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Die Powder-Mage-Chroniken 3: Herbstrepublik

Die Powder-Mage-Chroniken 3: Herbstrepublik

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Die Powder-Mage-Chroniken 3: Herbstrepublik

Bewertungen:
5/5 (1 Bewertung)
Länge:
787 Seiten
30 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 28, 2019
ISBN:
9783966580045
Format:
Buch

Beschreibung

Ich würde für mein Land sterben … aber lieber würde ich für es töten.

Feldmarschall Tamas kehrt in sein geliebtes Land zurück, nur um feststellen zu müssen, dass zum ersten Mal in der Geschichte die Hauptstadt von Adro in den Händen feindlicher Invasoren ist. Sein Sohn wird vermisst, seine Verbündeten sind von seinen Gegnern nicht zu unterscheiden und Verstärkung ist mehrere Wochen entfernt.
Während ihnen die Kez immer noch zu Leibe rücken und ohne klare Führung, hat sich die adronische Armee gegen sich selbst gewandt. Inspektor Adamat wird mit dem Versprechen, seinen entführten Sohn zu finden, ins Herz dieser neuer Meuterei gezogen. Und Taniel Zwei-Schuss, von den Männern gejagt, die er einst für seine Freunde gehalten hatte, muss die einzige Chance schützen, die Adro noch hat, diesen Krieg durchzustehen, ohne zerstört zu werden …

Herbstrepublik ist der epische Schluss der Geschichte, die mit Blutschwur und Schicksalswende begann. Die fantastische Romansaga wird derzeit als TV-Serie umgesetzt.
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 28, 2019
ISBN:
9783966580045
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Die Powder-Mage-Chroniken 3 - Brian McClellan

KAPITEL

Feldmarschall Tamas stand inmitten der Trümmer der Kresim-Kathedrale von Adopest.

Was einst ein prachtvolles Gebäude gewesen war, dessen goldene Turmspitzen sich majestätisch über die angrenzenden Häuser erhoben hatten, war jetzt ein Haufen Schutt, der von einer kleinen Armee von Steinmetzen nach brauchbarem Marmor und Kalkstein durchkämmt wurde. Am Himmel kreisten ziellos die Vögel umher, die ihre Nester in den Turmspitzen gebaut hatten, während Tamas die Ruine im Licht der aufgehenden Sonne betrachtete.

Die Elementarmagie von Privilegierten hatte diese Zerstörung angerichtet.

Die Schlusssteine aus Granit waren mit geradezu lässiger Beiläufigkeit auseinandergeschnitten und ganze Bereiche der Kathedrale mit Feuer dahingeschmolzen worden, das heißer gebrannt hatte als der Ofen jeder Schmiede. Bei dem Anblick drehte sich Tamas der Magen um.

»Aus der Entfernung sieht es schlimmer aus«, sagte Olem. Er stand neben Tamas, die Hand unter seinem Übermantel auf den Griff seiner Pistole gelegt, und suchte die Straßen nach Anzeichen von brudanischen Patrouillen ab. Seine Worte mussten sich ihren Weg an der Zigarette vorbeibahnen, die ihm zwischen den Lippen klemmte. »Das muss die Rauchwolke gewesen sein, die unsere Kundschafter gesehen haben. Der Rest der Stadt scheint unbeschädigt zu sein.«

Tamas warf seinem Leibwächter einen finsteren Blick zu. »Diese Kathedrale war dreihundert Jahre alt. Es hat sechzig Jahre gedauert, sie zu bauen. Ich weigere mich, darüber erleichtert zu sein, dass die verdammten Brudanier in Adopest eingefallen sind, um nur die Kathedrale zu zerstören.«

»Sie hatten die Gelegenheit, die ganze Stadt dem Erdboden gleichzumachen. Haben sie nicht getan. Ich würde sagen, wir haben Glück gehabt, Sir.«

Olem hatte natürlich recht. Zwei Wochen lang waren sie mit vollem Tempo geritten, mit gefährlich großem Abstand vor der Siebten und Neunten Brigade und ihren neuen Verbündeten, den Deliv, um herauszufinden, wie es der Stadt ergangen war. Tamas war durchaus erleichtert gewesen, als er gesehen hatte, dass Adopest noch stand.

Aber jetzt war es in den Händen der brudanischen Armee, und Tamas war gezwungen, in seiner eigenen Stadt herumzuschleichen. Es gab keine Worte, die ausdrücken konnten, welche Wut er empfand.

Er schluckte seinen Zorn hinunter und versuchte, wieder die Beherrschung zu erlangen. Sie hatten den Rand der Stadt erst vor ein paar Stunden erreicht und sich im Schutz der Dunkelheit hineingeschlichen. Er musste sich organisieren, seine Verbündeten aufsuchen, seine Feinde ausspähen und herausfinden, wie eine gesamte Stadt den Brudaniern ohne Anzeichen eines Kampfes in die Hände hatte fallen können. Zur Grube, Brudania lag achthundert Meilen weit entfernt!

Hatte noch jemand von seinen Ratsmitgliedern ihn verraten?

»Sir«, sagte Vlora und lenkte Tamas’ Aufmerksamkeit Richtung Süden. Sie stand auf den Überresten eines Pfeilers und betrachtete den Fluss Ad und die dahinterliegende Altstadt. Genauso wie Tamas und Olem trug sie einen Übermantel, der ihre adronische Uniform verbarg. Ihr dunkles Haar hatte sie unter einem Dreispitz verstaut. »Eine brudanische Patrouille. Sie haben einen Privilegierten dabei.«

Tamas betrachtete die Trümmer und dachte über die Beschaffenheit der Straße südlich von ihnen nach. Er war gerade dabei, einen Plan zu entwickeln, die brudanische Patrouille in einen Hinterhalt zu locken, als er sich zwang, diesen Gedankengang zu unterbinden. Er konnte keine offene Auseinandersetzung riskieren. Nicht ohne mehr Männer. Er hatte aus seiner Armee nur Vlora und Olem als Vorhut mitgebracht, und obwohl sie eine einzige brudanische Patrouille wahrscheinlich überwältigen könnten, würde jede Art von Feuergefecht nur dafür sorgen, dass noch weitere angerannt kämen.

»Wir brauchen Soldaten«, sagte Tamas.

Olem aschte seine Zigarette auf den Trümmern des Altars der Kathedrale ab. »Ich kann versuchen, Sergeant Oldrich zu finden. Er hat fünfzehn meiner Riflejacks bei sich.«

»Das wäre ein Anfang«, meinte Tamas.

»Ich finde, wir sollten Kontakt mit Ricard herstellen«, sagte Vlora. »Und herausfinden, was mit der Stadt passiert ist. Er wird Männer haben, die wir gebrauchen können.«

Tamas würdigte den Vorschlag mit einem Nicken. »Alles zu seiner Zeit. Verdammte Grube! Ich hätte den ganzen Pulverkabal mitbringen sollen. Ich will mehr Männer, bevor wir Ricard treffen.« Ich weiß nicht, ob er uns verraten hat. Tamas hatte Taniels bewusstlosen Körper in Ricards Obhut gelassen. Falls irgendjemand seinem Jungen etwas angetan hatte, würde Tamas …

Er schluckte seine Galle hinunter und versuchte, sein pochendes Herz zu beruhigen.

»Sabons Lehrlinge?«, fragte Olem.

Vor dessen Tod hatte Tamas Sabon damit beauftragt, direkt nördlich der Stadt eine Schule für Pulvermagier aufzubauen. Frühen Berichten zufolge hatte er über zwanzig Männer und Frauen mit etwas Talent gefunden und war bereits dabei gewesen, ihnen das Schießen und Kämpfen beizubringen und ihnen zu zeigen, wie sie ihre Fähigkeiten kontrollieren konnten.

Sie hatten nur ein paar Monate der Ausbildung gehabt. Es würde reichen müssen.

»Die Lehrlinge«, stimmte Tamas zu. »Im schlechtesten Fall können wir wenigstens Telavere einsammeln, bevor wir zu Ricard gehen.«

Sie überquerten den Fluss Ad im kühlen Morgengrauen, während die Straßen sich langsam mit Menschen füllten. Tamas bemerkte, dass die brudanischen Patrouillen – obwohl viele von ihnen unterwegs und die Wachen auf den Straßen zahlreich waren – die Bürger anscheinend in Ruhe ließen. Niemand stellte ihn oder seine Begleiter zur Rede, als sie durch die westlichen Tore der Altstadt gingen, und auch nicht, als sie die Stadt wieder verließen, um die Vorstadtgebiete im Norden zu erreichen.

Entlang des Flusses sah Tamas brudanische Schiffe vor Anker liegen und deren hohe Masten in der Bucht im Süden. Der Kanal über die Berge, an dem Ricards Gewerkschaft gebaut hatte, musste wohl ein Erfolg gewesen sein, dachte er sich trocken. Das war die einzige Möglichkeit, wie hochseetüchtige Schiffe von dieser Größe die Adsee erreichen konnten.

Tamas verlor den Überblick darüber, an wie vielen zerstörten Kirchen und Klöstern sie vorbeikamen. Es schien so, als läge in jedem zweiten Häuserblock ein Haufen Schutt an der Stelle, wo einst eine Kirche gestanden hatte. Er konnte nicht anders, als sich zu fragen, was wohl mit den Priestern und Priesterinnen geschehen war, die dort gelebt und gearbeitet hatten, und warum es die brudanischen Privilegierten auf sie besonders abgesehen hatten.

Das war etwas, wonach er Ricard würde fragen müssen.

Ihre Reise führte sie eine Fußstunde weit nördlich von der Stadt, wo die Schule am Ufer des Flusses Ad stand. Es handelte sich um ein altes Backsteingebäude; auf der einen Seite der stillgelegten Kleidungsfabrik lag ein Feld, das zu einem Schießplatz umgewandelt worden war. Als sie von der Straße abbogen, fasste Vlora Tamas am Arm. Er spürte die Panik in ihrer Berührung.

Tamas fühlte, wie sich seine Brust zusammenschnürte.

Die Fensterläden des Schlafsaals über der Schule waren geschlossen, und die Haupteingangstür hing aus den Angeln. Ein hölzerner Aushang, auf dem das silberne Pulverfass eines Pulvermagiers prangte, war von seinem Platz über der Tür gestoßen worden und lag entzweigebrochen im Dreck. Das Gelände um die Schule und den Schießplatz nebenan lag still und verlassen da, vom Gras überwuchert.

»Vlora«, sagte Tamas, »übernehmen Sie die südliche Seite beim Fluss. Olem, Sie gehen außen herum und übernehmen den Norden.«

Die beiden machten sich mit einem »Jawohl, Sir« auf den Weg und stellten keine weiteren Fragen. Vlora nahm ihren Hut ab und kroch durch das hohe Gras, während Olem im lockeren Schlendergang der Straße folgte, bis er hinter der Schule war, und dann quer über den Schießplatz lief, um sich der Schule vom Hügel zu nähern.

Tamas wartete, bis beide in Position waren, bevor er sich der Schule vorsichtig über den Weg näherte. Er öffnete sein drittes Auge, um ins Els zu sehen und nach Anzeichen von Magie Ausschau zu halten, doch es verriet ihm nichts darüber, was in dem Gebäude vor sich ging. Falls drinnen jemand auf der Lauer lag, handelte es sich nicht um Privilegierte oder Gezeichnete.

Allerdings konnte er auch keine Pulvermagier spüren. Warum war die Schule leer? Telavere hatte zuletzt das Kommando gehabt. Sie war eine Pulvermagierin, die über wenig pure Begabung, aber dafür hervorragende technische Fertigkeiten verfügte. Eine perfekte Wahl als Ausbilderin für die Rekruten. War es möglich, dass sie zusammen mit den Rekruten untergetaucht war, als die Brudanier gekommen waren? Waren sie angegriffen worden?

Tamas zog seine Pistolen, als er sich der Schule näherte. Er hielt nur kurz inne, um sich Schwarzpulver auf die Zunge zu träufeln. Sein Körper wurde von einer Pulvertrance erfasst; seine Sehkraft, sein Gehör und sein Geruchssinn verschärften sich, und die Schmerzen von dem Ritt ebbten vor der neuen Kraft ab, die ihn erfasste.

Ein leises Geräusch drang an seine Ohren, das beinahe vom sanften Rauschen des Ads übertönt wurde. Er konnte das Geräusch nicht genau zuordnen, aber er erkannte den Geruch, der ihm in die Nase stieg. Es roch nach Eisen und Verwesung. Blut.

Tamas schaute durch das Vorderfenster der Schule. Das grelle Licht der Morgensonne sorgte dafür, dass er in der Dunkelheit drinnen nichts erkennen konnte. Das leise Geräusch klang jetzt für sein durch die Trance verbessertes Gehör wie lautes Getöse, und der Gestank des Todes erfüllte ihn mit Grauen.

Er trat die Eingangstür aus den Angeln und stürzte sich hinein, beide Pistolen im Anschlag. Er blieb im Eingangsbereich stehen, während sich seine Augen an das schummrige Licht gewöhnten.

Seine Vorsicht stellte sich als unbegründet heraus. Die Eingangshalle war leer, und die Stille erstreckte sich durch das gesamte Gebäude – abgesehen von dem dumpfen Summen, das, wie er jetzt feststellte, von Tausenden von Fliegen erzeugt wurde. Sie schwirrten und surrten durch die Luft und tanzten an den Fensterscheiben.

Tamas steckte sich beide Pistolen in den Gürtel, damit er sich ein Taschentuch über den Mund und die Nase binden konnte. Trotz der Fliegen und des Gestanks lagen keine Leichen im Eingangsbereich, und die einzigen Anzeichen von Gewalt waren die rostroten Schmierspuren auf dem Boden und die Spritzer an den Wänden. Hier waren Menschen getötet und ihre Leichen weggeschleift worden.

Er folgte der verschmierten Blutspur durch den Eingangsbereich tiefer in das alte Fabrikgebäude hinein, eine Pistole wieder im Anschlag.

Die Fabrikhalle – eine riesige Halle, die einst zweifellos Dutzende von langen Tischen beheimatet hatte, an denen Hunderte von Näherinnen ihre Arbeit verrichtet hatten – war jetzt leer, bis auf ein Dutzend Schreibtische, die entlang einer der Seitenwände der Halle standen. Hier gab es weniger Fliegen, abgesehen von denen, die die Handvoll Flecken und rostrote Pfützen umschwirrten, wo Menschen gestorben waren.

Die Blutspur führte durch die Fabrikhalle und durch eine Tür im hinteren Eckbereich nach draußen.

Ein Geräusch ließ Tamas mit gezückter Pistole herumwirbeln, aber es handelte sich nur um Vlora, die gerade die Treppe herunterkam, die zum Schlafsaal im oberen Stockwerk führte.

»Was hast du gefunden?«, fragte Tamas. Seine Stimme hallte in dem großen Raum gespenstisch wider.

»Fliegen.« Vlora spuckte auf den Boden. »Fliegen, und der Schule fehlt die halbe Rückwand. Jede Menge Brandflecken. Jemand hat da oben mindestens zwei Pulverhörner detonieren lassen.« Sie fluchte leise vor sich hin, der einzige Riss in ihrer professionellen Fassade.

»Was ist hier passiert?«, fragte Tamas.

»Ich weiß es nicht, Sir.«

»Keine Leichen?«

»Nein.«

Tamas knirschte vor Frust mit den Zähnen.

»Sie haben die Leichen durch die Hintertür nach draußen geschleift«, sagte Olem. Seine Stimme hallte in dem großen Raum wider, als er die Halle durch einen schmalen Eingang am hinteren Ende betrat.

Nachdem Tamas und Vlora zu ihm gestoßen waren, deutete Olem auf den Boden, wo die rostroten Spuren zusammenliefen, durch die Hintertür nach draußen führten und im hohen Gras zwischen der Schule und dem Ad verschwanden. »Wer auch immer hierfür verantwortlich ist«, sagte Olem, »hat hinterher sauber gemacht. Sie wollten keine Leichen zurücklassen, aus denen man die Geschehnisse hätte ablesen können.«

»Die Geschehnisse lesen sich von alleine«, blaffte Tamas und verschwand mit großen Schritten wieder nach drinnen. Er ging zum Eingang der Schule, wobei er die Fliegen auf seinem Weg auseinanderjagte. »Sie sind durch den Vordereingang gekommen.« Er zeigte auf die Blutspritzer und Einschusslöcher in der Wand. »Sie haben die Wachen überwältigt und dann die Fabrikhalle eingenommen. Unsere Magier haben ihnen oben ein letztes Gefecht geliefert, wobei sie alles Pulver benutzt haben, das sie zur Verfügung hatten …«

Er hörte, wie ihm die Stimme versagte. Diese Männer und Frauen waren in seiner Verantwortung gewesen. Seine neuesten Magier. Einige von ihnen waren Bauern gewesen, zwei Bäcker. Einer war ein Bibliothekar gewesen. Sie hatten keine Kampfausbildung gehabt. Sie waren abgeschlachtet worden wie die Schafe.

Er konnte nur beten, dass sie es geschafft hatten, ein paar Feinde mit sich zu nehmen.

»Der Tod malt mit Rot, und das hier ist seine Leinwand«, sagte Olem leise. Er zündete sich eine Zigarette an und tat einen tiefen Zug. Dann blies er den Rauch gegen die Wand und schaute zu, wie die Fliegen auseinanderstoben.

»Sir«, sagte Vlora, ging an Tamas vorbei und hob etwas vom Boden auf. Sie reichte Tamas ein rundes Stückchen Leder mit einem Loch in der Mitte. »Sieht so aus, als sei das hinter der Tür gewesen. Wer auch immer hier aufgeräumt hat, muss es wohl übersehen haben. Wissen Sie, was das ist?«

Tamas spuckte auf den Boden, um den bitteren Geschmack loszuwerden, der sich plötzlich in seinem Mund breitgemacht hatte. »Ein Dichtungsring aus Leder. Man muss mehrere davon mit sich führen, wenn man ein Luftgewehr bedient. Muss jemandem aus der Ausrüstungstasche gefallen sein.«

Ein Luftgewehr. Eine Waffe, die speziell dafür benutzt wurde, um Pulvermagier zu töten. Wer auch immer hierfür verantwortlich war, hatte sich darauf vorbereitet.

Tamas warf den Dichtungsring von sich und steckte sich seine Pistole in den Gürtel. »Olem, wer alles kannte den Standort dieser Schule?«

»Abgesehen vom Pulverkabal?« Olem rollte seine Zigarette nachdenklich zwischen den Fingern. »Es war kein gut gehütetes Geheimnis. Sie haben ja schließlich ein Schild aufgehängt.«

»Wer alles wusste unmittelbar Bescheid?«

»Ein paar Mitglieder des Generalstabs und Ricard Tumblar.«

Der Generalstab bestand aus Männern und Frauen, die ihn jahrzehntelang begleitet hatten. Tamas vertraute ihnen. Er musste ihnen vertrauen.

»Ich will Antworten, selbst wenn jemand bluten muss, um sie mir zu geben. Finden Sie Ricard Tumblar.«

KAPITEL

Die Edlen Krieger der Arbeit, die größte Arbeitergewerkschaft in den gesamten Neun, hatten ihr Hauptquartier in einer alten Lagerhalle im Fabrikbezirk von Adopest, nicht weit entfernt von der Stelle, wo der Fluss Ad in die Adsee floss.

Tamas beobachtete das Gebäude mit einem Gefühl von Beklommenheit. Hunderte von Leuten gingen hier ein und aus. Es würde beinahe unmöglich sein, hineinzugelangen und mit Ricard zu sprechen, ohne dabei von jemandem gesehen – und wahrscheinlich erkannt – zu werden. Die bevorstehende Unterhaltung konnte durchaus blutig enden, und Tamas wollte nicht, dass sie irgendwo stattfand, wo Ricards Wachen in Hörreichweite etwaiger Schreie waren.

Wenn das pochende Herz in seiner Brust ihn nicht so gedrängt hätte, hätte Tamas bis zum Anbruch der Dunkelheit gewartet und wäre Ricard nach Hause gefolgt.

»Wir hätten einen Termin machen können, Sir«, schlug Olem vor, während er sich lässig gegen die Treppe lehnte. Eine Wache der Gewerkschaft auf der anderen Straßenseite beobachtete sie misstrauisch. Olem winkte dem Mann zu und hielt eine Zigarette hoch. Die Wache hob eine Augenbraue und drehte sich weg. Ihr Interesse war verflogen.

»Ich habe nicht vor, einen Termin zu machen«, sagte Tamas ausdruckslos. »Ich will ihn nicht wissen lassen, dass wir kommen.«

»Ich denke, das wird er so oder so feststellen. Er hat allein auf dieser Straße mehr als zwanzig bewaffnete Männer.«

»Ich habe nur achtzehn gezählt.«

Olem schaute mit vorgetäuschtem Desinteresse zu, wie der Fußverkehr an ihnen vorüberzog. »Scharfschützen im Fenster über dem Geschäft dreißig Schritt zu Ihrer Linken, Sir.«

»Ah.« Tamas konnte sie jetzt aus dem Augenwinkel sehen. »Irgendetwas jagt Ricard Angst ein. Am alten Hauptquartier waren zu keiner Zeit mehr als vier Wachen stationiert.«

»Könnte sein, dass er beunruhigt ist wegen der Brudanier.«

»Oder er hat Angst, dass ich zurückkomme. Da ist Vlora. Auf geht’s.«

Sie bahnten sich ihren Weg die Straße hinunter, wobei sie sich nach Kräften bemühten, der Aufmerksamkeit der Wachen zu entgehen, und stießen am Eingang einer kleinen Bäckerei zu Vlora. Tamas ließ den Blick über die Brotlaibe schweifen und fragte sich, wohin es Mihali wohl verschlagen hatte. War er immer noch im Süden mit dem Hauptteil der Armee?

Selbstverständlich war er das. Wenn Mihali Kresimir nicht im Zaum halten würde, wäre Adopest längst dem Erdboden gleichgemacht worden. Tamas verspürte plötzlich das dringliche Verlangen nach einer Schüssel von der Kürbissuppe des Küchenmeisters.

Vlora führte sie durch die Bäckerei und durch die Hintertür hinaus in eine schmale Gasse voller Müll und Morast. »Hier lang«, sagte sie über die Schulter, als sie sich ihren Weg durch die Gasse suchten. Tamas’ Stiefel schmatzten beim Gehen, und er versuchte, den Gestank zu ignorieren. Der Fabrikbezirk war der mit Abstand schmutzigste Teil der Stadt – und die Gassen waren am schlimmsten.

Sie durchquerten drei weitere Gassen und erklommen ein zweistöckiges Gebäude mithilfe einer Eisenleiter, bevor sie den Hintereingang zum Hauptquartier erreichten.

Zwei Gewerkschaftswachen saßen mit dem Rücken zur Wand neben der Tür, den Kopf unterm Hut so geneigt, als würden sie schlafen. Ein kurzer Blick auf den Morast verriet Tamas, dass ein kleines Handgemenge stattgefunden hatte, aber Vlora hatte die beiden Männer ohne Probleme ausschalten können.

»Sind sie tot?«, fragte Olem. Er schnippte seine Zigarette in den Matsch und zog seine Pistole.

»Bewusstlos.«

»Gut«, sagte Tamas. »Versuchen Sie, auf dem Weg nach drinnen niemanden zu töten. Wir wissen nicht mit Sicherheit, dass Ricard uns verraten hat.« Und falls er das hat, übernehme ich das Töten persönlich. Tamas legte seine Hand auf die Tür, Olem stoppte ihn jedoch.

»Bitte um Verzeihung, Sir, aber wir gehen zuerst hinein.«

»Ich kann …«

»Das ist meine Aufgabe, Sir. Sie haben mich in letzter Zeit davon abgehalten, sie zu erfüllen.«

Tamas biss sich auf die Zunge. Es war ein furchtbarer Zeitpunkt dafür, dass sein eigener Leibwächter damit anfing, aufmüpfig zu werden, Olem hatte allerdings nicht unrecht. »Dann los.«

Er musste nicht länger als etwa drei Minuten warten, bis Olem zu ihm zurückkam. »Sir. Wir haben ihn.«

Sie durchquerten die hinteren Flure und zwei Bedienstetenzimmer, bevor sie sich durch die Seitentür in Ricards Büro schlichen. Ricard saß hinter seinem Schreibtisch; sein Jackett hatte Flecken, sein Bart war ungekämmt und seine Augen vor Zorn zusammengekniffen. Hinter ihm stand Vlora und hielt ihm den Lauf einer Pistole gegen den Hinterkopf.

Als er Olem sah, schlug Ricard mit beiden Händen auf seinen Schreibtisch. »Was hat das hier zu bedeuten? Was glauben Sie …« Er biss die Zähne zusammen und versuchte aufzustehen. Vlora legte ihm eine Hand auf die Schulter, um ihn auf seinem Stuhl zu halten. »Tamas? Sie leben?«

»Sie wirken nicht gerade überrascht«, sagte Tamas. Er steckte seine eigene Pistole ins Holster und bedeutete Vlora mit einem Nicken, Ricards Schulter loszulassen. Olem bezog Stellung neben der Haupteingangstür des Büros.

Ricard musste schlucken und schaute zwischen Tamas und Olem hin und her. Tamas versuchte festzustellen, ob das die Nervosität eines Mannes war, dessen Verrat entdeckt worden war, oder einfach nur der Schock über sein plötzliches Erscheinen. »Ich hatte gehört, dass Sie noch am Leben seien, aber keine meiner Quellen war verlässlich. Ich …«

»Was ist mit meiner Schule für Pulvermagier passiert? Und wo ist mein Junge?«

»Taniel?«

»Habe ich noch einen anderen?«

»Haben Sie das?«

»Nein.«

»Ich … nun, ich weiß nicht, wo Taniel ist.«

»Sie erklären sich besser auf der Stelle.« Tamas trommelte mit den Fingern auf dem elfenbeinernen Griff einer seiner Duellpistolen.

»Natürlich, natürlich! Kann ich Ihnen etwas Wein anbieten?«

Tamas legte seinen Kopf leicht schräg. Ricard schien sich dessen nicht bewusst zu sein, dass er nur zwei falsche Worte davon entfernt war, eine Kugel in den Schädel gejagt zu bekommen. »Reden Sie.«

»Es ist eine sehr lange Geschichte.«

»Die Kurzfassung.«

»Taniel ist aufgewacht. Nicht lange nachdem Sie nach Süden gegangen sind. Das wilde Mädchen hat ihn zurückgeholt. Die beiden sind an die Front gegangen, und Taniel hat dabei geholfen, die Kez zurückzuhalten, aber wurde dann wegen Befehlsverweigerung vor ein Militärgericht gestellt. Er wurde aus der Armee geworfen und von den Flügeln von Adom angeheuert, aber dann hat er in Notwehr fünf von General Kets Soldaten getötet. Danach ist er verschwunden.«

Tamas trat von einem Bein aufs andere. Ihm schwirrte der Kopf. »Das ist alles in den letzten drei Monaten passiert?«

Ricard nickte und warf einen flüchtigen Blick über seine Schulter auf Vlora.

»Und Sie wissen nicht, wo er jetzt ist?«

»Nein.«

»Und was ist mit der Schule passiert?«

Ricard runzelte die Stirn. »Ich habe seit ein paar Wochen nichts mehr von ihr gehört. Ich hatte angenommen, dass alles in Ordnung sei.«

Tamas versuchte, aus Ricards Gesicht schlau zu werden. Das hier war ein Mann, der sein Vermögen damit gemacht hatte, sympathisch zu sein – ein Mann, der die Dinge wieder ins Lot brachte und dafür sorgte, dass die Leute zusammenarbeiteten. Trotz alledem war er ein unglaublich schlechter Lügner. Der Umstand, dass er jetzt anscheinend die Wahrheit sagte, beunruhigte Tamas nur noch mehr.

Olems überraschter Aufschrei war die einzige Warnung, die Tamas bekommen sollte. Er wirbelte herum und sah, wie eine Frau Olem seitlich gegen das Knie trat, sodass dieser fluchend zu Boden ging. Die Frau sprang auf Tamas zu; in einer Hand hielt sie ein Stilett, und sie bewegte sich mit einer unglaublichen Schnelligkeit. Tamas packte sie am Handgelenk und warf sie an sich vorbei – oder zumindest versuchte er das. Sie tat plötzlich einen Schritt zurück, warf das Stilett in die Luft und fing es mit der anderen Hand, um damit nach Tamas’ Hals zu stechen.

Das Messer verfehlte sein Ziel nur um wenige Zentimeter, als Vlora die Frau von der Seite rammte. Beide prallten mit solcher Wucht gegen Ricards Bücherregal, dass es über ihnen zusammenkrachte. Olem, der jetzt wieder auf den Beinen war, watete durch das Durcheinander und packte die Frau am Kragen. Zur Belohnung erhielt er einen Faustschlag in die Leistengegend. Er krümmte sich vor Schmerzen und fiel rücklings gegen die Wand.

Tamas näherte sich der Frau von hinten, bereit, sie zu erschießen, um sie am Boden zu halten.

»Fell, hören Sie auf!«, brüllte Ricard.

Die Frau hörte augenblicklich auf, sich zu wehren.

Tamas half Vlora und danach Olem auf, die Pistole immer noch auf die Frau gerichtet. Diese zog sich hoch, setzte sich in die Mitte des eingestürzten Bücherregals und starrte mürrisch auf die Pistole in Tamas’ Hand.

»Verdammt noch mal, Fell«, sagte Ricard, »was zur Grube sollte das?«

»Sie waren in Gefahr, Sir«, antwortete Fell.

»Hatten Sie vor, den Feldmarschall zu töten?«

Fells Wangen liefen leicht rötlich an. »Tut mir leid, Sir. Ich habe ihn von hinten nicht erkannt. Und nein, ich habe nur versucht, sie außer Gefecht zu setzen.«

»Sie haben mit einem Messer nach meinem Gesicht gestochen!«, sagte Tamas.

»Es wäre nicht sehr tief gewesen. Ich bin sehr präzise.«

Tamas warf einen schnellen Blick auf Vlora und Olem. Vlora hatte einen dunklen Bluterguss an der Wange vom Bücherregal, und Olem fluchte leise, während er sich die Leiste hielt. Diese Frau hatte sich furchtlos drei bewaffneten Unbekannten entgegengestellt und hatte bloß vorgehabt, sie außer Gefecht zu setzen? Sie hatte Olem in Windeseile zu Boden geschickt und beinahe Tamas überwältigt, und das, obwohl er in einer leichten Pulvertrance war.

»Wie ich sehe, haben Sie angefangen, bessere Leute einzustellen«, sagte Tamas zu Ricard.

Ricard setzte sich wieder auf seinen Schreibtischstuhl und legte den Kopf in die Hände. »Sie hätten auch einfach einen Termin machen können.«

»Nein, Sir. Das hätte er nicht«, sagte Fell von ihrem Sitzplatz auf dem Boden. »Es gab monatelang keinen Kontakt. Die Stadt ist in fremden Händen. Er konnte nicht wissen, was er davon halten sollte.«

Ricard schaute sie einen Moment lang finster an, dann verschwand die Finsternis, und ein Ausdruck der Erkenntnis legte sich über sein Gesicht. »Oh. Sie denken, dass ich die Stadt an die Brudanier verkauft habe, nicht wahr?«

»Was ich weiß«, sagte Tamas, »ist, dass eine fremde Armee meine Stadt besetzt und dass ich Ihnen, dem Patron und Ondraus die Schlüssel für die Stadttore überlassen hatte.«

»Es ist dieser verdammte Lord Claremonte.«

Jetzt schaute Tamas finster drein. »Lord Vetas’ Auftraggeber? Adamat hat diesen Bastard nicht zur Strecke gebracht?«

»Adamat hat fantastische Arbeit geleistet«, sagte Ricard. »Lord Vetas ist tot, und seine Männer sind entweder tot oder in alle Winde verstreut. Wir haben ihn fertiggemacht, aber dann tauchte sein Auftraggeber mit zwei Brigaden brudanischer Soldaten und dem halben königlichen Kabal von Brudania auf.«

»Niemand hat die Stadt verteidigt?«

Ricard blies die Nasenflügel auf. »Wir haben es versucht. Aber … Claremonte ist nicht hergekommen, um die Stadt zu erobern. Zumindest sagt er das. Er behauptet, seine Armee sei nur hier, um dabei zu helfen, uns gegen die Kez zu verteidigen. Er kandidiert für das Amt des Obersten Ministers von Adro.«

»Den Teufel wird er tun!« Tamas fing an, im Büro auf und ab zu gehen. Diese Armee, die Adopest in ihrer Gewalt hatte, warf zu viele Fragen auf. Falls Tamas vorhatte, Antworten zu finden, würde er das mit einer eigenen Armee im Rücken tun müssen. Die Siebte und die Neunte, und mit ihnen seine verbündeten Deliv, waren immer noch mehrere Wochen entfernt.

»Organisieren Sie mir ein Treffen mit Claremonte«, sagte Tamas.

»Das ist möglicherweise nicht die beste Idee.«

»Warum nicht?«

»Er hat den halben königlichen Kabal von Brudania hinter sich!«, sagte Ricard. »Können Sie sich irgendeine Gruppe von Leuten vorstellen, die Sie mehr hasst als die königlichen Kabale der Neun? Die werden Sie, ohne zu zögern, umbringen und Ihre Leiche im Ad versenken.«

Tamas fing wieder an, auf und ab zu gehen. Er hatte keine Zeit hierfür. So viele Feinde. So viele Details, die es zu bedenken galt. Er brauchte dringend Verbündete. »Wie steht es an der Front?«

»Noch halten wir sie, aber …«

»Aber was?«

»Ich habe seit fast einem Monat keine vernünftigen Neuigkeiten mehr von der Front bekommen.«

»So lange haben Sie schon nichts mehr vom Generalstab gehört? Verdammte Grube, die Kez könnten schon morgen vor den Stadttoren stehen! Verdammt noch mal, ich …«

»Sir«, sagte Fell zu Ricard, »haben Sie ihm von Taniel erzählt?«

Tamas wirbelte zu Ricard herum und packte ihn vorne am Jackettkragen. »Was? Was ist mit ihm?«

»Es gab … ich meine, ich habe Gerüchte gehört, aber …«

»Was für Gerüchte?«

»Nichts Handfestes.«

»Raus damit!«

Ricard betrachtete ihn eingehend, bevor er leise antwortete: »Dass Taniel von Kresimir gefangen genommen und im Lager der Kez aufgehängt wurde. Doch das«, sagte er lauter, »sind wirklich nur Gerüchte.«

Tamas konnte seinen Herzschlag in seinen Ohren hämmern hören. Die Kez hatten seinen Jungen geschnappt? Sie hatten ihn aufgehängt wie ein Stück Fleisch, wie eine Art makabre Trophäe? Angst durchströmte ihn, gefolgt vom Feuer weiß glühender Rage. Wie in Trance rannte er aus Ricards Büro und drängelte sich seinen Weg durch die Menge in der Haupthalle des Gebäudes.

Olem und Vlora schlossen auf der Straße wieder zu ihm auf.

»Wohin gehen wir, Sir?«, fragte Vlora.

Tamas umfasste den Griff seiner Pistole. »Ich gehe meinen Jungen finden, und falls er nicht wohlauf und am Leben sein sollte, reiße ich Kresimir die Eingeweide raus.«

KAPITEL

Adamat war auf dem Weg, einen General zu verhaften.

Er saß hinten in einer Kutsche, der Boden rumpelte unter ihm daher, und er starrte durch das Fenster auf die Felder des Südens von Adro. Sie waren golden vom Winterweizen, die Stängel waren gebogen von der Last ihrer Früchte und wogten sanft im Wind. Die Beschaulichkeit des Ganzen ließ ihn an seine Familie denken; sowohl an seine Frau und die Kinder zu Hause als auch das Kind, das vom Feind in die Sklaverei verkauft worden war.

Das hier würde wahrscheinlich nicht gut ausgehen.

Nein, korrigierte Adamat sich. Das hier konnte nicht gut ausgehen.

Was für ein Wahnsinniger setzte sich in den Kopf, einen General in Kriegszeiten zu verhaften? Die Regierung war führungslos – praktisch nicht vorhanden –, und es war ein Wunder, dass die Gerichte auf lokaler Ebene überhaupt noch in Betrieb waren. Seit Manhouchs Hinrichtung waren alle Gerichtsfälle auf Landesebene eingestellt worden, und es hatte einiges an Bestechungen und Überredungskunst bedurft, um Ricard Tumblar, eines der Mitglieder des provisorischen Rats, davon zu überzeugen, einen Haftbefehl für General Ket zu unterschreiben. Sie hatten zwei lokale Richter dazu genötigt, dasselbe zu tun. Adamat hoffte, dass es reichen würde.

Der Kutscher gab ein kurzes Kommando, und die Kutsche hielt plötzlich an, sodass Adamat in seinem Sitz ruckartig nach vorne schnellte. Mit einem Blick aus dem einen Fenster sah er die Weizenfelder und sanften Hügel, die nach und nach den Bergen des Charwood Pile wichen, dessen Gipfel in weiter Ferne lagen, während das andere Fenster ihm einen unversperrten Blick auf die Adsee darbot, die sich im Südosten erstreckte.

»Warum haben wir angehalten?«

Eine von Adamats Mitreisenden erwachte aus ihrem Schlaf. Nila war eine Frau von etwa neunzehn Jahren, mit kastanienbraunem Haar und einem Gesicht, mit dem sie an einem königlichen Hof gut aufgehoben wäre. Adamat hatte den Eindruck, dass sie eine Wäscherin war. Er war sich immer noch nicht ganz sicher, warum sie auf diese Reise mitgekommen war, aber der Privilegierte Borbador hatte darauf bestanden.

Adamat öffnete die Tür und rief dem Kutscher zu: »Was ist los?«

»Der Sergeant hat mir befohlen anzuhalten.«

Adamat zog seinen Kopf wieder zurück in die Kabine. Warum sollte Oldrich den Befehl zum Anhalten geben? Sie waren noch zu weit nördlich, um jetzt schon auf die adronische Armee zu treffen. Sie würden noch mehr als einen Tag lang reisen müssen, um die Front zu erreichen.

Die Kutsche machte einen plötzlichen Ruck nach vorne, nur um am Straßenrand zu halten, damit der Verkehr an ihnen vorbeiziehen konnte. Eine Postkutsche donnerte vorbei, dann ein Trio von Wagen, die gefüllt waren mit Versorgungsgütern für die Front.

»Irgendetwas stimmt hier nicht«, sagte Adamat.

Nila rieb sich den Schlaf aus den Augen. »Bo«, sagte sie und knuffte den Mann an, der an ihrer Schulter schlief.

Der Privilegierte Borbador, das letzte noch lebende Mitglied des Kabals von König Manhouch, schreckte kurz hoch. Dann fing er wieder an, laut zu schnarchen.

»Bo!« Nila verpasste ihm eine Ohrfeige.

»Ich bin da!« Bo setzte sich kerzengerade auf; seine nackten Hände tanzten vor ihm in der Luft. Er blinzelte sich den Schlaf aus den Augen und nahm langsam die Hände runter. »Verdammte Grube, Mädchen!«, sagte er. »Wenn ich meine Handschuhe getragen hätte, hätte ich euch beide umbringen können.«

»Du hast sie aber nicht getragen«, sagte Nila. »Wir haben angehalten.«

Bo fuhr sich mit einer Hand durch sein rötliches Haar und zog ein Paar weiße Handschuhe an, die mit archaischen Runen versehen waren. »Warum?«

»Bin mir nicht sicher«, sagte Adamat. »Ich werde es herausfinden gehen.« Er stemmte sich aus der Kutsche, froh darum, nicht mehr mit dem Privilegierten auf engem Raum eingepfercht zu sein. Bos Elementarmagie hatte das Potenzial, Adamat, Oldrich und den gesamten Trupp an adronischen Soldaten, die ihnen als Eskorte abgestellt worden waren, in Sekundenschnelle zu töten. Adamat hatte mit angesehen, wie Bo Manhouchs Henker mit einem Handumdrehen das Genick gebrochen hatte. Trotz all seines Charmes war Bo ein eiskalter Killer. Adamat warf einen schnellen Blick zurück in die Kabine, dann stapfte er die kleine Anhöhe hinauf in Richtung der Stelle, wo Sergeant Oldrich und einige seiner Männer sich am Straßenrand berieten.

»Inspektor«, sagte Oldrich mit einem Nicken. »Wo ist der Privilegierte?«

»Sie fangen besser damit an, ihn ›Rechtsgelehrter‹ zu nennen«, sagte Adamat.

Oldrich brummte. »Na gut. Wo ist der Anwalt? Wir sind auf etwas Unerwartetes gestoßen.«

»Oh?«

»Direkt hinter dieser Anhöhe da befindet sich eine Armee«, sagte Oldrich.

Adamat spürte, wie ihm das Herz in die Hose rutschte. Eine Armee? War den Kez doch der Durchbruch gelungen? Marschierten sie auf Adopest zu?

»Eine adronische Armee«, fügte Oldrich hinzu.

Adamats Erleichterung hielt nicht lange an. »Was machen die hier?«, fragte er. »Sie sollten immer noch in Surkov Alley sein. Wurden sie so weit zurückgedrängt?«

»Was ist los?« Bo stieß zu ihnen und streckte seine Arme hinter seinem Rücken aus. Adamat wurde wieder daran erinnert, wie jung Bo ja noch war – gerade mal Anfang zwanzig, schätzte er. Sicherlich noch keine dreißig. Trotz seines jungen Alters hatte der Privilegierte Sorgenfalten auf der Stirn und die Augen eines alten Mannes.

Adamat schaute demonstrativ auf Bos Handschuhe. »Sie sollen doch als Anwalt durchgehen«, sagte Adamat.

»Ich mag es nicht, irgendwo hinzugehen ohne meine Handschuhe«, sagte Bo und knackte mit den Knöcheln. »Außerdem wird sie niemand sehen. Die Armee ist noch ein gutes Stück weit weg.«

»Das ist nicht ganz richtig.« Oldrich nickte mit dem Kopf in Richtung der Anhöhe weiter die Straße runter.

Nila stieß zu ihnen. »Komm mit«, sagte Bo zu ihr. Sie machten sich auf den Weg, um sich die Armee hinter der Anhöhe anzusehen.

Oldrich schaute zu, wie sie davongingen. »Ich traue denen nicht«, sagte er, als sie außer Hörweite waren.

»Das müssen wir aber«, sagte Adamat.

»Wieso? Feldmarschall Tamas ist immer gut zurechtgekommen, auch ohne Privilegierte, die ihm das Händchen halten.«

»Tamas ist ein Pulvermagier«, sagte Adamat. »Weder Sie noch ich können behaupten, denselben Vorteil zu haben. Und Bo ist unsere Rückendeckung. Falls das hier nicht funktioniert – falls General Ket nicht friedlich mitkommt, um sich dem Gericht in Adopest zu stellen –, dann werden wir Bo brauchen, um uns aus dem Schlamassel zu retten.«

Oldrich rieb sich mit beiden Händen die Schläfen. »Zur Grube! Ich kann nicht glauben, dass ich mich von Ihnen hierzu habe überreden lassen.«

»Sie wollen Gerechtigkeit, oder nicht? Sie wollen, dass wir diesen Krieg gewinnen?«

»Ja.«

»Dann müssen wir General Ket verhaften.«

Bo und Nila kehrten zurück. Nila schaute finster drein, während Bo nachdenklich wirkte.

»Was, meinen Sie, geht da drüben vor sich?«, fragte Bo Oldrich. »Das Lager sollte eigentlich mehrere Dutzend Meilen südlich von hier liegen.«

»Könnte sonst was sein«, sagte Oldrich. »Könnten die Verwundeten von der Front sein. Könnte Verstärkung sein. Könnte sein, dass unsere Jungs aufgerieben wurden und sich zurückziehen.«

Bo kratzte sich am Kinn. Er hatte seine Privilegiertenhandschuhe ausgezogen. »Es ist Nachmittag. Wenn unsere Jungs sich im Rückzug befänden, dann würden sie jetzt gerade Richtung Adopest marschieren. Ich weiß nicht, was es ist, aber etwas stimmt hier nicht. Es befinden sich nicht mehr als sechs Brigaden in dem Lager. Zu viele für Verstärkungstruppen, zu wenige, um die ganze Armee zu sein.«

»Wir sollten herausfinden, was vor sich geht«, sagte Adamat.

»Wie?«, fragte Bo. »Wir werden nur herausfinden, was vor sich geht, indem wir in das Lager reiten. Was wir ohnehin tun müssen, nebenbei bemerkt. Wenn ich Taniel retten will – verdammte Grube, falls er überhaupt noch am Leben ist – und wenn Sie meine Hilfe dabei wollen, Ihren Sohn zu retten, dann machen wir uns jetzt auf den Weg dahin.«

Bo ging mit großen Schritten zurück zu der wartenden Kutsche.

Nila blieb stehen und schaute zwischen Oldrich und Adamat hin und her.

»Falls das hier schiefgeht«, sagte Oldrich zu Nila, »wird er uns den Rücken freihalten?«

Nila drehte sich um und schaute Bo hinterher. »Ich denke schon.«

»Sie ›denken‹?«

Nila zuckte mit den Schultern. »Kann auch sein, dass er sich seinen Weg durch ein paar Kompanien von Soldaten brennt und uns in der Asche zurücklässt.«

»Was genau machen Sie noch mal?«, fragte Oldrich.

»Ich bin Bos – ich bin die Sekretärin des Rechtsgelehrten«, sagte Nila.

»Und davor?«

»Ich war eine Wäscherin.«

»Ah.«

Sie kehrten zur Kutsche zurück und waren schon bald wieder unterwegs. Sie überquerten den Hügel, und der Anblick raubte Adamat den Atem.

Das adronische Lager erstreckte sich über die Ebene wie ein Meer aus weißen Zelten. Es schien sich zu bewegen und zu winden wie ein Ameisenhügel von oben, während Tausende von Soldaten und Lagerbummlern ihrem Alltag nachgingen.

Nach einer Meile kam die Kutsche wieder zum Stehen, als sie die Vorposten des Lagers erreichten. Adamat hörte, wie eine der Wachen mit Oldrich sprach.

»Verstärkungen?«, fragte eine Frauenstimme.

»Hä? Nein, wir eskortieren einen Anwalt, auf Befehl des provisorischen Rats.«

»Einen Anwalt? Wieso das?«

»Keine Ahnung. Ich soll den Anwalt hierherbringen und ein Treffen des Generalstabs einberufen.«

Bo hatte seinen Kopf neben dem Fenster und hörte der Unterhaltung aufmerksam zu. Er hatte seine Privilegiertenhandschuhe wieder angezogen, behielt seine Hände aber unterhalb des Fensters. Seine Finger zuckten kaum merklich.

»Na ja«, sagte die Wache mit gelangweilter Stimme, »das wird schwieriger werden, als Sie sich das vorstellen.«

Oldrich stöhnte auf. »Was ist jetzt schon wieder passiert?«

»Äh, na ja …« Die Wache räusperte sich, und was sie als Nächstes sagte, war zu leise, als dass Adamat es verstehen konnte. Gegenüber von ihm hatte Nila einen konzentrierten Ausdruck im Gesicht.

Oldrich stieß einen Pfiff als Antwort aus. »Danke für die Warnung.« Einen Moment später rollte die Kutsche weiter. Adamat fluchte leise.

»Was ist los?«, fragte er Bo. »Haben Sie was gehört?«

Anstatt ihm zu antworten, schaute Bo zu Nila. »Hast du zugehört, so wie ich es dir gezeigt habe?«

»Ja«, sagte Nila. Sie fuhr sich mit den Händen über ihren Rock und starrte aus dem Fenster. »Es sieht so aus«, sagte sie zu Adamat, »als sei General Ket beschuldigt worden, eine Verräterin zu sein. Sie hat drei Brigaden mit sich genommen und sich von der Hauptarmee abgespalten. Die Armee befindet sich jetzt im Bürgerkrieg.«

Der Befehlsstand des Generalstabs war ein in Beschlag genommenes Bauernhaus, etwa eine Meile von der Hauptstraße entfernt. Es lag im Zentrum der etwa sechs Brigaden starken Armee, deren weiße Soldatenzelte sich von der Mitte ausgehend in einem lose organisierten Muster ausbreiteten.

Adamat und Bo warteten fast drei Stunden, in denen sie ihre Kutsche nicht verlassen durften, bis sie endlich hineingeführt wurden. Ihre Wachen machten ihnen klar, dass der gesamte Generalstab schwer beschäftigt war und ihr Termin nicht länger als fünf Minuten von der Zeit des Generals in Anspruch nehmen werde.

Das Bauernhaus bestand nur aus einem großen Raum mit steinernen Wänden, einer niedrigen Feuerstelle an einem Ende und zwei nett hergerichteten Pritschen in der Ecke. Der Tisch in der Mitte des Raumes hatte ein zu kurzes Bein, und Stühle waren nirgendwo zu sehen. Auf dem Tisch lagen mehrere Karten, deren Ränder von Pistolen beschwert waren. Adamat warf einen schnellen Blick auf die Karten und prägte sie sich in sein perfektes Gedächtnis ein, wo er sie später nach Belieben studieren konnte.

»Inspektor Adamat.«

Adamat erkannte General Hilanska von einem Porträt wieder, das er einmal in der königlichen Galerie gesehen hatte. Er war kein großer Mann und stark übergewichtig als Folge der Komplikationen, die durch den Verlust seines Arms als junger Soldat entstanden waren. Jetzt war er Mitte vierzig und ein gefeierter Held, der sich in den Gurlischen Kriegen als Artilleriekommandant einen Namen gemacht hatte. Gerüchten zufolge war er einer von Tamas’ engsten Vertrauten unter den Generälen.

Adamat nickte dem General zu und trat vor, um seine verbliebene Hand zu ergreifen. »Das hier ist der Rechtsgelehrte Mattias«, stellte er Bo vor. »Wir sind mit einer dringlichen Angelegenheit aus Adopest hierhergekommen.«

Bo zog seinen Hut und verbeugte sich tief vor dem General, aber Hilanska schenkte ihm kaum mehr als einen flüchtigen Blick.

»Das hat man mir berichtet«, sagte Hilanska. »Sie sollten wissen, dass wir uns immer noch im Krieg befinden. Ich habe Dutzende Boten aus Adopest abgewiesen, weil ich einfach nicht die Zeit dafür habe, mich mit innenpolitischen Angelegenheiten zu beschäftigen. Sie sind deshalb gerade hier, weil ich weiß, dass Sie von Feldmarschall Tamas vor seinem Tod mit einer Sondermission beauftragt wurden. Ich hoffe stark, dass Sie mir etwas Wichtiges mitzuteilen haben. Leider war Sergeant Oldrich eher zurückhaltend, was die Details anging, wenn Sie also …«

Bo kam schnell nach vorne, bevor Adamat irgendetwas sagen konnte. »Selbstverständlich, Herr General.« Er zog ein Bündel Dokumente aus der Tasche, die ihm von der Schulter hing. Er blätterte durch mehrere Seiten Papier, bis er eins hervorholte, das von Ricard Tumblar und den Richtern in Adopest unterschrieben und gestempelt worden war. »Es tut mir leid, dass wir Ihren Leuten nicht mehr Details mitteilen konnten, aber es handelt sich hier um eine sehr sensible Angelegenheit. Wie Sie hier sehen, haben wir einen Haftbefehl für General Ket und ihre Schwester, Major Doravir.«

Hilanska nahm das Papier von Bo und überflog es mehrere Momente lang. Dann gab er es ihm zurück. »Adopest wurde von der Situation hier nicht in Kenntnis gesetzt?«, fragte er.

»Welche Situation?«, sagte Adamat.

»Ich habe über die letzten zwei Wochen hinweg mehrere Boten losgeschickt. Sie sind doch sicherlich informiert worden, dass …«

»Sind wir nicht, Sir«, sagte Adamat.

»Die Armee hat sich selbst den Krieg erklärt. General Ket hat das Kommando über drei Brigaden übernommen und sich von der Hauptarmee abgespalten.«

Obwohl Nila ihm genau das gesagt hatte, musste er den schockierten Ausdruck in seinem Gesicht nicht vortäuschen. »Wie ist das passiert? Und warum?«

»Ket hat mich des Verrats beschuldigt«, sagte Hilanska. »Sie hat gesagt, dass ich mit dem Feind unter einer Decke stecke, und als sich der restliche Generalstab hinter mich gestellt hat, hat sie ihre Männer genommen und uns den Rücken gekehrt.«

Bo versteifte sich bei Hilanskas Worten, und seine Hände zuckten in Richtung seiner Taschen – wo er zweifellos seine Handschuhe hatte. »Und für diese Anschuldigung gibt es keinerlei Grundlage? Keine Beweise?«

»Selbstverständlich nicht!« Hilanska schnappte sich seinen Gehstock und stand mühsam auf. »Ihre Anschuldigung fußte auf dem Bericht eines Infanteristen, der behauptete, gesehen zu haben, wie ich mich mit feindlichen Boten getroffen hätte.«

»Und haben Sie das?«, fragte Bo. Adamat warf ihm einen Blick zu, aber der Schaden war bereits angerichtet.

»Selbstverständlich nicht. Es war einer von ihren Dredgers, ein Sträfling von der Bergwacht. Der übelste Abschaum. Wenn man bedenkt, dass sie ihm mehr Glauben geschenkt hat als mir …« Er schüttelte traurig den Kopf. »Ket und ich kennen uns schon seit Jahrzehnten. Wir waren niemals Freunde, aber wir waren sicherlich keine Feinde. Ich hätte niemals gedacht, dass sie so eine haltlose Anschuldigung vorbringt. Es sei denn …« Er streckte die Hand nach dem Haftbefehl aus, und Bo reichte ihn ihm. Seine Augen überflogen das Papier. »Es sei denn, sie hat versucht, ihre Spuren zu verwischen.«

Adamat tauschte einen Blick mit Bo aus. »Wir sind zu einer ähnlichen Schlussfolgerung gekommen, allerdings was die Anklage von Taniel Zwei-Schuss angeht. Taniel hat Ricard Tumblar eine Nachricht geschickt, in der er ihn darum gebeten hat, sich Kets Bücher anzusehen. Das war es, was uns auf ihre Fährte gebracht hat.«

»Tamas’ Junge war das? Er ist wesentlich gescheiter, als Ket ihn eingeschätzt hat. Sehr tragisch, das Ganze.«

Bo bewegte sich wie beiläufig zu Hilanskas Seite und steckte eine Hand in die Tasche. »Was ist daran tragisch?«

»Taniel wurde von den Kez gefangen genommen«, sagte Hilanska. »Sie haben ihn wie eine Trophäe über ihrer Armee aufgehängt.«

»Nein.« Bo musste schlucken. Seine Hand verließ seine Tasche ohne seine Handschuhe.

»Die gesamte Armee hat es mit angesehen. Gerüchten zufolge hatte er es auf Kresimir höchstpersönlich abgesehen.« Hilanska schüttelte den Kopf. »Ich habe den Jungen schon als kleines Kind gekannt. Ich bin nur froh, dass Tamas es nicht mehr lebendig erleben musste.«

Adamat versuchte, sich auf Hilanskas kleine Ticks zu konzentrieren – die Art und Weise, wie seine linke Hand am leeren rechten Ärmel seiner Jacke herumfummelte, wie sein Blick durch den Raum wanderte. Der General bog sich die Wahrheit zurecht. Er war nur teilweise ehrlich mit ihnen, irgendetwas hielt er zurück.

Unglücklicherweise hatte Adamat keine Möglichkeit herauszufinden, was das war.

»Also ist er tot?«, fragte Bo.

»Sie haben seine Leiche nach seiner Gefangennahme schnell wieder heruntergeholt. Er war nur einen Tag lang da oben, aber er war mit Sicherheit tot.«

Adamat warf Bo einen Blick zu. Das Gesicht des Privilegierten war leichenblass geworden. Er blinzelte, als hätte er etwas im Auge, und sein Atem stockte. Adamat machte einen Schritt auf ihn zu und bot ihm seinen Arm an, aber Bo winkte ab und stürmte dann plötzlich aus dem Raum.

Hilanska schaute ihm nach. »Ein seltsamer Mann. Kannte er Zwei-Schuss?«

»Nicht, dass ich wüsste«, sagte Adamat wie selbstverständlich. »Mir wurde gesagt, dass er sehr sensibel ist, wenn es um den Tod geht.«

»Ich verstehe.« Hilanska dachte einen Moment lang darüber nach. Ein Stirnrunzeln huschte über sein verwittertes Gesicht.

»Sir«, fuhr Adamat fort, um Hilanska keine Zeit zu geben, eingehender über Bos Verhalten nachzudenken, »haben Sie einen Plan, wie Sie diese Spaltung überwinden und den Kez entgegentreten wollen?« Falls Zwei-Schuss tatsächlich tot war, würde Adamat die Situation irgendwie retten müssen. Würde Bo Adamat immer noch dabei helfen, seinen Sohn wiederzufinden? Oder war er damit jetzt auf sich allein gestellt? In jedem Fall empfand es Adamat als seine Pflicht gegenüber seinem Land, alles zu tun, was er konnte, um die Armee wieder zu vereinen.

Hilanska ging zu dem Tisch und fuhr mit der Hand darüber, um die Markierungen für die Brigaden abzuräumen. Er fing an, eine der Karten mit seiner einen Hand umständlich einzurollen. »Ich denke nicht, dass ich mit Ihnen unsere Taktik besprechen sollte.«

»Ihre Taktik? Wird es eine Schlacht geben?« Adroner gegen Adroner? Die Kez waren der adronischen Armee zahlenmäßig weit überlegen, eine Schlacht in den eigenen Reihen würde für sie alle den sicheren Untergang bedeuten. Es war ein Wunder, dass die Kez diese Spaltung noch nicht für einen Angriff genutzt hatten. Adamats Gedanken überschlugen sich, während er versuchte, seine Prioritäten neu zu ordnen.

»Natürlich nicht. Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um diese Situation friedlich zu lösen. Tatsächlich könnten mir diese neuen Beweise dabei helfen, Kets Verbündete davon zu überzeugen, ihr den Rücken zu kehren. Sobald dieser Anwalt seinen Magen beruhigt hat, sorgen Sie dafür, dass er mir alle Unterlagen bringt, die er hat. Wir können den Offizieren beweisen, dass Ket nur versucht, ihre eigenen Verbrechen zu vertuschen. Zumindest wird es die Männer in ihrer Überzeugung bestärken, dass sie auf der richtigen Seite stehen.«

»Wie Sie wünschen«, sagte Adamat. »Aber die Kez …«

»Wir haben diese Sache in der Hand«, fiel Hilanska ihm ins Wort. »Machen Sie sich keine weiteren Sorgen. Ich vertraue darauf, dass Sie nach Adopest zurückkehren und dem Rat versichern, dass wir diesen Riss kitten und die Kez zurückschlagen werden, und danach werden wir uns um die Brudanier kümmern.«

Es war das erste Mal, dass Hilanska die fremde Armee erwähnte, die Adopest besetzt hielt. Adamat öffnete den Mund, um ihn zu fragen, was er damit meine, aber Hilanska winkte mit der Hand, um das Ende ihres Treffens zu bedeuten, und wandte sich ab.

Adamat fand Bo, wie er mit dem Rücken an die Steinmauer gelehnt und den Zipfeln seiner Jacke im Matsch vor dem Bauernhaus saß. Adamat packte ihn unter dem Ellenbogen. »Auf geht’s.«

»Lassen Sie mich in Ruhe.«

»Auf jetzt!«, beharrte Adamat und zog ihn auf die Füße. Er sprach in einem eindringlichen Flüsterton, um Bos Aufmerksamkeit zu gewinnen, während er ihn von Hilanskas Wachen wegführte. »Es gibt immer noch einiges zu tun.«

»Scheiß drauf! Sie haben ihn gehört. Taniel ist tot.« Bo riss sich von Adamat los.

»Nicht so laut! Vielleicht ist er nicht tot.«

Bo wirkte so, als sei er gerade geohrfeigt worden. »Was wollen Sie damit sagen?«

Adamat hatte sofort Schuldgefühle, Bo falsche Hoffnungen gemacht zu haben.

»Na ja, wir sollten wenigstens Hilanskas Geschichte überprüfen, bevor Sie in Trauer verfallen. Vielleicht ist Taniel ein Gefangener der Kez, oder vielleicht hat er es geschafft zu entkommen, oder …« Adamat verstummte. Bo betrachtete ihn voller Misstrauen.

»Wieso dieser Optimismus?«, fragte Bo. »Sollten Sie nicht eigentlich hoffen, dass Taniel tot ist, damit wir direkt anfangen können, Ihren Jungen zu finden? Oder haben Sie einfach nur Angst davor, dass ich mein Wort nicht halten werde?«

Adamat hatte Angst davor, dass Bo sein Wort nicht halten würde. »Irgendetwas stört mich an Hilanska. Die Karten auf seinem Tisch.« Adamat stellte sie sich mental vor, drehte sie herum und betrachtete sie, bevor er anfing zu sprechen. »Die einzige Erfahrung, die ich mit Schlachtplänen habe, kommt aus meiner Zeit an der Polizeiakademie, aber ich würde meine Pension darauf verwetten, dass Hilanska vorhat, Kets Streitkräfte zwischen seinen eigenen und den Kez einzukeilen.«

»Das klingt nach einem logischen Plan für ihn«, sagte Bo.

»Nicht, wenn er versuchen will, die Brigaden wieder zusammenzubringen, was er behauptet hat.«

Bo zuckte mit den Schultern und starrte verdrießlich in die Ferne.

»Bo«, sagte Adamat. »Bo!« Er streckte die Hand nach Bo aus, packte ihn vorne an der Jacke und drehte ihn herum, sodass sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden. Bo riss seine Jacke aus Adamats Griff los und machte einen Schritt zurück. Adamat folgte ihm und schlug Bo mit der offenen Hand ins Gesicht.

Ein Anflug von Furcht lief ihm den Rücken hinunter. Er hatte gerade einen Privilegierten geohrfeigt. Verdammte Grube! Was hatte er getan? »Reißen Sie sich zusammen!«, sagte er und versuchte, das Zittern in seiner Stimme zu unterdrücken.

Bo stand der Mund offen. Er hatte einen Privilegiertenhandschuh in der Hand, bereit, ihn über seine Finger zu ziehen. »Ich habe Männer schon für weniger getötet.«

»Das haben Sie?«

»Na ja. Ich habe mit dem Gedanken gespielt. Ich bin sicher, dass andere Privilegierte es getan haben. Sie erklären mir jetzt auf der Stelle, warum Sie meinen, dass das notwendig war.«

»Weil wir unsere Pflicht zu erfüllen haben. Das hier ist größer als ein einzelner Mann. Hier geht es um das Schicksal unserer Familien und unserer Freunde und unseres Landes.«

»Sie verstehen nicht, warum ich hier bin, nicht wahr, Herr Inspektor?«, sagte Bo. »Ich bin hier, weil Taniel Zwei-Schuss mein einziger Freund ist. Er ist alles, was ich an Familie habe. Privilegierte können sich diesen Luxus normalerweise nicht leisten, und ich soll verdammt sein, wenn Sie glauben, dass dieses Land mir mehr als das bedeutet.«

Adamat atmete tief durch, erleichtert, dass Bo nicht versucht war, ihn hier und jetzt zu töten. »Falls Hilanska dieses Verfahren versaut, werden meine Kinder als Sklaven für die Kez enden. Ich werde alles versuchen, um sicherzustellen, dass das nicht passiert. Wenn der beste Weg dahin ist, Ihnen dabei zu helfen, Ihren Freund zu finden, dann ist das eben so. Sie müssen sich jetzt zusammenreißen und sich diskret nach Taniel umhören. Ich werde mir Hilanska genauer ansehen.«

Bo blinzelte mehrere Male, tat ein paar zittrige Atemzüge und schien wieder ein wenig die Fassung zu erlangen. »Wir vergessen die Söldner.«

Der Inhalt ihres Gesprächs hatte sich so schnell geändert, dass es einen Moment dauerte, bis Adamat nachkam. Natürlich. Die Flügel von Adom, die Söldnerarmee in Diensten von Adro. Sie sollten mehrere Brigaden an der Front gehabt haben. Adamat rief sich Hilanskas Karte wieder ins Gedächtnis und suchte nach den Fähnchen: ein Heiligenschein mit goldenen Flügeln. Da waren sie, oben in der Ecke. »Ihr Lager liegt etwa zehn Meilen von hier entfernt. Wahrscheinlich versuchen sie, sich aus diesen internen Streitigkeiten herauszuhalten.«

»Klug von ihnen.«

Bo mahlte mit dem Kiefer und steckte seine Privilegiertenhandschuhe zurück in die Tasche. »Fangen Sie an, sich umzuhören. Finden Sie etwas heraus, und tun Sie das schnell. Sonst gehe ich da rein und befrage Hilanska auf meine Art.«

»Geht es Ihnen gut?«

»Meine Wange tut ein bisschen weh.«

»Ich meinte wegen Taniel.«

Bo wirkte so, als hätte er etwas Saures geschluckt. »Ein Moment der Schwäche, mehr nicht. Ich komme schon klar. Und Adamat …?«

»Ja?«

»Wenn Sie sich noch mal an mir vergreifen, stülpe ich Ihnen die Eingeweide nach außen.«

KAPITEL

Nila wartete neben der Kutsche darauf, dass Bo und Adamat von ihrem Treffen mit General Hilanska zurückkehrten.

Weiter den Hügel hinab schlängelte sich ein schmaler Fluss durch das Lager, dessen Ufer unter dem Getrampel von Tausenden Stiefeln matschig geworden waren. Nila schaute zu, wie eine Wäscherin einen Eimer mit dem schmutzigen Wasser füllte und ihn zu ihrem Feuer zurückschleppte, wo die Uniformen von einem halben Dutzend Soldaten aufgestapelt auf ihrer Waschbank lagen. Die Frau füllte ihren Wäschetrog mit dem Wasser und setzte sich hin, während sie darauf wartete, dass es anfing zu kochen. Sie fuhr sich mit einer verschmutzten Hand über die Stirn.

Nila wusste, dass das genauso gut auch sie selbst hätte sein können, wenn sie irgendwann in den letzten paar Monaten irgendeine andere Entscheidung getroffen hätte. Sie schaute hinunter auf ihre Hände. Jahrelang waren sie aufgescheuert und die Haut rissig gewesen durch all die Seife, das Wasser und die Lauge, die sie für die Wäsche benutzt hatte. Jetzt fühlten sie sich unfassbar glatt an, und Bo hatte ihr gesagt, dass sie jetzt besseren Gebrauch von ihnen machen würde.

Eine Privilegierte. Sie konnte es immer noch nicht fassen, selbst dann nicht, nachdem sie zum ersten Mal die Flammen gesehen hatte, die aus ihren eigenen Fingerspitzen entsprungen waren, und auch nicht nach all ihren Übungsstunden seither.

Privilegierte waren Geschöpfe, die über große Gerissenheit und Stärke verfügten. Sie befehligten die Elemente und brachten Armeen zum Erzittern. Es erschien ihr vollkommen aberwitzig, dass eine Wäscherin ohne Familie oder Verbindungen plötzlich solch eine Macht besitzen sollte.

Sie konnte allerdings auch nicht anders, als sich betrogen zu fühlen. Hätte sie gewusst, dass diese Macht in ihr schlummerte, hätte sie sie vielleicht dazu nutzen können, um Vetas zu entkommen oder die Royalisten zu beschützen. Nila ballte die Faust und spürte ein wenig Wärme an ihrem Handrücken. Blaue und weiße Flammen umtanzten ihre Knöchel. Sie blickte sich um, um zu sehen, ob irgendjemand etwas bemerkt hatte, dann schüttelte sie ihre Hand, um das Feuer zu löschen, und versteckte sie hinter ihrem Rücken.

Sie dachte an ihre Zeit mit den Royalisten und erinnerte sich an Rozalia, die Privilegierte, die für sie gekämpft hatte. Hatte Rozalia die versteckten Kräfte in Nila gespürt und sich entschieden, es einfach nicht zu erwähnen? Oder war sie aus irgendeinem anderen Grund nett zu ihr gewesen? Würde Nila eines Tages so werden wie sie – alt, weise und mächtig? Würden die Leute in ihrer Nähe nervös werden, so wie sie nervös wurde, wenn sie in der Nähe von Rozalia war?

»Risara!«

Nila erwachte aus der Tiefe ihrer Gedanken, und es dauerte einen Moment, bis sie sich daran erinnerte, dass das der Name war, unter dem sie sich als Bos Sekretärin ausgab – während Bo selbst sich als Anwalt präsentierte. Sie drehte den Kopf und sah, wie er von der anderen Seite des Lagers auf sie zueilte. Es lang eine Dringlichkeit in seinem Gang, die sie beunruhigte.

»Hast du Taniel gefunden?«

»Nein.« Bo fasste sie am Arm und ging mit ihr zur anderen Seite der Kutsche, wo es weniger wahrscheinlich war, dass jemand sie hören konnte. »General Hilanska sagt, dass Taniel tot ist.«

Die teilnahmslose Art, wie Bo die Worte aussprach, ließ sie einen Schritt zurückweichen. Seit er sie und Jakob in seine Obhut genommen hatte, war Bo die ganze Zeit über von Taniel besessen gewesen. Seinem einzigen Freund, wie er behauptete. Er suchte

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