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Länge:
399 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 26, 2020
ISBN:
9783740740313
Format:
Buch

Beschreibung

Sechs psychisch kranke Menschen treffen sich in einer stillgelegten Schule in der Einöde, um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Angeblich sollen sie als Probanden eine neue, vielversprechende Therapiemethode testen.

Tatsächlich sind sie aber unwissentlich Teilnehmer eines perfiden Experiments: Jede ihrer Handlungen wird per Live-Video auf eine Internetseite übertragen. Die Nutzer dieses Netzwerks dürfen darüber abstimmen, in welche Richtung die Therapie gehen soll: Versöhnung oder Streit? Heilung oder Krise?

Die Beobachter vor den Bildschirmen haben es in der Hand! Schnell verliert das Experiment alle moralischen Grenzen und bald geht es nicht mehr um kleine Entscheidungen, sondern um die Frage, ob Menschen zu Forschungszwecken an Körper und Seele verletzt werden dürfen.

Eine Psychologiestudentin kommt den Initiatoren des Experiments auf die Schliche, doch ist die herannahende Katastrophe noch aufzuhalten?
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 26, 2020
ISBN:
9783740740313
Format:
Buch

Über den Autor

Als Literaturwissenschaftlerin ist Katharina Lindner nicht nur eine begeisterte Leserin und eine Liebhaberin des geschriebenen Wortes in all seinen Facetten. Als Soziologin ist sie auch eine aufmerksame Beobachterin der Menschen und ihrer Umwelt. Sie nimmt beim Schreiben typisch menschliche Sehnsüchte, Sorgen und Ängste in den Blick und lotet behutsam seelische Abgründe aus. Ihr Schwerpunkt ist die Suche nach Glück und Sinn. Weil mit solchen Fragen aber auch die dunklen Seiten des Lebens verknüpft sind, stellt Katharina Lindner auch tabuisierte Themen wie psychische Erkrankungen oder Gewalt ins Zentrum ihrer Betrachtungen. Scharfsinnig, sensibel und pointiert bringt die Indie-Autorin mit ihrem literarischen Beitrag wichtige Themen in den Fokus der Aufmerksamkeit, die im alltäglichen Trubel manchmal zu kurz kommen, obwohl sie viel mehr Menschen betreffen, als man denken könnte. Neben ihren Romanen schreibt Katharina Lindner auch illustrierte Ratgeber rund um Kreativität, Selbstverwirklichung und persönliche Erfüllung. Sie lebt in Oldenburg / Niedersachsen und führt einen abwechslungsreichen und vielseitigen Mindstyle-Blog namens Seelenheiter.


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Die meisten Likes - Katharina Lindner

würde.

Kapitel 1

Schwer atmend kauerte der Mann sich hinter einem Baum ins Unterholz. Wie lange waren sie schon hinter ihm her? Es konnten nur Minuten gewesen sein, doch es war ihm wie Stunden vorgekommen. Bis eben hatte er noch selig schlummernd unter seiner warmen Decke gelegen und nun versteckte er sich im Gestrüpp wie ein Schwerverbrecher! War er das – ein Verbrecher? Oder waren seine Verfolger die Verbrecher? Waren alle an diesem Spiel Beteiligten Verbrecher?

Seine Frau, anfangs selbst begeistert von ihrer neuen Aufgabe, hatte ihm seit Tagen in den Ohren gelegen, dieses unselige Spiel endlich abzubrechen und auch auf das Geld zu verzichten. Immerhin hatte er verkauft, was ihm nicht gehörte, das konnte dem eigentlichen Eigentümer durchaus missfallen. Allzu maßlose Gier bringt immer ein schlimmes Ende, hatte sie behauptet. Aber würden DIE dafür gleich über Leichen gehen? Er hatte es nicht glauben wollen. Er hatte abgewunken und nicht eine Sekunde ans Aufhören gedacht, wo sich schon einmal eine solch lukrative Möglichkeit bot. Warum auch? Es war doch gut gelaufen! Seine Frau mochte clever sein, aber sie war auch von ängstlicher Natur. Er hatte ihre Bedenken weggelächelt und sie an die Kreuzfahrt erinnern, die sie nach dieser Sache gemeinsam unternehmen wollten. Doch als er die ersten Vermisstenmeldungen im Radio vernommen hatten, war auch ihm mulmig geworden. Und nun hockte er hier, weit weg von zu Hause, während seine Frau wer weiß wo unterwegs war. Hoffentlich blieb sie weg, sonst war sie die nächste auf der Liste dieser Fremden! Er hatte allerdings keine Chance mehr, sie zu warnen, sie würde ihnen ins offene Messer laufen. Nun war allerdings er erstmal der Nächste, über den morgen in den Medien berichtet wurde.

Stimmen kamen näher. Er konnte hören, dass es sich um mindestens drei Männer handeln musste, die sich des Problems annahmen. Das Problem war er. Er und sein Schatz im Brustbeutel, der ihm seinen Ruhestand hatte versüßen sollen. Sie bellten einander knappe Befehle zu. Er hörte sie aus drei verschiedenen Richtungen. Sie hatten ihn umzingelt.

Die noch unbelaubten Bäume boten nur wenig Schutz. Er trug kein passendes Schuhwerk für eine solche Flucht und kannte sich in der Gegend nicht aus. Würden sie ihn erschießen? Erschlagen? Erstechen? Er vermutete, es würde schnell gehen und stümperhaft umgesetzt werden. Und dann verscharrte man ihn hier, zwischen Bäumen und Sträuchern, bis ihn ein Spaziergänger Monate später zufällig fand. Bisher hatte man noch nicht von Leichen berichtet, doch die warteten bestimmt irgendwo in der Einöde unter dichten Blätterhaufen. Er selbst würde wohl bald dazugehören. Erst, als sie heute Morgen in der Tür gestanden hatten, war ihm das klargeworden.

Schweiß rann ihm in die Augen, er wischte sich über die Stirn. Hörte sein eigenes keuchendes Atmen, fühlte Stiche in der Brust, wie damals, als die Herzinfarkte ihn auf die Intensivstation gebracht hatten. Hätte er doch auf seine Frau gehört! 57 Jahre war er alt, er nannte drei Enkelkinder sein Eigen und hätte noch einige zufriedene Jahre vor sich gehabt. Warum hatte er sich mit dieser zwielichtigen Unternehmung alles zerstört?

Er wusste es nicht. Er konnte nicht mehr denken, weil die Stimmen näherkamen. Sie hatten ihn im Morgengrauen aus dem Bett getrieben, weg von diesem Campingplatz, auf dessen Wiese der Morgentau glitzerte. Mit nackten Füßen und im Pyjama war er geflohen, doch die Kälte, die er eigentlich hätte spüren müssen, war von seiner Todesangst in den Hintergrund gedrängt worden. Unter seinen Sohlen spürte er feuchtes Laub und harte Äste. Im Osten bahnte sich eine kraftvolle Sonne ihren Weg. Er schloss die Augen und dachte an seine Familie. Eine Entscheidung seines Lebens hatte er falsch getroffen und sie hatte gleich solch fatale Folgen. Hätte er doch nur…

Dann waren sie da. Er blickte in ihre ausdrucklosen Gesichter und die Mündungen ihrer Waffen. Erschießen würden sie ihn also, den Beutel von seinem Hals reißen, das Laub über seinen leblosen Körper schaufeln. Das war’s. Ein trauriges Ende für eine Handvoll Kohle. Weil er sich diesem schrecklichen Spiel und seiner Faszination nicht hatte entziehen können. Weil ihm das, was er besessen hatte, nicht genug gewesen war. Ein unrühmliches, armseliges Ende! Er hätte es sich etwas später und mit mehr Würde gewünscht.

Ein gedämpfter Knall durchschnitt die Luft. Ein zweiter folgte. Krähen stoben laut flatternd in die Luft. Der Mann hielt sich im Fallen die Hand an die Brust, um seinen Schatz im Brustbeutel bis zur letzten Sekunde zu schützen. Er war längst tot, als sein Kopf den Boden berührte. Die Verfolger hielten sich nicht lang mit dem Toten auf. Sie befestigten eine große goldene Münze, ausgeschnitten aus Pappe, an seinem gestreiften Schlafanzugoberteil und leerten seinen Brustbeutel. Dann ließen sie ihn im abgeknickten Geäst liegen. Sie hatten alles, was sie brauchten.

Kapitel 2

Auszüge aus den Akten von Hermann Graf

Probanden im „Zentrum" (SOCIETAS-Studie)

Berg, Sebastian

49 Jahre, ledig, Kinderbuchautor, wohnhaft in H.

Diagnose: ICD 10 – F60.8 / narzisstische Persönlichkeitsstörung (Verdachtsdiagnose)

Prognose: eher günstig

Böhning, Norbert

67 Jahre, verwitwet, keine Kinder, in Rente, früher Buchhalter, wohnhaft in M.

Diagnose: ICD 10 - F32.3 / schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen

Prognose: eher ungünstig

Elster, Mia

23 Jahre, ledig, Grafikdesignerin, wohnhaft in L.

Diagnose: ICD 10 – F60.1 / schizoide Persönlichkeitsstörung

Prognose: sehr ungünstig, keine Krankheitseinsicht

Bemerkungen: unfreiwilliger Aufenthalt, verurteilt vom Landgericht L. wegen Verstoßes gegen § 204 StGB / Verwertung fremder Geheimnisse

Koch, Martha

54 Jahre, geschieden, keine Kinder, Statistin am Staatstheater S., wohnhaft in S.

Diagnose: ICD 10 – F60.4 / histrionische Persönlichkeitsstörung

Prognose: eher günstig

Schröder, Kerstin

30 Jahre, verheiratet, zwei Kinder (5 und 3), keine abgeschlossene Ausbildung, keine Berufstätigkeit, wohnhaft in B.

Diagnose: ICD 10 – F60.7 / abhängige – asthenische Persönlichkeitsstörung

Prognose: ungünstig

Schröder, Silvio:

32 Jahre, verheiratet, zwei Kinder (5 und 3), Fliesenleger, wohnhaft in B.

Diagnose: ICD 10 - F60.30 / emotional-instabile Persönlichkeitsstörung vom impulsiven Typ

Prognose: sehr ungünstig

Kapitel 3

Norbert Böhning bezog sein Zimmer am frühen Nachmittag. Die Sonne schickte ihre letzten Strahlen durch die blank geputzten Fensterscheiben, als er seinen kleinen Koffer auf das Bett warf und damit begann, die Handvoll Kleidung einzuräumen, die er mitgebracht hatte. Früher hatte seine Frau Ingrid ihm die Sachen gepackt und sie nachher auch in den Schrank geräumt. Unzählige Schränke in Ferienwohnungen und Hotels hatte sie bestückt, mit ihrer und mit seiner Kleidung, denn Ingrid hatte immer reisen wollen. Nun war keine Ingrid mehr da und Norbert überprüfte mit dem Zeigefinger die Regalbretter auf Staub, ehe er seine Hosen und Hemden zu kleinen Stapeln aufschichtete, genauso, wie es Ingrid immer getan hatte.

Das Zimmer war riesig und ließ deutlich erkennen, dass es eigentlich zu einem anderen Zweck erschaffen worden war, als einen einzelnen Schlafgast zu beherbergen. Das Mobiliar wirkte verloren angesichts der hohen Wände und der großen Fläche. Der ganze Raum strahlte eine gewisse altmodische Behäbigkeit aus. Zwar war die ursprüngliche Nutzung schon lange Geschichte, doch nistete sie noch immer als Gedanke in dem kalten, robusten Mauerwerk: Man konnte sich Schultische mit kleinen Stühlen, eine dunkelgrüne Tafel und aus Buntpapier ausgeschnittene Blumen an den Wänden gut vorstellen. Inzwischen jedoch standen schlichte, leidlich hübsche Möbel aus hellem Holz darin: Ein Bett, daneben ein Nachttisch, ein Schreibtisch mit Stuhl, eine Kommode und der Schrank, in dessen Untiefen sich ein zweites Kissen und eine weitere Decke befanden. Als würde er nachts verbotenen Besuch bekommen! Norbert dachte daran, dass Ingrid längst ihre Nase in die Bettwäsche gesteckt hätte, um festzustellen, ob sie nach Hund, Schimmel oder anderen Menschen roch.

Oder Weichspüler. Den Geruch von Weichspüler hasst Ingrid ganz besonders. Hatte sie ganz besonders gehasst, berichtigte sich Norbert. Er lächelte. Doch es war keine Freude in seinen Augen.

Der Blick aus einem der Fenster offenbarte einen wundervollen Rundum-Ausblick in eine weite, hügelige Landschaft. Vor dem Gebäude, in dem sie sich befanden, führte eine gekieste Auffahrt zu einem schmalen Weg, der gerade so ein Auto durchließ, wenn es sich nicht gerade um einen SUV handelte. Er war umgeben von Hecken und Bäumen und führte in Richtung der einzigen Landstraße, die das Anwesen mit der Außenwelt verband. In etwas größerer Entfernung wurde die Vegetation weniger und ging schließlich über in weite Felder, die wie grüne und braune Teppiche in den Himmel leuchteten.

Norbert, noch immer ein trauriges Lächeln auf den Lippen, wendete sich ab und zog die Vorhänge zu. Seit Ingrids Tod mochte er weder die unbeherrschte Aufdringlichkeit der vorfrühlingshaften Landschaft, noch das in den Augen stechende Sonnenlicht. Eine dämmrige, schwüle Höhle kam seinem innerlichen Befinden am nächsten. Deshalb gestaltete er seine Umgebung in diesem Sinne, auch wenn andere ihn für verrückt erklärten. Es habe keinen Sinn, sich selbst zu bestrafen, sagten sie dann, Rückzug und Isolation seien schädlich und überdies sei die Trauerzeit längst ausgereizt. Als hätten Uhr und Kalender darüber zu bestimmen, wie lange und wie intensiv er zu leiden hatte! Norbert hatte aufgehört, über seinen Kummer zu sprechen und wenn ihm jemand erklärte, Ingrid sei nun schon so lange tot, er könne es sich doch einmal wieder gut gehen lassen, dann winkte er ab und wechselte das Thema. Die Gespräche über Ingrid waren sowieso immer weniger geworden, wie das Wasser in einer Pfütze, die langsam von der Wüstensonne aufgezehrt wird. Für Verwandte, Freunde und Bekannte ging das Leben weiter und Ingrid hatte niemandem wirklich nahegestanden. Nur ihm, Norbert, der sie mit verzweifelter Innigkeit geliebt hatte, selbst dann noch, als ihr weicher Kern schon nicht mehr da war, um diese Liebe zu empfangen und zurückzugeben.

Norbert schichtete kleine Sockenkugeln neben den Hosenstapel und hängte seine drei fadenscheinigen Pullover auf einen Bügel. Dunkelblau, grau, schwarz. Der ist hässlich, hörte er Ingrid zu dem Pullover mit dem schwarzen Zopfmuster sagen. Er macht dich fett. Fett allein geht ja noch. Aber fett UND unattraktiv ist eine schlechte Mischung. Norbert sah an sich herunter. Nackte Füße mit verhornten Zehennägeln in ausgetretenen Hausschuhen, spitze Knie, dürre Oberschenkel. Fett war er nie gewesen, doch inzwischen war er nicht mal mehr mollig. Der Wohlstandsbauch seiner mittleren Jahre hatte sich längst verabschiedet. Sein Appetit hatte sich zusammen mit Ingrid ins Grab gesenkt, vor vier Jahren auf diesem nebligen Friedhof. Dünn und auf eine unansehnliche, fast unwürdige Weise gebeugt, schleppte sich sein 67 Jahre alter Körper durch den Rest seines Lebens, das hoffentlich kein langes Nachspiel mehr beinhaltete.

Er seufzte. Zog die Tagesdecke glatt, weil der Koffer Spuren hinterlassen hatte, (Ingrid mochte keine Unordnung), schaltete probeweise die Nachttischlampe ein und wieder aus, die ein trübes Licht zeigte und legte ein zerlesenes Buch auf den Nachttisch. Daneben seine Lesebrille, die Augentropfen, eine Packung Taschentücher. Er hatte kein Foto von Ingrid bei sich. Ihr Bild trug er auch nicht im Herzen, wie man so schön sagt. Seine Vorstellung von Ingrid war so tief in den dunklen Katakomben seiner verlorenen Gefühle verborgen, dass er nicht mehr herankam. Alles, was geblieben war, war ihre Stimme: Räum den Tisch ab! Beeil dich ein bisschen! Lass den Motor nicht so lange laufen! Mäh den Rasen, aber sei nicht so laut dabei, sonst beschweren sich die Nachbarn! Krempel deine Jeans auf links, bevor du sie in den Wäschekorb wirfst! Kannst du denn überhaupt nichts, Norbert Böhning? Verdammt noch mal!

Nachdem Norbert sein Gepäck verstaut hatte, wusste er nicht mehr, was er tun sollte. Abendessen gab es um sechs, wie ihm gesagt worden war. Jetzt konnte es kaum fünf sein. Er überlegte, ob er seine Nase in das eselsohrige Buch stecken sollte, das auf dem Nachttisch lag, doch ihm fehlten häufig die Ruhe und Konzentration für jede Art von Lektüre. Er würde ein, zwei Seiten lesen, dann aufstehen, rastlos durchs Zimmer tigern und direkt vergessen, was er gelesen hatte. Schon auf Seite drei gelangte er nicht mehr zum roten Faden der Geschichte zurück und wäre genauso gelangweilt wie vorher. Nur diesmal mit dem Zusatz, sich wie ein Versager zu fühlen. Weil er es nicht mal hinkriegte, drei Seiten zu lesen und sich zu merken, was darinstand. Als ihm einfiel, dass er seine Kulturtasche noch nicht ausgeleert hatte, überkam ihn Erleichterung: Wieder zehn Minuten sinnvoll gefüllt. Er konnte damit, wenn er sich Zeit ließ, die Stunde bis zum Abendessen überbrücken. Zwar gab es im „Zentrum", wie sein Psychiater den Ort seiner neuen Therapie genannt hatte, Gemeinschaftsduschen und -toiletten, in die er seinen Kulturbeutel in Gänze mitnehmen musste, doch es sprach nichts dagegen, nachzusehen, ob er alles dabeihatte. Falls etwas fehlte, hatte der Therapeut gesagt, konnte man den Fahrer informieren, der die Bewohner im Lauf des Tages vom Bahnhof abgeholt hatte, und die notwendigen Besorgungen erledigte. Vorsicht ist besser als Nachsicht, hörte er Ingrid in seinem Kopf. Und, etwas lauter: Hast du etwa schon wieder etwas vergessen?

Als Norbert gerade Zahnbürste, Kamm und Seifendose auf den Schreibtisch legte und feststellte, dass tatsächlich etwas fehlte – nämlich sein Rasierpinsel – hörte er Stimmen. Ein Mann und eine Frau stritten sich. Sie schimpfte, er schrie. Erfolglos unterdrücktes, eindeutig weibliches Schluchzen. Stille, nur ein paar Sekunden lang. Eine Tür knallte, dann brüllten beide im Duett. Waren sie auf dem Flur oder im Nebenraum? Norbert trat wieder in sein Zimmer und spitzte die Ohren, um herauszufinden, aus welcher Richtung der Lärm kam. Ob es an den dicken Wänden oder an der Inkompetenz seiner gealterten Ohren lag, dass er keine Worte vernehmen konnte, war unklar. Aber es ärgerte ihn, den Inhalt der Auseinandersetzung nicht verstehen zu können. Eigentlich hätten ihm bei einem Streit die Haare zu Berge stehen sollen – es hatte im Lauf seines Lebens Tausende davon gegeben und nicht einer davon war fair oder glimpflich verlaufen. Doch anstatt erleichtert aufzuatmen, weil das Gekeife und Gemotze endlich ein Ende hatte, vermisste er es ebenso sehr wie Ingrids sauer eingelegte Bohnen oder die Farbe ihres Nagellacks. Selbst das größte Elend war ein vertrauter Freund, weil das Unbekannte sich immer als Feind entpuppte. Er hätte alles dafür gegeben, Ingrid noch einmal fluchen zu hören.

Bevor Ingrids altbekannte Litanei (Steh mir nicht im Weg herum! Räum dein Zeug weg! Sei doch nicht immer so grässlich konservativ!) erneut die Aufmerksamkeit seines Bewusstseins ergaunern konnte, setzte der Konflikt sich fort. Die beiden Streithähne waren den Stimmen nach zu urteilen zwischen zwanzig und dreißig und hatten das Nebenzimmer belegt. Norbert legte das Ohr an die Wand und konnte nun einzelne Fetzen des leidenschaftlich gebrüllten Disputs verstehen. Es ging um eine Klamotte, die nicht eingepackt und vergessen worden war, aber dringend benötigt wurde, und um einen Blick, den die junge Frau dem Fahrer beim Aussteigen wohl geschenkt hatte. Norbert labte sich an den streitenden Stimmen. Er selbst hatte seine eigene Stimme selten erhoben. Er erinnerte sich nicht einmal daran, wie sie klang, wenn er wütend war. Aber Ingrid… Er lächelte sein maskenhaftes Geisterlächeln. Eifersucht, der Klassiker. In seinem Haus hatte er bei den Gründen für eine Auseinandersetzung ungefähr auf Platz fünf gestanden. Vierzig Jahre lang hatte Norbert, wenn er einer Frau vorgestellt worden war, nur auf deren Füße gestarrt. Er kannte alle Farben, Formen und Arten weiblicher Schuhe. Sogar die Designer wusste er zu benennen, die sie hergestellt hatten. Doch es hatte nie genügt: Ingrid wurde fuchsteufelswild, wenn ein weibliches Wesen, egal, wie unscheinbar oder alt es sein mochte, auch nur in seine Nähe kam.

Glas klirrte. Die Unbekannte stauchte den Mann zusammen, der offenbar im Eifer des Gefechts die Lampe vom Nachttisch gefegt hatte. Dann begann sie wieder zu weinen. Norbert entschied sich, nebenan zu klopfen und zu fragen, ob alles in Ordnung war. Zwar fühlte er sich irgendwie wohl in seiner Rolle als unbeteiligter Beobachter eines heftigen Konflikts, doch wenn nun schon Gegenstände zu Bruch gingen, dann war es bis zur ersten Gewalthandlung nicht mehr weit. Das durfte er nicht zulassen. Auch, wenn er nur ein peinlicher kleiner Gaffer war, der sich an den Dramen der anderen berauschte, hatte er doch genug Moral im Leib, um zumindest eine körperliche Versehrtheit der Beteiligten zu verhindern. Zugleich konnte er sich noch vor dem Abendessen die Duschräume anschauen.

Norbert verließ sein Zimmer und wandte sich im Flur nach rechts. Er hatte das letzte Zimmer bekommen und musste daher den Weg durch das gesamte Gebäude zurücklegen, um zum Klo zu gelangen. Das hatte er beim Hereinkommen bereits geprüft. Während die Zimmer durch die Möbel zumindest ein bisschen den Anschein eines billigen, aber durchaus gemütlichen Hotels hatten, empfingen die Flure ihre Besucher mit einem fast geisterhaften Flair.

Das zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erbaute Gebäude war augenscheinlich niemals saniert worden und zeigte noch immer die gleichen grau melierten Steinböden und massiven Türen wie eh und je. An der linken Seite prangten spinnwebenverzierte, fest eingebaute Garderoben aus Holz, deren dunkelgraue Farbe abblätterte. Darüber befanden sich Fenster, die nicht zu öffnen waren. Norbert konnte sich gut vorstellen, wie hier die Schüler von einst durch die Flure gerannt und auf die Garderoben geklettert waren, um nach draußen zu blicken. Rechts befanden sich die Zimmer der Bewohner, die an der Studie teilnehmen, sechs an der Zahl. Es gab vier Etagen und darüber einen Dachboden, den vermutlich seit fünfzig Jahren niemand mehr betreten hatte. Norbert war mit seinem Koffer in der Hand die Wege bei seiner Ankunft einmal alle abgelaufen, um eine erste Orientierung zu erhalten. Die untere Etage beherbergte eine Turnhalle, einen Aufenthalts- und einen Speiseraum, hinter dessen Theke sich die Küche befand, sowie die Therapieräume und Mitarbeiterbüros. Darüber waren die Schlafräume der Gäste, von denen Norbert noch keinen kennengelernt hatte. Im dritten Stockwerk schliefen die Angestellten, die den Studienteilnehmern ihren Aufenthalt versüßen sollten. Auch in diesem Flur herrschte ein hohles Echo, wenn man seine Stimme erhob. In der obersten Etage hatte er sich nicht lange umgesehen. Sie war kleiner als die unteren, als liefe das gesamte Gebäude nach oben hin spitz zu, und war ihm nicht interessant genug erschienen. Außerdem war der Koffer schwer gewesen. Zu viel eingepackt, hätte Ingrid genörgelt.

Norbert ging ein paar Schritte bis zum nächsten Zimmer und wollte gerade bei dem streitenden Paar an die Tür klopfen, als sich eine weitere Tür öffnete. Er ließ die Hand sinken. Eine Frau trat in den Flur, der bereits reichlich dämmrig wurde, weil die Flurfenster Richtung Norden zeigten und Regenwolken sich vor die Sonne geschoben hatten.

„Oh, Guten Tag!"

Die Frau kam auf ihn zu. Norbert hob den Kopf ein Stück, stellte fest, dass Ingrids Stimme nur in seinem Inneren war und wagte es, nicht ohne Trotz, ganz aufzusehen. Er konnte ja wohl auch nicht so unhöflich sein, den Gruß nicht zu erwidern.

„Guten Tag", gab er zurück, griff aber nicht nach der Hand, die ihm dargereicht wurde. Die Frau war vielleicht Mitte fünfzig, klein und korpulent. Durch ihre ungewöhnliche Aufmachung wirkte sie älter, als sie war: Sie trug ein rotes Kostüm, einen farblich passenden Hut und ebensolche Pumps aus glänzendem Lack. Dicke Schminke hatte sich in ihren Fältchen abgesetzt. Die Wimpern waren stark getuscht, die Lippen knallig angepinselt, die Augen in blauem Lidschatten ertränkt. Er schauderte, aber er wusste nicht, ob wegen des Anblicks oder weil er Ingrid schon wieder hörte: Was will DIE denn hier! Angemaltes Miststück! Schleppt sich auf ihren fetten Beinen nur durch die Weltgeschichte, um treusorgenden Frauen den Mann auszuspannen! Ganz so radikal hätte Norbert die Fremde wohl nicht beurteilt, doch er war sich nicht einig, ob er sie attraktiv oder abstoßend finden sollte. Sie bot für beide Varianten genug Gelegenheit.

„Ein gestandener Mann in diesen düsteren Hallen!, ließ sich nun die Dame vernehmen. „Wunderbar, ich dachte schon, ich müsste darben! Wochenlang eingesperrt und keine Gelegenheit für eine kleine Streicheleinheit! Ihr Busen wogte, als sie tief Luft holte. Er konnte ihr pudriges Parfüm riechen. Es machte ihr anscheinend überhaupt nichts aus, dass er ihren Händedruck nicht erwidert hatte. Sie zündete sich eine Zigarette an und wedelte mit den Händen den Rauch beiseite. Der Rotton ihrer Fingernägel harmonierte nicht mit den Farben von Kleidung und Lippenstift. Es fiel Norbert sofort ins Auge. Ingrid legte großen Wert darauf, immer wie aus dem Ei gepellt auszusehen. Und weil sie im Lauf der Jahre all ihre Freundinnen wegen irgendwelcher Kleinigkeiten verprellt hatte, war ihr nur der Gatte geblieben, um sie in Stylingfragen zu beraten.

„Man darf hier sicher nicht rauchen", wagte er schüchtern einzuwerfen. Hinter der Tür ging der Streit munter weiter. Die Pärchen hatte wieder damit angefangen, sich anzuschreien und irgendein weiterer zerbrechlicher Gegenstand war gegen eine Wand geflogen.

„Bis ich den Flur durchquert habe, hab ich sie fertiggeraucht, gab die Fremde zurück. „Diese Flure sind ja länger als eine Rennstrecke im Stadion! Das wird schon keiner merken. Wer sind Sie?

„Norbert Böhning", beeilte sich Norbert zu sagen. Willst du sie nicht gleich fragen, ob sie die Nacht bei dir verbringen will? Ingrid. Sie stichelte wieder, obwohl sie seit Jahren unter der Erde lag.

„Norbert Böhning aus…, wiederholte er und schnell genug fiel ihm ein, dass zu den Regeln gehörte, seinen Wohnort nicht zu verraten. Alles andere durften sie mit der Gruppe teilen. Norbert fand diese kleine Einschränkung nicht schlimm. Er war ohnehin ein Mensch, der sich immer an die Regeln hielt. „Ich bin Buchhalter, ergänzte er, weil ihm nur der Name als zu unbedeutend erschien. „Ich war Buchhalter, wollte ich sagen. Ich bin im Ruhestand seit…"

„Ich bin Marlene Koch, unterbrach die rotgekleidete Frau ihn und nahm einen Zug. „Marlene, wie die Dietrich. Ich bin Schauspielerin. Hast du Fragen dazu? Bestimmt hast du Fragen. Die Leute haben immer Fragen. Schauspieler sind faszinierende Geschöpfe und jeder will sie um sich haben. Sie ging nicht auf das ein, was Norbert gesagt hatte. Norbert zeigte zur Tür.

„Sollten wir nicht mal klopfen und fragen, ob alles in Ordnung ist?"

Marlene verzog das Gesicht. Sie wirkte nun ein bisschen wie der Joker aus Batman. Einen Moment lang überwog das Gruselgefühl die Faszination. Schlampe!, rief Ingrid. Sie bezeichnete alle stark geschminkten Frauen als Schlampen und wenn sie eine gesehen hatte, schimpfte sie eine Weile. Danach ging sie in die Drogerie und suchte nach genau dem Lippenstift, den die jeweilige Schlampe getragen hatte. Hatte gesucht, berichtigte Norbert sich. Er musste wirklich damit aufhören, so zu tun, als sei sie noch da.

„Was gehen uns die Streitereien fremder Leute an!" Marlene paffte ungerührt weiter. Nach einer kurzen Überlegung hellte sich ihr Gesicht auf und sie verkündete:

„Aber vielleicht wollen die jungen Leute auch mal eine berühmte Schauspielerin kennenlernen! Ich gebe auch Autogramme! Ich hab das Gretchen gespielt, wissen Sie, Herr… Aus dem „Faust. Es ist schon lang her…

Erstaunt und etwas angewidert beobachtete Norbert, wie ihr die Tränen in die Augen traten. In ebenso schnellem Wechsel kehrte das breite Grinsen in ihr Gesicht zurück, das sie zu Anfang bei der Begrüßung gezeigt hatte. Mitleid stieg in ihm auf, ungewollt. Und Scham, ein ganz scheußliches Gefühl. Du solltest dich was schämen, Norbert! Du bist kein richtiger Mann!

Wieder stieg ihm Marlenes Parfüm in die Nase, irgendwas Schweres und Sinnliches, das Übelkeit in ihm weckte. Sie war ganz nah herangetreten. Instinktiv ging er einen Schritt zurück.

„Ich wollte eigentlich schauen, wo die Toiletten sind", hauchte sie in einem völlig unangemessenen Tonfall, als wolle sie ihn zu einem Stelldichein verführen.

„Kommen Sie mit, Herr…?"

„Böhning." Bewusst bemühte sich Norbert, seiner Stimme einen festen Klang zu geben. Machte ihn diese Madam (Schlampe!) gerade an? Das war ja nicht zu glauben! Ingrid würde ausrasten! Und ihn auslachen! Du alter Sack, würde sie rufen, wer will dich denn schon zum Galan? Und wehe, du machst ihr schöne Augen!

Er wendete den Blick ab. Lauschte zur Tür hin. Stille. Es war nur Marlene zu vernehmen, die den Rauch hörbar aus dem Mund pustete. Ein hallendes Klackern, als sie zum Waschbecken an der Wand ging, ein uraltes Ding. Quietschen, Wasserplätschern. Sie hielt den Zigarettenstummel darunter. Im Zimmer der Streithähne war es leise geworden.

„Die versöhnen sich jetzt auf der Matratze." Marlene warf den nassen Stummel in die Garderobe und hakte sich bei Norbert unter, um ihn mitzuziehen.

„Was ist jetzt, suchen wir die Klos oder wollen wir ewig hier rumstehen?"

Eigentlich hätte Norbert sich losmachen wollen, doch er wagte es nicht. Er ließ sich führen wie ein Kind und hatte, bis sie bei den Waschräumen ankamen, ein flaues Gefühl im Magen.

Kapitel 4

Herr im Himmel! Das waren tatsächlich lauter Bekloppte hier! Sebastian Berg, Kinderbuchautor mit Schreibblockade, hatte nur zwei von ihnen bereits vor dem Haus und im Flur getroffen. Trotzdem war ihm längst klar, dass seine fünf Mitbewohner seitenlange Akten in Klinikschränken füllten. Die rote Frau mit den ordinären Krallen, die sich den Koffer tragen ließ und sogleich den Fahrer angebaggert hatte, woraufhin diesem die Röte ins Gesicht gestiegen war. Das Pärchen, das vor der Blumenrabatte knutschte, als sei es frisch in den Flitterwochen gelandet, und sich zwei Minuten später anfauchte wie zwei gereizte Katzen, Er: Typ arbeitslos in Jogginghose, Sie: Typ unscheinbares Hausmütterchen ohne eigenen Willen. Wer mochte hier noch absteigen? Eine Sekunde lang wurde ihm heiß und kalt und er bereute, sich darauf eingelassen zu haben. Hieß es nicht, dass Verrücktheit ansteckend war? Doch wenn er diese Schreibblockade, die ihn langsam aber sicher in den Ruin trieb, nicht in den Griff bekam, dann blühte ihm das gleiche Schicksal wie der Jogginghose: Kein Cent mehr auf dem Konto, nicht mal mehr für das abendliche Pils.

Hier, da war er sich sicher, würde er genug Stoff für seine neue Geschichte finden. Er konnte ganz im Geheimen die Verrückten studieren und mit seinen Beobachtungen die Seiten seines Notizbuchs füllen. Elektronische Geräte wie ein Laptop oder ein Handy waren verboten im „Zentrum", daran würde er sich auch halten. Denn wenn er dabei erwischt wurde, flog er raus und das womöglich, bevor er seine Recherchen vollendet hatte. Aber das war in Ordnung. Er hatte Papier und einen Zehnerpack Bleistifte im Gepäck und er schrieb schnell. Viele Autoren von Weltrang hatten ihre Werke auf diese Art festgehalten. Für ihn würde es auch gut genug sein. Mit den Kinderbüchern war er überdies fertig. Diesmal sollte es etwas Hochwertiges werden: ein wirklich wichtiges Produkt, das einen ernsthaften und tiefgehenden Blick auf die Welt von Menschen ermöglichte, deren Seelen zerbrochen waren.

Sebastian Berg warf die Tasche aufs Bett. Hässliches Riesenzimmer. Schlecht verputzte Wände, abgeschabter Holzboden, knarrendes Bett. Sammelduschen für die Verrückten, Klos mit Spülkästen, die unter der Decke hingen, mit einem Porzellangriff an einer Kette. Und dafür war er sieben Stunden gefahren? Nicht dafür, sagte er sich, um sich aufzuheitern. Sondern für deine literarische Zukunft.

Die Matratze war viel zu weich, aber vermutlich neu. In diesem Bett hatten noch nicht viele Leute geschlafen. Er zog sein Notizbuch aus der Reisetasche und hielt stichwortartig seine Eindrücke fest.

Es klopfte. Noch bevor er den Störer hereinrufen konnte, stand dieser schon in der geöffneten Tür. „Er war jedoch eine „Sie. Zarter Porzellanteint, fransiges schwarzes Haar mit einem stumpf geschnittenen Pony, der ihr in die Augen hing, harmonische Züge, grimmiger Gesichtsausdruck. Hübsches Ding! Und jung! Höchstens Mitte zwanzig! Schlagartig hellte sich seine Miene auf. Ihre wurde noch verschlossener. Diesen Blick, wenn Männer unerwartet ihre Reize entdeckten, kannte sie wohl schon.

Sie hielt sich nicht damit auf, sich vorzustellen, wer sie war oder ihn nach

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