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GELÄCHTER IN DER NACHT: Der Krimi-Klassiker!

GELÄCHTER IN DER NACHT: Der Krimi-Klassiker!

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GELÄCHTER IN DER NACHT: Der Krimi-Klassiker!

Länge:
275 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 23, 2020
ISBN:
9783748751083
Format:
Buch

Beschreibung

Der Mann, der auf dem Asphalt lag, war tot. Seine blicklosen Augen starrten zum Mond empor, und auf seinem Gesicht lag der Ausdruck unsagbaren Entsetzens...
Bewohner des englischen Dörfchens Yeldingthorpe finden den Toten in der Nähe des Friedhofs und erkennen in ihm den alten Lord Haverford. Mehr als je zuvor ist man sich nun darüber einig, dass ein aus dem 17. Jahrhundert stammendes Gerücht auf Wahrheit beruht: Ein männliches Mitglied der Haverford-Sippe wird sterben, wenn vorher ein unmenschliches Lachen aus dem Familiengrab ertönt.
Für Yeldingthorpe gibt es nur eins: Der Lord starb, nachdem er Zeuge dieses grausigen Gelächters geworden war.
Scotland Yard aber konstatiert: Mord!

Der Roman Gelächter in der Nacht von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; † 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1955; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1957.
Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 23, 2020
ISBN:
9783748751083
Format:
Buch

Über den Autor


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GELÄCHTER IN DER NACHT - Victor Gunn

Kapitel

Das Buch

Der Mann, der auf dem Asphalt lag, war tot. Seine blicklosen Augen starrten zum Mond empor, und auf seinem Gesicht lag der Ausdruck unsagbaren Entsetzens...

Bewohner des englischen Dörfchens Yeldingthorpe finden den Toten in der Nähe des Friedhofs und erkennen in ihm den alten Lord Haverford. Mehr als je zuvor ist man sich nun darüber einig, dass ein aus dem 17. Jahrhundert stammendes Gerücht auf Wahrheit beruht: Ein männliches Mitglied der Haverford-Sippe wird sterben, wenn vorher ein unmenschliches Lachen aus dem Familiengrab ertönt.

Für Yeldingthorpe gibt es nur eins: Der Lord starb, nachdem er Zeuge dieses grausigen Gelächters geworden war.

Scotland Yard aber konstatiert: Mord!

Der Roman Gelächter in der Nacht von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; † 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1955; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1957.

Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

GELÄCHTER IN DER NACHT

Erstes Kapitel

Auf dem wettergebräunten Gesicht von Dick Forbes spiegelte sich heftiger Zorn, als er an diesem kühlen Frühlingsabend in seinem kleinen, alten Sportwagen durch die Dunkelheit zum Herrenhaus von Yeldingthorpe fuhr. Eigentlich war er ein freundlicher, gutmütiger junger Mann, der sich nicht am rasenden Tempo berauschte, aber er war im Augenblick so erregt, dass er aus seinem Wagen das Letzte herausholte.

Er bog in die kurze Auffahrt des Herrenhauses so scharf ein, dass die Reifen quietschten und die Außenräder sich fast vom Boden hoben. Am Fuß der ausgetretenen Stufen hielt er an und sprang aus dem Wagen. Er schlug mit der Faust an die Tür.

»Ist der Oberst zu Haus?«, fragte er scharf, als ein adrettes Dienstmädchen die Tür öffnete.

»Ach, Mr. Dick...« Das Mädchen sah ihn mit weitaufgerissenen Augen an. »Ist denn etwas passiert? Ja, der Master ist da.« Der altmodische Ausdruck Master klang ganz natürlich, denn in diesem abgeschiedenen Winkel von Suffolk gab es noch Reste der alten Sitten der Feudalzeit. »Er ist mit der Mistress im Wohnzimmer beim Fernsehen.«

»Danke, Emma«, antwortete Dick kurz.

Mit verbissenem Gesicht ging er an ihr vorüber, ohne Zeit für irgendwelche Formalitäten zu verschwenden. Er klopfte nicht einmal an der Tür des Wohnzimmers, sondern ging sofort hinein.

»Entschuldigen Sie, wenn ich einfach bei Ihnen eindringe, Sir!«

»Aber Dick - was ist denn los?«

Oberst Edmund Thurston schaltete den Fernsehapparat aus und stand auf. Seine schlanke, hohe Gestalt wirkte kraftvoll, und er sah erheblich jünger aus als fünfzig

Jahre alt. Sein Gesicht verriet Neugier, als er jetzt die Stehlampe anknipste. Mrs. Thurston lehnte sich verwundert in ihrem Sessel zurück.

»Sie kommen wohl wegen Buster?«, fragte der Oberst. »Haben Sie ihn gefunden?«

»Ja, Sir. Es tut mir furchtbar leid.« Dick Forbes sprach mit mühsam unterdrückter Wut. »Er ist tot. Ich habe ihn erschossen.«

»Mein Gott, was sagen Sie da?«

»Ich musste ihn erschießen«, sagte Dick und ließ seinem Zorn jetzt freien Lauf. »Ich fand ihn im Südwäldchen. Er hatte sich in einer gemeinen Falle gefangen, die ihm das Rückgrat gebrochen hatte, und lag in den letzten Zügen. Wieder so eine Tierquälerei meines Onkels! Es war furchtbar, Sir, aber...«

»Wenn das Rückgrat gebrochen war, konnten Sie nichts anderes tun«, antwortete der Oberst, dessen Gesicht vor Wut rot anlief. »Hast du das gehört, Jane? Buster ist tot! Von Haverford, diesem alten Schuft, zu Tode gequält! Mein Gott, das ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt! Jetzt werde ich diesem widerlichen Burschen persönlich...«

»Aber Edmund!«, rief Jane Thurston entsetzt. »Lord Haverford ist schließlich Dicks Onkel!«

»Glaubst du etwa, Dick fühlt sich getroffen, wenn ich seinen Onkel so nenne?«, erwiderte der Oberst. »Er kennt, ihn besser als jeder andere - und hasst ihn noch mehr als ich. Aber wer hasst ihn eigentlich nicht? Ich hatte schon den ganzen Abend das Gefühl, dass der arme Buster in eine dieser verdammten Fallen Haverfords geraten wäre. Der netteste, gutmütigste Collie, den ich je hatte, und erst zwei Jahre alt! Los - kommen Sie, Dick!«

»Bitte sei vorsichtig, Edmund«, bat Mrs. Thurston. »Tu nichts, was du später bereuen musst. Busters Tod ist wirklich schrecklich, aber du kannst ihn doch auch nicht mehr zum Leben erwecken.«

»Ich bin gerade in der richtigen Stimmung, um Haverford zu sagen, -was ich von ihm halte, und diese Stimmung werde ich nicht ungenutzt vorübergehen lassen«, erwiderte der Oberst finster. »Aber mach dir keine Sorgen. Ich werde mir an dem Kerl schon nicht die Finger schmutzig machen. Er wird von mir nur ein paar Wahrheiten zu hören bekommen, die er bis ans Ende seiner Tage nicht vergisst.«

»Ich bin dabei, Sir«, erklärte Dick Forbes, und seine Augen funkelten.

Seine Erregung war so groß, dass er darauf brannte, sich dem Oberst anzuschließen, obwohl er als Angestellter von Lord Haverford damit rechnen musste, seine Stellung zu verlieren. Als Verwalter des Gutes seines Onkels hatte er bis jetzt die Aufstellung von Tierfallen verhindert. Nun aber hatte Lord Haverford ohne sein Wissen - und ohne Wissen der Waldhüter, die unter ihm arbeiteten - eigenhändig eine Falle im Südwäldchen aufgestellt, eine der gemeinen, tierquälerischen Fallen, die gesetzlich verboten waren. Nur sein Onkel konnte so etwas fertigbringen! Es war noch keine Woche her, dass er zu Dick gesagt hatte, er würde seine eigenen Maßnahmen ergreifen, falls er den Hund von Oberst Thurston noch einmal im Park antreffen sollte.

Es war eine ganz besondere Gemeinheit, diese Grausamkeit an Buster zu begehen, an einem so zutraulichen, intelligenten Tier. Zwei Tage lang hatte man den Hund vermisst, bis der Oberst fürchtete, dass dem jungen Collie etwas zugestoßen wäre, und Dick bat, ihn zu suchen.

Erst vor einer halben Stunde hatte Dick das arme Tier im Todeskampf in den stählernen Fängen der tödlichen Falle, vor Schmerz winselnd, aufgefunden.

»Ich musste ihn erschießen, Sir«, sagte Dick bedrückt, als er mit dem Oberst ins Dorf fuhr. »Es gab keine Hoffnung mehr für ihn. Wenn wir im Schloss fertig sind, werde ich Ihnen die Leiche zeigen.«

»Nein, ich will sie nicht sehen«, wehrte der Oberst ab. »Ich glaube Ihnen aufs Wort, Dick. Gott sei Dank sind Sie anders als Ihr Onkel. Sie tragen zwar seinen Namen, aber Sie schlagen wohl mehr nach Ihrer sanften Mutter. Der arme Buster! Ich habe den Hund wirklich liebgehabt, Dick, und ich werde es dem alten Teufel vor Gericht heimzahlen...«

»Das können Sie auch, Sir, denn die Falle ist ein verdammtes ausländisches Marterinstrument, das bei uns gesetzlich verboten ist«, unterbrach ihn Dick. »Aber was werden Sie damit schon erreichen?«, fügte er bitter hinzu. »Mein Onkel ist reich und hat großen Einfluss, und er wird den Prozess so lange hinziehen, bis Ihnen das Geld ausgeht.«

Inzwischen waren sie in Yeldingthorpe angekommen - einem jener ruhigen und verschlafenen Dörfer, wie man sie noch im Herzen der ausgesprochen ländlichen Grafschaft Suffolk finden kann. Haverford Hall, das Schloss, lag jenseits des Dorfes auf einer Bodenerhebung, von der aus sich der viele hundert Morgen große Park weit ins Land erstreckte.

»Vorsicht, Dick!«, warnte der Oberst, der plötzlich aus seinem brütenden Schweigen aufschrak.

Sie fuhren gerade an den hell erleuchteten Fenstern des Schwarzen Ebers vorüber, als eine gebeugte Gestalt aus der Tür heraustorkelte und mitten auf der Straße stehen-' blieb. Nur durch scharfes Bremsen konnte Dick noch um Haaresbreite einen Unfall vermeiden.

»Das ist der alte Sheldrake!«, sagte er verächtlich.

»Schon wieder besoffen!«, meinte Thurston. »Ein Jammer, was aus diesem prachtvollen Menschen geworden ist! Ich kann mich noch an den Alten erinnern, als er genauso straff und aufrecht herumging wie Sie, mein Junge. Damals galt er weit und breit als der beste Arzt. Warum, zum Teufel, setzt er sich nicht zur Ruhe? Er hat schon immer ein bisschen viel für einen guten Tropfen übrig gehabt; es ist nichts dabei, wenn es in vernünftigem Rahmen bleibt - aber zwischen gern einen trinken und dauernd besoffen sein ist schließlich ein Unterschied. Ein Glück, dass wir jetzt im Dorf noch einen zweiten Arzt haben.«

»Ja, Sir«, stimmte Dick ihm zu. »Und Lovell, der Neue, nimmt dem alten Sheldrake allmählich alle Patienten weg.«

»Mir gefällt er«, entgegnete der Oberst. »Was war denn damals eigentlich mit seiner hübschen Schwester, Dick?«

»Auch eine Bravourtat meines Onkels! Als Lovell sich hier nieder ließ, wohnte er die ersten paar Monate allein; später, im Sommer, kam seine Schwester aus London zu ihm, um ihm den Haushalt zu führen.«

»Und kurz darauf passierte dann diese Geschichte, nicht wahr? Was aber nun los war, habe ich nie genau erfahren können.«

»Niemand hat es erfahren«, antwortete der junge Mann. »Wendy Lovell spricht nicht gern darüber. Ich weiß nur, dass sie an einem sonnigen Nachmittag im Wald spazieren ging und dort meinem Onkel begegnete. Was weiter geschah, weiß ich nicht - aber ich kann es mir vorstellen. Halb wahnsinnig, mit zerrissenem Kleid kam sie damals nach Hause. Mein Gott, Sir, glauben Sie etwa, dass wir im Schloss auch nur ein einziges Dienstmädchen lange halten könnten? Mein Onkel hätte vor dreihundert Jahren leben sollen; damals hätte er mit seinen Leibeigenen machen können, was er wollte, ohne dass jemand danach gefragt hätte.«

»Lebt er denn nicht auch heute noch wie ein mittelalterlicher Feudalherr?«, entgegnete der Oberst. »Jeder fürchtet ihn! Überall setzt er rücksichtslos seinen Willen durch - weil er der Schlossherr ist und viel Geld hat, gelingt es ihm. Aber diesmal nicht - bei Gott! Der Tod des armen Buster hat den Krug zum Überlaufen gebracht!«

»Verdammt noch mal«, knurrte Dick wütend.        

Der betrunkene Dr. Sheldrake war offenbar nicht der einzige, der sich heute Abend überfahren lassen wollte. Dick Forbes musste hart auf die Bremse treten und scharf nach rechts ausbiegen, um einem Mann auszuweichen, der in Höhe der Friedhofsmauer ebenfalls mitten auf der Straße stand. Die Kirche von Yeldingthorpe lag, wie das in Suffolk häufig ist, mit ihrem viereckigen Turm und ihrem alten Friedhof völlig einsam einen Kilometer vom Dorf entfernt.

»Zwei Betrunkene kurz nacheinander ist ein bisschen viel«, brummte Dick. »Das ist Jem Carter, der alte Trottel; er hat noch mehr geladen als sonst. Hören Sie sich das an!«

Der Mann, der jetzt neben dem Auto stand, brüllte aus voller Kehle. Er stand mit dem Gesicht zum Friedhof und wandte sich mit seinen Worten wohl an ein unsichtbares Wesen jenseits der Friedhofsmauer.

»Warum lachst du nicht, Jeremy?«, schrie er heiser. »Es ist höchste Zeit! Los! Ich warte! Lach doch, verdammt noch mal!«

»Jem, Sie sind ja blau«, sagte Dick.

Der zerlumpte ältliche Mann klammerte sich an die Tür des .Wagens und starrte Dick an. Sein Gesicht war wutverzerrt.

»Sie sind auch einer von denen!«, rief er erbost. »Sie gehören doch auch zu der Forbes-Brut!«

Dick lachte.

»Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie Ihren Rausch aus, Jem!«, riet er ihm gutmütig. »Sie sollten doch wissen, dass Sie mich in Ihren Fluch nicht einzuschließen brauchen.«

»Vielleicht - vielleicht auch nicht«, antwortete Jem Carter, der sich noch immer am Auto festhielt, um nicht hinzufallen. »Ich habe nichts gegen Sie, Mr. Dick, aber schließlich sind Sie auch ein Forbes! Sie haben Forbes-Blut, und Blut ist dicker als Wasser. - Du da!« Er wies mit zitternder Hand auf den Friedhof. »Höchste Zeit, dass du dich wieder mal hören lässt!«

Oberst Thurston wurde ungeduldig.

»Fahren wir weiter, Dick. Der Mann weiß gar nicht, was er redet.«

»Was weiß ich nicht?«, brüllte Jem. »Ganz genau weiß ich das!« Wieder wies er auf den Friedhof. »Komm doch Jeremy!« Seine Stimme schwoll zu höchster Lautstärke an. »Lach doch, Jeremy! Warum lachst du denn nicht?«

»Wovon redet er eigentlich, Dick?«

»Ach, er meint diese alte Geschichte von Sir Jeremy Forbes - einem meiner weniger sympathischen Ahnen«, erwiderte Dick und lachte. »Sie kennen sie sicher auch.«

»Ach ja, diesen Unsinn! Ja, davon habe ich schon gehört.«

»Es ist kein Unsinn!«, brüllte Jem Carter. »Immer lacht der alte Jeremy Forbes, bevor ein Haverford stirbt! Der alte Jeremy ist schon dreihundert Jahre tot, aber immer kann man ihn aus seinem Grabe lachen hören, wenn ein Forbes am Abkratzen ist!«

»Diesen Unsinn glauben Sie auch nur, wenn Sie betrunken sind, Carter«, sagte der Oberst scharf. »Ich hätte Ihnen etwas mehr Verstand zugetraut. Die Dorfkinder mögen sich solche blöden Märchen erzählen, aber ein erwachsener Mann...«

»Ich bin nicht der einzige, der das glaubt«, unterbrach ihn Jem Carter lallend. »Auch mein alter Vater hörte Jeremy lachen, als der vorige Lord Haverford starb. Ja, und außer ihm noch andere. Viele, viele! Der Friedhof von Yeldingthorpe ist in ganz Suffolk durch sein lachendes Grab bekannt! Und warum? Weil der alte Jeremy Forbes zu den Richtern gehörte, die nur eine Strafe kannten: Hängen! Zu Hunderten hat er die Leute in den Tod geschickt! Und jedes Mal, wenn er einen Mann an den Galgen brachte, lachte er. In der ganzen Grafschaft war er als der Machende Richter bekannt! Aber der, der jetzt im Schloss wohnt, wäre genauso schlimm gewesen, wenn er damals gelebt hätte! Vielleicht noch schlimmer!«

»Gewiss, Jem«, meinte Dick beruhigend. »Ich weiß, dass mein Onkel recht hart, zu Ihnen gewesen ist...«

»Hart nennen Sie das?«, brüllte Jem. »Viermal hat er mich schon wegen Wildern ins Gefängnis geschickt - viermal in den letzten acht Jahren! Der Hund! Und dabei bin ich nur spazieren gegangen! Als ob ich mich überhaupt um seine verdammten Karnickel kümmere! Und was hat er jetzt gemacht? Jetzt hat er befohlen, dass die Schlossleute mir keine Schuhe mehr zum Besohlen bringen dürfen!«

»Stimmt das, Jem?«, fragte Dick interessiert.

»Er will mich um mein Brot bringen!«, schrie Jem wild. »Aber eines schönen Tages werde ich ihm dafür den Hals umdrehen, dem alten Schuft! Was für ein Recht hat er, mich um mein bisschen Verdienst zu bringen? Seit Jahren besohle ich die Schuhe seiner Leute...«

»Schön, Jem, ich werde mich darum kümmern«, unterbrach ihn Dick. »Aber ich glaube nicht, dass Sie recht haben. Da wird Ihnen jemand einen Bären aufgebunden haben.«

»Der Jemand war der dreckige alte Schuft selbst!«, brüllte Jem. Dann aber verfiel er in ein weinerliches Klagen. »Dabei habe ich doch nichts weiter verbrochen, als den Abkürzungsweg durch den Park zu nehmen. Da kommt er einfach an und weist mich von seinem Grund und Boden. Und von jetzt an, sagte er und grinste noch tückisch dabei, werden Sie keine Arbeit mehr vom Schloss bekommen. Jeder, der Ihnen noch Schuhe hinbringt, wird sofort entlassen! Dieses Biest!«

Dick benutzte den Umstand, dass Jem den Wagen losgelassen hatte, und fuhr weiter.

»Ob das wirklich wahr ist, Dick?«, fragte der Oberst. »Möglich ist es schon, Sir.«

»Aber - verdammt noch mal, Jem ist doch ein ausgezeichneter Schuster! Er macht auch für mich sämtliche Reparaturen. Und wenn er nicht betrunken ist, ist er doch ein ganz vernünftiger Kerl«, meinte Thurston nachdenklich. »Na ja, vielleicht wildert er gelegentlich - aber wenn schon! Ihr Onkel verfolgt ihn seit Jahren, und ich wundere mich nicht über Jems Erbitterung.«

»Mein Onkel schädigt sich nur selbst, wenn das mit den Schuhreparaturen aus dem Schloss stimmt«, sagte Dick gereizt. »Jem gehört noch zu den altmodischen, aber soliden Schuhmachern - und davon gibt es nur noch wenige.«

»Warum, zum Teufel, lassen aber Sie sich eigentlich alles gefallen, Dick?«, fragte der Oberst rundheraus. »Der alte Herr fasst Sie, wie ich höre, auch nicht gerade mit Samthandschuhen an! Es geht mich natürlich nichts an, aber...«

»Ich lebe gern auf dem Lande«, antwortete Dick, »und außerdem kann ich mir bei der Verwaltung dieses Gutes die Erfahrung erwerben, die mir noch fehlt. Als ich von Oxford hierherkam, verstand ich von der Landwirtschaft sehr wenig.«

Er sprach nicht von dem, was ihm im Augenblick zu schaffen machte: dass nämlich das, was er jetzt dem Oberst zu Gefallen tat, ihm wahrscheinlich seine Stellung kosten würde. Und Thurston hatte in seiner Empörung über den Tod des Collies wohl kaum an die Folgen gedacht, die für Dick entstehen konnten.

Da der kleine Wagen schon in die Abzweigung nach Haverford Hall einbog, beendeten sie ihre Unterhaltung. Kurz nach der zweiten Abzweigung tauchte dann das alte Schloss vor ihnen auf. Im Zwielicht des Frühlingsabends war allerdings nicht viel zu sehen, aber bei Tageslicht bot das Schloss einen imposanten Anblick. Die dicken Mauern des mittelalterlichen Hauptgebäudes und die kleinen Fenster hatten den Großvater des gegenwärtigen Lords dazu veranlasst, einen neuen Flügel anzubauen; dadurch erhielt das Gebäude die Form eines großen L. Dieser neue Flügel war der einzige bewohnte Teil des Hauses. Ein schöner Park mit vielen alten Bäumen umgab das Schloss.

Die ursprüngliche Eingangstür des alten Gebäudes wurde nicht mehr benutzt, und Dick fuhr über die Auffahrt bis zu den breiten Granitstufen des neuen Haupteingangs. Pritchard, der Butler, öffnete ihnen. Pritchard war ein alter, gebeugter und bedrückt aussehender Mann - vielleicht eine Folge jener vielen Jahre, die er unter seinem harten Herrn verlebt hatte. Er sah überrascht auf, als er Dick erblickte, der sonst den Haupteingang nie benutzte. Als er aber das wütende Gesicht des Obersts Thurston sah, erriet er den Grund des Besuches, und ein besorgter Ausdruck trat in sein Gesicht.

»Sagen Sie Lord Haverford, dass ich ihn sprechen möchte«, erklärte der Oberst kurz.

»Sehr wohl, Sir«, erwiderte der Butler und trat zur Seite. »Aber wenn ich Ihnen davon abraten darf, Sir - seine Lordschaft ist nicht gerade bester Laune.«

»Ich habe Sie nicht um Rat gefragt, und ich kümmere mich den Teufel darum, in was für einer Laune Seine Lordschaft ist. Sagen Sie ihm, dass ich ihn zu sprechen wünsche - und zwar dringend!«

»Sehr wohl, Sir«, entgegnete Pritchard leise. »Ich wollte Sie nur warnen, Sir. Mr. Ronnie und seine Gattin hatten schon beim Essen eine Auseinandersetzung mit Seiner Lordschaft - es handelte sich dabei wohl um einen Hund -, und Seine Lordschaft zog sich nach dem Essen in schlechtester Laune auf sein Studierzimmer zurück.«

»Er wird in noch viel schlechterer Laune sein, wenn ich mit ihm gesprochen habe«, versetzte der Oberst. »Eine Auseinandersetzung wegen eines Hundes? Deshalb bin ich auch gekommen, Pritchard! Wir werden uns also weiter über diesen Hund unterhalten!«

Der Butler blickte verlegen drein und zögerte, als wollte er noch etwas sagen. Aber dann änderte er seine Absicht und ging in das Studierzimmer. Dick, der mit dem Oberst wartete, fühlte sich fast so bedrückt wie der Butler.

»Er ist also schlechter Laune«, murmelte der junge Mann. »Es ist sonst schon schwer mit ihm auszukommen, aber wenn er schlechte Laune hat, ist er grausig.«

»Das passt mir großartig!«, sagte Thurston grimmig. »Ich bin nämlich auch schlechter Laune - und damit wären wir uns einig.«

»Es wäre vielleicht doch gut, diese Unterhaltung auf morgen früh zu verschieben«, meinte Dick besorgt. »Mein Onkel kann recht ausfallend werden.«

»Ich bin aber gerade in der richtigen Stimmung, Dick, und ich denke gar nicht daran, meinen Besuch aufzuschieben«, sagte der Oberst fest. »Nun?« Er sah Pritchard, der mit

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