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Martin Buber: Der Weg des Herzens in der jüdischen Mystik

Martin Buber: Der Weg des Herzens in der jüdischen Mystik

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Martin Buber: Der Weg des Herzens in der jüdischen Mystik

Länge:
323 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
13. Mai 2020
ISBN:
9783861911982
Format:
Buch

Beschreibung

Martin Buber ist eine der herausragenden Gestalten der spirituellen Tradition des Abendlandes und der zweifellos bedeutendste Repräsentant der jüdischen Mystik der Moderne. Kenneth Paul Kramer ist einer der besten Kenner seiner Schriften und filtert aus der Fülle des Buberschen Werkes alle wesentlichen Passagen heraus, die seine Verankerung in der mystischen Tradition offenlegen. Kramer gelingt es dadurch, auf überzeugende Weise zu dokumentieren, dass Martin Buber weit stärker von der Mystik geprägt war als bisher angenommen wurde. Dieses inspirierende Buch ist jedoch in seinem Kern keine geisteswissenschaftliche Analyse der Werke Bubers, sondern in sich selbst ein Bekenntnis zum mystischen Pfad. Es enthüllt auf wunderbare Weise die Schönheit des spirituellen Weges im Judentum, der in seiner Essenz ein Weg des Herzens ist.

Herausgeber:
Freigegeben:
13. Mai 2020
ISBN:
9783861911982
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Martin Buber - Kenneth Paul Kramer

ISBN 978-3-86191-198-2

1. Auflage 2020

© der deutschen Ausgabe:

Crotona Verlag GmbH & Co.KG • Kammer 11 • 83123 Amerang

www.crotona.de

© 2012 der amerikanischen Originalausgabe

bei Rowman & Littlefiled

First published in the United States by Rowman & Littlefield Publishers, Inc.,

Lanham, Maryland U.S.A.

Translated and published by permission. All rights reserved.

Die Auszüge aus HASIDISM AND THE MODERN MAN mit freundlicher

enehmigung von The March Agency Limited im Namen von

The Estate of Martin Buber

Umschlaggestaltung: Annette Wagner

Titelphoto: © Tita Binz/DHM, Berlin

D as ist es, worauf es letzten Endes ankommt: Gott einlassen. Man kann ihn aber nur da einlassen, wo man steht, wo man wirklich steht, da wo man lebt, wo man ein wahres Leben lebt. Pflegen wir heiligen Umgang mit der uns anvertrauten kleinen Welt, helfen wir in dem Bezirk der Schöpfung, mit der wir leben, der heiligen Seelensubstanz zur Vollendung zu gelangen, dann stiften wir an diesem Ort unsere Stätte für Gottes Einwohnung, dann lassen wir Gott ein.

Martin Buber

Der Weg des Menschen

nach der chassidischen Lehre

WIDMUNG

Für Mechthild Gawlick,

die sich zu mir hinwendet, um mich

auf dem „schmalen Grat" echten Gesprächs

vorbehaltlos zu fordern.

INHALT

Vorwort

Danksagungen

Einführung

Einleitung • Bubers chassidische Spiritualität

Teil Eins • Vorbereitende Praxis

Kapitel Eins • Selbstbesinnung

Kapitel Zwei • Dein besonderer Weg

Kapitel Drei • Entschlossenheit

Teil Zwei • Gegenwärtigkeit praktizieren

Kapitel Vier • Bei dir beginnen

Kapitel Fünf • Dich zum anderen hinwenden

Kapitel Sechs • Hier, wo du stehst

Schluss • Bubers Geheimnis in die Praxis umsetzen

Anhang • Dialog-Tagebuch

Glossar

Anmerkungen

VORWORT

Von Maurice Friedman

Kenneth Paul Kramer hat ein wunderbares Buch über Martin Bubers Werk Der Weg des Menschen geschrieben. Es ging ihm nicht darum, Bubers Buch leichter lesbar zu machen, denn das ist es bereits. Vielmehr ging es ihm darum, es so anzureichern und zu erweitern, dass Leserinnen und Leser vieler Glaubensrichtungen und sogar Menschen ganz ohne Glauben darin einen für sie sinnvollen Lebensweg finden können. Deshalb hat Kramer seinen Besprechungen der sechs Vorträge Bubers jeweils einen Fragenkatalog angefügt, damit diejenigen Leserinnen und Leser, die diesen Weg einschlagen möchten, die praktische Bedeutung des jeweiligen Vortrags leichter erfassen können. Denn der Dreh- und Angelpunkt des Buches ist die Sorge um den Menschen, der darin einen Weg für sich findet, der ihn weiterbringt. Obwohl Kramer sehr wohl weiß, dass und warum Buber die weltabgewandte Mystik seiner frühen Jahre aufgegeben hat, stellt er Der Weg des Menschen doch auf eine Stufe mit Klassikern der frommen Mystik wie Die Übung der Gegenwart Gottes¹ und Die Wolke des Nichtwissens.

Martin Buber war ein Philosoph und Gelehrter von Weltrang. Seine persönliche Bibliothek umfasste vierzigtausend Bände, von denen er die meisten mit seinem nahezu fotografischen Gedächtnis auswendig kannte. Er stammte nicht aus einer chassidischen Familie, fand nie einen Rebbe und wurde auch nicht selbst Chassid. Und doch beschäftigten sich seine ersten beiden Bücher – Die Geschichten des Rabbi Nachman und Die Legende des Baalschem – mit wichtigen Gestalten des Chassidismus. Sein Leben lang bewahrte Buber sein Interesse am Chassidismus; unablässig sammelte er chassidische Geschichten und schrieb Bücher darüber. In Hasidism and modern Man und The Origin and Meaning of Hasidism habe ich wichtige Werke Bubers zum Chassidismus zusammengestellt und aus dem Deutschen ins Englische übersetzt.² Außerdem habe ich eine überarbeitete Version der Legende des Baalschem übersetzt. Sie ist besser als diejenige, die ich Jahre zuvor gelesen und die mein lebenslanges Interesse am Chassidismus geweckt sowie mein Engagement dafür begründet hatte.

Als Martin Buber im Jahr 1948 eine neue Sammlung chassidischer Geschichten herausgab, schlug der große deutsch-schweizerische Schriftsteller Hermann Hesse, dem selbst der Nobelpreis verliehen worden war, Martin Buber für diese Auszeichnung vor. In einem Brief an einen Freund erklärte er, er betrachte Bubers Erzählungen der Chassidim als unübertroffenen Beitrag zur Weltliteratur und hob Buber als einen der ganz wenigen Weisen seiner Zeit hervor. Kramer gewährt uns in seinen Betrachtungen Einblicke in diese Größe, bewahrt dabei aber die Schlichtheit und Schönheit von Der Weg des Menschen.

Als ich mich bereit erklärte, ein Vorwort zu Kenneth Kramers Arbeitsbuch zu Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre zu schreiben, hätte ich mir niemals träumen lassen, dass daraus ein so kraftvolles Werk würde wie es jetzt vor uns liegt, und zwar einfach deshalb, weil Der Weg des Menschen oder – wie Kramer übersetzt – Der menschliche Weg ein so schmales Bändchen ist. Dennoch hatte ich bei meiner Lektüre von Kenneth Kramers Buch nie das Gefühl, dass er über das hinausgeht, was für diese kleine Perle, die ich schon seit dem ersten Lesen vor über sechzig Jahren als einen Klassiker betrachte, angemessen und sinnvoll ist. Ähnliche Werke gelangen meist nicht über eine sorgfältige Lektüre und Textinterpretation hinaus. Kenneth Kramer hingegen schöpft aus Psychologie, Philosophie, Literatur, einem tiefen Verständnis von Martin Bubers Philosophie des Dialogs sowie Bubers anderen, umfassenderen Büchern über den Chassidismus und erschafft daraus ein Werk, das für Menschen aller Denkrichtungen zugänglich und auf ihr spirituelles Leben anwendbar ist.

Zur Krönung reichert Professor Kramer dann sein Arbeitsbuch mit anschaulichen Beispielen aus seinem eigenen Leben an. Dieses Leben ist ein bemerkenswertes. Als ich Kenneth Kramer 1967 kennenlernte, war er überzeugter Protestant, der soeben die Divinity School der Yale University abgeschlossen hatte, wo er auf seine Aufgaben als kirchliche Führungskraft vorbereitet worden war. Damals schrieb er sich für den Promotions-Studiengang „Religion und Literatur" ein, den ich an der Theologischen Fakultät der Temple University in Philadelphia eingerichtet hatte. Für seine Dissertation tauchte Kramer tief in T. S. Eliots klassische Dichtung Vier Quartette ein. Ich empfahl seine Dissertation der University of Chicago Press, die 1955 auch mein erstes Buch Martin Buber: The Life of Dialogue verlegt hatte, zur Veröffentlichung. Obwohl ich sein Doktorvater war, spielten die Philosophie und das Denken Martin Bubers in Kramers Studien und Überlegungen ganz und gar keine zentrale Rolle. Vielmehr pflegte er ein lebenslanges Interesse an T. S. Eliot, und Kramers eingehende Auseinandersetzung mit ihm gipfelte in seinem bemerkenswerten Buch Redeeming Time: T. S. Eliot’s Four Quartets.

In dieser Zeit veränderte sich Kramers religiöse Orientierung jedoch mehrmals grundlegend. Sein Protestantismus wich zunächst dem Hinduismus (wobei er beträchtliche Zeit in Indien verbrachte), dann dem Buddhismus und dem Zen sowie viele Jahre lang dem Katholizismus und schließlich, zu meiner großen Überraschung, Martin Bubers Chassidismus. (Doch wie auch mir, war es ihm unmöglich, tatsächlich Chassid zu werden.) Kramers Interesse an Martin Bubers Philosophie veranlasste ihn zu einem Buch, mit dem er eine Lesart von Bubers Ich und Du vorlegte, die das Werk seiner Meinung nach für den allgemein gebildeten Leser leichter zugänglich machte. Darauf folgte ein von Buber inspiriertes Werk über Eliots Vier Quartette. Trotz meiner Liebe zu den Quartetten und der Philosophie Martin Bubers habe ich mir ein solches Buch nie vorstellen können. Doch Kramers Werk beeindruckte mich so sehr, dass ich eine Rezension dazu veröffentlichte, in der ich seine Betrachtung der Quartette aus diesem für mich ganz unerwarteten Blickwinkel nachdrücklich empfahl.

Als sein nächstes Werk hat Kramer nun ein bemerkenswertes Buch über den Weg des Herzens im Chassidismus verfasst. Ich kann diesem Buch nur das Beste wünschen und hoffen, dass es die breite Leserschaft erreicht, die es verdient hat und für die es große Bedeutung haben kann.

DANKSAGUNGEN

In tiefster Dankbarkeit möchte ich mich Martin Buber (1878-1965) erkenntlich zeigen für seine lebendige Lehre des vorbehaltlosen Gesprächs. Das Erbe, das ich aus Bubers Leben und Werk mitnehme, ist eine profunde Achtsamkeit, wie ich am besten in diesem Augenblick vollkommen gegenwärtig sein kann – offen, ehrlich, unmittelbar, gegenseitig.

Dankbare Anerkennung erweise ich Lehrern, Kollegen und Freunden, mit denen ich über Ideen aus diesem Buch gesprochen habe, insbesondere meinen Töchtern Leila und Yvonne, die mich in der gesamten Entstehungszeit immer wieder sehr ermutigt haben.

Höchst dankbar bin ich Maurice Friedman, meinem ehemaligen Lehrer, der mich als Erster auf den unschätzbaren, lebensverändernden Wert von Bubers Philosophie des Dialogs hinwies und dessen Freundschaft mit Buber, Übersetzungen für und Schriften über Buber bis heute Bubers befreiendes Lebenswerk verständlich machen. Doch nicht nur dies, einige unserer Begegnungen sind für mich nach wie vor wahre „Prüfsteine der Wirklichkeit".

Tiefe Wertschätzung empfinde ich für die Friedman-Schülerin Professor Pat Boni, für ihre klar und deutlich vorgebrachten kritischen Fragen und kreativen Anmerkungen als Antwort auf einen Entwurf zu diesem Buch. Ihren Vorschlägen verdanke ich Verbesserungen in Formulierung und Aufbau.

Dankbar bin ich auch meinem ehemaligen Studenten James Brown, der meine Sprache wie ein Landschaftsgärtner bearbeitet, ausuferndes Geschwafel wie Unkraut herausgerissen und den guten Ausdruck so kultiviert hat, dass man nun leichter und schneller zur wesentlichen spirituellen Substanz des Buches vordringen kann.

Meine Wertschätzung gilt den zahlreichen Studentinnen und Studenten – sowohl an der San Jose State University als auch in privaten Seminaren – mit denen ich über einzelne Elemente jedes Vortrags gesprochen habe und deren Fragen, Bedenken und Erkenntnisse Eingang in die jeweiligen Kapitel dieses Buches gefunden haben.

Dankbar bin ich Sheila Willey, meiner opernerprobten Schreibkraft, die mich mit der unerschütterlichen Geduld der Menschen aus dem mittleren Westen bei den zahlreichen Durchgängen jedes Kapitels begleitet und dabei sogar übersehene Tippfehler, grammatisch falsche Zeiten und schiefe Vergleiche entdeckt hat. Meine Wertschätzung gilt auch Taylor Skillin, der sich selbst als „Faulpelz-Schreibkraft" bezeichnet, für seine abschließenden Korrekturen und sein Gemisch aus Musik und Worten.

Dankbare Anerkennung geht an The Ward & Balkin Agency Inc. für die Erlaubnis zum Abdruck von Auszügen aus Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre.

Mehrere Abschnitte aus Kapitel Eins finden sich in leicht veränderter Form auch in meinem Artikel „Tasting God: Martin Buber’s Sweet Sacrament of Dialogue" (Gott schmecken: Martin Bubers süßes Sakrament des Dialogs) im Horizons Journal 37/2 (2010), S. 224-245.

Der Kern des Schluss-Kapitels enthält ausgewählte Ausschnitte aus meinem Artikel „Praying Dialogically: Practicing Martin Buber’s Secret" (Dialogisch beten: Martin Bubers Geheimnis in die Praxis umsetzen) aus Interreligious Insight, Vol. 8, Nummer 1, Januar 2010.

EINFÜHRUNG

Wann befindest du dich in tiefer Kommunion mit Gott? Was bereitet dir die meisten Schwierigkeiten, wenn du versuchst, Gott zu begegnen? Wie reagierst du, wenn jemand, den du achtest, über spirituelle Praxis spricht? Möchtest du dann mehr darüber erfahren? Wann kannst du mit den letzten Fragen des Lebens, sogar mit dem Tod, am gelassensten umgehen? Dieses Buch bietet dir Gelegenheit, auf solche Fragen praktische und dennoch überzeugende Antworten zu finden. Dazu werden wir sechs gut anwendbare spirituelle Möglichkeiten, Gott zu begegnen, die uns der angesehene Religionsphilosoph Martin Buber (1878-1965) vorstellt, in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stellen und dabei entdecken, warum es nicht nur möglich, sondern für eine Neubelebung des spirituellen Lebens auch notwendig ist, Antworten auf diese Fragen zu finden.

Im Jahr 1947, neun Jahre nachdem er Deutschland verlassen hatte und als Professor für Sozialphilosophie an die Hebräische Universität in Jerusalem gegangen war, hielt Buber auf einer Tagung in den Niederlanden einen Vortrag in sechs Abschnitten (der ein Jahr später in Buchform veröffentlicht wurde). Thema der kleinen Vortragsreihe mit dem Titel „Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre" war die chassidische Spiritualität des 18. Jahrhunderts, Bubers Spezialgebiet als Forscher und religiöser Denker. Der Chassidismus ist eine volksgemeindliche mystische Bewegung innerhalb des osteuropäischen Judentums, die im 18. Jahrhundert (1750-1810) in Polen entstand und in Erzählungen und Geschichten die spirituelle Weisheit großer Lehrer, der Zaddikim, in sich vereint. Der Chassidismus war gelebte Realität und Lehre zugleich und betonte, dass Gott gegenwärtig ist und in jedem Ding erschaut sowie durch jede Tat liebender Güte erreicht werden kann. In seinen Vorträgen gibt Buber uns die Schlüssel zur chassidischen Spiritualität an die Hand, wenn er betont, wie wichtig es ist, einzigartig und ganz menschlich zu werden. Buber sagte seinen Zuhörern, der authentische Mensch zu werden, zu dem man erschaffen wurde, sei der „ewige Kern chassidischer spiritueller Lehre und Praxis. Diese Authentizität vollzieht sich, wenn man mit Gott in eine einzigartige, rückhaltlose Beziehung tritt. Deshalb lehrte der Rabbi von Kozk, dass Gott uns aufruft: „Menschlich heilig sollt ihr mir sein.³

Wenn man auf Bubers schmalen Klassiker Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre stößt, so ist das, als entdecke man Gemälde eines europäischen Meisters des beginnenden 20. Jahrhunderts, die in irgendeinem Archiv verwahrt und vergessen wurden. Jedes Werk verkörpert eine stille, heitere Kraft; doch jedes muss auch restauriert werden. Genau wie solche Bilder neu untersucht, sorgfältig dokumentiert und gereinigt werden müssen, damit sie wieder öffentlich ausgestellt werden können, muss auch die Sprache von Bubers sechs Vorträgen aktualisiert werden, damit sie auf unsere Zeit und unsere kulturelle Situation anwendbar wird. Denn die chassidischen Geschichten verwenden nicht nur eine Sprache, die Leserinnen und Lesern des 21. Jahrhunderts ein wenig befremdlich erscheinen muss, sie spiegeln auch die spirituelle Weltsicht des ausgehenden 17. Jahrhunderts wider, die voller Dämonen und Engel war. Heute würde man den Titel Der Weg des Menschen vielleicht eher als Der menschliche Weg wiedergeben.Der Weg des Menschen ist Bubers knappste und tiefgründigste Darstellung spirituellen Lebens und Glaubens. Bei meiner Restaurierung von Bubers Vorträgen war ich bestrebt, die Einblicke, die er uns damit in den unschätzbaren Wert der chassidischen spirituellen Substanz gewährt, zu erhalten.⁵

Bubers Vorträge konzentrieren sich bei dieser Gelegenheit bewusst auf die Bedeutung des menschlichen Handelns, darauf, wie wichtig es ist, dass du und ich mit Intention (Kawwana)⁶ zu Werke gehen, um Raum zu schaffen, damit Gott in unser Leben treten kann. Indem wir Gott in unser Leben einlassen, werden wir authentisch und rückhaltlos menschlich. Je öfter man Bubers Vortrag hört, darüber nachsinnt und in einen Dialog mit ihm tritt, desto klarer richtet man sich auch selber auf das Handeln aus. Die spirituellen Lehren der Chassidim lassen sich, so Buber: „In einem Satz vereinigen: Gott ist in jedem Ding zu schauen und durch jede reine Tat zu erreichen."⁷ Dabei stellt der Chassidismus klar, dass man nicht Jude, ja noch nicht einmal im klassischen Sinne religiös sein muss, um aus seinen Lehren Nutzen zu ziehen. Buber wählte sechs miteinander zusammenhängende spirituelle Praktiken aus, in denen diese Gottdurchdrungenheit aller Sphären anklingt und die seiner Überzeugung nach den Glauben festigen, das Mitgefühl vertiefen und Schranken zur Gegenwart Gottes aufheben können.

Wenn ich „Praktiken sage, dann spreche ich von der aktiven, pragmatischen Dimension, die untrennbarer Bestandteil des Lehre-Praxis-Kontinuums ist. Tatsächlich ist „Lehre stets durch und durch von „Praxis durchdrungen. Ohne „Lehre verliert die Praxis ihre Struktur, ihre Ausdruckskraft; und ohne „Praxis bleibt die Lehre unvollständig und unerfüllt. Deshalb spreche ich von einer durch Bindestrich verbundenen „Lehre-Praxis, um damit die nicht-dualistische Sichtweise im Chassidismus und bei Buber anzudeuten, die eine lebendige Praxis einschließt; Praxis wird durch Lehre angeleitet und ist zugleich ihr Ausdruck.⁸ Die Praktiken, die an späterer Stelle in diesem Buch noch ausführlich beschrieben werden, sind Folgende: (1) Selbstbesinnung, (2) Dein persönlicher Weg, (3) Entschlossenheit, (4) Bei dir beginnen, (5) Dich zum anderen hinwenden und (6) Hier, wo du stehst.

Als ich zunächst mit Studierenden, die mit Bubers Philosophie des Dialogs bereits ein wenig vertraut waren, über Bubers Vorträge zum Weg des Menschen sprach, zeigten ihre Reaktionen, dass die spirituelle Weisheit dieser Vorträge von allen Schriften Bubers am leichtesten zu verstehen ist. Das hat folgenden Grund: Diese Vorträge drehen sich alle um die zentrale Frage: „Wie können wir den Sinn unserer persönlichen Existenz auf Erden erfüllen? Die chassidische Antwort auf diese Frage lautet klipp und klar: Indem wir „den Alltag heiligen. Das heißt, indem wir alltägliche Ereignisse heiligen (das Leben als heilig betrachten), laden wir Gott dazu ein, auf erlösende Weise an unserem Leben mitzuwirken. Mit anderen Worten, für Buber ist Spiritualität weder etwas, das wir von anderswoher unserem Leben hinzufügen, noch ist sie etwas „Übernatürliches".

Es ist nicht weiter überraschend, dass die spirituelle Entfremdung und unsere Unfähigkeit, sinnvolle Antworten darauf zu finden, seit Bubers Tod im Jahr 1965 weiter zugenommen haben. Immer weniger Menschen wenden sich etablierten religiösen Traditionen zu; und wenn doch, dann sind sie nur allzu oft enttäuscht, weil sie formalisierte Rituale mit feststehendem Ergebnis vorfinden statt authentischer spiritueller Substanz; unüberlegtes Festhalten an Traditionen statt kreativer Ausdrucksformen der Höchsten Wirklichkeit. Würde Buber noch leben, dann würde er zweifellos auf die heutige spirituelle Unterernährung ebenso antworten wie er auf den spirituellen Hunger seiner Zeit geantwortet hat, doch nun mit einem zusätzlichen Schwerpunkt. In diesem neuen Schwerpunkt würde er, so glaube ich, die chassidische Lehre-Praxis der zutiefst erneuernden Verbindung zwischen Personen und der „Absoluten Person" besonders hervorheben.

Damit gelangen wir zu einem ausschlaggebenden Moment – die Herzmitte von Bubers chassidischem Empfinden entspringt einer entscheidenden Wende in seinem eigenen Leben. Sie entwickelte sich, je mehr er sich in die chassidischen Geschichten vertiefte. Abgesehen von allem anderen, das mit dieser grundlegenden Veränderung verbunden gewesen sein mag, bewirkte sie auch eine Reinigung von den gnostischen Elementen, die er im Chassidismus entdeckte. Remi Braque schreibt: „Diese Reinigung war ein Prozess, den Buber an einem, wie er später einräumte, Wendepunkt in seinem Denken selbst durchlaufen musste."⁹ Diese Veränderung erläutert Buber später sehr präzise in einem Aufsatz, in dem er gnosis von devotio unterscheidet. Vor dem Hintergrund religiöser Überlieferungen bedeutete gnosis für Buber „ein wisserisches Verhältnis zum Divinum, wisserisch vermöge einer anscheinend nie wankenden Sicherheit, im Selbst die zulängliche Divinität zu besitzen".¹⁰ Buber erkannte, dass gnosis in Akten des Dienens (devotio) von sich selbst geläutert werden musste. Das heißt: „Die devotio hat im Chassidismus die gnosis absorbiert und überwunden."¹¹ Aus diesem Grund beschreibt Buber den Chassidismus wiederholt als eine praktizierte weltliche Spiritualität, in welcher der Chassid dafür verantwortlich ist, Gott durch Heiligung alltäglicher Situationen und Ereignisse in die Welt hineinzuziehen.

Doch was bedeutet „Spiritualität eigentlich? Und warum sollte man solchen Wert darauf legen? In der chassidischen Spiritualität geht es für Buber um eine tiefe Wechselseitigkeit zwischen dem menschlichen und dem göttlichen Geist. Spiritualität bedeutet eine dauerhafte Partnerschaft mit dem unsichtbaren, nicht beweisbaren, nicht substanziellen und sich doch schöpferisch offenbarenden und erlösenden Geist, der in unser Leben eindringt. Nach Buber entsteht in und zwischen Menschen, die das falsche Absolute ablehnen, um „die nie verschwindende Erscheinung des Absoluten zu schauen, ein neues Gewissen, eine dialogische Spiritualität.¹² Daher ist also chassidische Spiritualität nicht auf eine bestimmte religiöse Lehre oder Praxis, auf ein Glaubenssystem oder auf rituelles Verhalten begrenzt, sondern sie bedeutet stattdessen „die Verwirklichung des Göttlichen im Zusammenleben der Menschen".¹³

Das Wort „spirituell" deutet für Buber nicht bloß auf einen bestimmten Bereich der Existenz oder einen höheren Bewusstseinszustand hin und ist auch von keiner Lehre oder Praxis vollständig zu erfassen, ganz gleich wie tief sie verstanden, wie intensiv sie ausgeübt wird. Im Gegenteil, Bubers chassidische Spiritualität meint schlicht, doch bedeutungsvoll: Den Alltag zu heiligen, indem man Gott in die Welt einlässt, und dies dadurch, dass man alles Leben als heilig begreift. Die erschaffene Welt ist keine Illusion, nichts, was überwunden werden muss. Sie ist erschaffen, um geheiligt zu werden. Oder, wie Buber wortgewandt formuliert:

„Alles Geschöpfliche ist als solches der Heiligung bedürftig und der Heiligung fähig: alle geschöpfliche Leiblichkeit, aller geschöpfliche Trieb, alle geschöpfliche Elementarkraft. Durch die Heiligung empfängt die Leiblichkeit die Erfüllung ihres Schöpfungssinns."¹⁴

Doch Heiligung ist nicht bloß ein subjektiver Akt innerhalb des Menschen selbst. Es gehört wesentlich mehr dazu.

Bubers chassidische Spiritualität ist dialogisch. Doch Dialog bedeutete für Buber nicht bloß, dass zwei Menschen sich miteinander unterhalten. Mit „Dialog" meinte Buber gegenseitige Offenheit, Direktheit und Gegenwärtigkeit in Beziehung. Bei einem echten Dialog erlebt man die Situation des Anderen und wird dadurch vollkommen gegenwärtig. „Wenn die Bereitschaft zum Gespräch vorhanden ist, sagt Bubers Freund, Übersetzer und Biograph Maurice Friedman, „muss man von Augenblick zu Augenblick ‚navigieren‘. Es ist ein Zuhörensprozess.¹⁵ Obwohl „echtes Gespräch mehr ist als bloß eine Idee, umfasst es auch einige Grundprinzipien. Dazu gehört, sich rückhaltlos zum Anderen hinzuwenden, füreinander „völlig gegenwärtig zu sein, dem Gesagten aufmerksam zuzuhören und verantwortlich zu antworten, ohne sich zurückzuhalten. Zugleich kann Dialog auch in der Begegnung mit einem Sonnenuntergang über dem Meer entstehen, im Schrei einer Eule, in der Erhabenheit eines Berges mit schneebedecktem Gipfel oder im Kontakt mit Malerei, Bildhauerei, Dichtung, Tanz, Musik, Film und Literatur – und ganz genauso in den Herausforderungen unseres Alltagslebens.

Dialogische Spiritualität ist einzigartig. Sie verkörpert eine Transformation von der Selbst-Zentriertheit zur Beziehungs-Zentriertheit, von der ichbesessenen Individualität zu ewig-neuen, echten Beziehungen zwischen uns und der Welt, zwischen uns und Gott. Verglichen mit anderen spirituellen Praktiken ist die dialogische Spiritualität deshalb einzigartig, weil sie sich immer dann vollzieht, wenn wir offen bleiben für die göttliche Gegenwart in ewig-neuen Ereignissen, Tätigkeiten oder Gesprächen. Für Buber befindet sich der Mensch in einem fortwährenden Prozess des Werdens, der sich bei jeder

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