. Der im Moment der Einlassung englische Botschafter in Paris, berichtet aus eigenster Erfahrung:

"Die Herren in der Umgebung Kaiser Wilhelm's waren ohne Ausnahme sacksiedegrob mit uns.

Wilhelm II.: ,Lüge' – ,vom König stammt das'.

König Eduard hatte wiederholt strengen Befehl gegeben, alles einzustecken, was nur ging und um jeden Preis jede Zänkerei und jeden Skandal zu vermeiden. Es war die schrecklichste Adjutantenüberhebung und Adjutantenwirtschaft, die jemals da war. Der Kaiser wusste gar nichts davon. Er hatte keine Ahnung, was diese Umgebung alles zerschlug. Ich will ein Beispiel geben, wie vorgegangen wurde.

Wilhelm II.: ,Merkwürdig, dass die Damen des Hofes mir oft Complimente über meine Herren machten: vor Allem war Plessen von ihnen geradezu umschwärmt, was ihn zuweilen ganz verlegen machte. l[hre].M[ajestät]. die Königin Victoria hat sich oft mit Jedem Einzelnen von meinen Herren unterhalten und mir jedesmal Elogen über sie gemacht nachher'.

Als der Kaiser zur Beerdigung seiner Großmutter kam, war, wie ich schon sagte, die ganze Bevölkerung ehrlich gerührt. Man hat ihm das hoch angeschrieben. Der Kaiser war nie so populär in England. Der Lordmayor von London fühlte das Bedürfnis, dieser Stimmung Ausdruck zu geben. Er schrieb dem Kaiser einen Brief und erbat eine Audienz, um dem Dank der Londoner Bevölkerung Ausdruck geben zu können. In diesen Tagen wurde Freiherr von Eckardstein, der noch sehr viel in London gelernt hatte, in irgendeiner Angelegenheit zum Kaiser befohlen. Oder er hatte jedenfalls dort zu tun. Als er ankam, zeigte ihm Plessen das Schreiben des Lordmayor und erklärte: ,So ein frecher Kerl.ilhelm II.: ,voraussichtlich eine Eckardsteinsche Fabel!' Da könnte jeder Bürgermeister kommen und Audienz bei S[einer].M[ajestät]. verlangen. Daraus wird nichts. Es ist wirklich eine Frechheit!' Eckardstein fasste seinen Mut zusammen und sagte dem General gründlich seine Meinung. Er klärte ihn darüber auf, dass der Lordmayor nicht ein ,Bürgenmeister' war und was die Sache als Ausdruck bedeute. Plessen war nicht zu überzeugen. Eckardstein wurde dann zum Kaiser hereingerufen und brachte die Sache vor. Was dieser alberne Plessen nicht begriff, begriff der Kaiser in der ersten Sekunde. Er befahl sofort, dass die Audienz stattzufinden habe"²⁵.

Dem Burenkrieg, der durch das Telegramm des Kaisers an Ohm Krüger, vordergründig zur Weichenstellung gegen ein Bündnis mit England wurde, verleiht der Bericht William Tyrells unerhörten Aufklärungswert:

"Der Burenkrieg war der schrecklichste und ruhmloseste aller Kriege, den England je geführt hat.

Wilhelm II.: ,stimmt'.

Er ist rücksichtslos geführt worden mit einer Brutalität ohne Gleichen und, wenn es eine Entschuldigung dafür gibt, so ist es die, dass England die Buren wirklich zum Schluss zu der Zivilisation geführt hat, die sie bis dahin nicht hatten. Die Buren waren primitiv und recht plump und...

Wilhelm II.: ,P[h]arisäer!'.

...grob.

Wilhelm II.: ,mit verhungerten Weibern u[nd]. Kindern im Conzentrationslager!!'.

Aber das ist auch die einzige Entschuldigung für...

Wilhelm II.: ,Nein!' ...uns.

Wilhelm II.: ,Dafür braucht man sie nicht totzuschlagen!'.

Nach diesem Prinzip musste die Keilerei unter den Völkern nicht aufhören[.] Dazu kommt, dass wir den Krieg gar nicht gewollt haben, sondern dass wir einfach in ihn hineingedrängt worden sind. Cecil Rhodes war ein ganz grosser Mann. Er hat dieses riesige einheitliche Reich in Afrika vom Kap bis zur Mündung des Nils aufrichten wollen, aber nicht durch Krieg, sondern anders. Er hat die Buren einfach umzingeln wollen. Ganz umgeben von britischem Besitz wäre schliesslich nichts anderes übriggeblieben, als sich in die Gesamtheit einzugliedern. Aber da waren zwei jüdische Kaufleute, die aus Hamburg stammten und in Johannisburg ansässig waren...

Wilhelm II.: ,War nicht einer aus Hessen? Welcher? Beit?', ...

denen diese Politik nicht passte. Sie hatten Verbindung mit Cecil Rhodes und arbeiteten mit ihm zusammen. Diese beiden Juden wollten in den Besitz der Goldfelder kommen. Es dauerte ihnen zu...

Wilhelm II.: 'Mamon!'

...lange. Sie waren es, die den Jameson Raid provozierten...

Wilhelm II.: ,u[nd]. dafür mussten die kerndeutschen Christen von den Angelsächsischen Christen totgeschlagen werden!' Uns war der Einfall Jameson's im höchsten Grade unangenehm.

Wilhelm II.: ,Möge Grass vor deren Thüren wachsen!'

Das ist die Logik eines Backfisches in der Pension! [U]und je mehr wir taten, um den Zustand des Rechtes wieder herzustellen, desto unangenehmer wurde unsere Situation, als wir gar noch mit Strafen vorgingen, schwoll den Buren vollends der Kamm und jetzt taten sie alles...

Wilhelm II.: ,was?'

...solange bis England gezwungen war, den Krieg zu führen.

Wilhelm II.: ,Schamloses Zeug'.

Das ist die Geschichte des Buren Krieges.

Wilhelm II.: ,Nein! das ist sie nicht'.

Gegen die beiden Kaufleute war Cecil Rhodes sehr loyal.

Wilhelm II.: 'very misplaced loyalty'.

Er hätte sie natürlich an den Pranger stellen...

Wilhelm II.: ,müssen'.

...können. Aber da sie einmal mit ihm zusammengearbeitet hatten, schwieg er.

Wilhelm II.: ,u[nd]. machte sich zu ihrem Complicen[.] Und liess ein Volk zu Grunde richten [-] Saubere Cumpanei!')"²⁶.

Der Monarch, dem die Besorgnisse der englischen Königin nahe gebracht wurden, gab die Problemlage an seinen Generalstabschef Schlieffen weiter. Dessen Richtlinien gingen an Königin Victoria. Die Monarchin bedankte sich beim Deutsche Kaiser²⁷. Die Ostasienmission Graf Waldersees, des Weltmarschalls, förderte die Verbrüderung deutscher, französischer und russischer Offiziere gegen die Engländer zutage. Etwa der Oberstleutnant Marchand, der die französische Flagge in Faschoda hatte niederholen müssen, regte an, künftig mit den Deutschen gegen England zu gehen²⁸.

Bei Gelegenheit des Begräbnisses der Königin Victoria im Jahre 1901, äußerte Wilhelm II. gegenüber einem Kabinettsmitglied:

Lord Salisbury ist veraltet. Er ist von der Idee besessen, daß da in Europa eine 'balance of power' sei. Da ist keine 'balance of power' in Europa, außer mir - mir und meinem fünfundzwanzig Korps. Ich kann sie verdoppeln am Tage des Kriegsausbruchs. England ist kurzsichtig. Ohne Verbündete wird es sein Schicksal sein, am Ende von Rußland und den Vereinigten Staaten verdrängt zu werden. Mit meiner Armee und Ihrer Flotte würde diese Kombination gegen uns machtlos werden.

Gespräche mit Joseph Chamberlain verstand Wilhelm II. als Vorbereitung auf ein englisch- deutsches Bündnis gegen Russland. Absprachegemäss hielt Chamberlain am 30.11.1899 in Leiceter eine Rede, in welcher er aussprach.

Noch etwas, glaube ich, muß jeder weit sehende englische Staatsmann lange gewünscht haben: daß wir nicht dauernd auf dem europäischen Kontinent isoliert bleiben sollten, und ich glaube, in dem Moment, wo dieses Verlangen entstand, muß es jedem klar geworden sein, daß unser natürliches Bündnis jenes zwischen uns und dem großen deutschen Kaiserreiche sein müßte...Ist die Verbindung zwischen England und Amerika in der Sache des Friedens ein mächtiger Faktor, so wird eine neue Triple Alliance der teutonischen Rassen und der beiden Zweige der angelsächsischen Rasse von noch viel machtvollerem Einfluß auf die Zukunft der Welt sein. Ich habe das Wort ,Alliance' gebraucht...aber noch einmal möchte ich klarlegen, daß es mir unwesentlich erscheint, ob Sie eine Alliance haben, die dem Papier anvertraut ist oder eine Übereinstimmung der Meinungen bei den Staatsmännern der betreffenden Länder. Eine Verständigung ist vielleicht besser als eine Alliance mit festgelegten Vereinbarungen, die im Hinblick auf die von Tag zu Tag wechselnden Umstände nicht als beständig betrachtet werden können(Hervorh.v.m., B.S.)²⁹.

Doch Bülow goss kaltes Wasser auf die Idee eines englisch-deutschen Rapprochements. Dabei ließ er im Reichstag die verräterische Wendung fallen, in dem neuen Jahrhundert müsse Deutschland der Hammer oder der Amboß sein. Daraufhin äusserte sich Chamberlain gegenüber Baron Eckardstein an der Deutschen Botschaft zu London ablehnend³⁰.

Geradezu kennzeichnend für Verfahren und Wirkung wilhelminischen Auftretens wirkt die Schilderung, die Graf Monts (Botschafter in Rom) zu einem Vorkommnis auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin gibt: Ich erinnere mich, wie der Kaiser den König von Italien empfing und weiss, wo der Hass des Königs gegen ihn zu suchen ist. Der Kaiser stand mit seinen Herren an dem Anhalter Bahnhof und als der Zug einfuhr, erklärte er in seiner Art[:] ,Dass mir aber keiner von Euch jetzt lacht, wenn der Knirps aus seinem Coupé steigt'. Nun müssen Sie bedenken, dass der italienische Militair-Attaché unter den Herren war. Noch am selben Abend wusste der ,Knirps' davon. Als ich in Rom war, liess mich der König ganz abfallen. Wie sich später herausstellte, nahm er an, dass der Kaiser extra mich ausgesucht hatte, weil ich so gross war. Uebrigens stand ich mich dann mit dem König ganz gut. Der Kaiser hat eine besondere Vorliebe, ganz grosse Leute als Sondergesandten zu schicken.

Wilhelm II.:

Ein Bekannter von Monts sagte mir mal von ihm: ,Er ist ein stets mit allem missvergnügter Nobile. Keiner kann ihm recht machen, auch Ew. M[ajestät]. nicht. Eine eingebildete, hochnäsige, menschenverachtende Kratzbürste. Wollen Ew. M[ajestät]. mit einem Staat eine Differenz oder gar Krieg, schicken E[ure].M[ajestät]. nur getrost Monts hin. Binnen 14 Tagen hat er durch selbe hochfahrende, burschikose Taktlosigkeit die Staatsmänner in solche Wut gebracht, dass der Krieg da ist!' Das obige Dokument bestätigt das, aber auch dass er wie ein Diplomat lügt.

Darauf „kontert" Monts. Nach dessen Schilderung soll der Generalstabschef Moltke über den Kaiser geäussert haben:

Ich bin arm und musste daher im Dienst bleiben. Aber es war kein Tag, an dem ich über den Kaiser innerlich nicht empört war³¹.

Den wohl entscheidenden Rückschlag erlitt der Kaiser infolge des Skandals um das Interview, welches er während eines Englandbesuches seinem Freund, Oberst Stuart Worthly, auf Highcliff Castle gewährte und das einvernehmlich in der Daily Telegraph veröffentlicht wurde.

Tirpitz gibt eine Darstellung dieses Vorfalls, in dessen Verlauf der Monarch einen Nervenzusammenbruch erlitt und politisch wie persönlich schwer geschädigt zurückblieb:

Im Jahre 1908 war ich in Rominten zur Pürschjagd. Ich ging mit dem Kaiser und unterwegs sagte er mir: ,lch habe da einen Brief erhalten, der sehr wichtig ist. Lesen Sie ihn einmal durch'. Das war der Stuartbrief. Da nicht mehr genug Licht war und eine englische Handschrift auch nicht sehr deutlich zu lesen ist, konnte ich mich nicht mit allen Einzelheiten befassen. Ich wollte am nächsten Morgen noch einmal darauf zurückkommen, kam aber wegen anderer wichtigerer Dinge nicht dazu. Ich [gestr.: sagte] machte Rücker-Jaenisch auf das Schreiben aufmerksam. Dem Kaiser riet ich durch ihn das Auswärtige Amt zu befassen. Rücker-Jaenisch sollte den Brief an Bülow schicken. Das geschah auch. Bülow schickte das Schreiben durch seinen Attaché Müller an den Staatssekretär Schön. Schön war nicht da. Ich sprach noch mit dem Dezernenten Stemmerich, dem ich auch meine Bedenken auseinandersetzte. Ich weiss nicht mehr, was er mir antwortete. Jedenfalls wurde der Brief in England publiziert. Das wäre noch nicht so schlimm gewesen. Aber dadurch, dass das Wolff'sche Bureau den Text übernahm, wurde es eine amtliche Publikation. Darin hatte Bülow schon recht, dass er versuchte, den Kaiser von selbständigem Handeln zurückzuhalten³².

Daraufhin bezieht William Tyrell zu den Vorgängen um den Daily Telegraph-Artikel eindeutig Stellung:

Die [zwei Streichungen] englischen Minister waren empört über Bülow's Verhalten im Reichstag 1908; er hätte den Kaiser decken müssen, der an der Daily Telegraph Affaire ganz unschuldig war³³.

Tyrell ergänzt diese Darlegung aus der Kenntnis der 1930 erschienen Bülow-Memoiren: "Was Bülow betrifft, so ist sein Wirken das Unheilvollste gewesen.

Wilhelm II.: ,richtig'.

Wir wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben. Was er jetzt in seinen Memoiren erzählt, ist das Unanständigste und Verlogenste, das je ein Staatsmann über seinen Souverän geschrieben hat, dem er 10 Jahre lang diente.

Wilhelm II.: ,stimmt'³⁴.

Auch Asquith betont den nichts weniger als guten Willen des Kaisers, der sich als Englands bester europäischer Freund habe darstellen wollen. So ist es erklärlich, dass weniger in Frankreich, Russland und Großbritannien, als vielmehr in Deutschland, ein Sturm der Entrüstung aufgebrochen sei, der durchaus im Stande gewesen sei, den Monarchen wegzufegen. Dass der Reichskanzler seinen Rücktritt anbot, habe im direkten Zusammenhang mit dessen Bestreben gestanden, in der nachfolgenden Debatte im Reichstag deutlich zu machen, dass derartige Eingriffe des Monarchen in die Reichspolitik künftig zu unterbleiben hätten. Ob mit Bülows Entmachtung im Juni 1909, auch das Abenteuer Weltpolitik sein Ende fand, bleibe jedoch dahingestellt³⁵. Bülow - so Asquith - habe noch 1913 die parallele Gültigkeit von Welt- und Europapolitik betont³⁶.

Tirpitz: der Vater der Lüge

Grundsätzliche Differenzen verhinderten den deutsch-englischen Ausgleich. Während das Reich definierte Garantien der englische Unterstützung in solchen Teilen der Welt forderte, in welchen dessen Interessen weniger bedeutend waren - vor allem in Mitteleuropa - forderte England Unterstützung im Fernen Osten, wo Deutschland nur geringe Interessen besaß. Doch die deutsche Regierung verstand nicht die Folgewirkungen der englischen Haltung. Ein Abkommen über solche Regionen, in denen britische Interessen bedeutend waren, schien möglich, jedoch kein Militärbündnis über Zentraleuropa, weil es keinerlei Bedrohung gab, die ein derartiges Abkommen rechtfertigen würde.

Tirpitz unterstreicht, zum Aufbau der deutschen Flotte habe gehört die

"Geschichte mit Mani[l]la und den[m] Admiral Dieterichs. Ferner die Geschichte mit den portugiesischen Kolonien 1897. Dann die Sache mit dem Weltmarschall, dem Sü[h]neprinzen und dem verunglückten Kotau. Die Deutschen und die Österreicher, zur Not noch die Italiener gehorchten Waldersee. Die anderen machten alle, was sie wollten.

Wilhelm II.: ,Unsinn!'

Es war ein grosser Fehler, Deutschland in den Vordergrund zu schieben, weil unser Botschafter Graf Kettler so dumm war...

Wilhelm II.: ,Monts war ja sein Dozent gewesen! er that seine Pflicht'. ...sich totschlagen zu lassen. Denn man hatte ihn gewarnt, doch er hat erklärt: ,Mir kann als Botschafter nichts geschehen'".

Wilhelm II. greift ein:

Jetzt weiss ich, wo eine der [gestr.: ,falschen'] Quellen steckt, von der die fabelhaften Lügen über mich verbreitet werden! Das ist Monts mit seinem Gequatsche!³⁷

Monts verwahrt sich grundsätzlich dagegen, Tirpitz sei der Schöpfer der deutschen Flotte gewesen. Er merkt an:

Tirpitz tut immer so, als ob er die deutsche Flotte geschaffen [hätte]. Keine Spur davon.

Vielmehr hätten Admiral Werner, sein Vetter Graf Monts, der Bruder des Grafen Waldersee - der jung gestorben...und sehr begabt gewesen sei - endlich St. Paul[i]-Hilaire, der spätere Hofmarschall des Prinzen Adalbert, die Initiative ergriffen und seien um die Mitte des 19. Jahrhunderts nach England gegangen. Dort seien sie viele Jahre geblieben und hätten dann den Grundstein zu der Flotte gelegt. Ein See-Offizier[s]corps sei auch nicht in 10 Jahren ausgebildet. Monts betont: Es gehören 40 Jahre dazu".

Der Diplomat ergänzt, Tirpitz habe der Kaiserin keinen Aufstand eingeredet, der stattfände, wenn das Flottengesetz nicht verabschiedet würde, sondern

er redete ihr ein, dass die Dynastie gefährdet sei, so sehr sei der Flottengedanke im Volke verwurzelt.

Augusta Victoria habe den Kaiser damit schrecken sollen. Wilhelm II. Merkt dazu

an: gelogen! niemals hat Ihre M[ajestät]. mir sowas mitgeteilt³⁸.

Im Februar 1900 kündigte Tirpitz im Reichstage an, daß siebzehn Linienschiffe in sechs Jahren gebaut würden. Das war die offene Attacke auf England und die Welt veränderte sich. Es traf zu, wenn Nowak/Wilhelm II. betonten,

"nur der Admiral von Tirpitz und der neue Reichskanzler Graf Bülow glaubten, daß sie ihr eigentliches Wollen so geschickt hinter einem Wort und einer Spiegelfechterei verkleidet hätten, daß England den versteckten Sinn nicht begriff'³⁹ (Hervorh.v.m., B.S.).

Exakt dies traf zu.

Tirpitz kommentiert weiter Details der Entrevue von Björkoe. Der Admiral des Atlantik grüsst den Admiral des Pacifik sei das Motto dieses Gesprächs zwischen Wilhelm II. und Zar Nikolaus II. gewesen. Der Kaiser habe sich dabei sicher nichts gedacht, meint Tirpitz. Vorgeblich habe er, Tirpitz, bereits in Stettin den Kaiser vor einer solchen Aussage gewarnt, da der Zar diese sofort Lambsdorff geben würde. Und was dann geschehe, könne man sich ja denken. Noch in Reval habe ihm der Zar versichert: Ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich Deutschland nie den Krieg erklären werde⁴⁰.

Erneut unterstreicht der Marinespezialist seine Position, einer engen Anbindung an Russland, als Basis jeglicher Konfrontation mit England. Auch legt er ex post nahe, Deutschland habe einen Krieg nicht benötigt, habe warten können bis sich die bedeutendere Industriekraft des Reichs auswirken würde. Indem Tirpitz Differenzen mit dem Kaiser betont, teilt er zugleich mit, dass im Jahre 1906 Streit zwischen Wilhelm II. und dessen Berater über die Höhe der Flottenforderungen aufgetreten sei. Dies erscheint von Bedeutung, war doch im Gefolge der ersten Marokkokrise die mangelnde Kriegsbereitschaft der deutschen Armee und Flotte offenbar geworden.

Tirpitz* führt aus:

"Es gab [dann] bisweilen ,ein Stadium der leichten Ungnade', was für mich das Beste war.

Wilhelm II.: ,besonders wenn er mich belogen hatte'.

1906 war eine Misstimmung da, weil ich nicht genug für die Flotte verlangte. Da gab es einen richtigen Krach. Mir lag natürlich viel an der ,Flotte', die ein Faktor war. Die rapide Entwicklung unserer Wirtschaft, war freilich eine grosse Gefahr für Deutschland. Stahl ist immer ein Barometer in diesen Dingen. Wir waren weit voraus. Aber im ganzen waren der Kaiser und ich immer einer Meinung über die Flotte. Die Stadien der Ungnade kamen immer wieder, wenn er selbst mit eigenen Dingen kam. Er kam mit neuen Konstruktionen zu denen er sich irgend einen düsteren Techniker herausgeholt hatte.

Wilhelm II.: ,falsch! er ärgert sich, dass er die Erfindung nicht gemacht hatte'). Ich aber trug die Verantwortung. Ich hatte einen hochausgebildeten Stab herangezogen. Da gab es dann Konflikte"⁴¹.

* K.F.Nowak, Kaiserreich, S. 240: Nicht nur der Kanzler, auch der Staatssekretär des Marineamtes, Admiral von Tirpitz, gedachte die allgemeine Erbitterung der Öffentlichkeit gründlich auszunutzen [nachdem diese zuvor geschaffen wurde, B.S.]. das Flottengesetz nannte er bereits gesichert. Er trank ein Glas Sekt auf die Beschlagnahme der deutschen Schiffe [Postdampfer- Affaire]. Wilhelm II. habe sich seit Herbst 1895 der Flotte zugewandt. Seit Peter Winzen wissen wir, daß Wilhelm II., Tirpitz und Bülow 1891, im Kieler Schloß, den Aufbau einer Flotte beschlossen.

Marokko I: Das passiert mir nie wieder

Tyrell enthüllt:

"der Marokko-Vertrag ist in Berlin gemacht worden. Alles, was sich seit 1900 ereignete, hat Berlin gemacht. Es war 'notre Bureau de Marriage'⁴²

Kühlmann geht in seinem Einwurf weiter zurück, geißelt die Kontinuität des Unverständnisses, angesichts der sich wandelnden internationale Lage, in Berlin und zeichnet ein differenzierte res Bild der französischen Außenpolitik Delcassés:

Als England an die Ordnung des Egyptischen Problems ging, versuchte es aus seiner Isolierung irgendwie heraus zu kommen und eine Anlehnung an eine Kontinentalmacht sich zu sichern. In Deutschland hat man das nicht verstanden oder nicht verstehen wollen. Man hat mit geistvollen Phrasen herumgeworfen und in den Gleichnissen von Wa[a]lfisch und Elefant gesprochen, die man an einander geraten lassen wollte, ohne sich selbst zu binden. Auch der alte Bismarck übersah oder verstand die ganze Situation nicht. Er war eben nicht mehr ein Mann von 45. Die anderen bildeten sich weiss Gott was auf die Feinsinnigkeit ihrer Gleichnisse ein. Die Folge war, dass sich England inzwischen mit Frankreich arrangierte. Da es Egypten nahm, überliess es Marocco der französischen Einflusssphäre. Das geschah im Jahre 1904. Delcassé hatte die Empfindung, dass er bei dieser Neuordnung uns nicht ganz übergehen könne und klopfte vorsichtig bei Herrn von Radowitz an. Man hielt das wieder für eine Falle und es wurde nichts daraus. Ich war um diese Zeit aus Persien zurückgekommen und kurze Zeit in London. Es liess mich Herr von Holstein kommen und schickte mich nach Tanger. Ich hatte das Gefühl, dass aus dem Marocco-Abkommen zwischen England und Frankreich sehr viel für uns herauszuholen wäre, indem wir uns die Zustimmung zur Neuordnung möglichst teuer abkaufen liessen. Ich organisierte in Tanger einen ganz regelrechten Dienst zur Realisierung dieser Idee. Als der Kaiser auf eine seiner Mittelmeerreisen ging, inspirierte ich den Korrespondenten der Times, den Vertreter der Agence Havas und der Kölner Zeitung eine Depesche, in der es hiess, dass alles in Marocco von ihm erwartete, dass er Tanger anlaufen werde. Von Herrn von Holstein bekam ich ein Telegram, dass die Depesche zwar nicht werde veröffentlicht werden, dass man sich aber vorbehält, der Stimmung, die aus dieser Depesche spräche Rechnung zu tragen. Unter dem Druck dieser Angelegenheit und unter dem Drucke Bülows kam der Kaiser wirklich nach Tanger. Die Franzosen, mit denen ich sehr gut war, tranken damals auf 'la bonne guerre'. Von da ab ruhte die Marocco-Angelegenheit nicht mehr.⁴³ (Hervorheb.v.m., B.S.)

Der Kaiserbesuch in Tanger habe

in Frankreich eine grosse Welle der Angst erzeugt, weil man darin Vorboten kriegerischer deutscher Pläne gegen Frankreich sah, weil Frankreich schlecht geführt war und Russland durch die Nachwehen des Mandschurischen Krieges ausschied,

berichtet Kühlmann und geht noch weiter:

Eine Politik, die sehr rasch zugegriffen hätte, hätte in positiven Abmachungen Erfolg gehabt, denn der Sturz Delcassés und das Kommen von Rouvier war eine Erklärung der Verhandlungsbereitschaft. Aber Holstein versagte.

Wilhelm II. hält diese Aussage für zentral und warnt vor Krieg. Der Monarch zählte in Berlin zu den Tauben. Kühlmann behauptet, er habe eine Politik erfunden, was Wilhelm II. mit der Bemerkung beantwortet: na na? Der Monarch stimmt Kühlmanns Kritik der Holsteinschen Politik zu. Der Diplomat erläutert:

Als Herr v[on]. Holstein gegen Frankreich im Herbst aggressivere Absichten hatte, sagte ich: ,Man kann doch nicht die Angst der Franzosen, die im Frühjahr frisch genossen ein bekömmliches Getränk ergeben hätte, im Herbst auf Flaschen gezogen kalt geniessen'. Die Franzosen hatten in der Zeit von Tanger bis zu den Verhandlungen unmittelbar vor Algeciras die Zusicherung Englands erhalten, dass England im Kriegsfalle Frankreich beistehen würde.

Wilhelm II. merkt an: richtig [erste Unterstreichung] und fügt bestätigend hinzu: ja [zweite Unterstreichung]. Kühlmann betont, dass er Holstein mehr und mehr im Sinne einer aktiven Politik beeinflussen wollte. Er sieht:

Immer in dem Sinne: Deutschland wird einen Bruch des Madrider Vertrages nicht dulden. Es besteht auf seinem Rechte, dass der status quo in Marocco gewahrt bleibt, bis wir die Zustimmung zu einer Veränderung geben.

Verschiedene Warnungen an Paris, die von Kühlmann ausgegangen seien, sollen schließlich dazu geführt haben, dass Delcassés falsche[,] dem Ministerium gegenüber eingenommene Stellung, für dessen Sturz verantwortlich geworden sei.

Wilhelm II. erwähnt hier den Fürst[en] v[on]. Monaco.

Über den Korrespondenten der Kölnischen Zeitung in Tanger habe er für die Landung des Kaisers plädiert. Dann drängte Bülow[,] und vor allem Holstein[,] darauf, dass der Kaiser landen sollte, berichtet Kühlmann. Schließlich habe ihn ein Telegramm Bülows erreicht, die Landung des Kaisers in Tanger sei der Öffentlichkeit bekannt geworden. Darin sei Kühlmann dafür verantwortlich gemacht worden, dass der Kaiser nun auch wirklich in Tanger lande.

Kühlmann legt die innen- und personalpolitischen Wirkungen der Marokkokrise offen. Darüber hinaus erklärt er den Zusammenhang zwischen der Marokkokrise 1905, in deren Verlauf der Krieg verschoben wurde, und der schließlichen Bereitschaft des Kaisers, den formalen Mobilmachungs- Befehl 1914 zu unterschreiben:

"Die Maroccopolitik führte:

zum Sturz Holsteins.

zum Niederbruch Bülows. Er wurde im Reichstage als die Debatte über Marocco einsetzen sollte, bekanntlich ohnmächtig. Ich bin überzeugt, dass er diesen Ohnmachtsanfall fingiert hatte. Er war eine ganz charakterlose Puppe.

zu der Campagne, die Holstein nach seinem Sturz durch Harden führen liess gegen die Umgebung des Kaisers und gegen den Kaiser selbst.

dazu, dass die Schuld für die angeblich schwächliche Politik Deutschlands in der Marokko- Frage vollkommen auf den Kaiser gewälzt wurde, dessen persönlicher Mut angezweifelt wurde. Ganz offen konnte man hören: ,Der ist überhaupt nie in den Krieg zu bringen.' Man nannte den Kaiser einen Chlappier, der von keinem vor die Klinge zu bringen war. Das war von entscheidendem Gewicht in der Krise 1914. Der Kaiser sagte ungefähr: Das passiert mir nie wieder. Wenn es hart auf hart geht, werde ich zeigen, dass ich auch beissen kann."⁴⁴ (Hervorh.v.m., B.S.).

Botschafter Baron von der Lancken berichtet zum Entscheidungsprozess in der Reichsleitung vor dem Hintergrund der ersten Marokkokrise, der Generalstabschef Schlieffen habe für den Krieg mit Frankreich votiert. Von der Lancken führt aus:

Holstein war in der Marokkokrise für den Krieg mit Frankreich. Er wurde von Schlieffen geschoben. Schlieffen vertrat den Standpunkt: 'Wenn die Franzosen nicht nachgeben wollen, so lassen wir sie gegen uns anrennen. Sie laufen ja direkt in unsere Gewehre'⁴⁵ (Hervorh.v.m., B.S.).

Graf Monts ergänzt diese Darstellung des Holsteinschen Kalküls in der Frage des Kriegsentschlusses. Das Reich habe sich durchaus in einer starken Position zwischen den Mächten befunden. Holstein habe bereits zu diesem Zeitpunkt das Bündnis mit England gewollt. Monts entwickelt:

"In Bezug auf Marokko wollte Holstein den Krieg. Das war für ihn, so wie für Bismarck einmal die spanische Kandidatur ,die mündliche Sache'. Mit England konnte es zu einem Kolonialabkommen und Neutralitätsbündnis kommen. Ungefähr in der Art, wie es dann mit Frankreich eines geschlossen hat. Holstein wollte das Bündnis mit England. Aber er hielt die Situation nicht für bündnisreif. Japan war nicht dagegen. Russland stand mit gebundenen Händen da.

Wilhelm II.: ,und wie! Die 3.grösste der Welt aber keine Kriegsflotte'.

Ein englischer Hass bestand noch nicht. Vielleicht ging England mit. Der Krieg war mathematisch für uns. Wir hatten keine Handelsflotte. Die politische Konzeption war jedenfalls richtig. Bülow ging in dieser[n] Gedankengängen so lange mit, wie er sich damit Triumphe holen konnte. Die Folge war der Sturz Delcassé[s]. Er selbst wurde Fürst"⁴⁶

Bülow habe die Franzosen natürlich gereizt, wirft von der Lancken ein, und, als es dann dazu gekommen sei, dass die Angelegenheit ausgetragen werden sollte, dann schwenkte er ab⁴⁷. Graf Monts konkretisiert:

"Bülow wollte 1905 den Krieg mit Frankreich.

Wilhelm II.: ,?'.

Er wollte schon damals durch Belgien gehen. Das hat er auf seinem Gewissen. Er hatte keine Ahnung von England...,

Wilhelm II.: ,richtig'.

...von der Macht dieses Landes und der Macht seiner Moral. An Russland sah er nicht die Tonfüsse des Kolosses, Oesterreich-Ungarn mochte er nicht. Dagegen hatte er eine Affenliebe zu Italien. Von innerer Politik verstand nichts. Er half sich überhaupt durch, indem er redete. Im Anfang seiner Kanzlerschaft fragte ich ihn, wie er sich sein Amt dachte. Er erklärte, dass er hoffe, über die Zwischenspanne von Wilhelm I. bis zum Nachfolger Kaiser Wilhelms II, das Reich durchzulavieren. Dann würde er wieder gehen...Von Wirtschaft verstand er nichts. Er fragte mich einmal im Ernst, was Prioritäten seien" (Hervorh. v.m., B.S.)⁴⁸.

Scharf kritisiert Kühlmann den Vertrag von Algeciras, der ein Machwerk gewesen sei. Der Diplomat verschärft: In Wirklichkeit siegten die Franzosen, denn die Frage des Kernproblems mit der Polizeigewalt haben sie zu ihren Gunsten gelöst⁴⁹. Kühlmann wurde aus Tanger verdrängt und suchte an anderem Platze eine politische Einigung mit Frankreich zu fördern. Zusammen mit dem französischen Gesandten in Tanger bereitete er dies von Paris aus vor. Mit Graf Cherrisé vereinbarte Kühlmann, für die grosse[n] Interessen und grosse[n] Rechte des Reichs in Marokko sei dieses zu entschädigen. Kühlmann plädierte für den Konferenzweg und gab vor, dort ein Scheingefecht zu liefern, das mit dem Mandat und der Polizeigewalt für Frankreich in Marokko enden würde. Eine Duldung von Seiten Deutschlands, erst nach zwei Jahren, werde das Ergebnis bilden. Andererseits erhalte

Deutschland den französischen [Kongo] und das Vorkaufsrecht auf den belgischen Kongo. Graf Cherrisé fand diese Bedingungen durchaus annehmbar und sagte mir: ,lch werde mit meinen Freunden sprechen und Sie werden mit ihren Freunden in Berlin reden und wenn sie einverstanden sind, werden wir einen Geheimvertrag machen'.

Kühlmann traf dort auf Herrn von Radowitz. Dieser habe ihn umarmt und "die Lösung die glücklichste des

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