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Unter Markenmenschen

Unter Markenmenschen

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Unter Markenmenschen

Länge:
142 Seiten
1 Stunde
Herausgeber:
Freigegeben:
15. Mai 2020
ISBN:
9783946086536
Format:
Buch

Beschreibung

China 2018 – Geburt der ersten gentechnisch veränderten Menschen. Eine Welt der Markenmenschen aus dem Gen-Design-Labor rückt immer näher. In einer solchen Welt schreibt die junge Simone, eine wildwüchsige "No name", ein Tagebuch, in dem sich eine von Körperkult, Markenfetischismus und Perfektionswahn beherrschte Gesellschaft offenbart. Sexualität wird als pragmatische Triebabfuhr organisiert, Kinder im Labor marktgerecht gestaltet – und die Liebe?
Als in Simone, der verachteten Außenseiterin, ein genetisch nicht optimiertes Kind heranwächst, sieht sie sich ein einem schweren Konflikt gefangen.

"Einfühlsam schildert das Buch, wie einsam sich jemand fühlt, der nicht gen-optimiert ist."
Greenpeace-Magazin
Herausgeber:
Freigegeben:
15. Mai 2020
ISBN:
9783946086536
Format:
Buch

Über den Autor

Birgit Rabisch studierte Soziologie und Germanistik und lebt als Autorin in Hamburg. Sie hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter den utopischen Roman »Duplik Jonas 7« (als E-Book bei duotincta), der zum Bestseller und Standardwerk für den Schulunterricht zum Thema Gentechnologie avancierte. Bei duotincta sind die Romane »Die vier Liebeszeiten«, »Wir kennen uns nicht«, »Putzfrau bei den Beatles« und »Die Schwarze Rosa« erschienen.


Buchvorschau

Unter Markenmenschen - Birgit Rabisch

verlag duotincta

Birgit Rabisch

Unter Markenmenschen

Roman

für meine Freundin Brigitte

wildwüchsig, zum Glück

Vorwort zur Neuauflage

Der Roman Unter Markenmenschen ist kurz nach der Jahrtausendwende 2002 im Fischer-Verlag zum ersten Mal veröffentlicht worden.

Das Jahr 2002 nach Christus war das Jahr 24 nach Louise Brown, dem ersten „Retortenbaby", und das Jahr 6 nach Schaf Dolly, dem ersten geklonten Säugetier. Dies waren Meilensteine für die Entwicklung der noch jungen Gentechnologie.

Ich erinnere mich gut an die Versicherung, man werde in vitro erzeugte menschliche Embryonen nur nutzen, um unfruchtbaren Frauen zu einem eigenen Kind zu verhelfen. Die Hoffnung auf diese Selbstbeschränkung erschien mir damals wenig realistisch, war doch der Embryo jetzt uneingeschränkt zugänglich. Heute werden in vielen Ländern Embryonen zu unterschiedlichsten Zwecken (Stammzellgewinnung, Forschungsklonen, Leihmutterschwangerschaften, Präimplantationsdiagnostik etc.) gezeugt, geklont, verbraucht. Ich erinnere mich auch gut, dass ich meinen Roman Duplik Jonas 7, der von geklonten Menschen handelt, zu einer Zeit schrieb, als es noch hieß, man werde Säugetiere noch auf unabsehbare Zeit nicht klonen können. Als mein Roman schließlich 1992 erschien, war diese unabsehbare Zeit auf gerade mal vier Jahre geschrumpft.

Auch Unter Markenmenschen handelt von einer Welt, die beim Erscheinen des Romans 2002 noch unabsehbar weit entfernt schien, die nur mein Hirngespinst war, eine zukünftige Welt, in der gentechnisch optimierte Menschen leben, Menschen aus dem Gen-Design-Labor. Ich nannte sie Markenmenschen.

So wurde der Roman folgerichtig als Science-Fiction klassifiziert und für den Deutschen Science-Fiction-Preis 2003 und den Kurd Laßwitz-Preis 2003 nominiert. Andererseits passte er nicht wirklich in dieses Genre, hatte so gar nichts von Star Wars und war von einer Frau geschrieben, noch dazu einer deutschen. Das war sehr untypisch in diesem männerdominierten und von der angelsächsischen SF geprägten Segment der Literatur. Zudem beschrieb der Roman die Welt aus der Sicht einer jungen Frau und enthielt auch noch eine Liebesgeschichte, in der die Erotik nicht zu kurz kam. Als wäre das nicht genug, war er in der Reihe Die Frau in der Gesellschaft erschienen, einer Frauenbuchreihe des Fischer-Verlages. Also wurde er flugs dem Genre Frauenliteratur zugeordnet. Kann es für einen Roman ein schlimmeres Etikett geben?

Gut zugekleistert mit den beiden Etiketten Science-Fiction und Frauenliteratur wurde es Menschen, die keine Fans dieser Genres waren, nicht leicht gemacht, auf Unter Markenmenschen aufmerksam zu werden.

Machen wir einen Sprung in das Jahr 2015. Die hauptsächlich von den beiden Forscherinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna entwickelte Gen-Schere CRISPR/Cas wird als Breaktrough of the Year ausgezeichnet. Es gibt also jetzt das Werkzeug, mein Hirngespinst von genetisch optimierten Menschen in absehbarer Zeit Realität werden zu lassen.

2018 begeistert sich der Verlag duotincta für eine Neuveröffentlichung von Unter Markenmenschen und es gelingt mir, die Rechte vom Fischer Verlag zurückzuerhalten. Ich fange an, den Roman zu überarbeiten. Am 24.11.2018 kann ich ihn bei einer Lesung in der wunderbaren Alten Büdnerei in Kühlungsborn vorstellen, für die ich das Motto wähle Ist das noch Science-Fiction oder schon Realität? Nach der Lesung diskutiere ich mit dem Publikum über die Möglichkeit, das Genom des Menschen mit der CRISPR/Cas Methode zu verändern und stelle das Buch Eingriff in die Evolution von Jennifer Doudna vor. Sie musste mit Erschrecken feststellen, dass die Gen-Schere CRISPR heute schon für ca. 100 Dollar im Internet zu bestellen ist. Sie fordert ein Moratorium für den Eingriff in die Keimbahn des Menschen und warnt vor den Gefahren. Aber wird diese Tür wirklich geschlossen bleiben, frage ich das Publikum, und nicht nur ich sehe das skeptisch. Irgendwann wird die Tür mit dem Versprechen auf die Ausmerzung von Krankheiten geöffnet werden und dann wird in sehr absehbarer Zeit der genoptimierte Mensch sie durchschreiten. „Wird wohl am ehesten in China passieren", vermutet ein Herr aus dem Publikum und das scheint auch mir wahrscheinlich.

Zwei Tage später, am 26.11.2108, geht die Nachricht von der Geburt der „CRISPR-Zwillinge" in China um die Welt.

Das ist die Situation, in der ich Unter Markenmenschen für die Neuveröffentlichung überarbeitet habe. Ich habe nur sehr moderate Änderungen vorgenommen. Es ist mir wichtig, dass der Roman seine Uneindeutigkeit nicht verliert, dass er sich nicht einpasst in marktgängige Typisierungen, dass er sich weiter im Offenen bewegt, dem originären Raum der Literatur.

Ich bin sehr froh darüber, dass der Roman von duotincta neu aufgelegt wird, einem Verlag, der seine Bücher nicht mit Etiketten wie Frauenroman, Science-Fiction, Liebesroman, Erotische Literatur etc. zuklebt. Ich fühle mich sehr gut aufgehoben in diesem Verlag, der anspruchsvolle und unterhaltsame Belletristik jenseits der Schubladen macht und dabei versucht „die Pfade der vorherrschenden, ewiggleichen und algorithmengesteuerten Buchlandlandschaft zu verlassen".

Und wenn die verzweifelte Buchhändlerin fragen sollte: „In welches Regal soll ich Unter Markenmenschen denn nun einordnen?"

Am besten in keines, sondern das Buch gut sichtbar auf dem Tisch mit den interessanten Neuerscheinungen platzieren!

8. Februar

Liebe Mama,

ja, so möchte ich dich nennen, obwohl kein Mädchen meines Alters sonst noch so ein Wort in den Mund nimmt. Aber ich möchte dich trotzdem nicht einfach Mutter nennen, obwohl ich von dir nicht viel mehr weiß, als dass mein Genom zur Hälfte von dir stammt. Solange ich lebe, bist du schon tot. Als ich deinen Körper verlassen musste, hast du mich verlassen. Warum schreibe ich an eine mir Unbekannte, die noch dazu tot ist und die keiner meiner Sätze erreichen kann? Ich weiß es nicht.

Als Benjamin mir zu meinem siebzehnten Geburtstag dieses Buch schenkte, das er bei einem seiner vielen Besuche in Antiquariaten aufgetrieben hat, habe ich zuerst nur das Äußere bewundert: den Leineneinband mit den aufgedruckten Rosen und dem in Goldbuchstaben eingeprägten Titel TAGEBUCH. Beim Blättern in den leeren Seiten fiel mir auf, wie angenehm sich das Papier anfühlte.

„Bütten!", sagte Benjamin stolz.

Als Krönung des Ganzen empfand ich aber das kleine vergoldete Schloss mit dem winzigen Schlüssel – zwar absolut ungeeignet, Herzensergüsse sicher zu verwahren, aber einfach zu süß!

Ich legte das Buch in meinen Nachttisch und freute mich daran, wie an den vielen anderen schönen, nutzlosen Dingen, die mein Bruder aus den Antiquariaten anschleppt. Die Idee, es tatsächlich selbst als Tagebuch zu verwenden, kam mir zuerst gar nicht. Ich habe bisher nie etwas über mich geschrieben, und wenn, hätte ich es meinem Allphone diktiert.

Erst als Benjamin vor ein paar Tagen auch noch mit einem Füllfederhalter ankam, dazu königsblaue Tinte und ein Stapel sogenanntes Löschpapier, hatte ich die verrückte Eingebung, dieses Buch tatsächlich als Tagebuch zu benutzen, die weißen Büttenseiten mit blauen Worten zu bedecken – ganz wie die Menschen früher. Im Museum habe ich mal eine Reihe von Handschriften im Original gesehen. Man muss sich mal vorstellen, dass damals ganze Bücher von Hand geschrieben wurden! Ich bin es natürlich nicht gewohnt, irgendetwas, außer vielleicht mal ganz kurze Notizen, direkt niederzuschreiben. Aber ich habe es immerhin noch gelernt. Seit man alles ins Allphone diktieren kann, geht diese Fähigkeit zunehmend verloren und wird wohl auch bald aus dem Lehrplan der Schulen gestrichen. Ich war jedoch plötzlich davon fasziniert, mit diesem urtümlichen Schreibgerät Füllfederhalter meine Gedanken zu Papier zu bringen. Mir schien diese unzeitgemäße Art meinen unzeitgemäßen Gedanken angemessen.

Ich tunkte die Stahlfeder ins Tintenfass, drehte am Ende des Kolbens und saugte die tiefblaue Flüssigkeit in den Füllfederhalter. Ich nahm ein Blatt Papier und übte mich im Schreiben ein. Schließlich traute ich mich, das Tagebuch aufzuschlagen, und schrieb in großen Buchstaben auf die erste Seite: SIMONE.

Ich trocknete meinen Namen mit einem Blatt des Löschpapiers und betrachtete ihn. Er erschien mir vertraut und fremdartig zugleich, Gefühle, die ich auch mir selbst gegenüber habe: Mal bin ich mir ein offenes Buch und mal eins mit sieben Siegeln.

Mehr schrieb ich an diesem Tag nicht, nur meinen Namen. Doch jetzt habe ich also tatsächlich angefangen, ein Tagebuch zu schreiben. Drei Seiten sind schon mit den Auf- und Abschwüngen meiner Hand bedeckt, ich komme immer flotter voran, und vielleicht komme ich auf diese Weise ja auch der SIMONE vom Titelblatt ein wenig auf die Spur.

Wer ist sie?

Sie ist ein mutterloses Kind. Daher auch dieser merkwürdige Anfang, als könne sie sich an eine Frau wenden, die es seit siebzehn Jahren auf dieser Welt nicht mehr gibt, als könne sie einen Kontakt herstellen, der unmöglich ist, eine Antwort erhalten, wo ihr höchstens ihr eigenes Echo entgegenschallen kann. Lächerlich! Wie kann sie bei einer Toten Halt und Geborgenheit suchen? Einer Toten, die noch dazu schuld ist an ihrer Fremdheit in der Welt!

Du bist es doch gewesen, Mutter (nein, jetzt kann ich dich doch nicht Mama nennen), die mich als ungestaltetes Wesen, wie sie sonst

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