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Mörder-Paket August 2020: Sammelband 10 Krimis für den Strand: Alfred Bekker präsentiert

Mörder-Paket August 2020: Sammelband 10 Krimis für den Strand: Alfred Bekker präsentiert

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Mörder-Paket August 2020: Sammelband 10 Krimis für den Strand: Alfred Bekker präsentiert

Länge:
1,561 Seiten
18 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 16, 2020
ISBN:
9781393003557
Format:
Buch

Beschreibung

Mörder-Paket August 2020: Sammelband 10 Krimis für den Strand

Krimis von Alfred Bekker, Horst Bosetzky, Thomas West, Wolf G. Rahn, Wolfgang G. Fienhold, Earl Warren, A.F. Morland

 

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

 

A.F.Morland: Flammen des Hasses

Thomas West: Verblendete Killer

Wolf G. Rahn: Bount Reiniger und das tödliche Testament

Alfred Bekker: Killer Street

Wolf G. Rahn: Bount Reiniger und der Raubmörder

Earl Warren: Wohin mit all den toten Mädchen?

Wolfgang G. Fienhold: Kaputt in Frankfurt

Horst Bosetzky (-ky): Aus der Traum

Alfred Bekker: Erwürgt!

Alfred Bekker: Mördertränen

 

 

Ermittler Barry Dvorkin ist vom Schicksal arg gebeutelt worden. Seine Frau liegt nach einem Verkehrsunfall im Koma, sein Sohn ist Autist. Da wird er vom Syndikat unter Druck gesetzt. Er soll dafür sorgen, dass ein paar konkurrierende Gangs ausgeschaltet werden, sonst würde seiner Familie etwas passieren. Barry Dvorkin glaubt zunächst, keine Wahl zu haben, als zu tun, was man von ihm verlangt...

Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 16, 2020
ISBN:
9781393003557
Format:
Buch

Über den Autor

Über Alfred Bekker: Wenn ein Junge den Namen „Der die Elben versteht“ (Alfred) erhält und in einem Jahr des Drachen (1964) an einem Sonntag geboren wird, ist sein Schicksal vorherbestimmt: Er muss Fantasy-Autor werden!  Dass er später ein bislang über 30 Bücher umfassendes Fantasy-Universum um  “Das Reich der Elben” schuf, erscheint da nur logisch. Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten und wurde Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen.   Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', ‘Ragnar der Wikinger’,  'Da Vincis Fälle - die mysteriösen Abenteuer des jungen Leonardo’', 'Elbenkinder', 'Die wilden Orks', ‘Zwergenkinder’, ‘Elvany’, ‘Fußball-Internat’, ‘Mein Freund Tutenchamun’, ‘Drachenkinder’ und andere mehr  entwickelte. Seine Fantasy-Zyklen um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' ,die 'Gorian'-Trilogie, und die Halblinge-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt.  Alfred Bekker benutzte auch die Pseudonyme Neal Chadwick,  Henry Rohmer, Adrian Leschek, Brian Carisi, Leslie Garber, Robert Gruber, Chris Heller und Jack Raymond. Als Janet Farell verfasste er die meisten Romane der romantischen Gruselserie Jessica Bannister. Historische Romane schrieb er unter den Namen Jonas Herlin und Conny Walden.  Einige Gruselromane für Teenager verfasste er als John Devlin. Seine Romane erschienen u.a. bei Lyx, Blanvalet, BVK, Goldmann,, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt., darunter Englisch, Niederländisch, Dänisch, Türkisch, Indonesisch, Polnisch, Vietnamesisch, Finnisch, Bulgarisch und Polnisch.


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Buchvorschau

Mörder-Paket August 2020 - Alfred Bekker

Publisher

Mörder-Paket August 2020: Sammelband 10 Krimis für den Strand

Krimis von Alfred Bekker, Horst Bosetzky, Thomas West, Wolf G. Rahn, Wolfgang G. Fienhold, Earl Warren, A.F. Morland

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

A.F.Morland: Flammen des Hasses

Thomas West: Verblendete Killer

Wolf G. Rahn: Bount Reiniger und das tödliche Testament

Alfred Bekker: Killer Street

Wolf G. Rahn: Bount Reiniger und der Raubmörder

Earl Warren: Wohin mit all den toten Mädchen?

Wolfgang G. Fienhold: Kaputt in Frankfurt

Horst Bosetzky (-ky): Aus der Traum

Alfred Bekker: Erwürgt!

Alfred Bekker: Mördertränen

––––––––

Ermittler Barry Dvorkin ist vom Schicksal arg gebeutelt worden. Seine Frau liegt nach einem Verkehrsunfall im Koma, sein Sohn ist Autist. Da wird er vom Syndikat unter Druck gesetzt. Er soll dafür sorgen, dass ein paar konkurrierende Gangs ausgeschaltet werden, sonst würde seiner Familie etwas passieren. Barry Dvorkin glaubt zunächst, keine Wahl zu haben, als zu tun, was man von ihm verlangt...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Flammen des Hasses

von A.F.Morland

Die blonde Frau stürzte in heller Panik aus ihrem Haus. Sie war fast nackt, trug lediglich knappe Dessous, und sie hatte wirklich einen atemberaubenden Körper. Einen Körper, den sie auch hervorragend zu vermarkten verstand.

Aber nun stolperte sie mit nackten Füßen über die Holzveranda und kreischte wie von Sinnen: »Hilfe! Feuer! Mein Haus brennt!«

Sie hustete, würgte, spuckte. In den Nachbarhäusern ging das Licht an. Es warfast Mitternacht, und die »anständigen« Leute hatten alle schon geschlafen.

»Hilfe!« schrie Lizzy Vaughn aus vollen Lungen. »Helft mir! Feuer! Es brennt!«

Endlich ließen sich die ersten Nachbarn blicken. Sie trugen Pyjamas und Schlafröcke, und ihre Füße steckten in Pantoffeln.

Aus Lizzys Haus quoll häßlicher dunkelgrauer Rauch. Flammen waren noch keine zu sehen. Sie wüteten vorläufig noch im Hintergrund, würden aber rasend schnell um sich greifen und mit beängstigender Gier das ganze Gebäude fressen, wenn man ihnen nicht schnellstens zu Leibe rückte.

Den Häusern in unmittelbarer Umgebung drohte ebenfalls Gefahr. Durch Funkenflug konnten auch sie in Brand geraten, deshalb wurden augenblicklich hektische Löscharbeiten eingeleitet. Den Nachbarn ging es hierbei jedoch ausschließlich darum, ihr eigenes Hab und Gut zu schützen. Denn hätten sie sicher sein können, daß nur Lizzys Haus abbrennen würde, nur ganz wenige hätten einen Finger gerührt, um das Feuer zu löschen, denn die blonde Sexbombe war in dieser Gegend wegen der vielen betuchten Herren, die sie Nacht für Nacht in ihrem Haus'empf ing, nicht besonders beliebt.

Lizzy Vaughn war den meisten Nachbarn - und hier in erster Linie den Ehefrauen - ein Dorn im Auge.

Man wäre den verführerischen Vamp mit dem liederlichen Lebenswandel gerne losgeworden, doch bis zum heutigen Tag hatte es nicht danach ausgesehen, daß Lizzy irgendwann mal von hier fortgehen würde...

Immer mehr Menschen kamen nun aus ihren Häusern - Männer, Frauen und auch Kinder.

Irgend jemand hängte der leicht bekleideten Lizzy Vaughn eine Decke um die Schultern.

Nicht, damit sie nicht fror, sondern um ihre jugendgefährdenden üppigen Formen zu verhüllen.

In Lizzys Haus baute sich ein mächtiger Druck auf. Er stemmte sich gegen die Fensterscheiben und ließ das Glas klirrend zerplatzen.

Der Sauerstoff, der daraufhin ins Haus gelangte, war eine willkommene Nahrung für die tobenden Flammen und ließ sie rasend schnell wachsen.

Züngelnden Ungeheuern gleich sausten sie von einem Raum in den anderen, teilten und vermehrten sich, schossen die Wände hoch und bissen mit glühenden Zähnen in Vorhänge, Teppiche und Polstermöbel.

»O Gott! O mein Gott!« Lizzy war in Tränen aufgelöst. »Mein Haus! Mein schönes Haus!«

Man bildete eine Eimerkette und schüttete Wasser in die Fenster, aus denen lange Feuerzungen leckten, und man setzte auch Feuerlöscher ein. Gartenschläuche wurden ausgerollt, und dünne Wasserfontänen klatschten gegen die schon rauchgeschwärzte Fassade.

Zuwenig. Alles, was getan wurde, war zuwenig.

Mit diesen untauglichen Mitteln ließ sich der wütende Brand nicht löschen.

Aber die Feuerwehr war längst verständigt, und man versuchte bis zu ihrem Eintreffen das Feuer wenigstens einigermaßen unter Kontrolle zu halten.

Lizzy Vaughn war total verstört. Sie weinte, schluchzte und schrie hysterisch.

Jemand trat vor sie hin. »Beruhigen Sie sich, Miss.«

»Mein Haus...! Mein Haus...!«

»Die Feuerwehr ist schon unterwegs! Der erste Löschwagen wird in Kürze eintreff en!«

»Alles verbrennt...!«

»Seien Sie froh, daß Sie in Sicherheit sind!«

»Hey!« rief plötzlich ein anderer Mann. »Die Schlampe war heute nacht doch bestimmt nicht allein!«

Und der Mann, der vor Lizzy stand, fragte eindringlich: »War jemand bei Ihnen, Miss? Ist noch jemand in Ihrem Haus? Ist da noch jemand drin?«

Lizzy sagte nichts.

Der Mann griff nach ihren Schultern und schüttelte sie heftig. »Ist da noch jemand drin?«

Sie weinte, konnte nicht antworten.

Er ohrfeigte sie. »Antworten Sie!« brüllte er sie an. »Hatten Sie jemanden bei sich?«

»Jim O’Brien« kam es dünn über Lizzys bebende Lippen. »Aus... aus Dallas.«

Der Mann, der Lizzy vorhin Schlampe genannt hatte, schrie: »Da ist noch ein Mann im Haus! Wir müssen ihn rausholen!«

»Für den kann keiner mehr was tun«, sagte ein anderer. »Der ist verloren. Den hat das Rauchgas schon längst umgebracht.«

»Verdammt noch mal, wir müssen wenigstens versuchen, ihn zu retten! Wir müssen es wenigstens versuchen!«

Er stürmte los, riß irgend jemandem eine Axt aus den Händen und zertrümmerte mit wuchtigen Schlägen eine Tür. Mit einem kraftvollen Tritt stieß er sie auf - und mit einem Mal war ihm, als hätte er ein Höllenmaul geöffnet, denn aus der Tiefe eines rot glühenden Rachens fauchte ihm ein feuriger Atem entgegen.

Die Hitze war mörderisch. Sie fraß sich in seine Kleider und setzte sie augenblicklich in Brand.

Er warf sich kreischend auf den Boden, wälzte sich hin und her und schlug wild um sich. Weißer Schaum fauchte ihm aus einem Feuerlöscher entgegen und erstickte die lodernden Flammen.

Endlich traf die Feuerwehr ein. Zu spät, um Lizzys Haus noch zu retten. Die Löschmannschaften konnten lediglich verhindern, daß das Feuer auf weitere Gebäude Übergriff...

***

Mr. McKee legte uns Fotos von Jim O ’Brien vor.

Vorher...

Nachher...

Verdammt!

Meine Kopfhaut zog sich schmerzhaft zusammen. Vor dem Brand war O’Brien ein kugelrunder Mann mit rosigen Schweinchenwangen gewesen. Kahler Kopf, abstehende Ohren, buschige Augenbrauen.

Nach dem Brand war er nicht mehr zu erkennen. Das Feuer hatte Gesicht und Körper entsetzlich verwüstet. Der reiche Bankier aus Dallas, Texas, war erstickt und verkohlt. Man hatte ihn nur noch anhand seines Gebisses identifizieren können.

Ich trank einen Schluck Kaffee. Helen, Mr. McKees tüchtige Sekretärin, hatte ihn für uns gekocht. Für gewöhnlich versetzte er mich jedesmal in allerhöchstes Verzücken, doch heute schmeckte er mir nicht. Kein Wunder, wenn man solche Bilder vor sich liegen hat.

»O’Brien war kein unbeschriebenes Blatt«, informierte uns Mr. McKee. »Seine Weste war nicht ganz sauber. Er hatte Verbindungen zur Unterwelt in Dallas. Mit seiner Hilfe lief so manches krumme Geschäft, das den Bossen eine Menge Geld einbrachte, doch in letzter Zeit wollte er nicht mehr so recht nach ihrer Pfeife tanzen.«

»Da haben sie ihn gnadenlos abserviert«, sagte mein Partner und Freund Milo Tucker.

Mr. McKee nickte. »Zunächst wollte man ihn sich mit Drohungen gefügig machen.«

»Weil man die Gans nicht schlachtet, die goldene Eier legt«, sagte ich.

Erneut ein nicken von Mr. McKee. »Als sich die Gans aber beharrlich weigerte, weiterhin solche goldenen Eier zu legen, beschloß man, sich von ihr zu trennen. Und damit O’Brien mit seinem gefährlichen Wissen keinen Schaden anrichten konnte, beförderte man ihn sicherheitshalber ins Jenseits.«

»Weil man sich nur auf das Schweigen eines Toten hundertprozentig verlassen kann«, meinte Milo.

»So sieht es aus, Milo.«

»Weshalb kam O’Brien nach New York?« wollte ich wissen.

»Er traf sich mit einigen Wall-Street-Leuten. Und seinen letzten Abend verbrachte er mit Lizzy Vaughn.« Mr. McKee schob ein Foto von der heißen Braut über seinen Schreibtisch. »Morgen wollte er nach Dallas zurückkehren. Der Flug war bereits gebucht.«

»War diese Lizzy Vaughn eine Freundin von ihm?« fragte Milo.

Mr. McKee lächelte schmal. »Für Geld ist die Lady jedermanns Freundin.«

»Eine Prostituierte also?« fragte Milo.

»So würde sie sich nicht bezeichnen«, erwiderte John D. McKee. Wir saßen ihm in seinem spartanisch eingerichteten Büro gegenüber.

»Wie würde sie sich denn bezeichnen?«

Mr. McKee zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, Milo. Sie kennt eine Menge Gentlemen aus der sogenannten besseren Gesellschaft. Man lädt sie ein. Man macht sie mit Geschäftsfreunden bekannt, die einem am Herzen liegen und einem sündigen Abenteuer nicht abgeneigt sind. Was weiter passiert - darauf nimmt man keinen Einfluß. Zwei erwachsene Menschen finden einander sympathisch. Sie verlassen die Party, um noch irgendwo etwas zu trinken...«

»Zum Beispiel im Haus der schönen Blondine«, warf ich ein.

Mr. McKee nickte erneut. »Zum Beispiel. Und wenn die beiden miteinander schlafen - wer sollte was dagegen haben?«

»Niemand«, sagte ich. »Solange dabei nicht der eine oder andere Geldschein den Besitzer wechselt.«

»Das läßt sich nicht beweisen.«

»Wovon lebt Lizzy Vaughn?«

»Sie bezieht eine kleine Rente. Sie war mal verheiratet. Ihr Mann starb bei einem Arbeitsunfall.«

»Und da die Rente nicht sehr dick ist, nimmt sie von guten Freunden hin und wieder kleine Geschenke an, nehme ich an«, sagte Milo. »Sehe ich das richtig?«

»Absolut«, bestätigte Mr. McKee.

»Lassen Sie mich die Angelegenheit auf eine vielleicht etwas drastische und schmucklose Weise zusammenfassen, Sir«, bat Milo. »Jim O’Brien kündigt in Dallas gewissen ehrenwerten Leuten seine Freundschaft auf. Er sagt ihnen, sie sollen sich zum Teufel scheren. Da beschließen sie, ihn zu eben diesem zu schicken. Er fliegt geschäftlich nach New York, vergnügt sich am Abend vor seiner Heimkehr mit einer Edelnutte und kommt bei einem Brand ums Leben, der mit Sicherheit nicht zufällig ausgebrochen ist.«

»Sie haben mal wieder den Nagel auf dem Kopf getroffen, Milo. Verschiedene Brandexperten stellten unabhängig voneinander fest, daß O ’Brien in eine raffinierte Feuerfalle getappt ist. Deshalb verbrannte Lizzy Vaughn auch nicht mit ihm. Sie befand sich im Bad, machte sich für ihren Besucher zurecht, als das Feuer im Schlafzimmer geradezu explosionsartig ausbrach.«

Ich trank wieder einen Schluck Kaffee. Er schmeckte mir noch immer nicht. »Der Täter muß demzufolge in der Nähe gewesen sein«, kombinierte ich dann. »Er hat beobachtet, was im Haus vorging, und als O’Brien allein war, zündete er den ausgelegten Brandsatz per Funk.«

»Die Brandexperten sind sich noch in einem anderen Punkt einig«, sagte Mr. McKee. »Sie fanden in Lizzy Vaughns Haus dieselbe Handschrift vor wie bei neun anderen Bränden, die in den vergangenen zwei Jahren in unserer Stadt gelegt wurden.«

»Ist ja hochinteressant«, sagte Milo.

»Legen Sie diesem Kerl das Handwerk. Sehen Sie zu, daß er kein weiteres Gebäude mehr in irgend jemandes Auftrag abfackelt. Bringen Sie ihn zur Strecke, ehe noch mehr Menschen in seinem Feuer ihr Leben verlieren.«

Milo und ich nickten, standen auf, verließen Mr. McKees Büro und machten uns umgehend an die Arbeit.

Zuerst ackerten wir die Akten durch, die sich angesammelt hatten. Es gab Phantombilder vom mutmaßlichen Täter, doch keines glich dem anderen, wenn man davon absah, daß auf allen eine große Hornbrille und ein dicker Schnauzbart zu sehen waren. Doch in einem waren sich sämtliche Augenzeugen einig: daß der Mann groß, kräftig und breitschultrig gewesen war.

***

Der große, kräftige und breitschultrige Mann kippte in einer Topless-Bar am Broadway zwei Bourbon on the rocks. Die Girls, die hier ihre üppigen blanken Oberweiten zur Schau stellten, sahen alle aus wie Klone von Pamela Anderson, und die meisten von ihnen träumten davon, eines Tages von einem einflußreichen Filmproduzenten entdeckt zu werden und Karriere zu machen.

Doch der Mann, der die Bourbons getrunken hatte, wußte, daß sie alle keinen rasanten Aufstieg, sondern einen mehr oder weniger schleichenden Abstieg vor sich hatten. Sie würden selbst kaum merken, wie das Leben hier sie nach und nach zeichnen und schließlich erbarmungslos kaputtmachen würde. Wenn sie aufwachten aus ihrem Traum, würden sie verblüht sein, und alles war zu spät, um daran noch etwas zu ändern.

Der Frust würde sie zur Flasche greifen lassen. Oder zu Pillen. Oder zur Spritze. Und vielleicht würden sie es schaffen, sich auf diese Weise noch eine Weile selbst etwas vorzugaukeln, aber irgendwann würde die Ernüchterung kommen - und sie würden der Wahrheit ins Gesicht sehen müssen. Einer unbarmherzigen Wahrheit.

Und dann würden sich einige von ihnen vor einen Zug werfen, aus dem Fenster springen, sich die Pulsadern aufschneiden oder sich den goldenen Schuß setzen.

Der Mann kannte viele solcher Schicksale. Aber wenn er einem dieser Mädchen gesagt hätte, daß es eines Tages so enden würde, es hätte ihn ausgelacht und ihm kein Wort geglaubt...

Eine Hand glitt warm und sanft auf seinen Schenkel.

»Spendierst du mir einen Drink, Süßer?« säuselte ein sexy Girl mit wippenden blanken Brüsten.

»Nein«, antwortete er knapp und unmißverständlich.

»Ach, komm, sei nicht so geizig«, drängte sie ihn. Es war ihre Aufgabe, den Umsatz ;zu steigern. Wenn sie das nicht schaffte, verdiente sie entweder weniger oder flog raus.

»Laß mich in Ruhe«, knurrte der Mann unfreundlich.

»Der Mensch ist nicht fürs Alleinsein geschaffen.«

Er starrte ihr plötzlich so hart und kalt in die Augen, daß sie erschrak. »Verschwinde, bevor ich dir das Nasenbein breche, du Schlampe!«

Sie nahm die Hand von seinem Schenkel und zog sich ängstlich zurück. »Okay, okay, ich bin ja schon weg«, beschwichtigte sie ihn rückwärtsgehend. »Brutaler Kerl«, murmelte sie ärgerlich.

Der Mann verließ den Tresen, betrat die Telefonzelle im Hintergrund des Lokals und rief eine Nummer in Dallas an.

»Ja?« Eine schnarrende Stimme am anderen Ende des Drahtes.

»Zeitung gelesen? Ferngesehen?« fragte der Mann in der Telefonzelle.

»Die Sache mit O’Brien?«

»Richtig.«

»Böse Geschichte.«

»Sehr böse, aber einige Leute werden sich freuen.«

»Stimmt«, bestätigte der Mann in Dallas. »O’Brien hatte nicht nur Freunde.«

»Und diese anderen sollten jetzt mal das Vereinbarte rüberwachsen lassen.«

»Soviel ich weiß, wurde das bereits veranlaßt.«

»Dann bin ich zufrieden.«

Damit war das Gespräch zu Ende. Der Mann hängte ein und schnupfte zur Feier des Tages eine Prise Kokain, bevor er die Telefonzelle verließ...

***

Von Lizzy Vaughns Haus waren nur das Fundament und der Schornstein übriggeblieben. Der Rest des Gebäudes hatte sich entweder in Schutt, Asche oder Holzkohle verwandelt. Die Einrichtung existierte nicht mehr. Im Zentrum dieser schwarzen Trümmerwelt standen nur noch das, was einmal eine Geschirrspülmaschine, ein Kühlturm und ein E-Herd gewesen waren.

Wir sprachen mit den Nachbarn, und die sprachen alle ausnahmslos schlecht über Lizzy, behaupteten, es wäre eine Zumutung gewesen, ›so eine‹ als Nachbarin ertragen zu müssen. Damit war es ja nun - so hoffte man - vorbei, denn Lizzy würde wohl kaum über die nötigen Mittel verfügen, um auf dem übriggebliebenen Fundament ein neues Haus errichten zu lassen.

Wir erfuhren auch, wer alles bei ihr aus und ein gegangen war. Es waren einige sehr prominente Namen dabei. Man behauptete auch, sie hätte die Kinder verdorben, indem sie sich in ihrem Garten völlig ungeniert und splitternackt in die Sonne gelegt habe. Die Kinder hätten natürlich stundenlang über den Zaun geguckt, und obwohl Lizzy Vaughn dies bekannt gewesen sei, hätte sie es nicht der Mühe wert gefunden, ihre schamlos zur Schau gestellten Blößen wenigstens teilweise zu bedecken.

»Ich wette, es haben nicht nur Kinder über den Zaun geschaut«, sagte Milo, während wir zurück in unseren Dienstwagen stiegen.

»Du meinst, es hatten auch einige männliche Erwachsene voyeuristische Anwandlungen?«

»Was sie selbstverständlich niemals zugeben würden. Schließlich ist es nicht gerade gentleman-like, einer schönen Frau geifernd und sabbernd beim Sonnenbaden zuzusehen.«

»Geifernd und sabbernd.« Ich schüttelte mit vorwurfsvollem Blick den Kopf. »Wie du über diese ehrsamen Bürger redest. Du solltest dich schämen, Partner. Aber mal im Ernst: Ich schätze, daß -wie so häufig - von den Vorwürfen nur die Hälfte war ist.«

»Glaubst du?«

»Sicher.«

»Weißt du was, Partner?«

»Laß hören, Alter.«

»So eine Nachbarin, wie Lizzy es gewesen sein soll, wünsche ich mir auch.« Er grinste mich frech an.

Wieder schüttelte ich den Kopf. »Milo Tucker - manchmal bist du wirklich durch und durch versaut!«

Ich fuhr los. Mein Ziel war College Point, denn da wohnte Kate Fox, Lizzy Vaughns Schwester. Eine Nachbarin hatte uns gesagt, daß Lizzy fürs erste bei Kate untergekommen war.

Wir erreichten die Flushing Bay. Drüben war der La Guardia Airport. Riker’s Island, mitten im East River, lag im Dunst eines sonnenlosen Tages.

Mindestens zehnmal hatte der Mann, den wir suchten, seine außergewöhnlichen pyrotechnischen Fähigkeiten schon gegen Bezahlung eingesetzt. Eine Fabrik, ein Tanzpalast, ein Versicherungsgebäude, ein Bürohaus, ein Kino, ein Penthouse, ein Supermarkt, ein Schlachthof, ein Restaurant - und jetzt Lizzy Vaughns Haus.

Vier Menschen waren in seinen Flammen umgekommen, doch das schien sein Gewissen nicht im mindesten zu belasten. Wenn wir ihn nicht bald exwischten, würde er bald wieder irgendwo zündeln.

Das war uns klar, denn wir kannten solche Typen. Mr. McKee hatte sich schon was dabei gedacht, als er diesen Fall an Milo und mich übergeben hatte, denn wir hatten schon häufiger mit solchen professionellen Brandstiftern zu tun gehabt und sie auch hinter Gittern gebracht.

Der letzte war Anatol Dworkin gewesen, ein Irrer, der sogar versucht hatte, das World Trade Center niederzufackeln und die Stadt New York zu erpressen. Er hatte sich selbst »Der Feuerteufel« genannt, doch Dworkin lebte nicht mehr, er war seinem eigenen Irrsinn zum Opfer gefallen, als er versucht hatte, Milo und mich zu erledigen. [1]

Wir hatten es also mit einem Mann zu tun, den wir noch nicht kannten...

So dachte ich jedenfalls, doch da irrte ich mich gewaltig...

Ein Flugzeug startete vom Airport, als wir aus dem Wagen stiegen. Die Maschine bohrte sich brüllend in den bleigrauen Himmel.

»Jesse!« zischte plötzlich mein Partner.

Ich drehte mich um. Einige verwegen aussehende Gestalten kamen uns entgegen. Sie trugen schäbige Klamotten und Piratenkopftücher. Und sie rochen nach Ärger.

Ich trat neben meinen Kollegen. Die fünf Typen kamen lauernd und mit wippenden Schritten auf uns zu. Wir waren gut gekleidet. Da mußte was zu holen sein - glaubten sie.

Ihr Anführer ließ seinen Baseballschläger eindrucksvoll wirbeln. »Tagchen, Freunde. Könnt ihr uns sagen, wie spät es ist?«

Ich streifte meinen Ärmel hoch und sagte ihm die Uhrzeit.

»Hübscher Chronometer«, meinte er. »Muß ‘ne Menge gekostet haben.«

»Ist ‘ne Imitation aus Thailand«, entgegnete Milo trocken.

Der Bursche mit dem Baseballschläger sah ihn an. »Trägst du auch so ein heißes Zeiteisen am Handgelenk? Laß mal sehen!«

»Meine Uhr ist ein Geburtstagsgeschenk von ‘nem Möbelhaus«, behauptete Milo, obwohl es nicht der Wahrheit entsprach. »Vielleicht ist sie zehn Dollar wert. Bestimmt nicht mehr.«

Der Anführer faßte sich an die Nase. »Meine Kumpel und ich sind im Moment ein bißchen knapp bei Kasse. Es ist mir peinlich, das zu fragen, aber ich tu’s trotzdem: Habt ihr nich’n Fuffi für uns?«

»Leider nein«, gab Milo ausgesucht freundlich zurück. »War das alles, was ihr wissen wolltet? Würdet ihr uns nun vorbei lassen? Wir sind ein wenig in Eile.«

Der Anführer zeigte mit dem Schläger auf meinen Freund. Es funkelte gefährlich in seinen kleinen schwarzen Frettchenaugen. '

»Hör zu, du Wichser, ihr geht erst weiter, wenn wir es euch erlauben, und wir erlauben es euch erst, wenn ihr den Wegzoll bezahlt habt: fünfzig Bucks!«

Da damit zu rechnen war, daß der Kerl mit dem Baseballschläger gleich zuschlagen würde, und da Angriff erfahrungsgemäß die beste Verteidigung ist, trat Milo gleich in Aktion. Schnell und überraschend.

Er kickte dem Burschen die Keule kurzerhand aus den Fingern!

Der Typ brüllte zornig auf, sein Schläger flog durch die Luft, ich fing ihn auf, und als sein Besitzer ihn sich wutschnaubend wiederholen wollte, bekam er ihn zu spüren.

Ich rammte ihm das Schlaggerät wuchtig in den Bauch, und er sackte den Freunden, die unmittelbar hinter ihm standen, keuchend in die Arme.

Sie waren so verdutzt, daß sie völlig vergaßen, irgend etwas gegen uns zu unternehmen. Wir gingen weiter. Milo rempelte einen von ihnen mit der Schulter zur Seite, und der Typ ließ es sich gefallen.

Den Baseballschläger nahm ich mit. In der 114. Straße warf ich ihn in einen Müllcontainer, und dann betrat ich mit Milo das Haus, in dem Kate Fox wohnte.

Ein ausgemergelter Bursche torkelte uns entgegen. Entweder war er krank, oder er hatte Drogenprobleme. Seine glasigen Augen ließen mich letzteres vermuten.

Er musterte uns von Kopf bis Fuß. »Seid ihr Zeugen Jehovas? Dann könnt ihr mir bestimmt sagen, wann die Welt untergeht.«

»In exakt einer Million Jahren, sechs Monaten, drei Wochen und neun Tagen«, gab Milo zur Antwort. »Du hast also noch reichlich Zeit, deinen Nachlaß zu regeln, mein Freund. In welchem Stock wohnt Kate Fox?«

»Wer?«

»Kate Fox.«

»Im vierten.«

»Danke«, sagte Milo.

»Es gibt einen Aufzug.«

»Wunderbar.«

»Aber er ist außer Betrieb.«

»Tja - man kann nicht alles haben«, gab Milo zurück, und wir machten uns an den Aufstieg.

Im ersten Stock quälte jemand seine Elektrogitarre. Im zweiten Stock trugen ein Mann und eine Frau lauthals ihre Meinungsverschiedenheit aus. Wüste Beschimpfungen. Geschirr wurde zerschlagen.

Fortpflanzungsgeräusche im dritten Stock.

Milo sah mich an und grinste.

Wir erreichten den vierten Stock. Ich trat an eine zerkratzte braune Tür, an der der Name Kate Fox stand, und klopfte an.

Eine zierliche Brünette öffnete, und ich machte wohl große Augen, denn sie war wirklich eine umwerfende Schönheit. Ihr Blick pendelte neugierig zwischen Milo und mir hin und her.

»Sind Sie Kate Fox?« fragte ich.

»Ja.« Sie nickte.

»Ich bin Special Agent Jesse Trevellian vom FBI.« Ich wies mich aus, zeigte meine Dienstmarke und deutete auf meinen Partner. »Das ist mein Kollege Milo Tucker. Man hat uns gesagt, Lizzy Vaughn würde bei Ihnen wohnen.«

»Das ist richtig.«

»Wir würden ihr gerne ein paar Fragen stellen. Ist sie da?«

»Leider nein«, sagte Kate. »Sie ist weggegangen, um ein paar Dinge zu regeln.«

»Wann wird sie voraussichtlich wiederkommen?«

»Sie wird wohl nicht mehr allzu lange fortbleiben. Wenn Sie möchten, können Sie gern in meiner Wohnung auf sie warten.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Miss Fox.«

»Nennen Sie mich Kate.«

»Okay - danke, Kate.«

Wir traten ein. Die Wohnung war klein, sauber und aufgeräumt. Im Bücherschrank standen Werke von Lord Byron, Oscar Wilde, William Shakespeare und A.F. Morland.

Kate bot uns Platz an, sie zeigte auf ein Sofa, und wir setzten uns. Kate nahm uns gegenüber in einem Sessel Platz.

»Schlimme Sache, die da passiert ist«, sagte sie. »Meine Schwester stand über Nacht vor dem Nichts. Das Haus, die teure Einrichtung, die exquisite Garderobe -alles wurde ein Raub der Flammen.«

»Nett, daß Sie Ihrer Schwester sofort eine Bleibe angeboten haben«, sagte Milo, und er meinte es ehrlich, wie man an seinem lächeln sehen konnte.

»Ich will ehrlich zu Ihnen sein: Lizzy und ich sind grundverschieden. Wir leben in völlig konträren Welten.«

»Wie meinen sie das?« wollte ich wissen.

»Nun, Lizzy wollte immer schon hoch hinaus. Ich habe stets kleine Brötchen gebacken und konnte mich mit dem begnügen, was ich hatte. Lizzy nicht. Sie war immer unzufrieden.«

»Was sind Sie von Beruf?« erkundigte sich Milo.

»Raumpflegerin«, sagte Kate. »Lizzy war sich immer zu gut für eine solche Tätigkeit. Für andere Dreck zu putzen kam für sie nicht in Frage. Sie wollte mehr Geld auf eine leichtere Art verdienen. Ich nehme an, Sie wissen, wie sie ihre Witwenrente aufgebessert hat, darum erzähle ich Ihnen das alles, damit sie Lizzy verstehen.«

»Sie hatte wohlhabende Freunde, von denen sie Geldgeschenke annahm«, sagte ich.

Kate wiegte den Kopf. »Manchmal waren diese Geldbeträge ziemlich hoch.«

»Haben Sie hin und wieder etwas davon abgekriegt?« fragte Milo.

Kate schüttelte den Kopf. »Ich wollte nie etwas davon haben.«

»Sie waren mit Lizzys Lebenswandel nicht einverstanden, nicht wahr?«

»Das können Sie laut sagen, Mr. Trevellian. Ich habe ihr des öfteren ins Gewissen geredet und sie gebeten, damit aufzuhören.«

»Und?«

»Ich konnte ihr nicht begreiflich machen, daß ich nicht guthieß, was sie machte. Je mehr sie ihre... nun, Tätigkeit forcierte, desto mehr zog ich mich von ihr zurück. Wir sahen einander nur . noch selten. Ab und zu telefonierten wir, aber wir hatten uns nicht allzuviel zu sagen.«

»Und nun wohnt sie hier.«

Kate hob die Schultern. »Sie wußte nicht, wohin, also nahm ich sie auf. Sie ist trotz allem meine Schwester. Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, sie wegzuschicken,.« Sie streckte energisch den Zeigefinger hoch. »Männer darf sie mir allerdings nicht anschleppen, das habe ich ihr ganz klar zu verstehen gegeben.« Sie winkte ab. »Aber die Gefahr besteht ohnedies wohl kaum, weil es den noblen Herren in meiner bescheidenen Behausung nicht gefallen würde. Lizzy wird sich mit ihnen in irgendeinem Hotel treffen, nehme ich an.«

»Das heißt, sie macht weiter mit ihren - wie sagten Sie? - Tätigkeiten?« fragte ich.

»Ich weiß es nicht genau. Ich frage sie nicht. Es ist auch besser, wenn ich nichts von diesen Dingen weiß. Wir müssen jeden Streit vermeiden, solange wir auf so engem Raum zusammen sind.« Sie sah Milo und mich an. »Dieser Mann, der in Lizzys Haus verbrannte - wie war doch gleich sein Name?«

»Jim O’Brien«, sagte ich. »Ein reicher Bankier aus Dallas.«

»Was für ein grauenvolles Ende mußte er nehmen«, sagte Kate schaudernd.

»Wo hat Ihre Schwester ihn kennengelernt?«

»Er bekam ihre Telefonnummer, rief an und verabredete sich mit ihr.«

»Hat sie das Ihnen erzählt?«

»Ja.«

»Wer hat ihm Lizzys Nummer gegeben?«

»Keine Ahnung. Das weiß nicht mal Lizzy. So lief das häufig. Ihre Telefonnummer steht in sehr vielen kleinen privaten Notizbüchern, und sie wird bei Bedarf weitergegeben.«

Die Wohnungstür wurde aufgeschlossen.

»Lizzy«, sagte Kate und stand auf. Sie ging hinaus und kam gleich darauf mit ihrer Schwester wieder.

Das schreckliche Erlebnis hatte Lizzy Vaughn zwar gezeichnet, aber sie war trotzdem immer noch bildschön. Sie trug Jeans und einen Pulli aus weißem Mohair.

Wir erhoben uns und nannten unsere Namen.

Lizzy sah, daß wir nichts zu trinken hatten, und sagte: »Bitte entschuldigen Sie, daß Ihnen meine Schwester nichts angeboten hat. Möchten Sie einen Scotch?«

Ich schüttelte den Kopf. »Wir sind im Dienst.«

Sie nahm sich einen Drink, wir setzten uns wieder, und Lizzy nahm auf einem Stuhl Platz.

Wir baten das hübsche blonde Girl, sich an den Abend vor der Katastrophe zu erinnern - und an alles, was Jim O’Brien gesagt hatte, wobei uns selbstverständlich keine pikanten Details interessierten. Wir wollten nach Möglichkeit Namen hören - und ob der Bankier aus Dallas eventuell über Leute gesprochen hatte, von denen er annahm, daß sie ihm nach dem Leben trachteten.

Wir brauchten irgendeinen Punkt, wo wir unseren Hebel ansetzen konnten, doch Lizzy Vaughn hatte uns keinen kriminalistischen Leckerbissen zu bieten. Alles, was an jenem Abend gesprochen worden war, war reichlich privat gewesen.

Ich sah mich schon enttäuscht das Feld räumen, da fragte Milo, ob Lizzy nicht irgend etwas oder irgend jemand verdächtig vorgekommen war.

Sie leerte ihr Glas, drückte es anschließend gegen ihre Wange und schloß die Augen, um sich besser konzentrieren zu können.

»Da war jemand«, erinnerte sich Lizzy. »Ein Mann. Er stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite und schien auf jemanden zu warten. Ich entdeckte ihn, als ich zufällig aus dem Fenster sah. Er stand ziemlich lange da drüben - und irgendwann war er dann weg.«

Ich forderte Lizzy auf, den Mann zu beschreiben - und sie beschrieb einen großen, kräftigen, breitschultrigen Mann mit Hornbrille und dickem Schnauzbart!

Ich sah Milo an, und die Augen meines Freundes sagten: Das ist er, Jesse, das ist unser Mann!

»Wie war er gekleidet?« erkundigte ich mich.

»Ertrug schwarzes Leder - Jacke, Hose - und ein schwarzes T-Shirt.«

»Fiel Ihnen sonst noch etwas an ihm auf?«

Lizzy öffnete die Augen und sah mich an. »Sein linkes Bein...«

»Was war damit?«

»Er ging manchmal auf und ab und zog das Bein dabei kaum merklich hinterher.«

***

Vier Tage nach dem Brand rief der Feuerleger noch einmal die Nummer in Dallas an. Diesmal über sein Handy, und er ging dabei im Battery Park spazieren und schaute zur Freiheitsstatue hinüber.

Lady Liberty mit der Fackel in der Hand - das Bild gefiel ihm. Vor allem die Fackel.

Derselbe Mann, mit dem er schon mal gesprochen hatte, meldete sich am anderen Ende der Verbindung. »Hallo?«

»Hallo, Geschäftsfreund.«

»Ich habe mit Ihrem Anruf schon gerechnet.«

»Ich bin sauer, Mann.«

»Tut mir leid.«

»Scheiße, Mann! Ich habe meinen Teil der Abmachung erfüllt, wieso tut ihr es nicht? Ich renne jeden Tag zur Bank -und was sehe ich? Wieder kein Geld aus Dallas. Wie lange wollt ihr mich noch warten lassen? Ich habe doch prompte Arbeit geleistet, oder etwa nicht?«

»Ja, haben Sie.«

»Ihr wart mit dem Ergebnis meiner Arbeit ja wohl auch zufrieden. Wieso laßt ihr nicht endlich die vereinbarte Kohle rüberwachsen? Es hieß, die erste Hälfte vor dem Brand, die zweite gleich danach. Ich hasse säumige Zahler. Sie haben gesagt, die Überweisung wäre veranlaßt.«

»Ich sagte, soviel ich weiß. Gleich nach Ihrem Anruf habe ich erfahren, daß es einen finanziellen Engpaß gegeben hat.«

»Eure Engpässe interessieren mich einen Scheißdreck!« schrie der Anrufer gereizt ins Handy. »Entweder ich kriege das Geld, und das binnen vierundzwanzig Stunden, oder in Dallas wird auf dem Dach einiger Leute der rote Feuerhahn tanzen.«

Er beendete das Gespräch und steckte das Telefon ein.

Ein bärtiger Penner schlurfte in löchrigen Schuhen durch den Park. Seine zu kurze Hose wurde von einem Strick gehalten, der durch die Gürtelschlaufen gezogen war.

Er sah den Mann, der mit Dallas telefoniert hatte, und er sprach ihn auch an. »Hast du mal ‘nen Dollar für mich, Kumpel?«

»Klar.« Der professionelle Brandstifter griff in die Tasche, holte einen Geldschein heraus und gab ihn dem Tippelbruder, der seinen Augen nicht traute.

»’n Zehner!«

»Kauf dir was zu essen und zu trinken.«

»Du bist ein guter Mensch.«

»Findest du?«

»Du hast ein Herz aus Gold.«

»Ja, ja, schon gut, und jetzt zieh Leine!«

***

Blackfeather, unser indianischer Kollege, hatte am Vormittag einen teuren mittemachtsblauen Maßanzug getragen und wie aus dem Ei gepellt ausgesehen. Er steckte mehr- Geld in seine Garderobe als ich in meinen Jaguar . Aber jedem Tierchen sein Plaisierchen. Als ich Blacky am frühen Nachmittag wiedersah, trug er den Anzug zwar noch immer, aber er war nicht mehr schön, denn das gute Stück schien inzwischen durch eine Akten Vernichtungsmaschine gelaufen zu sein.

Ich zeigte auf das ramponierte Outfit meines Kollegen und fragte: »Hat der totale Einsatz sich wenigstens gelohnt?«

Der Indianer blies seinen Brustkorb auf und knurrte: »Der Bursche, für den ich meinen Anzug geopfert habe, befindet sich auf Nummer Sicher. Er wird für den Rest seiner Tage gesiebte Luft atmen.«

»Herzlichen Glückwunsch«, sagte ich und riet ihm, seine teuren Klamotten endlich zu versichern.

»Bei welcher Gesellschaft?« fragte er.

»Wo sind Cindy Crawfords Busen, Po und Beine versichert?«

»Weiß ich nicht.«

»Müßte sich aber herausfinden lassen«, sagte ich und kehrte in das Büro zurück, das ich mir mit Milo teilte.

Mein Partner hockte vor dem Monitor und spielte mit dem besten Personenerkennungsprogramm herum, das unsere cleveren EDV-Eierköpfe je entwickelt hatten. Milo hatte sämtliche Phantombilder, die es von dem Feuerleger gab, übereinander kopiert und den Computer veranlaßt, einen essentiellen Mittelwert zu bestimmen, und es war ihm mit der Realisierung seiner Idee, alle Augenzeugenbeschreibungen auf einen gemeinsamen Nenner zu trimmen, gelungen, ein neues Gesicht auf den Bildschirm zu bringen.

Ein Gesicht, an dem ich nicht Vorbeigehen konnte. Ich blieb unvermittelt stehen und kniff die Augen zusammen.

»Moment mal...«

Milo sah mich an und nickte ernst.

»Dieses Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor«, sagte ich.

»Mir auch.« Milo nickte wieder.

»Ein großer, kräftiger, breitschultriger Mann, dessen linkes Bein nicht ganz okay ist«, faßte ich zusammen, was wir wußten. »Los, Milo, demaskiere ihn, nimm ihm die Brille und den Bart.ab!«

Die Finger meines Partners tänzelten flink über das Keyboard. Mein Herzschlag beschleunigte. Standen wir kurz vor der Lösung unseres Falls?

Nachdem die große Hornbrille und der dicke Schnauzbart verschwunden waren, brachte Milo noch einige geringfügige Korrekturen an.

Er machte die Wangenknochen etwas plastischer, rückte die Augen eine Spur weiter auseinander, gab der Nase mehr Kontrast und prägte das Kinn um eine Nuance mehr aus - und dann starrten wir auf den Bildschirm und konnten nicht fassen, was wir sahen.

»O mein Gott«, entfuhr es mir.

»Verdammt.« Milo fuhr sich mit gespreizten Fingern durchs Haar.

»Ich wäre nie auf die Idee gekommen, ihn zu verdächtigen«, sagte ich mit belegter Stimme.

»Ich auch nicht«, kam es dumpf über die Lippen meines Kollegen.

Wir hatten das Gesicht eines Freundes vor uns. Eddie Roebuck war sein Name. Er war groß, kräftig und breitschultrig, und sein linkes Bein war nicht mehr ganz in Ordnung, seit die Kugel eines Gangsters seinen Oberschenkelknochen zertrümmert hatte.

Eddie Roebuck... Ein Freund. Ein-Ex-Cop. Ich kannte seine Familie - seine Eltern, seinen Bruder -, war sehr oft in ihrem Haus Gast gewesen. Seine Eltern hatten mich wie einen dritten Sohn behandelt.

Die Erkenntnis, daß Eddie mit an Sicherheit grenzender W ahrscheinlichkeit zehn Brände gelegt und dadurch vier Menschen auf dem Gewissen hatte, tat mir körperlich weh. Mir war, als würde flüssiges Blei durch meine Eingeweide rinnen.

Nachdem Eddie so schwer verletzt worden war, hatte es den Anschein gehabt, als würde er nie wieder richtig gehen können. Es waren sechs Operationen nötig gewesen, um ihn so weit zu bringen, daß er keine Krücken mehr brauchte.

Er hatte den Polizeidienst quittiert und daheim verrückte Werbesprüche für eine PR-Agentur verfaßt. Ich hatte mit ihm fast täglich trainiert. Daß er heute wieder fast normal laufen konnte, hatte er mir zu verdanken, denn er selbst hatte mehr als einmal das Handtuch werfen wollen, doch ich hatte nicht zugelassen, daß er aufgab. Unbarmherzig hatte ich ihn immer wieder angetrieben, und als sich - buchstäblich über Nacht - der Erfolg eingestellt hatte, waren wir uns lachend in die Arme gefallen und waren glücklich wie Kinder gewesen.

Ich sah Eddie vor mir. Er hatte Tränen in den Augen und sagte bewegt: »Danke, Jesse, du hast mir sehr geholfen. Ohne dich hätte ich es nicht geschafft. Das werde ich dir nie vergessen.«

Dann hatte die PR-Agentur pleite gemacht, und Eddie hatte lange Zeit keinen neuen Job gefunden. Das hatte ihn deprimiert und verbittert, und er hatte angefangen zu trinken - und ich hatte angefangen, mir Sorgen um ihn zu machen , denn sein Wesen begann sich während dieser Krise merklich zu verändern.

Er wurde unzufrieden, dachte nicht mehr positiv, sondern nur noch negativ. Nach dem Alkohol kamen härtere Drogen. Wenn ich ihm ins Gewissen redete, sagte er: »Kümmer dich um deinen eigenen Scheiß, okay?«

»Du machst dich kaputt, Eddie«, hatte ich erwidert, um ihn zur Vemunft zu bringen.

Und er hatte mich mit der idiotischen Bemerkung auf die Palme gebracht: »Vielleicht will ich das.«

Er lebte eine Weile von den Ersparnissen seiner Eltern. Aber irgendwann bekamen sie auf einmal ihr Geld zurück. Er schien wieder Arbeit gefunden ?u haben, aber er redete nicht darüber, machte ein riesengroßes Geheimnis daraus. Ich aber vermutete, daß es etwas Ungesetzliches war, was er tat. Aber Eddie war mein Freund, und ich hoffte, daß er so bald wie möglich die Füße wieder auf den Boden kriegen und umkehren würde.

Doch dazu kam es nicht. Wir drifteten immer mehr auseinander, und irgendwann stellte ich fest, daß wir eigentlich gar keine Freunde mehr waren. Wir hatten nicht mehr dieselben Interessen, konnten nicht mehr über dieselben Dinge lachen. Wenn wir uns trafen, wußten wir kaum noch, was wir miteinander reden sollten, und es war auf einmal eine Kälte zwischen uns, die es früher nicht gegeben hatte.

Eddie war sehr ernst und verschlossen geworden. Er hatte einen harten Blick bekommen, und um seine Mundwinkel hing permanent ein verhärmter Ausdruck.

Das Leben schien Eddie keinen Spaß mehr zu machen. Wir sahen uns immer seltener, und schließlich schlief die Sache ganz ein. Hin und wieder hörte ich von Eddie, und es war nie etwas Gutes. Der einstige Cop, der aufrecht, mutig und unbestechlich für Recht und Ordnung gesorgt hatte, schien sich total auf die andere Seite des Gesetzes geschlagen zu haben.

Und nun hatte ich auf dem Bildschirm sein Gesicht vor mir, und wir mußten davon ausgehen, daß er gegen Bezahlung mindestens zehn Brände gelegt und vier Menschen umgebracht hatte!

»Verdammt!« sagte ich und ballte wütend die Hände zu Fäusten. »Verdammt! Verdammt! Verdammt!«

***

Eddies Eltern freuten sich, uns zu sehen, mir jedoch gab es einen Stich ins Herz, als Zoe Roebuck, Eddies Mutter, mich herzlich umarmte und mich innig auf die Wangen küßte.

Sie war eine kleine, runzelige Frau. Wenn sie Jeans und ein Holzfällerhemd getragen hätte, man hätte sie glatt für einen Mann halten können, und ihre Stimme war auch tief und voll.

Obwohl sie nicht im entferntesten irgendeinem Schönheitsideal entsprach, hatte jedermann sie gern, denn die Schönheit, die sie in sich trug, überstrahlte die äußeren ›Schönheitsfehler‹ mühelos.

Sie gab mir einen Klaps. »Böser Junge«, sagte sie tadelnd. »Du hast dich schon lange nicht mehr bei uns blicken lassen. Wir haben dich vermißt. Ist es nicht so, Vernon?«

Ihr Mann nickte. Er war grauhaarig, und die Hose spannte über seinem Bauch.

Milo und ich waren nicht privat hier, trotzdem hatten wir meinen roten Jaguar genommen, den ich eigentlich nicht mehr für Dienstfahrten einsetzte, denn das gute Stück war inzwischen ein echter Oldie und für Verfolgungsjagden und Schießereien zu schade. Aber irgendwie wollte ich mir wohl selbst vorgaukeln, daß dies hier ein eher privater Besuch war, daß wir nicht als Feds hier waren, um Eddie zu verhaften, hier im Hause seiner Eltern.

»Du hast zugenommen«, stellte ich mit Blick auf Vernon Roebuck fest.

Er lachte. »Nicht nur Bäume bekommen Jahresringe, wie du siehst.«

Er war zweiundsiebzig. Wie seine Frau. Ihren siebzigsten Geburtstag hatten sie groß gefeiert, und ich war dabei gewesen.

Damals war auch mit Eddie noch alles in Ordnung gewesen. Vier Wochen später hatte dieser Gangster auf ihn geschossen - und alles hatte sich verändert...

Wir mußten uns setzen. Vernon Roebuck drängte uns ein Glas Wein auf, und wir mußten erzählen, wie es uns ging. Als sie schließlich fragten, was uns zu ihnen führte, schnürte es mir die Kehle zu.

»Wir müssen mit Eddie reden«, sagte ich mühsam.

Ein sorgenvoller Ausdruck erschien auf Zoe Roebucks faltigem Gesicht. »Ist irgend etwas nicht in Ordnung?«

»Wißt ihr, wo Eddie ist?«

»Es ist was nicht in Ordnung«, sagte Zoe bestimmt. »Ich sehe es dir an, Jesse. Mir kannst du nichts vormachen. Ich kenne dich zu gut. Ich kann in deinem Gesicht lesen wie in einem offenen Buch. Was ist los? Was wollt ihr von Eddie?«

»Nur mit ihm reden«, sagte Milo mit erhobenen Händen. »Wir wollen mit ihm nur reden.«

Zoe sah mich scharf an. »Was hat er ausgefressen?«

»Also...«, begann Milo.

»Ich habe Jesse gefragt!« sagte Zoe Roebuck streng.

Doch sie bekam von mir keine Antwort. Ich fragte statt dessen: »Wohnt Eddie noch hier?«

»Fallweise.« Zoe Roebucks Stimme war spröde geworden. Sie war Eddies Mutter. Egal, was er angestellt hatte, sie war seine Mutter, und sie würde sich niemals gegen ihn stellen.

»Hat er inzwischen eine eigene Wohnung?«

»Unseres Wissens nein«, antwortete Vernon Roebuck.

»Wo hängt er seinen Hut auf, wenn er nicht bei euch wohnt?« wollte Milo wissen.

»Bei seiner Freundin«, antwortete Zoe Roebuck reserviert.

»Ist das immer noch Sally Anderson?« fragte ich.

»Ist das ein Verhör, Jesse Trevellian?« fragte Zoe glashart. »Kommst du, als Freund getarnt, um uns auszuquetschen? Dann sagen wir kein Wort mehr!«

»Hör zu - Eddie steckt möglicherweise in Schwierigkeiten«, gab ich eindrücklich zurück. »Es wäre sehr wichtig für uns - und auch für ihn -, mit ihm ein klärendes Gespräch zu führen. Wenn ihr wißt, wo er sich zur Zeit aufhält, solltet ihr es uns sagen.«

Vernon Roebucks Blick verdunkelte sich. »Ihr solltet jetzt gehen.«

Ich sah Eddies Eltern bittend an. »Wenn er sich bei euch meldet, sagt ihm, er soll uns anrufen. Werdet ihr das tun?«

Vernon hob die Schultern. »Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wir werden sehen.«

Ich nickte, und Milo und ich wollten schon gehen.

Da geschah es. Eddie kam!

***

Eddie Roebuck holte sich von seiner Bank den neuesten Kontoauszug, und ein zufriedenes Grinsen huschte über sein Gesicht. Dallas hatte endlich gezahlt.

Na also, warum nicht gleich, ihr Weihnachtsmänner? dachte Eddie spöttisch.

Er ging mit lässig schwingenden Armen zurück zu seinem Wagen. Die Brände, die er gelegt hatte, hatten ihm eine Menge Kohle eingebracht. Wenn das Geschäft weiter so gut lief - woran er nicht zweifelte -, würde er, der kleine, ehrliche Cop von einst, schon bald stolzer Besitzer einer schicken Villa am Long Island Sound sein.

Er erreichte seinen Wagen, stieg ein, öffnete das Handschuhfach und griff nach einer kleinen runden Pillenschachtel.

Er wollte ein bißchen ›fliegen‹ .Die winzigen Dinger, die er sich in die hohle Hand schüttelte, würden ihm den Start ermöglichen.

Er warf sie in den Mund und spülte sie mit einem Schluck aus dem Flachmann runter.

An der nächsten Straßenecke stand ein Cop. Jetzt setzte er sich langsam in Bewegung.

Seit Eddie nicht mehr bei der Polizei war, reagierte er allergisch auf Bullen. Er ließ den Flachmann verschwinden und prüfte den Sitz seiner Kanone, die im Schulterhalfter steckte. Sollte der Uniformierte ihm blöd kommen, würde er ihm seine dämliche Visage wegschießen.

Eddie Roebuck befand sich bereits auf den Schwingen der Droge. Ihm war alles egal.

Der Gesetzeshüter näherte sich Eddie Roebucks Wagen.

Mach ja keinen Scheiß, Kleiner, dachte Eddie. Sonst bist du schneller tot, als du ›John Travolta‹ sagen kannst.

Der Cop erreichte seinen Wagen und klopfte an die Seitenscheibe.

Eddie Roebuck fühlte sich großartig und unbesiegbar. Lächelnd ließ er die Scheibe runter.

»Was gibt’s, Officer?« fragte er freundlich.

»Das Glas Ihres linken Scheinwerfers, Sir«, sagte der Cop.

»Was ist damit?«

»Es ist kaputt.«

»Ach, du liebe Güte. Schon wieder. Das ist in diesem Monat schon das zweite Mal.«

»Lassen Sie das so bald wie möglich in Ordnung bringen.«

»Selbstverständlich, Officer. Heute morgen war das Glas noch okay, das weiß ich ganz genau. Ich mache nämlich immer einen Rundgang um den Wagen, bevor ich einsteige und ihn in Betrieb nehme. Ist eine liebgewordene Angewohnheit von mir. Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar, daß Sie mich auf den Schaden aufmerksam gemacht haben. Ich bringe die Karre sofort in meine Reparaturwerkstatt. Nichts ist mir mehr zuwider als ein unvollkommenes Fahrzeug.«

Der Cop sagte nichts darauf, er ging weiter.

Vollidiot! dachte Eddie höhnisch. So wichtig genommen habe ich mich auch mal, dabei war ich nur ein kleines, unbedeutendes Arschloch. Wenn du wüßtest, mit wem du dich gerade unterhalten hast...

Er fuhr los. Es hätte ihm nichts ausgemacht, den jungen Polizisten einfach niederzuschießen. Er war völlig high von der Droge, und auch clean hatte er sämtliche Skrupel längst abgelegt.

Seine Eltern wohnten in Jackson Heights. Brave Leute. Doch was hatte ihnen ihr untadeliger Lebenswandel eingebracht? Eine düstere Hinterhofwohnung, ein uraltes Auto, das ständig streikte, und ein paar lächerliche Bucks auf der hohen Kante.

Er erreichte Steinway und fuhr am St. Michael’s Cemetery vorbei, der im Dreieck zwischen dem Astoria Boulevard, dem Brooklyn Queens Expressway und dem Interstate Highway 678 liegt, und wenig später bog er in die triste Straße ein, in der seine Eltern wohnten. Schäbige Häuser. Rotzige Kinder in armseligen Klamotten auf der Fahrbahn. Er verscheuchte sie mit der Hupe und steuerte seinen Wagen durch eine schmale Einfahrt in den Hinterhof.

Plötzlich zerbiß er einen Fluch zwischen den Zähnen, denn das aufdringliche Rot eines Jaguars stach ihm schmerzhaft in die Augen.

***

Zoe und Vernon Roebuck zogen sich spürbar von mir zurück. Sie schienen instinktiv zu fühlen, daß ich Eddie Schwierigkeiten machen wollte, und somit war ich nicht mehr ihr Freund, sondern ihr Feind.

»Eddie soll uns anrufen«, wiederholte ich mit großer Eindringlichkeit. »In seinem eigenen Interesse. Sagt ihm das, wenn er hierher kommt oder sich telefonisch meldet.«

Die beiden alten Leute, bei denen ich mich immer so wohl gefühlt und die ich vor vielen Jahren schon ganz fest in mein Herz geschlossen hatte, erwiderten nichts.

Mit verschlossenen Mienen warteten sie darauf, daß wir gingen.

Milo warf zufällig einen Blick aus dem Fenster. Im selben Moment zog er die Luft scharf ein.

Ich war sogleich alarmiert, folgte dem Blick meines Partners und sah einen Wagen verkehrt aus dem Hinterhof sausen. Die Frontscheibe spiegelte zwar, aber nicht so stark, daß ich das Gesicht des Fahrers nicht erkennen konnte.

Dort draußen machte sich Eddie Roebuck aus dem Staub!

Auch Milo hatte das Gesicht erkannt, denn er rief erregt: »Eddie!«

Eddies Mutter sprang hoch und lief auf uns zu. »Nein, er ist mein Junge! Jesse, du darfst nicht...«

»Wir müssen!« sagte ich, auch wenn es mir das Herz zerriß, und bevor sie mich erreichte und mich packen und festhalten konnte, setzte ich mich in Bewegung, um ihrem Griff zu entgehen.

Wir stürmten aus der Wohnung und aus dem Haus, während Eddies Mutter noch hinter uns herrief. Ich hörte sie meinen Namen schreien, und es klang flehend und bettelnd, und sie folgte uns auch, doch ich konnte nicht anders, ich hatte meinen Job zu erledigen und einen Mörder an weiteren Bluttaten zu hindern. Einen Mörder, der einmal mein Freund gewesen war.

»Jesse! Jesse!« hörte ich Zoe rufen und schreien, doch wir sprangen in meinen Wagen und rasten los.

Ich fuhr, und Milo griff nach dem Mikrofon, um dafür zu sorgen, daß sich von Anfang an so viele Streifenwagen wie möglich an der Jagd beteiligten. Das Funkgerät hatte ich noch im Jaguar, obwohl ich ihn - wie gesagt - nicht mehr im Dienst fuhr. Aber man konnte nie wissen, und sicher ist sicher, also war das Gerät eingebaut geblieben.

Eddie wußte, daß er uns auf den Fersen hatte, deshalb schlug er einen Haken nach dem anderen, um uns abzuhängen. Er hatte diesbezüglich einiges auf dem Kasten, schließlich war er ja mal Polizist gewesen, aber - bei aller Bescheidenheit - mir konnte er nicht das Wasser reichen. Allein schon deshalb nicht, weil ich den schnelleren Wagen unterm Hintern hatte.

Eddie versuchte mit Waghalsigkeit und Rücksichtslosigkeit wettzumachen, was ich ihm an fahrerischem Können voraus hatte. Fußgänger waren ihm egal. Er überholte an den unübersichtlichsten Stellen, fegte bei Rot über ampelgeregelte Kreuzungen und verließ sich ganz auf sein Glück.

Vorläufig ging diese riskante Rechnung noch auf, aber wie lange würde ihm das Glück treu bleiben?

Ein Kulissentransporter schob sich zwischen ihn und uns, und wir sahen Eddie nicht mehr

»Verdammt, Jesse!« stieß Milo nervös hervor. »Wir werden ihn verlieren!«

Ich setzte zum Überholen an. 'Ein Milchwagen kam uns entgegen. Ich mußte hinter dem im Schneckentempo fahrenden Kulissentransporter bleiben.

Nachdem der Milchwagen vorbei war, unternahm ich einen zweiten Versuch. Diesmal machte mir ein Rettungswagen das Überholen unmöglich.

Erst beim dritten Mal kam ich an dem Long Vehicle vorbei.

Von Eddies Wagen keine Spur mehr. Milo schlug mit der Faust auf das Armaturenbrett.

»Ich hab’s gewußt!« schrie er wütend und enttäuscht. »Ich hab’s gewußt!«

»Abwarten, Partner«, beschwichtigte ich ihn. »Es ist noch nicht aller Tage Abend. Wir sind schließlich nicht allein hinter ihm her.«

Und da kam auch schon die Meldung, welche Straße Eddie Roebuck mit seinem mörderischen Fahrstil gerade unsicher machte.

»Verdammt, der fährt wie der Teufel!« kam es aus dem Funkgerät.

»Wie der Teufel?« rief ein anderer Cop. »Wie eine gesengte Sau fährt der. Aber das wird ihm nichts nützen. Es wird langsam eng für ihn. Soeben stellt sich ihm vor Ravenswood Housing der erste Patrolcar in den Weg.«

Ich drückte auf die Tube, nahm Kurs auf Long Island City.

Wir bekamen akustisch mit, daß Eddie den Streifenwagen zur Seite gerammt hatte und sich nun den Lagerhäusern vor Hallets Cove näherte.

»Na also«, sagte ich zufrieden. »Dort gibt es dann ein Wiedersehen.«

»Dein Wort in Gottes Ohr«, brummte Milo.

Wir erreichten den Vernon Boulevard. Das satte Grün von Welf are Island leuchtete zu uns herüber. Ich sah das Wasser des East Channel glitzern.

Eddie hatte mittlerweile einen Unfall gebaut und die Flucht zu Fuß fortgesetzt.

Über Polizeifunk kam die Meldung, daß er in eines der Lagerhäuser verschwunden war und nun auf alles schoß, was sich bewegte.

Ich warf Milo einen kurzen Blick zu: »Sie sollen nichts unternehmen. Sie sollen warten, bis wir da sind.«

Mein Partner nickte und gab es an die Kollegen der Metropolitan Police weiter.

Wir erreichten Hallets Cove. Vier Streifenwagen standen mit blinkenden Rotlichtern vor einem schäbigen Lagerhaus. Ich stoppte meinen Jaguar, stieg aus und rief: »FBI! Wir übernehmen!«

Niemand hatte etwas dagegen. Einer der Cops kannte sich hier sehr gut aus. »Ich bin in dieser Gegend aufgewachsen, Sir«, sagte er. »Wir haben als Kinder hier überall gespielt, waren in, auf und unter den Lagerhäusern.«

Ich horchte auf. »Unter den Lagerhäusern?«

Der junge Cop nickte. »Sie sind durch unterirdische Gänge miteinander verbunden.«

Ich deutete auf das Lagerhaus. »Wie komme ich unbemerkt in dieses Gebäude?«

»Ich zeige es Ihnen«, sagte der Uniformierte.

Ich wandte mich an Milo. »Ich werde Eddie beschäftigen. Sobald er sich voll mit mir befaßt, nehmen wir ihn in gewohnter Manier in die Zange.«

»Geht klar, Jesse. Sei vorsichtig.«

»Du auch.«

Ich wollte schon gehen, doch Milo ergriff meinen Arm und hielt mich noch mal zurück, denn er meinte, mich noch eindringlicher ermahnen zu müssen, was er auch tat.

»Eddie ist verdammt gefährlich und unberechenbar, seit er mit diesen verdammten Drogen experimentiert, Jesse. Und er ist nicht mehr dein Freund.«

Dessen war ich mir bedauerlicherweise nur allzu sehr bewußt.

»Ich weiß«, sagte ich zu Milo, und daraufhin ließ er mich los.

Ich nickte dem Cop zu.

»Gehen wir.«

Der Uniformierte führte mich zu einem Einstieg, der sich hinter einer mannshohen Backsteinmauer befand. In einem Betonrahmen lag ein rostiger Eisendeckel, den wir gemeinsam öffneten. Unkraut in den Ritzen und der Dreck vieler Jahre in den Scharnieren versuchten uns daran zu hindern, doch wir überwanden den Widerstand mit vereinten Kräften.

»Früher ließ sich der Deckel wesentlich leichter hochklappen«, sagte der junge Cop.

»Sobald der Zahn der Zeit an etwas nagt, funktioniert es schlechter«, gab ich eine alte Weisheit von mir.

Ich hörte Milos megaphonverstärkte Stimme. »Eddie! Eddie-Roebuck! Kannst du mich hören?«

Eddie antwortete nicht. Er tat so, als wäre er nicht da.

»Eddie, hier ist Milo!«

Eddie schwieg.

»Gib auf, Eddie! Du kommst von hier nicht weg! Das Gebäude ist umstellt, und es sind weitere Streifenwagen hierher unterwegs! Wenn du unbewaffnet und mit erhobenen Händen herauskommst, wird dir kein Haar gekrümmt! Sei vernünftig, Eddie! Treib die Sache nicht auf die Spitze! Du bist ein Ex-Cop, du weißt, wie die Sache läuft und wie sie ausgehen wird, wenn du nicht...«

Ein Schuß fiel, und das Megaphon starb mit einem schrillen Pfeifton.

Verdammt - ich hoffte, daß Milo nichts abgekriegt hatte. Eddies Hirn wurde bestimmt wieder von den verdammten Drogen gesteuert.

Der Cop kletterte vor mir eine Eisenleiter hinunter. »Vorsicht!« warnte er mich. »Einige Sprossen sind ziemlich locker.«

Ich folgte ihm. Er führte mich durch einen breiten, feuchten Gang mit mehreren Abzweigungen. Es war so dunkel, daß man kaum die Hand vor Augen sehen konnte.

Dennoch hatte der Cop keine Schwierigkeiten, sich zu orientieren. Er mußte sehr oft hier unten gewesen sein. Wenn Eltern immer wüßten, wo ihre Kinder sich herumtreiben, wenn sie außer Haus sind, sie würde so manches Mal der Schlag treffen.

Ratten nahmen fiepend vor uns Reißaus, und je weiter wir uns vom Einstieg entfernten, desto finsterer wurde es.

Der Gang machte einen Knick, dann blieb der junge Cop stehen. Mir fiel es nicht auf, ich stieß gegen seinen Rücken und entschuldigte mich.

»Warum gehen Sie nicht weiter?«

»Wir sind am Ziel.«

»Sie meinen, wir befinden uns bereits unter dem Lagerhaus?«

»Diese Wendeltreppe hoch - und man ist drinnen.«

Ich sah keine Wendeltreppe. Dennoch sagte ich: »Okay, dann kehren Sie jetzt um.«

»Soll ich Sie nicht begleiten, Sir?«

»Nein.«

»Vielleicht brauchen Sie Feuerschutz.«

»Sie gehen zu Ihren Kollegen zurück!« Meine Stimme ließ erkennen, daß ich keinen Widerspruch duldete. Meine Worte klangen wie ein energischer Befehl.

»Okay, Sir«, sagte der Cop, dem man auf der Polizeischule mit Erfolg Gehorsam beigebracht hatte. »Viel Glück, G-man.«

»Danke.«

Der Uniformierte glitt an mir vorbei. Ich trat vor, während er sich entfernte, und mein Fuß ertastete die erste Stufe der betonierten Wendeltreppe.

Ich holte meine SIG Sauer aus dem Leder - und dann begann mein Aufstieg. In einer Höhe von etwa drei Metern befand sich eine Blechtür, die zum Glück unversperrt war, wie ich feststellte, denn sie ließ sich lautlos öffnen, und ich brauchte endlich nicht mehr ›blind‹ zu agieren.

Mein Blick fiel in eine verwahrloste Halle.

Unrat. Palettenstapel. Raumteiler aus morsch gewordenem Holz. Fenster ohne Glas. Förderbänder. Laufkatzen. Flaschenzüge. Dickgliedrige Ketten, die wie Lianen im Urwald von der Lagerhausdecke hingen.

Ich suchte Eddie. Er mußte an einem der Fenster postiert sein, um beobachten zu können, was draußen vorging, und außerdem hatte er ja auch auf Milo geschossen. Wenn er meinen Partner verletzt hatte, dieser drogenschluckende Irre, dann...

Jede Deckung nutzend, pirschte ich durch die Halle. Hey, Mann, Eddie, wo steckst du?

Selten war ich in einem Fall von so vielen Emotionen irritiert worden. Würde ich in Kürze auf einen Mann schießen müssen, der jahrelang wie ein Bruder für mich gewesen war?

Würde ich das überhaupt fertigbringen, wenn ich Eddie Auge in Auge gegenüberstand?

Er hatte solche Hemmungen bestimmt nicht. Ihm halfen Drogen darüber hinweg, und - verdammt! - er hatte auf Milo geschossen und ihn vielleicht auch verletzt!

Ich sah plötzlich seinen Schatten, der vier Meter vor mir über den dreckigen Boden wischte. Der Spuk war gleich wieder vorbei, der Schatten verschwand, und ich sah und hörte nichts mehr von Eddie.

Aber ich wußte nun, daß er in meiner Nähe war.

Draußen trafen weitere Streifenwagen ein. Viele Hunde sind des Hasen Tod. Eddie hätte gut daran getan, Milos Aufforderung Folge zu leisten, unbewaffnet aus dem Lagerhaus zu treten und sich Handschellen anlegen zu lassen, doch das ließen sein .Irrsinn und der Stoff, der in seinen Adern kreiste und ihm das trügerische Gefühl verlieh, unbesiegbar zu sein, leider nicht zu.

Ich preßte mich mit dem Rücken gegen eine rechteckige, mit obszönen Sprüchen und anarchistischen Symbolen besprayte Betonsäule und lauschte.

Eddies knirschende Schritte drangen kurz an mein Ohr. Dann war wieder nichts zu hören - außer dem kräftigen Schlagen meines Herzens.

Ich hob meine Pistole, konzentrierte mich auf die unmittelbar bevorstehende Konfrontation, atmete mehrmals tief durch, zählte im Geist bis zehn und gab mir dann den stummen Befehl: Jetzt!

Ich handelte augenblicklich, bewegte mich blitzschnell nach links, drehte mich dabei, federte in Combatstellung und hielt die schwere SIG im Beidhandanschlag.

»Eddie!«

Ich sah ihn, meine Stimme peitschte scharf gegen seinen Rücken.

Er aber drehte sich langsam um und schien nicht überrascht zu sein, mich vor sich zu haben.

Er grinste, nahm meine Dienstwaffe nicht im geringsten ernst. »Lautlos wie ein Indianer. Toll, wie du das gemacht hast. Ich hab ’ dich überhaupt nicht kommen hören.«

Er hatte keine Angst vor mir und meiner SIG, das sah ich ihm an. Das Rauschgift mußte ihn der Wirklichkeit so sehr entrückt haben, daß er sich anscheinend gar nicht mehr richtig anwesend fühlte -    und was kann man einem Mann, der nicht da ist, schon groß anhaben?

Meine Nerven aber waren wie Klaviersaiten gespannt. Eddie hingegen war total cool. Er hatte kein Gewissen mehr, brauchte keine Hemmschwelle zu überwinden, um auf mich zu schießen.

So gesehen war er mir gegenüber im Vorteil, obwohl meine Pistole bereits auf ihn gerichtet war, während der Lauf seiner Waffe noch nach unten wies.

Eddie musterte mich spöttisch. »Du bist nervös, mein Freund.«

»Laß fallen, Eddie!« sagte ich heiser.

»Ich wußte, daß wir uns eines Tages so gegenüberstehen würden.«

»Laß die verdammte Kanone fallen!«

»Das kann ich nicht.«

»Zwing mich nicht, auf dich zu schießen.«

»Das wirst du müssen, Jesse.«

Ich schluckte trocken, hatte kalten Schweiß auf der Stirn. »Mensch, sei vernünftig, Eddie...«

»Du oder ich«, sagte er unbekümmert. »Hast du den Film ›Highlander‹ gesehen?«

»Ja, hab’ ich.«

»Guter Film, nicht?«

»Ja.«

»Und weißt du noch, was das Motto der Unsterblichen in diesem Film war? -    Es kann nur einen geben!«

»Mach keinen Blödsinn, Eddie!« keuchte ich. »Draußen wimmelt es inzwischen von Cops. Es heißt hier nicht: Eddie Roebuck oder Jesse Trevellian. Es heißt: Eddie Roebuck oder ein Dutzend Polizisten. Selbst wenn es dir gelingen sollte, mich zu erschießen, bist du kein freier Mann. Im Gegenteil, dann geht der Trouble für dich erst richtig los. Du weißt, wie sauer Polizisten werden können, wenn man einen von ihnen umlegt.«

»Wie bist du in dieses Lagerhaus gekommen?«

»Es gibt einen unterirdischen Gang.«

»Wieso kennst du dich hier so gut aus?«

»Ich nicht, aber ein junger Cop hat mir den unterirdischen Gang gezeigt.«

»Ich habe also noch eine Chance«, meinte Eddie grinsend.

»Du denkst doch nicht im Ernst, ich lasse dich durch diesen Gang verduften!« Die Spannung ließ die Luft über unseren Köpfen knistern, und diese Spannung wurde auch immer unerträglicher.

Eddie maß mich abschätzig. »Was willst du tun?«

»Ich werde dich daran hindern, von hier zu verschwinden.«

»Ich glaube nicht, daß du auf mich schießen kannst.«

»Laß es lieber nicht darauf ankommen.«

Eddie hob ganz langsam sein Schießeisen. Mündungsauge starrte in Mündungsauge. Ich hätte abdrücken müssen, aber Eddie hatte mich richtig eingeschätzt.

Ich konnte es nicht. Ich war nicht imstande, den Stecher durchzuziehen. Wir waren einmal ein Herz und eine Seele gewesen. Dicke Kumpels. Ich wäre jederzeit für Eddie durchs Feuer gegangen - und er für mich. Wenn ich abgedrückt hätte, wäre das für mich so gewesen, als hätte ich auf mich selbst geschossen, und darauf baute dieser Mistkerl. Darauf verließ er sich.

»Ich würde sagen, wenn du am Leben' bleiben willst, läßt du jetzt die Kanone fallen«, knurrte Eddie. »Oder soll ich dir ein drittes Auge in die Stirn nageln?«

»Warum hast du all diese Brände gelegt, Eddie?« fragte ich, ohne seiner Aufforderung nachzukommen.

Er zuckte mit den Achseln. »Es war ein einträgliches Geschäft.«

»Du hast vier Menschenleben auf dem Gewissen.«

»Ich kann damit leben.«

Seine Kaltblütigkeit machte mich wütend. »Eddie, aus dir ist eine verdammte Ratte geworden!«

»Kann sein. Wie habt ihr herausgefunden, daß ich dahinterstecke?« wollte er wissen.

»Milo hat am Computer herumgespielt.«

»Ich habe diese Dinger immer schon gehaßt. Computer sind kein Segen, sondern ein Fluch für die Menschheit.« Er setzte sich langsam in Bewegung.

Schieß! schrie eine Stimme in mir, doch ich konnte es nicht.

Eddie lachte schnarrend. »Willst du es wirklich darauf ankommen lassen, Jesse? Ich habe keine Skrupel mehr, und auf unsere einstige Freundschaft scheiße ich, die existiert nicht mehr für mich. Ich werde dich ohne mit der Wimper zu zucken abknallen, wenn du dich nicht sofort von deiner Waffe trennst. Ich zähle bis drei...«

Der Schweiß rann mir in die Augen. Jedem anderen hätte Eddie diese Frist wohl kaum eingeräumt. Geschah es um der alten Zeiten willen?

»Eins...«, sagte Eddie.

Schieß! befahl mir meine innere Stimme erneut.

»Zwei...«

Schieß doch, verdammt!

Ich konnte nicht abdrücken - und ich konnte ihn nicht laufenlassen.

»Drei!«

Er wollte seine Drohung wahr machen, das sah ich in seinen Augen, und dann...

... dann sprang plötzlich Milo durch eines der Fenster, und im nächsten Moment hatte Eddie Roebuck ganz schlechte Karten!

Er hörte meinen Partner, fuhr herum und feuerte sofort!

Milo hechtete in Deckung, ich schnellte vorwärts, schlug mit der schweren Sauer zu und fällte Eddie wie einen Baum.

Er landete hart auf dem Boden, seine Hand öffnete sich, die Waffe entglitt seinen Fingern.

Ich schob sie mit dem Fuß hinter mich, hakte die stählerne Achterspange von meinem Gürtel und schmückte damit Eddies Handgelenke.

»Bist du okay, Jesse?« fragte Milo.

Ich atmete erleichtert auf. »Das war perfektestes Timing, Partner. Du hättest keine Sekunde später auftauchen dürfen.«

Eddie kam zu sich. Wir zerrten ihn hoch, lasen ihm seine Rechte vor und führten ihn ab.

Zwei Stunden später nahmen wir die Glückwünsche unseres Vorgesetzten entgegen, während Eddie Roebuck hinter Schloß und Riegel hockte, und diesmal schmeckte mir Helens Kaffee wieder ganz hervorragend.

***

Nach vier Monaten kam es zum Prozeß: Der Staat gegen Eddie Roebuck.

Milo und ich hatten inzwischen so einige heiße Fälle lösen müssen und so manches haarsträubende Abenteuer erlebt. Zuletzt hatten wir es mit der PKK zu tun bekommen, hatten uns im Nahen Osten mit dem irakischen Geheimdienst rumgeschlagen, hatten in New York den mysteriösen ›Radio-Killer‹ außer Gefecht gesetzt und anschließend in Belgrad, der Hauptstadt des irren Kriegstreibers Milosevic, bis aufs Blut gekämpft.

Kaum waren wir aus Belgrad zurückgekehrt, da wurden wir vorgeladen. Hyram Lancaster, der Staatsanwalt, rief uns in den Zeugenstand und stellte uns seine Fragen, die wir nach bestem Wissen und Gewissen beantworteten.

Lancaster hatte eine frappante Ähnlichkeit mit Fred Gwynne, dem Schauspieler, der als Herman Munster berühmt geworden war.

Nachdem er mit uns fertig war, überließ er uns dem Verteidiger, und der versuchte natürlich unsere Aussagen trickreich und nach allen Regeln der bisweilen recht hinterlistigen Advokatskunst zu zerpflücken, doch es gelang ihm nicht, denn wir hatten uns absolut

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