Finden Sie Ihren nächsten buch Favoriten

Werden Sie noch heute Mitglied und lesen Sie 30 Tage kostenlos
Von Versailles bis Potsdam: Frankreich und das deutsche Problem 1919–1945

Von Versailles bis Potsdam: Frankreich und das deutsche Problem 1919–1945

Vorschau lesen

Von Versailles bis Potsdam: Frankreich und das deutsche Problem 1919–1945

Länge:
487 Seiten
7 Stunden
Freigegeben:
May 15, 2020
ISBN:
9783958902879
Format:
Buch

Beschreibung

Das deutsche Problem ist für Frankreich so alt wie Frankreich selbst. Es reicht zurück bis zu Karl dem Großen und der Aufteilung des Reiches unter seinen Nachkommen im Vertrag von Verdun 843. Seitdem gibt es ein Frankreich und ein Deutschland, seitdem gibt es Zwistigkeiten, Streit und Kriege, die im 20. Jahrhundert in zwei Weltkriegen mit Millionen Toten und Zerstörungen von nie da gewesenem Ausmaß gipfelten.

André François-Poncet, Germanist, Politiker und Diplomat, hat die Entwicklung der deutsch französischen Beziehungen von Beginn des Ersten Weltkriegs bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hautnah erlebt. 1919 fungierte er als Übersetzer für die deutsche Delegation in Versailles, in den 1920er-Jahren war er als Diplomat, von 1931 bis 1938 als französischer Botschafter Deutschland verbunden. Nach seiner Haft als Geisel der SS 1943–1945 wurde er französischer Hochkommissar und schließlich noch einmal Botschafter in Deutschland. In seinem Buch "Von Versailles bis Potsdam" schildert er die verhängnisvollen Entwicklungen in Deutschland nach Abschluss des Versailler Vertrages, die schließlich zum Ende der Weimarer Republik, zur Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und zu einem weiteren verheerenden Weltkrieg geführt haben. "Von Versailles bis Potsdam" ist eine spannende Lektüre und ein wichtiges Dokument der Zeitgeschichte – und es ist heute so aktuell wie zu seiner Ersterscheinung 1947, da sich rechtsradikale, nationalistische Kräfte wieder anschicken, Europa und die Freundschaft zu Frankreich infrage zu stellen.
Freigegeben:
May 15, 2020
ISBN:
9783958902879
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Von Versailles bis Potsdam

Ähnliche Bücher

Buchvorschau

Von Versailles bis Potsdam - André François-Poncet

ausmachen.

DIE MILITÄRISCHE NIEDERLAGE UND DIE DEUTSCHE REVOLUTION

Das deutsche Problem ist für Frankreich so alt wie Frankreich selbst. Es reicht bis in die Zeit zurück, in der die Nachfolger Karls des Großen sein Reich teilten und in Uneinigkeit gerieten. Recht oft haben mir Deutsche, die witzig sein wollten, gesagt: »Wir sind für die Abschaffung des Vertrages …«, und ehe ich Anstoß an ihrer Äußerung nehmen konnte, fügten sie eilig hinzu: »Für die Abschaffung des Vertrages von Verdun.«

Der im Jahre 843 nach der Niederlage Lothars bei Fontenay und den Straßburger Eiden geschlossene Vertrag von Verdun sprach Ludwig dem Deutschen das Land ostwärts des Rheins sowie Speyer, Worms und Mainz auf dem linken Rheinufer zu, Karl dem Kahlen das Land westlich der Schelde und Maas, während ein Gebietsstreifen zwischen der Schelde und der Weser Lothar zugleich mit der Kaiserwürde zugeteilt wurde.

Seitdem gibt es ein Frankreich und ein Deutschland, seitdem auch einen jahrhundertelangen Streit. Es ist, als zögen sich die beiden Hälften eines früher einheitlichen Ganzen in gleichem Maße wechselseitig an und stießen sich ab, als lebte in ihnen eine verborgene Sehnsucht nach der verlorenen Einheit und als versuchten sie, diese Einheit auf dem Wege der Politik oder der Gewalt wiederzugewinnen. Besonders die Deutschen träumen noch heute wie ihre Altvordern davon, Karl den Großen zu wiederholen. Sie möchten, wie er es war, Nachfolger und Erben des römischen Reiches sein, Europa beherrschen, wie er es beherrschte und wie nach ihm das Heilige Römische Reich deutscher Nation es zu beherrschen strebte.

Die Erinnerung an das heilige Imperium ist im neuzeitlichen Deutschland keineswegs erloschen. Sie wird schon durch das Wort »Reich« heraufbeschworen, das den Deutschen so teuer ist, das, der Vergangenheit zugewandt, Stolz und Bedauern ausdrückt, im Hinblick auf die Zukunft aber eine Hoffnung und ein Programm bedeutet. Franz von Papen sprach gern vom heiligen Reich, wohl wissend, dass er damit den Ohren seiner Hörer schmeichelte. Und eine der ersten Maßnahmen Hitlers nach der Annexion Österreichs und der Besetzung Wiens war es, die Reichsinsignien von dort wegzunehmen und nach Nürnberg zu bringen.

Als an der Spitze des Römischen Reiches Deutscher Nation Österreicher standen, die in Flandern, Lothringen, Italien und Spanien begütert waren, entstand für Frankreich die tödliche Gefahr einer Einkreisung. Es wurde zu seiner Hauptsorge, der Erstickung zu entgehen und seine Sicherheit auf der am meisten bedrohten Seite zu festigen, das heißt im Norden, im Osten und am Rhein. Hieraus ist zum großen Teil die Politik Richelieus, Ludwigs XIV., der französischen Revolution und Napoleons zu erklären.

In uns näherliegenden Zeiten nahm die deutsche Frage ein neues Gesicht an, als Preußen die Bühne des europäischen Theaters betrat. Dieses halbslawische, unter einen für barbarisch erachteten Himmelsstrich entrückte Preußen, das erst seit 1701 ein Königreich war, genoss in Frankreich zunächst große Beliebtheit, da es sich als Nebenbuhler Österreichs erwies. Wir verhalfen ihm zum Aufstieg, indem wir zur Schwächung Österreichs beitrugen, Österreich auf den Schlachtfeldern des Erbfolgekrieges schlugen, später bei Magenta und Solferino, schließlich zuließen, dass es bei Königgrätz besiegt wurde, und indem wir die Bildung der italienischen und der deutschen Einheit begünstigten. Bismarck wollte ein föderatives Deutsches Reich unter preußischer Führung gründen, dem alten österreichischen Kaiserstaat gewachsen, wenn nicht gar überlegen. Die Deutschen nach ihm waren weniger klug. Sie waren von dem Ehrgeiz besessen, die erste Macht des Kontinents zu werden. Verblendet von dem stolzen Bewusstsein, in der Reformation nicht nur die einzige große Ketzerei des Christentums, die gelungen war, verbreitet, sondern auch in der kurzen Spanne von ein bis anderthalb Jahrhunderten die ganze Welt durch Reichtum und Vielseitigkeit geistiger Schöpfungen wie auch durch einen unerhörten industriellen Aufschwung verblüfft zu haben, berauscht von außerordentlich raschen Erfolgen, verfielen die Deutschen zwei Krankheiten, von denen sie auch jetzt noch nicht geheilt sind: dem Verfolgungswahn und dem Größenwahn. Für ihr Streben nach Hegemonie, dieser Kehrseite zurückgedrängter Emporkömmlingsgefühle, erschien Frankreich als Hindernis. Der Krieg von 1870/71 hatte dieses Land nicht ausgeschaltet. Es hatte sich ziemlich rasch wieder aufgerichtet. Mit Russland verbündet, mit England befreundet, war es für Deutschlands Bestrebungen wieder ein Hemmschuh geworden. Das Deutschland Wilhelms II. wollte Frankreich das Rückgrat brechen. Es gelang ihm aber nicht. Jedoch hat es aus Gründen, die wir noch darlegen werden, das durch den Entscheid der Waffen gefällte Urteil nicht anerkannt.

Deutschland fiel in einen nationalistischen Rausch zurück. Es brachte einen Hitler hervor, der auf einer mehr plebejischen Ebene mittels einer verwegenen sozialen Demagogie die Massen für sich gewann. Hitler hat den Versuch Wilhelms II. erneuert. Er ist noch gründlicher gescheitert. Deutschland ist besetzt, zerschmettert, ruiniert und praktisch vernichtet. Dennoch zählt es nicht weniger als siebzig Millionen Einwohner, ein beachtenswertes menschliches Potenzial. Es handelt sich jetzt darum, über sein Los zu entscheiden, ihm ein Statut zu geben, es durch einen Vertrag zu binden, der nach Möglichkeit weniger brüchig ist als der Vertrag von Versailles. Es gilt, die Rolle zu umreißen, die Deutschland hinfort in Europa zu spielen berufen ist. Was wird diese Rolle sein? Und was wird dieses Europa sein? Die Sieger, die sich auf deutschem Boden niedergelassen haben, sind unter sich uneinig. Sie können sich darüber nicht verständigen, wie der vor zweieinhalb Jahren errungene Sieg verwertet werden soll, sodass die deutsche Frage noch immer ungelöst ist. Bei meinem Versuch, zu klären, wie sich das zeitgenössische deutsche Problem vor unseren Augen darstellt, will ich nicht bis auf die Ursprünge dieses episodenreichen und noch nicht abgeschlossenen Dramas zurückgehen. Das Wort »zeitgenössisch« allerdings ist ein dehnbarer Begriff. Ich war Zeitgenosse von Ereignissen, die vor der Geburt der meisten meiner Leser liegen. Die dritte Republik, deren Weg meine Generation nur zur Hälfte oder zu zwei Dritteln miterlebt hat, rechnen die Historiker, wenn ich nicht irre, auch zur zeitgenössischen Geschichte. Es wäre, glaube ich, richtig, als zeitgenössisch die Ereignisse zu betrachten, für die es noch Augenzeugen, wenn nicht gar Mitwirkende gibt, die imstande sind, darüber mindestens das zu berichten, was sie wahrgenommen haben.

Gemäß dieser Auffassung werde ich meine Betrachtung mit dem Ausgang des Ersten Weltkrieges Ende 1918, mit der Stunde des Waffenstillstandes und des Friedens beginnen. Ich werde sie vom Versailler Friedensschluss weiterführen bis zur deutschen Kapitulation, die den Zweiten Weltkrieg beendet, bis zur Konferenz von Potsdam, die nach der Niederlage Deutschlands Schicksal bestimmt hat. »Von Versailles bis Potsdam« kann somit der Titel dieser Studie lauten.

Ich werde mich bemühen, zu zeigen, wie der Versailler Vertrag nicht hielt, was er versprach; wie er weder den deutsch-französischen Gegensatz noch das deutsche Problem löste; wie die Weimarer Republik Bankrott machte, von der man doch erwartete, dass sie demokratische Einrichtungen einbürgerte und Deutschland ein neues Gesicht und eine neue Seele gäbe; wie, so kurz nach der Niederlage, das Reich an Revanche denken konnte; wie Aufstieg, Diktatur und Sturz Adolf Hitlers zu erklären sind; wie sich endlich, nach der Kapitulation und der zweiten Katastrophe, die Lage Deutschlands gestaltet, das von vier fremden Heeren besetzt und von vier fremden Regierungen abhängig ist.

Ich gebe nur eine summarische, in großen Zügen gehaltene Skizze von den rund 28 Jahren, die seit dem Zusammenbruch des Reiches Wilhelms II., des »zweiten Reichs«, verflossen sind. Man findet hier keinen vollständigen Bericht, keine lückenlosen Aufzählungen und Chronologien. Ich bemühe mich vor allem, die allgemeinen Ideen herauszuarbeiten, die meines Erachtens den Tatsachen zugrunde liegen und zu deren Erklärung dienen. Dabei hebe ich die Männer hervor, die ich persönlich kannte, und die Ereignisse, an denen ich irgendwie beteiligt war.

Man wird auf diesem Wege bemerken, dass die Fragen, die uns zur Stunde bewegen, oft sehr verwandt mit den Fragen sind, die uns gestern beschäftigt haben. Die Geschichte ist eine Lehrmeisterin. Aber es wird sich auch zeigen, dass der Mensch sich nicht viel um die Lehren der Geschichte kümmert. Die Erfahrungen seiner Vorgänger zählen in seinen Augen gering. Und er kehrt fröhlich zu den schon begangenen Fehlern zurück. Man kann dies in gewisser Hinsicht bedauern. In anderer Beziehung ist es besser, sich philosophisch damit abzufinden. Denn wenn jede Generation die Früchte aller Erfahrungen erntete, die von allen ihr vorausgehenden Generationen erworben worden sind, befände sich unsere Generation heute auf dem Gipfel einer Pyramide der Weisheit. Aber ihr Selbstvertrauen, ihr Lebensmut, ihre innere Glut, wären dadurch empfindlich herabgesetzt. Ich war stets der Meinung, dass die Ausbreitung der Weisheit den Beginn des Niedergangs der Menschheit bedeutet. Von diesem Standpunkt aus gesehen, ist das sich uns heute bietende Bild der Welt durchaus beruhigend. Es ist uns kein Zweifel darüber erlaubt, dass die Menschheit Aussicht hat, noch viele Jahrtausende zu erleben.

Im Herbst 1918 kamen für viele von uns das Ende der militärischen Operationen, die Unterzeichnung des Waffenstillstandes und die deutsche Kapitulation plötzlich und unerwartet, fast wie ein Wunder.

Das ist nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass im März 1918 das englische Heer mit knapper Not dem Unheil entging, dass wir selbst im Mai am Chemin des Dames zerschmettert und auf die Marne zurückgeworfen wurden, dass Paris zu dieser Zeit den Granaten des langen Max ausgesetzt war und dass es uns erst Mitte Juli durch einen Gegenangriff in der Champagne gelang, wieder die Initiative zu ergreifen und eine Reihe erfolgreicher Offensiven durchzuführen. Von Juli bis November hatten wir das deutsche Heer zum Rückzug gezwungen. Aber es ging Schritt für Schritt zurück, in voller Ordnung, kämpfend; und es machte den Eindruck, dass es noch in sich gefestigt und furchtbar war. Marschall Foch hatte für November einen Angriff auf Deutsch-Lothringen vorbereitet. Er erhoffte davon bedeutenden Erfolg. Dennoch glaubte er nicht, dass es die letzte Schlacht sein würde. Er rechnete mit einem Winterfeldzug, mit dem Endsieg erst im Frühling 1919. Aber am 11. November 1918 erklärte sich Deutschland besiegt. Es unterzeichnete den Waffenstillstandsvertrag. Vier Monate hatten genügt, um eine völlig veränderte Lage zu schaffen und die gewaltige Kriegsmaschine des Gegners außer Gefecht zu setzen. Man traute seinen Augen nicht. Die Reichweite und die Schnelligkeit dieses Umschwungs erfreuten natürlich die Alliierten, überraschten sie aber auch, denn sie konnten seine Ursachen nicht klar erkennen.

Ihrer Freude, ihrem Triumph war deshalb ein gutes Teil Misstrauen beigemischt. Die Furcht vor Deutschland, seiner verbleibenden Kraft und seinen möglichen Gegenwirkungen überlebte den Waffenstillstand und beeinflusste während der Ausarbeitung des Friedensvertrages den Geist der Unterhändler, nicht nur der Engländer und Amerikaner, sondern auch der Franzosen. Frankreichs Sorge um seine Sicherheit, die in der Folgezeit eine so wichtige Rolle spielen sollte, tritt in demselben Augenblick in Erscheinung, in dem das Reich Wilhelms II. die Waffen niederlegt.

Als das Signal zum Einstellen des Feuers ertönt, sieht es so aus, als seien die Engländer von tiefem Hass gegen die Deutschen erfüllt. Sie bezeichnen sie nur als »Hunnen«. Lloyd George schwört, der Kaiser werde in einem Käfig durch die Straßen geführt und dann gehängt werden, und man werde Deutschland zur Wiedergutmachung der von ihm verursachten Schäden pressen, »bis man die Knochen krachen hört«.

Weniger grimmig sind die Amerikaner. Ohne die Zerstörungen durch den U-Bootkrieg und die Torpedierung der »Lusitania« vergessen zu haben, denken sie eher daran, Schiedsrichter zu spielen, in dieses kleine und doch so zersplitterte Europa Ordnung hineinzubringen und dort eine neue und aufsehenerregende Einrichtung zu schaffen, die unter dem Namen »Völkerbund« den Weltfrieden verbürgen soll. Und obendrein wollen sie so früh wie möglich heimkehren.

Die Franzosen können den »Boches« nicht die begangenen Verwüstungen verzeihen, die Ersäufung der Gruben, die Verstümmelung der Obstbäume und die Deportierung der Bevölkerung der nördlichen Departements. Deutschland soll die Schäden, für die es verantwortlich ist, vollständig wieder gutmachen und die Kosten der Reparationen tragen. Auch soll der Krieg, dessen Lasten Frankreich vier Jahre hindurch getragen hat, der letzte aller Kriege gewesen sein. Das Mittel hierzu ist die Entwaffnung des Reichs. Es soll unter die Aufsicht eines Bundes aller friedliebenden Völker gestellt werden. Wiedergutmachung aller Schäden von gestern und Sicherheit für morgen sind die Hauptforderungen, die sich die französische öffentliche Meinung einhellig zu eigen macht. Sie erkennt nichtsdestoweniger an, dass die Deutschen tapfere Soldaten gewesen sind. Bei allem Abscheu empfindet sie für den deutschen Soldaten insgeheim eine gewisse Achtung, was ihr den Wunsch eingibt, die Ära der deutsch-französischen Konflikte möchte ein für alle Mal beendet sein.

Engländer, Amerikaner und Franzosen sind gleichermaßen überzeugt, dass dieser grausamste und blutigste aller Kriege, den es je gegeben hat und nach ihrer Meinung je geben wird, von Deutschland, seinem Ehrgeiz, Machthunger und Hegemoniestreben gewollt und hervorgerufen worden ist, dass Deutschland schuldig ist und als schuldig behandelt werden muss.

Den Deutschen dagegen hat man ihrerseits eingeredet, und sie haben es gehorsam anerkannt, dass sie nichts anderes taten, als sich in einem Krieg zu verteidigen, der ihnen aus Neid und Hass aufgezwungen wurde, um ihrem Land den gebührenden Platz an der Sonne zu verwehren. Nach Kriegsende wendet sich ihr Groll fast ausschließlich gegen die Engländer. Die Engländer haben das Reich blockiert und die Frauen und Kinder systematisch ausgehungert. Gott strafe England! Das ist das deutsche Schlagwort. Die Amerikaner, die sich auf den Schlachtfeldern als Neulinge erwiesen haben, betrachten sie mit einer recht verächtlichen Ironie. Ihre ganze Sympathie gehört den Franzosen. Sie erkennen an, dass die Franzosen gute Soldaten und würdige Gegner waren. Sie bewundern den »poilu«. Sie beneiden die Franzosen um Clemenceau und Foch und hoffen auf eine Versöhnung mit ihnen.

So stellt sich beim Waffenstillstand das Gefühlsbild der Kriegführenden dar. Es währte nicht lange, so sollte es einschneidende Veränderungen erfahren.

Untersucht man den Zustand der öffentlichen Meinung in Deutschland kurze Zeit danach, fragt man, wie sie in ihrer überwältigenden Mehrheit den Waffenstillstand vom 11. November 1918 und den ihm folgenden Frieden vom Juni 1919 auffasst, wie sie über die entscheidenden Ereignisse unterrichtet wird und darüber denkt, so begegnet man folgender Ansicht, von allen Zeitungen verbreitet, in allen Schulen gelehrt, in jedem Gehirn verankert, lange vor der Machtübernahme durch Hitler und den Nazismus:

Deutschland ist nicht militärisch besiegt worden. Sein Heer wurde nicht im Felde geschlagen und durch eine Niederlage zur Übergabe gezwungen, seine Grenzen wurden nicht verletzt, es erfolgte keine Invasion.

Deutschland ist vor allem ein Opfer der Blockade, eines unmenschlichen Kriegsmittels, demgegenüber der uneingeschränkte U-Bootkrieg völlig gerechtfertigt war.

Deutschland wurde außerdem noch durch die Bekanntgabe der 14 Punkte betroffen, die nach der Erklärung des Präsidenten Wilson in einer Botschaft an den Kongress vom Januar 1918 die Grundlage für den Frieden bilden sollten.

Die ganze Welt war gegen Deutschland verbündet.

Deshalb hat es auf Veranlassung der Zivilregierung und der parlamentarischen Kreise um einen Waffenstillstand gebeten, als notwendige Voraussetzung für die Eröffnung von Verhandlungen über einen Frieden, der nach deutscher Ansicht auf der Basis der Gleichberechtigung zu verhandeln war, da es auf dem Schlachtfeld weder Sieger noch Besiegte gegeben hatte.

Die von den Alliierten auferlegten Waffenstillstandsbedingungen waren indessen so drakonisch und hart wie bei einer Niederlage des deutschen Heeres. Deutschland hätte sie zurückweisen und den Kampf wiederaufnehmen können, aber in diesem Augenblick versetzten Sozialdemokraten, Marxisten und Juden dem Vaterlande einen Dolchstoß in den Rücken. Die Heimat verriet die Front. Sie revolutionierte und machte damit jeden Widerstand unmöglich.

Deutschland rechnete trotzdem auf einen Verhandlungsfrieden. Es hatte die Revolution im Innern niedergeschlagen und sich eine republikanische und demokratische Verfassung nach dem Muster der Alliierten gegeben.

Doch die Alliierten machten sich seine Ohnmacht zunutze, nachdem sie ihm beim Waffenstillstand Waffen und Verteidigungsmittel weggenommen hatten. Sie isolierten in Versailles die deutschen Vertreter, verwarfen ihre Einwände und Gegenvorschläge und lehnten jede Verhandlung mit ihnen ab. Als wahrhafte Betrüger legten sie zunächst den Köder der 14 Punkte Wilsons aus, warfen ihn dann beiseite und zwangen Deutschland unter Drohung mit Invasion einen nicht frei verhandelten, sondern diktierten Frieden, ein Diktat auf. Mit einem besonders hassenswerten Artikel dieses Diktats, dem Artikel 231, zwangen sie Deutschland, sich als schuldig am Kriege zu bekennen. Daraus leiteten sie die Verpflichtung zur Zahlung von Reparationen in astronomischer Höhe ab. Hiernach ließen sie Deutschland nicht einmal zum Völkerbund zu.

Deutschland unterzeichnete diesen leoninischen Vertrag, weil es gefesselt war und nicht anders konnte. Aber diese erpresste Unterschrift verpflichtet es nicht. Und die Deutschen werden, sobald sie können, die Ketten sprengen, mit denen man sie gefesselt hat.

Diese hier kurz zusammengefassten Thesen wurden in Deutschland so stark und eindringlich verbreitet, fanden so allgemeine Annahme und finden auch heute noch überall so viel Glauben, dass es der Mühe wert ist, sie den Tatsachen gegenüberzustellen. Wir wollen für den Augenblick die den angeblichen Betrug durch Wilsons 14 Punkte betreffende Behauptung beiseitelassen, dagegen die These prüfen, wonach das deutsche Heer nicht militärisch geschlagen worden sei, der unter dem Druck der Zivilisten erbetene Waffenstillstand ebenso wie der Friede hätten verhandelt werden können, wenn nicht der sozialistische Dolchstoß und der Verrat der Heimat Deutschland zur Ohnmacht verurteilt hätten.

Als am 11. Dezember 1918 die Truppen der Berliner Garnison in die Hauptstadt zurückkehrten und durch das Brandenburger Tor einzogen, hatten Offiziere und Soldaten ihre Helme mit Eichenlaub geschmückt. Und die Begrüßungsrede, die Ebert, der Präsident der Regierung der Volksbeauftragten, die aus der Revolution vom 9. November hervorgegangen war, an sie richtete, begann mit den Worten: »Ich grüße Euch, die Ihr unbesiegt von den Schlachtfeldern zurückkehrt!«

Der Schweizer Journalist René Payot¹ hat kürzlich erzählt: »Ich habe im Dezember 1918 in Berlin den Einzug der Garderegimenter mitangesehen. Nun, ich versichere Sie, dass ich während eines ganzen Nachmittags das Gefühl hatte, einem Vorbeimarsch siegreicher Truppen beizuwohnen, denen man Blumen zuwarf!«

So trägt auch das zu Ehren der auf dem Felde der Ehre gefallenen Berliner Studenten errichtete Mal folgende Inschrift: Invictis victi victuri – den Unbesiegten von gestern die Besiegten von heute, die morgen Sieger sein werden! – In Wirklichkeit verhalten sich die Dinge ganz anders, als sie in der Darstellung erscheinen, welche zu geben die herrschenden, besonders die militärischen Kreise sich hartnäckig und von Anfang an bemüht haben.

In der ersten Juliwoche 1918 besucht Admiral von Hintze, eben zum Staatssekretär des Äußeren ernannt, Ludendorff in Avesnes und stellt ihm folgende Frage:

»Sind Sie gewiss, den Feind entscheidend und endgültig zu schlagen?«

»Auf Ihre Frage«, erwidert Ludendorff, »antworte ich mit einem kategorischen Ja.«

Aber am 3. August, als in Spa ein großer Kronrat stattfindet, an dem Wilhelm II., der österreichische Kaiser, Reichskanzler von Hertling, von Burián, Hindenburg und Ludendorff teilnehmen und jeder, besonders aber der Kaiser von Österreich, Besorgnisse um die Zukunft zu erkennen gibt, sagt Ludendorff zu Hintze: »Jetzt habe ich nicht mehr die gleiche Gewissheit«, und er setzt sich für eine strategische Defensive ein, die den Gegner ermüdet und ihn für Friedensverhandlungen geneigt macht.

Es ist aber das deutsche Heer, dessen Reserven immer knapper werden, das ermüdet ist und an Frieden denkt. Österreich seinerseits zieht sich mehr und mehr zurück. Man beginnt, nach einem Neutralen zu suchen, der den Gegner ausforschen soll.

Am 26. September zieht sich Bulgarien aus dem Kampf zurück.

Am 1. Oktober ruft Ludendorff unter dem Eindruck der wiederholten Schläge, die ihm Fochs Armeen versetzen, zwei Beamte der Wilhelmstraße, Grünau und von Lersner, zu sich und erklärt ihnen: »Es muss augenblicklich ein Friedensangebot gemacht werden. Heute hält die Truppe noch stand, aber man kann nicht voraussehen, was morgen geschieht!«

Und am gleichen Tage, um Mitternacht, ruft er sie telefonisch an: »Das Heer kann keine 48 Stunden mehr warten!«

Prinz Max von Baden, der soeben die Nachfolge des Reichskanzlers von Hertling angetreten und ein parlamentarisches Kabinett nach westlichem Muster gebildet hat, sichtlich um leichter mit den Alliierten zu verhandeln, fordert einen Aufschub und will sich erst informieren. Am 3. Oktober schreibt ihm Hindenburg: »Es besteht keine Hoffnung mehr, den Feind zum Friedensschluss zu zwingen. Die Lage wird von Tag zu Tag kritischer und kann die oberste Heeresleitung zu folgenschweren Entschlüssen zwingen!«

Am 5. Oktober entschließt sich Max von Baden durch Vermittlung der Schweiz an den Präsidenten Wilson zu telegraphieren; er bittet ihn, sofort einen Waffenstillstand abzuschließen und die Kriegführenden zu Friedensverhandlungen auf der Basis der 14 Punkte zusammenzurufen.

An diesem Datum des 5. Oktober 1918 gibt es noch keinerlei revolutionäre Erhebung, keinen Dolchstoß der »Roten«, keinen Verrat der Heimat. Dennoch gibt die oberste Heeresleitung, geben Hindenburg und Ludendorff, die Abgötter des deutschen Volkes, zu, dass die Armee besiegt ist. Sie erklären sich außerstande – freilich nicht öffentlich –,noch länger den Angriffen des Gegners Widerstand zu leisten. Nur ein Gedanke beschäftigt sie noch: durch einen sofortigen Waffenstillstand und Aufnahme von Friedensverhandlungen einen katastrophalen Zusammenbruch der Front und die Invasion zu verhüten.

Sie sind noch mehr besiegt als nach einer Schlacht, da sie nicht einmal mehr das Risiko dieser Schlacht auf sich nehmen und von vornherein gewiss sind, sie zu verlieren.

Und wie es nicht der Verrat der Heimat ist, der sie zur Kapitulation zwingt, so ist es auch nicht die zivile Gewalt, die sie drängt, Frieden zu schließen. Im Gegenteil; sie selbst sind es, die die zivile Gewalt drängen, den Reichskanzler Max von Baden bestürmen, ihnen den bang ersehnten Waffenstillstand zu verschaffen.

Vom 5. bis zum 21. Oktober entspinnt sich ein telegraphischer Dialog zwischen dem Präsidenten Wilson und dem Reichskanzler. Dieser Dialog bezeugt, dass der Präsident der Vereinigten Staaten nicht bereit ist, das deutsche Angebot ohne Abwägen der Aktiv- und Passivposten anzunehmen und zu vermitteln. Er lässt sich auf keine Auseinandersetzung ein und stellt vorläufige Bedingungen. Nach diesem Notenwechsel besteht für Deutschland kein Zweifel mehr. Der Waffenstillstand wird nicht verhandelt. Er kann nur angenommen oder abgelehnt werden. In dieser Beziehung ist Wilson sehr geschickt verfahren, aber in anderer Hinsicht begeht er einen politischen und psychologischen Fehler.

Er teilt mit, dass die Alliierten nicht mit jener militärischen Macht einen Vertrag schließen werden, die den Weltfrieden gebrochen hat. Damit regt er die Absetzung oder Abdankung Wilhelms II. an. Aber er meint gleichzeitig Hindenburg, Ludendorff und den ganzen Generalstab. Dieser ergreift unverzüglich den Vorteil, den er daraus ziehen kann. Er zieht sich aus dem Spiel zurück und versteckt sich hinter den Zivilisten. Übrigens war er infolge der Reformen des Prinzen Max von Baden der zivilen Gewalt unterstellt worden. Er lässt es zu, dass ein sehr rühriger Reichstagsabgeordneter, der schon seit längerer Zeit die Reichspolitik dem Frieden zuzusteuern empfiehlt, Matthias Erzberger, mit dem Vorsitz der deutschen Delegation betraut wird, die die Bedingungen der Alliierten entgegennehmen soll. Hindenburg gibt ihm seinen Segen und dankt ihm später, dass er seine Aufgabe so gut erfüllt habe. Doch die Öffentlichkeit erfährt davon nichts. Und mit außergewöhnlichem Zynismus behaupten die deutschen Militärs später, mit der Kapitulation nichts zu tun gehabt zu haben. Der Schein ist für sie. Man glaubt ihnen, wenn sie aufgrund eines schamlosen Betruges erklären, sie hätten nur dem Willen der Zivilisten gehorcht. Ohne Zweifel wäre es besser gewesen, Hindenburg und Ludendorff selbst wären nach Rhetondes gegangen und hätten dort ihre Namen unter das Dokument gesetzt, um hiernach, ihres Ansehens beraubt und mit dem Brandmal der Niederlage gezeichnet, in die Heimat zurückzukehren.

Wäre es nicht auch besser gewesen, Marschall Foch hätte das Angebot des Waffenstillstandes abgelehnt, die vorbereitete Schlacht geliefert und dadurch die Möglichkeit gewonnen, in Deutschland einzudringen?

Die von ihm aufgestellten Bedingungen enthielten die Räumung Belgiens, Frankreichs, Elsaß-Lothringens, des linken Rheinufers und seiner Brückenköpfe, die Auslieferung von 5000 Geschützen, 25 000 Maschinengewehren, 3000 Granatwerfern, 5000 Lokomotiven, 150 000 Güterwagen, 1700 Flugzeugen, 5000 Lastkraftwagen, 100 U-Booten, 8 leichten Kreuzern, 6 Panzerschiffen, die Aufrechterhaltung der Blockade, den Verzicht auf die Kolonien. Nach einer durch einen vollständigen militärischen Sieg gekrönten Schlacht hätten die Bedingungen des Siegers keine anderen sein können. Man konnte also das Blut einer Schlacht sparen, da man auch so das gleiche Ergebnis erzielte. So urteilte Marschall Foch, als er in Senlis zu Clemenceau sagte: »Den Kampf noch länger weiterzuführen hieße viel aufs Spiel setzen. Wir würden vielleicht 50 000 oder 100 000 Franzosen mehr opfern, ohne die Verluste der Alliierten mitzurechnen, um recht fragwürdige Ergebnisse zu erzielen. Das müsste ich mir mein Leben lang vorwerfen. Es ist leider schon viel Blut vergossen worden. Das genügt!«

Diese Worte gereichen den menschlichen Gefühlen des Mannes zur Ehre, der sie gesprochen hat. Die Tatsache aber, dass Deutschland mit Ausnahme des Rheinlandes nicht von fremden Heeren besetzt wurde und die Hauptstadt Berlin keine alliierten Garnisonen in ihren Mauern sah, trug dazu bei, die für den nationalen Stolz so schmeichelhafte Fabel glaubhaft zu machen, wonach das deutsche Heer nicht militärisch besiegt worden und es seinen Führern gelungen sei, den Feind am Betreten des vaterländischen Bodens zu hindern. Dieselbe Missachtung der Wahrheit findet sich in der gegen die Sozialisten, die Männer der Linken und die Juden erhobenen Anklage, dem Vaterland durch Entfesseln einer revolutionären Bewegung einen Dolchstoß in den Rücken versetzt und hierdurch die militärische Kapitulation unvermeidlich gemacht zu haben. Gewiss hat es im November 1918 in Deutschland eine revolutionäre Erhebung gegeben, der noch zwei oder drei weitere von ungleichem Umfang folgten. Aber der erste dieser Aufstandsversuche brach am 30. Oktober aus. Und wir haben soeben festgestellt, dass seit dem 1. Oktober die vor der Niederlage stehende militärische Führung unaufhörlich einen Waffenstillstand forderte und entschlossen war, ihn unter jeder Bedingung anzunehmen. Sodann wurde das Signal zur Revolte nicht von den Zivilisten, auch nicht von den politischen Parteien gegeben. Vielmehr waren es Soldaten, Matrosen der Hochseeflotte auf Schillig-Reede, die auf den Linienschiffen meuterten, um ihre Offiziere zu hindern, sie zur letzten Seeschlacht gegen England zu führen, die von den Admiralen beschlossen worden war. Nicht die Zivilisten haben die Militärs verführt. Es waren vielmehr die Militärs, die die Zivilisten von ihrer Pflicht abwendig machten. Die deutsche Revolution Anfang November 1918 ist dem Entschluss der obersten Heeresleitung zur Beendigung des Krieges um jeden Preis nicht vorausgegangen, sondern gefolgt. Der Generalstab und die ihm nahestehenden Kreise haben einfach und zynisch die Verantwortlichkeit verschoben, indem sie die Reihenfolge beider Erscheinungen vertauschten und aus der zweiten den Vorläufer und die direkte Ursache der ersten machten. So wälzten sie die Last der Missbilligung, die ihre eigenen Schultern zu bedrücken drohte, auf andere ab. Die hartnäckig und schamlos verbreitete Dolchstoßlegende wird zu einer der wirksamsten Waffen, mit denen – besonders durch Hitlers Leute – die Sozialdemokraten und die deutschen Liberalen bekämpft und diskreditiert werden.

Von den Panzerschiffen der Flotte geht die Revolution auf das Land über, erobert die Häfen, Wilhelmshaven, Kiel, Hamburg, Bremen, in den ersten Novembertagen. Sie lässt Banden entstehen, in denen sich Matrosen, Etappensoldaten, Rekruten aus den Depots, Arbeiter, russische Agitatoren und niedere Elemente mischen. Diese bunt zusammengesetzten, mit Gewehren und Handgranaten bewaffneten Banden nehmen die Eisenbahnzüge im Sturm und ergießen sich in die großen deutschen Städte, Köln, Halle, Dresden. Frankfurt, München und Berlin. Überall, wohin sie den Funken tragen, flammt die Feuersbrunst auf. Überall bilden sie in Nachahmung der russischen Revolution, die lebhaft in den Gemütern gezündet hat, Arbeiter- und Soldatenräte, die sich der örtlichen Gewalt bemächtigen. In wenigen Tagen sind es Zehntausend in ganz Deutschland, von sehr verschiedener Art. Die einen kennen eine Rangordnung, achten die alte Autorität und die Befehlsgewalt und sind gemäßigt in ihren Forderungen. Die anderen sind erhitzt, heftig, Rebellen gegen die alte Disziplin und wirklich revolutionär.

In den Staaten, in denen der Aufstand seine Herrschaft durchsetzt, im Rheinland, im Ruhrgebiet, in Sachsen, Hessen und Bayern, nimmt er ohne Weiteres einen partikularistischen, in Bayern einen offen separatistischen Charakter an. Er vollzieht sich unter dem Zeichen des Misstrauens und des Grolls gegen Preußen. Er gibt seinen Willen kund, sich von der Berliner Vormundschaft zu befreien. Diese Tatsache scheint von den Alliierten nicht genügend beachtet worden zu sein, oder man hat ihr im Augenblick nicht die Bedeutung beigemessen, die sie verdiente. Aber in Deutschland hat man sich darüber keiner Täuschung hingegeben. Die Gegner der Revolution begriffen sofort, dass diese die Einheit des Reichs gefährdete, und das war einer der Gründe, weshalb sie sie schonungslos bekämpften. Diese Tatsache muss nachdrücklich hervorgehoben werden. Sie sollte die Männer erleuchten, welche die Aufgabe haben, Deutschland eine neue Verfassung zu geben. Jedenfalls liefert sie, nach unserer Meinung, die Erklärung für das, was man als einen Irrtum der Verfasser des Vertrages von Versailles ansehen kann, einen Irrtum, von dem wir wünschen, er möchte nicht mehr wiederholt werden.

Die Haltung der Revolutionäre vom November 1918 ist übrigens, wie häufig in Deutschland, widerspruchsvoll. Sie wollen sich von Berlin emanzipieren und daheim die Revolution auf ihre eigene Art machen. Gleichzeitig entsenden die Arbeiter- und Soldatenräte jedoch Delegierte in die Reichshauptstadt, um dort nach dem Rechten zu sehen, sodass Berlin trotzdem Schauplatz der entscheidenden Vorgänge bleibt.

Die Novemberrevolution war ein anarchischer und stürmischer Ausbruch. Sie ist von den grundsätzlich revolutionären politischen Parteien weder vorbereitet noch ausgelöst worden. Diese wurden im Gegenteil von ihr überrascht. Gleichwohl ist es ihnen und ihren Führern, die im Reichstag die Linke bilden, nicht möglich, abseits zu stehen. Sie schließen sich deshalb der Bewegung an und bemühen sich, ihre Leitung zu übernehmen.

Aber diese Parteien und ihre Führer sind in sich selbst gespalten. Seit 1917 hat sich die Sozialdemokratie in zwei Gruppen geteilt: die Mehrheitssozialisten und die »unabhängigen« Sozialisten; und diesen stehen auf der Linken die Spartakisten zur Seite.

Der Mehrheitssozialismus hat seit langer Zeit aufgehört, eine Revolutionspartei zu sein. Er entspricht ungefähr dem Radikalsozialismus in Frankreich. Er stimmte allen Maßnahmen der Kriegspolitik zu. Er begnügte sich damit, zusammen mit den Gewerkschaften das materielle Dasein der Arbeiter zu schützen, und ging rein politischen Auseinandersetzungen aus dem Wege. Er dachte weder an die Revolution noch an die Formen, die sie annehmen könnte. Die Sozialdemokratie erstrebt keine republikanische Staatsform. Was sie wünscht, ist die legale Umwandlung des kaiserlichen autokratischen Regimes in eine volkstümliche parlamentarische Regierung. Die Politik des Prinzen Max von Baden, eines liberalen Geistes, der, wie erwartet, Anfang Oktober 1918 zum Reichskanzler ernannt wird und seine Reformen (u.a. Verantwortlichkeit des Reichskanzlers vor der Volksvertretung, allgemeines Wahlrecht in Preußen, Unterordnung der militärischen unter die zivile Autorität) scheinen ihr ausreichende Errungenschaften zu sein. Sie ist keine Anhängerin eines überstürzten sozialistischen Aufbaus. Sie glaubt, dass diesem eine demokratische Erziehung vorausgehen müsse. Ihre Führer, Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann, Gustav Bauer, Otto Wels, Hermann Müller, sind friedliche Kleinbürger, ohne jede Erfahrung in der Regierung und in der großen Politik, durch nichts auf die Übernahme der Regierungsgewalt vorbereitet.

Die unabhängigen Sozialisten, Hugo Haase, Wilhelm Dittmann, Arthur Crispien, Georg Ledebour, Emil Barth, Oskar Cohn, sind genauso unerfahren und ebenso unvorbereitet auf die Verantwortlichkeit in der Regierung, aber sie haben mehr Kraft, Kühnheit und revolutionäres Temperament. Sie haben die Kriegskredite verweigert und 1916, 1917 und 1918 Streiks entfacht, die allerdings schnell erstickt wurden. Sie predigen den offenen Kampf gegen die konservativen und reaktionären Elemente, den Kaiserthron und den Generalstab. Sie fordern die Ausrufung der Republik und die Sozialisierung.

Auf ihrem linken Flügel stehen die Spartakisten, so genannt nach Spartacus, jenem Mann, der im Altertum den Sklavenaufstand gegen Rom anführte, und nach dem Titel umstürzlerischer und geheimer Flugschriften, die in Deutschland seit 1916 umliefen (Spartakusbriefe). Die von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg geführten Spartakisten bekennen sich zu Lenin und der russischen Revolution. Sie wollen sofort die Diktatur des Proletariats errichten und die Arbeiter- und Soldatenräte den Sowjets angleichen. Überdies bezeichnen sie sich bald offen als Kommunisten.

Die Kräfte dieser drei Gruppen sind ungleich. Die Mehrheitssozialisten haben die gemäßigten Elemente der Arbeiterschaft auf ihrer Seite, das heißt die Mehrheit. Die Unabhängigen sind ihnen an Zahl unterlegen, bilden aber eine wagemutigere Minderheit. Die an Zahl noch geringeren Spartakisten haben mehr Einfluss auf aufrührerische Elemente, auf die Straße, und sie zählen in ihren Reihen Emissäre aus dem bolschewistischen Russland.

So eröffnen sich vor der durch die Meuterei der Kieler Matrosen hervorgerufenen Revolution drei Wege. Welchen dieser Wege wird sie einschlagen? Die Partie beginnt und wird sieben Monate dauern, vom November 1918 bis zum Mai 1919.

Zunächst nähern sich Mehrheitssozialisten und Unabhängige einander an. Scheidemann erhebt seine Stimme. Er verlangt die Abdankung des Kaisers und des Kronprinzen. Wilhelm II. verzichtet tatsächlich auf die Kaiserwürde, nicht aber auf die preußische Krone. Doch seine Abdankung erfolgt nicht auf die Forderungen Scheidemanns hin, sondern auf die in Spa geäußerte Meinung von 50 Generalen, die General Groener, der Nachfolger Ludendorffs, zur Beratung einberufen hatte. Ludendorff selbst war zurückgetreten und geflohen. Am 9. November proklamiert Scheidemann mit begeistertem Schwung vom Balkon des Reichstags aus die Republik. Am selben Tage und fast zur selben Stunde schwingt Liebknecht auf dem Balkon des königlichen Schlosses die rote Fahne.

Mit Zustimmung der Arbeiter- und Soldatenräte verständigen sich Mehrheitssozialisten und Unabhängige über die Gründung eines Rates von sechs Volksbeauftragten, in den jede Richtung drei Vertreter entsendet. Ebert, Scheidemann und Landsberg vertreten die Mehrheitssozialisten, Haase, Dittmann und Barth die Unabhängigen. Ebert wird zum Präsidenten des Rates ernannt. Aber Prinz Max von Baden, der sein Amt niederlegt, hat ihn schon zum Reichskanzler ernannt, sodass er eine zweifache Belehnung erfährt. Er ist zugleich der Mann des abtretenden Regimes und der der aufsteigenden Revolution. Diese Eigenschaft erklärt und verkündet die bedeutende Rolle, die er fortan spielt.

Seine Persönlichkeit zeichnet sich indessen weder durch blendende Eigenschaften noch durch eine ungewöhnliche Begabung aus. Ebert ist von kleiner Statur, ein rundlicher Mann von bescheidenem Äußeren. Das Gesicht, leicht gedunsen und mit einem Spitzbärtchen geschmückt, zeigt gewöhnliche Züge. In bürgerliche Kleidung gezwängt, sieht er aus wie ein kluger Werkmeister oder ein gesetzter kleiner Unternehmer. In moralischer Hinsicht ist er besonnen, einfach, gemäßigt, weniger unruhig und hohl als Scheidemann. So verkörpert er vollkommen den Typ des Mehrheitssozialisten, einer Spielart des konservativen Sozialismus. Als Süddeutscher hat er gefällige Umgangsformen. Er wirkt sympathisch und erweckt Vertrauen. Die Arbeiter kennen und achten ihn. Übrigens entstammt er der Arbeiterklasse. Er ist Sohn eines Schneiders und hat das Sattlerhandwerk ausgeübt. Er war Sekretär seiner Gewerkschaft und widmete sich dann innerhalb und außerhalb seiner Berufsorganisation ganz der gewerkschaftlichen Tätigkeit und dem Schutz der Arbeiterinteressen. Er wurde Reichstagsabgeordneter und

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Von Versailles bis Potsdam denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen