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Goyas Schatten

Goyas Schatten

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Goyas Schatten

Länge:
443 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 4, 2020
ISBN:
9783740776473
Format:
Buch

Beschreibung

Ein Gemälde des jungen Francisco Goya bestimmt das Schicksal von drei Frauen aus verschiedenen Jahrhunderten in Rom, München, Madrid und Berlin und verursacht den Tod von zwei Menschen.
Mitte des 18. Jahrhunderts beeinflusst dieses Bild schmerzlich die Liebesbeziehung von Ana Maria, Tochter des Malers Anton Raphael Mengs, und Francisco Goya in Rom. Jahre später sehen sie sich in Madrid wieder, ohne an ihr früheres Verhältnis anknüpfen zu können. Anfang des 20. Jahrhunderts kauft die Münchner Malerin Emilie aus einer Laune heraus auf einem Pariser Flohmarkt das ihr unbekannte Gemälde, das ihr Leben durcheinanderwirbelt und sie von München nach Berlin verschlägt. Auch auf das Leben ihrer Tochter Charly, einer Kunsthistorikerin, wirft das inzwischen verschollene Gemälde seine Schatten. Anfang der 1970er Jahre macht sich Charly auf die Suche.
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 4, 2020
ISBN:
9783740776473
Format:
Buch

Über den Autor

Olga Voss ist ein Pseudonym, unter dem eine Kunsthistorikerin und eine Philologin Romane veröffentlichen.


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Buchvorschau

Goyas Schatten - Olga Voss

Ein Gemälde des jungen Francisco Goya bestimmt das Schicksal von drei Frauen aus verschiedenen Jahrhunderten in Rom, München, Madrid und Berlin und verursacht den Tod von zwei Menschen.

Mitte des 18. Jahrhunderts beeinflusst dieses Bild schmerzlich die Liebesbeziehung von Ana Maria, Tochter des Malers Anton Raphael Mengs, und Francisco Goya in Rom. Jahre später sehen sie sich in Madrid wieder, ohne an ihr früheres Verhältnis anknüpfen zu können. Anfang des 20. Jahrhunderts kauft die Münchner Malerin Emilie aus einer Laune heraus auf einem Pariser Flohmarkt das ihr unbekannte Gemälde, das ihr Leben durcheinanderwirbelt und sie von München nach Berlin verschlägt. Auch auf das Leben ihrer Tochter Charly, einer Kunsthistorikerin, wirft das inzwischen verschollene Gemälde seine Schatten. Anfang der 1970er Jahre macht sich Charly auf die Suche.

Die Frauenfiguren Emilie und Charly sind Erfindungen der Autorinnen. Der spanische Maler Francisco de Goya und sein Gemälde sind ebenso wie Ana Maria mit ihrer Familie historisch verbürgt. Der damals hochberühmte sächsische Maler Anton Raphael Mengs geriet jahrhundertelang in Vergessenheit und wurde erst am Ende des 20. Jahrhunderts von der Forschung wiederentdeckt. Auch andere Romanfiguren haben wirklich gelebt, wie z.B. die Kunsthistoriker Ludwig Justi und Adolf Jannasch. Sie wurden wie alle Personen im Kontext des Romans fiktiv verfremdet.

Die Autorinnen:

Olga Voss ist ein Pseudonym, unter dem eine Kunsthistorikerin und eine Philologin Romane veröffentlichen.

Bereits erschienen sind Doppeltes Verhängnis und Tödliche Idylle (beide über Kindle Direct Publishing erhältlich).

Inhalt

Prolog

Teil I Ana Maria Rom 1771

Teil II Emilie München 1906

Teil III Ana Maria Madrid 1783

Teil IV Emilie und Charly Berlin 1929 bis 1930

Teil V Charly Berlin, Bilbao 1972 bis 1974

Epilog

Prolog

Der alte Mann spürt den Tod ganz nah. Nein, noch nicht sterben, er muss noch etwas erledigen. Er versucht, seine Kräfte zu sammeln, und gleitet zurück in den Dämmerzustand. Plötzlich dringt die leise Stimme des Arztes in sein Bewusstsein: „Holt die Schwester, schnell." Ja, das ist es! Durchhalten, bis Inés da ist. Er muss seiner geliebten, viel jüngeren Schwester dringend etwas sagen. Dann versinkt er wieder in das Zwischenreich zwischen Tod und Leben. Immer wieder tauchen Gemälde vor seinem inneren Auge auf. Exzentrisch hatte man ihn genannt, ihn der Verschwendungssucht bezichtigt, weil er nicht an sich halten konnte, wenn er Bilder sah, die ihn berührten. Er musste sie haben, also kaufen, manchmal heimlich, so dass niemand an diesen Schätzen teilhaben konnte.

Er reißt mit letzter Kraft die Augen auf und blickt auf das Bild, das er nur im Spiegel gegenüber sehen kann, weil es über seinem Bett hängt. Trotz des heruntergedimmten Lichts im Zimmer leuchten die Farben. Er kennt jeden Pinselstrich, jedes Detail. Seine Lippen bewegen sich, er merkt, dass der Arzt sich zu ihm beugt, um zu hören, was er sagt. Ein krächzendes „Inés, mehr schafft er nicht. „Ganz ruhig. Ihre Schwester ist auf dem Weg. Er verzieht seine trockenen Lippen zu einem letzten Lächeln. Zu spät.

Teil I

Ana Maria

Rom 1771

1

Ein Gedanke schießt ihr durch den Kopf: Wenn Mutter wüsste, was ich hier mache, würde sie mich wochenlang im Haus einsperren, und mit Tante Teresas Unterstützung könnte ich natürlich auch nicht rechnen.

Ein wenig außer Atem verlangsamt Ana Maria ihre Schritte, als sie von der Via del Corso in die Via Condotti einbiegt. Sie zaudert: Weitergehen oder lieber umkehren? Aber nun ist sie schon fast an ihrem Ziel angelangt und ärgert sich über ihre Unschlüssigkeit. Völlig auf ihren Plan konzentriert, schenkt sie der Spanischen Treppe am Ende der Straße und den beiden Türmen der Kirche Santa Maria dei Monti hoch oben auf dem Pincio-Hügel nur einen flüchtigen Blick. Stattdessen gleiten ihre Augen forschend über die Fassaden der Häuser, die dicht gedrängt in ockerfarbenen, hellrosa, pastellblauen Tönen die Straße säumen. Taddeo hat ihr gesagt, dass sich hier gleich rechts am Anfang der Straße eingezwängt die Chiesa della Santissima Trinità degli Spagnoli befinde, mit einer Kuppel, die man von der engen Straße aus fast gar nicht sehen könne. Obwohl Ana Marias Elternhaus nicht weit entfernt liegt, hat sie das kleine Gebäude bisher nie beachtet. Die vor ungefähr 20 Jahren erbaute Kirche und die nahe gelegene Piazza di Spagna mit der breiten Treppe gehören, wie Taddeo belehrend hinzugefügt hatte, dem Spanischen Königreich.

Da, das muss sie sein: je zwei glatte Säulen aus grauem Basalt mit barock verschnörkelten Kapitellen auf zwei Ebenen übereinander umrahmen ein mit einem Segmentgiebel bekröntes, ansonsten schlichtes Portal. Das von langjährigem Zeichenunterricht geschulte Auge der Zwanzigjährigen kann nicht umhin, das Spiel von Licht und Schatten der Säulen auf der leicht nach innen geschwungenen Fassade unter dem blauen Februarhimmel zu bewundern. Die Trennlinie des barocken Gesimses zwischen Unter- und Obergeschoss durchteilt das harmonische Bild wie ein scharfer Schnitt mit dem Messer. Doch das alles interessiert sie in diesem Augenblick nicht. Ihre Neugier ist auf etwas anderes gerichtet: In dieser Kirche soll jemand arbeiten, auf den sie ungemein gespannt ist.

Leise schiebt Ana Maria das schwere Portal nach innen auf und betritt das Vestibül. Gleich dahinter öffnet sich ein Raum in Form einer Ellipse. Breite schlichte Pilaster, gekrönt von ausladenden vergoldeten Kapitellen, umrahmen Seitenkapellen und schließlich die Apsis mit dem Hauptaltar. Der wird allerdings von einem Gerüst verdeckt, das bis zur kleinen Kuppel hinaufreicht. Ana Maria weiß aus häuslichen Gesprächen, dass ihr Vater dem Leiter der Kirchenausstattung Corrado Giaquinto sehr distanziert und kritisch gegenüberstand. Die beiden kannten sich, weil Giaquinto Hofmaler am spanischen Königshof war, bevor ihr Vater von Karl III. ebenfalls dorthin berufen wurde. Das war 1761 gewesen, und man munkelte, dass ihr Vater kurz nach seiner Beförderung zum Ersten Hofmaler Giaquinto aus Madrid verdrängt hatte. Ihr Vater behauptete verärgert, Giaquinto habe in der Zeichnung der Figuren des Hochaltargemäldes „Die Heilige Dreifaltigkeit und die Befreiung eines Sklaven, vor allem in denen von Jesus und dem Sklaven, Elemente aus seinen, Anton Raphael Mengs, Werken kopiert. Giaquinto kann sich nicht mehr verteidigen, denn er ist vor ein paar Jahren gestorben. Als Haupt des spanischen Künstlerkreises in Rom setzte er sich vehement für den Spätbarockstil unter dem Namen „Cultura de via Condotti ein. Ana Maria ist über sich selbst erstaunt, dass sie sich an diese Einzelheiten erinnert, ohne jemals in dieser Kirche gewesen zu sein. Vielleicht wegen Taddeos begeisterter Schilderung. Als Giaquintos Schüler wusste er natürlich bestens Bescheid.

Taddeo Kuntz – oder wie sein Name manchmal geschrieben wird Taddhäus Kuntze – stammt aus Polen, ist aber in Rom, wo er seit Jahren lebt, hervorragend vernetzt und nutzt seine Kontakte intensiv. Auch mit Mengs ist er befreundet. Ana Maria hat ihn auf diese Weise kennengelernt und nach dem jungen Maler ausgefragt. Den hatte sie beim Abzeichnen von Gipsfiguren im Atelier ihres Vaters heimlich beobachtet und sofort interessant gefunden. Taddeo erzählte ihr, dass er selbst an den Ausbesserungsarbeiten in der Spanischen Kirche mitwirke und vor kurzem den bettelarmen spanischen Maler Francisco Goya als Gehilfen für die Restaurierungen an den durch eingedrungenes Regenwasser beschädigten Fresken im Innern der Kuppel vermittelt habe. Mit einem zweideutigen Lächeln fügte er hinzu, dass er ihn bei sich als Wohngenossen aufgenommen habe.

Das alles geht Ana Maria durch den Kopf, während sie den Kirchenraum bis zum Gerüst durchquert. Das Gestell aus Eisenstäben ist so hoch, dass die darauf liegende Holzplatte den Blick zur Kuppel verstellt. Dass da jemand arbeitet, hört man nur am Scharren von Schuhen und am Scheppern eines Eimers.

Das junge Mädchen räuspert sich und tritt beherzt vor. Es dauert eine Weile, bis ein Kopf mit dunklen gewellten Haaren über dem Rand des Gerüsts erscheint und sich eine untersetzte Gestalt herabbeugt.

„¡Hola, Señor Goya!"

Keine Reaktion von oben. Ist er taub? Das kann nicht sein, denn nach ihrer Einschätzung ist der Maler Francisco Goya nicht mehr als sieben Jahre älter als sie. Schließlich nuschelt er, auf Spanisch, wer sie sei und was sie wolle. Da Ana Maria in Madrid nur wenig Kontakt zu Spaniern hatte, ist ihr Spanisch schlecht. Aber sie versteht es, und außerdem hofft sie, dass ihre Antwort ihn dazu bewegen würde, sich vom Gerüst herab zu ihr zu bequemen: „Soy Ana Maria Teresa Mengs."

Und tatsächlich wird hastig ein Stuhl gerückt. Behende klettert die Gestalt das Gerüst herunter, und dann stehen sie sich gegenüber – der Maler aus der spanischen Provinzstadt Zaragoza und die älteste Tochter des zur Zeit berühmtesten Malers Europas Anton Raphael Mengs.

Die beiden jungen Leute mustern sich einige Sekunden, bevor Ana Maria weiter auf Spanisch spricht, denn sie weiß, dass Goya Italienisch nur radebrecht. Auch das hat ihr Taddeo verraten und etwas prahlerisch hinzugefügt, dass er sich mit ihm auf Spanisch unterhalte, weil er Ende der 50er Jahre eine Zeitlang in Madrid gewesen sei und dort gut Spanisch gelernt habe:

„Ihr Freund Taddeo Kuntz hat mir gesagt, dass Sie hier bei der Ausmalung der Kirche helfen."

„Ja, und?"

Ganz schön mürrisch, dieser Spanier, denkt Ana Maria. Sie kennt von den vielen Kontakten ihrer Eltern mit spanischen Künstlern, Diplomaten und Intellektuellen in Rom zur Genüge die brüske, herbe Art der Spanier im Umgang mit Fremden und vor allem mit Frauen. Ganz anders als die kontaktfreudigen Italiener, in deren Begrüßung immer mitschwingt, wie einzigartig sie das weibliche Wesen finden, mit dem sie es gerade zu tun haben. Insbesondere sie war schon als Kind von den Römern geradezu vergöttert worden, vermutlich wegen ihrer blonden Locken.

Die gehen wahrscheinlich auf die Gene ihres Vaters zurück – ein gebürtiger Deutscher aus Sachsen, der seit zwanzig Jahren mit seiner Familie fern vom sächsischen Kurfürstenhof lebt, erst zehn Jahre in Rom, dann zehn Jahre in Madrid, und jetzt ist er wieder auf Urlaub in Italien. Ana Maria ist seine älteste Tochter, 1751 noch in Dresden geboren, aber ihre Eltern zogen bereits nach Rom, als sie drei Monate war. Weshalb sie sich mehr als Römerin fühlt – trotz der vielen Umzüge. Ihr Vater nahm die Familie 1761 mit nach Madrid an den Hof von Karl III., von wo sie mit Mutter und drei Geschwistern schon zwei Jahre später wieder nach Rom zurückkehrte. Ab 1764 lebte sie dann noch einmal drei Jahre in der spanischen Hauptstadt, weil ihr Vater ein Leben dort ohne seine Familie nicht ertrug. Dieses ständige Hin und Her lag an der Mutter, einer gebürtigen Römerin, die weder die Spanier noch das extreme Klima mit heißen Sommern und kalten Wintern auf der Sierra Meseta um Madrid ausstehen konnte. Die Mutter war dort so krank geworden oder hatte ein Leiden vorgetäuscht, dass ihr Mann ihr gestattete, ohne ihn mit den Kindern vorzeitig nach Rom zurückzukehren.

Ana Maria seufzt. Sie beschließt, zu Goya ehrlich zu sein. In stockendem Spanisch sagt sie:

„Ich habe Sie beim Abzeichnen der antiken Gipsabgüsse aus der Sammlung meines Vaters beobachtet. Ich zeichne dort auch öfters, aber immer nur nach Schließung des Ateliers, weil sich mein Vater strikt an das Verbot hält, Frauen mit männlichen Studenten zusammen arbeiten zu lassen."

Francisco Goya, der sie ernst und aufmerksam beobachtet, registriert sehr wohl den Schatten, der bei den letzten Worten über ihr helles, offenes Gesicht huscht. Der deutsch-italienische Akzent in ihrem Spanisch belustigt ihn. Dass auch das Sächsische mitschwingt, kann er allerdings nicht heraushören, hat er doch noch nie den Dialekt, der im Hause Mengs in Anwesenheit des Vaters gesprochen wird, gehört.

Er nickt zu ihren Worten. Er ist schon öfters zum Zeichnen der Gipsfiguren in Mengs‘ Atelier gekommen, weil der Eintritt kostenlos ist. Museen und private Sammlungen, in denen sich die Originale befinden, sind für ihn schwer beziehungsweise überhaupt nicht zugänglich.

Noch immer sagt er nichts. Die braunen Augen in seinem etwas pausbäckigen Gesicht starren sie weiterhin durchdringend an. Er macht eine ungelenke Bewegung, so als hätte er gern, dass sie weiterspreche, damit er nichts zu sagen braucht. Sein Schweigen macht sie nervös, und sie plappert also weiter:

„Und da mir Ihre Zeichnungen gefallen haben, dachte ich, ich komme mal auf einen Sprung vorbei. Wir wohnen ja nicht weit von hier in der Via Vittoria. Und Ihre Zeichnungen – die würde ich mir sehr gern mal näher anschauen." Diese vorwitzige Schmeichelei ist eine glatte Lüge, denn in dem abends spärlich mit Kerzen beleuchteten Raum mit den Gipsstatuen hat sie von ihrem Beobachterposten hinter einem Pfeiler gar nichts von seinen Zeichnungen sehen können. Was ihre Neugierde weckte und sie anzog, waren sein tief über das Zeichenblatt gebeugter Wuschelkopf, sein selbst im Sitzen gedrungener fester Körper, seine ausladenden Bewegungen, mit denen sein Zeichenstift über das Papier fuhr, worin eine ernste, ja feierliche Konzentration lag.

„Wieso interessieren Sie sich für meine Zeichnungen? Wenn Sie gute Zeichnungen sehen wollen, brauchen Sie doch nur die Mappen Ihres Vaters aufzuschlagen." Francisco Goya findet das junge Mädchen sonderbar. Tochter eines so berühmten Mannes und spricht einen fremden jungen Maler an, unbekannt nicht nur im Vergleich zu ihrem Vater, sondern auch gemessen an seinem Freund, dem arrivierten Taddeo Kuntz, den sie offensichtlich kennt. Ach ja, wer kennt den nicht?

Ana Maria hat der Logik seiner Bemerkung nichts entgegenzusetzen. Und so beschließt sie, aufs Ganze zu gehen, und platzt zur unermesslichen Verblüffung ihres Gegenübers heraus: „Ja, das stimmt, aber ich wollte Sie kennenlernen."

Schon wieder diese peinliche Stille. Dieser Mann ist zum Verzweifeln! Hat es ihm nun endgültig die Sprache verschlagen? Mutig und jede Konvention missachtend fügt sie rasch hinzu:

„Sie müssen jetzt sicher weiterarbeiten, um das Tageslicht auszunutzen. Können wir uns nicht heute am Spätnachmittag treffen, sagen wir um 17 Uhr an der Spanischen Treppe, und gemeinsam zur Kirche Santa Maria dei Monti hoch gehen? Jetzt zieht Goya überrascht die Augenbrauen hoch. Das hat er noch nie erlebt, dass ihm ein junges Mädchen ein Treffen vorschlägt! In Spanien wäre das undenkbar, in diesem freien Rom aber anscheinend nichts Besonderes. Um nicht als Hinterwäldler dazustehen, stimmt er zu: „Ja, gut. Ich besuche die Kirche öfters, weil ich in der Nähe wohne.

Ana Maria kann sich nicht zurückhalten: „Ich weiß, bei Taddeo Kuntz. Ich kenne ihn, er ist ein Protégé meines Vaters. Sie merkt, dass Goya das Wort Protégé nicht versteht. Er kann also kein Französisch. Schnell fügt sie hinzu: „Er wird von meinem Vater gefördert.

Sie sieht, dass sich die Miene des jungen Mannes verfinstert. Was ist denn nun schon wieder los, was passt ihm nicht? Sehr empfindlich ist er ja schon, aber sie versteht seine Reaktion auch, weil sie mit ihrem Gerede offengelegt hat, dass ihr Vater diesen jungen spanischen Maler, dem sie gegenübersteht, nicht kennt, dass dieser umgekehrt aber sehr wohl den in ganz Europa berühmten Mengs zumindest vom Hörensagen kennt, ganz sicher seine Werke, die in Madrid und in Rom entstanden. Ihr Vater hat mit seinem Nimbus eines Künstlerphilosophen auch in Rom einen großen Einfluss, obwohl seit 1761 sein ständiger Wohnsitz Madrid ist. Das zeigte sich spätestens seit seinem Urlaubsantritt im vergangenen Sommer, nachdem er in Genua mit dem Schiff gelandet war und überall auf seiner Reise durch Norditalien gefeiert wurde. Zwar ist er noch nicht in Rom angekommen, denn vorher soll er in geheimer Mission in Bologna und Piacenza den Ankauf von Raffaels Gemälde „Die Sixtinische Madonna" für den spanischen König einfädeln. Aber in ihrem Elternhaus in der Via Vittoria häufen sich bereits die Anfragen, wann man endlich mit ihm rechnen könne.

Jetzt streckt sie ihm auch noch ihre Hand zum Abschiedsgruß hin, was Goya erneut in Verlegenheit bringt. Er ergreift sie ungelenk, sagt „Dann bis später und wendet sich zum Gehen. Auch Ana Maria dreht sich nach kurzem Zögern um. Erst als sie sich ein paar Schritte von ihm entfernt hat, wird sich Goya bewusst, dass es Zeit ist, irgend etwas zum Abschied zu sagen, etwas Aufmunterndes, Positives. So ruft er mit belegter Stimme hinter ihr her: „¡Hasta luego, Señorita Mengs! Ana Maria hört die Worte noch, bevor das Portal hinter ihr ins Schloss fällt, und lächelt triumphierend.

2

Draußen ist es kalt geworden. Die Sonne hat sich hinter dicken Wolken verkrochen, zu erwarten ist ein für Februar in Rom typischer Regenguss, der einen schnell bis auf die Haut durchnässen kann. Schon fegt der Wind durch die Via Condotti. Ana Maria biegt eilig in die Via Bocca di Leone ein, um auf dem kürzesten Weg nach Hause zu kommen.

Das Anwesen der Familie Mengs liegt mitten im Künstlerviertel Roms. Außer Atem bleibt sie einen Moment stehen und ordnet Haare und Kleidung. Ihre Mutter Margherita sieht es nicht gern, wenn ihre Älteste aussieht wie ein Wildfang. Die langgestreckte Fassade des Hauses ist von zwei großen Toren unterbrochen: das rechte führt in das Atelier und den Saal der Gipssammlung, das linke in die Wohnräume der Familie. Von dort hört Ana Maria durch das dicke Holz des Tores Kindergeschrei. Sie kann die Stimmen ihrer beiden kleinen Geschwister – des zehnjährigen Rafaels und der achtjährigen Maria – erkennen, die sich wie immer heftig streiten, und dazwischen die besänftigenden Worte ihrer achtzehnjährigen Schwester Maria Rosalba, die über die kleinen Geschwister wacht und sie in unermüdlicher Langmut zusammen mit noch drei weiteren Geschwistern – Maria Giuseppa, Maria Caterina Geltrude, und Alberigo, die mit ihren 15, 14 und 13 Jahren sehr kurz nacheinander geboren sind – im Zaume hält. Sie sind wohl gerade aus dem Kloster Santa Susanna, wo sie von Montag bis Sonnabend untergebracht sind, nach Hause gekommen und dann immer besonders außer Rand und Band.

Ana Maria verspürt keinerlei Verlangen, sich jetzt mit ihren kleinen Geschwistern abzugeben. Sie hat zu ihnen nie das innige Verhältnis aufgebaut wie Maria Rosalba, die achtjährig mit den drei kleineren Schwestern in der Obhut von Margheritas unverheirateter Schwester Catarina in Rom zurückgelassen wurde. Die Eltern nahmen nur Ana Maria und ihren viel jüngeren Bruder Alberigo nach Madrid mit, vielleicht, weil er bis dahin der einzige überlebende Sohn war. Drei ältere Söhne waren nämlich vorher gestorben. Alberigo mag Ana Maria gern, aber Rafael und Maria, die beiden in Madrid geborenen Kleinsten, findet sie einfach nur lästig.

Einmal ins Haus eingetreten, vermeidet Ana Maria, in den Innenhof zu schauen, aus dem der Lärm kommt, und versucht, ungesehen die Treppe in die erste Etage zu den Wohn- und Schlafräumen hochzugehen. Aber ihre Schwester hat sie bemerkt und ruft ihr nach: „Teresa, Mama erwartet Dich in ihrem Ankleidezimmer. Sei vorsichtig, sie ist schlecht gelaunt!"

Ana Maria ärgert sich. Immer nennt ihre jüngere Schwester sie bei ihrem dritten Vornamen nach der Heiligen Teresa von Ávila, die sie verehrt. Bis zu ihrer Kommunion ging Maria Rosalba wie die spanische Heilige barfuß. Als Mutter und Geschwister im Herbst 1767 nach Rom zurückkehrten, war Maria Rosalba erst 14 Jahre alt und wollte unbedingt in der Karmeliterkirche Santa Maria della Vittoria die berühmte Skulpturengruppe „Verzückung der Heiligen Teresa" von Bernini sehen. Ana Maria hatte keine Ahnung von der Heiligen und interessierte sich nicht für die ihrer Meinung nach schwülstigen Barockskulpturen, aber sie tat ihrer Schwester den Gefallen und begleitete sie. Die in weißem Marmor glänzende Szene, in der ein Engel einen Pfeil als Symbol der Liebe Jesu Christi in die Brust der ekstatisch daliegenden Teresa schießt, findet sie so abscheulich wie ihren eigenen dritten Vornamen. Maria Rosalbas Wahn, in dem verzückten Gesicht der Heiligen Teresa Züge von ihrer größeren Schwester zu erkennen, brachte das Fass bei Ana Maria zum Überlaufen. Um sich zu rächen, zieht sie seitdem ihre Schwester damit auf, dass sie auch als Nonne enden werde.

Ana Maria schlendert lustlos zu den Gemächern ihrer Eltern. Normalerweise ist ihre Mutter von heiterem Wesen und geselliger Laune. Das half ihr, die fast jährlich aufeinander folgenden Schwangerschaften von Beginn ihrer Heirat an mit robuster Zuversicht zu ertragen. Und auch der Tod von sechs Kleinkindern kurz hintereinander, darunter der des erstgeborenen Dominikus, hatte ihren Lebensmut nicht brechen können. Aber neuerdings ist sie nervös und gereizt. Ist es die im Juni anstehende Geburt ihres 15. Kindes, die ihr zusetzt, oder etwa, und das vermutet Ana Maria eher, die kurz bevorstehende Ankunft ihres Mannes in Rom?

Ana Maria betritt das Ankleidezimmer ihrer Mutter, die vor dem Spiegel sitzt und gerade dabei ist, eine dickflüssige Mischung aus Eigelb, frischem Ziegenkäse, Gurken und Zitronensaft auf ihrem Gesicht zu verreiben. In vier Monaten ist der Geburtstermin, aber man sieht das der stattlichen Gestalt kaum an. Mit ihren 41 Jahren ist Margherita Mengs immer noch eine Schönheit. Wie sie oft betont, pflegt sie diese mit Hingabe. Hausarbeit und Kindererziehung gehören nicht unbedingt zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Sie betrachtet ihre Hauptaufgabe darin, sich für die gesellschaftlichen Kontakte zu römischen, internationalen und päpstlichen Kreisen einzusetzen, auch im Interesse ihres berühmten Mannes.

Die Mutter wendet leicht den Kopf zu ihrer Ältesten und lächelt unter ihrer Maske. „Anucia, Liebes, wo treibst Du Dich herum?" Dass das eine scherzhaft gestellte Frage ist, erkennt Ana Maria daran, dass ihre Mutter sie bei ihrem Kosenamen anredet, was auch der Vater manchmal tut.

Ana Maria ist erleichtert, anders als von Maria Rosalba angekündigt, keine Spur von schlechter Laune bei ihrer Mutter zu erkennen. Doch in der Frage schwingt ein ernster Unterton mit. Als Lieblingstochter kann sie sich mehr herausnehmen als ihre Geschwister, vor allem bringt die Mutter großes Verständnis für ihr Selbstbewusstsein und ihren Drang nach Selbständigkeit auf. Und Ana Maria hat bedingungsloses Vertrauen zu ihrer innig geliebten Mutter. Als ältestes Kind erlebt sie das Auf und Ab in der Ehe ihrer Eltern hautnah mit, und eigentlich ergreift sie in ihrem Innern immer die Partei ihrer Mutter. 1761 Umzug mit zwei Kindern von Rom nach Madrid, da war ihre Mutter – zum 12. Mal – schwanger mit Rafael, dann sechs Jahre Aufenthalt in dem von der Mutter gehassten Madrid. Dort brachte sie zwei weitere Kinder zur Welt, wovon eines nach der Geburt starb. Nicht nur das Klima war Margherita Guazzi-Mengs zuwider, auch der immense Einfluss der Jesuiten bis in den hintersten Winkel jedes Denkens und Fühlens stieß sie ab. Sie sagte immer: „Diese Jesuitendiktatur erstickt alles Leben!" Weshalb sie mit den inzwischen vier Kindern im Herbst 1767 vorzeitig und ohne ihren Mann nach Rom zurückkehrte. Ana Maria weiß, dass ihr Vater ihrer Mutter das sehr übelnahm, obwohl er es ihr gestattete. Wie oft klagte die Mutter ihrer Ältesten ihr Leid – diese ständigen Hin- und Herreisen mit den Kindern, ihr Bemühen, das Zerwürfnis mit ihrem Mann nach ihrer Rückkehr nach Madrid Anfang 1769 aus der Welt zu schaffen – all das zehrte an ihrer beider Nerven. Dann wurde der Vater in Madrid krank und erbat einen mehrjährigen Urlaub. Dass der gewährt wurde, rechnete Margherita dem spanischen König hoch an. So konnten sie und die Kinder bereits Ende 1769 nach Rom vorausfahren. Zur endgültigen Versöhnung reiste dann Margherita ihrem Mann im Sommer letzten Jahres nach seiner Landung in Genua entgegen, begleitete ihn auf seinen Reiseetappen durch Norditalien, kehrte aber wegen der erneuten Schwangerschaft vor ihm nach Rom zurück.

Ana Maria ruft sich in die Gegenwart zurück und entscheidet sich für die halbe Wahrheit: „Mama, ich habe mir die Kirche della Santissima Trinità degli Spagnoli angeschaut, darin wird gerade etwas restauriert."

„Ja. Davon habe ich gehört. Das Thema interessiert die Mutter nicht, so dass sie sofort auf ihr eigentliches Anliegen zu sprechen kommt: „Papa hat seine Rückkehr für morgen angekündigt. Zu seinem Empfang müssen wir alle zu Hause sein. Auch Onkel Anton und Tante Teresa werden da sein. Und Tante Catarina sowieso.

Wenn Onkel Anton Maron und seine Frau Teresa Concordia, die um drei Jahre ältere Schwester ihres Vaters und Ana Marias Lieblingstante, zur Heimkehr des Hausherrn dabei sind, ist Ana Maria mehr als beruhigt. Da kann keine Missstimmung aufkommen. Denn ihr Vater hat ein zutiefst vertrauensvolles Verhältnis zu seinem ehemaligen Lieblingsschüler und Ateliergenossen Anton Maron, der vor fünf Jahren seine Schwester heiratete. Das Paar lebt mit in dem großen Haus, und Teresa Concordia Maron führt souverän zusammen mit Margheritas Schwester Catarina den großen Haushalt mit Atelier. Außerdem erteilt Tante Teresa ihrer Nichte theoretischen und praktischen Unterricht im Zeichnen und Malen. Teresa Maron hat sich in Rom einen so bekannten Namen als Miniaturmalerin gemacht, dass sie in die römische Accademia di San Luca aufgenommen wurde, eine seit knapp 200 Jahren existierende Vereinigung von etablierten Künstlern, die öffentlich zugängliche Ausstellungen organisiert und Studenten Unterricht ermöglicht. Vielleicht hat dabei geholfen, dass ihr Bruder dort so angesehen ist, dass er vor kurzem zum Direktor ernannt wurde.

Ob der Hausherr wirklich am nächsten Tag zurückkehrt, ist noch nicht sicher, denn schon oftmals hat er Termine verschoben, verschieben müssen. Ist er aber einmal im Hause, bedeutet das, dass Ana Maria nicht mehr so viel Freizeit hat. Sie muss also unbedingt heute Nachmittag ihr Vorhaben ausführen.

„Mama, ich möchte heute Abend in die Sechs-Uhr-Messe in die Kirche Santa Trinità dei Monti gehen, wo der Chor der Schwestern von Sacre Coeur singt." Das ist ihr gerade noch rechtzeitig eingefallen. Ihre Mutter, die Kirchenmusik liebt und den Chor gut kennt, wird ihr diesen Wunsch nicht abschlagen. Mit den Gedanken bereits woanders, sagt die Mutter:

„Ja, geh nur. Maria Rosalba soll Dich begleiten. Aber kommt dann gleich zurück, bevor es Nacht wird."

Ana Maria drückt ihrer Mutter einen dicken Kuss auf die mit Gurkenmus beschmierte Stirn. Dunkel wird es in dieser Jahreszeit bereits ab 16 Uhr. Und Maria Rosalba wird sie irgendwie auf dem Hinweg zur Kirche loswerden.

Glücklich und aufgeregt eilt Ana Maria in ihr Zimmer, das sie mit Maria Rosalba teilt. Auf dem Toilettentisch steht eine Waschschüssel, noch gefüllt mit lauwarmem Wasser vom Morgen. Sie setzt sich, wäscht Gesicht und Hände und löst die Haarspangen. Ihre blonden Locken fallen auf die Schultern und machen ihr Gesicht weicher. Sie schaut aufmerksam und selbstkritisch in den Spiegel. Die weit auseinanderliegenden Augen unter buschigen Augenbrauen ähneln sehr den Partien ihrer Mutter. Aber ihr Gesicht ist noch jugendlich rundlich, die Gesichtszüge nicht so dekorativ flächig wie die ihrer Mutter, sie sind sozusagen weniger aristokratisch. Ana Maria gluckst in sich hinein bei dem Vergleich, denn ihre Mutter ist gar nicht aristokratischer Abstammung. Aber durch den Verkehr mit höchsten Kreisen Roms hat sie die stolze Haltung und elegante Ausstattung von den römischen Schönheiten abgeschaut und sich einverleibt.

Ana Maria beginnt, sich systematisch zu verschönern: sie betont mit weißer Kreide die Partie über den Augenlidern, legt ein bisschen rote Farbe auf die Wangenknochen, um ihr Gesicht markanter zu machen, und färbt ihre langen Wimpern mit schwarzer Kohle. Sie ordnet ihre Haare neu mit den Kämmen und ist zufrieden mit ihrem Konterfei. Mit einem leichten Mantel über den Schultern steigt sie die Treppe hinab in den Innenhof, wo immer noch ihre Geschwister herumtoben. Ein paar Minuten beobachtet sie deren Fangspiel, dann wendet sie sich an Maria Rosalba:

„Mama hat gesagt, dass wir beide zur Messe von Santa Trinità del Monte gehen sollen wegen des Chores der Schwestern von Sacre Coeur. Hast Du Lust dazu?"

Schweigen. Ana Maria verdreht die Wahrheit ein wenig, weil sie weiß, dass sich Maria Rosalba nicht für Musik, geschweige denn für den Chor der Ordensschwestern der Kirche interessiert, sich aber niemals den Wünschen ihrer Mutter entgegenstellen würde.

„Mama insistiert, dass wir zusammen gehen. Von mir aus kannst Du ja etwas anderes machen, ich aber möchte den Chor hören."

Die sanfte Maria Rosalba antwortet: „Gern begleite ich Dich in die Kirche, auch wenn ich diesen modernen Frauen-Chor verabscheue. Vielleicht stopfe ich mir die Ohren zu." Beide lachen.

Nachdem Maria Rosalba die jungen Geschwister einem der Dienstmädchen übergeben hat, gesellt sie sich zu Ana Maria, und sie ziehen los.

Mittlerweile ist es fast 177 Uhr geworden. Ana Maria ist sich sicher, dass Francisco Goya schon auf der Piazza di Spagna auf sie wartet. Also muss sie auf dem Weg zur Kirche ihre Schwester loswerden.

„Rosalba, bist Du sicher, dass wir das Tor verschlossen haben, so dass die Kleinen nicht auf die Straße laufen können? Wie vorausgesehen, bleibt ihre Schwester abrupt stehen. „Meinst Du? – „Ich weiß nicht. Schnurstracks wendet sich Maria Rosalba um und ruft Ana Maria zu: „Ich schau noch einmal nach, wir treffen uns vor der Kirche!

Schon von weitem erkennt Ana Maria Goya an seiner untersetzten Gestalt und den wirren Haaren. Er kauert auf dem Eisenring der Balustrade, die den Brunnen in der Mitte des Platzes umgibt. Im Dämmerlicht sieht es aus, als sitze er in dem bootsförmigen Auffangbecken aus Travertin, das Berninis Vater Anfang des 17. Jahrhundert in Andenken an eine heil überstandene Hochwasserkatastrophe entwarf. Eine Anekdote erzählt, dass der Platz damals so überschwemmt war, dass ein Fischerkahn vom Tiber bis dorthin getrieben worden war. Ana Maria hat das immer für eine Mär gehalten, aber wie auch immer, der leicht zur Seite geneigte Kahn auf dem Brunnenwasser ist realitätsnah geformt und lustig anzusehen.

Goya sitzt so, dass er den Eingang des schräg gegenüberliegenden Cafés El Greco beobachten kann, beliebter Treffpunkt von Künstlern aus dem Viertel, von Gesandten der am Platz liegenden Spanischen Botschaft beim Vatikan und von Intellektuellen aller Richtungen. Auch ihr Vater geht häufig am Abend dorthin, um Freunde zu treffen, um seine Kontakte zu pflegen und Malaufträge zu erhalten. Ana Maria kann sich nicht vorstellen, dass Francisco Goya schon einmal gewagt hat, das Café zu betreten. Außerdem ist dort der Kaffee teuer. Als junges Mädchen ist sie ein paarmal in Begleitung ihrer Mutter dort gewesen, an die köstliche heiße Schokolade erinnert sie sich gut, aber sie fand es immer langweilig, mit den alten Leuten zu sprechen, die ihr sowieso immer dasselbe Kompliment über ihre blonden Locken machten. Öde!

Beim Näherkommen stellt sie fest, dass Goya völlig von seinen Beobachtungen absorbiert ist, so als würde er mit den Augen zeichnen, ohne nach links oder rechts Ausschau nach ihr zu halten. Das stört sie ein wenig, aber sie tröstet sich gleich damit, dass er nicht genau wissen kann, aus welcher Richtung sie kommt.

Sie eilt auf ihn zu, er erhebt sich hastig und gibt ihr die Hand. Sie nutzt die Gelegenheit, ihm das ‚Du‘ anzubieten, denn ihr ist klar, dass das von ihr als Frau und vor allem als Tochter des berühmten Anton Raphael Mengs ausgehen muss. „Das Du ist normaler für uns junge Leute hier in Rom," fügt sie wegen ihrer Kühnheit schnell hinzu.

Goya lächelt linkisch und nickt ein ‚Einverstanden‘. Ana Maria wendet sich eilig der Treppe zu, damit sie zusammen hinaufgehen können, bevor Maria Rosalba zurück ist. Er folgt ihr und bewundert dabei den anmutig vorgebeugten Rücken, die sanfte Linie ihrer Schultern und den schwungvollen Gang. Beim Raffen ihres Taftrockes entstehen im Abendlicht metallisch schimmernde Knickfalten, die er am liebsten gleich auf einem Blatt seines Zeichenheftes fixiert hätte, das er immer bei sich trägt. Aber natürlich wagt er das nicht, sondern beeilt sich, sie einzuholen.

Vor der Kirche angekommen, schnappen die beiden nach Luft. Ana Maria schaut die Treppe hinunter. Maria Rosalba ist noch nicht zu sehen. Wegen der Berühmtheit des Chors der Ordensschwestern von Sacre Coeur hat sich vor dem Eingang zur Kirche eine Menschentraube gebildet. Ana Maria zieht Francisco beiseite, um sich so lange wie möglich unentdeckt mit ihm unterhalten zu können. Ziemlich banal, aber unverfänglich fragt sie ihn, wie es ihm in Rom gefalle. Seine Antwort ist anfangs förmlich – „Sehr interessant und anregend" –, aber dann, als sie sich zudringlicher nach seinen Zielen und Projekten erkundigt, und das mit der ihr eigenen aufmerksamen Anteilnahme, bricht es aus ihm heraus:

„Wenn nur dieser Wettbewerb überstanden wäre!"

Ana Maria ist verwirrt. Worum geht es? Sie will nicht als ignorant dastehen und sagt deshalb diplomatisch: „O ja, ich verstehe, das ist immer eine Herausforderung."

Francisco ereifert sich: „Wenn dem so wäre, wäre ich zuversichtlich. Aber ich weiß, dass der Wettbewerb von Parma wie alle öffentlich ausgeschriebenen Concours korrumpiert ist und nur der eine Chance als Sieger hat, der Verbindungen hat."

„Woher weißt du das?"

„Ich habe vor Jahren zweimal an einem Wettbewerb in Madrid teilgenommen und zweimal ohne Erfolg. Beim zweiten Mal siegte der jüngere Bruder von Francisco Bayeu. Und das war total ungerecht, schließlich bin ich besser als er! Aber kein Wunder, bei den Beziehungen! Du weißt ja

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