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Der Katholische Bahnhof: Roman
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eBook217 Seiten3 Stunden

Der Katholische Bahnhof: Roman

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Über dieses E-Book

Ronald ist Pächter des "Katholischen Bahnhofs", einer Kneipe, die er von seinem Vater übernommen hat. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt dem Fußballclub Arminia Bielefeld, seinem Sohn Ché-Daniel, dem ständigen Streit mit seiner Ex und anhaltenden finanziellen Engpässen. Trotzdem textet er ab und zu seine eigene Hauszeitung ("Die Thekenschlampe"); zur Unterhaltung für seine Gäste.
Der Sohn seines Vermieters, Spross der Fabrikantenfamilie Pretorius, schanzt Ronald den Auftrag für eine Familien- und Firmensaga zu ("Alter, schreib mal was Fettes á la 'Buddenbrooks'!"). So wird der Gastwirt zum Chronisten, der sich mit zunehmender Leidenschaft, mit Interesse und Energie in die Lebens- und Liebesgeschichte des "Jungen Fabrikanten Pretorius" verbeißt: Der Junge Fabrikant ist als Gymnasiast für alle nur "Werther", weil er ein unerschöpfliches Reservoir an Goethezitaten zu haben scheint. Ein echter Goethe Fan! Und als der sich in Marlene verliebt und man den beiden ihre Liebe nicht lassen will, beginnt eine so kuriose wie bewegende Liebesgeschichte, die in Deutschland beginnt und sich Jahrzehnte später in Kanada fängt.
Die wunderbaren Figuren im Roman von Irmin Burdekat lieben, werden getrennt, verrennen sich und landen am Ende wieder dort, wo sie losgelaufen sind. So kommt es, dass Ronald, der Chronist und Erzähler, von seiner eigenen Geschichte eingeholt wird. Er berichtet, interpretiert und dreht sich eigentlich doch nur um sich selbst. Und ganz plötzlich wird ihm bewusst, dass er mitten in seiner eigenen Geschichte steht: Marlene und Werther finden nach einem ganzen Leben am Ende zusammen und beschließen zu heiraten. Und sie laden Ronald, den Wirt vom "Katholischen Bahnhof", der ihrer beider Leben so liebevoll nachgezeichnet hat, ein, dabei zu sein. Die Stränge laufen nun ineinander, die Ereignisse überschlagen sich noch einmal, das Erzählkonzept wird aufgelöst, da es über sich selbst hinauswächst und …. was lange währt, wird endlich gut.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum9. März 2020
ISBN9783948272074
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    Buchvorschau

    Der Katholische Bahnhof - Irmin Burdekat

    Zoey

    Die, die, die Leude woll’n das krass serviert!

    Fünf Sterne deluxe

    Kennen Sie den Katholischen Bahnhof? Die Kneipe habe ich vor sieben Jahren von meinem Vater übernommen, als der plötzlich an Lungenkrebs starb. 33 Jahre lang täglich 60 Gitanes. Von sowas kommt sowas. Der Laden hieß bei meinem Vater noch Zum Lindenbaum. Mit dem neuen Namen gelang mir eine glatte Umsatzhalbierung, allerdings bei gleichzeitiger Verdoppelung des Niveaus meiner Gäste. Auf die Tische lege ich regelmäßig eine von mir verfasste Hauszeitung – Die Thekenschlampe –, in der ich alles rauslasse, was sich in mir zusammenbraut. Nicht jeder Gast hat Verständnis dafür, viele begreifen den Inhalt auch gar nicht, manche schütteln nur mit dem Kopf und basteln Schwalben aus den gefalteten DIN-A4-Blättern. Und Humor ist bei mir das, worüber ICH lache! Für manche meiner Gäste ein Problem.

    Bevor ich den Betrieb von meinem Vater übernahm, führte mich die Agentur für No-Jobs unter „Arbeitsloser Halb-Akademiker". Wahrscheinlich noch in einem hölzernen Karteikasten. Ich habe einige Semester Geschichte und Soziologie studiert, bin 41 Jahre alt und seit genau so vielen Jahren bettelarm. Ich stehe links, wähle aus Sentimentalität manchmal linksradikal und handele, den Umständen geschuldet, wirtschaftsliberal. Die Umstände sind Hanna – die mich nach vier gemeinsamen Jahren verlassen hat – und unser zweijähriger Sohn Ché-Daniel.

    Meine Kneipe, also den Katholischen Bahnhof, habe ich für ordentliche 538,- Euro im Monat von der Familie Pretorius gepachtet. Denen gehört hier das halbe Viertel. Ich kenne den Junior. Sogar ganz gut. Er steht, ebenfalls aus Sentimentalität, in der Stehkurve bei der Arminia neben mir. Wir holen uns gegenseitig das Bier und haben beim Abstieg engumschlungen geweint. Ansonsten sind wir uns nicht nahe. Wie wenig nah, erkennt man daran, dass er mich beim Eintreten in den Bahnhof mit „Guten Tag, Herr Dr. Stiegmann grüßte. Im Stadion bin ich immer: „Ronald, hol’ mal Bier! Dennis Pretorius ist ein Idiot. Und damit genügend beschrieben. Fairerweise muss ich erwähnen, dass er mir das förmliche „Sie" angedroht hat, als ich mal wieder mit der Miete im Rückstand war.

    Dennis Pretorius schob sich lässig einen Barhocker vor den Bierhahn, aus dem ich souverän, ohne hinzuschauen, eine Runde Alt für den Stammtisch zapfte. Wenn man Augenkontakt zu den Kandidaten an der Theke behält, wird alles halb so schlimm, dachte ich, denn ich ahnte, was kommen würde. Aber es kam anders. „Hör’ mal, Herr Stiegmann, ich hätte da einen Deal für dich. Du kennst dich doch aus mit Büchern und Schreiben und so. Hast du nicht während deines Studiums bei einer Zeitung gejobbt? Und du hast doch auch mal einen Wälzer über die Historie des Schlosshofs geschrieben. Stimmt doch, oder? Wie wäre es, wenn du die Geschichte unserer Familie nebst Firma einmal zu Papier bringen würdest? Familiensaga oder so. Irgendwas Fettes wie die Buddenbrooks, verstehst du? Aber schön seriös. Soll ein Geschenk werden für die Belegschaft. Nächstes Jahr haben wir Hundertjähriges."

    Spontane Cleverness ist sonst nicht so mein Ding, aber in diesem Fall klappte es. „Never!, sagte ich, und wenn ich mich recht entsinne sogar ziemlich laut, empört und mit unterdrückter Neugierde. Dennis ließ nicht locker: „Komm schon Alter, du brauchst doch ewig Geld. Wir lassen uns den Spaß dreißigtausend kosten, abzüglich Mietrückstände.

    Ahnt irgendjemand, was dreißigtausend für mich bedeuten? Meine Mutter wartete schon seit Jahren auf, ja Mensch, wie viel war das noch? Ich hatte kein Auto mehr (für den Führerschein hätte ich zur Nachschulung müssen), Ché-Daniel sollte in den Waldorf-Kindergarten, Hannas Vater hatte mir fünftausend geliehen und einige Lieferanten hofften auf Überweisungen.

    Ich brüllte nochmal eindrucksvoll „Never! und stieß mich dabei vor Entsetzen vom Schanktresen weg nach hinten, um dann ganz langsam wieder in die alte Position zurückzugleiten. Dennis Pretorius hat keine vernünftigen Reaktionsmuster für solche Situationen. Anstatt sofort den Betrag zu erhöhen, grinste er nur wortlos. Folglich blieb es an mir hängen, eine verbale Reaktion in Gang zu bringen. Ich schüttelte langanhaltend den Kopf, bevor ich sagte: „Aber ich schreibe so, wie es mir passt. Keine Gefälligkeitsliteratur, verstehst du? Schlagartig beendete Dennis Pretorius darauf sein Grinsen und sagte: „Okay, aber dann sind nur zwanzig drin. Zwanzigtausend Euro, zweitausend Vorkasse, den Rest in Häppchen, je nach Fortschritt. Und alle Informationen kommen von mir! Ich erzähl’ dir die Geschichte, und du schreibst."

    Ich wiederholte mein Empörungsprogramm, und wir landeten endgültig bei fünfundzwanzigtausend. Wir verabredeten Orte und Zeiten, an denen wir uns treffen könnten und zu denen der Stoff zu mir rüberwachsen sollte. Zu mir! Warum ausgerechnet zu mir? Hanna behauptet, ich sei ein Freak mit schwersten Entwicklungsstörungen. Sie will mich erwachsener, aber ich schätze meine ewige Jugend, weshalb ich mich gegen alles wehre, was mir vereinnahmend vorkommt. Doch nun vereinnahmte mich ausgerechnet die Pretorius-Sippe mit ihrer großbürgerlichen Unternehmer- Vita. Nach dem ersten Treffen mit Dennis verfasste ich einen Probetext, der ihm sofort gefiel. Ohne ihm diese Passage zu zeigen, begann mein Originaltext so:

    Der Junge Fabrikant fährt wie stets in rasantem Tempo den Hausberg hoch, um dann die letzten Meter zu laufen. Allein in diesem ersten Satz sind bereits drei Ungenauigkeiten zu bemängeln. Zunächst ist der Junge Fabrikant in Wirklichkeit schon ziemlich alt. Seinen Vater, der nun schon über dreißig Jahre tot ist, nannte man den Alten Fabrikanten. So wurde sein Sohn automatisch der Junge Fabrikant und blieb es auf Dauer. Der Sohn Dennis, also der Enkel des Alten Fabrikanten, wird sich diesen Titel nicht mehr verdienen, da er nicht wie Vater und Großvater die Geschäfte der Familie weiter betreiben wird. Dann muss man da- rauf hinweisen, weshalb es bei den Pretorius’ üblich ist, dem Hausberg seinen richtigen Namen zu verweigern. Der Hausberg ist der Ginsterberg. Da aber das Haus der Fabrikanten an oberster Stelle thront, spricht die Familie seit jeher von „ihrem" Hausberg. Und zuletzt ist es falsch, den Eindruck zu vermitteln, der Junge Fabrikant sei allein deshalb den Hausberg hi- naufgefahren, um die letzten Meter zu laufen. Richtig ist es, darauf hinzuweisen, dass dem Fabrikanten der Wagen mit leerem Tank stehen bleibt und er laufen muss. Wütend! Keinen Blick für den wundervollen Sommertag, der die Luft angenehm erwärmt über die Haut streichen lässt.

    Der Junge Fabrikant steht nach drei Stufen vor dem Portal des Hauses. Eine edle, aufwändig verzierte Holztür mit Seitenwangen. Besonders hervorstehende Ornamente sind mit Blattgold beschlagen, der Rest des schweren Eichenholzes ist wohlüberlegt rot gestrichen. Kein aggressives Rot, nicht wie Feuerwehr oder Ferrari, aber dennoch selbstbewusst strahlend und auffällig. Die Tür bekam ihre neue Farbe anlässlich des zehnten Todestages des Alten Fabrikanten. Ein Akt der nachtragenden Aufsässigkeit. Wenn der Schlüssel im Schloss steckt, beginnt normalerweise der Einsatz für Dutschke. Dutschke bellt dann wie Dutschke. Selbst die engsten Familienmit- glieder müssen seine Akustikattacken erdulden, wenngleich kürzer als Fremde. Heute ist Dutschke im Garten. Ein piekfeiner Retriever in sattem Schwarz. Der Junge Fabrikant hetzt die Stufen hoch, so schnell es die schlappe Kondition und das schwache Herz eben zulassen. Er muss in die dritte Etage, in sein Zimmer! Sein Zimmer, seit er denken kann. Früher eine Kinderhöhle, bunt und mit einem Teppich aus unaufgeräumten Lego-Steinen. Später dann eine coole Bude mit Elvis Presley in Petersburger Hängung. Heute ein Festival in Nussbaumholz. Allerfeinste Tischlerarbeit. Jeder Quadratzentimeter sinnvoll ausgefüllt mit Schränken, Regalen und einem üppigen Designer-Schreibtisch. Genau auf diesem Schreibtisch liegen Unterlagen, die der Fabrikant vergessen hat und die für die Besprechung in einer knappen halben Stunde wichtig sind. Er rafft die Papiere zusammen, schiebt sie hastig über- einander. Dann, im Umdrehen, noch ein kurzer Blick aus dem Fenster. In den Garten. Ein das Leben verändernder Blick, der nun länger und länger wird. Hinter einem wohl zwei Meter hohen Rhododendronbusch...

    Dennis gefiel meine Schreibe – sagte ich das schon? – und ich erreichte damit, was ich wollte. Er ließ mir freie Hand, und ich verbiss mich in die Geschichte des Jungen Fabrikanten. Ich erkannte eine gewisse Seelenverwandtschaft zu diesem Typen und entwickelte Interesse an seinem Leben. Falsch: an seinem Lebensweg! Außerdem, das sei zugegeben, entfachte er meine Fantasie. Das wurde eine schwere Last im Hinblick auf die erwünschte Firmenchronik, auf die es bei mir eher nicht hinauslief.

    Mich interessieren nämlich Menschen. Und der Zickzackkurs durchs Leben, den Dennis’ Vater hingelegt hatte, packte mich.

    Der Junge Fabrikant wird 1942 als einziger Sohn der Eheleute Elfriede und Wilhelm Pretorius geboren und auf den damals progressiven Namen Manfred getauft. Er gibt zwanzig Jahre später zum Besten, dass es seine Mutter war, die ihm den Namen Adolf erspart hat. Manfred kommt in den Genuss, Kriegskind genannt zu werden, wenngleich es im Hause Pretorius immer genug zu essen gibt. Hunger im Sinne von Nahrungsmittelknappheit bleibt ihm fremd. Hunger nach Anerkennung, Liebe und Trost hingegen wird zeitlebens sein Wegbegleiter. Soweit es sich beurteilen lässt, ist die Jugend des zukünftigen Jungen Fabrikanten ungestört. (Darum zumindest beneide ich ihn. Während ich mich als Pubertierender gegen die starren Regeln meines Elternhauses auflehnen musste – Sitz gerade! Kämm dir die Haare! Rede nicht ungefragt dazwischen! Tanz nicht aus der Reihe! Was sollen denn die Leute denken! Und so weiter… –, muss Manfred Pretorius nur gegen imaginäre Wände anrennen.)

    Keine Zuneigung ist seine Regel, kein Interesse seine Strafe, keine Zuwendung sein täglich’ Brot. Dagegen kann er opponieren. (Das erschien mir wiederum schwerer als mein Schicksal. Stell dir vor, du kommst als Fünfzehnjähriger mit einer Sicherheitsnadel in der Wange nach Hause und hörst bloß: „Essen steht im Kühlschrank.")

    Die Eltern Pretorius schleppen eine Menge Macken mit sich herum, die der kleine und dann größer werdende Manfred ausbaden darf. Aber was soll man schon machen, wenn der Vater sein Kriegstrauma durch innere Emigration und die Ausschaltung jeglicher Gefühle auslebt? Wie begegnet man einer Mutter, die ihre Ehe als Zwangsheirat versteht, in erotischen Gedanken einer Schulfreundin nachträumt und ihr Leben durch immer mehr Alkohol vernebelt? Der zukünftige Junge Fabrikant ist eine arme Sau. Da helfen auch kein Internat, keine zehn Loks auf der Märklin-Eisenbahn, kein Plattenspieler im Kinderzimmer und kein Taschengeld ohne Limit.

    Als Siebzehnjähriger dann die große Wende. Marlene Lendruscheit, die fast sechzehnjährige Nachbarstochter, entpuppt sich plötzlich als frauliches Wesen, hat auf einmal einen völlig anderen Blick drauf, und es kommen begehrenswerte Formen in Manfreds Blickfeld. Waren die schon immer da? Er grübelt und wertet seine Entdeckungen als schöne Überraschung, um die man sich mal kümmern sollte. Lendruscheits sind Flüchtlinge, kommen aus Jägertacktau, was angeblich drei Schienen hinter Danzig liegt. Sie leben beengt im Souterrain der Nachbarsvilla. Vater Lendruscheit ist kriegsversehrt, hat ein Bein verloren, aber seinen unerschütterlichen Glauben an den Führer gerettet. Die arme Marlene. Und dann auch noch katholisch. Herr Lendruscheit arbeitet als Pförtner in der Filter- und Lüftungsanlagenbaufirma der Familie Pretorius. Ein Job, der ihn verbittert. Das Bein für Volk und Führer gegeben, und als Dank dafür wird der ehemalige Zimmermann nun in eine enge gläserne Kabine abgeschoben, muss Meldezettel ausfüllen und einen bahnschrankenähnlichen Schlagbaum öffnen und schließen. Dabei wird er vollgepufft mit den stinkenden Dieselabgasen der anfahrenden LKW. Mutter Lendruscheit erträgt still ergeben ihren Mann, kümmert sich um die Wäsche und Fußböden der Familie Pretorius und um ihre einzige, geliebte Tochter, sodass kein Rest des Kümmerns für sie selber übrigbleibt.

    Manfred Pretorius feilt an Plänen. Marlene Lendruscheit hat schon einen. Sie öffnet das Vorderradventil, lässt nahezu alle Luft entweichen und schiebt das Rad rüber zu den Pretorius’. Manfred liegt im Garten hinter einem Rhododendronbusch. Neben ihm sein Koffer- radio, aus dem amerikanische Soldaten-DJs sogenannte Negermusik senden. „Hast du vielleicht eine Pumpe?" Na klar hat Manfred eine. Ha, und was für eine sogar! Und außerdem gibt’s auch eine Luftpumpe. Der Reifen ist schnell wieder prall. Den Weg zur Eisdiele fahren sie nebeneinander. Marlene ist zu diesem Zeitpunkt schon ausgewachsen, etwa einen Meter fünfundfünfzig groß. Also eher klein. Sie hat ein rundes, fröhliches Gesicht, starke Augenbrauen und damit klare Konturen. Ihre Haare sind halblang, dunkelblond und auffällig voluminös. Sie ist eine gute Schülerin und besucht die elfte Klasse des Liebfrauengymnasiums. Alle Klassenkameradinnen mögen sie und lachen sich schlapp, wenn Marlene singt. Singen muss! Sie kann es nicht und im Sport ist sie ebenfalls eher unteres Mittelmaß. Aber sie ist kommunikativ.

    Sie hat ein gewinnendes Wesen. Behaupten jedenfalls ihre Lehrer. Und Manfred wird es auch behaupten. Auf dem Rückweg vom Eiscafé fahren sie schon Hand in Hand. Natürlich nur, weil der junge Pretorius ein Gen- tleman ist und der Nachbarstochter bei dem leichten Anstieg zum Hausberg behilflich ist. Tage später. Der erste Kuss? Marlene will, glaubt aber, nicht zu dürfen. Manfred will, ist aber kein Draufgänger. Er will nur, wenn sie es will. Wieder hilft ein Plan von Marlene. „An meinem sechzehnten Geburtstag darfst du mich küssen. „Wann hast du denn Geburtstag? „Heute!"

    Der Rhododendronbusch in Pretorius’ Garten wird zum Dreh- und Angelpunkt einer auflodernden Liebe. Hinter ihm gibt es eine neutrale Zone. Die Stelle kann weder aus dem Souterrain noch aus den ersten beiden Etagen der Villa Pretorius eingesehen werden. Hier treffen sich Marlene und Manfred. Manchmal nur für einen kleinen Kuss. Dann wieder, wenn die Eltern Lendruscheit vor ihrem Grundig-Radio sitzen und Operetten hören, langt Manfred über den Zaun, umfasst die zierliche Marlene, greift unter ihre Schenkel und wuchtet sie herüber. Dann werden die Küsse länger und Hände und Finger gehen auf Wanderschaft. Marlene riecht nach frischer Buttermilch, gemixt mit einem zarten, antörnenden Ton von sauberem Teer: die Reste ihrer Akne-Creme. Manfred – er würde einen Preis beim James-Dean-Doppelgänger-Contest gewinnen – riecht nach der speckigen Wildlederjacke, die ihn sieben Tage die Woche wie eine Panzerung umgibt. Seine James-Dean-Physiognomie hält sich nicht in der Gegenwart von Marlene. Ist sie bei ihm, weichen seine Züge auf und zeigen Freundlichkeit, Großzügigkeit, ein wenig Stolz und ganz viel verliebte Gefühle. Sie schaut zu ihm auf, er auf sie herunter, dennoch sind beide auf Augenhöhe. Das Jugendzimmer in der dritten Etage des Hauses Pretorius profitiert ebenfalls von der neuen Entwicklung in Manfreds Leben. Ehedem herumfliegende Socken, Unterwäsche, Badesachen, Schuhe, Cola-Flaschen, mit angetrockneten Lebensmittelresten verdrecktes Geschirr, alles wird nun fein säuberlich unters Bett geschoben. Ein Ruck an der Tagesdecke, und schon könnten nur noch kleine Schildkröten aus einiger Entfernung das neuangelegte Depot entdecken. Auch die Ordnung auf der Fensterbank – hier liegen alte Schulbücher und seit Jahren ein Berg unbeantworteter Glückwunschkarten zur Konfirmation – erhält ein neues System. Das Erkerfenster wird Beobachtungsposten und Arbeitsplatz. Schularbeiten erledigt Manfred ab sofort nur noch im Stehen. Soll ja auch gesünder sein. Alle sechzig Sekunden geht sein Blick zu dem Rhododendronbusch. Bewegt sich da was? Huscht da eine kleine Gestalt? Geht da plötzlich in den Abendstunden eines der Welthölzer, die Manfred Marlene zugesteckt hat, in Brand? Eine Fackel der Liebe? Eine Fackel der Begierde?

    Puh, alles etwas pathetisch. Zu meiner Zeit hätten wir es mit einer Taschenlampe gemacht. Die Kids heutzutage würden ihr Handy traktieren. Bis hierher war die Story der beiden Verliebten doch einfach nur süß. Aber eben auch total normal. Dennoch traten diese Julia und ihr Romeo bald getrennt von der Bühne ab. Zwar nicht tot, aber fast. Und natürlich spielten die Eltern dabei die Schurkenrollen. Widerlicher Standesdünkel, einschüchternde Pfaffenhörigkeit, Dogmen und Vorurteile und sogar eine Prise Fremdenfeindlichkeit kamen ins Spiel. Wenn ich an meiner Theke mit Drama gefüttert werde, weil mir ein Gast angeblich sein Herz ausschüttet, dann sind es letztlich nur seine Unfähigkeiten, die er mit gestelzten Worten anderen in die Schuhe schiebt. Aber das Drama vom Ginsterberg war echt und damit für mich schwer einzutüten.

    Zunächst läuft alles unauffällig und zur vollsten Zufriedenheit der Liebenden. Wenn Manfred die Eisdiele betritt, fragt die italienische Kellnerin nur „Una oppure due?" Meist werden es dann due Eisbecher, weil Marlene von der Schule bis hierher rennt und zwanzig Minuten der Mutter nicht auffallen. Ins Freibad kann man auch, wenn das Wetter schlecht ist. Es könnte ja die Sonne noch herauskommen. Und gefroren wird nicht mehr.

    Die Niederung entlang des Talbachs hat einen befestigten Weg zu einer Seite. Und einen verschlungenen Trampelpfad auf der anderen. Da stehen viele Sträucher. Wenn Manfred zu schnell kommt und das Taschentuch nicht rechtzeitig am Platz ist, hilft der Talbach mit seinem klaren Wasser. Das Gebüsch hält dicht und wird ebenso wie der Rhododendron ein Freund der Liebenden. Knapp ein halbes Jahr geht das so. Die Mütter ahnen was, aber die Väter bleiben blind. Frau Lendruscheit findet nicht die richtigen Worte, und Frau Pretorius hat Likör.

    „Wirst du mich

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