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Im Blinzeln der großen Katze

Im Blinzeln der großen Katze

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Im Blinzeln der großen Katze

Länge:
168 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
17. Juli 2020
ISBN:
9789176377857
Format:
Buch

Beschreibung

"Kerlchen, ich sage dir: ein lebenslänglich Verurteilter lag in dunkler Zelle, viele Jahre lang. Das Wasser tropfte auf seine Hand, die er nicht sah, das war die Interpunktion seiner Zeit; die Schlüssel des Wärters klirrten einmal und dann in endloser Schwärze lange nicht, das war der Sabbat seines Ohrs.
Dieser Gefangene erhob sich eines Tages und erschlug den Wärter. Er ging durch seine Tür und einen Gang, und er tat eine andere Tür auf, und der blühende Sommer sprang ihm ins Gesicht und auf seine Brust.
Der Gefangene fiel auf seine Knie, und er segnete die Sonne und das Himmelsblau, die flatternden Flügel der kleinen Vögel segnete er und die nickenden Blütenkelche."
Friedrich Lütt, ein Bankbeamter, der seit einem halben Jahr in Untersuchungshaft sitzt. Ihm wird vorgeworfen, eine Prostituierte, Erna Habermann, und kurz danach die "Braut (s)eines Bruders", Pübe, ermordet zu haben. Man hat ihm Feder und Papier gegeben und er darf schreiben und nutzt das Privileg für Aufzeichnungen über seinen Fall. 
Hans Fallada, eigentlich Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen (1893-1947) war ein deutscher Schriftsteller. Bereits mit dem ersten, 1920 veröffentlichten Roman "Der junge Goedeschal" verwendete Rudolf Ditzen das Pseudonym Hans Fallada. Es entstand in Anlehnung an zwei Märchen der Brüder Grimm. Der Vorname bezieht sich auf den Protagonisten von "Hans im Glück" und der Nachname auf das sprechende Pferd Falada aus "Die Gänsemagd": Der abgeschlagene Kopf des Pferdes verkündet so lange die Wahrheit, bis die betrogene Prinzessin zu ihrem Recht kommt. Fallada wandte sich spätestens 1931 mit "Bauern, Bonzen und Bomben" gesellschaftskritischen Themen zu. Fortan prägten ein objektiv-nüchterner Stil, anschauliche Milieustudien und eine überzeugende Charakterzeichnung seine Werke. Der Welterfolg "Kleiner Mann – was nun?", der vom sozialen Abstieg eines Angestellten am Ende der Weimarer Republik handelt, sowie die späteren Werke "Wolf unter Wölfen", "Jeder stirbt für sich allein" und der postum erschienene Roman "Der Trinker" werden der sogenannten Neuen Sachlichkeit zugerechnet.
Herausgeber:
Freigegeben:
17. Juli 2020
ISBN:
9789176377857
Format:
Buch

Über den Autor

Hans Fallada was born Rudolf Wilhelm Adolf Ditzen in 1893 in Greifswald, Germany. He spent much of his life in prison or in psychiatric care, yet produced some of the most significant German novels of the twentieth century, including Little Man, What Now?, The Drinker, and Alone in Berlin.


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Im Blinzeln der großen Katze - Hans Fallada

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IM BLINZELN

DER GROßEN KATZE

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IM BLINZELN

DER GROßEN KATZE

Hans Fallada

l’Aleph

Copyright

Hans Fallada

IM BLINZELN DER GROßEN KATZE

Edition l’Aleph — www.l-aleph.com

© Wisehouse — Schweden 2020

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form

(durch Fotografie, Mikrofilm, datenverarbeitende Prozesse oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

ISBN 978-91-7637-785-7

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1

An die Schmalseite des Hauses stößt der Garten. Zwischen zwei Weidenbäumen ist die Lattentür; durch sie trete ich, und nun bin ich im Garten, einem bäuerlichen Garten, in dessen buchsgesäumten Beeten allerlei Gemüse wächst: Spinat, Kohlrabi, Erbsen, Bohnen, und da und dort ist der Salat schon geschossen. Haselsträucher, das Summen eines Bienenstandes.

Der Weg wird enger zwischen Flieder, Jasmin, Jelängerjelieber; hier sind Blumenbeete gewesen, aber die Rosen sind erfroren, und Tulpen wie Vergißmeinnicht sind von Majoran und Dill verdrängt. Kein aufregender Garten, nichts Liebliches, nein, ein Nutzgarten, in dem der Bauer abends noch eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen sitzt.

Ich sitze dort nicht: es ist nur ein Schritt, ein Schritt vom Wege durch die Büsche hindurch.

Und ich bin auf einer Parkwiese, auf der verwunschenen Wiese eines verzauberten Parks. Der unbeschnittene Weißdorn wuchert wild in den Himmel hinein, die Bäume sind mit dem Gebüsch ein wenig zurückgetreten, um dem Gras Platz zu machen, in dem Tausendschönchen und Tulpen und Rittersporn und die blaue Iris wurzeln. Hier – ruhest du – singt die Sonne, die Bienen summen viel lauter, und die durchs Geäst schlüpfenden Vögel sehen dich mit ihren Augen blank an und frei.

Dies ist der andere Garten, der Blühegarten, der Duftgarten mit Zauberei, einen Schritt vom Wege ab. In dem Bauerngarten habe ich lange gelebt, ewige Jahre, im Garten des Rauschs einen Tag.

Gut, dort habe ich geschlafen und geträumt, einen Tag. Bereuen? Und wenn ich es mit dem Tode bezahlen muß, wie sie sagen, bereuen?

Kerlchen, ich sage dir: ein lebenslänglich Verurteilter lag in dunkler Zelle, viele Jahre lang. Das Wasser tropfte auf seine Hand, die er nicht sah, das war die Interpunktion seiner Zeit; die Schlüssel des Wärters klirrten einmal und dann in endloser Schwärze lange nicht, das war der Sabbat seines Ohrs.

Dieser Gefangene erhob sich eines Tages und erschlug den Wärter. Er ging durch seine Tür und einen Gang, und er tat eine andere Tür auf, und der blühende Sommer sprang ihm ins Gesicht und auf seine Brust.

Der Gefangene fiel auf seine Knie, und er segnete die Sonne und das Himmelsblau, die flatternden Flügel der kleinen Vögel segnete er und die nickenden Blütenkelche.

Dort ergriffen sie ihn, den auf den Knien Segnenden, sie taten ihn wieder in seine Zelle und setzten ein Gericht über ihn, das ihn vom Leben sprach. Er saß im Dunkeln, das Tropfen des Wassers hörte er nicht, nun kühlte der goldschimmernde Fittich des großen Sommervogels im Streifen seine Stirn; das Klirren des Schlüssels fiel nicht in sein Ohr, in ihm wohnte der leise Laut, mit dem sich eine Knospe erschließt.

Als sie ihn zum Richtblock bereiteten, wußte er, er würde wiedersehen, nun. Er sollte sich nach seiner Zelle sehnen?

Er sollte bereuen?

Er segnete, Kerlchen, noch das Sandkorn segnete er, das sein Fuß trat, und den erschlagenen Wärter segnete er, dessen Tod ihn reich gemacht hatte, über jedes Hoffen.

Einen Tag, vierundzwanzig Stunden, bin ich in dem andern Garten gewesen … und von Reue reden nur die, die ihn nie betraten.

2

Die Fülle des Lebens ist verrauscht, aus der Ferne höre ich sie noch wie sickern, doch verrauscht ist sie. Eingetan bin ich nun zwischen den weißgekalkten Wänden einer Zelle, die braunrot gesprenkelt sind von Blutsaft zerdrückter Wanzen, eingetan, sieben Schritt auf, sieben Schritt ab, und wenn ich hervorgehen werde, wird es nur sein einmal, um den Spruch über mich zu hören, das andere Mal, ihn zu vollenden. Das Leben ist vorbei. Da ziemt es sich, zu bedenken, wie alles kam, noch einmal das Lockende sich zu zeigen und den Rausch, die einsame Stunde, da das Purpurzelt des Blutes über mir aufgeschlagen war mit seiner zähe tropfenden Stille, noch einmal sich alles aufzuweisen – und dann das rasche Dahin, das nicht schmerzhafter sein kann als die Lösung, die der Frost dem Baumblatt zufügt vom Ast.

Als ich hier eintrat, war das Leben aus. Ist dies noch Leben? Ich esse und gehe, ich bette auf und bette ab, ich wische den Boden, wenn die Wanzen mich beißen, töte ich sie, nun flüstert mein Nachbar endlos durch die Tür: »Du, zweiunddreißig!«

Und wieder: »Du, zweiunddreißig.«

Und noch einmal: »Du, zweiunddreißig.«

Endlos.

Ich entschließe mich. Ich gehe an die Ritze und flüstere: »Ja?«

»Schläfst du schon?«

»Nein.«

Das ist alles. Nun ist es still. Es wird Abend. Man hat mir Feder und Papier gegeben, man ist nicht schlecht zu mir, ich darf schreiben. Freilich weiß ich nicht, ob der Untersuchungsrichter mein Geschreibsel revidiert oder nicht; ich werde jedenfalls vorsichtig sein. Nein, ich werde nicht vorsichtig sein.

Nun schreibe ich dir, mein Bruder Etz, dem ich so Übles tat, die Beichte meines Herzens. Du hast alles durch mich verloren: Stellung und Geliebte, Freiheit und den Bruder, Leid tragen mußt du für mich; soll ich dir nicht sagen dürfen, wie alles geschah?

Vielleicht kann ich dir den einen Trost doch geben, daß du nicht wirst hassen müssen oder gar verachten, du Opfer wie ich, ich nicht Treiber, nein, getrieben Wild wie du.

Höre mich, Bruder Etz.

3

Ich bin ein ängstlicher Mensch. Als ich am Fahrkartenschalter Bahnhof Zoo anstand und mein schweifendes Auge auf das rotgeränderte Plakat fiel mit seinem verwischten Foto, als ich noch nichts wußte, da ahnte mein Herz schon, und es zitterte.

Nicht den Mörder, sie hatten die Ermordete fotografiert. Ich fühlte schmerzhaft, wie sich dieses banale, verpuderte Kokottengesicht aus meinem Erinnern löste, ich sehe den trüben, haftenden Blick, den sie mir beim Fortgehen gesandt –: dieses Bild schwellte eine als belanglos fast schon Vergessene in mir an; sie hatte erlebt, ihr war Ungewöhnliches geschehen, das schien ihr recht zu geben auf ungewöhnliche Stelle in meinem Erinnern. Der verwischt schwarze Fleck auf der Kimmung der Oberlippe, dieser Kuchen geronnenes Blut: von meinem Kuß konnte er sein wie von der Hand des Mörders.

Aber – und nun wandte ich mich rasch fort, drängte unter die Menge, wogte mit ihr aus dem Tor auf die Straße –, aber jenes halbkreisförmig Verfärbte unter dem linken Auge: das hatte ich nicht gesehen, das hatte ich nicht getan. War es seine Faust, war es der Absatz seines Schuhs? Ah, hatte er sie erst bei kleinem gemartert, ehe er das Große tat und sie ganz leer machte von Leben? Welche Lust …

Ich möchte das Zimmer sehen. Und das Bett. Es muß endlos süß sein, die ersten Minuten danach dort zu sitzen, die Vorhänge, die Sessel, das zerwühlte Bett, sie alle wissen von der Tat, sie beschützen sie durch ihr Schweigen, durch ihr abschließendes Hängen, sie machen kein Aufhebens. Sie sind weiter da, und auch du bist weiter da, du merkst es schon an dem sachten Gang deines Herzens, der köstlich gelösten Ruhe der Glieder. Du bist weiter da, doch nun bist du Gott, denn du schufest, als du zerstörtest.

Habe ich etwa zu lange vor dem Plakat gestanden?

Man liest solche Plakate nicht in der Großstadt, man überfliegt sie. Man zuckt die Achsel: so ist das Leben. Man geht weiter. Nein, ich habe. an den Text so gut wie gar keine Erinnerung. Gewiß: »Die, welche in der Nacht vom 10. zum 11. … zweckdienliche Angaben … hohe Belohnung …« Nein, der Text haftete nicht, aber dieses Gesicht …

Ah, ich erinnere, ich erinnere! Als ich, schon die Klapptür des Wartesaals in der Hand, morgens um drei Uhr noch einmal auf sie zurücksah, die dort hinter geleerten Gläsern, beschmutzten Tassen saß, traf mich jener gleichgültige, so wesenloser Verachtung volle Blick, der mich erschauern ließ.

Leugnete sie bereits alles gemeinsam Erlebte, die schwatzvertrauten, schnellen Gespräche, den Kopf an der Schulter, die geschwellte Kuhle, den Griff ins Haar?

Sie ließ ihn auf mir ruhen, lange, sie nahm ihn mir nicht ab und machte ihn in nichts leichter, aber so, wie sie es, gleichgültig genug, ganz bei mir stehen ließ, ob ich ihn durchfühlen wollte oder nicht, so hatte sie auch jene Nachtstunde mit mir verbracht, erfüllt von einem anonymen Gefühl, das nicht mir galt und keinem.

Und nun ging der Blick über mich hin, als sei ich nie gewesen. Nun fing er sich den trinkerischen Kellner mit dem weißen vollen Gesicht hinter dem Buffet, fing ihn sich, bettelnd, schien’s, zum Zechenerlaß zweifelsohne. Der Dicke blickte zu mir, lächelte böse – und die Tür fiel zu, und sie war fort aus meinem Leben.

Nun ist sie zurückgekehrt, mit dem unerhörten Schaugepränge einer Ermordeten hat sie sich Einlaß in mein Sein verschafft, sie füllt mich ganz und alles Geschehene und alles, was kommt, es war um ihretwillen, wird um jener willen sein, die dort irgendwo liegt, in einem beschmutzten Zimmer.

Das Zimmer – oh! Das Zimmer! Was gäbe ich darum, wenn ich dort hätte sitzen können, danach, in der plötzlich eingefallenen Stille, die sich noch vertieft in dem langsamen Tropfen des Blutes, das seine prachtvollen scharlachenen Muster immer weiter ausbreitet. Ich hätte mich neben sie gekniet, ich hätte jeden Nerv nachgezeichnet mit der lustzitternden Spitze des Fingers, angestarrt hätte ich das Gesicht und angestarrt, bis ich es gewußt hätte, immer in der tiefsten Tiefe meiner Seele: du bist allein, und ich bin allein.

Oder …

Es ist vorbei. Sie sind alle dort gewesen, die Nachbarn, die Polizei, die Gleichgültigen sämtlich, die nie etwas zu lernen haben gegen die Trägheit ihres Herzens. So ist das Leben? Gar nicht! Immer anders ist es.

Sie haben das Wissen ausgelöscht, es ist fortgetragen, es ist nicht mehr zu erreichen. Und wer denn hätte den Mut, dies auf eigene Rechnung zu versuchen, da er solchen Fingerzeig empfing?

Ich nicht … ein ängstlicher Mensch.

4

Hier ist eine Bank. Ich will mich still hinsetzen auf sie und überlegen, was zu tun. Plötzlich bin ich geheimnisvoll verstrickt, und es ist mir, als läsen die Vorübergehenden auf meinem Gesicht; ihre betroffenen Blicke oder ihre wissenden Lächeln scheinen mich immer tiefer hinein zu treiben in einen irren Zaubergarten, in dem alles unwahr ist, doch mit Blüte und Frucht sich greifbar vor mich stellt.

Aber das wirkliche Wasser treibt so einlullend vorüber, die tief hängenden Zweige fächeln leise mit ihren Blättern, kaum, daß einmal, dort hinten, auf dem Hauptwege, der Kies unter dem Schuh eines Passanten knirscht.

Es ist keine Viertelstunde, daß ich jenes Plakat las, noch ist es nicht zu spät, meine Schritte seitdem und vorher nachzuprüfen, ob ich einen Fehler beging. Jetzt wäre er noch zu korrigieren. Dies ist das erste Stadium, nichts Unwiderrufliches geschah. Ein kleiner Fehler etwa – nun, er wird sich gutmachen lassen, jetzt noch.

Mit dem Plakat begann es. Habe ich einen Ausruf getan, eine rasche Geste gemacht, als ich es sah? Mag sein, ich bin ein wenig

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