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Als der Donner vom Himmel fiel ...

Als der Donner vom Himmel fiel ...

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Als der Donner vom Himmel fiel ...

Länge:
359 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 9, 2020
ISBN:
9783751946230
Format:
Buch

Beschreibung

Ein Abschnitt der Zeitgeschichte aus der Sicht einer Generation, die in der DDR, gewohnt, geliebt und gelebt hat. Viele Ereignisse sind historisch belegt, andere kommen der Wirklichkeit sehr, sehr nahe.
Obwohl der Roman starke autobiografische Züge aufweist, sind doch die Namen der handelnden Personen der Fantasie des Autors entsprungen.
Institutionen und militärischen Positionen gab es. Es besteht die Möglichkeit, dass heute noch lebende Personen irrtümlich mit Personen und Handlungen in dem Roman identifiziert werden, weil sich ihre damaligen Positionen glichen. Ähnlichkeiten sind daher rein zufällig und vielleicht sogar beabsichtigt.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 9, 2020
ISBN:
9783751946230
Format:
Buch

Über den Autor

Hans-Peter Bauer wurde am 14.06.1940 in Weißenfels geboren und beschäftigt sich mit der Historie der Oberlausitz.


Buchvorschau

Als der Donner vom Himmel fiel ... - Hans-Peter Bauer

Weitere Titel des Autors:

Der blaue Mühlstein

Die schwarze Spinne und das heilige Bijou

Die Hussiten

Das Orakel vom Teufelsstein

Titel in der Regel auch als E-Book erhältlich

Anmerkungen des Autors

Es ist ein Abschnitt der Zeitgeschichte aus der Sicht einer Generation, die in der DDR, gewohnt, geliebt und gelebt hat. Viele Ereignisse sind historisch belegt, andere kommen der Wirklichkeit sehr, sehr nahe.

Seit der ersten Auflage gab es vieles zu ergänzen und auch zu korrigieren, die durch das Auffinden von relevanten Dokumenten notwendig wurden.

Obwohl der Roman starke autobiografische Züge aufweist, sind doch alle Namen der handelnden Personen der Fantasie des Autors entsprungen.

Institutionen und militärischen Positionen gab es. Es besteht die Möglichkeit, dass heute noch lebende Personen irrtümlich mit Personen und Handlungen in dem Roman identifiziert werden, weil sich ihre damaligen Positionen glichen. Ähnlichkeiten sind daher rein zufällig und vielleicht sogar beabsichtigt.

Görlitz Mai 2020

Hans-Peter Bauer

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Im Frühsommer 1987

Doktor Ede

Kapitel 2

Im Visier der Macht ...

Kapitel 3

Vier Monate später, Februar 1988

Kapitel 4

Ein Kuckuck im Nest, März 1988

Der Kuckuck hat ein Ei gelegt

Kapitel 5: Die Wende

Wer einmal in den Fettnapf tritt ...

Vor dem Wahltag des 7. Mai 1989

Der Herbst 1989

15. Oktober

Als der Donner vom Himmel fiel ...

Die Traumsicht

25. Oktober 1989, Mittwoch in der Früh

13. August 1961

Die formidabele Rückbesinnung

Im Feldlager

Großvater Wilhelm

28. Oktober 1989 Samstag in der Früh

9. November 1989, nachmittags

Kapitel 6: Die Nachwehen der Wende

Das Ende der sozialistischen Moral ...

Der zweite Hieb

09. Dezember 1989

Montag in der Früh

Die Insel

Quo vadis, Hannes?

Ein zwischenzeitlich beschwerlicher Weg

Der letzte Deal

6 Jahre später

Kapitel 7: Retrospektiven

Noch eine Traumsicht

Janina

Die Wahrheit läßt sich nicht verbergen

Kapitel 8

Die Wahrheit schmeckt bitter

Görlitz Obermühle

Epilog

Glossar

Prolog

»Machen wir uns nichts vor, jede Zeit hat das Gefühl eine «Endzeit» zu sein. Es ist eine Zeit, in der die Entscheidung über die Zukunft, über das Überleben der Menschheit fällt. Es ist liebenswürdig, sehr schätzenswert, dass jede Zeit auf diese Weise ausdrückt, sie fühle sich für die Zukunft der Menschheit verantwortlich. Doch wenn ich die einer so hehren Haltung nicht ganz angemessenen Vokabeln «liebenswürdig» und «schätzenswert» wähle, dann deute ich an, dass mir bei diesem Verantwortlichkeitsgefühl nicht ganz wohl ist«.¹

(Zitat: G. Mauz in „Deutschland fällt unter die Räuber")

Vor einiger Zeit fiel mir seine Arbeit in die Hände und faszinierte mich. Gerhard Mauz möge mir verzeihen, dass ich seine Worte an den Anfang dieses Buches stelle. Sie treffen, nach meinem Geschichtsverständnis, genau den Kern der Dinge einer Zeit, in der ich aufgewachsen bin und in der ich gelebt - und zwar sehr bewusst gelebt habe. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass ich mich hier mit Problemen der «Wirtschaftskriminalität» beschäftige und aus diesem Grunde seine Zitate übernehme - nein, das überlasse ich liebend gern Leuten, die etwas davon verstehen.

Aber wie Gerhard Mauz über den Begriff «Feindbild» philosophiert:

«,Dass jede Zeit das Feindbild einer totalen, absoluten Bedrohung braucht; dass sie dieser Bedrohung bedarf, um sich als die bedrohteste, tragischste aller Zeiten zu empfinden - als die Zeit, in der die Entscheidung über alle Zeiten fällt, ...»².

²(Zitat: G. Mauz in „Deutschland fällt unter die Räuber")

Das ist schon sehr beeindruckend, denn eigentlich haben das viele Menschen meiner Generation im Osten Deutschlands bewusst erlebt und auch überzeugt mitgestaltet.

Eine Zeit, die immer mit einem «Feindbild» schwanger einherging, manchmal stärker und seltener schwächer dargestellt aber immer von der «führenden» Partei suggestiv benutzt, in den Köpfen der Menschen jenes Gefühl zu erzeugen, dass sie der Macht gegenüber gefügig machte.

Die Krise, die seit 30 Jahren schwelt, signalisiert doch einen geistig-moralischen Notstand unserer (Ost-)Gesellschaft, der nicht so schnell zu beseitigen sein wird, wie etwa ein Versorgungsnotstand oder ein Reisedefizit. Ursache ist auch, dass das neue «Rechtssystem» nicht verständlich für jederman ist und das es dazu beigetragen hat, dieses «Feindbild» mit der Wende zu übernehmen - nur mit umgekehrten Vorzeichen - und es wird nachwievor in die Köpfe der Menschen hineinmanipuliert, täglich mithilfe der Medien, es ist die Ursache jener Deformation, die jetzt auch ihre Verursacher und Nutznießer beklagen, unter denen auf einmal alle gelitten haben wollen, die aber keiner zu verantworten hat. Eine Zeit, in der viele geglaubt und gehofft haben, sie würde die Grundfragen der Menschheit lösen.

Frieden, Freiheit und soziale Gerechtigkeit für die Menschen - alle Macht geht vom Volke aus. Nur der Feind steht im Westen und hindert uns massiv an der Durchsetzung dieser ach so großen und edlen Ziele.

Was uns heute nach 30 Jahren «Einheit» beschäftigt und bewegt sind nicht die veränderten Strukturen der Macht, sondern hauptsächlich das Schwinden der zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich zwangsläufig aus der Solidarität, aus dem «aufeinander angewiesenensein» ergaben.

Eigentlich ein Positivum, welches mir erhaltenswert erschien. Das Fehlen der Solidarität wirkt schmerzlich auf das Individuum. Das Fehlen der zwischenmenschlichen Beziehungen erzeugt ein Gefühl der Kälte, das den Aufbau einer geistigen Barriere - nach dem Fall der tatsächlichen Mauer zwischen Ost und West, anscheinend förderlich vorantreibt.

Eben auch dieses künstlich erzeugte «Feindbild» war zum Teil dafür verantwortlich und ließ Menschen enger zusammenrücken. Sicherlich gibt es noch weitaus mehr Gründe, die für diese Deformation der Ostdeutschen verantwortlich zeichnen.

Die Konsequenz, dass das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen, nach Überwindung von Lethargie und Ohnmachtsgefühlen gestärkt daraus hervorgeht, wird noch lange auf sich warten lassen. Wenn der «Einheitsfrust» verflogen ist, werden sich Zivilcourage und Akzeptanz zur Vergangenheit einstellen. Es sind zu viele, die einen leichteren Weg gewählt haben, deren Selbstbewusstsein, noch vernebelt, irgendwo einen Halt sucht.

Erst mit der konsequenten Aufarbeitung der Geschichte wird sich das gesellschaftliche Klima grundlegend ändern. Ohne ehrliche Aufarbeitung geht nichts - ehrliche Aufarbeitung der Geschichte der DDR und der sorgsame Umgang mit der Vergangenheit seiner Mitmenschen, das eigentlich zeichnet die Bewältigung der Geschichte der DDR und die seiner Menschen aus. Davon sind wir aber nach dem heutigen Stand der Dinge noch immer meilenweit entfernt. Immer mehr Menschen im Osten Deutschlands sehnen sich nach der so genannten «Geborgenheit» in der DDR zurück, ohne zu wollen, dass sich das politische System reaktiviert.

Immer mehr Menschen treten mit dieser Meinung auch in die Öffentlichkeit, wohl wissend, dass sie sich dafür nicht mehr vor irgendeiner Institution verantworten müssen.

Aber ... es ist schon erschreckend, wie viele Ostdeutsche nach so kurzer Zeit vergessen und die negativen Seiten ihrer Vergangenheit verdrängen, die sie doch als so entwürdigend empfunden haben. Insbesondere meine Generation ist in einem solchen Nostalgieverhalten eingebunden, bewusst oder unbewusst - aber sie ist es, das ist nicht von der Hand zu weisen!

Deshalb und nur deshalb ist die Aufarbeitung der Geschichte der DDR - unvoreingenommen und realistisch betrachtet - das Unterpfand für das Zusammenwachsen einer vormals getrennten Nation. Zusammenwachsen aber bedeutet ein behutsames aufeinander zugehen, das Ausschließen von brachialer Gewalt in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.

Wer aber arbeitet sachlich und behutsam auf? Das ist hier die Frage. Wenn man den heutigen Stand der Dinge aus der Sicht von „Aufarbeitung der Geschichte" betrachtet, dann stellt man fest, dass sich die Sachlage ein wenig verschoben hat. Plötzlich gibt es Schwierigkeiten und Widersprüche einer Debatte, bei der die Politiker über eine Neubewertung der DDR-Vergangenheit, über kollektive Schuld und kollektive Vergebung diskutieren.

Gab oder gibt es überhaupt eine kollektive Schuld?

Ich jedenfalls fühle mich nicht schuldig, in meiner Lebensleistung etwas falsch gemacht zu haben. Meine Generation ist in einem Geiste erzogen worden, die sich die Errichtung einer freien Menschengemeinschaft auf ihre Fahnen geschrieben hatte. In der Schule, im Beruf und teilweise auch im Elternhaus wurden wir dazu angehalten, diese Hoffnung auf ein besseres Leben, auch für die nächste Generation zu erstreiten. Und - wir haben mit Hingabe und Überzeugung gearbeitet, wir haben die Mangelwirtschaft ertragen, weil durch die Solidarität und die zwischenmenschlichen Beziehungen viel abgemildert wurde.

Die Trennung von Ost und West ist doch bei vielen Bürgern kein Thema mehr. Unsere Enkel kennen die Teilung Deutschlands und die DDR nur noch aus Geschichtsbüchern. Aber meine Generation leidet hier im Osten unter Besserwissern und Schnüfflern, die nie in der DDR gelebt haben, die sich anmaßen, über Schicksale von Menschen, die das Vertrauen der Bürger haben, den Stab zu brechen. Sie installieren damit ein «Feindbild» in den Köpfen der Menschen im Osten, nur auf andereren Vorzeichen.

Und es gibt schon wieder ... das neue Feindbild!

Beruflicher Stress, gesellschaftliche Versagensängste und Ängste vor sozialem Abstieg werden bewusst geschürt und in Form von Hass auf einen Sündenbock projiziert. Falsch-Identitäten verstärken diesen Prozess. Soll dadurch sichergestellt werden, dass sich die Empörung der Menschen und ihre Veränderungsbedürfnisse nicht gegen die Zentren der Macht richten? Oder vielleicht doch?

Um jetzt das unterschwellige Gefühl von Gefahr als persönliche Bedrohung zu empfinden, braucht es eine «Mentalvergiftung». Soziale und wirtschaftliche Ängste werden auf den Sündenbock «Wirtschaftsflüchtling» oder «eine Kultur, die nicht zu uns passt» projiziert. Negative Identitäten wie «Arbeitsloser» oder «ausgebeuteter Leiharbeiter» können durch positive «Falsch-Identitäten» wie «deutsch» in Abgrenzung zum Sündenbock ersetzt werden.

Parteien inszenieren derzeit medienwirksam eine Show zu der Frage, wie wir Deutschen mit Flüchtlingen und Migranten umgehen sollen. Aber die Genese des Feindbilds «Islam» geht noch viel weiter zurück und folgt klar erkennbaren Mustern der Meinungsmanipulation. Das ist eine gekonnt inszenierte Ablenkung von den Schwierigkeiten und Widersprüchen, die nach der Vereinigung in Deutschland existieren! Die Argumente der Politiker spiegeln die beiden Positionen innerhalb der Bevölkerung wider. Je nach Sichtweise stehen sich «naive Gutmenschen» und «empathielose Rechte» emotional hoch aufgeladen gegenüber. Hier muss eine Frage erlaubt sein:

Wollen wir das?

Kapitel 1

Im Frühsommer 1987

Schweißgebadet wachte Hannes Bender auf. Es war noch dunkel und als er auf seine Armbanduhr schaute, sprang ihm die Zeit entgegen – zwei Uhr in der Früh.

Irgendetwas hatte ihn aus dem Schlaf gerissen.

Er kann sich auch nicht richtig an ein Geräusch erinnern, das vermutlich dafür verantwortlich zeichnete, dass er aufwachte.

Innerlich fluchend stieg er leise aus dem Bett, darauf bedacht, seine Frau nicht zu wecken. Er schlurfte schlaftrunken in die Küche, um etwas zu trinken.

»Verdammter Mist«, dachte er, »ich werde diese beklemmenden Gefühle zwischen den Schulterblättern einfach nicht los. Sie sind schon wieder da. Ich bildete mir ein, dass ich das nun endlich überwunden hätte! Aber es ist immer noch da!«.

Im Kühlschrank fand er eine angebrochene Flasche Milch. Ein Glas davon trank er mit langsamen Schlucken.

Seine Gedanken wanderten wieder zu dieser unwirklichen Neigung seines Gehirns. Schon als Kind, erinnerte sich Bender, begann er diese abartigen Sinnesempfindungen zu verspüren, die bestimmte Ereignisse ankündigten. Es begann immer mit einem Prickeln zwischen den Schulterblättern – ähnlich wie jetzt eben und er wusste immer - es wird etwas passieren. Vielleicht hatte ihn seine Kindheit in Weißenfels, wo er geboren wurde und das Kriegsende erlebte, mehr geprägt, als es ihm bewusst war. Es wäre in der Tat ungewöhnlich gewesen, dass ein junger Mensch nichts von diesen exorbitanten Ereignissen des Krieges in sich aufgenommen hätte.

Manchmal war es ihm selbst unheimlich. Nicht, dass er genau sagen konnte, was passieren würde - aber das etwas passiert, das hatte er im Gefühl. Und immer waren diese Sinnesreize auf vorangegangene Erlebnisse zurückzuführen, die sich in seinem Hirn eingeprägt hatten.

»Einbildung ist auch eine Bildung«, spöttelte der Großvater.

»Es kommt nur darauf an, wie und zu was du sie nutzt, Jungchen!«

Bender hatte später, als er in dem riesigen Bücherschrank seines Großvaters stöberte, ein altes pseudowissenschaftliches Buch zu diesen Themen gefunden und nachgelesen, was es damit auf sich hatte. Dort las er etwas unter dem Begriff

«Alter Ego - das andere Ich».

Was immer das zu bedeuten hatte, in seinem Inneren war anscheinend etwas von diesem widersprüchlichen Ego vorhanden, wie es darin beschrieben wurde, zumindest bildete er sich das ein. Er las und las in dem alten Buch und hatte eigentlich doch nichts von dem begriffen, was darin geschrieben stand. Ein leiser Zweifel aber blieb dennoch.

»Metaphysik«, dachte er, »das ist doch die reinste Metaphysik!

Wie sollte er damit klarkommen? Im Studium hatten sie das kurz behandelt, aber ... die psychologische Lehre, die das hinter der sinnlich erfahrbaren, natürlichen Welt liegende erklärt und welche die letzten Gründe und Zusammenhänge des Seins behandelt, das hatte er nie vertieft. Zu kurz und wahrscheinlich auch zu oberflächlich waren Themen der Psychologie und der Pädagogik zur Erlangung der Lehrbefähigung behandelt worden.

Die Metapher der Sprache in der alten Schwarte war auch nicht dazu angetan, alles sofort zu begreifen und richtig einzuordnen. Aber Bender hatte immerhin im Hinterkopf gespeichert, dass ihm auch persönlich eines Tages etwas Außerordentliches widerfahren würde. Es war ihm also nicht neu, aber verschwommen bewusst.

Schon als Kind, so erinnerte er sich, bestärkte ihn die Großmutter in seinen Sinnesempfindungen, die er allerdings immer als Schmeichelei der alten Dame abtat.

»Du bist eben etwas Besonderes, Hannes!«, sagte sie immer wieder. Auch diese Schmeichelei der Großmutter hatte sich in seinem Hinterkopf regelrecht festgebissen. Kein Wunder, sie wiederholte es immer, wenn er mit diesen Problemen zu ihr kam.

»Du bist eben etwas Besonders, Hannes!«

Später als junger Mann, fragte er beharrlich die alte Dame danach – sie aber lächelte nur wissend und schwieg.

Sie wusste anscheinend, dass ihr Enkel die Antwort ihrem Aberglauben zuschreiben würde, den die alte Dame wirklich und mit viel Bedacht pflegte. Sie stammte aus Oberschlesien, aus Oppeln, da sind ja heute noch, zumindest bei den Älteren, Aberglaube und Wirklichkeit eng miteinander verwoben.

Ausgerechnet jetzt erinnerte sich Bender wieder an die Gespräche, die er mit seinem «Blutsbruder» Edgar diesbezüglich führte.

Edgar Tullin und Hannes Bender sind von klein an befreundet. Sie galten in ihren Familien und in der Nachbarschaft, trotz ihrer unterschiedlichen Charaktere, als unzertrennlich.

Benders Gedanken schweiften zurück, er trank schluckweise die kalte Milch und sie erinnerten ihn, dass ihm Ede schon einmal passende Antworten auf seine Fragen zu diesem Thema lieferte, und zwar mit eindeutigen Antworten.

Der Dienst in der Armee, den sie zeitgleich antraten, trennte dann auch zeitweilig ihre Wege.

Edgar wurde Arzt und Hannes Ingenieur.

Doch das Leben wollte es, dass sie sich, nach langer, langer Zeit, in der Offiziershochschule wieder zusammengefunden haben.

Edgar hatte in der Militärmedizinische Sektion an der Universität Greifswald studiert und war inzwischen ein geachteter Militärarzt.

Er führte zu dieser Zeit den Med.- Punkt der Offiziershochschule, während Hannes einem technischen Ausbildungszentrum vorstand.

Doktor Ede

Bender erinnerte sich, wie rigoros Edgar sich der Themen annahm. »Ego und Alter Ego sind zwei miteinander in Widerspruch stehende Seiten einer gespaltenen Persönlichkeit«, sagte der Freund und Mediziner trocken.

Das war eine streng wissenschaftliche Erläuterung der Anfrage, die Bender eigentlich nicht so haben wollte.

Janina, Edgars Frau, schenkte ihnen frisch gebrühten Kaffee ein und zog sich dann wieder in ihre Leseecke zurück. Sie ließ die beiden Männer in diesem Disput lieber allein, aber sie verfolgte ihn aufmerksam.

»Wie kommst du eigentlich zu einer solchen Frage, Hannes? Das passt eigentlich gar nicht zu dir. Wieso haben wir uns eigentlich nie früher mit diesem Thema auseinandergesetzt?«

Diese Frage stand im Raum und wurde nie beantwortet.

Auch später nicht, als sie diese Thematik erneut aufgriffen.

Edgar schob die Tasse beiseite. »Weißt du Hannes, dass das bis heute noch ein sehr umstrittenes Thema der modernen Psychologie ist? Damit beschäftigen sich «ganze Völkerstämme» hochrangiger Wissenschaftler«.

Als Bender ihm erläuterte, was er da gelesen und nicht begriffen hatte, lachte Edgar.

»Wo hast du denn das gefunden? Doch nicht etwa in Großvater Wilhelms Bücherschrank?«, gluckste er.

Hannes nickte bestätigend.

»Dann ist ja alles klar – das ist ein Schrank voller bibliografischer Wunder«, sagte Ede und grinste seinen Freund an.

»Darin durfte ich auch immer stöbern. Interessante Lektüren fand man dort. Märchenbücher, Heldensagen und Abenteuerromane von namhaften Autoren standen neben Philosophen wie Kant, Hegel, Feuerbach, Schopenhauer, Nietzsche und sogar der mittelalterliche Philosoph Pico del Mirandola war dort zu finden.

Auch Schriften zu Friedrich dem Großen, den Soldatenkönig, hat er gesammelt und das Werk Carl von Clausewitz «Vom Kriege» fand zwischen den Bücherreihen einen bedeuteten Platz.

Eigentlich bewundernswert, was für wertvolles Material der alte Herr im Verlaufe seines Lebens zusammengetragen hat«.

Edgar trank den Kaffee aus und wartete, bis Janina nachgegossen hatte. Sie lächelte zur Feststellung ihres Mannes, denn auch sie durfte im Bücherschrank von Opa Wilhelm stöbern.

Janina studierte damals an der Humboldtuniversität in Berlin Philosophie und hatte so manchen Schatz für ihr Studium im Bücherschrank des Großvaters ausgegraben.

»Aber es ist auch so macher Schund darunter, Hannes. Das habe ich viel später feststellen müssen. Ich möchte bloß wissen, woher er das alles zusammengescharrt hat. Opa Wilhelm hat eben alles gesammelt - der heimliche Philosoph«, sagte Edgar. Sie tranken ihren Kaffee und Edgar sah Hannes nachdenklich an.

»Ist dir schon einmal aufgefallen, dass Philosophen und andere Trottel, wenn sie nicht mehr weiterwissen, meistens grundsätzlich werden?«

»Na, na«, protestierte Janina aus ihrer Leseecke heraus, »das geht doch wohl zu weit, Edgar!«

Der ließ sich durch diesen Zwischenruf seiner Frau aber nicht beirren, winkte nur ab und erzählte weiter.

»Opa Wilhelm war sicherlich kein Trottel, das betone ich hiermit ausdrücklich«, sagte er mit schrägem Blick auf seine Frau, »aber er wurde immer grundsätzlich - auch uns gegenüber - vor allem, wenn es um die Lebenseinstellung ging.

Irgendwann hatte ich mal eine abfällige Bemerkung zu einem nicht so schlauen Mitmenschen fallen lassen - sofort hat er mich gerügt.

Ich höre es noch, als wäre es gestern:

«Edgar, jeder Mensch ist einzigartig! Man beleidigt keinen Menschen. Vergiss das nicht!» sagte er zu mir und als ich darauf etwas verhalten reagierte, jagte er mich aus seinem Studierstübchen mit den Worten:

«Wenn du das Denken den Pferden überlässt, nur weil sie einen größeren Kopf haben, dann tust du mir leid, Edgar! Menschen sind das Größte und Teuerste auf diesem Planeten, Junge! Richte dein künftiges Verhalten daran aus! Der Mensch ist einer, der die Welt, in der er lebt, gestalten will, statt nur von ihr gestaltet zu werden – der sich verwirklichen will! Merke dir das Jungchen!«

Edgar sah Hannes grüblerisch an und nach einer kleinen Pause sagte er zu ihm.

»Und nun zu deiner Frage, Hannes.

Mit den Begriffen «Alter Ego», «gepaltene Persönlichkeit» aus dieser alten Schwarte ... da hast du dir ja etwas angelesen, Hannes. Ich kann mich gar nicht erinnern, wer der Verfasser dieser anrüchigen Schwarte ist. Sie ist mir beim Stöbern auch in die Hände gefallen. Darin sind mystische Empfindungen mit spirituellen Ereignissen vermischt dargestellt. Die Begriffe, die darin völlig unwissenschaftlich beschrieben werden, sind eigentlich, nach heutigen Erkenntnissen, funktionelle und anatomische Veränderungen im Gehirn. Das konnte der Verfasser der Schwarte zu seiner Zeit überhaupt noch nicht wissen. Die Wissenschaftler von damals stocherten im Nebel, wenn es um Psychologie ging.

Aber diesen metaphysischen Quatsch, der in dieser Schwarte beschrieben wird, den solltest du schnellstens wieder vergessen.

Solche Art von Schundliteratur bringt dich völlig durcheinander«.

Hannes machte ein bedenkliches Gesicht, als er das hörte.

Doch Edgar machte eine beschwichtigende Handbewegung.

»Aber ich kann dich beruhigen, Hannes, du hast keine gespaltene Persönlichkeit, du bist einfach nur - na, wie soll ich sagen ...exzentrisch veranlagt!«, stellte Edgar lakonisch fest.

Hannes musste sich erst einmal hinsetzen, das Gesagte ging ihm so richtig an die Substanz und wirbelte alles durcheinander.

Hannes hatte allerdings eine andere, eine negative Auffassung vom Begriff eines «Exzentrikers» im Hinterkopf gespeichert.

Bender schaute den Freund, nun aber als Arzt, fragend an, als dieser grinsend seine Feststellung, zwar mit einem etwas sarkastischen Nachdruck erhärtete, aber damit doch das Bild des «Exzentrikers» in Hannes Hinterkopf geraderückte.

»Du bist eigenwillig und kreativ, Hannes. Du bist stark durch deine Neugier motiviert, idealistisch mit dem Anspruch, die Welt zu verbessern und die Menschen in ihr glücklicher zu machen. Das ist zwar leicht übertrieben, aber so funktioniert nun mal dein Ego.

Darin hast du dich überhaupt nicht geändert.

So warst du schon im Kindergarten, in den sie uns zwangsweise steckten. Ich sehe noch diese Kindergartentante vor mir, diese blonde Schickse. Die hat dir einmal eine gewaltige Backpfeife verabreicht, weil du mit «Guten Morgen» gegrüßt hast und nicht mit dem «Deutschen Gruß». Ihre fünf Finger auf deiner Wange waren danach noch lange zu sehen. Das hast du ihr nie verziehen.

Sie war auch bei anderen Kindern schnell dabei, die strafende Hand einzusetzen. Die BDM-Schickse hat das bestimmt bitter bereut, denn sie fand danach jeden Tag etwas anderes, unangenehmes in ihrer Umhängetasche. Wo immer sie diese Tasche versteckte, du hast sie immer gefunden. Sie ist auch nie dahintergekommen, dass du der Überltäter warst, wo auch immer sie gesucht hat.

»Warum nennst du sie immer BDM-Schickse?«, fragte Hannes.

»Hat der Opa dir das nicht erzählt? Sie war Führerin der – Mädelschar im Untergau Weißenfels und extra abgestellt in Kindergärten tätig zu werden. Sie war verantwortlich für die völkische Erziehung der Kinder«, sagte Edgar.

Hannes schüttelte den Kopf. Das hatte er bestimmt verdrängt.

Aber Edgar erzählte weiter.

»Der Hammer aber war «Ottilie», die junge Kreuzotter aus dem Terrarium von Opa Wilhelm. Wie du das fertiggebracht hast, sie in die Umhängetasche der BDM-Schickse zu bugsieren, ist mir bis heute ein Rätsel. Hannes, überleg mal, du warst erst sechs Jahre alt und schon zu soetwas fähig! Das setzt schon einiges an Kreativität voraus«, grinste Edgar.

»Jedenfalls war im Kindergarten das Chaos perfekt. Als sie die Tasche öffnete und Ottilie sie anzischte, hat sie wie am Spieß geschrieen und die Tasche fallen lassen.

«Ottilie» durch den schrillen Schrei sichtlich erschrocken, ist in windeseile ausgebüxt und irgenwohin verschwunden.

Du hast in einer Ecke gestanden und schadenfroh gefeixt. Nur dadurch ist es herausgekommen, dass du der Überltäter warst.

Sie hat dich nämlich gesehen!«

Janina schenkte ihnen Kaffee nach und zog sich wieder in ihre Leseecke zurück.

»Aber eines hast du

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