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Mein Kriegstagebuch: 1949-1945 Mit den Gebirgsjägern bis in den hohen Norden

Mein Kriegstagebuch: 1949-1945 Mit den Gebirgsjägern bis in den hohen Norden

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Mein Kriegstagebuch: 1949-1945 Mit den Gebirgsjägern bis in den hohen Norden

Länge:
607 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
May 11, 2020
ISBN:
9783751926539
Format:
Buch

Beschreibung

Beginnend mit dem Einmarsch in Österreich durchlebte Eugen Höflinger den gesamten 2. Weltkrieg vom ersten bis zum letzten Tag in verschiedenen Nachrichteneinheiten der Gebirgstruppe. Sein Weg führte über Westdeutschland, Dänemark, Norwegen bis nach Finnland. Seine Erlebnisse, seine Aufträge und die Aufstellung seiner Einheiten hat er in einem Tagebuch und in Skizzen festgehalten. 1948/49 hat er an Hand seiner Aufzeichnungen das Erlebte niedergeschrieben. In seinem nüchternen Stil, mit einfachen Worten und nur mit zeitlich geringer Distanz zu den Ereignissen ist ein authentisches und ehrliches Zeitdokument entstanden, was Einblick in das Soldatenleben und die damalige Gedankenwelt eines jungen Menschen erlaubt, dessen Leben fast ausschließlich durch Wehrmacht und Krieg geprägt war.
Als Offizier hat er aber auch die Bewegungen und die Ziele seiner Einheit dokumentiert und damit historisch wertvolle Informationen hinterlassen.
Viele Fotos, die er vorwiegend mit seiner einfachen Kodak Balgenkamera aufgenommen hat, sind erhalten geblieben. Mehr als 300 davon gestalten diesen Bericht sehr anschaulich.
Herausgeber:
Freigegeben:
May 11, 2020
ISBN:
9783751926539
Format:
Buch

Über den Autor

Jürgen Höflinger hat die Aufzeichnungen seines Vaters in eine elektronische Form gebracht und mit den Fotos seines Vaters zu einem Buch gestaltet um sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.


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Buchvorschau

Mein Kriegstagebuch - Eugen Höflinger

Vorwort

Der nachfolgende Bericht soll ein möglichst ungetrübtes, wahrheitsgetreues, aber auch ungeschminktes Bild meines Soldatenlebens, vor allem aber der Zeit von 1938 bis 1945 geben, wobei wiederum die erlebnisreichsten Abschnitte des Krieges, 1939 bis 1945 auf breitere Basis gestellt und eingehender behandelt werden sollen.

Ich will hier keinen Bericht über politische Ereignisse geben und desgleichen keine taktischen Einzelheiten erörtern, denn diese sind aus anderen Schriften einwandfreier zu ersehen und auch von berufeneren Leuten geschrieben. Ich will lediglich meine persönlichen Erlebnisse schildern, meine Kameraden aus den verschiedenen Abschnitten festhalten und Örtlichkeiten und Zeiten angeben.

Ich stütze mich dabei auf die mir verbliebenen Aufzeichnungen aus jenen Tagen, auf Erlebnisberichte, die ich damals selbst verfasst habe, auf Kriegstagebuchaufzeichnungen meiner jeweiligen Truppenteile, auf Briefe, Kartenmaterial und Fotos sowie auf die in meinem Gedächtnis haften gebliebenen Erinnerungen.

Ich will versuchen, ohne Schönfärberei zu betreiben, was bei jedem nachträglichen Bericht eine große Gefahr ist, die durch die natürliche Veranlagung des Menschen, das Gute zu behalten, das Schlechte aber nach einer gewissen Zeit zu vergessen, hervorgerufen wird, alles so wahrheitsgetreu niederzuschreiben, wie mir das heute noch möglich ist.

Ich beginne im Jahre 1948, also 3 Jahre nach Abschluss der Kampfhandlungen, und hoffe damit einen genügend großen Abstand von den Ereignissen gewahrt zu haben, um objektiv bleiben zu können. Ich beabsichtige den Bericht nach und nach fertig zu stellen, so wie mir hierfür Zeit übrig bleibt.

Bonn, den 12. Juni 1948

Eugen Höflinger

INHALT

Einsatz in Österreich März 1938

Einsatz Sudetenland Okt. 1938

Kriegsschule Potsdam Nov. 1938 - Aug. 1939

Mobilmachung Aug. 1939

Polenfeldzug Sept. – Okt. 1939

Abfahrt und Eisenbahntransport

Einsatz in der Slowakei

Vormarsch und Verfolgung in Polen

Stellungskämpfe vor Lemberg

Rückmarsch auf die Demarkationslinie

Rückmarsch aus Polen und Fahrt nach Westen

Schlusswort zum Polenfeldzug

Westdeutschland Okt. 1939 – Apr. 1940

Gebirgsnachrichtenabteilung 54

Gebirgsjägerfeldersatzbataillon 54

Gebirgsnachrichtenabteilung 67

Dänemark Apr. – Mai 1940

Norwegenfeldzug Mai – Juni 1940

Überfahrt nach Norwegen

Oslo 10. - 13. Mai 1940

Vormarsch in Südnorwegen

Vormarsch von Steinkjer nach Rognan 28. - 31. Mai 1940

Kampf um Bodö 31. Mai – 2. Juni 1940

Büffelunternehmen 3. – 10. Juni 1940

Besetzung Norwegens

Aufenthalt in Mosjøen 20. Juni – Aug. 1940

Schiffsfahrt nach Vadsö Sep. 1940

Aufenthalt in Sörvaranger (Sept. 1940 – März 1941)

W.C.-Ballade 1940

Erholungsurlaub im Oktober 1940

Schneidhofer Franzl

Winterbiwak im Raume von Nyborgmoen

Skijöring nach Polmak

Rentiere

Hühner- und Hasenjagd

Sonstiges

Verlegung des Abteilungsstabes nach Kirkenes

Kirkenes März – Juni 1941

Besuch im Sörvarangerwerk

Russlandfeldzug Juni – Okt. 1941

Besetzung von Petsamo (Juni 1941)

Der Angriff in Richtung Murmansk (Juli – Aug. 1941)

Lizafront Sep. – Okt. 1941

Der Herzberg

Besetzung Eismeerküste - Kirkenes Nov. 1941 – Febr. 1942

Finnland Febr. 1942 – Febr. 1943

Beim Stab des Armeenachrichtenregiments 550 als Regimentsadjutant

Urlaubsreise Februar 1942

Als Regimentsadjutant des Armeenachrichtenregiment 550

Urlaub Februar 1943

Chef der 4. Kp. Febr. 1943 – Dez. 1944

Das Jahr 1943

Gliederung der 4. Kompanie Armeenachrichten Regiment 550

Das Jahr 1944

Einsatz Enontekiö – Sittsajärvi Febr. – Apr. 1944

Gebirgsnachrichtenabteilung 67 Dez. 1944 – Mai 1945

Rückzug in Norwegen

Dänemark Januar 1945

Einsatz Kolmar-Brückenkopf 24. Jan. – 8. Febr. 1945

Kaiserstuhl 8. – 18. Febr. 1945

Eisenbahntransport in die Rheinpfalz 18. – 22. Febr. 1945

Einsatz Raum Bitsch 22. – 25. Febr. 1945

Einsatz Saar – Ruwer-Front 27. Febr. – 15. März 1945

Rhein bis Chiemsee

Anhang

Über den Polenfeldzug und die Rolle des Generaloberst Kübler

Churchills Memoiren

Nachwort 1

Nachwort 2

Vereidigung im November 1937 auf dem Königlichen Platz in München

Einsatz in Österreich März 1938

Ich war gerade 5 Monate Soldat bei der Nachrichtenabteilung 7 in München, Lazarettstraße 7, und meine Grundausbildung war noch nicht beendet, als am 11. März 1938 die Teilmobilmachung unseres Truppenteils angeordnet wurde. Als Fahnenjunker war ich nur von meiner Stammabteilung, der Gebirgsnachrichtenabteilung 54 in Oberammergau, zur Ausbildung zur Nachrichtenabteilung 7 kommandiert und musste im Mobilmachungsfall zu meiner Stammabteilung zurückkehren. Aber meine Stammabteilung war gleichfalls mobilisiert worden und sofort aus der Garnison per Achse an die österreichische Grenze bei Reichenhall abgerückt. Ich erhielt also zusammen mit meinen Fahnenjunkerkameraden, Karl Danzer, Heinz Wacker und Böxler, die ebenfalls zur G.D.N.A. 54 gehörten, einen Marschbefehl nach Reichenhall mit dem Auftrag, mich dort beim Adjutanten der Abteilung zu melden.

Nachdem wir nach vielerlei Schwierigkeiten unsere Mobausrüstung aus den verschiedenen Kammern empfangen hatten, fuhren wir mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof. Es war das erste Mal, dass wir keinen Fahrpreis bezahlen mussten. Alle bestaunten uns und wollten uns ausfragen, aber wir dachten, wir würden ein Staatsgeheimnis verraten, wenn wir sagen würden, wohin wir mit unserer neuen Ausrüstung, mit den gelben Schuhen und dem Gewehr hinwollten. Am Bahnhof kauften wir uns Fahrkarten nach Reichenhall, fuhren ab und landeten schließlich abends todmüde bei Dunkelheit dort.

Nach einigem Suchen fanden wir schließlich den Abteilungsstab im Jägerkasino bei einem frohen Umtrunk vereint. Wir meldeten uns beim damaligen Adjutanten Leutnant Hübsch, der uns sofort an die Kompanien verteilte. Die ebenfalls anwesenden Kompaniechefs nahmen uns gleich in Empfang und schickten uns zu den Hauptwachtmeistern. Ich wurde der 1. Kompanie (Chef Hauptmann Binder) zugeteilt, die zum größten Teil in einer Turnhalle lagerte. Der Spieß, Hauptwachtmeister Pfahler, nahm mich dort in Empfang, allerdings nicht so herzlich, wie ich es mir gedacht hatte. Er wies mir einen Platz zum Schlafen lediglich dadurch an, indem er mit der Hand auf einen Haufen bereits schlafender Soldaten zeigte. Ich zog mich nicht mehr aus, sondern legte mich gleich nieder und schlief auch sofort ein, da ich bereits zwei Nächte nicht mehr geschlafen hatte.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war die Turnhalle leer, alles war ausgeflogen. Da stand ich nun allein auf weiter Flur und dachte schon, ich hätte den Krieg verpasst. Ich machte mich also auf die Socken und erfuhr schließlich, dass meine Kompanie bereits in Richtung österreichischer Grenze abgerückt sei und Stammleitung baute. Ich marschierte nun allein mit meinem Tornister in Richtung Salzburg und hatte Glück, dass ich nach kurzer Zeit ein Störungssuchfahrzeug meiner Kompanie fand. Diese brachte mich schließlich zu meinem Trupp, einem Betriebstrupp für die Divisionsvermittlung. Ohne diesen Glücksfall hätte ich tatsächlich den Einmarsch in den ersten Stunden versäumt, und ich wollte doch so gerne dabei sein.

Wie es sich dann herausstellte, hatte man mich als Neuen einfach beim Abrücken vergessen, da mich keiner kannte. Auch war mein Schlaf so fest gewesen, dass ich den Lärm einer abrückenden Truppe nicht bemerkte. Aber nun saß ich auf meinem Platz im Betriebsfahrzeug und brauchte nicht mehr zu tippeln.

März 1938, auf dem Weg zur Besetzung Österreichs (Höflinger 2. v.r.)

An der österreichischen Grenze angekommen, gab es einen kurzen Halt. Es wurde ‚Laden und Sichern‘ befohlen, und die Stahlhelme wurden aufgesetzt. Es war dies ein recht feierlicher Augenblick. Dann ging der Schlagbaum hoch, und wir fuhren und marschierten nach Österreich ein. Die Zollbeamten grüßten militärisch.

Die Steifheit dieses ersten Augenblicks löste sich aber schon in der nächsten Ortschaft. Dort war alles geflaggt und mit Girlanden geschmückt. Die gesamte Einwohnerschaft stand an der Straße und begrüßte uns herzlich. Wir hatten wirklich das Gefühl, dass die Bevölkerung uns als Befreier willkommen hieß. Geschenke wurden uns auf die Fahrzeuge geworfen, und an den Stellen, wo der Vormarsch für kurze Zeit ins Stocken geriet, wurden die ersten Unterhaltungen angeknüpft. Bald hatte keiner mehr seinen Stahlhelm auf dem Kopf, sondern jeder benützte ihn zum Auffangen von Zigaretten und sonstigen Geschenken.

Es war ein herrliches Wetter an diesem Märztag. Aber nicht nur am ersten Tag des Einmarsches war es schön, sondern die ganze Zeit, die ich damals dort verbrachte, war durch keinen einzigen trüben Tag beschattet. Auch waren der Jubel und die Begeisterung an allen Orten von Salzburg bis Graz gleich groß und gleich ehrlich. Ich muss das sagen, weil es viele Österreicher heute nicht mehr wahrhaben wollen. Auch war die gesamte Bevölkerung von einer Gastfreundschaft beflissen, wie wir sie zur damaligen Zeit im sogenannten ‚Altreich‘ schon lange nicht mehr kannten.

Am Nachmittag kamen wir in Salzburg an, das festlich geschmückt war. Groß und Klein standen zu unserem Empfang bereit. Allerdings war die österreichische Armee am Anfang noch in ihren Kasernen und hatte Ausgangsverbot. Aber am Abend dieses denkwürdigen Tages kamen auch die österreichischen Soldaten aus ihren Kasernen, und wir konnten uns begrüßen.

März 1938, Rast in Österreich

In Salzburg bezogen wir für diesen Tag in einer Schule Quartier auf Stroh. Nachdem wir uns dort eingerichtet hatten, erhielten wir Ausgang, um die Stadt zu besichtigen. Mich schnappten gleich zwei junge Österreicher, und wir machten einen ausgedehnten Bummel durch die Stadt, von dem ich heute nichts mehr weiß, da wir allerhand verschiedene schöne Sachen getrunken haben. Ich weiß auch nicht mehr, wie ich in mein Quartier in der Schule zurückgekommen bin. Jedenfalls erwachte ich dort am nächsten Morgen durch den Weckruf des Wachhabenden. Es ist mir allerdings in Erinnerung geblieben, dass es schön war, und dass ich am nächsten Morgen keinerlei Kopfschmerzen hatte.

Dann ging es weiter über Vöklabruck nach Schwanenstadt, wo ich ein sehr nettes Quartier hatte, und wo ich eine Nacht lang ein Telefonfräulein bewachen sollte. Die Bewachung war meines Erachtens nicht nötig, aber Befehl ist Befehl, so hieß es jedenfalls damals. Nachdem ich nun so eine halbe Stunde mit meinem Gewehr dagesessen war, wurde mir die Geschichte zu dumm, und ich stellte meine ‚Latte‘ in ein Eck, zog die Feldbluse aus und machte es mir gemütlich.

Das Telefonmädchen hatte wenig zu tun, und auf einmal sagte sie zu mir, dass es nun Zeit sei, eine ‚Jausen‘ zu machen. Ich wusste zwar nicht, was das ist, sollte es aber gleich erfahren. Das Mädchen holte hinter ihrem Klappenschrank eine große Thermosflasche hervor, zwei Tassen und schließlich noch eine ganze Torte. Sie richtete alles nett her und lud mich ein. Wir schmausten nun bis die Torte und der Bohnenkaffee alle waren und ließen nebenbei gesagt, Telefon Telefon sein. So konnte der Feldzug ruhig weitergehen.

Da unser Marsch uns bis dahin in mehr nordöstlicher Richtung geführt hat, kam in diesen Tagen das Gerücht auf, dass wir gleich in die Tschechoslowakei einrücken sollten. Aber der nächste Tag führte uns wieder in südlicher Richtung weiter. Am zweiten Tag kamen wir nach Gmunden am Traunsee, wo ich in einem schönen Sommerhotel Quartier bezog. Auch hier hatte ich nette Erlebnisse, die aber zu sehr ins Persönliche gehen. Jedenfalls war ich über die herrliche Gegend um den Traunsee entzückt, wie ich überhaupt das Salzkammergut für eine der schönsten Gegenden Europas halte. Hier errichtete mein Trupp die Divisionsvermittlung. Gmunden selbst ist ein sauberer Badeort, der aber seinen Charakter als kleines Landstädtchen noch nicht ganz verloren hat, wie man es sonst bei Badeorten so häufig finden kann.

Von Gmunden aus ging der Marsch unserer Division über Mühldorf, Klaus, Dirnbach nach Windischgarsten. Bei der Nennung des letzten Ortes fällt mir auch der Zwetschgenschnaps ein, den wir dort in ausreichenden Maße getrunken haben. Und weiter ging der Marsch nach Spital am Pyrn mitten durch die herrliche Bergwelt. Von hier aus begann dann der Marsch über den Pyrnpass (945m), über den ich im Folgenden Näheres sagen werde.

Die Straße über den Pyrnpass hatte damals noch stellenweise eine Steigung von 23%. Die Überwindung einer derartig steilen Straße durch eine Marschkolonne bedeutete eine große Leistung und eine ungeheure Anstrengung für die Fahrzeuge, die sich nur im Schritttempo vorwärts bewegen konnten. Bald war das Kühlwasser der Motoren am Kochen und musste dauernd erneuert werden. Die Vorwärtsbewegung war oft so langsam, dass man aussteigen konnte, um seine Notdurft zu verrichten. Man konnte dann, ohne sein Marschtempo zu beschleunigen, sein Kraftfahrzeug wieder erreichen. Mein Trupp war mit einem alten Betriebskraftfahrzeug (Büssing NAG.) ausgestattet. Die Passhöhe selbst war tief verschneit und musste von den Pionieren (Geb.Pi.Batl.54) freigeschaufelt werden.

Währen dieses Aufstiegs ist auch ein bedauerliches Unglück passiert. Ein schweres Geschütz des IV./Geb.Art.Rgt. 79 stürzte beim Nehmen einer scharfen Rechtskurve samt Zugmaschine und voller Besatzung nach links in den Abgrund. Sämtliche Leute kamen ums Leben. In der Kurve kam das linke Hinterrad der Kanone auf das aufgeweichte Bankett, das durch die schwere Last abbrach. Die abstürzende Kanone zog durch ihr Gewicht die Zugmaschine mit in den Abgrund.

Auf der Passhöhe wurde eine kurze Rast eingelegt, und dann ging´s hinab in das Obere Ennstal. Wir erreichten als erstes Lietzen an der Enns, als unser Tagesziel. Dann ging es weiter über Rottenmann, Gaishorn - Paß -Mautern im Liesingtal nach Leoben. Dieser Ort war ebenfalls wieder Tagesziel. Jetzt waren wir in der Steiermark.

Am nächsten Tag erreichten wir Bruck an der Mur, das ich noch heute wegen der gastfreundlichen Unterbringung gut im Gedächtnis habe. Der nächste Tag führte uns dann bei herrlichem Frühlingswetter das Murtal entlang, über Frohnleiten, Peggau, Gradwein zu der steiermärkischen Hauptstadt Graz. Hier in der Steiermark war alles schon in Blüte, wir kamen uns wirklich wie nach dem Süden versetzt vor, so stark war der Unterschied im Pflanzenwuchs zwischen den nördlichen Voralpenländern und der Steiermark.

In Graz selbst hat es mir ausgezeichnet gefallen. Ich war bei einem Rechtsanwalt im Quartier, der in der Gegend der Schillerstraße wohnte, dessen Namen ich aber leider vergessen habe. Ich wurde liebevollst betreut, hatte vor allem jeden Abend frisches Obst an meinem Bett stehen. Man las mir jeden Wunsch von den Augen ab.

Ich habe mir alle Sehenswürdigkeiten von Graz, vor allem den Schlossberg mit seinem historischen Glocken- und Uhrturm, das Rathaus am Hauptplatz und die historisch und künstlerisch wertvollen Gebäude und Denkmäler in der näheren und weiteren Umgebung des Karl-Ludwig-Rings angesehen, aber auch nicht versäumt, gewisse pikante Lokale in der Nähe des Murplatzes zu besuchen. Man musste ja schließlich alles einmal gesehen haben.

Hier in Graz fand auch eine große Truppenparade auf dem Josefsplatz statt. Leider muss ich zugeben, dass ich von dieser Parade nicht viel gesehen habe. Das kam nämlich folgendermaßen:

Der Paradetag war sehr heiß, und wie es bei solchen Paraden üblich war, dauerten der Aufmarsch und die Aufstellung länger als die ganze Parade, ja sogar viel länger. Ich weiß nur noch, dass wir an diesem Tag schon sehr früh angefangen haben, und dass dadurch unser Durst ziemlich groß war. Als wir bei dem ruckweisen Vorwärtsmarschieren und immer wieder Anhalten einmal gerade bei einem Wirtshaus hielten, kamen wir auf die Idee, uns Bier in unseren Betriebswagen hereinzuholen. Damit es aber auf jeden Fall auch reicht, kauften wir ein ganzes ‚Tragerl‘ mit 25 Flaschen. Wir zechten in unserem Wagen und rückten stückweise weiter vorwärts. Von außen ist da nicht viel zu erkennen, aber auch von innen ist nicht allzu viel zu sehen. Als sich wieder einmal einer erkundigte, wie lange es noch dauert, bis die Parade losgeht, sagte unser Kraftfahrer, dass es schon vorbei sei. So haben wir diese Parade in wenig militärischer Art hinter uns gebracht und hoffen, dass es niemand gesehen hat. Und wenn es doch jemand gesehen haben sollte, so kann es uns heute auch nicht mehr viel schaden.

Ansonsten soll es bei dieser Parade viel zum Lachen gegeben haben, vor allem beim Vorbeimarsch der Bergteile mit den Mulis. Da ging doch manchem Jäger die Wickelgamasche auf, und sein Muli oder der dahinter marschierende Kamerad trat darauf, wodurch natürlich der Wickelgamaschenträger stolperte oder gar hinfiel. Es war eben doch nicht das Richtige, mit Gebirgssoldaten eine Parade abzuhalten.

Von Graz aus machten wir einige Ausflüge in die nähere Umgebung, so z.B. auf den Rosenberg. Aber auch größere Tagesausflüge mit Kraftfahrzeugen wurden veranstaltet, die uns nach Kärnten, einmal sogar bis Klagenfurt führten. Dort sind wir auch einmal an die jugoslawische Grenze gefahren. Auch der Hauptstadt der damaligen Ostmark habe ich einen kurzen Besuch abstatten dürfen, als ich eine Dienstreise als Kurierbegleiter dorthin machte. Überall wo wir hinkamen, wurden wir herzlichst empfangen und großartig bewirtet mit Wein und Kuchen. Sogar ein Manöverball wurde veranstaltet.

Gegen Anfang April war für mich diese schöne Zeit vorüber, und wir begaben uns auf die Rückreise. Diesmal ging es aber mit der Eisenbahn von Graz aus in die Heimat. Die Fahrt führte uns in etwa zwei Tagen durch die herrliche Bergwelt über Bruck an der Mur, Leoben, Rottenmann, Selztal, Radstadt, Golling, Hallein, Salzburg, Rosenheim, München nach Oberau bei Garmisch-Partenkirchen. Es war ein fröhlicher Militärtransport. Unsere Waggons hatten wir mit Blumen und frischem Grün geschmückt.

Der Empfang in der Heimat war bei weitem nicht so herzlich, wie wir es uns gedacht hatten. Jedenfalls lange nicht so herzlich wie unser Empfang in Österreich, das muss vor allem deshalb gesagt werden, weil es die Österreicher heute nicht mehr wahrhaben wollen.

Für mich schlug nun wieder die Stunde, wo ich wieder zur Nachrichtenabteilung 7 nach München zurückkehren musste. Wir fühlten uns damals alle schon wie richtige alte Krieger und waren doch noch recht grüne militärische Anfänger im Vergleich zu unseren späteren Erlebnissen. Jedenfalls habe ich auch noch meinen ersten Orden (Medaille zur Erinnerung an den 12. März 1938) bekommen, was natürlich die Heldenbrust schwellen ließ.

Die 20 Fahnenjunker beim Umtrunk im Kloster Andechs

An dieser Stelle möchte ich auch kurz die Namen meiner Fahnenjunkerkameraden bei der Nachrichtenabteilung 7 festhalten, soweit sie mir noch in Erinnerung sind. Es waren dies:

Flugblatt, abgeworfen im März 1938 über Salzburg

Einsatz Sudetenland Okt. 1938

In München bei der N.7 begann wieder der Fahnenjunkerausbildungsdienst mit seinen vielen Strapazen und Übungen, denen ich allerdings verdanke, dass ich Reiten und Fahren mit Sechser-Gespannen, sowie Kraftfahren in den Klassen I - III erlernte. Außerdem wurde ich im Funken ausgebildet. Ich beherrschte schließlich die Morsetaste im Tempo 100 und konnte dieses Tempo auch aufnehmen. Des Weiteren erlernte ich sämtliche gebräuchlichen Schlüsselsysteme der deutschen Wehrmacht. Später wäre ich wohl kaum noch zur Erlernung dieser Fähigkeiten gekommen. So zog sich die Ausbildung über den Sommer und den Herbstanfang 1938 hin, und ich rechnete bald mit meinem Kriegsschulkommando. Aber vorher sollte noch der Einsatz im Sudetenland kommen, von dem wir bereits ein halbes Jahr früher, anlässlich des Einmarsches in Österreich, gesprochen hatten. Besonders überrascht hat uns dieser Einmarsch nicht.

Eugen Höflinger am 12.09.1938

Allzu viel ist über diesen kurzen ‚Krieg‘ auch nicht zu sagen. Ich war wieder meiner Stammabteilung mobilmachungsmäßig zugeteilt worden. Da ich inzwischen zum Fahnenjunkerunteroffizier befördert worden war, wurde ich als Truppführer bei der 3./Geb.Nachr.Abt. 54 (Funkkompanie) eingeteilt. Ich erhielt einen mittleren Geb.Funktrupp b in Stärke von 2 Uffz., 10 Mann und 5 Mulis. Mein 2. Uffz. war Uffz. Martin, eine lustige, frohe Seele und ein guter Kamerad. Diese kleine Truppe war mir nun für 4 Wochen unterstellt, und ich muss sagen, dass wir uns gut vertragen haben. Befehle musste ich fast nie geben. Wir waren alle ungefähr gleichalte, aktive Soldaten, die genau wussten, was die Aufgabe eines jedes Einzelnen ist.

Ich muss aber an dieser Stelle ausdrücklich bemerken, dass die Disziplin damals noch viel besser war als später, als man glaubte, sie nur mit NS.-Führungsoffizieren aufrechterhalten zu können.

Nachdem wir also am 25. September 1938 wieder einmal teilmobilisiert hatten, wurden wir auf die Bahn verladen und fuhren noch am gleichen Tag nach Passau. Dort erhielten wir Privatquartiere, wo wir es uns 3 Tage gut gehen ließen. Während dieser Zeit waren in München die Verhandlungen zwischen Chamberlain, Daladier, Mussolini und Hitler. Ich muss sagen, dass wir uns sehr wenig um Politik gekümmert haben. Für uns war alles mehr ein Erlebnis, das wir ganz gerne mitmachten.

Am 29. September 1938 ging dann endlich der Marsch von Passau an die tschechoslowakische Grenze los. Immer meinen Mannen voraus ging es durch den südlichen Böhmerwald nach Haunzenberg, das uns für eine Nacht Unterkunft bot. Am 30. September 1938 erreichten wir schließlich die Grenze zwischen Ulrichsberg und Glöckelberg. Die Quartiere waren dem Böhmerwald entsprechend recht kümmerlich, vor allem aber ausgesprochen ländlich, so mit Kuhstall und Stroh. Ich glaube, dass Betten nur ab Stabsoffizier aufwärts zur Verfügung standen.

Am frühen Morgen des 1. Oktober 1938 begann der Einmarsch in das Sudetenland. Die Grenze liegt in einem großen Wald auf der Wasserscheide Donau-Moldau/Elbe. Im deutschen Zollhaus haben wir noch eine kurze Rast gehalten. Dann begann der Einmarsch. Vorbei an tschechischen Straßensperren, die meines Erachtens eigentlich mehr zum Aufhalten von Schmugglerfahrzeugen gedacht waren, erreichten wir den ersten Ort im Sudetenland, das Dorf Glöckelberg. Den tschechischen Namen habe ich mir nicht gemerkt. Er ist mir zu schwierig gewesen.

Die tschechischen Grenzpfähle wurden übrigens von unserer Kompanie beim Grenzübertritt mitgenommen und später in der Kaserne in Oberammergau aufgestellt, wo bereits die von der österreichischen Grenze mitgebrachten Pfählen standen. Im Laufe der Zeit gesellten sich dann noch andere Grenzpfähle hinzu.

In Glöckelberg wurden wir von der sudetendeutschen Bevölkerung herzlich und mit Tränen in den Augen empfangen. Die Bevölkerung war aber so arm, dass sie uns nichts zum Empfang bieten konnte. Das Letzte was sie noch hatte, wurde ihr von der tschechischen Wehrmacht am gleichen Morgen bei ihrem Rückzug abgenommen. Schon in den nächsten Tagen kam es schließlich soweit, dass wir die Bevölkerung ernähren mussten, weil einfach nichts mehr zum Essen da war.

Am 2. Oktober 1938 ging es von Glöckelberg weiter. Der Marsch führte uns nach Oberplan - Schwarzbach. Der letztere Ort war unser heutiges Tagesziel. Hier im Moldaugrund war die Bunkerlinie der Tschechen aufgebaut. Für uns war das damals sehr interessant, waren dies doch die ersten Befestigungswerke, die wir aus der Nähe besichtigen und auch betreten konnten. In der Hauptsache handelte es sich um leichtere Werke, vor allem um Schützen- und Maschinengewehrbunker. Größere Werke, wie sie von Deutschland damals gerade am Westwall errichtet wurden, habe ich bei dieser Befestigungslinie nicht gesehen.

Die Anlage der einzelnen Werke war nicht ungeschickt. Es war besonders viel Wert auf gegenseitige Deckung gelegt worden. Jedoch war die gesamte Befestigungslinie noch nicht vollendet. Insbesondere war die Tarnung und Bepflanzung noch nicht sehr weit gediehen, so dass man die einzelnen Bunker sehr deutlich schon aus größerer Entfernung im Gelände ausmachen konnte. Deshalb bin ich heute noch der Überzeugung, dass ein Angriff auf diese Bunkerlinie keine allzu großen Schwierigkeiten bereitet hätte. Es wäre ohne weiteres möglich gewesen, die Bunker aus sicherer Entfernung durch Flak oder Pak außer Gefecht zu setzen. Wie spätere Versuche ergaben, waren unsere damaligen panzerbrechenden Waffen durchaus in der Lage, diese Aufgabe zu erfüllen. Wir haben versuchsweise diese Bunker aus verschiedenen Entfernungen mit verschiedenen Waffen beschossen, und uns dann die Ergebnisse genau angesehen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich mich an diesem Tag vor lauter Bunkerbesichtigen fast verirrt habe, und nur durch eifriges Suchen wieder in mein Quartier zurückgefunden habe.

Am nächsten Tag ging unser Marsch wieder weiter. Endziel war Andreasberg. In diesem Ort sollten wir uns nun etwa 14 Tage aufhalten. Der Ort selbst liegt hoch auf einem Hügelrücken, und man kann weit ins Tal in Richtung Prachatitz blicken, wo der Divisionsstab und meine Kompanie lagen. Ich hatte mit meinem Trupp die Funkverbindung zwischen der Division und einem Rgt. herzustellen. Ich glaube es war das Geb.Jäger Rgt. 100. Allerdings kam diese Funkverbindung taktisch nicht zum Tragen, da keine taktischen Sprüche zugelassen waren.

04.10.1938, der erste Feldpostbrief

Diese Maßnahme war befohlen worden, um den Tschechen nicht die Möglichkeit zu geben, unsere Absichten durch Entschlüsselung unserer Funksprüche zu erfahren.

Unser Quartier war in einer Wirtschaft mit Kegelbahn, und unsere Funkstelle hatten wir in einem Dachstübchen aufgebaut. Damit unseren Funkern die Zeit nicht zu lange wurde, wurden Betriebssprüche befördert. Da aber langsam auch der Stoff für Betriebssprüche ausging, kam ich auf die Idee, den Text einer alten Bibel, die eben in dieser Dachkammer lag, unserer Gegenstelle in Form von Funksprüchen durchzutasten. So wurde nun stündlich ein Funkspruch durchgegeben, und ich kann mich erinnern, dass wir einen ganz ansehnlichen Teil dieser Bibel in den 14 Tagen unseres dortigen Aufenthalts in den Äther gestrahlt

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