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Siri Hustvedt - Wenn Gefühle auf Worte treffen: Ein Gespräch mit Elisabeth Bronfen

Siri Hustvedt - Wenn Gefühle auf Worte treffen: Ein Gespräch mit Elisabeth Bronfen

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Siri Hustvedt - Wenn Gefühle auf Worte treffen: Ein Gespräch mit Elisabeth Bronfen

Länge:
308 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
6. Mai 2019
ISBN:
9783311700692
Format:
Buch

Beschreibung

Alles beginnt in einem Sommer in Island. Die Nächte sind lang und hell. Siri Hustvedt, 13, liest David Copperfield und weiß, dass sie Schriftstellerin werden will. Mit 14 liest sie Simone de Beauvoir und wird Feministin. Ihre Wissbegier ist schon früh enorm. Mit Anfang zwanzig flieht sie aus der amerikanischen Provinz zum Studium nach New York, wo sie noch heute lebt. Das Bewegliche, Offene dieser Stadt habe sie immer fasziniert, erzählt Hustvedt der Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen im Sommer 2018. Alles Starre, jedes Dogma hingegen ist ihr fremd – kulturelle Stereotype, patriarchale, sexistische Denkmuster, wie sie im Amerika unter Donald Trump wieder an Popularität gewinnen. Siri Hustvedt sucht das Verbindende, nicht das Trennende, eine Vielfalt der Perspektiven. Das Spiel mit Identitäten, auch mit Geschlechteridentitäten bestimmt ihre Romane, das Zusammenwirken verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen ihre essayistischen Texte. Luzide legt Siri Hustvedt dar, dass wahre Denkräume Zwischenräume sind, in denen nicht die Gewissheit regiert, sondern das Sowohl-als-auch.
Herausgeber:
Freigegeben:
6. Mai 2019
ISBN:
9783311700692
Format:
Buch

Über den Autor


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Siri Hustvedt - Wenn Gefühle auf Worte treffen - Elisabeth Bronfen

Kampa

1

Anfänge

Jeder wird an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit geboren. Sie haben in Essays wie »Nicht hier, nicht dort« über Ihre Kindheit und Jugend geschrieben, und es erscheint mir sinnvoll, zuerst darüber zu sprechen, wo Ihr Leben angefangen hat, etwas über Ihre Familie zu erfahren, und wie all das Ihre Entscheidung beeinflusst hat, Schriftstellerin zu werden.

Mein Leben begann am 19. Februar 1955 in Northfield, Minnesota. Zu der Zeit bestand die Bevölkerung aus rund 6000 Einwohnern plus 3000 Collegestudenten. Mein Vater lehrte an einem der beiden Colleges, St. Olaf, das 1874 von norwegischen Einwanderern gegründet worden war. Er selbst war kein Einwanderer, auch seine Eltern nicht, aber seine Großeltern. Er wuchs auf einer kleinen Farm außerhalb von Cannon Falls in Minnesota auf, wo er während der Weltwirtschaftskrise mit seinen Eltern und drei Geschwistern lebte. Die Krise hat ihn nachhaltig geprägt. Meine Großeltern waren nie reich gewesen, aber die Farm bot ihnen ein Auskommen. Die Weltwirtschaftkrise traf sie hart, mit verheerenden Folgen. Sie verloren den größten Teil ihres Grund und Bodens und mussten die Landwirtschaft schließlich einstellen.

Als Kind bin ich nie auf den Gedanken gekommen, dass Grandma und Grandpa arm wären. Meine Schwester Liv und ich wussten, was »arm« bedeutete, aber das war ein Wort, das in Märchen gebraucht wurde oder in den Zeitungen, die unsere Eltern lasen, ein Wort für ferne Verhältnisse in Städten mit »Slums«, die wir nie gesehen hatten. Meine Großeltern hatten kein fließend Wasser in ihrem kleinen Haus, und Strom gab es erst, nachdem mein Vater aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrt war. Er legte 1949 die Leitungen. Allmählich, ganz allmählich begriff ich, was meinen Großeltern zugestoßen war. Ihre Farm, unser Kinderspielplatz mit dem stillgelegten Traktor, einer zerfallenen Scheune, der rostigen Pumpe, sprießenden Weinreben, dem Birnen- und Apfelgarten und der riesigen Eiche, war seit der Weltwirtschaftskrise erstarrt: eine Art Denkmal dessen, was einmal eine Farm gewesen war.

Das war eine schreckliche Zeit in der Geschichte des ländlichen Amerikas. Man konnte sich zu Tode schuften, und es brachte nichts – man steckte einfach fest. Ich begriff auch nur allmählich, dass die schlimmen Entbehrungen infolge der Weltwirtschaftskrise und dann, im Zweiten Weltkrieg, der Kampfeinsatz in Neuguinea und auf den Philippinen meinen Vater nie mehr losgelassen haben. Diese Ereignisse waren entscheidend für seine Persönlichkeit.

Ich stelle mir Ihre Großeltern und Ihr Leben auf dieser Farm im Mittleren Westen wie eine Szene aus Willa Cathers Meine Antonia vor.

Das wäre Nebraska, ja, gar nicht so weit von Minnesota entfernt, aber Nebraska ist großflächiger und ebener. Antonia und ihre Familie sind Einwanderer, die ihren ersten Winter in der Prärie unter der Erde verbringen. Sie graben ein Loch und verkriechen sich darin, um sich gegen die brutale Witterung der Jahreszeit zu schützen, ehe sie ein Haus bauen. Ich glaube nicht, dass meine Urgroßeltern je in einem Erdloch lebten, aber es gab unzählige Geschichten über die physischen und emotionalen Härten des Schicksals derer, die von Europa in den Mittleren Westen kamen. Ich habe eine Menge Geschichten über Einwanderer gehört, die draußen in der Prärie verrückt geworden sind. Wie es scheint, war das keine Übertreibung. Erst kürzlich las ich eine auf Krankenhausbefunde gestützte Untersuchung, aus der hervorging, dass norwegische Einwanderer der ersten Generation häufiger unter Geisteskrankheiten litten als diejenigen ihrer Landsleute, die zu Hause geblieben waren, häufiger auch als ihre in den USA geborenen Kinder. Das geteilte Selbst fordert seinen Tribut.

Die Lieblingsgeschichte meiner Mutter war die eines Farmers, der die norwegischen Berge so sehr vermisste, dass er Felsbrocken ausgrub, sie aufhäufte und sich seinen eigenen Berg baute. Als ich acht oder neun war, stieß mein Vater bei Arbeiten auf unserem Grundstück auf irgendeinen Stein und begann ihn auszugraben. Er grub und grub, und es stellte sich heraus, dass das Ding viel größer war, als er vermutet hatte. Schließlich zog er mithilfe eines Seils und der Zugkraft unseres Autos einen riesigen Findling aus der Erde. Meine Mutter liebte ihn. Er lag bei uns im Vorgarten, und sie nannte ihn ihren »norwegischen Berg«.

Deshalb hat mich Ihre Schilderung an die Romane des späten amerikanischen Realismus erinnert, daran, wie Armut und Mühsal dort in den Mittelpunkt gerückt werden. Bedeutet das, so etwas wie Wohlstand zog erst mit der Generation Ihrer Eltern in Ihre Familie ein?

Nein, das nicht, meine Großmutter hatte von ihrem Vater einiges Geld geerbt, Geld, das aber eigentlich von der mütterlichen Seite stammte. Die Ehe mit meinem Großvater war finanziell gesehen ein Abstieg für sie, und ich glaube, sie hat sich nie ganz an diese Veränderung gewöhnt. Sie war eine stolze, eigensinnige Frau, die zu Wutausbrüchen wie zu Lachanfällen neigte. Sie brach alle Rekorde im Kartoffelschälen, schleppte schwere Eimer von der Pumpe herbei und schob dicke Holzscheite in den Bollerofen. Sie war eine imposante Erscheinung, massig, stark, das Gesicht von Falten schraffiert. Sie hatte nur zwei Jahre die Schule besucht. Sie konnte lesen und schreiben, hatte aber nie eine Chance gehabt, sich weiterzubilden.

Mein Großvater war vier Jahre zur Schule gegangen. Er war Autodidakt. Er las Bücher und Zeitungen, kaute eine Menge Tabak, spuckte den Saft in eine Kaffedose, die neben seinem Sessel auf dem Boden stand, und sagte alles in allem sehr wenig. Ich mochte ihn trotzdem. Er hatte ein sanftes Wesen und ein freundliches, weiches, schönes Gesicht.

Mein Vater war weitaus besser dran als seine Eltern, aber wir lebten zu sechst von dem, was auch damals ein mageres akademisches Gehalt war.

Viele norwegische Einwanderer haben sich in Teilen des Mittleren Westens niedergelassen, wo es viele andere Immigranten aus Skandinavien gab. Wie wichtig war die Erinnerung an die alte Heimat für sie? Wie wichtig war das Festhalten an Traditionen, und wie wirkte sich das auf ihr Amerikanischwerden aus?

Ich weiß von einem Ritual der kulturellen Integration, das im Zuge der großen Einwanderungswellen aus Europa praktiziert wurde und mich immer fasziniert hat. Nach meiner Erinnerung wurden die Einwanderer aufgefordert, in ihren traditionellen Trachten eine Scheune zu betreten. Dann, nachdem sie ihre alte Kleidung abgelegt und typisch amerikanische angezogen hatten, kamen sie auf der anderen Seite verwandelt wieder heraus. Dadurch sollte die Idee der Aufgabe des alten Landes, das sie verlassen hatten, um sich als Bürger in dem neuen anzusiedeln, zur Schau gestellt werden. Zur Abschlussfeier der Ford English School am 4. Juli 1917 wurde eine Zeremonie veranstaltet, bei der die Absolventen in der Kleidung ihrer Herkunftsländer in einen großen »Tiegel« mit der Aufschrift The American Melting Pot steigen mussten. Dahinter stand der Gedanke, ihre Einwandereridentität müsse symbolisch weggeschmolzen werden, damit sie als neue Bürger in amerikanischer Kleidung und die amerikanische Fahne schwingend wieder herauskämen.

Ich glaube nicht, dass meine Urgroßeltern ihren Bunad – das norwegische Wort für die traditionelle Nationaltracht – je in einem Ritual aufgegeben haben, aber Ihre Geschichte bringt das große Einwanderungsdilemma auf den Punkt: Wie sehr sollten wir uns der neuen Welt anpassen und wie viel von der alten bewahren? Meine Großeltern väterlicher- wie mütterlicherseits, die selbst keine Einwanderer waren, sprachen Englisch mit starkem norwegischen Akzent, wie übrigens auch mein Vater. Sie nannten das »Mundart«, die Mundart ihrer kleinen Gemeinde: eine Art dialektal gefärbte Sprechweise, ähnlich dem, was sich damals auch in anderen Teilen des Landes, einschließlich Brooklyn, entwickelte, von Einwanderern geprägte Sprachklänge, wie es sie in vielen Sprachen gibt. Meine Großeltern und mein Vater hatten eine spezielle Art, Englisch im Rhythmus westnorwegischer Musik zu sprechen. Interessanterweise hat mein Vater diese Sprechweise nie abgelegt. Er bewahrte sie bis zum Tag seines Todes. Er klang nicht »amerikanisch« oder jedenfalls nicht so, dass irgendjemand es für amerikanisch gehalten hätte, aber das war er eben – ein »Norwegisch-Amerikaner« der dritten Generation.

War das vielleicht seine Art, an jener alten Welt festzuhalten, die er vorwiegend aus Erzählungen seiner Eltern und Verwandten kannte? Oder gar ein bisschen Nostalgie?

Ich glaube schon. Sich in seiner Aussprache zu mäßigen, hätte für ihn bedeutet, seine Wurzeln hinter sich zu lassen. Er hätte jeden Versuch, anders zu klingen, als Getue und als Verrat an seiner Familie betrachtet. Er wurde zum Gelehrten seines eigenen Volkes. Nach dem Krieg nahm er die G.I. Bill– das Recht aller Kriegsteilnehmer auf Universitätszugang– für den Collegebesuch in Anspruch und wurde schließlich an der University of Wisconsin in Skandinavistik promoviert. Das war damals eine neue Disziplin, eine Kombination von Literatur und Geschichte. Er hatte das Temperament eines Historikers, der tief in die Detailfülle der Vergangenheit eintaucht, aber er liebte Ibsen, kannte dessen Stücke in- und auswendig. Später, als Professor, hielt er einen Kurs über Ibsen – sein Lieblingskurs, der auch bei den Studenten großen Anklang fand und ihm erlaubte, seine darstellerische Begabung auszuleben. Mein Vater war ein hervorragender Redner und konnte sehr witzig sein. Seine größte Leidenschaft aber war die Einwanderungsgeschichte, und er verbrachte viele Jahre seines Lebens damit, das Archiv der NAHA, der Norwegian-American Historical Association, zu organisieren, ohne den geringsten Lohn, ganz ohne Bezahlung.

Später, als ich erwachsen war, wurde mir klar, dass diese Arbeit im Archiv ihm ermöglichte, die Vergangenheit wiederherzustellen, einen Ausgleich für das Leiden zu schaffen, das er als Kind mit seinen Eltern und Geschwistern draußen auf der Farm erfahren hatte. Es war eine Art, zu würdigen, was oft erniedrigend gewesen war, persönlich erniedrigend für seine Eltern wie für ihn. Sie hatten darunter gelitten, so arm zu sein, dass andere Leute auf sie herabblickten. Solche Gefühle bleiben haften. Er identifizierte sich zutiefst mit seinem Einwanderervermächtnis, obwohl er nicht in Norwegen geboren war. Um 1950 kam er mit einem Fulbright-Stipendium nach Oslo, wo er meine Mutter kennenlernte. Danach ist er häufig nach Norwegen gefahren. Irgendwann grub er Dokumente über seinen Großvater, Urgroßvater und Ururgroßvater aus, die auf einem abgelegenen Hof namens Hustveit, hoch in den Bergen außerhalb von Voss, einer Stadt in Westnorwegen, gelebt hatten.

Er zeigte nie großes Interesse an der Familie seiner Mutter. Ich weiß wenig über sie. Sein Augenmerk galt ausschließlich der väterlichen Seite – ein Detail, das ich heute faszinierend finde. Er fühlte sich seinem Vater viel näher als seiner Mutter. Wichtiger ist hier jedoch, dass er selbst sein Zuhause nie verlassen hatte. Sein Leben war der Erinnerung gewidmet, der Wiederherstellung jener verlorenen Welt, die ihn geformt hatte, die er aber studieren musste, um sie zu verstehen.

Man könnte sagen, dass seine Sorge um die norwegische Kultur etwas mit transgenerationaler Erinnerung zu tun hatte, vielleicht sogar mit transgenerationaler Heimsuchung. So wie Sie es beschreiben, versuchte er offenbar, ein europäisches Zuhause wiederherzustellen und zu bewahren, das nie sein tatsächliches Zuhause gewesen war, ein Zuhause, das er nur aus den Geschichten und Erzählungen derer kannte, die Norwegen verlassen hatten.

Ja, die Geschichten der Einwanderer bedeuteten ihm viel, aber es war auch Schmerz in diesen Erinnerungen. Vielleicht hat ihm die Beschäftigung mit der Einwanderungsgeschichte dazu gedient, diesen Schmerz zu verstehen, der als Heimsuchung von früheren Generationen kam. Das Archiv der NAHA ist voller Tagebücher, Briefe, Kochrezepte, Bücher und Zeitungen, auf Norwegisch wie auch auf Englisch. Alles wurde sorgfältig gesammelt und mit Anmerkungen versehen. Es ist ein riesiges Archiv, das die Übersiedlung von rund einer Million Menschen aus einem kleinen nordischen Land in die Vereinigten Staaten zwischen 1840 und 1920 dokumentiert.

Man muss sich dabei vor Augen führen, dass viele Kinder dieser Einwanderer »das alte Land« nie kennengelernt haben. Meine Großmutter väterlicherseits war nie in Norwegen, und ich bin mir nicht sicher, ob sie sich überhaupt danach gesehnt hat. Nachdem ihr Mann, Lars Hustvedt, unerwartet etwas Geld von einer Verwandten geerbt hatte, machte er sich mit siebzig Jahren allein auf seine erste Reise nach Norwegen. Er fuhr nach Voss, besuchte Hustveit und verblüffte die norwegischen Verwandten mit seiner genauen Kenntnis des Hofs. Meinem Vater zufolge sagten sie, Lars kenne jeden Stein dort. Dieses Wissen muss durch Geschichten überliefert worden sein. Durch die Erzählungen meines Urgroßvaters war Hustveit für meinen Großvater ein imaginärer Ort geworden, den er über Jahrzehnte mit sich herumtrug, ehe er ihn zum ersten Mal mit eigenen Augen sah. Ja, das ist eine Form von transgenerationaler Heimsuchung, die sich wohl kaum auf Norweger beschränkt.

Mein Mann und ich haben eine Freundin, die aus einer philippinisch-amerikanischen Familie kommt. Als Wissenschaftlerin hat sie jahrelang über die Geschichte der philippinischen Einwanderer gearbeitet. Als ich bei einem Abendessen in unserem Haus in Brooklyn die Norwegian-American Historical Association erwähnte, sagte sie: »Das ist ein berühmtes Archiv, ein Vorbild für andere, neuere Einwanderungsarchive, die jetzt auf die Beine gestellt werden.« Das hat mich so gefreut! Es ist ein wunderbarer Gedanke, dass ein norwegisches Archiv als Vorbild für Einwanderer dienen kann, die später von den Philippinen in die USA kamen. So verschieden die beiden Kulturen auch sein mögen, teilen sie doch Geschichten der Assimilation und des Widerstands dagegen, Geschichten von Anpassung und einer Unfähigkeit zur Anpassung. Der einzige wirklich große Unterschied besteht darin, dass die Norweger nicht dem Rassismus ausgesetzt waren, der allen farbigen Einwanderern in den Vereinigten Staaten entgegenschlug und heute noch entgegenschlägt. Die Norweger bekamen es mit Klassenvorurteilen, zweifellos auch mit Fremdenfeindlichkeit zu tun, aber nicht mit Rassismus.

Inzwischen ist diese Welt im ländlichen Minnesota, die ich als Kind kannte, vom Erdboden verschwunden. Die alten Leute, die dort draußen in ihren Farmhäusern lebten und alle Norwegisch sprachen, sind gestorben. Ihre Kinder sind fort. Sie sprechen die Sprache nicht mehr. Diese Welt ist tot.

Aber sicher ist die Verbindung zu Europa nicht vollständig abgerissen. Wie fügt sich eigentlich Ihre Mutter in das Bild?

Meine Mutter ist bis heute durch und durch Norwegerin, obwohl sie schon seit langer Zeit amerikanische Staatsbürgerin ist. Sie hat die ersten dreißig Jahre ihres Lebens, einschließlich der fünf Jahre Nazi-Besatzung während des Zweiten Weltkriegs, in Norwegen verbracht. Ihre Kindheit und ihr frühes Erwachsenenleben waren norwegisch, und das nahm sie mit in die Vereinigten Staaten. Die vielen Geschichten über ihre gutbürgerliche Kindheit in Mandal, der südlichsten Stadt Norwegens, wo sie mit ihrem geliebten Postmeister-und-Gutsbesitzer-Vater und ihrer gleichermaßen, wenn nicht noch inniger geliebten Mutter, ihren drei älteren Geschwistern, einer Kuh, einem Pferd, Hühnern und zwei Dienstmädchen ganz oben auf einem Berg mit Aussicht aufs Meer lebte, haben auch mich geprägt. Nach ihren Schilderungen waren die ersten zehn Lebensjahre meiner Mutter paradiesisch. Als sie zehn war, verlor ihr Vater sein ganzes Hab und Gut, weil er für einen seiner Cousins einen faulen Geschäftsvertrag unterschrieben hatte. Sie zogen in eine kleine Stadt bei Oslo, und ihre Lebensumstände änderten sich. Dann kam der Krieg, eine trostlose Zeit für die gesamte Familie. Der Vater meines Vaters starb 1943, während der Besatzung, an einem Herzleiden. Das waren düstere Zeiten. Trotzdem erzählte sie uns Kindern viele aufregende Geschichten.

Einmal, zu Beginn der Okkupation, wurde sie neun Tage ins Gefängnis gesteckt, weil sie zusammen mit anderen Schülern ihres Gymnasiums gegen die Nazis protestiert hatte und die Strafe lieber absitzen wollte, als ein Bußgeld zu bezahlten. Ihr Bruder, der als einer der Rädelsführer ausgemacht worden war, hatte keine Wahl, er musste für drei Monate in ein Osloer Gefängnis. Von den Übrigen aber war sie, ein siebzehnjähriges Mädchen, die Einzige, die sich weigerte, die Geldstrafe zu bezahlen. Ich glaube ganz ehrlich, dass die Deutschen nicht wussten, was sie mit ihr machen sollten. Sie öffneten ein altes Gefängnis im nahe gelegenen Mysen, wo sie ihre Strafe in einer winzigen Zelle mit einem hohen, vergitterten Fenster und einem kleinen Nachttopf bei Wasser und vergammelten grünen Kartoffeln verbüßte. Am Ende, sagte sie, sei ihr Bauch furchtbar aufgebläht gewesen, aber sie machte sehr deutlich, dass sie nicht verzweifelt war. »Ich wusste, sie würden mich wieder rauslassen«, sagte sie. Sie erinnert sich auch, im Gefängnis So grün war mein Tal gelesen und den Roman geliebt zu haben. Ihr ganzes Wesen hatte immer etwas fröhlich Optimistisches.

Mit vier Jahren habe ich meine Mutter angeblich gefragt, warum in Norwegen alles besser sei. Sie sagte, sie sei schockiert gewesen und habe sich gedacht: »O mein Gott, was habe ich dem Kind denn nur erzählt?« Dann strengte sie sich sehr an, nicht mehr offen nach ihrer Heimat zu schmachten. Arme Mama, meine Frage machte ihr bewusst, was sie gesagt haben musste, ohne es zu merken – sie hatte ihr Heimweh mitgeteilt. Als sie mir Jahre später davon erzählte, wurden mir die Folgen ihrer Umsiedlung erst wirklich klar. Ihre Schwester, zwei Brüder und ihre geliebte Mutter lebten noch, aber während unserer Kindheit hatte sie kaum Gelegenheit, sie zu sehen. Wir konnten uns das Flugzeug nicht leisten. Erst viel später, als wir mehr Geld hatten, war sie in der Lage, fast jeden Sommer nach Norwegen zu reisen. Ich glaube, die Jahre der Trennung von denen, die sie liebte, und der Kultur, in der sie sich zu Hause fühlte, waren schwierig für sie, wenngleich sie selbst ihre Lebensgeschichte nicht als schwierig bezeichnen würde, selbst heute nicht.

Geographisch betrachtet, war es bei mir genau umgekehrt. Meine Großeltern, jüdische Einwanderer aus Litauen, lebten in Queens, während ich in Deutschland aufwuchs, und ich konnte sie nur ein einziges Mal sehen, bevor sie starben, weil es damals so teuer war, über den Atlantik zu fliegen. Obwohl mein Vater ein ziemlich erfolgreicher Anwalt war, hatte auch er nicht das Geld, um mit der ganzen Familie seine Heimat und Verwandtschaft zu besuchen. Wie war es denn für Sie, in einer amerikanischen, aber stark norwegisch beeinflussten Gemeinde aufzuwachsen?

In Northfield lebten auch Menschen anderer Herkunft, vor allem Deutsche, Polen und Tschechen, aber es gab viele, insbesondere im Umkreis von St. Olaf, die sich mit ihrem norwegischen Erbe identifizierten. Zu Weihnachten aßen sie Lefse, dünne Kartoffelfladen, und Lutefisk, eine grässliche Sorte von getrocknetem und in einer Lauge gewässertem Dorsch (den meine Mutter nie probiert hatte, bis sie in die USA kam), und wenn es kalt war, trugen sie Norwegerpullover, aber nur wenige sprachen mehr als ein paar Worte Norwegisch. Unser Haus dagegen war durch und durch norwegisch. Wir hatten moderne norwegische Möbel. Auf den Regalen standen norwegische Bücher: Hamsun, Ibsen, Bjørnson, Vesaas, Undset, Skram. Edvard Munch war der erste Künstler, über den ich oft nachdachte, weil wir mehrere Kunstbände mit Reproduktionen seiner Bilder hatten.

Meine erste Sprache war Norwegisch, da die Mutter meiner Mutter in der Zeit, als ich sprechen lernte, ein ganzes Jahr bei uns blieb und im Haus nur Norwegisch gesprochen wurde, aber nachdem sie fort war, wechselten wir zum Englischen, und ich vergaß Norwegisch. Als ich vier war, verbrachte ich mit meiner Mutter und meiner Schwester Liv, die damals zweieinhalb war, fünf Monate in Norwegen. Wir Kinder vergaßen das Englische. Zurück in den USA war wieder Englisch dran, und wir vergaßen Norwegisch. Als ich zwölf war, zogen wir mit der ganzen Familie nach Bergen – mein Vater hatte dort einen Forschungsaufenthalt –, und es kam mir vor, als flöge mir das Norwegische nur so zu. Alles, was ich als Vierjährige gekonnt hatte, schien sofort wieder da zu sein. Meine drei Schwestern und ich fanden uns so schnell ins Norwegische ein, dass wir nach einer Weile nicht mehr Englisch miteinander sprachen, sondern nur noch Norwegisch. Danach blieb beides haften.

In Ihren Romanen werden Orte sehr sorgfältig beschrieben. Ich frage mich daher, was für ein Ort das Zuhause war, dem Ihre Mutter vorstand.

Sauber, ordentlich und sicher. Meine Mutter blieb mit uns daheim, typisch für die Frauen der amerikanischen Mittelschicht in den fünfziger und sechziger Jahren. In meinem neuesten Roman Damals habe ich meiner Kindheit einigen Stoff über väterliche und mütterliche Einflussbereiche entlehnt. Alles innerhalb des Hauses war das Reich meiner Mutter und alles außerhalb, einschließlich der Garage, die ja eine Art Zwischending ist, unterstand meinem Vater, mit Ausnahme der Blumenbeete direkt am Haus. Die gehörten meiner Mutter. Ich bin mit der klassischen geographischen Trennung von Männlich und Weiblich aufgewachsen. Wenn wir vier Mädchen von der Schule nach Hause kamen, war meine Mutter immer da und erwartete uns. Nachdem wir aus dem Schulbus geklettert, die Einfahrt hinuntergegangen waren und das Haus betreten hatten, folgte immer der gleiche Ablauf: Wir setzten uns auf die vier Hocker am Küchentresen, eine neben der anderen, aßen die Leckereien, meistens Kekse oder Rosinenstangen, die meine Mutter für uns gebacken hatte, und dann erzählte ihr jedes Kind von seinem Tag. Sie strahlte so viel Interesse und Liebe aus. Ich will nicht sagen, dass sie nie gereizt oder ärgerlich gewesen wäre, sondern nur, dass sie eine außerordentliche Gabe hatte, eine Welt der Geborgenheit und Ordnung zu schaffen, die, zumindest für mich, eine Zuflucht vor der eher verwirrenden und turbulenten Welt all der Kinder und Lehrer in der Schule bot. Ich habe Erinnerungen an Gefühle verzückter Bewunderung für meine Mutter. Sie war eine Lichtgestalt für mich, eine Quelle des Friedens und der bedingungslosen Liebe. Das trägt man in sich, für immer.

Ich bin gerührt von dem, was Sie erzählen. Die Filme und insbesondere die Literatur der fünfziger Jahre über die amerikanische Familie – ich denke an John Updike, Mary McCarthy und natürlich an Salingers Fänger im Roggen – hinterfragen häusliches Glück, ja kritisieren es sogar. Trotzdem beschreiben Sie eine fast idyllische Situation. Welchen Platz nimmt Ihr Vater ein?

Gegen meine Mutter war er eine ferne Erscheinung. Ich erinnere mich, als wir noch kleine Mädchen waren und er von der Arbeit im College nach Hause kam, rannten wir alle schreiend an die Tür: »Daddy ist zu Hause! Daddy ist zu Hause!« Er war unser Hausgott. Ja, es hatte ein bisschen was von Leave It To Beaver – Erwachsen müsste man sein –, um eine Sitcom über das idealisierte, sexistische weiße Mittelschichtleben in Erinnerung zu rufen, die damals Horden von Amerikanern vor den Fernseher lockte. Aber abgesehen davon, gab es bei uns zu Hause ein starkes Bedürfnis, Streitigkeiten und Konflikte zu besänftigen. Wir Kinder rauften uns natürlich, aber hart zuschlagen war verboten. Wir hatten Freunde, die regelrechte Geschwisterkriege führten, physische Kämpfe austrugen, aber das war nicht Teil unserer häuslichen Realität. Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass sich meine Eltern schwer bemühten, keine Schwierigkeiten zwischen ihnen durchblicken zu lassen. Dieses Harmoniebedürfnis war manchmal lähmend. Ich lernte alle meine feindseligen und aggressiven Impulse zu unterdrücken. Sie machten mir schreckliche Angst, eine Angst, die von der Atmosphäre zu Hause, von der Intoleranz gegenüber negativen Gefühlen herrühren musste.

Ich glaube, dass ich, auch wenn man so etwas als Kind nicht richtig begreift, immer eine Distanz zwischen meinem Vater und mir gespürt habe und darunter litt. Ich bin nicht sicher, ob meine Schwestern genauso empfanden. Jede hatte eine andere Beziehung zu unserem Vater. Ich jedenfalls sehnte mich immer nach mehr, mehr Aufmerksamkeit, mehr Liebe, mehr Interesse. Seine Ferne hatte sowohl mit seiner Persönlichkeit als auch mit dem sozialen Klima zu tun. Ich war sicher nicht allein mit dem Gefühl, einen unerkennbaren Vater zu haben. Aber ich glaube, er hatte auch etwas Abgelöstes an sich. Er war oft in sich selbst verloren, zerstreut, weit weg.

Dann war Ihre Mutter also diejenige, die die Familie emotional zusammenhielt?

Meine Schwestern würden Ihnen vielleicht andere Geschichten erzählen, aber ich glaube, unsere Mutter war für uns alle das Herz der häuslichen Realität. Als wir Kinder älter waren, studierte

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