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Myôes Traumchronik

Myôes Traumchronik

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Myôes Traumchronik

Länge:
348 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
7. Mai 2020
ISBN:
9783856309725
Format:
Buch

Beschreibung

Myôe ist ein japanischer buddhistischer Mönch, der im dreizehnten Jahrhundert lebte. Dieses Buch beschreibt sein Leben, seine Erfahrungen und sein Traumleben, die eine unzertrennbare Einheit bilden. In seiner Untersuchung von Myôes Traum-Tagebuch geht Professor Kawai über das Biographische hinaus, um die Tiefen der Psyche zu erkunden und berührt dabei auch die Beziehung zwischen Vernunft und Erfahrung, Wissenschaft und Religion, Sexualität und Spiritualität, individueller Kreativität und Gemeinschaftssinn, sowie östlicher und westlicher Lebensanschauung.
Jeder, der sich für neue Dimensionen der Tiefenpsychologie, Psychotherapie, Japanische Mythen und Religion und vergleichende Kulturstudien interessiert, wird dieses Buch zu schätzen wissen.
Die japanische Originalausgabe wurde mit dem "Shincho Award for Learning and the Arts" ausgezeichnet.

Herausgeber:
Freigegeben:
7. Mai 2020
ISBN:
9783856309725
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Myôes Traumchronik - Hayao Kawai

Myôe

Kapitel I:

Myôe und seine Träume

Wenn du zur Einsicht gekommen bist, daß das Leben nur ein Traum ist, kannst du erwachen und Verblendete erlösen helfen.

aus Gedichte des heiligen Myôe

Myôe Kôben war ein hochstehender Priester, der in der frühen Kamakura Periode lebte. Er wurde 1173 geboren und starb 1232 im Alter von 59 Jahren. Es war die Zeit, in der ein schneller Machtwechsel der Heike, Genji und Hôjô Dynastien erfolgte. Zudem traten Gründer von buddhistischen Schulen auf wie zum Beispiel Hônen, Shinran, Dôgen und Nichiren. Es war die geistige Blütezeit der neuen religiösen Bewegungen. Myôe wurde wie diese Gründer hoch verehrt, aber im Unterschied zu ihnen gründeten weder er noch seine Anhänger eine eigene Schule. Doch hinterließ er ein für die Geistesgeschichte der Welt unermeßlich wertvolles Erbe: Im Laufe seines Lebens verfaßte er gewissenhaft ein umfangreiches Dokument seiner Träume.

Die Träume nahmen in seinem Leben einen wichtigen Platz ein. Er verband sie vortrefflich mit seinen Lebenserfahrungen. Es ist, wie wenn sie mit seinem Leben zusammengesehen eine Bilderrolle darstellten. Der Verlauf seines Lebens ist wie ein Gewebe, in dem Traum und Wirklichkeit die Kett- und Querfäden bilden. Es stellt ein außergewöhnliches Beispiel einer Individuation dar, wie C. G. Jung diesen Prozeß der Selbstwerdung nannte. Das war für mich der wesentliche Beweggrund, dieses Buch zu schreiben, obwohl ich kein Fachmann für Buddhismus bin. Tiefenpsychologen und Psychotherapeuten können Myôe auch zum Forschungsobjekt machen und ihn auf seine pathologische Natur oder Abnormalität untersuchen, wie das der Psychopathologe Susumu Oda tat. Ich habe aber nicht die Absicht, unter einem derartigen Aspekt Myôes Persönlichkeit zu betrachten.

Zuallererst möchte ich darauf eingehen, wie und warum Myôe seine Träume niederschrieb und weshalb ich selbst Träumen eine große Wichtigkeit beimesse.

1. Die Traumchronik

Myôe und seine Träume

Von den Träumen, die Myôe niederschrieb ist schätzungsweise die Hälfte erhalten geblieben und wir haben das Glück, sie lesen zu können. Myôe begann als 19-jähriger mit seiner Traumchronik und führte sie bis ein Jahr vor seinem Tod weiter. Außerdem notierte er seine Träume zum Beispiel im Anhang einer heiligen Schrift oder flocht sie in seine Biographie ein. Deshalb ist es möglich, sich ein fast vollständiges Bild von seinen Träumen zu machen.

Warum hielt Myôe so konsequent seine Träume fest? Er fügte teilweise eine Deutung hinzu, was uns ermöglicht, seine Einstellung zu den Träumen zu erfassen. Zum besseren Verständnis will ich das an einem Beispiel zeigen. Diesen Traum hatte er mit 48 Jahren. Ich bezeichne ihn mit „Meditationstraum" I.

Am 14. Tag des 2. Monats 1220 träumte ich in der Nacht folgendes: Ich baute einen Teich, der eine Fläche von zwei bis drei Ar hatte. Es gab zuwenig Wasser. Da fiel auf einmal ein strömender Regen und füllte den Teich mit klarem Wasser. Daneben gab es noch einen großen Teich. Er war wie ein alter Fluß. Als der kleine Teich voll wurde, betrug sein Abstand zum großen Teich noch etwa dreißig Zentimeter. Würde es noch etwas mehr regnen, könnte er sich mit dem großen Teich verbinden. Dann kämen Fische und Schildkröten herein. Darauf hatte ich den Eindruck, daß es der 15. Tag des 2. Monats sei. Ich dachte: Heute Nacht wird der Mond über dem Teich aufsteigen und sich darin spiegeln. Was für ein schöner Anblick wird das sein!

Ich deute das so: Der kleine Teich bedeutet Meditation. Der große Teich bedeutet den Zustand der Erleuchtung, in dem sich Buddhas und Bodhisattvas befinden. Lebewesen wie Fische usw. stellen heilige Weisen dar. Jedes hat für sich eine tiefe Bedeutung. Wird keine Meditation gemacht, herrscht Mangel an Wasser, wird sie ausgeübt, fließt es über. Durch vermehrten Glauben käme eine Verbindung zustande mit den Buddhas und Bodhisattvas. Die Abwesenheit von Fischen im kleinen Teich bedeutet „Anwärter auf Erleuchtung" usw.

Myôe deutet den kleinen Teich als Meditation und den großen als den Zustand der Erleuchtung aller Buddhas und Bodhisattvas. Durch die Meditation werden die beiden Teiche verbunden (im Traum durch den Regen). Das heißt, die Meditation stellt eine Verbindung mit den Buddhas und Bodhisattvas her. Diese Deutung folgt einer ganz natürlichen Logik. Auch die heutige Traumanalyse geht auf diese Weise vor. Träume können verschieden gedeutet werden. Es ist aber wichtig, daß die Deutung für den Betreffenden einen Sinn hat. Weicht sie vom Kontext ab, kann sie von ihm nicht akzeptiert werden. Myôes Traumdeutung ist in diesem Punkt vorbildlich.

Unvoreingenommen hält Myôe seine Träume fest und fügt zeitweise seine Eindrücke und Deutungen hinzu. Der Traum vom Regen, der in den Teich fällt, kann als ein gewöhnlicher Traum gelten. Myôe hatte aber auch ausgesprochen religiöse Träume wie zum Beispiel den Traum von Monju, dem Bodhisattva der Weisheit, der in der Luft erschien. Er hielt aber alle Träume als gleichwertig fest und machte keine Trennung zwischen religiösen und weltlichen Träumen. Ob in ihnen eine Buddhafigur oder ein gewöhnlicher Mensch erschien, er teilte sie nicht nach äußerlichen Kriterien ein. Wie sich noch zeigen wird, kannte Myôe das Wesen der Träume außerordentlich gut. Gerade deshalb war es ihm möglich, alle Träume gewissenhaft festzuhalten.

Das von Myôe verfaßte Gedicht, das gleich am Anfang dieses Kapitels steht, ist eine Antwort auf das Gedicht seines Onkels Jôgaku, der ihn ins priesterliche Leben eingeführt hatte. Dieser schrieb folgendes:

Alles was du siehst in der irdischen Welt

ist nicht von Bestand. Gib acht!

Alles ist vergänglich wie ein flüchtiger Traum in der Nacht!

Diese Worte von Jôgaku geben die vorherrschende Ansicht der damaligen Gelehrtenwelt wieder. Das irdische Leben wurde als ein vorübergehender Traum betrachtet. Myôes Antwort zeigt aber eine positive Einstellung: Wer das Leben in der Welt als Traum erkennt, kann aus diesem Traum erwachen und anderen Menschen helfen, die sich vom äußerlichen Schein verblenden lassen. Das ist eine realistische Ansicht, die von Vernunft geprägt ist. Diese Haltung von Myôe muß zu seiner Zeit eine große Ausnahme gewesen sein. Flüchtig betrachtet könnte man meinen, Myôe hätte Träume als bedeutungslos angesehen. Aber gerade seine positive Einstellung zum Leben und seine kritische Haltung seiner Zeit gegenüber machten es ihm möglich, über 35 Jahre seine Träume aufzuschreiben. Aus der Täuschung erwacht, daß die Welt nur ein Traum sei, betrachtete er seine Träume mit wachen Augen.

Die Überlieferung von Träumen

Ich bezeichnete es als eine große Seltenheit, daß es eine Sammlung von Träumen wie die von Myôe gibt. Doch schon in früheren Zeiten wurden Träume von den Menschen beachtet. Im alten Ägypten zum Beispiel betrachtete man sie als göttliche Offenbarungen. Im Alten Testament wird der Traum des Pharao von den sieben fetten und sieben mageren Kühen aufgeführt. (1. Mose 41). Joseph legte diesen Traum aus und prophezeite, daß nach sieben fruchtbaren Jahren sieben Hungerjahre kommen werden. Und es steht weiter geschrieben, daß es so eintraf, wie Joseph vorausgesagt hatte. Im Alten Testament sind mehr als zehn Träume dieser Art aufgezeichnet. Auch im Neuen Testament gibt es mehrere Beispiele von Träumen. In Matthäus 1, 18-21 zum Beispiel steht folgender Traum: Maria war mit Joseph verlobt. Als sie aber schwanger wurde, wollte Joseph sie heimlich verlassen. Da erschien ihm im Traum ein Engel, der ihn dazu bewog, Maria zu heiraten.

Auf Beispiele von überlieferten Träumen in Japan werde ich später noch eingehen. Wenden wir den Blick nach Indien oder China, finden wir ebenfalls eine Fülle von überlieferten Träumen aus früheren Zeiten. In Indien wird erzählt, daß Königin Mâyâ, die Mutter von Buddha während der Schwangerschaft einen Traum hatte, in dem ein Bodhisattva auf einem weißen Elefanten in sie einging. In China muß sogar der rational denkende Konfuzius Wert auf Träume gelegt haben, denn es wird von ihm gesagt, daß er darüber klagte, schon drei Tage keinen Traum vom Fürsten Chou gesehen zu haben. Forscht man nach überlieferten Träumen aus früheren Zeiten, findet man so viele wie man will. Aber eine lebenslange Sammlung von Träumen einer einzelnen Person wird wohl kaum zu finden sein. Obwohl ich ein Spezialist für Traumanalyse bin, ist mir keine Traumchronik bekannt, die vor Myôe geschrieben worden wäre. Ich fragte auch bei ausländischen Wissenschaftlern nach, aber ohne Ergebnis. Der japanische Priester Eishun Tamon’ in (1518-1599) schrieb offenbar von Myôe beeinflußt in seinem Tagebuch viele Träume auf. Aus dem 19. Jahrhundert sind mir nur die gesammelten Träume des Franzosen Marquis d’Hervey de St. Denys bekannt. Sie werden auch von Freud in seiner „Traumdeutung" erwähnt. Doch ich habe den Eindruck, daß St. Denys die Träume mehr als ein Forschungsobjekt betrachtete. Im Unterschied dazu sah Myôe in den Träumen eine große existentielle Bedeutung.

Auch dieser Punkt zeigt, was für eine große Leistung Myôes Traumchronik darstellt. Es braucht eine außergewöhnliche geistige Energie, um ein Leben lang Träume aufschreiben zu können. Wer das bezweifelt, soll es selber probieren und wird dann verstehen, wie schwierig das ist. Um das durchführen zu können, ist es einerseits erforderlich, die Bedeutung der Träume gut zu verstehen, sonst geht das Interesse verloren und die Aufzeichnungen brechen ab. Außerdem ist es sehr schwierig, Träume zu erinnern, weil sie nicht leicht mit dem wachen Bewußtseinszustand zu vereinbaren sind. Deshalb vergessen viele Leute ihre Träume nach dem Erwachen, obwohl sie meinen, geträumt zu haben. Wenn sich zum Beispiel jemand einer Traumanalyse unterzieht, hilft ihm der Analytiker, die Bedeutung der Träume zu erfassen und macht es ihm möglich, sich an sie zu erinnern. Wird die Analyse aber abgebrochen, vergessen viele Leute das Geträumte wieder.

Es gibt Leute, die ihre Träume ausführlich erinnern und einen nach dem anderen aufschreiben. In diesen Fällen nimmt das Unbewußte überhand und das Bewußtsein verliert seine Kontrolle. Das ist nicht ungefährlich. Dieser Zustand wird aber letzten Endes nicht von Dauer sein. Oder es kommt dazu, daß in den Träumen krankhafte Elemente vehement in Erscheinung treten. Aber in Myôes Träumen läßt sich im Prinzip kaum eine Tendenz dieser Art feststellen.

Die Tatsache, daß Myôe seine Traumchronik in einer geschichtlich unruhigen Zeit konsequent weiterführte, zeugt von einer unermeßlichen Geisteskraft, die wir uns kaum vorstellen können. Es ist nicht übertrieben zu sagen, daß seine Leistung auch in der Geistesgeschichte der Welt eine Seltenheit darstellt. Der Psychopathologe Susumu Oda sagt dazu: „Myôe ist einer der ersten in der Kulturgeschichte Japans, der sich mit inneren Erfahrungen persönlich auseinandersetzte. Das tat er in einer für einen einzelnen Menschen höchst ungewöhnlichen Weise." Es gibt noch andere Wege, sich persönlich mit inneren Erfahrungen auseinanderzusetzen. Aber Myôe verdient das Lob, als einer der ersten in der Welt sich mittels Träumen an diese schwierige Aufgabe gemacht zu haben.

Da ich als Traumanalytiker weiß, was es heißt, sich täglich mit Träumen abzugeben (in meinem Fall mit Träumen heutiger Menschen), kann ich nur staunen über die großartige Leistung von Myôe, dem es gelang, im 12. und 13. Jahrhundert ohne jegliche Hilfe eines Analytikers seine Traumchronik zu führen. Ich hoffe, daß es mir mit diesem Buch gelingen wird, meine Wertschätzung für seine Leistung an die Leser weiterzugeben.

Buddhistisches Priestertum und die Träume

Auch wenn Myôes Traumchronik eine Seltenheit ist, heißt das nicht, daß zu seiner Zeit die Träume nichts galten. Sie wurden im Gegenteil allgemein wichtig genommen. Die Priester der damaligen Zeit ließen sich von Träumen führen, erwägten sie bei kritischen Entscheidungen oder erreichten sogar durch Träume den Stand der Erleuchtung. Viele buddhistische Legenden aus jener Zeit enthalten Träume. Darüber gibt es eine bemerkenswerte Abhandlung von Ryôichi Kikuchi. Seine Untersuchungen in Betracht ziehend, will ich das Verhältnis der buddhistischen Priester zu den Träumen etwas näher betrachten.

Es gibt im Buddhismus im allgemeinen verschiedene Ansichten über Träume. Im Kommentar „Große Weisheit ist eine negative Meinung über Träume zu verzeichnen. Im philosophischen Kommentar „Große Exegese zeigt sich eine andere Einstellung. Nach Kikuchi werden darin Träume als „Darstellung der karmisch bedingten seelischen Lage erklärt. Das heißt wohl mit anderen Worten, daß Träume durch die Wechselwirkung der Psyche entstehen. Außerdem enthält dieser Kommentar noch weitere Ansichten über Träume. Zum Beispiel können sie als Omen verstanden werden. Oder sie gelten als Zeichen einer Krankheit. Zudem können sie Manifestationen von göttlichen oder dämonischen Kräften sein. In der „Karmalehre ist der bereits erwähnte Traum von Mâyâ, der Mutter von Buddha enthalten. Im Sutra über „Die sieben Träume von Ananda" erklärt Buddha die Bedeutung der sieben Träume seines Jüngers Ananda. Darin zeigt sich die buddhistische Einstellung, daß Träume Omen sind. Als Illustration will ich sie kurz vorstellen: Der erste Traum ist von einer Feuersbrunst in einem Teich. Der zweite ist von untergehenden Himmelskörpern. Der dritte ist von Mönchen, die in ein Loch fallen, wobei Laien in weißen Kleidern auf deren Köpfe steigen und herauskommen. Der vierte ist von einem Wildschwein, das in einen Wald von Paternosterbäumen einbricht. Der fünfte ist vom Weltenberg Meru, (im Buddhismus das Zentrum des Universums) der auf den Kopf geladen wird aber nicht schwer ist. Der sechste ist von einem großen Elefanten, der einen kleinen Elefanten im Stich läßt. Der siebte ist von Würmern, die aus einem toten Löwen kommen und ihn auffressen. Buddha deutete diese Träume als Omen für den Zerfall der buddhistischen Lehre und die Entartung der Mönche.

Sicher las auch Myôe diese Schrift über die sieben Träume von Ananda. Diese Träume vermitteln uns einen interessanten Einblick, was sich buddhistische Priester früherer Zeiten unter Zerfall und Entartung vorstellten. Wie das in buddhistischen Schriften da und dort zu sehen ist, wurden Träume häufig wie in diesem Fall als gute oder schlechte Omen gedeutet.

In den gesammelten Schriften des chinesischen Priesters Liao Taochiu findet sich aber eine andere Einstellung zu Träumen. Darin werden Träume nicht als Omen angesehen sondern als eine religiöse Erfahrung bewertet. Es ist anzunehmen, daß auch Myôe in seinen Gedanken von dieser Schrift beeinflußt worden ist. Es kommt darin die Auffassung zum Ausdruck, daß Träume der Kontemplation dienen. Außerdem wird auf den tugendhaften Wert von Kontemplation und Traumbildern eingegangen. Diese Schrift geht davon aus, daß das Erreichen der Buddhaschaft das wahre Ziel des Buddhismus ist. Sie kritisiert zudem die Einstellung, einen Unterschied zwischen exoterisch und esoterisch zu machen. Sie enthält besinnliche Texte zum Erreichen der Buddhaschaft, die sowohl exoterisch als auch esoterisch sind. Traumbilder, die mit dem Erreichen der Buddhaschaft in Zusammenhang stehen, werden wie folgt aufgeführt: 1) Buddhas, Bodhisattvas, heilige Priester, himmlische Feen. 2) Freies Fliegen in die Höhe. 3) Über Ströme und Flüsse gehen. 4) Hohe Bäume und Gebäude besteigen. 5) Auf den weißen Berg steigen. 6) Löwen, weiße Pferde, weiße Elefanten. 7) Schmackhafte Früchte. 8) Priester mit gelben und weißen Gewändern. 9) Etwas Weißes trinken und etwas Schwarzes erbrechen. 10) Sonne und Mond verschlucken.

Weil diese Art Traumbilder der Buddhaschaft dienen, bekommen sie den gleichen Wert wie andere spirituelle Übungen. Das verändert die Haltung gegenüber Träumen. Sie sind nicht mehr nur gute oder schlechte Omen, sondern gelten als wichtiges Mittel für die spirituelle Praxis. Noch einen Schritt weiter gedacht, erhalten die Träume allgemein die Bedeutung von religiösen Erfahrungen. Sie werden ein Mittel zu religiösen Wahrnehmungen. Mit dieser Einstellung wird es möglich, den Traumbotschaften gegenüber eine vertrauensvolle Haltung einzunehmen. Das steht im Zusammenhang mit der Tatsache, daß hohe Priester und Religionsgründer in ihren Biographien Traumbilder und Traumbotschaften als religiöse Erfahrungen erzählen, die auch als Grunderfahrungen gelten können. Darunter ist wohl die Traumbotschaft von Shinran im Rokkakudô Tempel am bekanntesten. In Kapitel 6 will ich auf diesen Traum näher eingehen, weil er im Zusammenhang mit Myôes Träumen sehr wichtig ist.

Auch Ippen, der letzte Gründer einer Neuen buddhistischen Schule in der Kamakura Zeit machte durch eine Traumbotschaft eine grundlegende Glaubenserfahrung. Ippen wurde 1239 geboren, sieben Jahre nach Myôes Tod. Wie Myôe kommt er aus einer Samurai Familie und verlor als Kind seine Mutter. Gedanklich aber unterscheidet er sich ganz von Myôe, denn er gehörte der Jôdo Sekte an (Amida Buddhismus). Ippen war im ganzen Land unterwegs und verteilte den Leuten Zettel, auf denen die sechs erlösenden Zeichen für „Namu Amida Butsu standen. Als er zur heiligen Stätte in Kumano pilgerte (Shinto Heiligtum in der Wakayama Präfektur), nahm ein Mönch den angebotenen Zettel nicht an. Ippen war schockiert und fragte ihn, ob er keinen Glauben habe. Der Mönch antwortete: „Eure Lehre mag schon recht sein. Aber was in mir keinen Glauben erweckt, hilft mir nichts. Ippen schloß sich darauf im Hauptschrein von Kumano ein. Mitten in der Nacht erhielt er eine Traumbotschaft von Amida in der Gestalt eines japanischen Gottes, „Gongen genannt. Ippen vernahm folgendes: „Wie schlecht du meinen Namen verbreitest, weiser Mann. Nicht du bist es, der den Lebewesen zur Wiedergeburt im Reinen Land verhilft. Das heißt, die Geburt im Reinen Land (Paradies) geschieht allein durch die Gnade von Amida. Die Aufgabe von Ippen war es, die Zettel mit Amidas Namen zu verteilen, ohne zwischen Gläubigen und Ungläubigen, Reinen und Unreinen zu unterscheiden. Ippen gewann durch diesen Traum eine feste Grundlage für seine weitere Tätigkeit. Er setzte seine Reise als Pilgermönch fort und verbreitete weiterhin den Namen Amida.

In der Zeit, als Myôe lebte, gab es einerseits Leute, die glaubten, daß Träume vor allem Offenbarungen von Buddha oder Göttern seien. Andere wieder verstanden Träume als gute oder schlechte Omen, wobei sie sich bei der Deutung an buddhistische Schriften hielten. Oft wurden die Träume vordergründig gedeutet, wie zum Beispiel „Wackelnde Zähne sind ein schlechtes Zeichen." Sicher gab es auch Wahrsager, die Träume deuteten und Leute, die ihnen Glauben schenkten. Andere wieder schlossen die Träume in ihren spirituellen Übungen ein. Myôe hingegen ließ sich beim Aufschreiben seiner Träume von seinen eigenen Gedanken leiten.

Myôe gab eine „Auswahl von Träumen heraus, die er aus den „Sieben Träumen von Ananda und anderen Schriften zusammenstellte. Deshalb ist sicher, daß er über die Traumdeutung in buddhistischen Schriften eine gute Kenntnis besaß. Obwohl er dafür ein großes Interesse hatte, ist bei ihm keine Voreingenommenheit zu erkennen. Seine Traumchronik zeigt, daß er seinen Träumen gegenüber eine unabhängige Haltung einnahm. Das wird klar, wenn man sich auf jeden einzelnen Traum einläßt.

2. Das Wesen der Träume

Bevor ich auf die Träume von Myôe näher eingehe, will ich mich mit der Frage befassen, was Träume bedeuten und meine eigene Einstellung dazu deutlich machen. In Japan ist in letzter Zeit das Interesse für Träume im Wachsen begriffen und Erklärungen sind nicht mehr unbedingt nötig. Aber trotzdem besteht da und dort die Meinung, daß Träume unsinnig seien, weil sich in ihnen alles machen läßt. Um Myôe zu verstehen, ist es aber wichtig, eine gewisse Kenntnis über die Bedeutung von Träumen zu haben.

Über die Traumforschung

Wie schon erwähnt, erweckten Träume seit jeher das Interesse der Menschen. Sie wurden als Mitteilungen von einem transzendentalen Wesen verstanden. Aber im Abendland begann mit der Aufklärung eine Abwertung der Träume. Sie galten als irrational und Traumdeutung wurde als Aberglauben betrachtet. Es ist bekanntlich Sigmund Freud, der die Träume aus der Vergessenheit heraufholte und sie zum Gegenstand der Forschung machte. Die Behandlung von hysterischen Patienten brachte ihn zur Überzeugung, daß es wichtig sei zu berücksichtigen, was im Unbewußten der Psyche vorgehe und er vertrat die Ansicht, daß Träume ein sehr nützliches Mittel seien, um das Unbewußte zu erforschen. Sein epochemachendes Buch Traumdeutung veröffentlichte er im Jahr 1900. Daß dieses Buch um die Jahrhundertwende herauskam, ist gewiß alles andere als ein Zufall.

Wer das Original kennt, hat keine Erklärung mehr nötig, aber ich will trotzdem versuchen, Freuds Ansichten kurz darzustellen. Für ihn sind Träume nicht absurd. Er sieht sie als verdrängte Wünsche an, die im Traum in getarnter Form in Erfüllung gehen. Er unterscheidet in manifestierte und latente Träume. Weil im Schlaf die Kontrolle des Ich geschwächt ist, können die vom Menschen unterdrückten Wünsche zum Vorschein kommen. Aber um die immer noch verbleibende Zensur des Ich zu umgehen, müssen sich die Träume verstellen. Doch auf diese Art verstellte Träume sind schwer zu verstehen. Das Ziel von Freuds Traumdeutung ist es, die unterdrückten Wünsche bewußt zu machen. Das geschieht dadurch, daß man von den manifestierten auf die latenten Träume Rückschlüsse zieht.

Auf diese Weise analysierte Freud sowohl die Träume seiner Patienten als auch seine eigenen. Er hob vor allem die Sexualität als unterdrückter Wunsch hervor, wobei er den Begriff der Sexualität sehr weit faßte und auch die Sexualliebe im Kindesalter mit einschloß. Als Aufgabe der Traumdeutung betrachtete er die Bewußtmachung der im Kindesalter ins Unbewußte verdrängten Wünsche. Nach seiner Ansicht sind außerdem Verdichtung, Dramatisierung und Veranschaulichung in den Träumen am Werk.

C. G. Jung war von Freuds Traumdeutung beeindruckt und trat mit ihm in Verbindung. Zusammen setzten sie sich für die Bewegung der Psychoanalyse ein, aber 1913 kam es zur definitiven Trennung. Jung stellte daraufhin eine eigene psychologische Wissenschaft auf, die er Analytische Psychologie nannte. Dabei legte er das Hauptgewicht auf die Traumanalyse. Freud hingegen begann sich mehr auf die Methode der freien Assoziation zu stützen und wies den Träumen eine zweitrangige Rolle zu. Jungs Einstellung zu den Träumen unterscheidet sich in verschiedenen Punkten von derjenigen Freuds. Vor allem nimmt er die Träume wie sie sind und trennt nicht wie Freud zwischen manifestierten und latenten Träumen.

Das kommt daher, daß Jung eine andere Auffassung als Freud vom Unbewußten hat. Es ist für ihn nicht nur der Inhalt der Psyche, der vom Ich unterdrückt wird, sondern hat eine weitere und tiefere Dimension. Deshalb kann es nicht einfach als positiv oder negativ bewertet werden. Es kann je nach dem destruktiv und konstruktiv zusammen sein und sogar die Bedeutung einer schöpferischen Quelle haben. Jung spricht dem Ich eine gewisse Fähigkeit der Integration zu, die aber einseitig und nicht abgeschlossen ist. Das Unbewußte verhält sich dem gegenüber kompensatorisch und ausgleichend. Mit seinen Worten: „Die allgemeine Funktion der Träume besteht in dem Versuch, uns das psychische Gleichgewicht wiederzugeben, indem sie Traummaterial produzieren, das auf subtile Weise die gesamte psychische Balance wiederherstellt. Dies nenne ich die komplementäre (oder kompensatorische) Funktion der Träume." (C. G. Jung in: Der Mensch und seine Symbole).

Befolgt man Jungs Gedanken, muß man sich beim Analysieren eines Traums über den Bewußtseinszustand des Betreffenden Klarheit verschaffen um feststellen zu können, auf welche Art der Traum das Ich dieser Person kompensiert. Wenn zum Beispiel zwei Menschen den gleichen Traum haben, fällt demzufolge die Deutung verschieden aus. Nach Jungs Methode ist es wichtig zu hören, was der Betreffende im Traum dachte und fühlte.

Mangels einer Gesprächsmöglichkeit mit Myôe müßte nun angenommen werden, daß man seine Träume nicht mehr deuten kann, obwohl sie hinterlassen worden sind. Bis zu einem gewissen Grad trifft das zu. Auch für mich sind viele Träume von Myôe nicht absolut verständlich. Aber seine Biographie, seine Schriften, seine Lebensverhältnisse, die Zusammenhänge unter den Träumen erlauben gewisse analoge Schlüsse. In diesem Buch will ich ausschließlich auf Träume eingehen, die solche Rückschlüsse zulassen.

Ein weiterer Punkt ist die Symbolik der Träume. Freud legte bekanntlich Wert auf sexuelle Symbole.

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