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Kindheit D: Eine Kindheit im Schatten der RAF
Kindheit D: Eine Kindheit im Schatten der RAF
Kindheit D: Eine Kindheit im Schatten der RAF
eBook287 Seiten2 Stunden

Kindheit D: Eine Kindheit im Schatten der RAF

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Über dieses E-Book

70er Jahre - Zeit der RAF und der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback und des Wirtschaftsfunktionärs Hans Martin Schleyer.
Wie erlebt man als Kind diese Zeit, wenn der Vater Bundesanwalt ist und die Familie aufgrund der terroristischen Bedrohung unter Polizeischutz steht?
Ines Krüger gewährt uns diesen Einblick.
SpracheDeutsch
HerausgeberOsnaton Verlag
Erscheinungsdatum27. Juli 2020
ISBN9783981837834
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    Kindheit D - Ines Krüger

    Im­pres­s­um

    Die Brief­bom­be

    Mei­ne Mut­ti wein­te. Sie saß auf dem Sofa und zit­ter­te. Das zer­knüll­te Ta­schen­tuch in ih­rer klei­nen, schma­len Hand mit den rosa la­ckier­ten Fin­ger­nä­geln ver­hieß nichts Gu­tes. Wenn mei­ne Mut­ti wein­te, muss­te et­was Ent­setz­li­ches pas­siert sein.

    Ich war noch ganz klein. So klein, dass ich mei­nen Na­men nicht schrei­ben konn­te und vie­le Din­ge nicht ver­stand. Alle Men­schen um mich her­um wa­ren rie­sen­groß. Be­son­ders die­se Män­ner, die in un­se­rem Wohn­zim­mer und im Flur her­um­lie­fen und so ganz an­ders aus­sa­hen als un­ser Milch­mann, der im grau­en Stall­an­zug die Milch an un­se­rer Haus­tür ab­lie­fer­te, da­mit ich Kaba trin­ken konn­te, wäh­rend ich die Se­sam­stra­ße schau­te. Ich lieb­te Bibo und Er­nie und Bert.

    Heu­te lief bei uns kei­ne Se­sam­stra­ße. Mei­ne Hand fass­te vor­sich­tig nach Mut­tis Arm. Ich strei­chel­te über ih­ren mes­sing­fa­r­be­nen, selbst­ge­hä­kel­ten Pull­over mit den dun­kel­blau­en, lan­gen Fran­sen.

    Mei­ne Mut­ter strich mir über das Haar und sag­te: „Sei lieb, Ines, das sind die vom Bun­des­kri­mi­nal­amt. Sie ver­su­chen, uns zu hel­fen."

    Dann wein­te sie wei­ter.

    Ich be­ob­ach­te­te die Män­ner, die ganz nor­ma­le Klei­dung an­hat­ten, so wie die meis­ten Leu­te da drau­ßen. Da drau­ßen war et­was, das ich nie al­lein se­hen durf­te. Drau­ßen war ge­fähr­lich. Das hat­te ich ge­lernt – so wie das Zäh­len bis zehn. Nach drau­ßen durf­te ich nie al­lei­ne, und nur die Po­li­zis­ten wa­ren mei­ne Freun­de. Da drau­ßen lie­fen böse Män­ner her­um, die klei­ne Kin­der in Au­tos zerr­ten. Papa und Mut­ti hat­ten es mir er­klärt: Wenn je­mand es schaff­te, mich in ein Auto zu zer­ren, dann nann­te man das Ent­füh­rung. Mei­ne Mut­ti und mein Papa wa­ren dann ganz weit weg. Die Vor­stel­lung war für mich ge­nau­so schlimm wie die, dass mei­ner Schwes­ter et­was zu­sto­ßen konn­te.

    Mir war et­was Trau­ri­ges pas­siert: Be­vor ich in die Schu­le kam, war mein Va­ter ein Mann ge­wor­den, den an­de­re Leu­te da drau­ßen so hass­ten, dass sie ihn tö­ten woll­ten. Ich wuss­te, was tot ist. Mei­nem Meer­schwein war so et­was pas­siert. Man sah sich nie wie­der, man war nicht mehr da. Mei­ne Mut­ti hat­te es mir er­zählt, an dem Tag, an dem ich die gro­ße neue Pup­pe mit den Klappau­gen be­kom­men hat­te. Mein Papa war Ter­ro­ris­ten­jä­ger. Das war et­was ganz Schlim­mes für mich. Zum Trost hat­te ich die rie­si­ge Pup­pe von mei­ner Mut­ti ge­schenkt be­kom­men. Sie hat­te lan­ges, blon­des Haar, ich nann­te sie Bir­git. Ich hat­te sie zum Spie­len, denn mit an­de­ren Kin­dern konn­te ich nicht spie­len. Die wa­ren drau­ßen, und ich blieb bei mei­ner Mut­ti. Ich ver­stand: Wenn man in den Kin­der­gar­ten ging, wur­de man ent­führt.

    Die Män­ner vom Bun­des­kri­mi­nal­amt brach­ten es mei­ner Mut­ter scho­nend bei: Un­se­re Si­cher­heit war nicht aus­rei­chend. Die Män­ner lie­ßen un­se­re Rol­los hoch und wie­der run­ter, ein Tech­ni­ker im Blau­mann hat­te un­se­ren Te­le­fon­hö­rer in der Hand. Mei­ne Mut­ti bot den Män­nern Kaf­fee an, sie schüt­tel­ten den Kopf.

    Das Ge­sicht mei­ner Mut­ti war vom vie­len Wei­nen ganz an­ge­schwol­len. Der Pu­der war ver­lau­fen, er kleb­te jetzt im Ta­schen­tuch.

    Vor un­se­rer Haus­tür war noch mehr los. Po­li­zis­ten über Po­li­zis­ten, noch mehr als sonst.

    „Was ist pas­siert, Mut­ti?", wis­per­te ich, ein­ge­schüch­tert von all den frem­den Men­schen um mich her­um.

    Sie schau­te zu mir her­un­ter und schluchz­te. „Wir hat­ten eine Brief­bom­be vor der Haus­tür. Von der RAF."

    Ich ver­stand die Welt nicht mehr. Eine Bom­be in ei­nem Brief? Vor un­se­rer Haus­tür?

    „Ist das sehr ge­fähr­lich?", frag­te ich.

    Mei­ne Mut­ter brach wie­der Trä­nen in aus. „Kind, bit­te geh nach oben in dein Zim­mer. Du bist noch zu klein."

    Ich be­gann laut zu schrei­en. Mei­ner Mut­ti könn­te et­was pas­sie­ren, wenn ich nicht bei ihr war. Ich klam­mer­te mich an ih­ren Arm und plärr­te los: „Ich will bei dir blei­ben. Ich hab Angst. Hil­fe!"

    Ei­ner der Män­ner vom BKA sah mich merk­wür­dig an. „Bei dem Ge­schrei kön­nen wir nicht ar­bei­ten", sag­te er in dem ty­pi­schen rhei­ni­schen Ton­fall.

    „Ent­schul­di­gung, ent­geg­ne­te mei­ne Mut­ter. „Die Klei­ne ist im­mer so.

    Sie führ­te mich in die Kü­che und drück­te mir mei­nen Zei­chen­block und die Wachs­mal­krei­de in die Hand. „Hier, mal was!"

    Un­ser Hund kam zu mir in die Kü­che ge­tapst. Mei­ne Mut­ti ver­schloss die Tür.

    Ich mal­te und hör­te von drau­ßen durch das Fens­ter die fiep­sen­den Ge­räu­sche von Funk­ge­rä­ten und die Schrit­te schwe­rer Stie­fel auf dem Stein­plat­ten­weg vor dem Rei­hen­haus. Das klang im­mer so vor un­se­rer Haus­tür. Da stan­den Tag und Nacht vier Po­li­zis­ten in Uni­form mit um­ge­häng­ten Ma­schi­nen­pis­to­len.

    Un­se­re Nach­barn konn­ten uns nicht lei­den, denn auf der Stra­ße park­te stän­dig ein grü­ner Po­li­zei­bus. „Grü­ne Min­na", nann­te mei­ne Schwes­ter das Ding, in das ich nicht hin­ein­durf­te. Die Po­li­zis­ten durf­te ich nicht an­spre­chen, es sei denn, sie frag­ten mich et­was. Sie wa­ren nicht zum Spie­len da, son­dern zum Schutz.

    Ich wuss­te nicht, wer die RAF war, aber mei­ne Schwes­ter, die schon auf das Gym­na­si­um ging, Block­flö­te spie­len konn­te und La­tein lern­te, hat­te es mir er­klärt: Ich soll­te mich vor al­lem vor Män­nern in Acht neh­men, die einen Par­ka und Le­der­boots tru­gen und Bär­te hat­ten. Ich hör­te auf­merk­sam zu. Es gab Ter­ro­ris­ten, und die moch­ten uns nicht. Des­halb muss­te ich zu Hau­se blei­ben und durf­te auch nicht mehr zu den Nach­barn in den Gar­ten.

    Das war die An­sa­ge, die ich be­kom­men hat­te, als mein Papa be­för­dert wor­den war: Es gab die­se bö­sen Män­ner da drau­ßen, und mein Va­ter war da­mit be­auf­tragt, sie zu ja­gen. Sie soll­ten ins Ge­fäng­nis, da­mit da drau­ßen nichts Bö­ses mehr pas­sier­te.

    Dass mei­ne Mut­ti so wein­te, war nichts Un­ge­wöhn­li­ches. Mei­ne Mut­ter, die so ger­ne mit mir mal­te und mir so oft sag­te, wie lieb sie mich hat­te, war da­ge­gen ge­we­sen, dass mein Papa Ter­ro­ris­ten jag­te. Sie hat­te Angst. Ent­setz­li­che Angst.

    Sie schrie mei­nen Va­ter an, weil sie so un­end­lich ent­täuscht war. Er hat­te ihr ver­spro­chen, dass er kei­ne Ter­ro­ris­ten ja­gen woll­te und mei­ner Mut­ter nichts da­von er­zählt, bis plötz­lich vor un­se­rer Haus­tür die grü­ne Min­na park­te.

    „Wie kannst du uns das an­tun, schrie mei­ne Mut­ti mei­nen Papa an. „Du hast un­ser Le­ben zer­stört. Dei­ne Kar­rie­re ist ja ein Alb­traum.

    Ich saß da­mals auf dem Trep­pe­n­ab­satz in der obe­ren Eta­ge und hör­te zu, wie mei­ne El­tern sich strit­ten.

    „Ich habe das Recht auf mei­ne Kar­rie­re", brüll­te mein Va­ter durchs Haus.

    „Und dei­ne Kin­der? Was soll aus dei­nen Kin­dern wer­den?"

    Mein Va­ter schwieg. Ich sah es, er hat­te Trä­nen in den Au­gen.

    Eine Tür schlug zu. „Ich las­se mich schei­den und neh­me die Kin­der mit", schluchz­te mei­ne Mut­ter im Flur.

    „Papa, sag­te ich, „schrei nicht so rum. Ich hab' Angst.

    Er sah aus dem Fens­ter und schwieg.

    Ich ver­such­te es noch ein­mal. „Papa, was ist denn los?"

    „Wenn Er­wach­se­ne mit­ein­an­der re­den, hast du nichts zu sa­gen. Geh hoch in dein Zim­mer", rief er. Er setz­te sich aufs Sofa und sag­te kein Wort mehr.

    Ei­gent­lich sag­te er nie et­was zu mir. Er war ja auch nie zu Hau­se. Ich wuss­te kaum et­was über ihn. Als ich noch ganz klein war, hat­te er mir ein Mal­buch ge­schenkt mit ei­nem Zwerg vor­ne drauf, und ich hat­te es sehr gern ge­habt. Mein Va­ter aß ger­ne To­ma­ten­sa­lat und fri­sche Bir­nen, aber es kam nicht oft vor, dass wir ge­mein­sam am Abend­brot­tisch sa­ßen. Und auch dann sprach er kaum mit mir.

    Ich ver­stand die­sen Streit nicht. Ich hass­te es, wenn mei­ne Mut­ti wein­te. Ich hat­te sie doch so lieb. Ich lief zu mei­ner Mut­ti und sag­te es ihr. Sie lä­chel­te mich an und putz­te sich die Nase. Sie er­laub­te mir so­gar, den Hund mit in mein Zim­mer zu neh­men. Un­ser Hund war aus Chi­na, ein Chi­hua­hua, und hat­te eine li­la­fa­r­be­ne Zun­ge. Ich bürs­te­te ihm im­mer das Fell.

    Wenn mei­ne El­tern sich strit­ten, krach­te es im­mer ent­setz­lich. Dann schri­en sie sich an wie irre. Ir­gend­wann war es dann wie­der vor­bei. Ich wuss­te das und war­te­te ein­fach ab. An dem Tag, als die Grü­ne Min­na vor un­se­rem Haus park­te, hat­te ich Glück, weil mei­ne Schwes­ter Evi ins Zim­mer kam und mit mir spiel­te. Sie war schon ein Tee­n­a­ger und soll­te das Ab­itur ma­chen. Mein Papa woll­te, dass sie Rechts­an­wäl­tin wur­de wie er. Sie war so gut in Ma­the, dass sie an­de­ren Kin­dern Nach­hil­fe­un­ter­richt ge­ben konn­te.

    Mei­ne Mut­ter ließ sich nicht schei­den. Mei­ne El­tern ver­tru­gen sich auch die­ses Mal wie­der, und mei­ner Mut­ti blieb nichts an­de­res üb­rig, als sich da­mit ab­zu­fin­den, dass un­ser Va­ter Ter­ro­ris­ten jag­te. Aber mei­ne Mut­ter hat­te et­was Trau­ri­ges er­fah­ren: Mei­nem Va­ter war sei­ne Kar­rie­re wich­ti­ger als sei­ne Fa­mi­lie. Mein Va­ter woll­te nichts an­de­res als Ter­ro­ris­ten ja­gen, und wenn ich nicht auf­pass­te, wür­de mich je­mand um­brin­gen. Dann war ich so tot wie mein Meer­schwein und die Schild­krö­te mei­ner Cou­si­ne Hel­ga, die so gut ma­len konn­te und die Be­at­les auf Schall­plat­te lieb­te. „Mau­se­tot". Das ver­stand ich. Mein Meer­schwein­chen hat­te aus Ver­se­hen mit Spritz­mit­tel ver­gif­te­ten Kopf­sa­lat ge­fres­sen und war dar­an ge­stor­ben.

    Was eine Brief­bom­be war, er­klär­te mir mei­ne Cou­si­ne Hel­ga, die fast zehn Jah­re äl­ter war als ich. Sie leb­te mit uns un­ter ei­nem Dach, nach­dem ihre El­tern bei ei­nem Un­fall ums Le­ben ge­kom­men wa­ren. „Wenn eine Bom­be im Brief ist, und du den auf­machst, dann ex­plo­diert dir al­les vor der Nase. Dann ist die Hand ab oder der Arm, oder du fliegst ganz in die Luft."

    Ich wein­te vor Angst.

    Hel­ga be­ru­hig­te mich. „Du gehst doch eh nie an den Brief­kas­ten!"

    „Und Mut­ti ...?"

    Ge­nau das war das The­ma an die­sem Tag beim Abend­es­sen. Die Post wur­de jetzt, wenn der Brief­trä­ger kam, kon­trol­liert. Mei­ne Mut­ti hat­te ent­setz­li­che Angst und be­schloss, in Zu­kunft kei­ne Ver­sand­haus­ka­ta­lo­ge mehr zu be­stel­len. Sie fand es zu ge­fähr­lich.

    Mein Va­ter re­de­te ihr gut zu. Sie hät­te doch jetzt noch mehr Po­li­zei vor der Tür, und das wä­ren ex­tra aus­ge­bil­de­te An­ti­ter­ro­ris­mus­po­li­zis­ten, die die Tricks von Ter­ro­ris­ten kann­ten, und sie wür­den da­für sor­gen, dass nichts pas­siert.

    An die­sem Abend mach­te mir mei­ne Mut­ti ein But­ter­brot mit ei­nem ge­koch­ten Ei dar­auf in Schei­ben und er­klär­te mir, dass ich mir, wenn ich es so sehr woll­te, zu mei­nem Ge­burts­tag ein neu­es Meer­schwein­chen wün­schen dür­fe. Sie sah an die­sem Abend be­son­ders schön aus. Ihre hell­blau­en Au­gen strahl­ten uns an, ihr blon­des Haar war schick nach hin­ten fri­siert, und sie hat­te eine wun­der­schö­ne Bern­stein­ket­te um den Hals ge­legt. Mut­ti war dünn und ziem­lich groß, so groß wie Papa. Frü­her ein­mal hat­te sie als Mo­del Klei­dung vor­ge­führt, und dar­auf war sie im­mer noch stolz.

    Ich strahl­te. Hel­ga woll­te auch ein Schwein. Mei­ne Mut­ti nick­te. Sie soll­te auch eins ha­ben.

    Num­mer fünf

    Der Aus­flug ins Tier­ge­schäft war schon ein Fest an sich. Ich durf­te mir von der rie­si­gen Men­ge Meer­schwein­chen eins aus­su­chen. Ich fand sie alle so schön. Schließ­lich zeig­te ich auf ein wei­ßes Schwein­chen mit Löck­chen und ro­ten Au­gen. Es hat­te be­son­ders laut ge­quietscht.

    Die Ver­käu­fe­rin sag­te: „Weib­chen, Al­bi­no und Ro­set­ten­schwein."

    Hel­ga ent­schied sich für ein braun-weiß ge­fleck­tes Glatt­haar­schwein. Ich nann­te mein Schwein­chen As­trid und Hel­ga das ihre Bil­ly. As­trid und Bil­ly wur­den ein­ge­packt und fuh­ren mit uns nach Hau­se. Sie wa­ren jetzt die Haus­tie­re vom Ter­ro­ris­ten­jä­ger.

    Ich lieb­te mein Schwein­chen. Lei­der biss Bil­ly As­trid ganz schlimm, so kam sie in einen ei­ge­nen Kä­fig. As­trid knab­ber­te tro­ckenes Brot und schau­te mit mir die Se­sam­stra­ße. Un­ser Hund igno­rier­te sie. Mit Meer­schwein­chen spiel­te er nicht. Und mei­ne Pup­pe Bir­git hat­te Pech, As­trid ging von nun an vor.

    Mei­ne Mut­ti hat­te an mei­nem Ge­burts­tag eine Über­ra­schung für mich. Sie hat­te mir einen rosa Pull­over ge­hä­kelt, und dazu ge­nau so einen für mei­ne Pup­pe. Ich war so glü­ck­lich wie noch nie. Mei­ne Schwes­ter und mei­ne Cou­si­ne lä­chel­ten wohl­er­zo­gen. Ich hat­te mir eine Kek­stor­te ge­wünscht, und weil es die nir­gends zu kau­fen gab, hat­ten Evi und Hel­ga heim­lich eine für mich ge­macht. Sie hat­ten die Kek­se und Scho­ko­la­de in die Form ge­schich­tet und das Gan­ze im Kühl­schrank ver­steckt, bis die Scho­ko­la­de fest wur­de und an den Kek­sen kleb­te.

    Mei­ne Omi aus Kiel hat­te mei­ner Mut­ti Geld ge­schickt, da­mit ich neue Roll­schu­he be­kam. Ich schnall­te sie mir um, und wenn ich mich auf un­se­rer Ter­ras­se am Zaun fest­hielt, fiel ich auch nicht hin. Drau­ßen durf­te ich nicht fah­ren, das war zu ge­fähr­lich.

    Dass mein Va­ter an mei­nem Ge­burts­tag nicht da war, ver­stand sich von selbst. Weil ich es nicht an­ders kann­te, dach­te ich dar­über nicht nach.

    Mein Va­ter brach­te mir bei, auf kei­nen Fall et­was zu tun, was er nicht wol­le. Er er­klär­te es mir so: „Da drau­ßen sind ganz böse Men­schen. Du bleibst ge­fäl­ligst im­mer bei Mut­ti. Sonst kannst du was er­le­ben!"

    Mit mei­nem Va­ter war nicht gut Kir­schen es­sen, wenn ihm et­was nicht ge­fiel. Er kam im­mer mit ir­gend­wel­chen Ak­ten nach Hau­se, an de­nen er ar­bei­te­te, und manch­mal, wenn er gute Lau­ne hat­te, brach­te er uns Kin­dern Sü­ßig­kei­ten mit. Scho­ko­ku­geln im Rie­gel, die moch­te ich be­son­ders gern. Doch er war fast nie da.

    Am Mor­gen, nach dem Auf­wa­chen, war ich oft trau­rig. Frü­her, be­vor mein Va­ter Ter­ro­ris­ten­jä­ger wur­de, hat­te ich kei­ne so gro­ße Pup­pe ge­habt, die ihre Wim­pern auf- und zu­klap­pen konn­te und nicht so vie­le Fa­rb­stif­te und Ted­dys. Da­für war mei­ne Mut­ti lus­tig und ver­gnügt ge­we­sen. Jetzt lach­te mei­ne Mut­ter nicht mehr. Sie schau­te oft ein­fach still vor sich hin. Ich sag­te dann auch nichts.

    Manch­mal ver­such­te sie mich auf­zupäp­peln. Sie nahm auf dem Sofa Platz und spiel­te mit mir Pup­pen, dann drück­te sie mich an sich und flüs­ter­te mir ins Ohr: „Du bist mein klei­ner Lieb­ling. Wer dir nur ein Haar krümmt, kriegt es mit mir zu tun."

    Ich lä­chel­te glü­ck­lich, denn mei­ne Mut­ti hat­te mich so lieb.

    Wir hat­ten im­mer so viel Spaß ge­habt, frü­her. Wir leb­ten in Bonn. Mei­ne Schwes­ter und mei­ne Cou­si­ne wa­ren mor­gens in der Schu­le, wenn mei­ne Mut­ti mit mir auf dem gro­ßen Rol­ler zum Ein­kau­fen fuhr. Un­ser Chi­hua­hua lief an der Lei­ne ne­ben­her. Wenn wir alle Le­bens­mit­tel ein­ge­packt hat­ten, häng­ten wir die Tü­ten über den Len­ker und scho­ben den Rol­ler nach Hau­se. Ein­mal riss un­ser Hund den Rol­ler um, und wir fie­len mit­samt den Tü­ten auf die Stra­ße. Der Jo­ghurt­be­cher war ka­putt­ge­gan­gen und al­les kleb­te. Es mach­te uns nichts aus, wir lach­ten dar­über.

    Wenn ich be­son­ders brav ge­we­sen war, hat­te mei­ne Mut­ti im­mer eine Über­ra­schung für mich. Es gab auf dem Rü­ck­weg vom Su­per­markt einen Au­to­ma­ten, der vor ei­ner He­cke auf­ge­stellt war. Ich lieb­te die Kau­gum­mi­ku­geln, die es dort gab. In ei­ni­gen Ku­geln wa­ren klei­ne Prin­zes­sin­nen­rin­ge aus Plas­tik ver­steckt. Mei­ne Mut­ti wuss­te ganz ge­nau, dass ich un­be­dingt so einen Ring woll­te. Wir hiel­ten vor dem Au­to­ma­ten, wa­r­fen Geld ein und ich dreh­te. Ich war so glü­ck­lich, als ich mei­nen Prin­zes­sin­nen­ring in der Hand hielt, und steck­te ihn mir gleich an den Fin­ger. Ich woll­te ihn gar nicht mehr ab­zie­hen, nicht mal nachts. Auch Evi kann­te mei­ne Vor­lie­be für die Kau­gum­mi­ku­geln. Im­mer wenn ich mal hin­fiel oder ir­gen­d­et­was pas­sier­te, ging sie zum Kau­gum­mi­au­to­ma­ten und zog mir eine Ku­gel.

    Es war im­mer al­les so schön und fried­lich da­mals. Mei­ne Mut­ti hat­te mit uns Trick­fil­me im Kino an­ge­schaut. Im Som­mer fuh­ren mei­ne El­tern sonn­tags mit uns an die Mo­sel, da­mit wir ba­den konn­ten. Und im Win­ter zog mei­ne Mut­ti mich mit dem klei­nen ro­ten Schlit­ten die ver­schnei­te Stra­ße hin­ab, und ich jauchz­te vor Ver­gnü­gen.

    Das war jetzt al­les vor­bei. Wir blie­ben jetzt fast im­mer zu Hau­se, und wenn wir un­ter­wegs wa­ren, hat­ten wir Angst. Auf der Ter­ras­se durf­te ich spie­len und in un­se­rem klei­nen Gar­ten auch, aber das mach­te nicht so viel Spaß wie frü­her.

    Wenn Kin­der aus der Nach­bar­schaft, die mit mir spie­len woll­ten, an der Tür klin­gel­ten, sag­te mei­ne Mut­ti „nein. Bald klin­gel­te kaum noch je­mand bei uns an der Tür. Die Kon­trol­le durch die Po­li­zis­ten schreck­te die Nach­bars­kin­der ab. Sie nann­ten mich „Ter­ro­ris­ten­kind. Und die El­tern dach­ten, ihre Kin­der wür­den ent­führt, wenn sie zu uns nach Hau­se kä­men. Pech ge­habt!

    Es gab ein­mal einen Spiel­freund, der um ei­ni­ges äl­ter war als ich, aber der durf­te dann auch nicht mehr kom­men. Er war mei­ner Mut­ti zu wild. Er hat­te von ihr die rote Kar­te be­kom­men, nach­dem ich beim Spie­len mit ihm so schlimm ver­letzt wur­de, dass ich ins Kin­der­kran­ken­haus ge­fah­ren wer­den muss­te. Es hat­te al­les ganz harm­los an­ge­fan­gen. Mein Spiel­freund und ich spiel­ten Kar­ne­val, ich war das Tanz­ma­rie­chen. Er nahm mich an den Hän­den und schwenk­te mich durch die Luft. Ich weiß auch nicht, war­um ich sei­ne Hän­de losließ. Ich schlug di­rekt mit dem Kopf auf den Bo­den, muss­te kot­zen und hat­te eine Rie­sen­beu­le am Kopf.

    Der Arzt sag­te mei­ner Mut­ter im Kin­der­kran­ken­haus: „Die Klei­ne hat eine Ge­hirn­er­schüt­te­rung. Die Beu­le küh­len und drei Tage Bett­ru­he."

    Mei­ne Mut­ti war ent­setzt, und mein Va­ter schimpf­te, dass ich schlech­ten Um­gang hät­te. Ich war doch noch so klein, und man durf­te doch sei­ne Toch­ter nicht ein­fach so durch die Luft wer­fen. Mei­ne Mut­ter sprach mit der Mut­ti des Jun­gen, und er ent­schul­dig­te sich. Da­nach durf­te er kaum noch zu uns, höchs­tens mal, um mit mir mit Was­ser­fa­r­ben zu ma­len. Al­les an­de­re konn­te er ver­ges­sen. Auf den Spiel­platz durf­te ich so­wie­so nicht mehr.

    Mir war lang­wei­lig. Zu Hau­se war nicht viel los. Mei­ne Schwes­ter Evi, die sehr gut in der Schu­le war, lern­te fast im­mer nur. Sie war drei­zehn Jah­re äl­ter als ich. Und auch mei­ne Cou­si­ne Hel­ga war al­les an­de­re als glü­ck­lich dar­über, ihre Zeit mit mir zu ver­brin­gen. Sie hat­te kei­ne Lust auf ihre klei­ne Cou­si­ne. Ein­mal hat­te ich ihr aus Ver­se­hen ir­gen­d­et­was im Zim­mer ka­putt­ge­macht. Sie hat­te einen klei­nen Plat­ten­spie­ler, auf dem sie die Be­at­les hör­te, und es war mir strengs­tens ver­bo­ten, ir­gen­d­et­was in ih­rer Mu­si­ke­cke an­zu­fas­sen. Manch­mal knall­te sie mir die Zim­mer­tür ein­fach vor der Nase zu, dann spiel­te ich mit un­se­rem Hund auf dem Flur mit den klei­nen Blech­au­tos.

    Und mei­ne Mut­ti war sehr oft krank, sie litt an All­er­gi­en und fühl­te sich nicht gut. Oft lag sie den gan­zen Tag auf dem Sofa. Ein Heil­prak­ti­ker aus der Nach­bar­schaft ver­ord­ne­te ihr klei­ne wei­ße Ku­geln als Me­di­zin.

    Die Po­li­zei vor un­se­rer Tür hat­te uns al­les ver­dor­ben. Ab dem Tag, an dem wir Per­so­nen­schutz be­ka­men, än­der­te sich al­les für uns. Der grü­ne Po­li­zei­bus vor un­se­rer Haus­tür zog vie­le neu­gie­ri­ge Nach­barn an. Sie glotz­ten auf die Po­li­zis­ten mit den Funk­ge­rä­ten in der Hand und den um­ge­häng­ten Waf­fen.

    Das sei­en Ma­schi­nen­pis­to­len, mein­te Evi. „Das ist wie im Krieg, Ines, sag­te sie. Da­mit kann man Men­schen tot­schie­ßen.

    Ich sag­te lie­ber gar nichts, denn ich hat­te Angst, dass jetzt hier Krieg war. Plötz­lich wa­ren die­se vier Po­li­zis­ten in der grü­nen Uni­form da, und es war Krieg vor un­se­rer Haus­tür.

    Mei­ne Mut­ti sag­te: „Wenn wir erst in Ka­rls­ru­he sind, ha­ben wir si­che­re Pan­zer­schei­ben und eine Alarm­an­la­ge. Dann wird al­les wie­der gut, Ines."

    Mein Va­ter be­kam einen Job in Ka­rls­ru­he, und der Um­zug war ein stän­di­ges Streit­the­ma zwi­schen mei­nen El­tern. Mei­ne Mut­ti hat­te nicht nur ver­sucht zu ver­hin­dern, dass mein Va­ter Ter­ro­ris­ten jag­te, sie woll­te auch nicht weg von Bonn. Hier hat­te sie ihre bes­te Freun­din und ih­ren Heil­prak­ti­ker, der ihr so gut mit ih­ren schlim­men All­er­gi­en half. Im­mer wie­der hat­te mei­ne Mut­ti mit Schei­dung ge­droht, aber an mei­nem Papa prall­te so et­was ab. Er freu­te sich schon so auf die Kol­le­gen in Ka­rls­ru­he, denn er woll­te Ter­ro­ris­ten ins Ge­fäng­nis brin­gen. Er nann­te das „Dienst am Va­ter­land. Ich frag­te mei­ne Mut­ti, ob mein Meer­schwein auch mit uns um­zog. „Na­tür­lich, sag­te sie, und ich war er­leich­tert.

    Seit wir Per­so­nen­schutz hat­ten, war ich die „Num­mer fünf. Un­se­re Fa­mi­lie war von den Per­so­nen­schüt­zern durch­num­me­riert wor­den. Papa war Num­mer eins, Mut­ti Num­mer zwei und wir Kin­der der Rest. Ich, als Kleins­te, war Num­mer fünf. Wenn mei­ne Mama mor­gens mit mir aus dem Haus ging, stand di­rekt vor der Haus­tür ein Po­li­zist, der es mit dem Funk­ge­rät an die an­de­ren Po­li­zis­ten wei­ter­gab: „Num­mer zwei und Num­mer fünf ver­las­sen das Haus.

    Wenn uns je­mand be­su­chen woll­te, muss­te er erst ein­mal die Po­li­zei­kon­trol­le pas­sie­ren. Mei­ne Mut­ti hat­te mir strikt ver­bo­ten, an die Tür zu ge­hen, und ich hielt mich dar­an. Drau­ßen spie­len durf­te ich nur auf der Ter­ras­se. Ich hat­te ein klei­nes ro­tes Fahr­rad mit Stütz­rä­dern, aber auf der Ter­ras­se war es ein­fach zu eng zum Fahr­rad­fah­ren. Mei­ne Mut­ti frag­te den Po­li­zis­ten vor der Haus­tür, ob ich auf dem Weg vor un­se­rem Haus fah­ren kön­ne. Er riet ihr ab. Ich sei zu klein und des­halb be­son­ders leicht zu ent­füh­ren.

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