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Das Wechselspiel von Köln: Marcus Terentius ermittelt

Das Wechselspiel von Köln: Marcus Terentius ermittelt

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Das Wechselspiel von Köln: Marcus Terentius ermittelt

Länge:
308 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 28, 2020
ISBN:
9783958132283
Format:
Buch

Beschreibung

Marcus erhält den Auftrag, den Tod des Bankiers Probus Marcellus aufzuklären, der unter rätselhaften Umständen in Agrippina (Köln) gestorben ist. Da sein Bruder Lucius Schulden bei dem Verstorbenen hat, beugt er sich dem Auftrag. Julia Marcella, die Witwe des Bankiers ist wenig kooperativ. Ihre Schwester Pina hingegen scheint Marcus gewogen zu sein, obwohl ihr Quinctilius Rufinus den Hof macht. Marcus verabredet sich mit ihr. Auf dem Rückweg wird er überfallen. An Bord des Schiffes nach Agrippina, lernen Marcus und Lucius den unsympathischen Fabius Nepos kennen. Die Brüder werden im Haus des Decurio Flavius Petronius einquartiert, unter dessen Dach der Bankier gestorben ist. Als Marcus hört, dass es dort vor kurzem einen weiteren Todesfall gegeben hat, setzen sich die Brüder ab. In Mogontiacum (Mainz) erfährt Marcus, dass Kunden des Geldverleihers ausgeraubt wurden. Den Geburtstag seines Bruders als Vorwand nutzend, lädt Marcus zwei dieser Verbrechensopfer auf sein Landgut ein. Aber die Feier endet abrupt, als ein Bote die Nachricht vom Brand in Julia Marcellas Wechselstube bringt. Es hieß außerdem, dass man in den Trümmern Fabius Nepos' Leiche gefunden hätte. Marcus fährt in die Stadt, um die Ruine zu untersuchen. Er findet eine Silbermünze, die am Rand durchbohrt ist. Überraschend beauftragt nun Julia Marcella Marcus, Fabius Nepos' Tod aufzuklären. Sie möchte nicht für dessen verantwortlich gemacht werden. Erst von dem Bestattungsunternehmer erhält Marcus einen interessanten Hinweis.

Nach "Der Tod des Jucundus" schickt Franziska Franke Marcus Terentius zum zweiten Mal auf Verbrecherjagd durch das römische Germanien, wieder assistiert von seinem Bruder Lucius.
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 28, 2020
ISBN:
9783958132283
Format:
Buch

Über den Autor


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Das Wechselspiel von Köln - Franziska Franke

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Der Bankier

Es war ein trüber Frühlingstag, aber in Germanien war es selten heller. Die saftigen Blätter der Buchen sprossen und die Bank neben dem Eingang meines Landhauses bedeckte eine Schicht von Blütenstaub. Vor wenigen Minuten hatte ich meinen morgendlichen Inspektionsgang beendet und nun schaute ich aus dem Fenster. Widerwillig gestand ich mir ein, dass ich mich langweilte. Ehe ich Besitzer des Landguts geworden war, hatte ich jeden Tag meines Lebens gearbeitet. Ich war es nicht gewohnt, den ganzen Tag lang untätig herumzusitzen. Obwohl ich bereits seit mehreren Monaten meine Villa bewohnte, fühlte ich mich bisweilen noch immer wie ein Besucher. Mein Leibsklave Cicero hingegen hatte sich längst eingelebt. Er bewegte sich so sicher im Anwesen, als ob es ihm gehörte.

Plötzlich frischte ein kühler Wind auf, der dunkle Wolken vor sich hertrieb. Innerlich verwünschte ich das raue Klima Germaniens, als ich eine gedämpfte Stimme vernahm, die meine Aufmerksamkeit erregte. Sie kam vom Eingang und war so leise, dass ich nicht einmal zu sagen vermochte, ob sie männlich oder weiblich war. Neugierig erhob ich mich von meinem Stuhl und schlenderte zur Haustür.

Mit einer schnellen Bewegung riss ich die Tür des Vorzimmers auf und mein Türsteher zuckte zusammen. Er war ein sommersprossiger Rotschopf, dem sein Vorbesitzer den seltsamen Namen Pluto verpasst hatte. Mit verlegener Miene verdrückte sich der Sklave in eine Ecke, seinen Gesprächspartner suchte ich vergebens. Ich war schon im Begriff mich zu entschuldigen, beherrschte mich aber im letzten Moment. Schließlich war ich der Gutsbesitzer.

Der rothaarige Türsteher wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und blickte mich mit Unschuldsmiene an. Ganz offensichtlich hatte er ein schlechtes Gewissen.

»Mit wem hast du eben gesprochen?«, fragte ich und ließ meinen Blick durch den unmöblierten Raum schweifen. Unmöglich, hier jemanden zu verbergen!

Pluto zögerte, vermutlich um sich eine Lüge auszudenken.

»Wahrscheinlich habe ich gedankenverloren vor mich hingemurmelt«, behauptete er dann und verlagerte sein Gewicht von einem Bein auf das andere.

Obwohl ich ihm kein Wort glaubte, ließ ich die Sache mit einem für solche Marotten bist du eigentlich viel zu jung auf sich beruhen.

Als ich mich wieder zurückziehen wollte, drang aus der Ferne Hufgetrappel durch die Haustür. Wider besseres Wissen hoffte ich, es könnte mein Bruder Lucius sein, der als Schreiber bei der Armee beschäftigt war. Aber es pochte mit einer Vehemenz an die massive Holztür, wie sie mein Bruder in seinem gesamten Leben noch nicht aufgebracht hatte.

Der Pförtner waltete seines Amtes und riss den Türflügel auf. Draußen stand ein stämmiger Legionär mit rundem Schädel und brutalem Gesicht, der um die dreißig sein mochte. Er war genau der Typ, dem ich nachts nicht in einer einsamen Seitenstraße begegnen wollte. Panisch durchforstete ich mein Gedächtnis, konnte mich aber nicht erinnern, gegen irgendein Gesetz verstoßen zu haben.

»Bist du der Hausherr?«, fragte der Soldat, ohne sich vorzustellen oder mir einen guten Tag zu wünschen.

»Ja, der bin ich. Was führt dich zu mir?«

»Der Legat wünscht dich so schnell wie möglich zu sprechen.«

Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. Was hatte mein Bruder bloß schon wieder ausgefressen?

»In welcher Angelegenheit?«, erkundigte ich mich. Schließlich war ich kein Rekrut, den man nach Belieben herumkommandieren konnte.

»Das weiß ich leider auch nicht.« Endlich begann die Überheblichkeit des Legionärs etwas zu bröckeln. »Der Legat hat mir aufgetragen dich zu bitten, schnellstmöglich ins Legionslager zu kommen. Mehr weiß ich nicht.«

Bei der Armee hatte man seltsame Vorstellungen von einer Bitte.

»Er hat Glück. Zufällig habe ich heute nichts vor, was ich nicht genauso gut aufschieben könnte«, erklärte ich, denn ich wollte nicht riskieren, dass der Soldat seinem Wunsch Nachdruck verlieh.

Bevor ich aufbrach, rief ich Cicero herbei, um meinen Auftritt im Lager eindrucksvoller zu gestalten.

***

Der Legat – ein drahtiger Mann unbestimmbaren Alters mit Hakennase und arroganter Miene – empfing mich in einem kleinen Raum, dessen rotbraune Wände mit einem unterhalb der Decke umlaufenden Mäander verziert waren. Die spärliche Möblierung bestand aus drei metallenen Klappstühlen und einem runden Metalltisch, auf dem zwei Weinbecher aus feiner roter Keramik mit Rankenschmuck standen.

Kaum war ich eingetreten, bedeute mir der Lagerkommandant, Platz zu nehmen.

Nachdem der Soldat den Raum verlassen hatte, trat ein hübscher junger Sklave mit einer Weinkanne an den Tisch heran und füllte die Becher mit verdünntem Rotwein. Mein rasender Puls verlangsamte sich etwas. Gewöhnlich bewirtete man die Angeklagten nicht, bevor man sie ins Verließ werfen ließ.

»Ich habe dich rufen lassen, weil du letztes Jahr dieses …« Der Legat suchte mit angespannter Haltung nach den richtigen Worten. Durch die Wand drangen die festen Tritte im Gleichschritt marschierender Legionäre und die in den Wind gebrüllten Befehle eines Offiziers. »... dieses hinterhältige Komplott aufgedeckt hast.«

Mein Magen zog sich zusammen. Was hatte der Lagerkommandant vor? Wollte er den Fall noch einmal aufrollen? Darauf legte ich keinerlei Wert, weil mein Bruder Lucius in den Mord an Jucundus verwickelt gewesen war. Während ich bang auf den nächsten Satz wartete, griff der Legat nach seinem Becher und genehmigte sich einen Schluck.

»Leider hat sich schon wieder ein unerfreulicher Zwischenfall ereignet …« Hatte Lucius etwas damit zu tun? »Probus Marcellus aus Mogontiacum ist in Colonia Claudia Ara Agrippinensium unter merkwürdigen Umständen gestorben.« Der Name Probus Marcellus kam mir vage bekannt vor, aber ich konnte ihn nicht einordnen. »Man munkelt, er sei ermordet worden.«

Der Legat schaute mich scharf an und legte eine Kunstpause ein, doch ich war wenig beeindruckt. Sollte man ruhig tuscheln, mir war es gleich! Als frischgebackener Gutsbesitzer verspürte ich keine Lust zu verreisen und schon gar nicht an einen Ort, dessen Namen so lang war, dass man ihn abkürzen musste. Außerdem traute ich meinem Verwalter nicht über den Weg. Das Landgut hätte in den vergangenen Jahren mehr Gewinn abwerfen müssen. Bestimmt hatte der Verwalter es ausgenutzt, dass sich der damalige Gutsherr nicht für Landwirtschaft interessierte und in die eigene Tasche gewirtschaftet. Leider konnte ich ihn aber nicht einfach durch einen meiner eigenen Sklaven ersetzten, denn sie waren alle eingefleischte Städter. Wahrscheinlich konnten sie noch nicht einmal einen Apfelbaum von einem Birnbaum unterscheiden, geschweige denn den richtigen Zeitpunkt für den Schnitt und das Pfropfen der jungen Obstbäume bestimmen.

»Wenn er keine Wunde aufweist, kann er nur vergiftet worden sein. Aber davon verstehe ich leider nichts«, stellte ich nach einer Schrecksekunde fest. »Man sollte vielleicht besser einen Arzt heranziehen.«

»Auch der fähigste Mediziner könnte kein Gift im Leichnam des Probus Marcellus feststellen, denn man hat ihn kurz nach seinem Tod verbrannt und nur die Asche nach Mogontiacum überführt. Nicht einmal die Witwe hatte man vorher benachrichtigt. Dieses pietätlose Verhalten hat unseren Argwohn geweckt.«

Das stank allerdings zum Himmel.

»Vielleicht war es sein letzter Wunsch, sofort verbrannt zu werden?«, erwiderte ich, da mir nichts Besseres einfiel.

»Das halte ich für unwahrscheinlich, zumal sein Gastgeber, der Decurio Junius Petronius, behauptet, Probus Marcellus sei ganz plötzlich an einem Fieber verstorben.« Der Freund des Verstorbenen war also Mitglied der kommunalen Stadtverwaltung seiner Heimatstadt. Zu den Aufgaben der Decurionen gehörten die Gewährleistung der Sicherheit in der Stadt, die Eintreibung von Steuern und die Organisation von religiösen Festen und Spielen. Wie alle öffentlichen Posten war es ein Ehrenamt, weshalb es nur wohlhabenden Bürgern offen stand.

»Leider liegt CCAA außerhalb meines Zuständigkeitsbereichs. Also dachte ich, du als Zivilist könntest dich vielleicht diskret der Sache annehmen, selbstverständlich gegen ein angemessenes Honorar.«

Das Wort Honorar hatte einen guten Klang in meinen Ohren, denn ich brauchte Geld, um endlich Rom zu besuchen. Ein Wunsch, den ich schon seit meiner Kindheit hegte.

Etwas zuversichtlicher nippte ich an meinem Wein, den ich bisher nicht angerührt hatte. Er schmeckte ganz passabel, zumindest für einen Rotwein aus Germanien. Falls man ihn jedoch aus Italien importiert haben sollte, so war er keine Ruhmestat.

»War der Tote ein Händler?«, erkundigte ich mich dann.

Wenn er Armeeangehöriger gewesen wäre, so hätte der Legionskommandant mir das bestimmt mitgeteilt. Auch fragte ich mich noch immer, woher ich ihn kannte.

»Er war Geldwechsler.«

Ein unbeliebter Berufsstand, zumal es schwarze Schafe unter den Geldwechslern gab, die zweierlei Waagen für den An- und Verkauf gebrauchten oder Geldstücke beschnitten.

»War er beruflich in Colonia Ara …?«

Mein Versuch, die Stadt am Niederrhein bei ihrem vollen Namen zu nennen, scheiterte kläglich.

»Colonia Claudia Ara Agrippinensium«, ergänzte der Kommandant herablassend. »Das wissen wir nicht, aber vielleicht kann sein Gastgeber dir Auskunft geben.«

Etwas in seiner Stimme verriet, dass ich nicht ablehnen sollte, wenn ich nicht seinen Unmut auf mich ziehen wollte. Ich versuchte, mir meine Besorgnis nicht anmerken zu lassen, und nickte bedächtig.

»Was ist mit der Familie des Toten?«, fragte ich dann in einem sachlichen Tonfall. »Wer erbt nun sein Vermögen?«

»Seine Frau. Ihre jüngere Schwester gehört ebenfalls zum Haushalt. Ich habe der Witwe übrigens bereits deinen Besuch angekündigt.«

Ohne meine Einwilligung abzuwarten? hätte ich jeden anderen gefragt. Ungerührt beschrieb der hagere Legat den Weg zum Haus des Verstorbenen. Als er geendet hatte, fixierte er mich mit einem durchdringenden Blick.

»Wegen des hohen Ranges des Mannes, in dessen Haus Probus Marcellus starb, müssen die Untersuchungen mit äußerster Diskretion durchgeführt werden. Junius Petronius darf auf keinen Fall etwas davon mitbekommen.« Der Legat räusperte sich. »Probus Marcellus hat nicht nur Geld gewechselt sondern auch Darlehen gewährt, und einige meiner Offiziere haben seine Dienste in Anspruch genommen.«

Deshalb interessierte sich der Legat also für den Fall! Vor meinem inneren Auge sah ich verschwenderische Gelage und Spelunken, in denen billiger Fusel getrunken und der Sold verspielt wurde.

»Ich verstehe«, entgegnete ich trocken. »Hatte der Decurio Schulden bei dem Geldwechsler«, fragte ich dann vorsichtig nach, denn nach menschlichem Ermessen konnte ihn nur sein Freund vergiftet haben.

Der Lagerkommandant sah mich perplex an. Dann hob er die Augenbrauen.

»Selbstverständlich nicht! Schließlich ist Junius Petronius ein städtischer Beamter.«

Dadurch schied er nicht aus dem Kreis der Verdächtigten aus, falls eine Person einen Kreis bilden konnte. Wenn man als Politiker Karriere machen wollte, musste man auf großem Fuß leben, auch wenn man es sich eigentlich nicht leisten konnte.

»Wir haben auch einen Schuldschein gefunden, den dein Bruder unterzeichnet hat. Zwar beläuft er sich auf keine sehr hohe Summe, aber ….«

Der Rest des Satzes rauschte an mir vorbei. Hatte ich es doch geahnt, dass Lucius wieder einmal in so eine Sache verwickelt war! Langsam wünschte ich, man würde ihn in eine entlegene Provinz abkommandieren.

»Ich nehme an, man kann in der Schreibstube ein paar Tage auf meinen Bruder Lucius verzichten.« Ich versuchte den Satz nicht wie eine Frage, sondern wie eine Feststellung klingen zu lassen. »Ich könnte nämlich einen Assistenten gebrauchen.« Wenigstens sollte er die Strapazen der Reise teilen und mir etwas Gesellschaft leisten. Schließlich hatte er mir das Ganze eingebrockt.

»Meinetwegen«, entgegnete der Legat mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Die Armee kommt mühelos ein paar Tage ohne deinen Bruder aus.«

Mein Gesprächspartner begann ungeduldig zu werden.

»Ich könnte einen Vorschuss gebrauchen!«, erklärte ich, bevor er mich herauskomplimentieren konnte. Schließlich war die Armee für ihre schlechte Zahlungsmoral bekannt und ich wollte meinem Geld nicht nachlaufen.

»Das erledigt der Zahlmeister.«

Der Kommandant nannte eine Summe, die meine kühnsten Erwartungen übertraf, und ich verabschiedete mich, ehe er es sich anders überlegte.

Während der Zahlmeister die Münzen gemächlich in einen einfachen Lederbeutel zählte, überlegte ich, wie ich vor dem Gespräch mit seiner Witwe mehr über den Verstorbenen erfahren konnte, und beschloss, mir von Tiberius, dem redseligen Barbier, die Haare schneiden zu lassen.

Bevor ich das Stabsgebäude verließ, machte ich noch schnell einen Abstecher in die Schreibstube meines Bruders. Als ich die Tür leise aufzog, war er mit konzentrierter Miene über eine Notiztafel mit Zahlenkolonnen gebeugt, die bestimmt nichts mit der Armee zu tun hatten.

»Addierst du deine Schuldscheine zusammen?«, fragte ich und Lucius fuhr zusammen.

»Musst du mich so erschrecken? Klopf das nächste Mal gefälligst an!« Er fuhr sich mit der Hand über das kurzgeschorene Haar. »Schön, dich zu sehen, Marcus!«, fügte er dann etwas versöhnlicher hinzu. »Belieferst du die Armee?«

»Das musst du meinen Verwalter fragen. Mit solchen Kleinigkeiten gebe ich mich nicht ab«, knurrte ich zurück, was eine Lüge war. »Der Legat hat mich herzitiert, um mit mir über deine Schulden zu sprechen.«

»Ich habe keine Schulden!«

Lucius blickte mich so treuherzig an, dass er einen Steuereintreiber erweicht hätte. Aber ich kannte ihn besser!

»Probus Marcellus, dein Geldverleiher, ist gestorben.«

Lucius zuckte gleichgültig mit den Schultern.

»Ich weiß, aber was kümmert es mich? Er war mir nie besonders sympathisch.«

Zumindest stritt Lucius nicht ab, ihn zu kennen.

»Der Lagerkommandant hat mich damit beauftragt, die genauen Umstände seines Todes zu untersuchen. Er hat mir diese undankbare Aufgabe aufbürden können, weil er einen deiner Schuldscheine besitzt.«

»Ach, der! Den hatte ich ganz vergessen.« Die Stimme meines Bruders klang plötzlich besorgt. »Er ist nur über eine ganz niedrige Summe ausgestellt. Ich kann sie bestimmt nächsten Monat zurückzahlen.«

»Und was ist das?«

Ich deutete anklagend auf die Zahlen, die er in die Wachsschicht der Schreibtafel eingeritzt hatte.

»Ein System zum Bestimmen der Wahrscheinlichkeit, nach der ein bestimmter Gladiator gewinnt.«

Kein Wunder, dass mein Bruder Schulden hatte.

»Du änderst dich wohl nie«, kommentierte ich resigniert.

Lucius musterte mich von Kopf bis Fuß. Nachdem er seine

Prüfung beendet hatte, verzog sich sein Gesicht zu einem Grinsen.

»Gib doch zu, dass du dich langweilst! Im Grunde deines Herzens fährst du gern nach CCAA, denn du hältst es ohne Arbeit nicht aus.« Lucius wurde wieder ernst. »Wenn du wüsstest, wie ich dich beneide! Ich bin in die Armee eingetreten, weil ich die Welt sehen wollte, und jetzt versaure ich in diesem Büro.«

»Wo man dir offenbar genug Zeit lässt, um deine Wetten zu organisieren«, ergänzte ich. »Aber damit ist für die nächsten Tage Schluss, denn du wirst mich auf meiner Reise begleiten.«

Das strahlende Gesicht meines Bruders zeigte, dass mein Versuch, ihn für seinen Leichtsinn zu bestrafen, gründlich misslungen war.

Lucius wollte etwas erwidern, aber ein junger Soldat trat in diesem Moment ein.

»Vom Lagerkommandanten.«

Der Soldat überreichte Lucius eine Order und schloss lautstark die Bürotür, die ich einen Spaltbreit hatte offen stehen lassen.

Lucius las und blickte dann zu mir hoch.

»Wir können übermorgen auf einem Patrouillenschiff als Passagiere mitfahren. Der Legat hat dem Decurio Junius Petronius bereits eine Nachricht geschickt, in der er unsere Ankunft ankündigt und ihn bittet, uns zu beherbergen.«

Einen Augenblick lang meinte ich, mich verhört zu haben.

»Und das sagst du so ruhig? Wir sollen im Haus eines Mörders wohnen?«

Lucius lachte.

»Aber er ist doch ein Freund des Legaten.«

»Auch Mörder haben Freunde, Mütter, Tanten und Nachbarn!«

»Der Lagerkommandant würde uns wohl kaum bei Junius Petronius übernachten lassen, wenn er ihn für einen Mörder halten würde! Und vergiss nicht, wir sind schließlich zu zweit!«

Das war genau das, was mich beunruhigte!

»Du hast wohl noch nie etwas von vergifteter Rehpastete gehört oder von kerngesunden Menschen, die im Schlaf einen Herzschlag erleiden?«

»Ich hörte eher von Legionären, die von den Barbaren erschlagen werden.« Lucius warf mir einen belustigten Blick zu. »Wo würdest du denn lieber schlafen. In einer übel beleumundeten Taverne oder unter einer Brücke?«

»Im Legionslager, dort sind wir sicher.«

»Ich bin froh, endlich aus dem Lager herauszukommen. Falls er ein Mörder ist, was ich bezweifle, kann Junius Petronius keinen weiteren Todesfall in seinem Haus gebrauchen!«

Der Vorsteher der Schreibstuben – ein vertrocknetes, dünnes Männlein mit langem Hals und sich lichtendem Haar – trat ein und ich verabschiedete mich von Lucius. Erstens wollte ich ihm keine Schwierigkeiten bereiten und zweitens ließ der Blick des Offiziers keinen Zweifel daran, dass er niemanden in den Amtsräumen anzutreffen wünschte, den er nicht herumkommandieren durfte.

Kapitel 2: Die Bankierswitwe

Reglos wie eine Statue stand Cicero neben dem Eingang der Principia. Bei seinem Anblick realisierte ich erschrocken, dass ich meinen Leibsklaven vor Aufregung völlig vergessen hatte.

»Ich fahre für ein paar Tage nach CACA. Während dieser Zeit musst du im Haus nach dem Rechten sehen«, informierte ich ihn und bedeutete ihm, mir zu folgen.

»Nach Colonia Claudia Ara Agrippinensium?«, fragte er mich korrigierend zurück und ich nickte.

Manchmal erinnerte mich Cicero an die Sklaven in den Komödien, die intelligenter als ihre Herren waren. Deshalb hatte ich ihn auf den Namen des großen Rhetorikers getauft. »Ich lasse mir vorher noch schnell von Tiberius die Haare schneiden. Falls dort die Dienstboten der anderen Kunden herumlungern sollten, versuch doch bitte, sie in ein Gespräch über den verstorbenen Bankier Probus Marcellus und seine Witwe zu verwickeln.«

Cicero fragte sich nun sicherlich, ob ich einen Kredit benötigte, der reichen Witwe den Hof machen wollte oder ob beides zutraf. Aber ich tat dem neugierigen Burschen nicht den Gefallen, meinen Auftrag zu erklären.

Nachdem wir das Haupttor des Lagers durchschritten hatten, kam uns ein Bauer entgegen, der einen mit zwei Körben beladenen Esel vor sich hertrieb. Offenbar war sein Ziel das Legionslager und ich ärgerte mich, dass mein Landgut der Armee zwar Getreide und Gemüse lieferte, aber man meinen Wein verschmähte. Dabei war er mein ganzer Stolz. Immerhin war ich früher Weinhändler gewesen und verstand etwas von der Materie. Wahrscheinlich war er den knauserigen Militärbeamten schlicht zu teuer.

Verstimmt wie ich war, gelang es mir nicht einmal, die wärmenden Strahlen der Sonne zu genießen, die sich durch die Wolkendecke gekämpft hatten. Auch für die grandiose Aussicht auf Mogontiacum und den Rhein, der als breites, silbrig glänzendes Band die Siedlung begrenzte, war ich unempfänglich. Auf dem anderen Ufer zogen dichte Wälder die Hänge hoch, hinter denen die Barbaren wohnten.

Als wir den Hauptplatz der Zivilsiedlung erreichten, blieb ich verblüfft stehen: Zwei der Händler verjagten schimpfend einen Straßenköter, der versucht hatte, eine der im Eingang eines Metzgergeschäftes hängenden geräucherten Würste zu ergattern, nebenan gackerten mindestens zehn Hühner in geflochtenen Transportkörben und gegenüber pries ein Bäcker seine Ware an. Aber diese Geräusche wurden noch übertönt vom ohrenbetäubenden Hämmern eines Kupferschmieds, der wegen des schönen Wetters sein Gewerbe im Freien ausübte. In der ländlichen Abgeschiedenheit war mir schon fast entfallen, wie viel Trubel an einem ganz gewöhnlichen Tag auf dem Forum herrschte.

»Sei gegrüßt, Marcus! Dich habe ich ja seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen!«, begrüßte mich der Barbier, als ich dessen Laden unter den Kolonnaden des Forums betrat. Seit unserer letzten Begegnung war Tiberius noch fetter geworden. »Kein Wunder, dass dein Haar so ungepflegt ist! Du brauchst dringend einen neuen Haarschnitt!«

Das war eine unverfrorene Lüge, denn ich besaß einen als Barbier ausgebildeten Sklaven, der sich meiner Frisur annahm. Leider würde Cicero seinen Auftrag nicht ausführen können, da ich der einzige Kunde war. Enttäuscht ließ ich mich auf den Barbierstuhl fallen. Der Lärm des Forums drang durch die offene Tür. Topfgeklapper und Gelächter mischten sich mit dem Jauchzen spielender Kinder, aber glücklicherweise hatte der Kupferschmied eine Pause eingelegt.

»Nur Haare schneiden, bitte!«, instruierte ich Tiberius, denn bei meiner letzten Rasur hatte er mich in die Wange geschnitten.

»Wie geht es eigentlich deinem Bruder?«

Die massige Gestalt des Barbiers schob sich mit der Grazie eines tänzelnden Nilpferds durch den engen Raum. Dabei bedachte er Cicero, dessen Haar kurzgeschoren war, mit einem finsteren Seitenblick.

»Schlechten Leuten geht es immer gut«, brummte ich, noch immer über den Schuldschein erbost, mit dem der Legat mich erpresst hatte. »Er hat sich mit Cornelia, einer Freigelassenen seines ehemaligen Patrons, verlobt.«

»Wenn das mal gut geht«, meinte der Barbier, während er seine Schere zückte. Dann begann er, meine ohnehin schon recht kurzen Haare noch kürzer zu stutzen. »Schließlich war Cornelia früher die Braut des Jucundus und zu allem Überfluss ist Lucius bei der Armee. Kann er denn überhaupt eine Frau ernähren?«

»Wem sagst du das!«, seufzte ich und unterbrach damit Tiberius, der noch immer über die Verbindung zwischen meinem Bruder und Cornelia sinnierte. »Hast du schon gehört, dass der Bankier Probus Marcellus gestorben ist?«

»Nein! Das ist ja schrecklich!«

Fast hätte der Barbier mich vor Überraschung ins Ohr geschnitten.

»Damit musste man rechnen. Er war schließlich nicht mehr der Jüngste«, erklärte ich aufs Geratewohl.

Der Barbier starrte mich entgeistert an, fuchtelte aber weiterhin mit der Schere vor meiner Nase herum.

»Ich glaube, du verwechselst ihn mit jemand anderem«, meinte Tiberius dann in besserwisserischem Tonfall. »Probus Marcellus war höchstens Mitte dreißig.«

Ich hatte auf ein höheres Lebensalter gehofft. Nun konnte ich unmöglich dem Lagerkommandanten gegenüber behaupten, der Bankier sei an Altersschwäche gestorben!

»War es ein Unfall?«, fragte Tiberius mit unverhohlener Sensationsgier.

»Nein, es war ein heftiges Fieber. Selbst der Arzt wusste nicht, wie die Krankheit hieß.«

Der Barbier trat einen Schritt zurück und begutachtete meine Frisur mit kritischer Miene.

»Ich habe den Eindruck, du ziehst das Unglück geradezu an. Jedes Mal, wenn ich mit dir rede, gab es einen Todesfall in

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