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Als ich die Stille fand: Ein Plädoyer gegen den Lärm der Welt

Als ich die Stille fand: Ein Plädoyer gegen den Lärm der Welt

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Als ich die Stille fand: Ein Plädoyer gegen den Lärm der Welt

Länge:
246 Seiten
2 Stunden
Freigegeben:
Aug 3, 2020
ISBN:
9783710604942
Format:
Buch

Beschreibung

Die Stille als Schlüssel unserer Welt: Ein leidenschaftliches Plädoyer des weltbekannten Dirigenten für genaueres Zuhören, Konzentration und Ruhe in einer sich immer schneller drehenden Zeit.

Bei einem schweren Autounfall erlebte Franz Welser-Möst als Jugendlicher den Klang der Ewigkeit: ein Zustand, den er seither in der Musik sucht. In den zum Teil sehr persönlich gehaltenen Reflexionen anlässlich seines 60. Geburtstags nimmt uns Franz Welser-Möst mit auf eine Reise durch sein Leben in der Musik, angefangen von seiner Jugend in Oberösterreich über seine Begegnungen mit Herbert von Karajan bis hin zu seinen Engagements in London, Zürich, an der Wiener Staatsoper und beim weltberühmten Cleveland Orchestra. Machtspiele hinter den Kulissen und Gedanken über den modernen Markt der Musik bleiben nicht ausgespart. Vor allem aber erzählt der Dirigent von der Bedeutung des Sich-immer-wieder-Neuerfindens und künstlerischer Inspiration, von Musik als Impuls für Bildung und soziale Fragen und als Hilfe, unsere chaotische Welt zu ordnen.

Franz Welser-Mösts Dirigentenleben ist eine Inspiration: Horchen wir besser auf unsere Welt, um sie zu verstehen und mit Leidenschaft zu beleben.
Freigegeben:
Aug 3, 2020
ISBN:
9783710604942
Format:
Buch

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Buchvorschau

Als ich die Stille fand - Franz Welser-Möst

Attersee

I.

DIE LEHRE DER MUSIK

Von der Selbstverständlichkeit des Klanges

In die Musik geboren

Die Musik war noch eine Selbstverständlichkeit in der Welt, in die ich hineingeboren wurde. Zwischen den Weltkriegen hatte Österreich seine alte Rolle im europäischen Machtgefüge – und damit auch sein altes Selbstverständnis – verloren. Nach dem Ersten Weltkrieg musste die Erste Republik große Gebiete von Österreich-Ungarn abtreten, und vielen Bürgern der ehemaligen k. u. k. Monarchie wurde klar, dass Geschichte immer auch Wandel bedeutet. Wo das Vaterland wankt, ist es oft der Glaube, der den Menschen ein scheinbar beständiges Koordinatensystem verspricht. Als diese Zwischenjahre in Österreich mit dem „Anschluss" an Hitlers Deutschland unheilvoll zu Ende ging, haben sich meine Eltern kennengelernt.

Das Grundstück am Attersee, auf dem ich anstelle des alten baufälligen Sommerhauses das Haus gebaut habe, in dem meine Frau und ich heute wohnen, gehörte einst dem Vater meines Vaters. Nur einen Kilometer entfernt hatte die Familie meiner Mutter, die eigentlich aus Wels kam, ein Ferienhaus. Für gewöhnlich traf man sich zu den Sommergottesdiensten in der Filialkirche im nahen Buchberg, ein idyllisches, kleines Gotteshaus für rund 100 Gläubige. Es wurde im 16. Jahrhundert vom Kloster Mondsee errichtet. Als meine Eltern sich das erste Mal trafen, das muss 1939 gewesen sein, war meine Mutter gut 14 Jahre und mein Vater 17 Jahre alt. Meine Großmutter fungierte als „Kupplerin", indem sie meine Mutter Maria Elisabeth Wetzelsberger, die von allen Marilies genannt wurde, kurzerhand für die Obsternte einlud, bei der sich sie und Franz Möst schließlich näher kennenlernen sollten.

Die Glocke der Buchberger Kirche, die ich von meiner Terrasse aus hören kann, wird übrigens bis heute jeden Tag per Hand geläutet – ein Zeichen nicht nur der Gottesfürchtigkeit, sondern auch der Traditionsverbundenheit der Region.

Obwohl mein Vater erst nach dem Ersten Weltkrieg geboren wurde, wuchs er mit den Idealen des alten Österreich auf: für Gott, Kaiser und Vaterland. Dabei war der Glaube sein wichtigster moralischer Kompass. Ein Grund, warum er ein energischer Gegner Hitlers, des Anschlusses Österreichs und der Politik der NSDAP war.

Mein Vater arbeitete mit Gleichgesinnten im katholischen Widerstand, wurde allerdings schnell entdeckt. Ein Freund der Familie, der schon früh der NSDAP beigetreten war, kam eines Abends zu meinen Großeltern und berichtete, dass die Partei eine Statistik über Volksverräter führen würde und dass mein Vater bereits zwei „schwarze Punkte" gesammelt hätte. Beim dritten Mal würde er wohl oder übel in ein Lager kommen. Als einzigen Ausweg schlug der Freund vor, dass mein Vater sich freiwillig zum Heer melden sollte. Was er dann auch tat.

Heute ist es kaum vorstellbar, wie lärmend die Kriegsjahre gewesen sein müssen. Für meinen Vater begann eine Zeit der Katastrophen. 1940 starb sein Vater, 1941 war er mit der Wehrmacht zunächst in Stettin stationiert, dann im finnischen Vaasa und blieb für anderthalb Jahre auf den Lofoten, dem damals nördlichsten Stützpunkt der deutschen Armee. Nach einer Odyssee von Landsberg am Lech über Neiße an der Neiße, Groß Born in Pommern bis Prag wurde er dann im Januar 1944 zur Schlacht um Monte Cassino beordert. Hier kämpften 80.000 deutsche Soldaten gegen 105.000 Alliierte um das Kloster, das auf einem 516 Meter hohen Felsenhügel liegt. Die Schlacht ist durch den etwas idealisierenden Film mit Joachim Fuchsberger, Die grünen Teufel von Monte Cassino, bekannt, und durch den Umstand, dass deutsche Truppen die 1.200 historischen Bücher und die wertvollen Gemälde von Leonardo da Vinci, Tizian und Raffael aus dem Benediktinerkloster in die römische Engelsburg gebracht haben. Was oft verschwiegen wird, ist die Tatsache, dass man 13 Meisterwerke nach dem Krieg im Stollen des Salzbergwerkes Altaussee fand, in dem Hitler seine Kunstsammlung untergebracht hatte. Vor allem aber war die Schlacht um Monte Cassino – wie so viele im Zweiten Weltkrieg – brutal und blutig. Der viermonatige Kampf kostete 20.000 deutschen und 55.000 alliierten Soldaten das Leben. Mein Vater wurde gefangen genommen und über Bari nach Ägypten in ein Gefangenenlager gebracht.

Mein Vater war ein passionierter Briefschreiber, er verfasste Gedichte und schrieb Tagebuch. Aus seinen Aufzeichnungen weiß ich, dass er nach Kriegsende am 23. August 1945 endlich wieder nach Linz zurückkehren durfte. Er hatte viel erlebt und seine Gesundheit war schwer angeschlagen. Zunächst wurde er zur Genesung in eine Lungenheilstätte geschickt. Danach nahm er ein Jurastudium auf, entschied sich dann aber für Medizin. Ausgerechnet als endlich so viel Normalität eingekehrt war, dass meine Eltern hätten heiraten können, starb der Vater meiner Mutter, und meine Eltern mussten (so verlangte es der strenge katholische Ritus) ein Trauerjahr einhalten. 1954 war es dann endlich soweit! Marilies Wetzelsberger, die inzwischen in Wien Bodenkultur studiert hatte, und der promovierte Arzt Franz Möst konnten die lang ersehnte Ehe schließen. Und man kann sagen, meine Eltern haben in sehr kurzer Zeit sehr viel nachgeholt. Im September 1956 wurde mein ältester Bruder Johannes geboren, im November 1957 mein Bruder Thomas und im Jahr darauf meine ältere Schwester Maria.

Über meine Geburt kursiert in unserer Familie folgende Geschichte: Als meine Großmutter am 16. August 1960 von der Nachbarin über den Zaun gefragt wurde, was es denn nun geworden sei, ein Bub oder ein Mädchen, brach sie in Tränen aus und schluchzte: „Beides!" Tatsächlich war niemand davon ausgegangen, dass meine Mutter mit Zwillingen schwanger war, um so erstaunter waren alle, als unmittelbar nach mir auch meine Schwester Elisabeth das Licht der Welt erblickte.

Zunächst wohnten wir in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Linz, zogen aber, als ich drei Jahre alt war, in das Haus meiner Großmutter nach Wels. Mein Vater arbeitete inzwischen als Lungenfacharzt und pendelte täglich nach Schloss Cumberland in Gmunden, jener Lungenheilstätte, in der er selbst nach dem Krieg als Patient lag. Es wurde einst von Ernst August von Hannover oberhalb des Krottensees in schönstem Windsor-Stil errichtet. Mit dem Ende des Krieges ging es in österreichischen Besitz über und wurde als Tuberkulose-Klinik betrieben. Mein Vater hat zuweilen über 120 Stunden in der Woche gearbeitet, ohne dabei üppig zu verdienen. Meine Mutter träumte davon, nach ihrem ersten Studium noch ein Jurastudium anzuschließen, blieb aber – auch weil ihr Vater so lange krank war – zunächst zu Hause.

Ich erinnere mich an die Verhältnisse bei uns. Wir betrachteten uns nicht als arm, konnten uns aber in dieser Zeit nicht viel leisten. Bis 1970 hatten wir nicht einmal einen Fernseher. Unser Unterhaltungsprogramm bestand weitgehend aus eigenem Musizieren. Meine Mutter war eine erstklassige Pianistin, und ich weiß noch, wie wir Kinder sie in den Abendstunden oft gebeten haben: „Mutti, bitte spiel’ uns noch was." Vater hatte als Kind Geige und Trompete gespielt und all meine Geschwister hatten auch Instrumente gelernt. Musik war für mich seit jeher eine Selbstverständlichkeit. Es war mir als Kind unvorstellbar, dass es Menschen geben konnte, für die das Musizieren nicht zum Tagesablauf gehörte. Musik war für meine Eltern eine Art Heimat, etwas Unveränderliches in einer Zeit, die von so vielen Veränderungen geprägt war. Musik war für sie Erbauung, gab ihnen einen Wertekanon und stand im Einklang mit ihrem Glauben.

Franz Welser-Möst und seine Zwillingsschwester Elisabeth beim Baden im Attersee im Jahr 1964

Die strahlend weiße Stadtpfarrkirche mitten in Wels (sie ist dem Heiligen gewidmet, dessen Name mein ältester Bruder Johannes trägt) ist für mich zu einem Ort der musikalischen Sehnsuchtserfüllung geworden. Außer dem Klavierspiel meiner Mutter zu Hause, hatte ich sonst höchst selten Zugang zu musikalischen Darbietungen in der Öffentlichkeit. Auf den Holzbänken hörte ich – von meiner Mutter stets in einen Sonntagsanzug gekleidet oder in das weiße Gewand des Messdieners – zum ersten Mal die Messen von Joseph Haydn, Franz Schubert und Wolfgang Amadeus Mozart. Und ich erinnere mich an die Festgottesdienste, die ich als Ministrant im Alter von sechs bis 14 Jahren erlebte und die mich in bis dahin unbekannte Sphären versetzen konnten. Während der Messen schien die Zeit um mich herum stehenzubleiben und der Lärm der Welt ordnete sich in Harmonien. Was mich als Kind besonders beeindruckte, war, dass der Pfarrer es sich nicht nehmen ließ, sich am Altar durch einen pensionierten Geistlichen vertreten zu lassen und die Musik der Gottesdienste an hohen Festtagen selbst zu dirigieren.

Der Gläubigkeit meiner Eltern und ihrer Verbundenheit zur Kirche habe ich schließlich auch meinen ersten Musikunterricht zu verdanken.

Das Lineal von Schwester Gerburga

Meine Liebe zur Geige war keine auf den ersten Blick. Denn zwischen mir und ihr stand zunächst Schwester Gerburga. Es gehörte zu den Prinzipien meines Vaters, dass seine Kinder nicht an einer öffentlichen Musikschule ausgebildet werden sollten, sondern – wie in unserem Fall – an einer katholischen Schwesternschule. Also ging ich ab dem sechsten Lebensjahr regelmäßig in die Villa neben der Schwesternschule in Wels, wo Schwester Gerburga ihre Schüler zum Unterricht empfing: eine hagere, verhärmte Frau. Schwester Gerburga hatte bereits zahlreiche Jahrgänge von Schülern in Wels unterrichtet, nicht nur im Fach Geige, sondern auch Instrumente wie Blockflöte, Gitarre, Akkordeon oder Cello. Es gab wahrscheinlich nichts, was Schwester Gerburga nicht lehrte. In ihrer strengen, von Empathie weitgehend befreiten Art verkörperte sie den Stereotyp der frustrierten Frau, die sich wahrscheinlich nicht freiwillig dieses Leben ausgesucht hatte, und leider wohl auch das anachronistisch-provinzielle Erziehungsideal der

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