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Der Lobbyist

Der Lobbyist

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Der Lobbyist

Länge:
280 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
May 19, 2020
ISBN:
9783751926942
Format:
Buch

Beschreibung

2032: Im Bundesrat in Berlin steht die Abstimmung zu einem Großprojekt der Europäischen Union an. Geplant ist eine Tunnelröhre für Güterzüge von Basel bis nach Mannheim.

Die Klimaveränderungen der letzten Jahre führen in immer kürzeren Abständen dazu, dass die bestehende, überwiegend oberirdische Trasse aufgrund von Unwettern durch umstürzende Bäume, unterspülte Schienentrassen oder Erdverschiebungen blockiert wird. Der Güterverkehr von den Mittelmeerhäfen Italiens nach Mittel- und Nordeuropa wird dadurch immer wieder unterbrochen. Wirtschaft und Handel setzen die Entscheidungsträger in Brüssel so stark unter Druck, dass inzwischen nur noch einige wenige Mitgliedsländer zustimmen müssen, damit das Projekt endlich gestartet werden kann. Zu den Verweigerern gehört auch der Ministerpräsident im Südwesten.

Ein internationales Konsortium, welches die Federführung bei der Durchführung des 250 Milliarden teuren Projektes übernehmen soll, setzt eine schweizerische Consultingfirma zur Unterstützung bei der Akquisition des Auftrages ein. Diese ihrerseits heuert einen Lobbyisten zur Durchsetzung ihrer Ziele an.

Der Ministerpräsident wird unter Druck gesetzt, schließlich wird seine Tochter entführt. Als klar wird, dass die wirtschaftlichen Interessen ohne jede Rücksicht auf Recht und Moral durchgesetzt werden sollen, setzt der Bundeskanzler zwei Ermittler aus einer geheimen Sonderabteilung ein, um die Fakten und Hintergründe für die Vergabe des inzwischen erfolgten Starts der Bahntrasse BaMA 250 zu recherchieren.

Nach und nach stellen die beiden fest, dass ein internationales Netzwerk in die Sache verwickelt ist. Ihre Recherchen führen sie zu Beraterfirmen in der Schweiz, Deutschland und den USA. Maria Schreiner und Enrico Bergheim sehen sich schließlich auch mit einer Gangsterorganisation aus Italien konfrontiert und es dauert nicht lange, bis sie selbst ins Visier des skrupellosen Netzwerks geraten.
Herausgeber:
Freigegeben:
May 19, 2020
ISBN:
9783751926942
Format:
Buch

Über den Autor

Jahrgang 1951, verheiratet in Karlsruhe, zwei erwachsene Kinder. Bis 2006 in der internationalen Transportbranche tätig, zwingt ihn im Sommer desselben Jahres eine heimtückische Augenkrankheit in den Ruhestand. Blind geworden widmet er sich dennoch seiner heimlichen Leidenschaft und beginnt damit, Geschichten niederzuschreiben. 2012 beendet er seinen ersten Abenteuerroman. Danach geht es um Kriminalgeschichten, die hauptsächlich an bekannten Orten und Plätzen am mittleren Oberrhein spielen. Mit diesem Buch entsteht das erste einer Reihe, die sich um Korruption, Machenschaften in Politik und Wirtschaft und niederträchtige Mordfälle im Zusammenhang mit einem Bauprojekt im Rheintal dreht.


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Buchvorschau

Der Lobbyist - B.A. Mapelli

B.A. Mapelli

Jahrgang 1951, verheiratet, lebt in Karlsruhe, zwei erwachsene Kinder.

Bis 2006 in der internationalen Transportbranche tätig, zwingt ihn im Sommer desselben Jahres eine heimtückische Augenkrankheit in den Ruhestand.

Blind geworden widmet er sich dennoch seiner heimlichen Leidenschaft und beginnt damit, Geschichten niederzuschreiben.

2012 beendet er seinen ersten Abenteuerroman. Danach geht es um Kriminalgeschichten, die hauptsächlich an bekannten Orten und Plätzen am mittleren Oberrhein spielen. Mit diesem Buch entsteht das erste einer Reihe, die sich um Korruption, Machenschaften in Politik und Wirtschaft und niederträchtige Mordfälle im Zusammenhang mit einem Bauprojekt im Rheintal dreht.

Lokomotivführer Rudolf Scheidt saß an seinem Leaderdesk und sah entspannt durch die Frontscheibe des neuen Supertriebwagens der Deutschen Bahn. Mit einem Lächeln blickte er nach rechts, wo sein zwölfjähriger Sohn auf dem Mitfahrersitz saß und mit staunenden Augen den entlang der Gleise vorbei rasenden Wald beobachtete.

In weniger als sechs Minuten werden wir in den Offenburger Tunnel einfahren. Vorher müssen wir allerdings die Geschwindigkeit auf höchstens 250 Stundenkilometer reduzieren. Schneller darf man im Tunnel nicht fahren.

Der für sein Alter schon hoch gewachsene schlanke Junge schaute seinen Vater aus hellblauen Augen an und grinste breit.

Wie schnell fahren wir jetzt?

Sein Vater schaute kurz vor sich auf das große Display.

Jetzt sind es genau 325 Sachen! Da staunst Du, was?

Er zog einen etwa zwanzig Zentimeter langen Stick mit einer gleich bleibenden Bewegung zurück und der Triebwagen wurde merklich langsamer. Rechts und links der Schienen lichtete sich der Wald und sie sahen zu beiden Seiten in voller Blüte stehende Rapsfelder an der Lokomotive vorbei flitzen. Und dann kam auch schon die Tunneleinfahrt auf sie zu. Die unterirdische Strecke war immerh in knapp zehn Kilometer lang und bereits nach wenigen Augenblicken kam das Ende des Tunnels auf Vater und Sohn zu. Während der Einfahrt in den Schlauch war im Triebwagen automatisch das Licht aufgeleuchtet, bei der Ausfahrt erlosch es wieder. Scheidt erhöhte langsam die Geschwindigkeit und der Zug, es waren noch vier Waggons angehängt, flog durch Appenweier. Die Neubaustrecke war in den Zwanzigern gebaut worden und man hatte dafür gekämpft, möglichst wenig Städte und Dörfer zu durchfahren. In der nördlichen Ortenau verlief die Bahnlinie parallel zur Autobahn fünf und Städte wie Achern, Bühl und Baden-Baden wurden umfahren. Unter Rastatt verlief wie in Offenburg ein Tunnel unter der Stadt, danach führten die Schienen entlang der Bundesstraße 36, so dass die Bürger im Landkreis Karlsruhe vom Lärm der langen Güterzüge verschont wurden.

Auf dem Bildschirm vor Scheidt leuchtete ein Blinksignal auf. Er legte den Zeigefinger auf den Button und auf einem Teil des Schirms erschien eine Meldung. Scheidt las laut vor, damit sein Sohn ebenfalls Bescheid wusste.

Achtung! Geschwindigkeit auf Stufe eins reduzieren. Zwischen Schwetzingen und Mannheim starkes Gewitter mit Sturm. Strecke wird überprüft.

Der Lokführer nahm die Geschwindigkeit zurück und bereitete die Einfahrt in den Karlsruher Hauptbahnhof vor. Da es sich um eine Probefahrt handelte waren lediglich noch zwei Ingenieure an Bord, die momentan allerdings die Waggons inspizierten, weil man prüfen wollte, wie sich der Fahrkomfort darstellte, wenn die Dreihunderter-Stufe gefahren wurde.

Der Zug fuhr langsam auf Gleis zwei durch den Bahnhof und beschleunigte danach wieder auf 150km/h. Angespannt überprüfte Scheidt in kurzen Abständen seinen Bildschirm. Er wartete darauf, dass vom Leitstand aus die Strecke wieder frei gegeben würde. Als sie auf der Höhe von Graben-Neudorf an der Bundesstraße entlang nach Norden rollten kam die Entwarnung: Strecke überprüft, Strecke frei.

Scheidt beschleunigte auf 325 Sachen. Lukas starrte gebannt nach vorne. Dann hob er den Arm und zeigte in Fahrtrichtung. Scheidt hatte die Bewegung mitbekommen und schaute kurz zu seinem Sohn hinüber.

Was ist? Was ist da vorne?

Er blickte auch wieder voraus. Dann sah er das Hindernis. Und schon krachte der Triebwagen in einen länglichen Gegenstand, der quer über den Schienen lag. Vor Scheidt platzte ein riesiger Airbag aus der Konsole und er wurde brutal in seine Sitzgurte gedrückt. Ihm schwanden die Sinne. Die Lokomotive war so konstruiert, dass eine Entgleisung durch Hindernisse auf dem Gleis fast unmöglich war. Die Gegenstände vor dem Wagen wurden durch ein spitzes Bugteil zur Seite geschoben. Allerdings ging das natürlich nicht ohne gewaltige Geschwindigkeitsverluste von statten, die automatisiert vorgenommen wurden. Die beiden Ingenieure in den Waggons wurden später tot aufgefunden...

Scheidt kam nach einigen Minuten wieder zu sich. Der Zug stand in einem Waldstück, es regnete heftig. Er wühlte sich aus seinem Luftsack und schnallte sich los. Ein heftiger Schmerz durchfuhr ihn von der Schulter bis zu den Beckenknochen. Langsam richtete er sich auf. Er sah auf den Beifahrersitz, der leer war. Sein Gesicht verzog sich zu einer schmerzlichen Grimasse, als er seinen Jungen unter der Konsole liegen sah. Sein Airbag war zwar auch aufgegangen, aber offenbar war er nicht angegurtet gewesen, weshalb es ihn nach unten geschleudert hatte. Scheidt beugte sich langsam zu ihm hinunter. Er nahm behutsam den Kopf seines Jungen und drehte ihn vorsichtig zu sich hin.

Lukas! Lukas!

Er umarmte ihn und zog ihn unter dem Airbag hervor. Lukas Kopf sank auf die Schulter seines Vaters. Er gab keinen Laut von sich. Scheidt griff ihm unter die Achseln und schüttelte ihn langsam vor und zurück. Dann drückte er sein Ohr an den Mund seines Jungen. Er spürte keinerlei Atmung. Dann hob er ihn an und versuchte, an dessen Brustkorb den Herzschlag zu spüren.

Lukas, sag doch was! Lukas!

Er drückte den leblosen Körper an sich und schluchzte laut ein im Schmerz nicht mehr zu verstehendes : Das kann nicht sein. Bitte nicht. Lukas…

Wochen später stellte sich heraus, dass die Strecke aufgrund des plötzlich herein gebrochenen Sturmes mit Drohnen überflogen worden war, der umgestürzte Baum aber nicht auf den mehrfach überprüften Sequenzen zu sehen war. Man ging davon aus, dass er nur wenige Sekunden vor der Anfahrt des Zuges umgestürzt sein musste und die Beobachtungsdrohne die Stelle bereits passiert hatte.

Nachdem Rudolf Scheidt seinen Sohn zu Grabe getragen hatte, trat er als Triebwagenführer zurück. Er bewarb sich als Innendienstmitarbeiter bei einem privaten Eisenbahnbetreiber in Basel. Seiner Frau hatte er geschworen, die Mörder ihres Kindes zur Rechenschaft zu ziehen. Dass es sich um einen schlimmen Unfall gehandelt habe, der nicht zu verhindern gewesen war, hatte er nicht akzeptieren wollen.

Die haben wieder einmal geschlafen! Das ist ja nichts Neues bei der Drecksfirma in Leipzig. Alles wird an Unternehmer weitergegeben. Man muss ja Geld sparen. Die werden nicht ungeschoren davonkommen. Ich werde heraus finden, wer an diesem Tag dort zuständig war. Von wegen Strecke frei!

****

„Hier spricht Schulz Schwarzenberg aus…"

„Guten Abend, Herr Ministerpräsident. Mein Name ist Kümmerling, ich bin heute Wachhabender in der SoWa. Ich hoffe, dass ich Ihnen helfen kann? Was kann ich für sie tun?"

„Ich muss den Bundeskanzler sprechen, und zwar sofort!"

„Der Herr Bundeskanzler ist im Amt. Auf der Agenda sind Sie für heute nicht erfasst. Handelt es sich um einen Sonderfall?"

„Ja, was glauben Sie, warum ich am Samstagabend auf dieser Nummer hier anrufe? Weil ich wissen will, wie die Bundesliga gespielt hat?"

Seine Stimme klang gereizt und er war etwas lauter geworden.

„Verzeihung, Herr Ministerpräsident. Bitte, warten Sie einen Augenblick. Ich werde sehen, was ich tun kann."

In der Leitung war es still geworden und der Ministerpräsident wartete angespannt. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich Kümmerling wieder meldete.

„Ich habe den Herrn Bundeskanzler in der Leitung. Ich übergebe."

„Hallo, Schulz Schwarzenberg, was ist denn mit Ihnen los? Es ist Samstagabend, schon nach acht. Wo brennt´s denn, mein Freund?"

„Ja, so kann man es nennen, es brennt, antwortete der Ministerpräsident. „Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Ich muss Sie sprechen, Herr Bundeskanzler. Und zwar so schnell wie möglich, am besten sofort. Unter vier Augen, am besten gehen wir am Ufer der Spree entlang, damit wir ganz sicher sein können, dass uns niemand zuhört.

Der Bundeskanzler zögerte und wartete ein paar Sekunden lang.

„Was ist denn passiert? Ist in Baden-Württemberg Krieg ausgebrochen? Sind die Elsässer einmarschiert oder schlimmer, haben die Bayern die Donau überschritten? Immer noch scherzte der Bundeskanzler, obwohl ihm eigentlich nicht mehr danach zumute war. Nach kurzem Zögern begann erneut der Ministerpräsident: „Herr Bundeskanzler, nochmals, ich muss Sie sprechen, jetzt!

„Warten Sie, antwortete dieser und man konnte hören, dass er irgendwelche Blätter zur Seite legte und offenbar seinen Terminkalender prüfte.„Wo sind Sie jetzt?

„In Stuttgart im Amt. Ich könnte sofort hinaus nach Echterdingen fahren und, er schaute auf seinen Heartbeat am Handgelenk „so gegen neun Uhr starten. Draußen steht mein Jet startklar. Kurz nach zehn wären wir dann am BER. Von dort aus bis zu Ihnen, sagen wir eine knappe Stunde. Ich könnte also gegen elf Uhr im Amt sein. Ist das ok?

„Ja, gut. Kommen Sie!"

Das Gespräch war beendet und der Ministerpräsident stand sofort auf und verließ sein Büro. Draußen nahm er seinen Mantel auf, hängte ihn aber nur über den Arm, weil es noch warm war. Es war Sommer, die Sonne stand den ganzen Tag über Stuttgart am wolkenlosen Himmel. Sein Chauffeur, der in der Lobby Bereitschaft hatte, stand sofort auf, als er ihn aus dem Fahrstuhl kommen sah.

„Geht es nach Hause, Herr Ministerpräsident, wohlverdientes Wochenende?"

„Nein, Herr Meyer, wir fahren zum Flughafen. Muss heute noch nach Berlin. Rufen Sie draußen an, damit die Piloten die Maschine klar machen."

Der Chauffeur spürte sofort, dass etwas in der Luft lag. Er fuhr schon seit zweieinhalb Jahren für den MP, der damals als Kandidat der Grünen die Wahl wieder gewonnen hatte. Sie gingen beide schnellen Schrittes die Stufen zur Tiefgarage hinab und Meyer hielt seinem Chef die Fondtür der Mercedes-ES-Klasse auf. Dann nahm er hinter dem Steuer Platz und sie machten sich auf den Weg zum Stuttgarter Flughafen.

Der Ministerpräsident schaute zum Fenster hinaus und konnte nur vereinzelt Lichter am Boden erkennen. Heilbronn hatten sie schon überflogen und befanden sich jetzt auf dem Weg in Richtung Nürnberg. Er hatte diese Strecke während seiner Amtszeit schon so oft zurückgelegt, dass er sie sogar des Nachts nachvollziehen konnte. Ganz entgegen seiner Gewohnheit hatte er sich einen Weinbrand kommen lassen. Der große Schwenker stand vor ihm auf dem weißen Kunststofftisch und er starrte vor sich hin, ohne wahrzunehmen, was er sah. Am Vormittag hatte er seine Post geöffnet. Nur die, die persönlich an ihn gerichtet war. Das war täglich eine ganze Menge, auch ohne die, die schon vom Sicherheitspersonal geöffnet und geprüft waren. Alle Briefe, die irgendwie verdächtig waren oder schon von ihrer Größe her dazu geeignet schienen, dass man etwas Gefährliches hätte hinein tun können, wurden geöffnet, bevor sie auf seinem Schreibtisch landeten. Aber da gab es eben noch eine ganze Reihe ganz normaler kleiner Kuverts, die zwar routinemäßig durch den Scanner liefen, aber dann doch ungeöffnet bei ihm landeten.

Ein ganz normales unscheinbares Kuvert ohne Absenderangabe, aber an ihn persönlich und vertraulich adressiert, hatte er mit dem Brieföffner aufgeschlitzt. Heraus gekommen war ein länglich rechteckiges Stück Papier, das aussah wie ein Kontoauszug. Bei näherer Betrachtung stellte er fest, dass es sich tatsächlich um einen solchen handelte.

Oben rechts stand in Großbuchstaben SGB für Schweizerische Geschäftsbank, Filiale Zürich. Links im Adressfeld stand seine vollständige Privatadresse in Tübingen, wo er mit seiner Familie wohnte. Rechts im Betragfeld stand neben dem Datum vom 30. Juni 2032 ein Betrag von über einer Million Schweizer Franken. Ungläubig hatte er das Papier angeschaut. Er lächelte zuerst.

„Nicht schlecht", war ihm durch den Kopf gegangen.

„Scheiße", hatte er leise vor sich hin gesagt. Dann hatte er den Auszug in der Hand gedreht und von allen Seiten betrachtet. Es war ein ganz normaler Kontoauszug, ausgestellt auf seinen Namen bei einer bekannten Schweizer Bank. Die Summe, die dieser Auszug auswies, war sehr beeindruckend. Auch für einen Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg.

Schulz Schwarzenberg hatte den Auszug erst zur Seite, dann aber in seine Schreibtischschublade gelegt. Danach hatte er weiter seine Post durchgesehen, konnte aber seine Gedanken nicht auf den Inhalt der Briefe konzentrieren. Der Auszug wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen.

Als er mit der Post fertig war, hatte er ihn aus der Schublade geholt, war in die Tiefgarage gegangen und in den Fond seines Wagens gestiegen. Er hatte gedankenverloren auf dem Weg nach Tübingen aus dem Seitenfenster geschaut, als plötzlich sein Handy klingelte. Im Rückspiegel begegnete er dem Blick seines Chauffeurs, der das Klingeln auch gehört hatte.

„Ja bitte?"

„Guten Tag, Herr Ministerpräsident. Hier spricht ein Freund, ich hoffe, es geht Ihnen gut."

Die Stimme war ihm nicht bekannt. Er schätzte, dass es sich um einen Mann mittleren Alters handelte. Zumindest klang der Anrufer so.

„Mit wem spreche ich? Wer sind Sie und woher haben Sie diese Nummer?"

„Das spielt jetzt gerade keine Rolle, Herr Ministerpräsident. Ich möchte Sie auch nicht lange aufhalten auf dem Weg ins Wochenende. Wie hat Ihnen denn der Kontoauszug Ihrer Bank in der Schweiz gefallen?"

Schulz Schwarzenberg stockte der Atem. Sein Mund war schlagartig trocken. Dann versuchte er, sich wieder zu fangen.

„Wie heißen Sie und was wollen Sie von mir? Entweder Sie sagen mir jetzt sofort, wer Sie sind, woher Sie diese Telefonnummer haben und was Sie wollen, oder ich lege auf."

„Ich wollte lediglich wissen, ob Sie die Nachricht von der SGB bekommen haben, sonst nichts. Und mir scheint, Sie haben sie erhalten. Sonst hätten Sie mich gefragt, wovon ich spreche."

Bevor der Ministerpräsident antworten konnte, hatte der Anrufer die Verbindung beendet. Nach kurzer Überlegung entschied er sich, zurück ins Amt zu fahren und zuerst einmal gründlich nachzudenken. Auf dem Rückweg nach Stuttgart hatte er seine Frau angerufen und ihr mitgeteilt, dass er wahrscheinlich erst am Sonntag zuhause sein könne, weil er noch zu einem Treffen nach Berlin müsse.

Jetzt saß er in seiner Maschine und grübelte darüber nach, was ihm denn eigentlich passiert war. Er konnte es nicht genau realisieren, spürte aber überdeutlich, dass Unheil aufzog, großes Unheil.

Nach der Landung am Großflughafen am Rande von Berlin stieg er in den Dienstwagen um, der ihm von der Landesvertretung zur Verfügung gestellt wurde. Er nahm im Fond Platz und hing während der Fahrt zum Kanzleramt seinen Gedanken nach. Wer hätte das gedacht, dass noch nicht einmal elf Jahre nach dem Einzug der kurz zuvor gegründeten Europartei in den Bundestag diese Fraktion jetzt den Kanzler stellen würde? Aber es war, wie es war. 2021 hatten es die Europeans geschafft, die FDP war hinausgeflogen. Schon damals war eine Rot-Grün-Europeans-Koalition gegründet worden und die Union musste zusammen mit der Linken in die Opposition. Auf den ersten Blick tat sich zwar nicht viel, vor allen Dingen innenpolitisch blieb mehr oder weniger alles beim Alten, dennoch wurden neue, wichtige Veränderungen angestoßen.

Die Minijobs wurden gegen heftigsten Widerstand der Wirtschaft abgeschafft. Außerdem gab es schon nach eineinhalb Jahren keine Leiharbeit mehr. Zwar reagierten die Industrie und der Handel zuerst mit massiven Entlassungen in diesen Bereichen, aber schon nach kurzer Zeit wurden die Leute wieder eingestellt. Da die Wirtschaft brummte und aufgrund der Alterspyramide die Fachkräfte knapp wurden, blieb den Managern gar nichts anderes übrig, als ihre freien Stellen wieder zu besetzen. Zuerst versuchte man, lediglich Teilzeitarbeitsplätze zu vergeben, und nahm lieber zwei Leute für eine Ganztagesstelle, nach und nach ebbte diese Aktion aber zu Gunsten der Arbeitnehmer wieder ab. Letztendlich standen wieder genauso viele Leute in Lohn und Brot wie vorher, jetzt aber auf einer soliden Basis und für die Zukunft gesichert. Und die Wirtschaft lief trotzdem weiter gut.

Einen ganz wesentlichen Anstoß hatten die Regierungsparteien im Europaparlament gegeben. Man hatte vorgeschlagen, endlich die Sprachbarrieren innerhalb Europas zu überwinden. Dazu sollte jedes Kind ab seinem Eintritt in eine Vorschule oder eben in die Grundschule sofort mit dem Unterricht der noch zu bestimmenden „Ersten Fremdsprache Europas" beginnen.

Nach längeren Beratungen, in welchen die unterschiedlichsten Ländervertretungen ihre Sprache als „Erste Europäische Fremdsprache" ins Spiel brachten, konnte man sich aber schließlich doch für das Englische entscheiden. Ausschlaggebend dafür war die Tatsache, dass die meisten Menschen in Europa sich mit dieser Sprache schon beschäftigt hatten und daher die Wahrscheinlichkeit groß war, dass man damit am schnellsten zum Erfolg kommen würde. Heute, 2032, knapp zehn Jahre nach Einführung dieser Maßnahme, konnten sich tatsächlich fast alle Europäer sehr gut auf Englisch miteinander unterhalten. Selbst die Politiker waren gezwungen gewesen, ihre vorhandenen oder auch nicht vorhandenen Englischkenntnisse soweit voranzutreiben, dass sie in ihren Sitzungen zwischenzeitlich auf Dolmetscher verzichten konnten. Dies war ein riesiger Fortschritt, der sich nicht zuletzt auch in der Klarheit der Diskussionen auf politischer Ebene widerspiegelte.

Schulz Schwarzenberg hob den linken Arm und schaute auf sein Heartbeat, das Kommunikationsteil, das heutzutage jeder am Handgelenk trug. Auf den ersten Blick sah es aus wie eine Armbanduhr aus dem letzten Jahrhundert. Das rechteckige Display von etwa fünf auf dreieinhalb Zentimeter war ein fast geniales Teil, mit dem man Telefonate führen, ins Internet gehen und auch Positionsbestimmungen durchführen konnte. Natürlich konnte man damit auch Filme anschauen, die nach Aufklappen des Deckels in einer Art Hologramm sichtbar waren. Selbstverständlich waren bargeldlose Zahlungen und beispielsweise Zugangscodes registriert. Das Gerät wurde durch Energie aus der Körperwärme, aber auch über ein Magnetfeld gespeist, das durch den Blutfluss und den Puls am Handgelenk entsteht. Das Gerät war individuell auf eine Person eingestellt und konnte nur durch diese Person betrieben werden. Es war auf den Blutdruck, die Blutwerte und nicht zuletzt auf die Körpertemperatur des Users auf drei Stellen hinter dem Komma eingestellt. Eine andere Person konnte es also nicht nutzen. Der Nachteil der individuellen Einstellung zeigte sich dann, wenn der Inhaber krank wurde. Dann fing das Heartbeat an zu piepsen. Es erkannte die Abweichungen bei Temperatur, Blutdruck oder Puls und schlug Alarm.

Im Foyer des Kanzleramtes wurde er freundlich begrüßt. Er hielt sein Heartbeat an ein Codiergerät und bekam nach einem Augenblick die Freigabe. Jetzt konnte er sich im ganzen Gebäude bewegen, alle Türen öffnen und alle Aufzüge benutzen. Selbstverständlich wurden alle Bewegungen aufgezeichnet.

In der siebten Etage angekommen, verließ er den Aufzug und ging zur offen stehenden Tür des Kanzlerbüros, welches er von vielen Besuchen her gut kannte. Der Bundeskanzler saß hinter seinem Schreibtisch, erhob sich aber gleich, als der Ministerpräsident in der Tür erschien.

„Hallo, Richard, schön, dich zu sehen. Hoffe, dass es nicht so schlimm ist, wie es klang. Komm, setz dich. Du wirst müde sein."

Nur wenn sie unter vier Augen waren duzten sie sich.

„Hallo, Paul, guten Abend. Bin froh, dass es noch geklappt hat. Ich brauche deine Hilfe, deinen Rat. Verstehst du?"

„Nein, ich verstehe nicht. Aber du wirst es mir bestimmt gleich erzählen. Möchtest du etwas trinken?"

„Nein, ich möchte sofort mit dir über mein Problem sprechen. Ich hoffe, dass wir eine Lösung finden werden, damit ich wieder ruhig schlafen kann."

„Mann, das klingt aber spannend. Was ist denn los?"

Schulz Schwarzenberg erzählte ausführlich vom Erhalt des Kontoauszuges und vom Telefonat, das auf seinem Geheimhandy eingegangen war, dessen Nummer noch nicht einmal seine Frau kannte.

Der Bundeskanzler hatte aufmerksam zugehört, saß dabei aufrecht an seinem Schreibtisch und hielt die Hände gefaltet auf seiner Schreibunterlage. Jetzt lehnte er sich langsam zurück in den Sessel.

„Zeig her! Hast Du den Auszug dabei?"

„Natürlich! Da, sieh selbst!"

Mit diesen Worten holte der Ministerpräsident den gefalteten Auszug aus der Innentasche seines Sakkos und legte ihn auf den Schreibtisch. Der Kanzler nahm das Papier auf und studierte es ausführlich von allen Seiten.

„Scheint echt zu sein. SGB Zürich. Was hast du mit der Bank zu tun?"

„Überhaupt nichts! Noch nie im Leben hatte ich mit denen zu tun! Das musst du mir glauben! Das ist alles fingiert! Ich weiß nicht, wo das Geld herkommt. Mir gehört es jedenfalls nicht, auch wenn es so aussieht."

„Ja, ist ja schon gut. Glaube ich dir ja."

Der Bundeskanzler stand auf und ging langsam im Zimmer umher. Schulz Schwarzenberg schaute ihn fragend an und folgte ihm mit den Augen auf dessen Weg um den Schreibtisch herum. Dann setzte sich der Kanzler wieder in seinen Sessel.

„Also, du bist nicht der einzige, dem so etwas passiert ist. Von den zwölf Ministerpräsidenten bist du jetzt der dritte, der sich in der gleichen Angelegenheit bei mir gemeldet hat. Dies alles innerhalb der letzten drei Monate. Seltsamerweise handelt es sich in allen drei Fällen um Grünen-Politiker, die erst seit kurzer Zeit im Amt sind. Von den anderen neun Ministerpräsidenten, die ja sowohl der SPD als auch der Union angehören, liegt noch keine gleich geartete Meldung vor. Allerdings handelt es sich bei allen Kollegen um Politiker, die schon lange auf ihren Posten sitzen oder vorher schon hohe Positionen in der Politik innehatten. Es

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