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Als der Krieg schon zu Ende war: Ein Nachkriegsroman

Als der Krieg schon zu Ende war: Ein Nachkriegsroman

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Als der Krieg schon zu Ende war: Ein Nachkriegsroman

Länge:
358 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 4, 2020
ISBN:
9781393951254
Format:
Buch

Beschreibung

Als der Krieg schon zu Ende war: Ein Nachkriegsroman
von W.A.Hary

Über diesen Band:

Eine Kindheit in den 1950er Jahren im Saarland: Der Krieg ist zwar schon Jahre vorbei, aber trotzdem prägt er noch immer das gesamte Leben. So auch bei dem Jungen Wilfried. Der Vater ist ein traumatisierter Kriegsheimkehrer, die Kinder spielen in Ruinen. Aber es gibt Hoffnung auf  bessere Zeiten.
Wilfried A. Hary ist ein bekannter Autor, der vor allem durch seine Science Fiction-Romane und die von ihm erfundene Gruselserie Mark Tate hervortrat. In diesem autobiografischen Roman kehrt er dorthin zurück, wo alles begann.

Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 4, 2020
ISBN:
9781393951254
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Als der Krieg schon zu Ende war - W. A. Hary

Als der Krieg schon zu Ende war: Ein Nachkriegsroman

von W.A.Hary

Über diesen Band:

Eine Kindheit in den 1950er Jahren im Saarland: Der Krieg ist zwar schon Jahre vorbei, aber trotzdem prägt er noch immer das gesamte Leben. So auch bei dem Jungen Wilfried. Der Vater ist ein traumatisierter Kriegsheimkehrer, die Kinder spielen in Ruinen. Aber es gibt Hoffnung auf  bessere Zeiten.

Wilfried A. Hary ist ein bekannter Autor, der vor allem durch seine Science Fiction-Romane und die von ihm erfundene Gruselserie Mark Tate hervortrat. In diesem autobiografischen Roman kehrt er dorthin zurück, wo alles begann.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Aichiens Sohn - Die ersten Jahre: Eine Kindheit in den 1950er Jahren

Aichiens Sohn - Die ersten Jahre: Eine Kindheit in den 1950er Jahren

Wilfried A. Hary

Published by BEKKERpublishing, 2019.

Table of Contents

UPDATE ME

Aichiens Sohn - Die ersten Jahre

Eine Kindheit in den 1950er Jahren

von Wilfried A. Hary

Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.

Eine Kindheit in den 1950er Jahren im Saarland: Der Krieg ist zwar schon Jahre vorbei, aber trotzdem prägt er noch immer das gesamte Leben. So auch bei dem Jungen Wilfried. Der Vater ist ein traumatisierter Kriegsheimkehrer, die Kinder spielen in Ruinen. Aber es gibt Hoffnung auf  bessere Zeiten.

Wilfried A. Hary ist ein bekannter Autor, der vor allem durch seine Science Fiction-Romane und die von ihm erfundene Gruselserie Mark Tate hervortrat. In diesem autobiografischen Roman kehrt er dorthin zurück, wo alles begann.

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Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author / Cover: Wilfried A. Hary

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

Sie nannte ihn „Aichien, was auf Deutsch so viel bedeutete wie: Eugen. Zwar war seine Frau tatsächlich auch eine Deutsche, aber sie stammte aus dem beschaulichen Dorf Rubenheim im Bliesgau. Da tickten nicht nur die Uhren anders damals, sondern da sprach man auch seine eigene Sprache. Zum Beispiel sagte man zu Rubenheim eben nicht Rubenheim, sondern „Ruwenum. Und so wurde zwangsläufig aus Eugen halt Aichien.

Ich denke gerade daran, dass man mir damals, als ich vom Dialekt mehr oder weniger konsequent umstieg auf Allgemeindeutsch, vorgeworfen hat, „meine Muttersprache zu verleugnen".

Wie bitte? Ich habe Ruwenumerisch nie beherrscht, noch nicht einmal im Ansatz. Was also für eine Muttersprache? Etwa die Sprache meines Vaters? Dann müsste man ja wohl Vatersprache sagen, und die hatte es ebenfalls „in sich". Nicht so wie in Ruwenum allerdings, sondern halt so wie in Dengmat.

Dengmat?

Auf Deutsch heißt das übrigens Sankt Ingbert! Nur zur Info. Und bevor ich es vergesse: In Dengmat heißt Maria auch nicht Maria, sondern Maja! Zumindest wenn man nach der Sprache meines Vaters (Aichien!) gehen sollte. Denn sein Dialekt war damals schon das, was man vielleicht altmodisch hätte nennen können. Er war ja schon in einem Alter, in dem manch einer bereits Großvater genannt wird, als ich zur Welt kam.

Aber ich sehe schon: Ich greife vor! Sollen wir nicht doch lieber von vorn beginnen, also von Anfang an, als das Schicksal bestimmte, dass Aichien Soldat wurde?

Nein, ich korrigiere mich: Eigentlich war dafür nicht das Schicksal verantwortlich, sondern die Partei. Ihr wisst schon: Die Partei vor dem zweiten Weltkrieg. Aichien war damals beruflich bedingt unabkömmlich, was normalerweise bedeutete, dass er kein Soldat werden musste. Normalerweise bedeutete jedoch auch: Mitglied in der Partei werden. Das wurden damals viele, einfach nur aus schierem Überlebenswillen heraus, keineswegs aus Überzeugung, wie vielleicht später, nach dem Krieg, behauptet wurde. Aichien jedoch bewies viel mehr Mut als jene. Todesmut sozusagen, denn weil er sich konsequent sträubte, musste er die Folgen tragen, und die hatten es wahrlich in sich:

Aichien wurde zur Wehrmacht gezwungen und gleich dorthin geschickt, wo es am schlimmsten war. Nicht einfach nur irgendeine Front, sondern an der schlimmsten Front auch noch dorthin, wo man mit hoher Wahrscheinlichkeit ums Leben kam. Mit anderen Worten: Aichien war dazu ausersehen, sogenanntes Kanonenfutter zu werden! Niemanden interessierte, dass er daheim Frau und Kind zurückließ. Nein, mich noch nicht, sondern meinen großen Bruder Werner. Auf mich kommen wir ein wenig später zurück.

Jedenfalls war Aichien insofern vom Glück gesegnet, dass er einer der Wenigen war, die all die Massaker überlebten. Nicht im Sinne der Partei jedenfalls, die ihn hatte verheizen wollen, zur Strafe für sein Sträuben, klar. Nach vier Jahren in der Hölle, während denen er Frau und Kind ganze dreimal kurz gesehen hatte, damit sie ihrerseits begriffen, dass er überhaupt noch lebte, geriet er in Gefangenschaft. Bei den Franzosen.

Einerseits sein Glück, weil er fließend Französisch sprach, was ihm einen winzigen Bonus verlieh. Andererseits eben auch sein Pech, weil er drei Jahre verschollen blieb. Wobei wirklich niemand wusste, dass er überhaupt noch lebte, um dann Anfang 1947 als an Leib und Seele gebrochener Mann in Lumpen vor der heimatlichen Wohnungstür zu stehen.

Nicht nur seine Frau war geschockt, vielmehr auch sein Sohn Werner, der in diesem Jahr neun Jahre alt wurde und seinen Vater eigentlich nur vom Hörensagen kannte. Die dreimalige kurze Begegnung hatte er, wie es bei Kleinkindern in der Regel der Fall ist, glatt vergessen.

Dieser Landstreicher, der förmlich nach einem ausgiebigen Bad schrie und so ausgemergelt war, dass er jeden Augenblick des Hungers sterben konnte, sollte... sein Vater sein?

Nie und nimmer!

Und wieso nahm die geliebte Mutter diesen abgerissenen Landstreicher jetzt trotzdem auf und vergaß glatt, dass sie auch noch einen Sohn hatte?

Ein Konflikt, der lange anhielt, darf ich hier verraten. Ein Konflikt, der sich vorübergehend sogar auch noch verschärfte, als ziemlich genau neun Monate später sein Bruder auf die Welt kam: Ich nämlich!

Genauer: Am 27. Oktober 1947, nachts um halb drei. Im Elternbett. Das heißt, eigentlich war ich schon auf der Welt, als zu dieser Zeit endlich, total abgehetzt, Aichien mit der Hebamme auftauchte. Die tat ihr übriges Werk, und erst dann gab es mich ganz offiziell.

Beinahe wäre es ja schief gegangen. Nicht nur weil die eigentliche Geburt ohne Hebamme stattgefunden hatte, die ja erst gerufen werden musste - persönlich, denn Telefon, geschweige denn Handy, kannte man natürlich noch nicht im Heime Aichien... Vor allem auch, weil Aichien ja eigentlich zum Sterben an die Front geschickt worden war, von denjenigen, die nicht nur ihn, sondern ganz Deutschland und darüber hinaus die halbe Welt auf ihr Gewissen hatten laden wollen. Falls sie überhaupt so etwas wie Gewissen jemals besaßen...

2

Wenn ich so zurückblicke, bin ich tatsächlich der leibliche Sohn eines Naziverfolgten, den es nur deshalb überhaupt gibt, weil Aichien trotz indirektem Todesurteil hat überleben können.

Aichien, als überzeugter Sozialdemokrat, hat nie versucht, mich politisch zu erziehen, aber seine Geschichte hat bei mir natürlich trotzdem eine Vorbildfunktion. Obwohl ich mich mit Aichien viel zu viele Jahre lang leider gar nicht so richtig verstand: Ich musste erst einmal begreifen lernen, weshalb er sich so verhielt, wie er sich verhielt. Ich musste begreifen, dass sieben Jahre Krieg und Gefangenschaft niemals spurlos an einem Menschen vorübergehen können. Sie zerstören einen Menschen, der am Ende nur noch so tut, als würde er noch leben, aber in Wirklichkeit sein Menschsein weitgehend verloren hat. Um es sich mühselig zurück zu erobern, Stück für Stück. Ohne dass es ihm jemals zur Gänze gelingen kann.

Heute gibt es dafür ausgebildete Psychotherapeuten. Damals hat sich kein Mensch dafür interessiert, geschweige denn, dass es so etwas wie Hilfe gegeben hätte.

Wie gesagt: Ich brauchte viel zu lange, um die Zusammenhänge zu begreifen und sehen zu können, dass die Vaterliebe eines Kriegsgeschädigten sich zwangsläufig anders äußert als die eines Vaters, der nicht die Hölle persönlich hat durchleben müssen. Nicht nur für ein paar schlimme Tage, sondern für ganze sieben Jahre.

Ganze sieben Jahre!

Wen wundert es, dass ich nicht gut zu sprechen bin auf Leute, die so etwas gut heißen? Ohne jetzt ins Detail gehen zu wollen, und dieses Detail gab es schon sehr früh in meinem Leben, lange bevor ich in der Lage gewesen war, meinen Vater zu verstehen, den ich auf meine eigene Weise liebte – bis heute, da er schon lange nicht mehr unter uns weilt. Genauso wenig wie meine geliebte Mutter.

Aber dies wäre eine andere Geschichte. Bleiben wir bei dem, um das es hier geht:

Aichiens Sohn – und die ersten Jahre!

Der sich schon so früh für Politik interessierte, als alle anderen Kinder noch lieber im Sandkasten spielten und sich mit typisch kindlichen Albernheiten beschäftigten. Klar, ich beschäftigte mich ebenfalls damit, aber eben nicht nur: Als damals beispielsweise die Saarabstimmung war, regte ich mich über unflätige Wahlpropaganda auf und versäumte nicht eine einzige Nachricht am Radio (Fernsehen gab es bei uns noch nicht), wenn es nur irgendwie möglich war.

Das, was bei mir an in meinen Augen verabscheuungswürdiger Wahlpropaganda am meisten bis heute im Gedächtnis hängengeblieben ist, war der Spruch:

„Der Dicke muss weg, er hat zu viel Speck!"

Damit spielte man auf die Fettleibigkeit des damaligen Staatsoberhauptes im Saarland an: JoHo oder ausgesprochen: Johannes Hoffmann!

Was, bitteschön, hatte seine Fettleibigkeit mit der Politik zu tun?

Ich war damals der festen Überzeugung, dass JoHo ein besonders guter, weiser und umsichtiger Staatsmann war, der das Saarland zu beispiellosem Wohlstand gebracht hatte. Aber nein, die Krakeeler gewannen trotzdem mit ihrem „Heim ins Reich!".

Ach ja, ich glaube, das muss ich erklären. Wer sollte heute noch wissen, was „Heim ins Reich! bedeuten soll. Ja, wer sollte außerhalb des Saarlandes und jünger als ich überhaupt auch nur ahnen, was „Reich in diesem Zusammenhang bedeutete?

Ich fasse mich kurz: Zu Deutschland sagte man an der Saar damals „drüben. Und näher bezeichnet nannte man Deutschland „das Reich. Oder: „Drüben im Reich!" Heim ins Reich bedeutete demgemäß: Erneute Eingliederung an Deutschland, was Adenauer den Saarländern damals angeboten hat.

Im Saarland selber indessen gab es damals drei verschiedene Hauptfraktionen: Die einen waren für die Rückgliederung, nachdem ja das Saarland nach dem Krieg von den Franzosen annektiert worden war. Die zweite Fraktion war die der Separatisten, die weder französisch noch deutsch sein wollten, sondern einfach nur saarländisch. Unter ihnen gab es auch welche, die von BeNeSaarLux (Belgien, Niederlande, Saarland und Luxemburg im Verbund) träumten, was später nur zu BeNeLux wurde, wie wir es heute noch als Bündnis in Erinnerung haben, falls wir an der Geschichte interessiert waren.

Ach ja, und dann gab es ja noch die Fraktion der Frankophilen. Was nichts mit dem damaligen Staatspräsidenten von Spanien zu tun hatte, sondern mit Frankreich: So nannten sich die Leute, die am liebsten endgültig „Saarfranzosen" geworden wären.

Übrigens nannte man uns in Deutschland damals tatsächlich so: Saarfranzosen! Wann immer wir es wagten, die Grenzen zu Deutschland zu überschreiten, die ziemlich streng bewacht wurden. Vor allem wegen des regen Schmuggels zwischen Saarland und Frankreich, wobei Zweibrücken eine Art Schmuggelhochburg war. Hier saßen die Kanadier und später die Amerikaner mit einem Heer von Soldaten, als sogenannte Besatzungsmacht, und hierher strebten die Saarländer, um Dinge einzukaufen, die auf der französischen Seite nur viel teurer zu kriegen waren. Umgekehrt kamen die Menschen aus dem „Reich" und deckten sich beispielsweise mit Lebensmitteln ein, die umgekehrt hier, im Saarland, günstiger waren.

So richtig französisch waren wir damals ja nicht, sondern in der Tat eher saarländisch. Das hieß, die Franzosen mochten die Saarländer immerhin so sehr, dass sie ihnen Privilegien einräumten, die andere Teile Frankreichs nie kennengelernt haben. Was in erster Linie übrigens JoHo zu verdanken war!

Dass umgekehrt Deutschland unter Adenauer unbedingt die Saar wieder zurückgewinnen wollte, erzeugte eine Art Wettbewerb um das Saarland, was die Saarländer natürlich schamlos ausnutzten. So kam es ja auch bei der Rückgliederung zum sogenannten Saarstatut:

Jetzt gab es keine Grenzen mehr zwischen Deutschland und der Saar, aber zwischen der Saar und Frankreich. Obwohl das Saarland immer noch die Vorteile der Franzosen genießen durfte – einerseits! -, um andererseits die Werbegeschenke von Adenauer voll und ganz in Anspruch zu nehmen. Dadurch war das Saarland ein verhältnismäßig reiches Land mit Wohlstand für alle. Wenn auch nur vorübergehend, denn das Saarstatut war leider zeitlich begrenzt – und danach interessierte sich eigentlich keiner mehr so recht für das winzige und entsprechend eigentlich wenig bedeutende Land an der Grenze zu Frankreich.

Doch kommen wir zurück zu Aichiens Sohn, der in diese Zeit hinein wuchs und sich an viele Dinge noch heute erinnert, die für den Rest der Menschheit scheinbar für immer verloren ging.

Scheinbar, aus meiner Sicht gesehen, denn wann jemals liest man irgendwo etwas über die Fünfziger und die näheren Umstände damals für das Saarland, von denen jeder Saarländer unmittelbar betroffen war, auch wenn er erst drei Jahre zählte und sich immer noch standhaft weigerte, zu sprechen.

Ja, richtig, jeder, der mich persönlich kennt, wird jetzt ungläubig die Stirn runzeln, weil er mich nicht anders kennt als äußerst redselig. Und doch war ich das als Kleinkind, was man eben redefaul nennt.

Und ich kann mich sogar noch daran erinnern!

Habe ich schon erwähnt, dass ich zu den wenigen Menschen gehöre, die sich an ihre früheste Kindheit erinnern können? Zwar nur fragmentarisch, aber die meisten Menschen haben überhaupt keine Erinnerungen mehr daran, habe ich mir sagen lassen. Umgekehrt habe ich selber eine Weile gebraucht, um zu begreifen, dass ich darin anscheinend eine Ausnahme bin. Ob das ein Vorteil ist oder ein Nachteil, wage ich nicht zu beurteilen. Aber zumindest ist es zum Vorteil dahingehend, dass ich nun über Dinge berichten kann, die ansonsten längst verloren gegangen wären...

3

Nachdem mein Bruder seine geliebte Mutter erst mit einem weitgehend fremd gebliebenen Vater teilen musste, kam also am 27. Oktober 1947 auch noch ein kleiner Bruder hinzu, der natürlich die volle Aufmerksamkeit der Mutter verlangte. Das machte sicherlich Werner zu schaffen. Etwas, worüber er niemals reden wollte, was aber sowieso nur vorübergehender Natur blieb, denn angesichts des hilflosen Babys entstand in ihm eine Fürsorglichkeit für diesen Kleinen, die später, als ich im entsprechenden Alter war, durchaus erwidert wurde. Diese gegenseitige Fürsorglichkeit endete nie mehr! Und ich weiß, dass es für viele unglaubwürdig klingt, obwohl ich lügen müsste, um etwas anderes zu behaupten:

Mein Bruder und ich hatten niemals in diesem Leben wirklich Streit miteinander!

Obwohl es sich für andere zuweilen durchaus so anhören konnte, denn Werner und ich diskutierten immer gern miteinander. Wohlgemerkt: Wir diskutierten, aber wir stritten nicht! Dabei lernten wir voneinander. Ich darf sogar behaupten, dass ich von meinem älteren Bruder in den frühen Jahren meiner Kindheit mehr gelernt habe als von meinen Eltern, die natürlich beide von ihren Kriegserlebnissen gezeichnet waren und niemals so richtig mehr Anschluss an die Wirklichkeit fanden. Vor allem nicht Aichien, der bis zuletzt in Angst und Schrecken lebte, wenn ich wieder einmal im Ausland war, um dort meinen Urlaub zu verbringen. Für ihn war ein Auslandsaufenthalt immer mit seinen Erlebnissen als Soldat an den Fronten des zweiten Weltkrieges verbunden und natürlich mit drei Jahren Gefangenschaft irgendwo in Frankreich, als es ihm schlechter ging als einem Tier in Gefangenschaft, trotz seiner Französischkenntnisse. Immerhin nicht schlecht genug, um wie viele andere dabei sein Leben zu lassen, aber spätestens nach mindestens einem Erschießungskommando, vor dem er wegen eines Missverständnisses stand, waren Glück und Unglück sehr relative Begriffe für ihn geworden.

Tatsächlich hat er ja sogar das überstanden. Irgendwo noch lebendig, aber halt bis zur Unkenntnis zerschunden an Leib und Seele.

Ich habe ihn zwar als bemüht lebensbejahenden Menschen schätzen und lieben gelernt, aber die Narben in seiner Seele reichten immerhin so tief, dass er im Leben bis zuletzt Probleme hatte, sich vollends zurecht zu finden. Nicht nur, wenn ich im Urlaub war und er bei meiner Rückkehr erleichtert seufzte:

„Gottlob, du lebst noch!"

Ja, nicht nur bei einer solchen Gelegenheit wurde das ersichtlich. So hatten wir, ab dem Zeitpunkt, an dem ich die Zusammenhänge endlich begreifen konnte, so etwas wie ein umgekehrtes Verhältnis. Eher also Sohn-Vater als Vater-Sohn. Das hieß, wenn ich Probleme hatte, konnte ich mich niemals an ihn wenden, sondern immer umgekehrt: Er wandte sich mit seinen Problemen an mich, weil er wusste, dass ich geduldiger Zuhörer war. Nicht um ihm irgendwelche unerwünschten Ratschläge zu erteilen, sondern einfach nur, um zuzuhören. Danach bat er mich immer inständig, dies möge unter uns bleiben, und am besten würde ich es gleich wieder vergessen.

Das versprach ich ihm – und ich hielt mich daran, ohne jegliche Ausnahme!

Kein Wunder, dass ich dadurch meinen Vater Aichien besser kannte als er sich selber. Was meine Liebe zu ihm nur noch tiefer machte, aber auch seine Liebe zu mir.

Sorry, dass ich die Tränen bekämpfen muss, wenn ich nur daran denke...

Aber es sind keine Tränen der Trauer, sondern ich sehe es im Nachhinein so, dass alles, was passiert ist, die logische Konsequenz dessen war, was er hatte erdulden müssen in der schlimmsten Zeit seines Lebens.

Aichien war ansonsten der festen Überzeugung, sein Sohn müsse sich seine eigene Meinung über die Welt bilden, die er in keiner Weise beeinflussen wollte. So etwas wie Politik und auch die Ereignisse, die zu diesem schrecklichsten Krieg aller Zeiten geführt hatten, waren für ihn Tabuthemen bis zum Schluss.

Ein nobler Ansatz, wie ich finde – einerseits. Andererseits vielleicht nicht ganz so richtig, weil ja ein Vater eigentlich seinen Sohn auf das Leben vorbereiten soll, und dazu gehört natürlich auch so etwas wie eine politische Meinung.

4

Aichien blieb übrigens bei alledem nach seiner Rückkehr aus der Hölle nicht arbeitslos. Er hatte ja in der Stahlindustrie gearbeitet, die ihm jetzt gleich wieder einen Job anbot. Deutschland musste ja wieder aufgebaut werden, nachdem die Alliierten daraus eine gigantische Schutthalde gemacht hatten. Ohne Schuldzuweisungen natürlich: Was zerstört war, musste trotzdem neu aufgebaut werden. Es sei denn, alle damals betroffenen Deutschen wären geflohen, aber wohin? Niemand hätte sie haben wollen.

Böse Zungen behaupten heute noch, dass zumindest den Saarländern die Flucht gelungen sei –

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