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SKULL 3: Die Würfel fallen

SKULL 3: Die Würfel fallen

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SKULL 3: Die Würfel fallen

Länge:
561 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 30, 2020
ISBN:
9783864027383
Format:
Buch

Beschreibung

Fälschlicherweise des Mordes am König beschuldigt, bleibt den Überlebenden der Söldnereinheit Skull nur die Flucht in die unbewohnten Weiten des Weltraums. Sie werden nun nicht allein vom Zirkel und dessen militärischem Arm gejagt, sondern auch von der Colonial Royal Navy, die den Tod ihres Monarchen unter allen Umständen rächen will. Die Hinweise verdichten sich, dass der Zirkel inzwischen die Kontrolle über die Regierung des Vereinigten Kolonialen Königreichs erlangt hat. Admiral Oscar Sorenson ist klar, dass es nur einen Weg gibt, die Sternennation zu retten, der er einst Gefolgschaft und Treue geschworen hat: eine neue Rebellion. Um den Kampf gegen den übermächtigen Gegner aufzunehmen, plant man die Befreiung eines wichtigen Gefangenen. In dessen Kopf befindet sich der Schlüssel zum erfolgreichen Widerstand gegen die Schergen des überlegenen Feindes. Währenddessen kehrt Dexter Blackburn auf seine Heimatwelt Beltaran zurück, um Nachforschungen über den vermeintlichen Selbstmord seines Vaters aufzunehmen und die Wahrheit hinter dessen Tod zu ergründen. Doch dort ist er mehr als nur unwillkommen …
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 30, 2020
ISBN:
9783864027383
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

SKULL 3 - Stefan Burban

www.atlantis-verlag.de

Prolog

Zurück von den Toten

27. Juli 2645

Er war nicht tot.

Diese Erkenntnis bohrte sich schmerzhaft in sein Bewusstsein. Er war selbst überrascht, dass dem so war. Die Dunkelheit, die sein bewusstes Denken umgab, löste sich nur langsam auf und machte brennenden Schmerzen Platz. In dem ersten Augenblick, als er wieder zu sich kam, sehnte er sich beinahe den Tod herbei.

Rodney MacTavish öffnete die Augen. Das Erste, was er wahrnahm, war das Weiß ringsum. Es bohrte sich förmlich über seine Augen in sein Gehirn. Dieses fing auf unangenehme Art und Weise hinter seiner Stirn zu pochen an.

In den Sekunden nach dem Erwachen hatte er mit heftiger Desorientierung zu kämpfen. Sein Atem ging stoßweise und sein Herz schien durch den Hals seinen Körper verlassen zu wollen.

MacTavish war schon mehrmals im Rahmen seines Dienstes verwundet worden, aber niemals derart schlimm. Die Erinnerungen setzten mit brutaler Klarheit ein: das Hotelzimmer; die Explosion; der Sprung aus dem Fenster; der Asphalt, der rasend schnell näher kam; plötzlich aufflammender Schmerz, der zwar nur Sekunden anhielt, aber deshalb nichts von seiner Intensität einbüßte – und schließlich alles umfassende Dunkelheit.

MacTavish versuchte, sich aufzurichten, und wurde prompt mit weiteren Schmerzen im Rücken und den Beinen belohnt. Er sackte zurück auf das Laken. Mit einem Mal stand eine Gestalt an seiner Seite. Für einen Moment geriet er in Panik. Bestimmende Hände hielten ihn aber an Ort und Stelle. Er war schwach wie ein kleines Kind und hatte keine andere Wahl, als sich zu fügen.

»Doktor! Unser Sorgenkind ist wach.«

Die Stimme der Frau klang irgendwie beruhigend. MacTavish konzentrierte sich. Seine Ausbildung beim RIS kam ihm zugute. Die Sicht klärte sich und er erkannte endlich eine Krankenschwester, die an seiner Seite stand und ihn mühelos an Ort und Stelle hielt, und das, obwohl sie von eher schmächtiger Figur war. Entweder war sie stärker, als sie aussah, oder er in weit schlechterem Zustand, als er vermutet hatte.

Jemand betrat das Zimmer und stellte sich auf die andere Seite des Bettes. MacTavish wandte den Blick in dessen Richtung. Dort stand ein älterer Arzt, der MacTavishs Krankenblatt auf einem elektronischen Klemmbrett studierte. Der Mann nahm das Klemmbrett herunter und musterte seinen Patienten kritisch über den Rand seiner Brille hinweg.

»Da hat sich wohl jemand entschieden, wieder unter die Lebenden zurückzukehren. Wir hatten schon so unsere Zweifel, dass Sie es schaffen.« Der Arzt setzte ein Lächeln auf, das fast ehrlich wirkte. MacTavishs kundiger Blick entlarvte es allerdings sofort als das, was es wirklich war: die professionelle Geste eines Mediziners, der genau dieses Lächeln in genau dieser Form jeden Tag hundertmal aufsetzte, um Patienten zu beruhigen.

»Mein Name ist Doktor Bedford. Wie fühlen Sie sich?«

MacTavish versuchte, etwas zu sagen. Es kam aber lediglich ein unverständliches Krächzen heraus. Seine Kehle fühlte sich ausgedörrt an und brannte. Die Krankenschwester nahm sofort einen Becher zur Hand, füllte eine klare Flüssigkeit hinein und schob ihm sanft einen Strohhalm zwischen die Lippen.

Man hatte es ihn während der Ausbildung anders gelehrt, aber MacTavish begann gierig am Strohhalm zu saugen. Es handelte sich nicht um Wasser, was seine Kehle daraufhin herabrann. Vermutlich war es irgendeine elektrolytische Flüssigkeit, die seinen Körper ein wenig aufpäppeln sollte. Und tatsächlich fühlte er sich schon bedeutend besser. Er nickte dankbar und die Schwester nahm den Becher beiseite.

»Wo … wo bin ich?«, wollte er wissen.

»Im Zentralkrankenhaus von Pollux«, erwiderte der Arzt. »An was erinnern Sie sich?«

Augenblicklich erwachten MacTavishs geheimdienstliche Instinkte. Es schien nicht ratsam, irgendetwas von Wert preiszugeben. Es war besser, erst einmal den Dummen zu spielen.

»Nicht an viel«, antwortete er und machte absichtlich den Eindruck, sich an Einzelheiten erinnern zu wollen. »Ich hatte wohl einen Unfall.«

Der Arzt schnaubte. »So kann man es auch nennen.« Er musterte MacTavish mit seltsamer Mimik. »Wissen Sie noch Ihren Namen? Wie heißen Sie?«

Er runzelte die Stirn. »Mein Name?«

Der Arzt nickte. »Wir führen Sie seit diesem Vorfall unter John Doe. Sie hatten keine Papiere bei sich. Seltsamerweise ergaben auch weder DNA noch Ihre Fingerabdrücke etwas. Die Polizei hat deshalb verständlicherweise Fragen an Sie.«

Hinter MacTavishs Stirn begann es aufgeregt zu rattern. Das war überaus seltsam. Jeder Bürger des Königreichs gab bereits kurz nach der Geburt eine DNA-Probe und seine Fingerabdrücke ins Staatsarchiv. Damit konnte jeder überall und jederzeit identifiziert werden. Wenn seine Daten nicht mehr abrufbar waren, dann hatte jemand das Archiv manipuliert. Dazu waren eigentlich nur staatliche Stellen fähig. Auf Anhieb fiel ihm in diesem Zusammenhang der RIS ein. Und zumindest Teile des Geheimdienstes waren in die Ermordung des Königs verstrickt.

MacTavish schluckte. Wenn das Krankenhaus versucht hatte, ihn zu identifizieren, dann wusste der RIS inzwischen, dass er den Anschlag überlebt hatte. Sie wollten mit Sicherheit immer noch seinen Tod. Die Frage war nun, warum sie es noch nicht über die Bühne gebracht hatten. Er hatte im Koma gelegen. Eine bessere Gelegenheit konnte ein Attentäter kaum bekommen.

MacTavish erhielt die Antwort, als der Arzt zur Tür deutete. Dort standen mehrere Polizeibeamte auf Wache. Sie waren wohl eher dafür zuständig, ihn am Gehen zu hindern, und nicht etwa, um Attentäter, von denen sie nichts wussten, daran zu hindern, ihm den Garaus zu machen. Aber die Anwesenheit dieser Beamten hatte ihm dennoch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Leben gerettet. Vorläufig. Man war einfach nicht an ihn herangekommen. Demnach war die hiesige Polizei noch nicht kompromittiert worden. Das war wenigstens etwas.

»Wann wird die Polizei mit mir reden wollen?«

»Heute noch nicht«, versicherte der Arzt. »Aber bestimmt bald. Es gibt viele Fragen zu klären. Immerhin waren Sie in eine schwere Bombenexplosion verwickelt. Es gibt Zeugen, die sahen Sie aus dem Fenster springen, nur Sekunden bevor der Sprengsatz hochging. Das wirft Fragen auf.«

»Ich … ich kann mich an nichts erinnern.«

Der Arzt rümpfte die Nase. »Das überrascht mich nicht. Sie haben einen ziemlichen Dickschädel, Mister Doe. Geringere Männer wären bei einem solchen Stunt draufgegangen.«

»Und wie ist mein Zustand?«

Erneut konsultierte der Arzt das elektronische Klemmbrett. »Oh, wir haben Sie ganz anständig wieder zusammengeflickt. Die inneren Verletzungen sind gut versorgt worden. Von denen geht keine Gefahr mehr aus. Dann ein paar Quetschungen, zwei gebrochene Rippen und ein verstauchter Nackenwirbel. Die Gehirnerschütterung macht mir noch etwas Sorgen, aber mit ein wenig Ruhe werden Sie wieder ganz der Alte sein.«

Der Arzt hängte das Klemmbrett zurück an seinen Platz am Fußende des Bettes. »Ruhen Sie sich jetzt etwas aus. Falls Sie etwas brauchen, ist Schwester Sybille für Sie da.«

Die Krankenschwester reagierte auf die Erwähnung ihres Namens mit einem sanften Nicken. MacTavish lächelte ihr kurz zu. Der Arzt verließ das Zimmer, ohne sich zu verabschieden. Seine Gedanken drehten sich bereits um den nächsten Patienten.

Die Schwester wollte sich ihm anschließen, aber MacTavish hielt sie noch zurück. »Schwester Sybille?«

»Ja?«

»Wo sind meine persönlichen Sachen?«

»Hier im Krankenhaus. Die Polizei hält sie aber unter Verschluss. Wieso? Brauchen Sie etwas?«

Er lächelte nichtssagend. »Nein. Ist schon gut.«

Schwester Sybille nickte und verließ das Krankenzimmer, während MacTavish leicht verzweifelt an die Decke starrte. »So ein verfluchter Mist!«, hauchte er in die aufkeimende Stille hinein.

 

Zeus stand vor dem großen Panoramafenster seines privaten Domizils. Vor ihm breitete sich die Skyline von Johannesburg aus. Die Stadt hatte die meiste Industrie aus dem Stadtkern in die Außenbezirke verbannt und stattdessen Parks und Grünflächen angelegt. Vor Zeus’ Augen erstreckte sich eine atemberaubende Landschaft, die aus den verschiedensten Grüntönen bestand. Für gewöhnlich beruhigte ihn der Anblick. Nicht aber heute. Die Dinge entwickelten sich ganz und gar nicht nach Plan. Um genau zu sein, entglitt die Situation mehr und mehr seiner Kontrolle. Etwas nie zuvor Dagewesenes in der bewegten Geschichte des Zirkels. Noch nie war einem seiner Vorgänger dieses Maß an Illoyalität entgegengeschlagen.

Hinter ihm öffnete sich die Tür. Seine schwer bewaffneten Leibwächter spannten sich unwillkürlich an. Zeus hatte sich entschieden, die Sicherheit zu erhöhen. Die für seinen Schutz verantwortlichen Männer und Frauen waren nun mit militärtauglichen Körperpanzern sowie automatischen Waffen ausgerüstet.

Seine Leibwächter entspannten sich wieder, als Angel wie selbstverständlich hereinspazierte. Der Eliteattentäter schlenderte durch die Reihen der für alle Eventualitäten gewappneten Leibwache, als wäre diese nicht vorhanden, und die Männer und Frauen machten diesem bereitwillig Platz.

Angel blieb zwei Schritte hinter ihm abwartend stehen. Zeus konnte die Spiegelung seiner ausdruckslosen Maske im Fensterglas erkennen.

»Du weißt, dass du deine Maske hier abnehmen kannst.«

Angel lachte leise. Der Laut klang durch die Sprachverzerrung seltsam unwirklich. »Und du weißt, dass ich sie zu tragen bevorzuge.«

»Selbst hier?«

»Selbst hier.«

Zeus schmunzelte und ließ Angel gewähren. »Was hast du herausgefunden?«

Jede Heiterkeit schwand schlagartig aus Stimme und Körpersprache des Attentäters. »Janus ist untergetaucht und nicht zu finden.«

Zeus fluchte unterdrückt. »Verdammter Dawson! Was treibt der Kerl nur?« Die Frage stellte sich eigentlich gar nicht. Der Industriemagnat verfügte über beträchtliche Mittel. Und wenn er tatsächlich untergetaucht war – und Zeus hatte nicht den geringsten Zweifel, dass Angels Ergebnis der Wahrheit entsprach –, dann war das der Anfang vom Aufstand gegen Zeus. Dawson war der Meinung, er könnte eine Auseinandersetzung mit Zeus gewinnen. So viel Selbstvertrauen sah dem alten Idioten gar nicht ähnlich. »Was ist mit Merkur und Apollo?«

»Haben sich auf ihre Heimatwelten begeben und ihre Privatarmeen mobilisiert. Einschließlich beträchtlicher Ressourcen des Konsortiums. Nicht einmal ich kam nahe genug an einen von ihnen heran. Die leben inzwischen wie in einer Festung.«

Zeus grinste unverhohlen. Die beiden waren also mit Dawson im Bunde und nun hatten sie Angst, dass Angel ihnen einen Besuch abstattete. Diese Befürchtung kam nicht von ungefähr. Zeus hatte gute Lust, Angel loszuschicken. Aber der Attentäter war sein bester Agent und darüber hinaus auch noch ein enger Vertrauter. Angel zu verlieren, konnte sich Zeus beim besten Willen nicht leisten.

Der Anführer des Zirkels seufzte tief. »Hast du sonst irgendetwas von Wert herausgefunden? Vielleicht im Hinblick auf Dawsons weitere Pläne?«

Angel schüttelte den Kopf. »Nichts Konkretes. Aber es wäre möglich, dass Dawson seine Aufmerksamkeit auf Beltaran richtet.«

Zeus’ Interesse war augenblicklich geweckt. »Warum ausgerechnet Beltaran?«

»Die politische Lage spitzt sich zu«, erläuterte Angel. »Beltaran hat klar Position bezogen und gegen Verbände des Konsortiums gekämpft, eine Söldnereinheit mit Militärmandat des Königreichs. Außerdem boten sie condorianischen Flüchtlingen Unterschlupf. Im Parlament wird sogar die Möglichkeit einer Strafexpedition diskutiert.«

Zeus wirbelte auf dem Absatz herum. »Eine Strafexpedition? Gegen Beltaran? Das würde Dawson nicht wagen!«

»Er würde«, beharrte Angel. »Und ich glaube, er hat. Es gibt Anzeichen, dass er das Parlament beeinflusst, um eine Mehrheit für einen Militäreinsatz zusammenzubekommen. Er könnte damit sogar erfolgreich sein.«

Zeus schüttelte den Kopf. »Aber warum? Beltaran ist keine Gefahr.«

»Beltaran hat sich gegen das Konsortium gestellt. Und in gewissem Sinne auch gegen das Königreich. Es zog Ehre und Hilfsbereitschaft der Loyalität vor. Damit ist es sehr wohl eine Gefahr. Dawson kann nicht zulassen, dass dieses Verhalten Schule macht. Wenn sich weitere Grafschaften davon beeinflussen lassen oder sogar auf Beltarans Seite stellen, dann droht er die Kontrolle zu verlieren.« Angel zögerte. »Es könnte sogar einen neuen Bürgerkrieg geben.«

Zeus schüttelte den Kopf. »Das können wir nicht zulassen. Ein Bürgerkrieg ist das Letzte, was ich will.«

Angel zögerte erneut. »Und da wäre natürlich noch die Sache mit Dexter.«

Zeus merkte auf. »Was ist mit ihm?«

»Ich denke, Dawson glaubt, er könnte auf Beltaran aufschlagen. Er hat einige seiner besten Agenten mit einem Tötungsbefehl nach Beltaran geschickt.«

»Das ist doch Unsinn!«, wehrte Zeus ab. »Dexter hat genügend eigene Probleme und keinen Grund, nach Beltaran zurückzukehren.«

»Mag sein. Aber Dawson ist wohl der Meinung, dass die Möglichkeit besteht. Er kennt deine Besessenheit für Dexter, auch wenn ihm der Grund dafür zum Glück nicht bekannt ist. Dawson ist wohl der Meinung, Dexters Tod könnte dich schwächen. Würde er die Wahrheit kennen, dann hätte er bereits losgeschlagen – gegen dich und gegen Dexter.«

»Womit er gar nicht mal so falschliegt. Aber Dexter wird nicht nach Beltaran reisen. Das wäre einfach nur dumm.«

»Dexter ist nicht gerade für seine Klugheit bekannt, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Und er taucht immer dort auf, wo es Probleme gibt. Und nirgendwo gibt es momentan mehr Probleme als auf Beltaran.«

Zeus überlegte fieberhaft. »Falls es tatsächlich auch nur die geringste Möglichkeit gibt, dass Dexter nach Beltaran geht, dann müssen wir seinen Tod unter allen Umständen verhindern.«

Angel merkte auf. »Und das heißt?«

Zeus fixierte seinen Attentäter mit festem Blick. »Du gehst ebenfalls dorthin. Du tust alles, was nötig ist, um ihn zu schützen.«

Angel legte den Kopf leicht auf die Seite. »Und wenn mir Dawsons Agenten in die Quere kommen?«

»Das wäre wirklich sehr bedauerlich – für Dawsons Leute.«

Angel kicherte heiser. »Verstanden.« Mit diesem einen Wort drehte sich der Attentäter um und schlenderte davon, als hätten sie sich gerade lediglich über das Wetter unterhalten.

»Und Angel?«, hielt Zeus ihn noch einmal zurück. Der Attentäter verharrte. »Falls du auf deinem Weg Dawson oder Burgh triffst, dann sag Ihnen doch bitte ›Lebewohl‹ von mir.«

Angel nickte und setzte seinen Weg fort.

Zeus drehte sich wieder zum Panoramafenster um. Er holte tief Luft und stieß sie in einem Schwall wieder aus. Die Fensterscheibe beschlug etwas. Der Ausblick konnte ihn immer noch nicht beruhigen.

»Verdammt, Dexter«, wisperte er, »wenn du auch nur einen Funken Verstand hast, dann bleibst du weg von Beltaran! Selbst Angel kann dich möglicherweise nicht schützen vor dem, was den Planeten erwartet.«

Teil I

In ständiger Bedrohung

  1  

1. August 2645

»Feindliche Schiffe nähern sich an bis auf äußerste Gefechtsdistanz.« Diese simple Meldung hing bedeutungsschwanger über der Flaggbrücke der Normandy. Es wurde so wenig wie möglich gesprochen. Auf dem großen Holotank war zu sehen, wie ein Pulk von Schiffen in bedrohlichem Rot sich von achtern näherte.

Dexter knirschte frustriert mit den Zähnen. Seit ihrer Flucht von Condor befand sich die kleine zusammengewürfelte Flotte aus überlebenden Skull-Schiffen und den letzten condorianischen Einheiten ständig in Bewegung. Mehrmals waren sie ihren Verfolgern beinahe entkommen, nur um sich abermals einem feindlichen Verband gegenüberzusehen.

Der Feind zog die Schlinge enger. Was die Sache nur umso gefährlicher machte, war die Beharrlichkeit des Gegners. Er verfolgte die Flüchtenden über die Grenzen des Königreichs hinaus. Das war eine neue Entwicklung und darüber hinaus eine besorgniserregende Eskalation. Es bewies, wie sehr dem Königreich im Allgemeinen und dem Zirkel sowie dessen militärischem Arm – dem Konsortium – im Speziellen daran gelegen war, die kleine Gruppe um Admiral Sorenson ein für alle Mal zum Schweigen zu bringen. In den allermeisten Fällen setzten sich die Verfolgergeschwader aus Einheiten des Konsortiums zusammen. Nicht jedoch dieses Mal. Hinter ihnen in kaum vier Lichtsekunden Entfernung schloss eine volle TOG der Colonial Royal Navy zu ihnen auf.

Daniel Dombrowski, Dexters Flagglieutenant, trat zu ihm und senkte die Stimme. Seine nächsten Worte waren nicht für die anderen anwesenden Offiziere bestimmt. »Die vorderste Linie der feindlichen Formation ist in knapp sechs Minuten in der Lage, eine erste Salve auf unsere Nachhut abzufeuern.«

Dexters Kiefermuskeln mahlten angestrengt. Er wusste genau, was sein Untergebener damit sagen wollte. Die Nachhut bestand aus zwei Kampfkreuzern der Skulls. Sie würden dem Beschuss des Gegners nicht lange standhalten können. Und sie würden wesentlich schneller zerstört werden, sollten sie das Feuer nicht erwidern dürfen. Allerdings sträubte sich jede Faser in Dexters Körper dagegen, diesen einen Befehl zu geben, der sie alle auf ewig brandmarken würde.

Sorenson trat auf seine andere Seite. Auch er senkte die Stimme. »Wir können nicht das Feuer auf königliche Einheiten eröffnen. Das sind unsere Leute.«

Dombrowski schüttelte leicht den Kopf. »Das hindert die nicht daran, auf uns zu schießen.«

Sorenson runzelte verärgert die Stirn und wandte sich direkt an den Flagglieutenant. »Die wissen es nicht besser. Sie werden gesteuert. Die Männer und Frauen an Bord dieser Schiffe sind der Meinung, das Richtige zu tun.«

Die Situation entbehrte nicht einer gewissen Komik. Dexter kam sich beinahe so vor, als würden ein Engelchen und ein Teufelchen auf jeweils einer seiner Schultern sitzen und ihm ihre Gedanken einflüstern, damit er in eine bestimmte Richtung gelenkt wurde. Theoretisch könnte Sorenson ihm den Befehl erteilen, nicht zu feuern. Der Admiral war das Oberhaupt der Söldnereinheit. Aber dieser würde nicht so weit gehen. Er wusste, es würde Dexters Autorität vor den anderen Offizieren schmälern.

»Geschwindigkeit erhöhen. Auf das Maximum des Möglichen«, befahl er.

»Da liegen wir schon fast«, gab Dombrowski zurück. »Wenn wir mehr Fahrt aufnehmen, müssten wir zwangsläufig ein paar der langsameren Schiffe zurücklassen.«

Dexter fletschte die Zähne. »Das kommt auf keinen Fall infrage!« Er beobachtete angespannt auf dem Hologramm vor ihm, wie die königlichen Schiffe beständig die Distanz verringerten. Die Kerle waren verdammt hartnäckig. Das musste man ihnen lassen.

»Wir feuern nicht, solange wir es vermeiden können.« Ihm war klar, wie ausweichend der Befehl sich sogar in seinen eigenen Ohren anhörte. Aber er sah nicht, welche Wahl ihm blieb. Genau wie Sorenson widerstrebte es ihm, auf Schiffe der CRN zu schießen. Sorenson und er waren alte Haudegen der königlichen Flotte. Vor noch nicht allzu langer Zeit hatten sie die Männer und Frauen, die auf den Verfolgerschiffen dienten, als Kameraden bezeichnet, sie sogar Brüder und Schwestern genannt. Sie hatten dieselbe Uniform getragen und denselben Idealen gedient. Er wollte nicht dafür verantwortlich sein, einige von ihnen in den Tod zu schicken.

»Wo ist der nächste Lagrange-Punkt?«, wollte er wissen.

»Das wäre L5«, informierte ihn der Flagglieutenant. »In knapp zwei Lichtsekunden Entfernung. Steuern wir diesen an?«

Dexter brauchte nicht lange zu überlegen und nickte. »Und danach fliegen wir sofort den nächsten erreichbaren Lagrange-Punkt an. Dieses Spielchen spielen wir danach noch dreimal. Vielleicht können wir sie auf diese Weise abhängen.«

»Kommt darauf an, ob uns auf dieser Strecke weitere Überraschungen erwarten«, gab Sorenson zu bedenken.

»Irgendwann müssen sie aufgeben«, erwiderte Dexter. »Weder das Konsortium noch das Königreich besitzt genügend Schiffe, um sämtliche Systeme jenseits ihrer Grenzen zu überwachen. Ihr Netz muss zwangsläufig Löcher aufweisen. Wir müssen nur eines finden und hindurchschlüpfen.«

»Falls sie uns nicht vorher in Stücke schießen.« Dombrowski wirkte mit der Entscheidung unzufrieden, ersparte jedoch jedem der Anwesenden eine direkte Kritik daran. Er begnügte sich mit düsteren Blicken. Dexter konnte den Mann sogar bis zu einem gewissen Grad verstehen. Dombrowski hatte nie in der CRN gedient. Ihn verband nichts mit den Besatzungen auf den Verfolgerschiffen. Für ihn waren es lediglich Ziele, die zerstört werden mussten. Genau das, was Dexter keinesfalls wollte.

»Abschuss!«, meldete plötzlich einer der anwesenden Ordonnanzen. Dexters Blick richtete sich schlagartig auf das Hologramm. Seine Augen verengten sich. Die in Rot dargestellten königlichen Schiffe stießen eine Salve Torpedos aus. Sie waren noch außer Reichweite. Der Antrieb würde den Treibstoff verbraucht haben, bevor die Geschosse die Skull-Nachhut erreicht haben würde. Sinn und Zweck dieser Salve war lediglich, die Fliehenden unter Druck zu setzen und sie zu einer unbedachten Handlung zu verleiten. Dexter dachte nicht im Traum daran, diesen Köder zu schlucken.

Innerhalb der nächsten Minuten verschossen die royalen Schiffe Salve um Salve. Und mit jeder Salve kamen die Lenkflugkörper näher an die Nachhut heran, bevor der Antrieb den Geist aufgab.

Es dauerte nicht lange und die ersten Geschosse schlugen ein. Beide Kampfkreuzer hatten ihre Schildblase aufgebaut und so viel Energie wie möglich den Heckschilden zugeführt. Die Energieblase schillerte unter dem Aufprall Dutzender Geschosse. Die königlichen Besatzungen hatten Blut geleckt. Sie spürten, dass sich die Jagd dem Ende entgegenneigte.

Dexter bewunderte die Disziplin seiner Leute. Obwohl die Anspannung angesichts der drohenden Vernichtung enorm sein musste, schlug keines der beiden Schiffe zurück. Sie begnügten sich auf rein defensive Maßnahmen.

Mit einem Mal versagten die Heckschilde des Kampfkreuzers Perikles. Detonationen überschütteten das Heck. Dexter beugte sich unvermittelt vor und stützte sich mit beiden Händen auf den Rand des Holotanks. Seine Finger umklammerten diesen so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.

»Ein Ruf von der Perikles«, informierte ihn Dombrowski.

»Einspeisen!«, ordnete Dexter an.

Die taktische Ansicht des Hologramms verkleinerte sich merklich. Es wurde ersetzt von dem Abbild eines schmächtigen Offiziers mit Halbglatze, aber dafür stechend blauen Augen.

»Captain Ortega? Wie ist die Lage?«

Captain Benito Ortega von der Perikles räusperte sich. »Wir nehmen schweren Schaden im Bereich der Antriebssektion. Die Panzerung hält bisher, aber wir wissen nicht, wie lange das noch gut geht. Mein Chefingenieur versucht, die Schilde wieder hochzufahren, aber auch das wäre lediglich eine Notlösung. Wie sollen wir weiter verfahren?«

Dexter wusste genau, was der Mann eigentlich fragen wollte: »Dürfen wir zurückschießen?« Am liebsten hätte er geantwortet: »Handeln Sie nach eigenem Ermessen.« Aber damit hätte er den Schwarzen Peter lediglich an Ortega weitergereicht. Das wäre bei keinem der Offiziere gut angekommen. Ganz davon abgesehen, dass sich Dexter damit selbst nicht wohlgefühlt hätte. Er wollte gerade antworten, als Dombrowski aufsah.

»Die Stolz verliert Geschwindigkeit.«

Dexter runzelte die Stirn. »Einen Augenblick, Ortega«, bat er und wandte sich erneut dem taktischen Hologramm zu. Bei der Stolz handelte es sich um das Großschlachtschiff, das nun als Flaggschiff der letzten condorianischen Streitkräfte fungierte. Es verlor tatsächlich an Fahrt.

»Hat das Schiff Schäden gemeldet?«

Dombrowski schüttelte als Antwort lediglich den Kopf. Dexter beobachtete unterdessen fasziniert den Vorgang, der sich vor ihm abspielte. Konteradmiral Irina Necheyev ließ ihr Großschlachtschiff elegant zurückfallen und setzte sich ans Ende der Kolonne – direkt in die Schusslinie zwischen die royalen Einheiten und die Skull-Nachhut. Die Geschosse prasselten nun auf die viel stärkeren Schilde des condorianischen Kriegsschiffes ein, die dem Beschuss zumindest im Moment problemlos standhielten.

»Ortega«, sprach Dexter den Captain der Perikles an, »bringen Sie Ihre Schilde wieder online. Die Stolz gibt Ihnen Deckung.«

Ortega nickte dankbar und beendete die Verbindung.

»Commodore? Da tut sich etwas«, meinte Dombrowski mit einem Mal.

Dexter sah auf. Die Stolz ließ unvermittelt ihre Heckschilde fallen und feuerte eine volle Breitseite aus den Hecktorpedorohren sowie ihren Raketenwerfern ab.

»Eine Verbindung zur Stolz!«, befahl Dexter. Er hatte kaum ausgesprochen, da erschien bereits das ernste Konterfei Konteradmiral Necheyevs auf seinem Hologramm. Die Frau wäre attraktiv gewesen, hätte sie auch mal gelächelt oder sich nicht dazu entschieden, ihre blonde Mähne zu einem Dutt am Hinterkopf zu frisieren. Auf diese Weise wirkte sie wie ein strenger Zuchtmeister. Auf manchen hätte das vielleicht anziehend gewirkt, nicht jedoch auf Dexter.

»Necheyev, was zur Hölle machen Sie da?«

»Meinen Job«, erwiderte die Frau schlicht und kappte die Verbindung ohne weiteres Wort.

»Die Stolz feuert erneut«, gab Dombrowski bekannt. Überraschenderweise fehlte dem Tonfall des Flagglieutenants der Anflug von Genugtuung, den Dexter eigentlich erwartet hatte.

Das condorianische Flaggschiff feuerte drei weitere Salven ab, die brutal auf die königliche Vorhut einhämmerten. Diese bestand aus einigen Eskortfregatten sowie einem Angriffs- und zwei Kampfkreuzern.

Die royalen Schiffe fuhren ihre Schilde hoch, um den Beschuss auszusitzen. Gleichzeitig schloss die übrigen TOG zügig auf, um ihre Einheiten unter Beschuss zu unterstützen. Es war jedoch zu spät. Necheyev konzentrierte ihr Bombardement auf die schwächsten feindlichen Schiffe. Die Schilde hielten zunächst stand, hatten aber der Feuerkraft eines Großschlachtschiffes kaum etwas entgegenzusetzen.

Mit der vierten Salve knackte die condorianische Admiralin die Schilde von drei Eskortfregatten. Drei weitere Salven reichten und zwei der Schiffe vergingen in grellen Explosionen, unter denen sie sich regelrecht auflösten. Das dritte Schiff entkam gerade noch rechtzeitig unter den Schutz des Angriffskreuzers, zog dabei aber einen Schwanz aus entweichender Atmosphäre und geborstener Panzerung hinter sich her.

Bevor Dexter auf den Verlust der Schiffe und den Tod so vieler königlicher Soldaten reagieren konnte, sah sein Flagglieutenant auf. »Wir haben L5 erreicht«, meldete er. »Bereit zum Sprung.«

Dexter schluckte. Sein Hals fühlte sich staubtrocken an. »Ausführen!«

Die Flaggbrücke und darüber hinaus das Universum verschwammen zu einem Sammelsurium an Farben, als die Normandy und ihre Begleitflotte durch den Lagrange-Punkt L5 sprangen – unsicher, was sie auf der anderen Seite erwarten würde.

  2  

Die Kräfte kehrten nur langsam zurück in Rodney MacTavishs Körper. Dabei spielten die zahlreichen Blutergüsse, die Schürfwunden und sogar die Knochenbrüche weniger eine Rolle als die Brandwunden. Doch die aufopferungsvolle Pflege des Krankenhauspersonals wirkte seinen zahlreichen Verletzungen entgegen und sorgte dafür, dass sein Verstand wieder halbwegs in gewohnten Bahnen arbeitete. Und mit jedem Tag, der verging, erkannte er eine unumstößliche Wahrheit: Er musste dringend verschwinden.

Die Behörden arbeiteten immer noch daran, seine Identität festzustellen. Und sobald sie damit Erfolg hatten, würden mehrere Alarmglocken läuten und man würde Männer schicken, um ihn umzubringen. Bestenfalls. Schlimmstenfalls würden sie ihn mitnehmen, unter Folter befragen und dann umbringen.

Er hatte eingehend darüber nachgedacht, wer wohl seine Daten aus dem Archiv gelöscht hatte, und mittlerweile eine Theorie entwickelt. Es konnte sich eigentlich nur um Connors handeln. Der Admiral hielt ihn höchstwahrscheinlich für tot und wollte auf diesem Weg verhindern, dass jemand seine Leiche identifizierte. Es wäre ein Leichtes für einen kompetenten Ermittler, Zusammenhänge festzustellen zwischen MacTavish und dem Geheimdienstchef, was für diesen äußerst peinlich wäre, um nicht zu sagen, lebensbedrohlich. Der Zirkel würde ihm danach wohl kaum gestatten, am Leben zu bleiben – nicht wenn der Admiral derart offen gegen sie opponierte.

MacTavish musste von hier verschwinden. Er richtete sich in seinem Bett auf und lockerte vorsichtig seine Muskeln. Sie schmerzten immer noch ein wenig angesichts der erzwungenen Untätigkeit, aber nicht mehr so sehr wie kurz nach seinem Erwachen. Das Gefühl gab sich allerdings nach ein paar Minuten. Die täglichen Lockerungsübungen der letzten Zeit machten sich bezahlt.

Vorsichtig löste er die Kanüle in seiner Armvene und zog sie schließlich sanft heraus. Er biss die Zähne zusammen. Die Einstichstelle brannte wie Feuer. Eilig kramte MacTavish ein Pflaster aus der Schublade seines kleinen Beistelltisches und klebte es auf die blutende Wunde.

Sein Blick zuckte zur Tür. Vor seinem Zimmer stand ein Polizist auf Posten. Dieser hatte den Befehl, MacTavish unter allen Umständen am Verlassen seines Zimmers zu hindern. Der ehemalige Geheimagent seufzte. Das würde nicht hübsch werden.

Er sah zur Uhr an der Wand. Es war neun Uhr abends. Die Besuchszeit war vorbei und die Schwestern hatten sich zur Übergabe an die Nachtschicht in ihr Schwesternzimmer zurückgezogen. Die Korridore des Krankenhauses mussten so gut wie menschenleer sein. Eine bessere Chance würde er nicht kriegen.

MacTavish schlug die Bettdecke zurück und erhob sich langsam. Seine Beine fühlten sich noch recht wacklig an, was kein Wunder nach dem Erlittenen war.

Er begab sich zur Tür und öffnete sie geräuschlos einen Spaltbreit. MacTavish lugte hindurch. Er presste seine Lippen so stark aufeinander, dass sie wie ein einziger blutleerer Strich erschienen. Vor der Tür stand tatsächlich immer noch ein Polizist. Ein Bulle von Mann, der Polizist war beinahe so breit wie hoch – übertrieben formuliert. Amüsiert fragte sich der Geheimagent, ob es sich bei dem Kerl vielleicht um ein Experiment handelte, das aus einem Regierungslabor entlaufen war. Er verdrängte den Gedanken sofort wieder.

Der Mann stand mit dem Rücken zu ihm. MacTavish konzentrierte sich. Jetzt durfte er nur keine Fehler machen. Er öffnete die Tür zur Gänze. Der Polizist war ein aufmerksames Exemplar seiner Gattung. Obwohl MacTavish keinerlei Geräusch gemacht hatte, sah sich der Mann stirnrunzelnd über die Schulter um. Als er MacTavish bemerkte, zeigte dessen Gesicht eine verdutzte Mimik. Gegen die Schrecksekunde war niemand gefeit, egal wie gut man auch ausgebildet worden war.

MacTavish zögerte nicht. Er musste die Gelegenheit nutzen, bevor es dem Polizisten gelang, seinen Schreck zu überwinden. MacTavish stürzte vor, schlang seinen Arm um den Hals seines Gegners und machte mit dem anderen Arm den Sack zu. Er schnitt seinem Gegenüber damit effektiv die Luftzufuhr ab.

Sein Gegner war jedoch gesund, kräftig und vor allem richtig wütend. MacTavish war nichts davon. Der Agent ließ nicht los, aber der Polizist bäumte sich auf und plötzlich hingen MacTavishs Beine in der Luft. Der Agent strampelte hilflos, während der Polizist sich damit abmühte, ihn von seinem Rücken zu bekommen.

Mehrere Augenblicke lang versuchte der Mann, MacTavish abzuschütteln. Als das nicht gelang und der Agent sich partout weigerte loszulassen, änderte der Polizist seine Taktik. Er rammte seinen eigenen Körper gegen die Wand und benutzte dabei MacTavishs ohnehin geschundene Gestalt als Prellbock.

MacTavish stieß mehrmals scharf die Luft aus. Dennoch ließ er immer noch nicht von seinem Gegner ab. Eine zweite Chance würde er nicht bekommen. Unter diesem Gesichtspunkt mobilisierte er ungeahnte Kraftreserven. Innerlich zählte er die Sekunden. Ein Mensch konnte nur begrenzt ohne Sauerstoffzufuhr bei Bewusstsein bleiben. Wenn man die Halsschlagader abklemmte, blieben etwa zwanzig Sekunden, bis der Gegner ins Reich der Träume abdriftete. Der Polizist hielt fast dreißig durch. MacTavish kannte Ausbilder beim Royal Intelligence Service, die diesen Polizisten gern in die Finger bekommen hätten, um diesem noch den nötigen Feinschliff zu verpassen. Der Kerl war zäh, keine Frage.

Die Bewegungen des Mannes erlahmten und wurden langsam unkoordiniert. Seine Knie knickten ein und endlich bekam MacTavish wieder Boden unter den Füßen. Der Körper des Polizisten wurde schwer und MacTavish ließ ihn sanft zu Boden gleiten. Besorgt prüfte er dessen Halsschlagader. Sie pumpte stark und beständig. Vielleicht ein wenig zu schnell, aber das war nicht anders zu erwarten. MacTavish war erleichtert. Er wollte kein armes Schwein umbringen, nur weil dieses seinen Job machte.

MacTavish sah sich um. Der kurze, aber heftige Schlagabtausch war unbemerkt geblieben. Der Korridor war immer noch leer. Er zog den Polizisten in das Zimmer und begann diesen zu entkleiden. Sorgfältig zog er sich die Polizeiuniform über. Es war keine ideale Lösung, aber alles, was ihm einfiel. Die Uniform war natürlich viel zu groß, würde aber auf eine gewisse Distanz hin die meisten Normalbürger täuschen.

Er hörte hinter sich die Tür aufgehen und jemanden scharf die Luft einsaugen. MacTavish wirbelte herum. Im Türrahmen stand Schwester Sybille mit großen Augen und einer Hand vor dem Mund. Sie wich vor ihm zurück und machte Anstalten zu fliehen.

MacTavish reagierte blitzschnell, packte sie, hielt ihr den Mund zu und zerrte sie zurück ins Krankenzimmer. Sie zappelte und wehrte sich nach Kräften. Aber der ehemalige Agent hatte gerade einen gut trainierten Polizisten ausgeschaltet. Die Krankenschwester hatte gegen ihn kaum eine Chance.

»Ich werde Ihnen nichts tun«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Bitte beruhigen Sie sich.«

Die Bewegungen der Krankenschwester wurden langsamer und kamen schließlich ganz zum Stillstand, als sie erkannte, dass Widerstand hier sinnlos war.

»Ich werde jetzt meine Hand von Ihrem Mund nehmen. Ich wäre Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie nicht schreien würden. Ich möchte Ihnen nicht wehtun. Verstanden?«

Schwester Sybille nickte langsam. MacTavish nahm wie versprochen die Hand von ihrem Mund. Die Frau drehte den Kopf und warf einen Blick auf den halb nackten Polizisten. »Haben Sie ihn umgebracht?«, fragte sie im Tonfall eines Menschen, der Angst vor der Antwort hatte.

»Der schläft nur eine Weile und wird dann mit heftigen Kopfschmerzen aufwachen«, beruhigte er sie. Er fixierte sie mit festem Blick. »Wo sind meine Sachen?«

»Ein paar Zimmer weiter. Im Lager.«

MacTavish runzelte die Stirn. »Die Polizei hat sie nicht mitgenommen?«

Schwester Sybille schüttelte den Kopf. »Sie haben Ihren Besitz hier vor Ort kurz begutachtet. Die Beamten wollten ihn bei Gelegenheit abholen und einer genaueren Untersuchung unterziehen.«

MacTavish runzelte die Stirn. Sein Respekt vor den hiesigen Strafverfolgungsbehörden sank. Dem RIS wäre ein solch gravierender Fehler niemals unterlaufen. »Führen Sie mich hin«, bat er.

Die Krankenschwester tat, wie ihr befohlen worden war, und führte MacTavish aus dem Zimmer hinaus. Er hielt sie noch kurz zurück. »Ich muss doch nicht extra darauf hinweisen, was passiert, wenn Sie Alarm schlagen. Ich will niemanden mehr verletzen. Ich will einfach nur hier raus. Verstanden?«

Sie nickte mit aschfahlem Gesicht. Sybille führte den Agenten den Korridor hinab zu einem kleinen Raum, der als Lager für allerhand Utensilien diente. MacTavish stieß seine Gefangene sanft in die Ecke des Raumes, wo er sie im Auge behalten konnte.

Sein Besitz lag auf Augenhöhe in einem Regal. Eilig nahm er alles an sich und stopfte es sich in die Taschen. Bei einem Gegenstand von der Größe einer klobigen Uhr zögerte er, lächelte und zog sie sich über das linke Handgelenk.

»Kumpel?«, flüsterte er. »Bist du da?«

Schwester Sybille zog eine Augenbraue hoch, als er anfing, mit seiner Uhr zu reden. Für sie musste er wie ein Verrückter wirken. Als die Uhr aber antwortete, zog sie überrascht beide Augenbrauen nach oben.

»Boss? Sie leben?«

MacTavish grinste. »Offensichtlich. Wie geht es dir?«

»Allerhand fremde Hände haben mich betatscht und untersucht«, meinte Ozzy geknickt. »Aber ich habe mich nicht zu erkennen gegeben.«

»Gut gemacht«, lobte MacTavish.

»Boss? Ihre Vitalzeichen sehen aber gar nicht gut aus. Sie brauchen ein Bett und medizinische Versorgung.« Die Stimme Ozzys klang überaus besorgt.

»Hört, hört!«, stimmte Schwester Sybille in sarkastischem Tonfall zu.

»Darum kümmern wir uns, wenn wir verschwunden sind.« MacTavish griff sich eine Rolle Klebeband und warf seiner Gefangenen einen entschuldigenden Blick zu.

Diese wich vor ihm zurück, so weit es die Umstände erlaubten. »Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst?!«, schimpfte sie.

Er zuckte die Achseln. »Tut mir leid, aber ich kann nicht riskieren, dass Sie Alarm schlagen, sobald ich weg bin. Und mitnehmen kann ich Sie auch nicht. Das Risiko ist zu hoch – für uns beide.« Er näherte sich ihr vorsichtig.

Sie musterte ihn scharf. »Würden Sie mir auch sagen, was hier vor sich geht?«

MacTavish verzog schmerzhaft berührt die Miene. »Würden Sie mir glauben, dass ich zu den Guten gehöre?«

Sie musterte ihn erneut. Dieses Mal eindringlich. »Ich bin mir da nicht ganz sicher.«

MacTavish lächelte und fesselte die Frau ohne weitere Worte. Bevor er ihr ein Stück Klebeband über den Mund klebte, küsste er sie leidenschaftlich. Sie war so perplex, dass sie nicht einmal auf die Idee kam, sich zu wehren. Als er sich von ihr löste, klebte er das Band auf ihren Mund, bevor sie etwas sagen konnte.

Ohne sich noch einmal umzudrehen, verließ er den Lagerraum und verschloss die Tür. Man würde die Frau vermutlich erst gegen Morgen finden. Bis dahin war er schon weit weg.

»Was sollte das denn?«, fragte Ozymandias in vorwurfsvollem Tonfall.

MacTavish grinste. »Die Chance ist groß, dass ich in den nächsten Tagen draufgehe. Es erschien mir sinnvoll, noch mal eine schöne Frau zu küssen.«

»Sie sind ja ein richtiger Optimist geworden.« Ozzy seufzte. Ein überraschend menschlicher Laut. »Und was machen wir als Nächstes?«

Das war die Frage des Jahrhunderts. Darüber hatte sich MacTavish bereits seine Gedanken gemacht. Er schlich sich ohne Probleme aus dem Gebäude. Niemand hielt ihn auf oder stellte seine Absichten infrage.

Als er wie selbstverständlich über den Krankenhausparkplatz schlenderte, genoss er die kühle Nachtluft. »Hier können wir nichts mehr ausrichten«, erklärte er seinem elektronischen Begleiter. »Castor Prime ist ein zu heißes Pflaster für uns, vor allem nach dem Tod des Königs. Wir müssen davon ausgehen, dass alle Behörden, einschließlich des RIS, jetzt unter Kontrolle des Zirkels stehen. Entweder gehört Connors inzwischen zu ihnen oder er muss die Füße stillhalten, um nicht selbst auf der Abschussliste zu landen.«

»Was heißt das für uns?«

»Wir verlassen den Planeten und kehren zur Erde zurück. Tucker Dawson befindet sich jetzt mit

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