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WO WAREN SIE HEUTE NACHT?: Der Krimi-Klassiker!

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WO WAREN SIE HEUTE NACHT?: Der Krimi-Klassiker!

Länge:
294 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
15. Mai 2020
ISBN:
9783748741060
Format:
Buch

Beschreibung

Wenn man in einer schönen Mai-Nacht um Viertel vor elf Uhr aus dem Schlafzimmerfenster eines Strandhotels blickt, so erwartet man kaum, Augenzeuge eines Mordes zu werden. Aber gerade das wurde Andrew Craig - oder er glaubte es zumindest.
Er hatte durchaus Veranlassung, zu dieser Stunde aus seinem Schlafzimmerfenster zu blicken, denn er wollte einen Sputnik beobachten. Es war ein neuer Sputnik, größer und schneller als die, welche die Russen bisher ins All geschickt hatten; genau um 22.48 Uhr sollte er England überfliegen. Da der Himmel klar und wolkenlos war, war der Augenblick günstig. Bewaffnet mit einem starken Nachtfernglas stand Andrew Craig also am Fenster des Strandhotels...

Der Roman Wo waren Sie heute Nacht? von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; † 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1959; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte im gleichen Jahr.
Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.
Herausgeber:
Freigegeben:
15. Mai 2020
ISBN:
9783748741060
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

WO WAREN SIE HEUTE NACHT? - Victor Gunn

Kapitel

Das Buch

Wenn man in einer schönen Mai-Nacht um Viertel vor elf Uhr aus dem Schlafzimmerfenster eines Strandhotels blickt, so erwartet man kaum, Augenzeuge eines Mordes zu werden. Aber gerade das wurde Andrew Craig - oder er glaubte es zumindest.

Er hatte durchaus Veranlassung, zu dieser Stunde aus seinem Schlafzimmerfenster zu blicken, denn er wollte einen Sputnik beobachten. Es war ein neuer Sputnik, größer und schneller als die, welche die Russen bisher ins All geschickt hatten; genau um 22.48 Uhr sollte er England überfliegen. Da der Himmel klar und wolkenlos war, war der Augenblick günstig. Bewaffnet mit einem starken Nachtfernglas stand Andrew Craig also am Fenster des Strandhotels...

Der Roman Wo waren Sie heute Nacht? von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; † 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1959; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte im gleichen Jahr.

Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

WO WAREN SIE HEUTE NACHT?

  Erstes Kapitel

Wenn man in einer schönen Mai-Nacht um Viertel vor elf Uhr aus dem Schlafzimmerfenster eines Strandhotels blickt, so erwartet man kaum, Augenzeuge eines Mordes zu werden. Aber gerade das wurde Andrew Craig - oder er glaubte es zumindest.

Er hatte durchaus Veranlassung, zu dieser Stunde aus seinem Schlafzimmerfenster zu blicken, denn er wollte einen Sputnik beobachten. Es war ein neuer Sputnik, größer und schneller als die, welche die Russen bisher ins All geschickt hatten; genau um 22.48 Uhr sollte er England überfliegen. Da der Himmel klar und wolkenlos war, war der Augenblick günstig. Bewaffnet mit einem starken Nachtfernglas stand Andrew Craig also am Fenster des Strandhotels.

Im Grunde genommen war er nicht sonderlich an Erdsatelliten interessiert, aber diesmal hatte er sich vorgenommen, den Sputnik zu beobachten. Leider muss gesagt werden, dass Craig der Autor der Fernsehserie Mörder unter uns war, von der jede Woche eine Fortsetzung im Fernsehen gesendet wurde - leider, weil das Niveau der letzten Fortsetzung erheblich unter dem der ersten Sendung gelegen hatte, die sehr gut gewesen war. Die Sendeleitung hatte daraufhin Andrew erklärt, die Serie würde abgebrochen werden, wenn er nicht wieder zu seiner früheren Qualität zurückfände und sich Situationen ausdächte, bei denen seinen Zuhörern das Herz Stillstehen würde. Diese Drohung hatte ihn schwer erschüttert und ihm viel von seiner Selbstsicherheit und seinem Selbstvertrauen geraubt. Mit einer für ihn charakteristischen Plötzlichkeit hatte er sich entschlossen, London zu verlassen und sich einer radikalen Luftveränderung zu unterziehen. In London war er eben stumpf geworden; das war es, was seine Arbeit beeinträchtigt hatte. Die Wände seiner Wohnung bremsten seinen Schwung und beengten seine Phantasie; sein Geist brauchte die Weite des freien Landes; er verkam in der Steinwüste Londons. So war er nach Cornwall gefahren, wo er sich heute Nachmittag in dem berühmten Penruth-Bay-Hotel einquartiert hatte.

Das Hotel war noch größer, als er angenommen hatte, ein pompöses Luxushotel, das zu einem so kleinen Städtchen wie Penruth eigentlich gar nicht passte. Sein erster Eindruck war nicht gerade günstig gewesen; er fürchtete, in diesem Hotel nicht die Ruhe zu finden, die er suchte. Das Mädchen in der Rezeption - es war eigentlich unrecht von Hotelbesitzern, jemanden für diesen Posten zu engagieren, der so frisch und blühend aussah. Noch bevor der Abend halb um war, sah er ein, dass es schwierig sein würde, sich das Mädchen aus dem Sinn zu schlagen und sich gänzlich auf seine Arbeit zu konzentrieren.

Andrew Craig war ein junger Mann, der für weiblichen Charme recht empfänglich war. Er war außerdem temperamentvoll, launisch und durchaus geneigt, plötzlichen Impulsen nachzugeben. Seine Eltern in Dundee, obwohl sie von seinen literarischen Erfolgen beeindruckt waren, schwebten in ständiger Furcht, er könne in dem bösen London in schlechte Gesellschaft geraten, insbesondere in schlechte weibliche Gesellschaft, denn sie fanden, dass ihr Sohn gut aussah und auf Frauen wirkte.

Das war natürlich Unsinn; Andrew sah gar nicht gut aus. Gewiss, er war groß und breit, aber sein sommersprossiges Gesicht und sein rotes Haar ließen ihn so kindlich aussehen, dass sich junge Mädchen im Allgemeinen nicht für ihn interessierten.

Er hatte ein hübsches Zimmer im dritten Stock des Hotels bekommen, dessen Fenster auf einen großen Park gingen. Mit echt schottischer Sparsamkeit hatte er es für überflüssig gehalten, zehn Schilling mehr zu zahlen, um dafür das Privileg der Aussicht aufs Meer zu haben. Das Abendessen war ausgezeichnet gewesen, und er fühlte sich von der würzigen Seeluft bereits erfrischt.

Viertel vor elf Uhr bedeutete für Andrew praktisch erst den Anfang des Abends, und er hatte auch gar nicht daran gedacht, etwa schon zu Bett zu gehen. Er hatte sich nur in sein Zimmer zurückgezogen, um von seinem Fenster aus ungestört den Sputnik beobachten zu können. In London setzte er sich um diese Zeit meist erst an die Arbeit, um dann bis drei oder vier Uhr morgens zu schreiben. Denn nur um diese Zeit fand er in seiner Wohnung in Chelsea wirklich Ruhe. Hier in Cornwall hatte er sich jedoch vorgenommen, sich schon morgens mit seinem Notizblock in einen stillen Winkel zurückzuziehen und zu arbeiten. Die gute Luft und der Salzgeruch des Meeres sollten sein Hirn anregen.

Das Warten auf den Sputnik war eine Laune; aus der Abendzeitung hatte er erfahren, dass der Satellit zwölf Minuten vor elf über der Südwestspitze von England erscheinen würde. Da der Nachthimmel wolkenlos und die Sicht gut war, hatte er sich vorgenommen, den Satelliten dabei zu beobachten.

Die Sterne, durch sein Glas betrachtet, sahen ganz wie in London aus, höchstens etwas klarer, aber sonst war an ihnen nichts Besonderes zu sehen. Er richtete sein Glas auf einen hellen Stern, aber seine Gedanken schweiften ab. Dieses Mädchen in der Rezeption! Sie hieß Pamela Hirst, ihren Namen hatte er von einem Kellner erfahren. Da er selbst groß und stark war, fühlte er sich natürlich zu kleinen, zierlichen Frauen hingezogen; Pamela gehörte durchaus zu dieser Kategorie. Sie hatte dunkles Haar und dunkle Augen; ein ovales Gesicht mit reinem Teint, der keine Kosmetika benötigte; ein Mund, der mit seinen gleichmäßigen weißen Zähnen immer zum Lächeln bereit zu sein schien; ihre kleine Stupsnase hielt Andrew für die schönste Nase, die er je gesehen hatte. Seine Gedanken kehrten wieder zu ihren Augen zurück. Er hatte zwar erst zweimal mit ihr gesprochen, und dabei nur einmal gewagt, ihr in die Augen zu sehen, aber dieses eine Mal hatte ihm genügt. In ihren Augen lag ein schelmisches Blitzen, von dem er völlig gefangengenommen war.

»Ach, hol’s der Teufel...«, murmelte er ärgerlich.

Er erinnerte sich, wie verwirrt er vor ihrem Pult gestanden hatte. Es musste geradezu lächerlich gewirkt haben. Was sie von ihm denken mochte, wollte er sich lieber gar nicht ausmalen.

»Hallo!«, rief er plötzlich leise.

Geistesabwesend hatte er sein Nachtfernglas sinken lassen, so dass er nun nicht mehr auf den Himmel blickte; in seinem Blickfeld lag jetzt ein Stück eines Feldweges, auf dem zwei Gestalten eng aneinandergeschmiegt entlanggingen: vielleicht ein ländliches Liebespaar. Aber das Glas war wirklich überraschend scharf. Andrew hatte nie geglaubt, dass man menschliche Figuren in einer dunklen Nacht so klar erkennen könnte. Er ließ das Glas sinken und blickte mit bloßen Augen in die Dunkelheit hinaus. Nichts war zu sehen außer dem Hotelgarten und ein paar Büschen dahinter; sonst nur vage Umrisse. Von einem Feldweg keine Spur.

Wieder hob er das Glas an die Augen; es dauerte fast eine Minute, bis er den gleichen Fleck wiedergefunden hatte - das kurze Stück eines stillen Weges zwischen zwei Baumgruppen. Die beiden Gestalten waren nicht verschwunden; sie standen sich jetzt auf dem Wegstück, das er übersehen konnte, gegenüber.

Eigentlich schämte sich Andrew, in dieser Weise einem Liebespaar nachzuspionieren - aber dann stellte er das Glas schärfer ein, um sie noch genauer zu beobachten. Donnerwetter! Jetzt hielt die eine der beiden Gestalten die andere mit festem Griff umfasst. Die kleinere Gestalt - unzweifelhaft ein Mädchen - wehrte sich heftig. Andrew grinste und blickte höchst interessiert durch sein Glas. Den Sputnik, der übrigens vor einer Minute deutlich sichtbar über den Himmel gezogen war, hatte er völlig vergessen. Er hatte auch seine Skrupel vergessen - im Gegenteil, er war jetzt der Ansicht, dass das Benehmen der beiden Leute höchst interessant sei.

»Na, na!«, protestierte er unwillkürlich. Es war recht merkwürdig.

Er hatte als selbstverständlich angenommen, dass sich das Liebespärchen nur zum Schein stritt. Aber der Mann ging entschieden über die Grenzen des Anstands hinaus. Jetzt hatte er seine Begleiterin an der Kehle gepackt und presste ihr die Luft ab. Andrew konnte deutlich sehen, wie sie die Arme hochwarf und mit ihren kleinen Füßen hilfloser und vergeblicher Verteidigung strampelte.

»Großer Gott!«, rief Andrew entsetzt.

Er musste sein Glas von neuem einrichten, denn in seiner Erregung hatte er das Bild aus dem Blickfeld verloren. Jetzt sah er, wie das Mädchen die Arme hängen ließ, als ob sie die Besinnung verloren hätte. Er sah, wie der Mann seine Faust hob und sie niedersausen ließ...

Andrew ließ das Glas sinken. Was, zum Teufel, sollte er tun? Rufen hatte keinen Sinn, dazu war die Entfernung zu groß. Wo mochte dieser Feldweg überhaupt liegen? Aber das, was er soeben beobachtet hatte, war doch Mord! Daran war gar nicht zu zweifeln! Er warf das Glas auf das Bett, eilte zur Tür, riss sie auf und stürmte die Haupttreppe in die Hotelhalle hinab. Er nahm sich nicht einmal die Zeit, auf den Fahrstuhl zu warten.

Die halbkreisförmige große Halle des Penruth-Bay-Hotels war mit massiven Sesseln und kleinen Tischchen möbliert. Sanftes indirektes Licht erhellte sie. Zu beiden Seiten der großen Treppe befanden sich die Aufzüge, und gegenüber der Rezeption auf der linken Seite der Halle, stand ein kleiner Tabakwaren- und Süßigkeitenkiosk, der jetzt geschlossen war.

Zu dieser Stunde war die Halle verlassen; nur der Mann in der Rezeption war noch anwesend. Pamela Hirst war nämlich inzwischen von Mr. Claude Davis, dem Geschäftsführer, abgelöst worden.

Es war typisch für Andrew Craig, dass er stolperte, als er die letzten drei Stufen überspringen wollte. Er stürzte und landete auf Händen und Füßen.

»Großer Gott! Haben Sie sich verletzt, Sir?«, erkundigte sich Davis besorgt, als er ihm entgegenlief.

»Verletzt! Natürlich habe ich mich verletzt!«, stieß Andrew hervor und stand mühsam auf. »Ich bin über irgendetwas gestolpert...« Er packte den verstörten Geschäftsführer am Arm und hielt ihn mit eisernem Griff fest. »Ein Mord! Ich habe soeben einen Mord mit angesehen! Wir müssen sofort etwas unternehmen!«

»Beruhigen Sie sich doch, Sir!«, protestierte Davis.

Er versuchte vergeblich, sich aus dem Griff des jungen Mannes

zu befreien. Er war aufs tiefste schockiert. Solche Szenen durften in der Halle des vornehmen Penruth-Bay-Hotels einfach nicht vorkommen.

»Wollen Sie sich nicht beruhigen, Sir?«, wiederholte der Geschäftsführer und versuchte abermals, sich aus dem Griff des jungen Mannes zu lösen. »Wie sagten Sie - ein Mord? Unmöglich, Sir! In diesem Hotel kann so etwas überhaupt nicht vorkommen.«

»Nicht im Hotel!«, schrie ihn Andrew wild an. »Irgendwo im Freien!« Er ließ den Arm des Geschäftsführers endlich los und. fuhr mit der Hand vage durch die Luft. »Auf einem Feldweg - vielleicht eine Meile weit von hier. Oder auch nur eine halbe Meile. Ich habe es von meinem Fenster aus beobachtet - ein Kerl hat ein Mädchen erwürgt...«

»Bitte nicht so laut, Sir«, bat Davis, »wir dürfen um diese Zeit hier keinen Lärm machen... Auf einem Feldweg eine Meile von hier? Aber Sir? In dieser Entfernung können Sie doch unmöglich etwas gesehen haben...«

»Ich habe es aber gesehen, verdammt nochmal!«, schrie Andrew außer sich. »Durch mein Nachtfernglas! Ich wollte den Sputnik beobachten, und dabei sah ich zufällig die beiden auf einem Feldweg. Der Mann pachte das Mädchen an der Gurgel und erdrosselte es! Dabei sah ich ihn so deutlich, wie ich Sie hier sehe! Um Gottes willen - tun Sie doch etwas! Rufen Sie die Polizei an! Schicken Sie jemand dorthin, der nachsieht! Wie erreicht man von hier aus überhaupt diesen Weg?«

Der Geschäftsführer, ganz verstört von Andrews lautem Schreien, das so gar nicht zu der ruhigen Vornehmheit des Penruth-Bay-Hotels passte, sah sich ängstlich in der Halle um; erleichtert stellte er fest, dass die Störung bisher unbeachtet geblieben war.

»Bitte, Sir«, bat er, »ich flehe Sie an, sich zu beruhigen! Gewiss, Sie beobachteten etwas durch Ihr Glas! Sind Sie aber wirklich sicher, dass Sie sahen, wie ein Mädchen erdrosselt wurde?« Er brach ab, schon von dem Gedanken aufs tiefste betroffen. »Sie können doch nicht im Ernst von mir verlangen, Sir, dass ich Ihnen glaube, dass...«

»Was schert mich, was Sie glauben!«, brüllte Andrew.

Kurz entschlossen nahm er die Sache selbst in die Hand. Er rannte zum Pult, hob den Hörer ab und ließ sich mit der Polizei verbinden. Während Davis noch heftig protestierte, meldete sich eine Stimme am Apparat.

»Polizeistation - hier ist das Penruth-Bay-Hotel!«, rief Andrew atemlos in die Muschel, »Ein Mord ist verübt worden! Schicken Sie sofort jemanden her! - Wie? Ja, das sagte ich - ein Mord! Verschwenden Sie doch keine Zeit mit unnötigen Fragen! Schicken Sie jemanden her!« Er legte auf.

»Das hätten Sie nicht tun dürfen, Sir!«, protestierte Davis. »Es ist den Gästen nicht gestattet, das Telefon für solche Zwecke zu benutzen. Sie werden mich in Ungelegenheiten bringen...«

Er brach ab. Eine der großen Schwingtüren wurde geöffnet, und ein hochgewachsener schlanker älterer Herr kam in die Halle. Er ging merkwürdig unsicher, und seine altmodischen Knickerbocker waren schäbig und ungebügelt. Er stieß laut auf, als er in die Halle kam, und starrte mit seinen blassblauen Augen auf die beiden Männer an der Rezeption.

»Ist irgendetwas nicht in Ordnung?«, fragte er mit dünner, quäkender Stimme und fuhr sich mit einer knochigen Hand durch das weiße Haar. »Sie sind ja ganz verstört, Mr. Davis!«

»Es ist gar nichts, Sir.«

»Was soll das heißen - gar nichts?«, unterbrach ihn Andrew. »Nennen Sie vielleiht einen Mord gar nichts?«

»Um Gottes willen, Sir!«

»Reden Sie keinen Unsinn! So etwas können Sie doch nicht vertuschen!«, fuhr Andrew fort und betrachtete neugierig den Ankömmling. »Wohnen Sie auch im Hotel?«

»Gewiss, junger Mann. Ich bin Doktor Thaddäus Wimpole. Habe ich richtig verstanden? Sagten Sie nicht: ein Mord? Mein Gott, wie traurig! Ist das Opfer jemand aus dem Hotel?«

»Nein. Es ist ein Mädchen, und es passierte weit von hier, auf einem kleinen Feldweg«, erklärte Andrew, der sich unter dem starren Blick der blassblauen Augen recht unbehaglich fühlte. »Ich beobachtete die Tat vor noch nicht zehn Minuten von meinem Schlafzimmerfenster aus. Ich habe soeben die Polizei verständigt.«

»Ja?« Dr. Thaddäus Wimpoles Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. »Ein Mädchen wurde also auf einem Feldweg ermordet?« In den Augen des alten Mannes glomm ein eigenartiges, fast sadistisches Licht. »Wie schrecklich! Und Sie mussten das von Ihrem Schlafzimmerfenster aus mit ansehen?« Plötzlich klang seine Stimme ungläubig. »Aber Sie konnten es doch eigentlich gar nicht sehen, junger Mann!«

»Ich blickte durch ein Nachtfernglas.«

»Oh, Gott!« Davis sprang plötzlich auf. »Schon recht, Sir John, ich machte mir schon Vorwürfe, Sie könnten womöglich gestört werden. Dieser junge Mann ist nur ein bisschen aufgeregt.«

Andrew drehte sich um und starrte feindselig auf einen Mann, der gerade in die Halle eingetreten war - den Mann, den Davis mit so untertäniger Dienstfertigkeit angeredet hatte. Er war gut gewachsen, nicht mehr jung, glattrasiert, mit an den Schläfen ergrautem Haar. Er war mit untadeliger Eleganz gekleidet und strahlte ruhige Autorität aus, aber seine klugen Augen blitzten unwillig.

»Dann wäre es Ihre Aufgabe gewesen, Davis, den jungen Mann zu beruhigen«, erwiderte er kurz. »Ich glaube, ich werde mit Major Adams darüber sprechen müssen. Das laute Schreien war in meinem Appartement deutlich zu hören und

»Ich weiß nicht, wer Sie sind, Sir, aber auch Sie würden geschrien haben, wenn Sie gesehen hätten, was ich mit ansehen musste«, unterbrach ihn Andrew Craig scharf. »Wer ist übrigens Major Adams?«

»Major Adams ist der Direktor dieses Hotels; er wird ein Wörtchen mit Ihnen zu reden haben, mein Sohn, wenn Sie hier zu dieser Stunde die Ruhe stören«, entgegnete Sir John. »Ich werde mich bei ihm beschweren. So etwas lasse ich mir nicht bieten!«

»Es tut mir leid, wenn ich Sie gestört habe, und ich bitte um Entschuldigung, wenn ich zu laut war. Aber wer hätte in meiner Lage nicht geschrien? Ich musste mit ansehen, wie ein Mord verübt wurde, und Mr. Davis hier verzögerte die Benachrichtigung der Polizei so, dass ich selbst telefonieren musste.«

Andrew nahm die Einmischung dieses Mannes recht übel. Für wen hielt sich denn der, dass er glaubte, ihn wegen seines lauten Benehmens so abkanzeln zu können? Offenbar war er ein reicher Gast. Auch die Art, wie Davis vor ihm kroch, wirkte auf Andrew geradezu aufreizend.

»Sie haben also die Polizei angerufen?« Die Stimme des eleganten Mannes wurde schärfer. »Ist das wahr, Davis?«

»Leider ja, Sir John«, erwiderte Davis, noch verlegener als zuvor. »Er riss den Hörer von der Gabel, bevor ich ihn zurückhalten konnte. Er kam mit einer albernen Geschichte über einen Mord die Treppe heruntergestürzt und schrie so laut, dass ich fürchtete, er werde das ganze Hotel aufwecken.«

»Einen Augenblick!«, unterbrach ihn Andrew mit vor Wut fast erstickter Stimme. »Meine Geschichte ist also albern, wie? Wie oft muss ich Ihnen noch wiederholen, dass vor meinen Augen ein Mord verübt wurde? - Wenn mein Schreien Sie gestört hat, Sir, so bedauere ich das aufs tiefste. Ich weiß zwar nicht, wer Sie sind...«

»Mein Name ist Sir John Wentworth, und ich bewohne hier im Hotel das ganze Jahr hindurch ein Appartement«, fiel ihm der ältere Herr ins Wort, der Andrew jetzt mit neuem Interesse betrachtete. »Wenn Ihre Angaben wahr sind, so werde ich natürlich meinen Tadel zurücknehmen. Wenn Sie tatsächlich Augenzeuge eines Mordes wurden, so ist Ihr Lärmen durchaus berechtigt. Aber ich vermag nur schwer zu glauben, dass in diesem Hotel ein solches Verbrechen verübt wurde.«

»Es war doch nicht hier im Hotel!«, rief Andrew ungeduldig. »Das habe ich Mr. Davis schon mehrfach gesagt - Gott sei Dank, hier kommt endlich jemand, der mir zuhören wird.« Er wandte sich zum Hoteleingang, durch den jetzt gerade die massive Gestalt eines Polizeisergeanten eintrat. »Es ist auch höchste Zeit!«

Dieser Tadel war unberechtigt, aber Andrew hatte das Empfinden, dass seit seinem Telefonat schon sehr viel Zeit vergangen war. In Wahrheit war Sergeant Holly von der Polizeistation in Penruth auf den Anruf hin sofort in einen Dienstwagen gestiegen und den langen Berg zum Hotel hinaufgefahren.

Ein paar Minuten vergingen, während Davis dem Sergeanten erklärte, dass der Anruf nicht von ihm herrührte. Er machte es ganz klar, dass er in keiner Weise für ihn verantwortlich gemacht werden könne. Der sonnengebräunte Holly wandte sich daher nun mit pedantischem Diensteifer an Andrew Craig.

»Sie sprachen also am Telefon, Sir?«, fragte er drohend. »Es handelt sich um einen Mord, wie? Das ist eine sehr ernste Sache. Wer wurde ermordet? Und wann?«

»Ich weiß nicht wer - ich glaube ein Mädchen -, und die Tat wurde etwa zehn Minuten vor elf Uhr auf einem Feldweg begangen. Ich kann nicht sagen, wo der Feldweg liegt, und weiß nur, dass er hinter dem Hotel durch freies Feld führt. Der Tatort mag vielleicht eine Meile, vielleicht auch nur eine halbe Meile von hier entfernt sein.«

»Das ist recht unbestimmt, nicht?«, fragte Holly verwundert. »Waren Sie denn an Ort und Stelle?«

»Nein, ich war in meinem Schlafzimmer.«          

»Na hören Sie mal!«, protestierte der Sergeant. »In Ihrem Schlafzimmer? Von dort aus beobachteten Sie einen Mord, der eine Meile entfernt verübt wurde - noch dazu bei Nacht? Was soll denn das, Sir? Wieso sind Sie überhaupt bezüglich der Tatzeit so sicher?«

»Ich war in mein Zimmer hinaufgegangen, um den Sputnik zu beobachten, der zwölf Minuten vor elf hier vorbeikommen sollte«, erklärte Andrew verzweifelt. »Mein Gott! Sie sind ja genauso verständnislos wie die anderen! Auf diese Weise verschwenden wir nur Zeit. Vielleicht ist das arme Mädchen noch zu retten - das halte ich allerdings für unwahrscheinlich, weil ihr der Kerl die Kehle zudrückte.«

»Nun halten Sie mal die Luft an, Sir!«, rief Holly scharf. »Was soll dieser Unsinn, den Sie uns da von Sputniks erzählen? Wo ist denn der Feldweg, von dem Sie reden? Hier in der Gegend gibt es mehr als einen Feldweg; alle können wir ja nicht absuchen.« Aus seiner Art sprach noch mehr Misstrauen als zuvor. »Oder wollen Sie mich etwa zum besten halten, Mister?«

»Keineswegs!«, antwortete Andrew scharf. »Kommen Sie nur in mein Zimmer hinauf, dann kann ich Ihnen die genaue Stelle zeigen - dann werden Sie sich vielleicht auch dazu herablassen, etwas zu unternehmen!«

Der Sergeant überlegte sich den Vorschlag, während er Andrew ansah, als ob er an dessen gesundem Verstand zweifelt. Dann zuckte er die massigen Schultern.

»Schön«, brummte er. »Gehen wir in Ihr Zimmer hinauf!«

Seine Art lies klar erkennen, dass er nur einwilligte, um den jungen Mann zu beruhigen. Davis brachte beide mit dem Aufzug hinauf, betrat aber nicht mit ihnen das Zimmer. Mit schweren Schritten ging Holly quer durch den Raum zum offenen Fenster und blickte in die nächtliche Landschaft hinaus.

»Ich kann nicht das geringste sehen«, murmelte er. »Was soll das, Mister?«, fügte er böse

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